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Boston
Medical Library
8 The Fenway
Die
Aphorismen des Hippokrates
nebst den
Glossen eines Homöopathen.
Die
Aphorismen des Hippokrates
nebst den
Glossen eines Homöopathen.
Herausgegeben
C. v. BOENNINGHAUSEN,
Königl. Pretiss. Regierungsrathe a. D. , Doktor beider Rechte und der Me-
dizin, Ritter der Ehrenlegion, mehrerer gelehrten Gesellschaften Ehren-
Präsidenten, so wie wirklichem, Ehren- oder korrespondirendem Mitgliede, und
praktischem homöopathischen Arzte.
Docet Hippocrates, docet Qalenus,
tutius autem docet natura.
Leipzig.
Verlag von Otto Pur für st.
1863.
i.d.Mo.
Wir verehren in den hippokratischen Schriften das wichtigste Denkmal
des Alterthums, das die Arzneikunst aufzuweisen hat; eine Menge Bearbei-
tungen derselben sind bis jetzt erschienen, und viele werden noch wohl
folgen.
Prof. Dierbach, die Arzn. d. Hipp. Vor. S. IV.
Der Verfasser hat sich jede Uebersetzung vorbehalten.
Vorwort.
Wenn man die Absicht hat, einen alten Klassiker auf's
Neue der literarischen Welt vorzuführen, so kann man da-
bei auf sehr verschiedene Weise zu Werke gehen.
In unseren hochgebildeten und tiefgelehrten Zeiten,
wo die Philologie, wie früher in Alexandria, sich neben
der Philosophie, Theologie, Jurisprudenz und Medizin, den
Rang einer ebenbürtigen, akademischen Doktrin1) erwor-
ben hat, ist eine der Gewöhnlichsten Die, dass man als
Sprachforscher den Text mit seinen verschiedenen Les-
arten einer sorgfältigen Prüfung unterzieht, neu aufgefun-
dene Codices damit vergleicht, Diejenige von den Varian-
ten, welche man für die Richtigste hält, sich aneignet, oder
irgend eine Neue ausfindet, und die Uebrigen mit dem
1) Eine Frucht dieser gelehrten Errungenschaft unserer Zeit scheint
unter Anderem die in der heutigen S chul-Terminologie — (auch ein
hybrides, aus drei Sprachen entnommenes Wort) — eingeführte Benennung :
Abiturienten, für abgehende Gymnasiasten, zu sein, welches sich eben
so wenig in einem Klassiker findet, als die mönchischen monachare und
claustrare, welche das Mittelalter eingeschwärzt hat. Das bei den Cano-
nisten gebräuchliche Wort: nupturire kann dabei nicht zur Rechtfertigung
dienen, indem dieses Zeitwort keineswegs neu erfunden ist, sondern schon
im Martialis (III, 93. 18) und in der Apologia des Apulejus (de magia
orat. ed. Bip. II, p. 75) vorkommt. Bisher war es nicht erlaubt, eine alte
todte Sprache mit derartigen neuen, und am Wenigsten mit ungrammatika-
lischen, ein doppeltes Futurum darstellenden Wörtern zu bereichern.
VI Vorwort.
scharfen Messer der Kritik beseitigt. So entsteht dann
eine neue Ausgabe, angeblich gereinigt von allen Mängeln
sämmtlicher Vorhergehenden und oft begleitet von einer
Menge von Anmerkungen, die der Belesenheit, dem Scharf-
sinne und dem Fleisse des Autors zum grössten Ruhme
gereichen. Wir2) gestehen, dass wir ohne grosses Bedau-
ern auf diesen Ruhm verzichten, indem wir uns nicht zu
überzeugen vermögen, dass ein so grosser dazu erforder-
licher Aufwand, nicht bloss von Sprachkenntniss , die wir
überdem nicht besitzen, sondern auch von Zeit und Mühe,
die uns ebenfalls nicht zu Gebote stehen, eine lohnende
Entschädigung finden kann in der gewonnenen, oft uner-
heblichen Ausbeute, die später noch den Angriffen anderer,
nicht minder gelehrter Philologen blossgestellt bleibt.
Eine zweite Art ist die des Uebersetzers. Seine
Aufgabe ist vielleicht weniger zeitraubend, aber sicher
schwieriger, als die des Vorigen. Nicht allein, dass es
dabei erforderlich ist, der beiden Sprachen vollkommen
mächtig zu sein, sondern es erwächst ihm ausserdem noch
eine besondere Schwierigkeit aus dem Umstände, dass er
verpflichtet ist, Alles und Jedes gehörig wiederzugeben,
und dass ihm nicht die Befugniss zusteht, manches Unver-
ständliche oder Doppeldeutige mit Stillschweigen zu über-
gehen. Er ist überdem nicht nur an den Sinn, sondern
auch an die Worte und die Darstellungsweise seines Autors
gebunden, und geräth dadurch leicht in Kollision mit den
Eigenthümlichkeiten der beiden Sprachen, die in der üb-
lichen Redeweise oft so weit auseinander laufen, dass eine
Vermittelung fast unmöglich wird. 3)
2) Wenn im Verlaufe dieser Schrift durchgängig das Ich mit dem
Wir vertauscht wurde: so liegt diesem, übrigens vielfach üblichen Brauche
hauptsächlich der Umstand zum Grunde, dass weniger die individuelle An-
sicht und Ueberzeugung des Verfassers, als vielmehr die der meisten ge-
bildeten und erfahrenen Homöopathen ausgesprochen werden sollte.
3) Wenn wir auch die Fähigkeit dazu besässen, so würde es uns doch
an dem Ehrgeize fehlen, unsere Uebersetzung in der Weise loben zu hören,
wie ehedem die Vossischen, von denen man behauptete, sie seien, wie die
Wachsfiguren, zum Erschrecken treu.
Vorwort.
VII
Die Aufgabe des Kommentators ist allerdings, im
Gegensatze zu den beiden Vorigen, eine weit Leichtere,
und die Schwierigkeiten, die dabei vorkommen, sind ganz
anderer Natur, indem sie weit mehr die Sache und den
Inhalt, als die Worte und den Ausdruck betreffen. Frei-
lich ist auch dieser, wenn er dabei zugleich den Urtext in
der Uebersetzung wiedergiebt, an die Phrase gebunden;
aber die Hauptsache bleibt immer der Sinn. Ausserdem
hat er, oder nimmt er sich die Befugniss, nach Belieben
und Ermessen Dasjenige mit Stillschweigen zu übergehen,
was keiner Erklärung bedarf, oder einer Solchen nicht wohl
fähig ist;4) und hierin eben liegt für ihn manche, sehr
wesentliche Erleichterung, die deshalb in der Regel auch
fleissig genug benutzt wird.
Am Bequemsten von Allen hat es endlich der Glossa-
tor. Dieser legt im Grunde nur ein sehr untergeordnetes
Gewicht auf den Urtext, und benutzt ihn vielmehr nur als
eine Veranlassung, Dasjenige zu sagen, was ihm
eben zu sagen beliebt.5) Er ignorirt also unbedenklich
alles Dunkle oder Zweifelhafte, ist bei der Uebersetzung,
wenn Er eine Solche giebt, durchaus nicht strenge an die
Blumiger und rhetorischer Stil bei ernstem Stoff gleicht den blauen
und rothen Blumen im Korne. Sie gefallen Denen, welche nur zum Ver-
gnügen spazieren gehen, erweisen jedoch Demjenigen Schaden, welcher die
Früchte ernten will. Swift's Aphorismen.
4) O! wie wohl es einem Kommentator thut, wenn er sich von einer
schweren Stelle, zu welcher er dem Leser bloss die Thüre geöffnet hat,
ohne weiter etwas zu sprechen, als ein Paar griechische Zauberworte, weg-
schleichen kann. Lichtenberg^ Hogarth. PI. XII.
5) In den Augen einiger Leser dürfte vielleicht die Ausdehnung, welche
wir unserer glossarischen Ungebundenheit zugestanden haben, ein zulässi-
ges Maass zu überschreiten scheinen. Wir haben indessen die meisten
Allotria in die Anmerkungen verwiesen, wo man sie nach Belieben über-
schlagen kann, ohne dadurch in dem Texte eine Störung oder Lücken zu
verursachen. Manche hingegen lieben Mannigfaltigkeit in dem Vortrage
solcher Gegenstände, die an und für sich ernster Natur sind und daher
leicht ermüden; Diesen vorzüglich mögen die fremdartigen Ausschmückun-
gen gewidmet sein, welche oft gegen Langeweile und Ueberdruss schützen,
und den Geist entweder auffrischen oder erheitern.
yjjj Vorwort.
Worte gebunden, und kann dabei einen beträchtlichen
Theil der eigentlichen Gelehrsamkeit entbehren, ohne welche
die drei Vorigen unmöglich ihre Aufgabe zu lösen im
Stande sind.
Der freundliche Leser6) wird in dem eben Gesagten
leicht den Hauptgrund finden, warum wir uns bei der vor-
liegenden Bearbeitung der Aphorismen des Hippo-
krates die leichtere Aufgabe gewählt haben. Indessen
ist Jener nicht der Einzige, sondern sehr wesentlich schliesst
sich Diesem auch noch ein Zweiter an, der darin besteht,
dass die Beschäftigung damit nur zu einer Zwischenar-
beit neben unseren sonstigen Berufsarbeiten bestimmt war,
wobei zahlreiche Unterbrechungen eben keinen allzu nach-
theiligen Einfluss üben konnten. Wenn wir diesen beiden
Hauptgründen nun noch ferner hinzufügen, dass wir eines-
theils frei sind von der Anmaassung, uns in die Reihen
der eigentlichen Gelehrten einzudrängen, sondern nur
auf das Prädikat eines praktischen Mannes Anspruch zu
haben wünschen, und dass es uns anderntheils nur um
eine Gelegenheit zu thun war, unsere, auf vieljähriger Er-
fahrung beruhenden Ansichten auszusprechen: so ha-
ben wir ziemlich Alles gesagt, was wir zunächst über die
Form dieser Schrift zu sagen für nöthig erachteten.
Was den Inhalt dieses Werkchens anbelangt, so ist
dieser vollständig auf dem Titel ausgesprochen.
Es enthält nämlich zuvörderst eine deutsche Ueber-
setzung der Berühmtesten unter den hippokratischen
6) Es giebt zwei Klassen von Lesern, denen alle Kommentare und
alle Glossen langweilig und unausstehlich sind, nämlich Die, welche Alles
wissen, und Die, welche Nichts wissen. Für dergleichen Ultra's sind
natürlich die nachfolgenden Blätter nicht geschrieben. Beide mögen daher
Dies als Warnung beachten, und mit Omar sprechen: Wir besitzen den
Alkoran; enthalten die Bücher Das, was bereits im Alkoran steht, so sind
sie überflüssig; enthalten sie aber Dinge, wovon der Alkoran nichts sagt,
so sind sie schädlich; in beiden Fällen müssen sie daher dem Feuer über-
geben werden.
Vorwort. IX
Schriften nach den bewährtesten Ausgaben, mit Benutzung
anderer lateinischen, deutschen und französischen Ueber-
setzungen, und man wird, wie wir hoffen, finden, dass un-
beschadet einer verständlichen Ausdrucksweise, überall min-
destens der Sinn möglichst getreu wiedergegeben ist. Auf
ein Mehreres machen wir in dieser Beziehung keinen An-
spruch, und wenn man die Unsrige mit den bereits Vor-
handenen vergleichen will, so haben wir nicht das Mindeste
dawider einzuwenden.
Eine grössere Freiheit, um nicht zu sagen: Willkür,
haben wir uns bei den angehängten Glossen erlaubt, und
wir halten es für nöthig, uns hierüber noch besonders mit
aller Offenheit auszusprechen.
Es sind eigentlich zwei Punkte, die vorzugsweise zu
unserer gegenwärtigen Zeit einer besonnenen und einge-
henden Besprechung zu bedürfen scheinen , nämlich : ein-
mal die materialistische Richtung, welche die neuere
Arzneiwissenschaft eingeschlagen hat, und andermal das
eigentliche Wesen und der Werth der Homöopathie,
worüber so grosse Begriffs-Verwirrungen herrschen. Diese
beiden Punkte haben wir in unseren Glossen hauptsächlich
vor Augen gehabt, und bei jeder irgend passenden Ge-
legenheit nicht verfehlt, Dasjenige freimüthig auszusprechen,
was eine sorgfältige Beobachtung und reiche Erfahrungen
aus einem Zeiträume von einem vollen Drittel- Jahrhundert
unsere Ansichten geläutert und unsere Ueberzeugung be-
festigt haben, die in Verbindung mit so vielen Andern
derselben Art mindestens von solchem Werthe sein dürften,
dass sie mit blossem Leugnen, Ignoriren oder Achselzucken
nicht mehr füglich abgefertigt werden können.7) Wenn
unsere freimüthigen Aeusserungen dabei hier oder da eini-
gen Anstoss erregen sollten : so ist Das nicht unsere Schuld,
und wir erklären von Vorne herein , dass uns nichts ent-
fernter liegt, als persönliche Provokation oder gar Beleidi-
7) Ne pudeat te nil scire, turpe est nil discere velle.
Marc. Aurelius.
gung, und dass es sich stets ganz allein um die Sache
handelt. 8)
Von diesem letzten Gesichtspunkte aus betrachtet, kann
es daher auch nicht falsch gedeutet, oder gegen uns zum
Vorwurfe erhoben werden, wenn wir hier einem weltbe-
rühmten Gelehrten eine Schuld aufbürden, und ausserdem
eine Inkonsequenz vorwerfen müssen. Dieser Mann ist
nämlich kein Geringerer, als der wahrhaft grosse und mit
Recht im In- und Auslande gefeierte A. v. Humboldt.
Dieser veröffentlichte bekanntlich im Jahre 1797 seine be-
rühmte und viel ausgebeutete Schrift „über die (durch Gal-
vanismus) gereizte Muskel- und Nerven -Faser, nebst Ver-
muthungen über den chemischen Prozess des Thier- und
Pflanzen-Lebens."9) In dieser Abhandlung finden wir so-
wohl den Anfang, als die Sanktion der später bis zum
Unsinn gesteigerten Uebertreibungen der wahren ma-
terialistischen Schule,10) die jedes Geistige und —
8) Si quis exstiterit, qui sese laesuin clamabit, is aut conscientiam
prodet suam aut certe metum. Erasrnus.
9) Die physiologische Schule kennt genau alle Theile des Auges und
die Funktionen eines Jeden derselben; aber nur bis zur Netzhaut und zum
Sehnerven. Wie dann aber weiter das wirkliche Sehen geschieht, da-
von weiss sie Nichts. Eben so wenig kann sie das Farbensehen er-
klären, namentlich solches, welches sich oft bei Krankheiten, nicht bloss
des Auges, einstellt, und noch weniger das Unvermögen, Farben zu
unterscheiden, welches zuweilen bei Personen gefunden wird, deren Au-
gen und Sehkraft übrigens völlig normal sind.
Das Denken selbst ist freilich kein chemischer Prozess, aber es ist
mir sehr wahrscheinlich, dass gleichzeitig mit demselben materielle Ver-
änderungen im Gehirne vorgehen.
Humboldt's Versuche II, 51.
Mit treffender Ironie sagt Heiuroth (über die Hypothese der Materie
S. 14): — „Wie die Blume blüht, und ihre Blüthe der höchste Erweis
der organisch-bildenden Kraft im Pflanzenleben ist: so denkt das Gehirn,
und der Gedanke ist gleichsam die Blüthe dieses Organs, der höchste Er-
weis der organisch-bildenden Kraft im animalischen Organismus."
10) „Humboldt" — versichert Prof. Weber in den Verhandl. d. na-
tura. Ver. Jahrgang 16, S. 328 — „wird der Begründer der Nerven-
physiologie, wie er der Erste war, der einen wissenschaftlichen Weg in
der Arzneimittellehre betrat."
XI
sagen wir es gerade heraus — jedes Göttliche11) aus-
schliesst. 12)
Indem wir es für überflüssig halten, jene allbekannte
Schrift näher zu besprechen, haben wir hier nur noch die
11) Quid est enim aliud natura, quam Deus, et divina ratio toti
mundo et partibus ejus inserta.
Seneca de benef. IV, 6.
Wenn auch etwas hart, so doch nicht ganz ungegründet ist das Urtheil
Schmettau's über Humboldt, wenn er in seinem „Friedrich Wilhelm IV."
S.. 33 sagt: — „Sein Kosmos, der die Natur und was der Mensch ihr bis.-
her abgelauscht getreulich schildert, ohne sich um ihren Schöpfer zu be-
kümmern, ist der Gegensatz der Bibel, welche nur die Thaten dieses
Schöpfers preist und nicht die Beobachtungen der Menschen erzählt. Wer
aber die Früchte eines neunzigjährigen Lebens zusammenfassend kein an-
deres Resultat erreicht hat, als die selbstgenügsame Blasirtheit, welche vor-
nehm bei dem lebendigen Gott vorbeigeht, ohne sich um Ihn zu beküm-
mern, der ist noch nicht bis an den Quell der Weisheit vorgedrungen, de-
ren Frucht der innere Friede ist, und der Einfluss, den er auf seine Zeit
geübt, wird wahrlich Niemand zu Gute kommen, als den Mächten, welche
diesen Frieden zerstören wollen."
„Humboldt's „„Kosmos"" — sagt W. Menzel in der „Geschichte der
neuesten Zeit, S. 10, in der Note, — „wurde von der Diesterweg'schen
Schulpartei ausdrücklich der Bibel entgegengesetzt als das Buch der Bücher.
In dieser Darstellung des Naturganzen wird der Schöpfer nicht geehrt,
noch erwähnt, sondern die Natur erscheint als eine gleichgültige Substanz,
die erst Bedeutung gewinnt, indem der Mensch sie erkennt und benutzt.
Auf den Schöpfer und das Wesen der Dinge kommt es Humboldt nie an,
immer nur auf die Entdecker, Erklärer und Erfinder, und nur den forschen-
den Menschengeist preist er, ganz im Sinne der Philosophie Hegel's, welcher
Gott selbst nur so weit existiren lässt, als er vom Menschen gedacht wird.
Unter Humboldt's Einfluss machte die deutsche Naturwissenschaft mit weni-
gen Ausnahmen Front gegen das Christenthum."
12) Nur an wenigen Stellen des Kosmos (I, S. 260, II, S. 15, 27,
36, 39, 45 u. n. and.) finden wir den Namen Gottes, aber auch da
immer nur bei Andern und gleichsam historisch erwähnt. Wir dürfen da-
bei freilich nicht vergessen, was der gelehrte Mann in dieser Beziehung
(das. I, S. 367) sagt: — „In das empirische Gebiet objektiver sinnlicher
Betrachtung, in die Schilderung des Gewordenen, des dermaligen Zustan-
des unseres Planeten, gehören nicht die geheimnissvollen und ungelösten"
— (soll wohl heissen: unlösbaren) — „Probleme des Werdens." Aber
eben von hier aus wäre es nur ein Schritt gewesen bis zu dem Schöpfer
und Erhalter aller der geschilderten Herrlichkeiten, bis zu der Gottheit, die
wir überall schmerzlich vermissen.
XII Vorwort.
Pflicht, die oben gerügte Inkonsequenz dieses Gelehrten
nachzuweisen, und erfüllen diese um so lieber, als uns da-
durch eine Gelegenheit geboten wird, aus der gewandten
Feder dieses Mannes einen eben so schätzbaren, als im
blühendsten Stile geschriebenen Beleg für unsere Ansichten
mitzutheilen, welcher vielleicht weniger bei den Fachmän-
nern bekannt sein dürfte. Derselbe scharfsinnige, aber
noch nicht in seine galvanischen Versuche vertiefte For-
scher hatte nämlich zwei Jahre früher (1795, im 4. Stücke
der Hören) die Macht der (geistigen) Lebenskraft 13) so
äusserst schön und treffend gemalt, und die Gegensätze
zwischen Leben und Tod in solcher Schärfe* dargestellt,
dass wir Nichts kennen, was diesem an die Seite gesetzt
werden könnte, obwohl das Ganze nur in eine kurze (von
Schiller sehr belobte) Erzählung: „Die Lebenskraft oder
der Rhodische Genius", eingekleidet ist.14) Wir kön-
13) „Unstreitig" — sagt Hufeland mit vollem Rechte, — „gehört die
Lebenskraft unter die allgemeinsten und gewaltigsten Kräfte der Natur.
Sie erfüllt und bewegt Alles, sie ist höchst wahrscheinlich der Grundquell,
aus dem alle übrigen Kräfte der organischen Natur fliessen. Sie ist es,
welche Alles hervorbringt, erhält, erneuert; durch welche die Schöpfung
seit so manchen Tausenden von Jahren noch jeden Frühling mit eben der
Pracht und Frischheit hervorgeht, als das Erstemal, da sie aus der Hand
ihres Schöpfers kam. Sie ist es endlich, die, verfeinert und durch eine
vollkommnere Organisation unterstützt und gehoben , sogar die Denk- und
Seelen-Kraft entflammt und dem vernünftigen Wesen zugleich mit dem Le-
ben auch das Gefühl und das Glück des Lebens giebt. Denn, wie ein
Mangel an Lebenskraft so auffallend nicht nur die körperlichen, sondern
auch die geistigen Thätigkeiten hemmt und jenen Ekel und Ueberdruss des
Lebens hervorzubringen im Stande ist, der unsere Zeit leider auszeichnet, -
so kann und muss ein gewisser Ueberfluss derselben zu allen Genüssen
und Unternehmungen aufgelegter und das Leben schmackhafter machen."
Was wir unter Lebenskraft verstehen, ist nicht Dasjenige, was
einige Leibnitzianer dafür ausgeben, und wofür sie folgende Stelle
(Protog. p. 18) anführen: — ' „Nee dubium est, cum prima telluris tenerae
stamina ducebat sapientissimus conditor , aliquid formationi animali aut
plantae simile contigisse, sed incendiis et eluvionibus ac ruinis nunc ita
detortum perturbatumque in hac superficie et velut cute, nt aegerrime nosci
possis."
14) Es verdient wohl hervorgehoben zu werden, dass Humboldt noch
unterm 15. Oktober 1849 in einem Briefe an Varnhagen diese „Ansichten
Vorwort. XIII
nen es uns daher nicht versagen, den Schluss dieser „Er-
zählung", als die, dem weisen Epickarmus, einem Schüler
des Pythagoras, in den Mund gelegten Worte anzuführen : —
„Reis.st den Vorhang von dem Fenster hinweg, dass
ich mich noch einmal weide an dem Anblick der reichbe-
lebten lebendigen Erde. Sechzig Jahre lang habe ich über
die inneren Triebräder der Natur, über den Unterschied
der Stoffe gesonnen und erst heute lässt der Rhodische
G jnius mich klarer sehen, was ich sonst nur ahnete. Wenn
der Unterschied der Geschlechter lebendige Wesen wohl-
i: tätig und fruchtbar aneinander kettet, so wird in der un-
organischen Natur der rohe Stoff von gleichen Trieben be-
wegt. Schon im dunkeln Chaos häufte sich die Materie
und mied sich, je nachdem Freundschaft oder Feindschaft
sie anzog oder abstiess. Das himmlische Feuer folgt den
Metallen; der Magnet dem Eisen; das geriebene Elektrum
bewegt leichte Stoffe; Erde mischt sich zur Erde; das
Kochsalz gerinnt aus dem Meere zusammen und die Säure
der Stüptärie strebt, sich mit dem Thone zu verbinden.
Alles eilt in der unbelebten Natur sich zu dem Seinen zu
gesellen. Kein irdischer Stoff (wer wagt es, das Licht
diesen beizuzählen?) ist daher irgendwo in Einfachheit und
reinem, jungfräulichem Zustande zu finden. Alles eilt von
seinem Entstehen an zu neuen Verbindungen und nur die
scheidende Kunst des Menschen kann ungepaart darstellen,
was Ihr vergebens im Innern der Erde und in dem beAveg-
lichen Wasser- und Luft-Oceane suchtet. In der todten
unorganischen Materie ist träge Ruhe, so lange die Bande
der Verwandtschaften nicht gelöst werden, so lange ein
dritter Stoff nicht eindringt, um sich den vorigen beizu-
gesellen. Aber auch auf diese Störung folgt wieder un-
fruchtbare Ruhe."
„Anders ist die Mischung derselben Stoffe im
Thier- und Pflanzenkörper. Hier tritt die Lebens-
der Natur" für sein „Lieblingswerk" erklärt, und abermals eine neue Aus-
gabe davon veranstaltet hatte, nachdem er im „Kosmos" (I. Vor.) auch
deren erwähnte.
kraft gebieterisch in ihre Rechte ein; sie kümmert sich
nicht um die demokritische Freundschaft und Feind-
schaft der Atome; sie vereinigt Stoffe, die in der
unbelebten Natur sich ewig fliehen, und trennt,
was in dieser sich unaufhaltsam sucht."
„Tretet näher um mich her, meine Schüler, und er-
kennet im Rhodischen Genius, in dem Ausdruck seiner
jugendlichen Stärke, im Schmetterling auf seiner Schulter,
im Herrscherblick seines Auges, das Symbol der Lebens-
kraft, wie sie jeden Keim der organischen Schöpfung be-
seelt. Die irdischen Elemente, zu seinen Füssen, stre-
ben gleichsam, ihrer eigenen Begierde zu folgen und sich
mit einander zu mischen. Befehlend droht ihnen der Ge-
nius mit aufgehobener, hochlodernder Fackel, und zwingt
sie, ihrer alten Rechte uneingedenk, seinem Gesetze zu
folgen."
„Betrachtet nun das neue Kunstwerk, welches der Ty-
rann mir zur Auslegung gesandt; richtet Eure Augen vom
Bilde des Lebens ab, auf das Bild des Todes. Auf-
wärts weggeflohen ist der Schmetterling, ausgelodert die
umgekehrte Fackel, gesenkt das Haupt des Jünglings. Der
Geist ist in andere Sphären entwichen, die Lebenskraft
erstorben. Nun reichen sich Jünglinge und Mädchen fröh-
lich die Hände. Nun treten die irdischen Stoffe in ihre
Rechte ein. Der Fesseln entbunden folgen sie wild, nach
langer Entbehrung, ihrem geselligen Triebe, und der Tag
des Todes wird ihnen ein bräutlicher Tag. — So ging die
todte Materie von Lebenskraft beseelt, durch eine zahllose
Reihe von Geschlechtern, und derselbe Stoff umhüllte viel-
leicht den göttlichen Geist des Pythagoras, in dem vormals
ein dürftiger Wurm im augenblicklichen Genüsse sich sei-
nes Daseins freute."
„Geh Polykles und sage dem Tyrannen, was Du ge-
hört hast. Und Ihr, meine Lieben, Phradman und Skopas
und Timokles tretet näher und näher zu mir. Ich fühle,
dass die schwache Lebenskraft auch in mir den irdi-
schen Stoff nicht lange mehr zähmen wird. Auch er
fordert seine Freiheit wieder. Führt mich noch einmal in
Vorwort. XV
den Poikile,15) und von da an das offene Gestade. Bald
werdet ihr meine Asche sammeln."16)
Angesichts eines solchen entschiedenen Widerspruchs
in den Ansichten eines und desselben, bis jelzt unüber-
troffenen Naturforschers, die keine Vermittelung oder Aus-
gleichung zulassen und sich gegenseitig die Waage halten,
bedarf es im Grunde nur einer geringen Gewichts-Zulage,
um die eine oder die andere Schaale zum Sinken zu brin-
gen. Zu diesem Behüte stellen sich aber zahlreiche be-
rühmte Autoritäten zur Auswahl dar. Um jede, etwa mög-
liche Einrede von Parteilichkeit abzuschneiden, wählen wir
hier nur Einen der ersten Koryphäen der Arzneikunst,
welcher seine, mit Kuhm und Orden geschmückte 17) medi-
15) Das Poikile (Pöcile) war die Halle der Stoiker, und führte diesen
Namen von den zahlreichen Gemälden und Statuen, womit es geziert war.
16) Im ersten Bändchen der „Ansichten der Natur" von demselben
Verfasser, worin der „Rhodische Genius" den Schluss des Zweiten aus-
macht, stössen wir (S. 39) schon auf eine merkwürdige Zusammenstellung
und Verwechselung von organischen und unorganischen Dingen, indem er
sagt: — „Was unsichtbar die lebendige Waffe dieser Wasserbewohner (der
Zitteraale) ist; was, durch Berührung feuchter und ungleichartiger Theile
erweckt, in allen Organen der Thiere und Pflanzen umtreibt, was die weite
Himmelsdecke donnernd entflammt, was Eisen an Eisen bindet, und den
stillen wiederkehrenden Gang der leitenden Nadel lenkt; — Alles, wie die
Farbe des getheilten Lichtstrahls, fiiesst aus einer Quelle; Alles schmilzt
in eine ewige, allverbreitete Kraft zusammen." — Diese materialistische
Ansicht wird näher erläutert durch die dazu gehörige Note (41), worin es
heisst: „In allen organischen Theilen stehen ungleichartige Stoffe mit ein-
ander in Berührung. In allen ist das Starre mit dem Flüssigen gepaart.
Wo also Organismus und Leben ist, da tritt elektrische Spannung oder das
Spiel der Voltai'schen Säule ein." — Man möchte dabei nur die Frage auf-
werfen: warum dieses elektrische Spiel sofort aufhört, wenn der höhere
Lebensfunken ausgelöscht ist und bei der noch fortbestehenden Paarung
des Starren mit dem Flüssigen die zersetzende Chemie ihre Herrschaft
antritt?
17) Wir wollen dem würdigen Hufeland, der angeblich niemals den
Katheder bestieg, ohne sich mit seinen zahlreichen Orden geschmückt zu
haben, eine massige Dosis Eitelkeit, die Jeder mehr oder weniger be-
sitzt, keineswegs zum Vorwurf machen. Aber es wird uns erlaubt sein,
darin ein Hauptmotiv zu dieser Brochure zu vermuthen. — Der, in allen
Welttheilen, als Stifter einer neuen Schule, gefeierte Hahnemann besass,
so viel wir wissen, keine einzige Dekoration dieser Art.
XVI Vorwort.
zinische Laufbahn damit schloss, dass er sich in einer
Brochure: „Die Homöopathie" (Berlin 1831) nicht nur als
ein Gregner derselben aussprach , sondern ihr gar noch
Mängel aufzubürden suchte, die in der That nicht vorhan-
den waren. Was übrigens die Stellung des hier bezeich-
neten Hufeland gegenüber Humboldt anbelangt, so darf
nicht vergessen werden, dass gerade in diesem Punkte dem
Ersten, als Sachkenner, ein grösseres Gewicht beizulegen
sein dürfte, als dem Zweiten, welcher sich nur überhaupt
als tiefdenkender Naturforscher ausspricht , und aus mate-
rialistischen Versuchen materialistische Folgerun-
gen zieht, ohne sie weiter an den Erscheinungen des Le-
bens, denen sie doch angehören , zu prüfen. 18) — Hören
wir daher nun auch, was Hufeland sagt: —
„Es giebt ein Reagens" — sagt er in seinen „klei-
nen medizinischen Schriften" Band IH, Seite 472 — „was
feiner ist, als die feinsten chemischen Reagentien,
und das ist das Reagens des lebenden menschlichen
Körpers.19) Das, was wir Reizbarkeit oder Erreg-
barkeit des lebenden Organismus nennen, ist durch eine
Menge Einflüsse und Agentien afficirbar, die für die
gewöhnliche Chemie gar keinen Berührungspunkt
und folglich auch keine Existenz haben.20) Noch höher
18) „Alles" — versichert Humboldt in den Vers, über die gereizte
Musk.- und Nerv.-Faser II, S. 49 — „was in der organischen Materie
vorgeht, kann nach mechanischen und chemischen Gesetzen beur-
theilt werden "
19) Selbst Pfaff, der heftigste Vertreter der chemisch-materiellen Arz-
neimittellehre, findet sich zu der Aeusserung gezwungen, dass der lebende
Organismus in jeder Hinsicht das feinste Reagens ist, welches durch seine
Veränderungen auch die kleinsten Verschiedenheiten in dem Grade und in
der Qualität anzeigt, selbst da noch, wo die Chemie nichts mehr nachzu-
weisen vermag.
20) Dass der Hund- vermöge seines feinen Geruchsorgans im Stande
ist, im vollen Laufe der Fährte eines Wildes zu folgen, Das mag man
vielleicht erklären können. Wie es aber möglich ist, dass der gute
Jagd- oder Leit-Hund auf der Fährte erkennen kann, ob diese vorwärts
oder rückwärts läuft, und bei Kreutzungen mit Andern von dersel-
ben Art nicht irre wird, — das würde, wie uns scheint, ein treffliches
Thema für eine materialistisch-physiologische Untersuchung abgeben.
Vorwort. XVII
kann diese Empfänglichkeit steigen, wenn der Orga-
nismus sich im kranken Zustande befindet, und ich
bin überzeugt , dass man manchen Kranken, besonders
manche Nervenkranke, als wahre Mikrometer für diese
Untersuchung der Natur betrachten und benutzen könnte
und sollte.21) — Und so muss also der Arzt, dessen Wir-
ken im Lebenden ist, auch die ganze Natur und ihre
mannichfaltigen Produkte und Einflüsse nach diesen Ver-
hältnissen des Lebens prüfen und schätzen, und durch sorg-
fältige und wiederholte Erfahrungen die feineren Kräfte
und Eigenschaften derselben durch das Reagens des
Lebenden bestimmen.22) Dies ist die wahre Analyse
der Arzneimittel, und jede Anwendung derselben ist
eigentlich ein solches Experiment; nur schade, dass die
meisten Aerzte bei Behandlung der Kranken diesen Ge-
sichtspunkt zu wenig beachten. Hierzu gehört aber, dass
man die zu prüfenden Körper23) erst auf den gesunden
Organismus wirken lässt, und beobachtet, wie er sich
dagegen verhält, dann die W i r k u n g e n auf den K r a n k e n
und dessen verschiedene Modifikationen, und zuletzt auf
die Individuen und die verschiedenen Konstitutionen
genau und unbefangen untersucht."24)
Siquideni canes illi etiara elapsa die integra a transitu ferae ab efflu-
viis illis afficiuntur, quae terrae vel gramini inhaesere tarn brevi tempore,
quam erat illucl, quo fera trausibat.
P. Lana de mot. transpir. I, 2.
21) Das Koloquinten-Mark wirkt schon als Purgirmittel, wenn man es
in der Hand warm werden lässt.
22) Eine der unbegreiflichsten, aber mehr als vollständig belegten
Thatsachen ist die Verfolgung und Entdeckung von Mördern durch Jac.
Aymar im Sommer 1692 von Lyon bis Beaucaire, 45 französische Lieues
entfernt, welche damals ungeheures Aufsehen erregte.
23) Man hat vielfach die Imponderabilien als Dinge angesehen,
welche ihrer Feinheit wegen die materiellen Körper durchdringen und also
an dem Leben in der Natur betheiligt sind. Daher rechnen Einige auch
die Seele (die Lebenskraft) dazu, wie Vossius (de lue. nat. XIII, 29) sagt:
Lux, sonus, anima, odor, vis magnetica, quamvis incorporea, sunt tarnen
aliquid.
24) Bereits seit mehr als 250 Jahren ist es bekannt, dass durch Rei-
ben verschiedener Körper: Glas, Schwefel, Siegellack, Harz, Bergkrystall,
XVIII Vorwort.
Wir haben diese, mit den Ansichten und Lehren der
Homöopathie so sehr tibereinstimmende Stelle ganz aufge-
nommen, weil wir nirgends sonst in den Schriften Hufe-
lands in gedrängter Kürze so viel Wahres und Beher-
zigungswerthes gefunden haben. Wie darin nämlich
im Anfange der lebende Organismus weit über die
Chemie gestellt und Diese in ihre gebührende Schranken
zurückgewiesen wird, so wird gleich darauf noch besonders
hervorgehoben, dass die Reaktions-Fähigkeit des Le-
bens durch Krankheit noch mehr gesteigert wird, daher
den Arznei-Reiz um so leichter empfindet, mithin um desto
kleinere Gaben Einfluss üben können. Ferner sagt er,
ganz wie wir, dass die arzneilichen Einwirkungen jeder
Art nur allein durch das Reagens des Lebens zu er-
kennen und zu bestimmen sind, und endlich spricht er
noch entschieden die Notwendigkeit aus, die Arzneien
zuerst am Gesunden zu prüfen. Was hier etwa noch
fehlt, um im Wesentlichen alle Grundsätze der Homöopathie,
mit Ausnahme des Similia Similibus, vollständig auszuspre-
chen und zu billigen, Das findet sich in demselben Werke
(Band II, S. 417), wo er sagt: „dass es eigentlich immer
die Natur ist, was die Krankheiten heilt, indem die
Kunst nur in so fern Antheil hat, als sie die Natur zu
leiten und ihr zu Hülfe zu kommen versteht; und wir
wollten zweifeln, dass es gewiss unendlich besser ist, dies
grosse Geschäft gar nicht zu stören, als sie durch un-
Edelsteine, Alaun und Steinsalz, Elektrizität hervorgebracht wird, mithin
ein Stoff, den die Chemie nicht darin finden konnte. Dürfen wir uns dann
wundern, wenn auf demselben Wege noch andere Imponderabilien erweckt
werden können?
Ganz eigenthümlich war die Prüfung der Arzneien bei den arabischen
Aerzten, wie solche noch in sehr späten Zeiten Geltung hatte und in einem
Traktate von Aben Guefith gelehrt wird. Darnach lassen sich deren Kräfte
meistentheils aus dem Geschmack erkennen. Der bittere, scharfe und sal-
zige Geschmack zeigt Hitze, der herbe, saure und zusammenziehende Ge-
schmack Kälte, und der süsse und fettige Geschmack eine mittlere Tempe-
ratur an. Dies bestimmte die Anwendung derselben.
Color pallidus insipidum, viridis crudum, luteus amarum, ruber
acidum, albus dulce, niger ingratum indicat. Linne.
schickliche und gewaltsame Mittel irre zu machen,
ihre Bewegungen zu missleiten, und mit einem Worte, es
ohne gehörige Kenntniss besser machen zu wollen, als sie?"25)
Von dem obersten Grundprinzip der Homöopathie
(Similia Similibus!), wovon auch der Namen dieser neuen
Doktrin in der Arzneiwissenschaft entnommen ist, würde
es überflüssig sein, hier Etwas zu erwähnen, indem in den
Glossen selbst oft genug davon die Rede ist und nicht
wenige Beispiele vorkommen, wo das Heilverfahren des
Altvaters der Medizin selbst dieses Prinzip zur Ausführung
gebracht hat. Eben so findet sich an verschiedenen Stellen
darin theils die Unnahbarkeit, theils die Unausführbarkeit
des Contraria Contrariis nachgewiesen. Die Erfahrung
spricht sich überall, wo Leben ist, für den ersten Grund-
satz aus, und wenn auch eine rein theoretische Begründung
desselben zur Zeit noch Manches zu wünschen übrig lässt,
so müssen wir es doch mit einem neueren Naturforscher
für „eine wahre Impertinenz halten, wenn man verlangt,
dass die Erfahrung durch die Wissenschaft gerecht-
fertigt werden soll."
Ueber den wahren Werth oder Unwerth der Homöo-
pathie kann ebenfalls nur allein die Erfahrung entschei-
den, und einem warmen und treuen Anhänger derselben,
der seit Jahren alle seine Kräfte dieser Wissenschaft zu-
gewendet hat, würde es am Wenigsten ziemen, dem Urtheile
der Nachwelt vorgreifen und sich darüber aussprechen zu
25) Obwohl jeder Arzt in thesi mit gläubiger Verehrung von der Heil-
kraft der Natur spricht, in praxi verlässt sich keine Seele darauf.
Goldschmid.
Die Heilung muss eben so sehr von Innen ausgehen, wie die Krank-
heit ihre Möglichkeit im Innern hat und von Innen nach Aussen ins mate-
rielle Substrat vorgedrungen ist; es kann derselben wirksam nur von In-
nen begegnet werden; alle Mittel, welche die Medizin anwendet, können
nur darauf berechnet sein, die lebendige Kraft des Organismus, im
Gegensatze gegen die feindliche Wirkung in ihm, zu verstärken und zum
Durchbruch zu bringen.
Dr. Bicking, d. Prinz, d. Med., S. 51.
wollen.26) Nicht einmal die Zeugen und Zuschauer eines
Kampfes, geschweige denn die Theilnehmer daran, sind als
Neutral zu erachten; sie werden sich vielmehr stets zu der
einen oder der andern Partei hinneigen, und wenn von
beiden Seiten Alles aufgeboten wird, um den Sieg zu er-
ringen, so kann eine richtige Entscheidung nicht früher
erwartet werden, als bis die Gemüther wieder beruhigt
sind und mit kühler Besonnenheit die beiderseitigen Re-
sultate erwogen werden.27) Wir sehen ja hier, wie bei
allen ähnlichen Meinungsverschiedenheiten und Verstandes-
kämpfen, wie sehr man überall bemüht ist, auf Kosten des
Gegners seine eigenen Ansichten zu vertheidigen. 28) Aber
gleichzeitig erblicken wir leider! auch oft genug, wie nur
zu häufig alles Maass überschritten wird, wie man mit
Waffen kämpft, welche weder der Sache, noch der Perso-
nen würdig sind, die sich daran betheiligen. Am Scho-
nungslosesten werden unter diesen Diejenigen der Zensur
der Nachwelt anheim fallen, welche den absichtlichen Skep-
tizismus auf die äusserste Spitze treiben, oder gar That-
sachen in Abrede stellen, die sich wirklich ereignet haben
und noch täglich
26) Es giebt Irrthümer, die so alt sind, als das Forschen nach Wahr-
heit selbst; aber jede Zerstörung eines Irrthums ist ein Schritt zur
Wahrheit. Prof. Dr. Heinroth über d. Mater. Vorw.
27) Man muss die Irrthümer der Menschen etwa 40 bis 50 Jahre nach
der Zeit, in der sie herrschten, untersuchen, um ihre Ungereimtheit einzu-
sehen. Rusch, Sammlung IV, 2.
28) Durch das Disputiren erhält das Publikum nur ein Amüsement,
aber die Wahrheit keinen Gewinn, indem bekanntlich das Rechtbehalten
etwas ganz Anderes ist, als das Rechthaben. Das gewöhnliche Dispu-
tiren kommt mir gerade so vor, als das ehemalige Duelliren zur Ergrün-
dung der Wahrheit; der Unterschied ist bloss der, dass man sich hier der
Degen, und dort der Sophismen und der Disputirkunst (literarische Fecht-
kunst) bedient; übrigens aber in beiden Fällen, wer den Andern todt sticht
oder todt schreit, behält Recht.
Hufeland kl. med. Sehr. II, 359.
29) Jo forse errai, meglio e errar che fermarsi.
Niolini in Aru. de Brescia.
There was one Harvey who avouched a discovery of the circulation
of the blood. And the World laughet, and then rebuked him; and finally,
Vorwort XXI
die Ausrede der Unwissenheit keinen Schutz mehr gewäh-
ren; und der beharrliche Läugner wird dereinst in seiner
Blosse dastehen, befleckt mit einem Prädikate, welches sich
nur durch die Abwesenheit eines einzigen Vokals von die-
sem unterscheidet. Dieses mögen Alle, sowohl Freunde,
als Feinde, bedenken, welche sich zu blindem Eifer fort-
reissen lassen, und Denen alle Waffen, unehrliche nicht
minder, als ehrliche, Eecht sind, um ihre Sache zu ver-
fechten. 30)
Bis dahin aber, dass die erforderliche Zeit verflossen
ist, um die, zwischen uns und unseren Gegnern schwebende
Streitfrage reif zu machen zum Spruche ; den unausbleib-
lich dereinst die Nachwelt fällen wird, möge jede Partei
ihre besten Kräfte darauf verwenden, um den Sieg zu er-
kämpfen, und weder in ihrem, ohne Zweifel edlen Wett-
kampfe um die Förderung des irdischen Wohlbefindens
unserer Nebenmenschen nachlassen, noch durch Herbei-
for bis outrageous nonsense, punished him by depriving him of his prac-
tice. There was one Jenner, who, having speculated upon the hauds of
certain dairy-maids, theorized upon Vaccine virus, and declared tbat in tbe
cow he had found a remedy for small pox. And tbe world shouted, and
the wags were especially droll, foretelling, in their excess of witty fancies,
the growth of cows horns from tbe heads of vaccinated babies. When
it was declared that our streets shonld be illuminated by ignited roal
gas — the gas to flow under our feet — the world laughed, and then
checked in its nierriment, stoutly maintained that some night London, from
end to end, would be blown up. Winsor, the gas-men, was only a more
tremendous Guy Fawkes. When the experimental steamboat was first
essayed at Blackwall, and went stern foremost, the river rang with laugh-
ter. There never was such a waterman's holiday. When Stephenson
was examined by the Parlamentiary sages upon ä railway project , by
wich desperate people wereto travel at the rate of, aye, fifteen miles an
hour, the Quaterly Review laughed a sardonic laugh , asking, with a
killing irony, Would not men as soon be shot out of a gun, as travel by
such means. Douglas Jerrold.
30) Aber nehmen Sie sich, ich bitte Sie, vor irgend einem Falsum
dabei in Acht! Alle Schurkerei kommt an den Tag und brandmarkt mit
unauslöschlichem Warnungszeichen. — (Und dieses Zeichen soll ein Fuchs
oder ein Affe sein, wie Lucian in seinem „Fischer" sagte.)
Hahnemann, Nota bene f. m. Rezens.
XXII Vorwort.
ziehung fremder Gewalten oder derartiger Ungehörigkeiten
die Andere darin behindern.31)
In der Reihenfolge der hippokratischen Aphorismen
vermisst man bekanntlich alle und jede systematische
Anordnung; aber es stand uns nicht zu, hierin eine Aen-
derung zu versuchen. So sehr Dieses auch in einer Hin-
sicht durch die beständige Abwechselung der Gegenstände
dazu beitragen mag, das Interesse des Lesers in fortwäh-
render Spannung zu erhalten: so scheint es doch in einer
Andern nöthig, den sonstigen mannichfachen Nachtheilen
eines solchen Mangels an Ordnung, namentlich beim Nach-
31) Nur durch die Freiheit wird die Wissenschaft für das Leben
fruchtbar. St.-Min. v. Beust.
„Einen ähnlichen Kampf (wie die Homöopathie)" — sagt der Ver-
fasser der ,,Volks-Heillehre" im Vorworte zum dritten Bande, — „hatten
auch andere Wissenschaften, z. B. die Theologie, zu bestehen. Welche
von beiden Wissenschaften hat sich zu beklagen? Gewiss Keine. Die Zeit
bringt Ruhe und Ordnung zurück; die Geister kühlen sich ab, und — die
neue Lehre behält entweder die Oberhand, verdrängt nach den Erwartun-
gen und dem Wunsche ihrer Gründer die Alte, oder sie geht zu Grunde
mit Hinterlassung mancher schätzbaren Grundsätze und Erfahrungen, oder,
was am Wahrscheinlichsten ist, sie versöhnt sich mit der Alten, verschmilzt
mit derselben. Die Wissenschaft hat dadurch nur gewonnen."
Mit Recht sagt der gelehrte K. Sprengel (Geschichte der Arzneikunde
I, S. 272 d. 3. Aufl.) über die wissenschaftliche Bildung der alten Griechen,
im Vergleiche zu den übrigen Völkern derselben Zeitperiode: — „Ja, man
kann sagen, die Griechen seien weiter als wir gekommen, weil sie freieren
Sinnes waren, und weil ihren Untersuchungen keine vorgefasste, heilige
Meinung, kein Verbot des Staats ein Ziel setzte."
Die Geschichte der Medizin wird der Nachwelt das kaum glaubliche,
aber doch thatsächliche Curiosum aufbewahren, dass noch im Jahre 1S51
die medizinischen Fakultäten der Universitäten St. Andrew's und Edinburgh,
so wie das Royal College of Physicians den Beschluss gefasst haben, hin-
fort keinem Studenten der Medizin die Doktorwürde zu verleihen, bevor
er nicht durch ein feierliches Versprechen angelobt hat , nie in seinem Le-
ben die Homöopathie auszuüben. Und doch bestanden damals schon im
London zwei reich ausgestattete hom. Spitäler, und unser Gesandter, der
Ritter Dr. Bunsen, an der Spitze des Einen, neben vielen hochgestellten
und angesehenen Theilnehmern.
Vorwort. XXIII
schlagen, abzuhelfen. In dieser Beziehung hat sich ohne
Zweifel der Dr. Leveille (Hippocrate interprete par lui-
menie. Paris 1818) ein Verdienst erworben, indem er sämmt-
liche Aphorismen unter besondere (XXI) Rubriken ver-
theilte, und am Rande das Buch und die Nummer anführte.
Indessen musste er sich selbst trotzdem überzeugen, dass
dadurch die Notwendigkeit einer ausführlichen Inhalts-
Anzeige nicht hinreichend beseitigt werden konnte. Uns
schien zu diesem Behuf e nicht nur die Letzte genügend,
sondern auch die erste Anordnung um so weniger ange-
messen, als in den Glossen Manches besprochen wird, was
weniger zum Inhalte des betreffenden Aphorisms gehört,
als vielmehr eben dadurch nur gelegentlich zur Sprache
gebracht wurde. 32) Wir haben uns daher lediglich auf
einen solchen alphabetischen Anzeiger beschränkt, welcher
sowohl den Inhalt der Glossen, als den der Aphorismen
angiebt und hoffentlich dem Zwecke genügend entsprechen
wird.
Die Bearbeitung dieser Schrift selbst, die nur zur
nützlichen Ausfüllung der, uns eben nicht reichlich zuge-
messenen Mussestunden diente, hat uns zwar manchen,
sehr angenehmen Zeitvertreib geboten. Wir befürchten
aber, dass man es derselben nur allzu sehr ansehen wird,
wie sie allmählich unter zahlreichen Unterbrechungen ent-
standen ist und daher nothwendig an Gleichförmigkeit in
der Behandlung der verschiedenen Gegenstände verlieren
musste. Der geneigte und billige Leser wolle Dies in Be-
tracht der angegebenen Umstände freundlichst entschuldi-
gen ; dabei aber unserer Versicherung das Vertrauen schen-
ken, dass in dem ganzen Buche nicht ein einziges Wort
32) Die grosse Mannigfaltigkeit des Inhalts dieses Buches dürfte daher
nicht nur dem Geschmack und dem Interesse der verschiedenen Leser ent-
sprechen , sondern auch den Ausspruch des alten Plinius bestätigen, den
uns Plinius Caecilius (III, 5) in den Worten aufbewahrt hat: dicere enim
solebat, nulluni esse librum tarn malum, ut non aliqua parte prodesset.
Vorwort.
steht, was nicht mit der vollsten und innigsten Ueberzeu-
gung von der Richtigkeit und Wahrheit Desselben nieder-
geschrieben wurde. 33)
33) Wir sagen mit Swift (Mährchen von der Tonne, zehnte Abtheilung):
„dass dieses Werkchen die ganze Masse von Stoff urnfasst, den wir schon
Jahre lang bei uns aufgesammelt haben. Unsere Gäste betrachten wir als
ein guter Wirth, und wollen ihnen deshalb Alles in einem Gastmahle vor-
setzen J denn wir lieben nicht die Aufbewahrung der Speisereste in der
Speisekammer. Was die Gäste verschmähen, mögen die Armen erhalten.
Hunde unter dem Tische sollen die Knochen bekommen."
Münster, im Januar 1863.
C. v. Böiminghaiiseii,
Sinnstörende Druckfehler.
Seite 58, Aph. 23, Linie 1, statt mageren, lies: Menge.
— 64, Anm. 97, Linie 1, statt Spenden, lies: Spender.
— 111, Anm. 60, vorletzte Linie, statt Theorie, lies: Therapie.
— 242, Anm. 1, Linie 3, nach Dauerhaftigkeit einzuschalten: der An-
steckungsfähigkeit.
— . 257, Linie 11 von unten, statt ein, lies: kein.
— 409, Linie 12 von oben, statt ist, lies: scheint.
I. Buch.
1. Das Leben ist kurz, die Kunst lang; die Gelegenheit
flüchtig-, der Versuch gefährlich; die Beurth eilung
schwierig. Es genügt nicht, dass wir Aerzte das Er-
forderliche leisten: der Kranke selbst und seine Uni-
gebung, eben so wie die äussern Unistände müssen,
jeder das Seinige, zur Erreichung des Zweckes bei-
tragen.
Mehr, als irgend einer der nachfolgenden Aphorismen, lie-
ert der Vorstehende, der gleichsam zur Einleitung dient,
reichhaltigen Stoff zu ernsten Betrachtungen.
Es würde freilich allzuweit führen, wenn Alles in ausführ-
licher Weise besprochen werden sollte, wozu hier Anlass gebo-
ten wird. Aber von dem Wichtigsten, was sich bei Durchlesung
desselben jedem Unbefangenen von selbst aufdringen muss, möge
doch einiges Wenige hier eine Stelle finden.
Der Aphorism zerfällt zunächst in zwei wesentlich ver-
schiedene T heile, und spricht in dem
Ersten von der Kunst selbst, und in dem
Zweiten von der Anwendung derselben.
Wir wollen demnach die einzelnen Punkte einer kurzen
Betrachtung unterziehen.
2 I. Buch. Aphorism 1.
1. Zuvörderst heisst es mit Recht: dass die Kunst eine
lange ist1) gegenüber der Kürze des menschlichen Le-
bens.2) — Wenn man die Lebensdauer des Menschen, inso-
fern sie der Erlernung und Ausübung der Kunst gewidmet wer-
den kann, im Durchschnitte zu höchstens vierzig Jahren
anschlagen darf, so ist diese Ziffer in der That eine sehr kleine
im Vergleiche zur Dauer der Heilkunst, die bereits ein Alter
von mehr als zweitausend Jahren erreicht hat.3) Aber die
Arzneikunst hat dies gemein mit allen andern Wissenschaften,
welche lediglich auf Erfahrung beruhen und aus dieser hervor-
gegangen sind.4) Sie ist darin wesentlich verschieden von an-
dern Doktrinen, die blos in der Vernunft oder Spekula-
tion ihren Ursprung haben. Ein philosophisches System
springt gewöhnlich fix und fertig, wie eine junge Minerva, aus
dem Kopfe ihres Erfinders, freilich nur, um von einem spätem
Weltweisen bald wieder vernichtet zu werden. Aber eine Natur-
1) Lucian, der in seinem Hermotimus diesen Spruch. des Hippokrates
anführt, sagt nicht, dass die Kunst seihst, sondern der Weg, dazu zu ge-
langen, lang ist; — ein Ausspruch, der in der That auch heute noch voll-
kommen wahr ist.
2) Eite et ordine feceris, si ah ingenii placitis ad Naturae scita te
transtuleris, tibi non modo artem brevem, sed et vitam longam
porrectura. Bacon. Impet. Philos. II.
3) Die wohlthätigsten Erfindungen bedürfen oft Jahrhunderte, um an-
erkannt und vervollständigt zu werden. Humboldt, Kosmos, II, 199.
Pour naturaliser la pomme de terre en France, n'a-t-il pas fallu a
Parmentier' tout l'ascendant d'un homme superieur, toute l'adresse d'un
courtisan, toute la patience d'un predestine?
S. Cmte. Des Guidi, lettre aux med. franc.
„Als Pythagoras" — sagte der witzige Lichtenberg, — „den nach ihm
benannten Lehrsatz erfand, opferte er den Göttern eine Hekatombe. Seit-
dem brüllen alle Ochsen, wenn sie von einer neuen Erfindung hören."
4) Wie sehr unsere Vorfahren bemüht gewesen sind, bei den ältesten
Schriftstellern täuschende Spuren von weit spätem Erfindungen aufzu-
suchen, beweisst unter andern der Kompass, den einige in der Versoria
des Plautus (in Merc. scen. 5. und Trinum. Act. 4. scen. 3.) haben erken-
nen wollen.
Buch. Aphorism 1. 3
Wissenschaft, wie die Arzneikunst, bedarf nicht nur der
Erfahrungen vieler Einzelnen, sondern auch einer derartigen
Aufbewahrung der verschiedenen Ergebnisse derselben, dass
sie auch der spätesten Nachwelt brauchbar bleiben.
In dieser Beziehung steht sie genau in derselben Linie mit
allen übrigen Naturwissenschaften, und wenn im letzten Jahr-
hundert sowohl die Botanik, als die Chemie, die Arzneikunst
so unendlich weit überflügelt hat: so liegt der Grund lediglich
darin, dass man sich in Jenen gegenseitig vollkommen versteht,
und dass die Entdeckungen jedes Einzelnen derartig klar und
bestimmt aufgezeichnet sind, dass sie für immer einen zweifel-
losen und nützbaren Bestand theil des überlieferten wissenschaft-
lichen Schatzes ausmachen.5)
Dass diesem nothwendigen Erfordernisse bei der Arznei-
wissenschaft keineswegs Genüge gethan ist, werden wir im Ver-
laufe dieser Schrift leider! oft genug Veranlassung finden nach-
zuweisen.6)
2. Die Gelegenheit, Hülfe zu bringen, ist, namentlich in
schnell verlaufenden (akuten) Krankheiten, oft überaus
flüchtig. — Wenn der richtige Zeitpunkt versäumt wird, gleich-
viel ob durch Nichtsthun, oder (noch schlimmer) durch Ver-
kehrt thun, so steigert sich oft die Gefahr von Minute zu
Minute, bis am Ende die Rettung unmöglich geworden ist.7)
5) Thom. Sydenham hat schon (Op. I.) das Beispiel der Botaniker den
Aerzten als Muster für die Behandlung ihrer Nosologie aufgestellt, indem
jene nach gewissen äusseren Merkmalen die Pflanzen zu ordnen pflegen.
Aber noch wichtiger ist eine ähnliche Behandlung der Therapie, wobei es
sich nicht blos um die Kenntniss, sondern auch um die Heilung der Krank-
heiten handelt.
6) Voiei maintenant un guide bien plus sur quelle fil de cette prin-
cesse (Ariadne); avec Tun on pouvait retourner sur ses pas, avec l'autre on
avancera toujours. F. Perrussel, Therap. 21.
7) Galenus sagt sehr richtig (Com, II. in Eorrh. 16): „So lange eine
Krankheit noch im Entstehen und noch nicht völlig ausgebildet ist, lässt
sie sich schnell heben, indem man ihre Ursache beseitigt; ist sie aber ein-
1*
4 I. Buch. Aphorism 1.
Hier handelt es sich also um ebenso schleunige, als rich-
tige therapeutische Einwirkung auf den Erkrankten, mithin um
augenblickliche Entscheidung8) über das, dem Zustande
entsprechende Arzneimittel, und zwar nicht auf Grund diagno-
stischer Vermuthungen, sondern, wo immer möglich, auf die
genaueste und vollständigste Kenn tniss der Anzeigen, sowohl
am Kranken, wie an den Heilmitteln. Da nun die Sym-
ptome der Krankheit bei jedem Falle nur durch sorgfältige
Auffassung ihrer individuellen Charakteristik und Eigen-
thümlichkeit erforscht und aufgenommen werden können: so
muss der Arzt schon im Voraus mit dem individuellen C h a r a k-
ter und der Eigenthümlichkeit seiner Heilmittel in dem
Maasse bekannt sein, dass er unverzüglich im Stande ist, das
Angemessenste zu wählen und darzureichen. Bei solchen Gele-
genheiten, die vorzugsweise das Prädicat flüchtig verdienen,
ist ohne Zweifel das Wichtigste und Nothwendigste : eine voll-
ständige Kenn tniss der individuellen Arznei-Kräfte, ver-
bunden mit der, eben nur hiedurch und durch längere Uebung
erlangten Fähigkeit der Erforschung der jedesmal maass ge-
benden Zeichen. Wenn in solchen Fällen der behandelnde
Arzt noch lange studiren und nachschlagen soll, dann kommt
oft die beste Hülfe zu spät, und es werden Wochen und Monate
erfordert, wo hingegen der erfahrene Arzt in Stunden und Tagen
seinen Zweck erreicht.9)
mal vollendet, so wird man vergeblich die Ursache wegnehmen und da-
mit für die Heilung derselben nichts mehr ausrichten."
Si la doctrine de Hahnemann se montre si puissante lors m§me
que la sante des malades a ete profondement altere, que ne doit on point
esperer de cette medecine, 'lorsque Ie jour sera venu ou les hommes im-
ploreront son aide des le debut de leurs maladies.
Dr. L. Malaise, clin. hom. p. 119.
8) Si in prineipio, ubi irnbecillus maxime morbus, medicus liaud in-
stat, ubi progressu temporis ille invaluerit, vana est curatio.
Aretaeus de cur. diut. I. 12.
9) Curae priores esse debent in signis morbos fintfvertentibus. —
I. Buch. Aphorism 1. g
Noch schlimmer steht es mit dem Verkehrtthun! — Es
ist leicht begreiflich, dass jedes Arzneimittel, welches dem
Krankheitszustande nicht entspricht und diesen daher unbe-
rührt lässt, eben vermöge seiner Wirkungsfähigkeit auf das
Befinden des Menschen der ursprünglichen Krankheit noch eine
oder andere Störung hinzufüge, mithin den Kranken noch
kränker machen muss.
Man erkennt dies am deutlichsten bei solchen Patienten,
die lange in den Händen ungeschickter Aerzte gewesen, und
mit vielen und vielerlei unpassenden Arzneien behandelt wor-
den sind.10) Da ist häufig von der anfänglichen Krankheit
kaum noch eine Spur mehr zu entdecken, aber das allmählich
enstandene Siechthum weit schlimmer geworden und gestaltet
sich nicht selten zu einem Zwitterdinge von natürlicher
und künstlicher (Arznei-) Krankheit, wofür auch die zu-
sammengesetzten gelehrten pathologischen Namen nicht
mehr ausreichen.11) Dies sind die Fälle, die am häufigsten dem
Arzte die grössten Verlegenheiten verursachen. Er muss mei-
stens zunächst mit antidotarischen Mitteln den Rückweg
einschlagen, findet aber überall Hindernisse zu beseitigen, welche
die Besserung verzögern und, ohne seine Schuld, die Geduld
des unglücklichen Patienten auf die härtesten Proben stellen.
Das Alles würde aber vermieden sein, wenn der erste Arzt
Non enim omnes evadunt juxta Hesiodum morbi tacentes, quia vocem abs-
tulit sapiens Jupiter, sed plurimi veluti nuntios, et praecursores, et prae-
eones habent, indigestiones et languores in motu.
Plutarch. prae. san.
10) Der grösste Theil der Arzneien wird richtiger adressirt als be-
stellt. Auf den Strassen, die sie zu passiren haben, sind die Posten, die
ersten Stationen etwa abgerechnet, noch gar nicht so regulirt, wie man
wünscht. Lichtenberg's Hogarth, PI. IL
11) „In vielen Fällen", — sagt Kieser in seinem System der Medi-
zin — „wird daher der alte Spruch wahr, dass das Arzneimittel oft schäd-
licher als das Uebel, und der Arzt schlimmer als die Krankheit ist."
(3 I. Buch. Aphorism 1.
gleich von vornherein die richtige, und nicht die verkehrte
Arznei angewendet hätte.12)
3. Der Versuch ist gefährlich! — Ein inhaltsschweres,
von jedem wohldenkenden Arzte wohl zu beherzigendes Wort,
besonders da, wo es sich um das edelste der irdischen Güter,
um die Gesundheit handelt.
Es versteht sich von selbst, dass hier nur von Versuchen
am Kranken die Rede sein kann, und zwar in zweierlei
Weise. Einmal nämlich da, wo das Wesen und die Natur
einer Krankheit von solcher Beschaffenheit ist, dass sie nicht
mit Sicherheit zu erkennen, sondern nur zu vermuthen ist.
Andermal aber, wo man Mittel in Anwendung zieht, deren
Kräfte man nicht vollständig kennt, und worüber die bis-
herigen Erfahrungen sich noch nicht genügend ausgesprochen
haben. In beiden Fällen bleibt sich die Gefährlichkeit des Ver-
suchs ziemlich gleich. Die seither gewonnenen Kenntnisse von
den Kräften der Arzneien haben ohne Zweifel bei ihren
versuchten Anwendungen zahlreiche Opfer gekostet, und
manche neu eingeführte Mittel werden, wenn es so fortgeht,
deren noch viele kosten. Ebenso sind auch durch Verkennung
der Krankheit zahlreiche Menschenleben zu Grunde gegangen,
wie in den Annalen der Medicin solches zur Warnung aufbe-
wahrt ist. 13)
12) Viele unserer heutigen Therapeuten scheinen sich zu der Secte
des Pyrrho hinzuneigen, welche Alles bezweifelte, seihst ihr eigenes
Dasein.
13) Die Verschiedenheiten unter den lebenden Geschöpfen sprechen
sich unter andern auch in dem Einflüsse der Arzneien und Gifte auf einzelne
Arten derselben aus. Das Pferd verträgt eine überaus grosse Dosis Arsenik,
aber vom Phosphor kaum so viel als ein neugebornes Kind. Das spre-
chende und betende Thier, woran Blumenbach nur das mentum promi-
nulum als durchgreifendes Unterscheidungsmerkmal von allen andern Thieren
fand, hat ausserdem viele andere wichtige Eigenthümlichkeiten, welche es
vom Hunde unterscheiden, womit man jetzt Prüfungen von Arzneien an-
stellt, nachdem man aufgehört hat, daran, wie zu Hallers Zeiten (in Tu-
I. Buch. Aphorism 1. 7
Wie unendlich verschieden verhält sich dies in beiden
Fällen bei der Homöopathie!
Wenn uns auch im ersten Falle die Natur und das
Wesen der vorliegenden Krankheit nicht ganz klar ist: so
haben wir jederzeit für die Wahl des Mittels die Gesammt-
heit der charakteristischen Symptome, die wenigstens
hinreichend sind, um einen groben Fehlgriff zu vermeiden.
Und sollte einmal in der That ein solcher gemacht sein, so ist,
hingen) die Anatomie zu lehren, wie früher an Schweinen, denen kleine
Gaben Pfeffer tödtlich sind. Hunde, Katzen und Kaninchen sind
heutigen Tages die Sündenböcke der Aerzte, während die Homöopathen
ihre Arznei-Prüfungen an sich selbst anstellen, aber deshalb auch un-
endlich zuverlässigere Resultate erzielen.
In sehr verschiedener Weise wirken Arzneien und Gifte auf die
verschiedenen thierischen Organismen, und dies darf nicht ausser Acht ge-
lassen werden, wenn man durch Versuche an Thieren die Kräfte derselben
ermitteln will. Es wird genügen, davon beispielsweise einiges hier anzu-
führen:— Aloe ist für Hunde und Füchse ein starkes und schnell tödten-
des Gift. Kockelkörner (Menispermum Cocculus) tödtet Fische und Läuse.
Wasserschierling (Cicuta virosa) tödtet die Pferde, (nicht die Kühe?)
Gemswurz (Doronicum Pardalianches) ist für Gemsen, Ziegen, Lerchen
(und Schwalben?) unschädlich, tödtet aber Hunde, Füchse und Wölfe.
Pfeffer ist für Schweine ein starkes Gift. Der Samen von Petersilie
tödtet die meisten Vögel. Den Samen des Fleckenschierlings (Conium
macnlatum) fressen Stahre olane Nachtheil; wogegen die Schweine vom
Kraute wüthend und die Pferde schwindlich und betäubt werden. Den
Samen des Stechapfels (Datura Stramonium) fressen die Fasanen, und
den des Taumellolchs (Lolium temulentum) die Wachteln, unbeschadet.
Bilsenkraut (Hyosciamus niger) ist unschädlich für Kühe, Schafe, Schweine,
Pferde und Hunde, nicht aber für Gänse, Mäuse und Fliegen. Tollkraut
(Atropa Belladonna) wird von Schafen ohne Nachtheil gefressen. Der wilde
Körbel (Chaerophyllum silvestre) tödtet die Kühe, während er den Eseln
nicht schadet. Die weisse Niesswurz (Veratrum album) bekommt den
Wachteln, Ziegen, Mauleseln gut. Der Sturmhut (Aconitum Napellus)
tödtet Kühe, Schafe und Ziegen, dagegen die Pferde und Hunde nicht. Die
Antimonialien schaden den Pferden und Hunden fast gar nicht, selbst
in grösseren Gaben. Vom Arsenik verträgt das Pferd eine grössere Quan-
tität als jedes andere Thier, erliegt aber kleinen Gaben Phosphor. Das
Schwein verträgt ohne Nachtheil eine beträchtliche Menge Krähenaugen
(Nux vomica), wovon der zehnte Theil den stärksten Menschen tödten
würde.
g I. Buch. Aphorism 1.
abgesehen von der etwa verlorenen Zeit, der Nachtheil uner-
heblich, weil die Arzneigabe so klein ist, dass sie nur unter
der Bedingung der homöopathischen Aehnlichkeit Wir-
kung thut, ohne diese aber gänzlich indifferent bleibt und
in dem Befinden nichts Erhebliches ändert. Von positivem Nach-
theil kann daher hier niemals die Rede sein.14)
Im zweiten Falle, wo die Kräfte einer arzneilichen
Substanz noch unbekannt sind, stellt sich die Sache für
uns noch günstiger, indem wir solche niemals und unter
keiner Bedingung aufs Gerathewohl anwenden und an-
wenden können.
Es steht nämlich in der Homöopathie als unabänderliche
Regel fest, dass jedes Arzneimittel, bevor wir uns dessen zur
Heilung von Krankheiten bedienen, zuvor an gesunden Per-
sonen, niemals an Kranken, versucht sein muss, um die
demselben eigenthümlichen, durch keinerlei etwaige Krankheit
modificirten Kräfte genau in allen ihren Nuancen kennen zu
lernen. Diese, zwar oft den Prüfenden nicht wenig belästigen-
den, aber sonst ungefährlichen Versuche, die jedem wahren
Homöopathen zur ernsten Pflicht gemacht sind, sowie die dadurch
gewonnenen Resultate setzen uns in den Stand, auf den Grund
14) „Man traut seinen Augen kaum" — sagt Krüger-Hansen in seiner
Schrift: Normen für die Behandlung des Kroup, — „wenn man liest, dass
Marcus bei Kindern mit den Gaben des Calomels bis auf 400 Gran stei-
gen, und nebenbei noch mehrere Loth Quecksilbersalbe einreiben las-
sen will."
Es wird noch lange währen, bis die neuesten Entdeckungen, sogar auf
dem Gebiete der Chemie selbst, im Stande sein werden, den dominirenden
Abderitismus von seiner Ideen-Association mit massigen Stoffen abzu-
bringen. Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnlichk.-Gesetz, §. 81.
Ueber die Giftigkeit des Merkurial-Speichelflusses lesen wir eine merk-
würdige Thatsache in dem „General-Sanitäts-Berichte von Schlesien für das
Jahr 1831 und 1832, S. 138." Ein Hund nämlich leckte den, durch 30
Gran Calomel in 48 Stunden hervorgerufenen, mehrere Unzen betragenden
Speichel seines Herrn auf, erkrankte gleich darauf und krepirte nach
24 Stunden,
I. Buch. Aphorism 1. 9
des, als Naturgesetz erkannten und bewährten Fundame n-
tal-Princips der Homöopathie (Similia Similibus) das Heilmit-
tel anzuwenden. Wo mithin diese also erlangte Bekannt-
schaft mit der in di vi d uellen Wirksamkeit einer Arznei-Sub-
stanz noch nicht erworben ist, kann und darf kein Homöopath
dieselbe anwenden, und jeder dem entgegen stehende Versuch
am Kranken selbst, ist von der Wissenschaft auf das Strengste
v erpönt. 15)
Die Gefährlichkeit des Versuchs, in dem beidersei-
tigen Sinne, wie er hier nur genommen werden kann, kommt
mithin bei uns vollkommen zum Ausfall.
4. Die Beurtheilung schwierig. — Zu dieser Schwierig-
keit der Beurtheilung, in solcher Allgemeinheit ausgesprochen,
gehören ebenfalls zwei, wesentlich unter sich verschiedene
Momente, nämlich: die therapeutische Wahl der Mittel
und die Prognose.
Was zuvörderst die Wahl der Mittel betrifft, so bietet
solche dem Allopathen auf der einen Seite allerdings einige
Schwierigkeiten, insofern es sich um zweifellose Sicher-
15) Galien ne se permettait de prescrire des remedes nouveaux ou
inconnus, qu'apres en avoir fait l'essai sur lui Hieme. (Marquis Biogr
med., IV. 320.) — Dies wären also die ältesten Versuche mit Arzneien
am Gesunden, wenn man nur wüsste, wo M. diese Notiz geschöpft hat, und
ob sie überhaupt wahr ist.
In dem „amtlichen Berichte der 33. Versammlung der deutschen
Naturforscher und Aerzte zu Bonn, im September 1857" lesen wir Seite
228: — „Prof. Strempel erhob sich hierauf und sprach über die Verzweif-
lung der jüngeren Aerzte in therapeutischen Heilungen, zu
denen auch nicht die geringste Berechtigung vorliege. Heilungen geschehen
durch die Natur oft genug, aber nicht minder stände die Heilung durch
Arznei, selbst in grossen Gaben fest. Die jüngere ärztliche Generation
möge der Erfahrung vertrauen, und nicht den Prüfungen der Arz-
neien an Gesunden, welche nie zur Heilung durch Arzneien irgend
etwas beitragen könnten. Die ganze Versammlung erhob sich, diesen
Aussprüchen Beifall spendend." — Soll das eine excusatio non petita, oder
eine provocatio, oder gar beides zugleich sein?
10 !• Buch. Aphorism 1.
heit der Richtigkeit derselben handelt, dagegen auf der Anderen
eine Bequemlichkeit und Leichtigkeit, welche dem Ho-
möopathen keineswegs zu Theile fällt. Wenn nämlich, wie es
in der That der Fall ist, dem Allopathen in der Regel für jede
allgemeine Indication eine ansehnliche Reih e von Heil-
mitteln zu Gebote steht,16) unter denen er n a ch Re lieben das
Eine oder das Andere auswählen, und daneben noch Dies oder
Jenes hinzufügen darf, um einigen besonderen Nebenanzeigen
zu genügen, oder das Hauptmittel zu modificiren : so muss der
Homöopath so lange nachforschen und vergleichen, bis
er unter den verschiedenen, nach ihren Wirkungen ihm genau,
bis ins feinste Detail hinein bekannten Arzneien die Einzige
gefunden hat, welche nicht nur dem Hauptübel, sondern auch
sämmtlichen Nebenbeschwerden am vollständigsten ent-
spricht. Es begreift sich daher leicht, dass die Schwierigkeit
der Reurtheilung auf der Seite der Homöopathie in dieser
Reziehung weit grösser ist, als auf der der Allopathie, welche
nicht in so engen Grenzen sich zu bewegen braucht, wie Jene,
und diese daher für Gutbefinden und Willkühr einen weit
freieren Spielraum zur Verfügung hat. Wenn man nun noch
dabei erwägt, dass in sehr vielen Fällen, namentlich bei chro-
nischen Krankheiten, bei der Homöopathie den Arzneien
eine längere Wirkungsdauer vergönnt werden muss, mithin
ein schnelles Wechseln derselben, wie die Allopathie solches
gestattet, dabei durchaus nicht zulässig ist: so ergiebt sich aller-
dings für Jene dadurch noch eine weitere Vermehrung der
16) Nam medicamenta illa, quae in officinis praestant, venalia, potius
impromptu sunt ad intentiones generales, quam accomodota et propria ad
curationes particulares ; siquidem speciatim nulluni raorbum magnopere re-
spiciunt, verum generatim ad obstructiones aperiendas, concoctiones confor-
tandas, intemperies alterandas pertineut. Atque hinc praecipue fit, ut env
pirici et vetulae saepenumero in curandis morbis felicius operentur, quam
medici eruditi, quia medicinarum probatarum confectionem et compositionem
fideliter et scrupulose retinent. Baco de Verul. de augm. scient.
I. Buch. Aphorism 1. 11
Schwierigkeiten in der Wahl der Mittel, welche Diese nicht
kennt. 17)
In Bezug auf die Prognose tritt aher das umgekehrte
Verhältniss ein. — Was im Allgemeinen über die grössere oder
geringere Gefährlichkeit einer Krankheit, so wie über gün-
stige oder ungünstige Zeichen18) im Verlaufe derselben durch
die Erfahrung bekannt geworden ist, das Alles ist Gemein-
gut für beide Schulen, und die eine benutzt dies nicht minder
als die andere. Wo es sich aber um die Beurtheilung der
speciellen Veränderungen und Modifikationen in den Zeichen
und Symptomen handelt, wie sich solche im Fortgange und in
den auf einander folgenden Stadien der Krankheit, in verschie-
dener Weise dem Arzte darzustellen pflegen: da steht ohne
Zweifel der Homöopath auf einem weit günstigeren und ge-
sicherteren Standpunkte, als der Allopath.19)
17) Medicamenta autem, tum eorurn simplices facultates, tum si quae
descriptae sunt, probe tibi memoria teneantur. In animi etiam ratione re-
ponantur, quae ad morborum curatioriem pertinent, eorumque modi, quot
et quomodo in singulis se habeant. Hoc enim in re medica principium,
medium et finem obtinet. Hipp. Coi praeceptiones. 24.
„Mit ihrer Verwissenschaftlichung" • — sagt Oesterlen in der Prager
Vierteljahrsschrift, 1860, II. Bd. — „hat die Medizin nahezu aufgehört, an
die Machtvollkommenheit: aus Kranken Gesunde zu machen, zu glauben,
weil sie an keine Wunder mehr glauben kann." — Darauf bemerkt v. Gran-
vogl, am a. 0. §. 98: „Ich hätte es kaum gewagt, in so scharfen Zügen
die Haltlosigkeit und therapeutische Unfähigkeit der Allopathie oder phy-
siologischen Medizin zu zeichnen, wie sie es hier selbst gethan."
„Es ist fast allemal" — sagt Sprengel in seiner Geschichte d. Med. I,
S. 492 — „das Loos der Erfindungen des menschlichen Geistes, dass sie
gleich nach ihrem Entstehen, als Gegenstände der Mode, zur Grundlage
mannichfaliiger Theorien und Speculationen dienen müssen, die man in
der Folge wieder verlacht, wenn die gemachten Erfahrungen berichtigt
werden."
18) Omne symptoma signum est, non tarnen omne signum symptoma»
Fernel, de sympt. differ. L. II.
19) Wenn man Alles gehörig erwägt, so findet man zwischen der
Allopathie und der Homöopathie nur einen einzigen, aber freilich sehr be-
deutenden Unterschied, nämlich den ihrer beiderseitigen Materia medica.
12 I- Blich. Aphorism 1.
Vermöge seiner umfassenden und genauen Bekanntschaft
mit den individuellen Kräften jeder Arznei, worunter viele
nur einigen Wenigen, und dann auch nur unter besonderen Verhält-
nissen zukommen, ist nämlich nur der Homöopath im Stande,
mit der grössten Sicherheit zu heurtheilen, was ihrer Wirkung
zuzuschreiben ist, und was nicht. Seiner Beobachtung kann
es also nicht entgehen, wenn der Kranke während der Periode,
wo er unter dem Einflüsse eines gegebenen Heilmittels steht,
Symptome zu erkennen giebt, welche entweder innerhalb oder
ausserhalb des Wirkungskreises desselben liegen. Er ver-
mag mithin sofort zu erkennen, wenn fremdartige Zeichen
zu den früheren hinzutreten (was ein böses Zeichen ist), oder
wenn blos die früheren Zeichen nur eine etwaige Erhöhung
erleiden (was ihm zu einer günstigen Prognose dient); und wenn
nun gar die bedenklichsten Symptome allmählich abnehmen
und, wie gewöhnlich zuerst wahrzunehmen, der Gemüths-
zustand sich bessert, wobei dann gleichzeitig noch andere
Zeichen sich einstellen, welche ihm von der regelmässigen
Wirkung der Arznei unzweideutige Beweise abgeben: so kann
er getrost einen günstigen Ausgang in Aussicht stellen. Wenn
hingegen die alten Beschwerden unverändert Bestand halten,
und nun gar neue Symptome hinzutreten, die der Patient früher
So wie Jene heutiges Tages diese wichtige Doctrin immer mehr zu ver-
wirren scheint, und überall, wo es sich um positive Wirkungen der Heil-
stoffe handelt, Fragezeichen auf Fragezeichen und Zweifel auf Zweifel
häuft: so stellt Diese sie als das Wichtigste und Unentbehrlichste an die
Spitze der Wissenschaft. Alle übrigen Zweige der Medizin gehören gleich-
massig beiden Parteien an, und die dabei vorkommenden Unterschiede
sind unerheblich und leicht zu vermitteln. Wenn daher von einem homöo-
pathischen Lehrstuhle auf Universitäten die Rede ist, so würde sich die-
ser Wunsch auf einen solchen für die homöopathische Arzneimittel-Lehre
beschränken dürfen, welcher dann eben so für den angehenden Allopathen,
als für den Homöopathen von dem unbestreitbarsten Nutzen sein, und viel-
leicht am Meisten dazu beitragen würde, Frieden und Versöhnung zwischen
den beiden, zum Nachtheil der Wissenschaft selbst sich fort und fort be-
kämpfenden Gegnern herbeizuführen.
I. Buch. Aphorism 1. 13
nicht beobachtet, mithin die Arznei nicht die erwartete und
beabsichtigte Richtung in ihrer Wirksamkeit eingeschlagen hat:
so steht die Sache übel, und der Arzt hat alle Ursache, die
Angehörigen auf die drohende Gefahr aufmerksam zumachen,
wenn solche auch für den Augenblick noch entfernt zu sein
scheint und der Uneingeweihte sie noch nicht im Entferntesten
vermuthen kann. 20)
Das Vorstehende wird um so mehr hinreichen, nicht nur
der Pflicht des Glossators Genüge gethan zu haben, sondern
auch den Standpunkt desselben deutlich genug zu bezeichnen,
als in der Folge noch mehrere andere Aphorismen ihm Ver-
anlassung geben werden, seine, auf vieljähriger Erfahrung be-
ruhende Ansicht und Ueberzeugung über diese und verwandte
Gegenstände freimüthig auszusprechen.21)
Der zweite Theil des in Rede stehenden Aphorisms,
welcher von der Ausübung der Heilkunst spricht, sagt in
wenigen, aber bedeutungsvollen Worten, dass nicht allein der
Kranke und seine Umgebung den Vorschriften des Arztes in
allen Dingen auf's Strengste Folge leisten muss, sondern dass
auch in den äusseren Umständen Alles zu beseitigen und zu
vermeiden ist, was den bezweckten Erfolg zu beeinträchtigen im
Stande sein könnte.
Das Erste bezieht sich demnach mehr auf den Gebrauch
der verordneten Heilmittel, das Zweite auf die Diät im
20) In Bezug auf die Prognostik lese man in der Hygea (II. 368)
den Verlauf der Krankheit des Baron Koller in Neapel, wo dessen (homöo-
pathischer) Leibarzt, Dr. Necher, gegen das einstimmige Gutachten
der acht besten (allopathischen) Aerzte dieser Stadt aus den Wirkungen
der Mittel einen unglücklichen Ausgang zu prognostiziren im Stande war.
21) Was nützt eine spezifische Erkenntniss der Krankheiten, wenn
wir nicht auch eine spezifische Erkenntniss der Arzneikräfte haben? Die-
ser Mangel an spezifischer Arzneikunst ist gerade die Ursache, woran
die Allopathie so schwach in der Kunst (zu heilen) und doch so gross in
der Wissenschaft ist. Prof. Werber in Hygea. I. S. 150.
]4 !• Buch. Aphorism 1.
weitesten Sinne des Worts, und da in der Folge von beiden
Gegenständen noch mehrmals Erwähnung zu machen ist: so
werden hier ein Paar allgemeine Bemerkungen genügen.
In demselben Maasse, wie Niemand befugt ist, an der Ver-
ordnung des Arztes, dem die Behandlung eines Kranken anver-
traut ist, und der dafür die Verantwortlichkeit übernommen hat,
eigenmächtig irgend etwas zu ändern oder zu modifiziren 22),
so muss auch die Gewissheit vorliegen, dass die verordnete
Arznei nach Quantität und Qualität die Richtige ist, und
dass der Gebrauch derselben pünktlich in der, von Jenem
vorgeschriebenen Weise geschieht. Jede Abweichung davon ent-
lastet natürlich den Arzt von seiner Verantwortlichkeit und bür-
det sie demjenigen auf, der dazu Veranlassung gegeben oder
solche selbst ausgeführt hat. Da nun in der neueren und
neuesten Zeit von der Allopathie fast niemals mehr ein ein-
faches Arzneimittel angewendet wird, und eine ansehnliche
Menge von sonstigen technischen Kenntnissen, so wie ein
bedeutender Aufwand von Zeit und Gerät h Schäften dazu
erforderlich ist, um die gebräuchlichen Präparate und Mi-
schungen anzufertigen: so war es einerseits nothwendig,
dass diese Last den Aerzten abgenommen und den besonders
dazu angestellten Apothekern übertragen wurde, und ander-
seits mit Dank anzuerkennen, dass diese dazu ihre Befähigung
nachweisen müssen, zur genauen und treuen Erfüllung ihrer ern-
sten Obliegenheiten in Eid und Pflicht genommen werden,
und überdem einer steten Controle unterworfen bleiben.23)
22) Si le medecin est le ministre de la nature, il est le roi des ma-
lades. Bruno, lex. Cast. a. v. Imperium.
23) Das waren noch die Zeiten des, in der Heilkunde einst allgemein
herrschenden, groben und rohen Verfahrens, wo die Apotheken entstehen
konnten, und sollte man sich nicht glücklich schätzen, dass endlich ein sorg-
fältiges Verfahren in der Heilkunde begonnen hat und sich ausbreiten will?
Es bedarf daher auch keines Nachweises weiter aus der Geschichte der
Völker, der Heilkunde und der Apotheker, um die Notwendigkeit des
I. Buch. Aphorism 1. 15
Bei der Homöopathie gestalten sich die sämmtlichen,
eben erwähnten Umstände und Rücksichten ganz anders. Die
Arznei ist durchaus einfach und niemals zusammengesetzt,24)
die Anfertigung leicht und ohne erheblichen Aufwand von
technischen Kenntnissen; das rohe Material aus jeder
guten Apotheke zu beziehen; das Präparat für lange Zeit aus-
reichend und keinem Verderben unterworfen; der Geldwert«
der jedesmaligen Gabe so gut wie Null; und endlich das Dis-
pensiren höchst einfach und gleich an Ort und Stelle, am
Krankenbette selbst zu besorgen. Dies alles macht die Dazwi-
schenkunft des Apothekers vollkommen entbehrlich und über-
flüssig. Wenn nun aber überdem in Erwägung gezogen wird,
dass die homöopathischen Präparate an und für sich keiner
nachträglichen C o n t r o 1 e mehr unterzogen werden können,
weil sie jeglichem chemischen Reagenz längst entrückt sind;
dass der vereidete Arzt25) dem Patienten viel näher steht, als
Selbstdispensirens für den homöopathischen Arzt zu rechfertigen; der bessere
Heilversuch macht jede weitere historische Beweisführung unnöthig, und
jetzt handelt es sich nun einmal nicht mehr um das blosse Gesundmachen
der Menschen, sondern auch um die wissenschaftliche Feststellung
dieser Thatsache, um die Zuverlässigkeit derselben in jeder Be-
ziehung. Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit, S. 68.
Die Betrügereien und Verfälschungen der Arzneien waren von jeher
gebräuchlich. Man schlage nur van der Sonde, Schaub und ähnliche
Werke nach, wenn man sich von der Gefahr überzeugen will, in der man
sich als praktischer Arzt fast täglich befindet.
Prof. Nolde in Huf. Journ. VIII, 1. S. 58.
24) Wer mich heute eine andere Arznei geben sieht, als ich gestern
gab, und morgen wieder eine andere, der merke, dass ich im Heilver-
fahren wanke (denn auch ich bin ein schwacher Mensch); — sieht man
mich aber zwei bis drei Dinge in einem und demselben Eecepte zusammen-
mischen (es ist wohl auch ehedem bisweilen geschehen), der sage dreist
der Mann ist in Noth, er weiss nicht recht, was er will — er strauchelt,
— wüsste er, dass das eine das rechte sei, so würde er ja nicht das an-
dere, und noch weniger das dritte hinzusetzen.
Hahnemann's kl. Sehr. I. S. 15.
25) Die einzigste und sicherste Controle gegenüber dem Arzte ist dessen
vollständig geführtes Tagebuch über jeden seiner Patienten, wie solches
16 I- Buch. Aphorism 1.
der vereidete Apotheker; dass Jenem schon, wenn auch nur
seines Rufes wegen, an der Richtigkeit und Wirksamkeit seiner
Arznei weit mehr gelegen sein muss, als dem Letzteren26);
dass überdem den Apothekern von vielen Gegnern der Homöo-
pathie das Vertrauen auf homöopathische Gaben benommen ist,
und er beider Kleinheit und Seltenheit derselben dabei un-
möglich seine Rechnung finden kann: so ist nicht zu begrei-
fen, wie noch heutigen Tags in einigen Staaten dem qualifizirten
Arzte die natürliche Befugniss vorenthalten werden kann,
die von ihm als passend anzuwendenden kleinen Arzneigaben mit
eigenen Händen darzureichen, und gleichzeitig dem Leidenden
noch besondere Rosten aufgebürdet werden, die ihm ohne
den mindesten Nachtheil erspart werden könnten.27)
Was die Diät anbelangt, so wird sich später noch an
mehreren Stellen Gelegenheit darbieten, darüber ein oder anderes
Speciellere zu sagen. Es wird daher hinreichen, hier in der
Hahnemann als eine unerlässliche Pflicht aufgestellt hat. Wer ein Derar-
tiges führt, der sollte billig von aller und jeder sonstigen Controle ent-
bunden sein, indem nur der verworfenste Mensch, er möge nun Arzt oder
Apotheker sein, sich hierbei Fälschungen zu Schulden kommen lassen
könnte, welche das Gesetz nicht entdecken, und darum auch nicht bestrafen
kann. Nur derjenige Arzt, welcher seine Pflicht so leicht nimmt, dass er
entweder kein, oder ein unvollständiges Tagebuch führt, dürfte sich in dem
nicht ehrenvollen Falle befinden, dass für ihn eine Ausnahme gemacht wer-
den müsste, so lange die Aufsichtsbehörde dies für nöthig erachtet.
26) Weil dem Arzte daran gelegen sein muss, den Kranken herzu-
stellen, und zwar mit so wenig Kunst als möglich: so muss auch dem
Arzte mehr daran gelegen sein, dass der Kranke gute und wohlfeile Arz-
nei erhalte, als dem Apotheker daran gelegen sein kann. Aus diesem
Grunde will ich es nicht loben, wenn dem Arzte das Ausgeben der
Arzneien untersagt -wird.
v. Wedekind in Henke's Zeitschrift für Staatsärzte.
27) „Ich selbst hab es erlebt", — sagt unser redlicher Dr. Stens in
seiner Therap. unserer Zeit, S. 261, — „dass ein Arzt die Homöopathie
dadurch todtschlagen wollte, dass er allen seinen Kranken ohne Ausnahme,
ein graues Pulver, — Milchzucker mit Tinte verrieben, — eingab. Was
meinst du, verdient ein solcher Prüfer nicht, dass man ihn statt aller
Widerlegung verurtheilt, selbst Tinte zu saufen?"
I. Buch. Aphorism 1. 17
Kürze nur anzudeuten, in welchem Sinne die Homöopathie die
Diät verstellt, und wie sie dem zu Folge die genaue Be-
folgung derselben dem Patienten und dessen Umgebung zur
Pflicht zu machen genöthigt ist. 28)
Die Homöopathie hat nämlich die, auf sichere und wieder-
holte Erfahrung begründete Ueherzeugung, dass jede, auf den
iebenden Organismus einwirkende, die Lebenskraft auf die
eine oder andere Weise afficir ende Potenz eine vor gängige
Andere entweder vollständig vernichtet, oder mindestens
wesentlich stört und verändert. Aus dieser, zum Grund-
satze erhobenen Erfahrung ergiebt sich unzweifelhaft die wichtige
Schlussfolge: dass in allen Fällen, wo eine volle und unge-
störte Einwirkung irgend einer Arznei auf den lebenden Or-
ganismus beabsichtigt wird, die einer jeden Andern gänzlich
vermieden werden muss. In diesen wenigen klaren, und keine
falsche Deutung zulassenden Worten, liegt sowohl die Begrün-
dung als auch das Wesen und der Umfang der ganzen ho-
möopathischen Diät. Es gehört mithin nicht allein dazu
die Vermeidung jeglicher andern Arznei, sie möge Namen
haben wie sie wolle, sondern auch alles anderen Arznei-
kräftigen, was irgend vermögend sein kann, eine Verän-
derung des Befindens hervorzurufen, von den verschiedenen
28) Das unwiderleglichste Argument der Homöopathie gegen diejenigen,
welche ihre Heilungen lediglich der Diät oder der Einbildung ihrer
Patienten zuschreiben, dürfte in den Erfolgen liegen, die damit bei kl einen
Kindern und bei Thieren erzielt werden. Bei diesen Letzten nämlich
kann weder von dem Einen noch von dem Andern die Rede sein; und
dennoch sind die bei diesen gelungenen Heilungen (auch mit den aller-
kleinsten Gaben), so erstaunlich und so sicher, dass es viele Personen giebt,
welche, wenn sie auch für sich selbst und für die Ihrigen noch der Allo-
pathie anhängen, für ihre erkrankten Thiere nur bei der Homöopathie Hülfe
suchen. Wir kennen Mehrere, welche die dazu dienenden Handbücher,
nebst den homöopathischen Arznei-Etuis stets vorräthig halten. Auch wir
selbst haben die ersten Versuche mit Hochpotenzen an Thieren
gemacht.
lg I. Buch. Aphorism 1.
Genüssen und Gemüthsbewegungen an bis zur Klei-
dung, Wohnung und dergleichen Lebensbedürfnissen
herab, mit der selbstverständlichen Maassgabe, dass in dem bis-
her Gewohnten nur etwa dasjenige beseitigt werden muss, was
wahrscheinlich oder gewiss auf Geist oder Körper einen derarti-
gen Einfluss zu üben im Stande ist.
Diese eben so einfache, als naturgemässe Diät hat in
den letzten Jahren auch den Beifall der Allopathie erlangt, und
es wird nicht mehr lange dauern, wo auch der, dieser älteren
Schule noch anhängende Arzt seinen Patienten untersagen wird,
neben den eigentlichen Haupt- Arzneien noch andere arznei-
liche Dinge, Kaffee,29) verschiedene Thee's und Aufgüsse,
Tropfen, Einreibungen, Räucherungen u. d. gl. mehr
zu gebrauchen.
Dagegen ist bei der Homöopathie, wie Böswillige oder Un-
wissende es Andern so oft haben aufbinden wollen, von eigent-
lichem Hungern oder Dursten unter keiner Bedingung die
Rede. Nur in den Fällen, wo durch Mangel an Ess- oder Trink-
lust deutlich zu erkennen gegeben wird, dass kein Bedürfniss
dazu vorhanden ist, wird der Rath ertheilt, den Kranken durch-
aus nicht, weder durch unzeitiges Nöth igen, noch durch be-
sondere Leckerei zu Genüssen zu verleiten, welche einem
solchen deutlichen Fingerzeige der Natur geradezu widerspre-
chen, und in der Regel dem Patienten zu grossem Nachtheil
gereichen. 30)
29) In dein Tahniis-Khana (Kaifee-Fabrik) zu Konstantiuopel sind die
Arbeiter sämrntlich abgezehrt, ungesund, und werden von beständigein
Husten gequält. Auch die Pferde magern ab, und können es nur sechs
Monate darin aushalten. Chr. White," die Türken. Kap. 8.
30) Quae composita ad voluptateni et varietatem sunt pharmaca,
absint. Aretaeus de cur. acut. I., 10.
Socrates gab zuerst die Ermahnung, man solle sich vor Speisen
und Getränken hüten, die uns reizen könnten, ohne Hunger zu essen, und
ohne Durst zu trinken. Plutarch, mor. Sehr. II, 8.
I. Buch. Aphorism 2. 19
Jedes freiwillige Entstellen von Durchfall und Er-
brechen ist dann für den Kranken heilsam und zu-
träglich, wenn nur dasjenige abgeführt wird, was aus-
geleert werden muss; wo dieses aber nicht der Fall
ist, da tritt das Gegentheil ein. Eben so verhält es
sich mit den Entleerungen der Gefässe, wenn sie in
der Weise vorgenommen werden, wie es erforderlich
ist; während sonst ebenfalls die entgegengesetzten Fol-
gen herbeigeführt werden. Es ist daher jederzeit nö-
thig, die Verhältnisse der Gegend, der Jahreszeit, des
Alters und der Krankheiten in Betracht zu ziehen
und danach zu beurtheilen, in wiefern solche Aus-
leerungen angezeigt sind, oder nicht.
Wenn auch die in diesem Aphorism überlieferten Lehren
Zeugniss ablegen für die von Hippokrates erkannte Unentbehr-
Jichkeit des Individualisirens31) so scheinen sie doch in
dieser Beziehung für das Alterthum weit wichtiger gewesen zu
sein, als für unsere Zeit. Damals nämlich, wo der Arznei-
schatz, worüber der Arzt zu verfügen hatte, noch sehr be-
schränkt war, musste ein weit grösseres Gewicht gelegt werden
auf dasjenige, was unter den Ausdrücken Krisis32) oder kri-
tische Ercheinungen begriffen wurde, welche sehr oft frei-
willig und unabhängig von aller Arznei auftraten und entweder
günstige oder ungünstige Vorbedeutungen enthielten. In spä-
teren Zeiten scheint man auf diese und ähnliche Aussprüche
des Vaters der Heilkunde, zum Theile wenigstens, die genauen,
m den Kalendern mitgetheilten Zeitnotizen begründet
zu haben, wo es nämlich an gewissen Tagen, nach Maassgabe
31) Xoyog enim, seu ratio Hippocrati idem est, quae ivSeigig, in-
dicatio dici Galeno consuevit. Linden, sei. med. VII. 31.
32) Das so oft gebrauchte Wort „Krisis" bedeutet an und für sich nichts
Anderes, als eine bedeutende, entweder günstige oder ungünstige Wendung
der Krankheit, also eine Entscheidung zum Guten oder zum Bösen. —
Van Helmont leugnete die Krisen (natura crisim non facit), und die Homöo-
pathen ersetzen sie zuweilen durch die Erstwirkung der Arzneien, wodurch
sie jedenfalls beschleunigt und gutartig gemacht werden.
20 I- Buch. Aphorisin 2.
der Jahreszeit, des Standes von Sonne und Mond,33) oft
auch nach der Constellation der (damals noch geringeren Zahl)
Planeten, vorteilhaft sein sollte zu Purgiren, zu Schrö-
pfen34) oder zur Ader zu lassen.35) Dieser mittelalter-
liche Unsinn ist nun freilich einer geläuterleren Ansicht ge-
wichen; nicht aber in gleichem Maasse die Lehre von den Rri
sen, welche ursprünglich blos den natürlichen Verlauf der
Krankheit durch ihre verschiedenen Stadien bezeichnen sollte,
ohne dass darin die Arzneien Aenderungen bewirkt hätten. Wenn
man nämlich weiss, dass die Naturkraft vermögend ist, zuweilen
eine Gehirnentzündung durch Nasenbluten, einen Rheu-
matismus durch Seh weiss, ein Nervenfieber durch Spei-
chelfluss u. s.w. zur günstigen Entscheidung zu bringen: so
haben wir heutigen Tages nicht mehr nöthig abzuwarten, bis
dies wirklich von selbst geschieht, sondern besitzen die Mittel,
33) Ueher den Einfluss des Mo nd es auf Pflanzen und Thiere, finden wir
schon Beobachtungen im GeHius (noct. attic. XX. 8), namentlich in Bezug
auf Zwiebeln und Austern. Im vorigen Jahrhunderte hat man diesem
Gegenstande eine grössere Aufmerksamkeit gewidmet, und die Schriften
von Wilson, St. Hilaire, la Quintinie, Duhamel, Chavalon, van Mons und
Andern, über Pflanzen, so wie die von de Haen, Sanctorius, Toaldo, Jä-
ger und Andern, über die Krankheiten der Menschen enthalten, wie ge-
wöhnlich, zahlreiche Behauptungen und Verneinungen zu diesem Thema.
Wir Homöopathen wissen, und zwar aus wiederholten genauen Erfahrungen,
dass ein solcher Einfluss in der That besteht, und bei der Mittelwahl aller-
dings Berücksichtigung verdient.
34) Wenn ich dem Aderlasse nicht traute,' so verordnete ich zuweilen mit
gutem Erfolge Schröpfköpfe; doch war in ein Paar Fällen der Blutfluss
davon so untilgbar, dass er nicht völlig gehemmt werden konnte, bis der
Kranke seinen Geist aufgab. Huxham on fevers, 212.
35) Ein üeberbleibsel aus dieser guten, alten Zeit scheint noch
in der Angabe des täglichen Standes des Mondes im Thierkreise bei-
behalten zu sein, wie man solche heute noch in den meisten Almanachen
mit den üblichen Zeichen des Zodiakus angegeben findet, obwohl unter
Tausenden, die den Kalender täglich einsehen, sicher nicht Einer ist, wel-
cher diese Himmelszeichen und ihre Stellen am Firmamente kennt.
Aber das wohlbekannte Aderlass-Männchen (Haemorrhoscopium) in den
meisten alten Kalendern gab früher genau an, wann und wo bei diesen
zwölf Zeichen der Aderin ss gut, mittel in aasig, oder böse sein sollte.
I. Buch. Äphorism 2. 21
solches künstlich zu bewirken, wenn wir es für dienlich er-
achten. Schlimm genug ist es dabei nur, dass selbst diese so-
genannten kritischen Er schein ungen, sowohl in dem einen,
als in dem andern Falle, nicht immer den erwünschten Erfolg
haben, und dass sie oft so heftig werden, dass sie dem Arzte
selbst über den Kopf wachsen.
Die Homöopathie hat in dieser Beziehung aber auch noch
andere abweichende Ansichten über dasjenige, was ge-
wöhnlich unter Krisis verstanden wird, und wovon später noch
mehrmals die Rede sein wird. Hier ist nur soviel in der Kürze
zu erwähnen, dass wir entschieden allen solchen, sowol frei-
willigen, als unfreiwilligen Ausleerungen abhold sind,
weil sie stets unbestreitbare Kr a nk hei ts- Symptome darstel-
len, welche — da der Mensch jedesmal nur in einer Weise krank
sein kann und alle dabei vorkommenden Erscheinungen zu diesea
Krankheit gehören, — bei der Wahl des Heilmittels eben
so gut, wie alle Andern, die nöthige Berücksichtigung finden müssen.
Weit entfernt also davon, solche sogenannte kritische Aus-
leerungen zu erwarten oder herbeizuwünschen, ist unser Bestre-
ben stets dahin gerichtet, da, wo sie aufgetreten sind, so bald
als möglich zu tilgen, selbst auch in den Fällen, wo man
durch die innormale Beschaffenheit des Ausgeleerten zu
dem Glauben verleitet werden könnte, dass die Entfernung
desselben erforderlich und zuträglich wäre. Die Bildung
und Absonderung solcher entarteten Stoffe ist nämlich an und
für sich schon ein Theil der Krankheit, und man darf nie ver-
gessen, dass das Ausgeschiedene keineswegs die Ursache, son-
dern lediglich das unerwünschte Produkt derselben ist, welches
eines Theils ohne die Krankheit nicht entstehen kann, und
andern Theils ohne Heilung der Krankheit sich jederzeit von
Neuem wieder erzeugt. 36)
36) In manchen fieberhaften Krankheiten sieht man deutlich, wie die
anatomisch-pathologischen Zeichen sich erst allmählich durch das Fieber
22 I- Buch. Aphorism 3.
Erwägt man dabei endlich nocb, dass sämmtliche unge-
wöhnliche Ausleerungen dieser Art mehr oder weniger zur Schwä-
chung der organischen Kräfte beitragen, die doch bei der
Herstellung jederzeit die Hauptrolle spielen: so wird man leicht
einsehen, dass die Homöopathie alle Ursache hat, derartigen
Abnormitäten möglichst bald hemmend entgegenzutreten und
schleunigst solche Arzneien anzuwenden, welche, neben ihrer
sonstigen Angemessenheit für die Krankheit selbst, auch noch
diesem Zwecke entsprechen, und ohnedem nicht genau homöo-
pathisch gewählt wären.37)
5. Eine von Gesundheit strotzende Leibesbeschaffenheit,
wie jene der Wettkämpfer, ist unsicher, sobald sie
den höchsten Grad erreicht hat, weil sie sich nicht
auf derselben Höhe erhalten kann. Da sie nämlich
nicht in der Ruhe verharrt und keiner Steigerung
mehr fähig ist, so muss sie notwendigerweise wieder
abnehmen. Daher ist es rathsam, diese bis zur äusser-
sten Höhe angelangte Wohlleibigkeit ungesäumt herab-
zustimmen, damit der Körper wieder zu einer erneu-
erten Zunahme befähigt werde. — Dennoch hüte man
sich, diese Herabstimmung allzuweit zu treiben, weil
auch dieses Nachtheil bringen würde, und bemesse
das einzuschlagende Verfahren genau nach der Eigen-
thümlichkeit jeder Persönlichkeit. Es ist demnach be
greifiich, dass die übermässigen Ausleerungen nicht
minder gefährlich sind, als die äusserste Ueberfüllung. 38)
und als Producte desselben ausbilden. So sagt auch H. Boerhaave (Aphor.
1384), nachdem er das Blatternfieber beschrieben: ,,Initio hujus Status cruor
venit missus pulcher saluberrimoque simillimus; secundo, tertio, quarto
die jam instar pleuritici et inflammati cernitur, eo plus, quo plus duravit et
vehementius fuit, malum."
„Die kritischen Ausleerungen" — sagt U. G. Schäffer in seinen Ver-
suchen — „entscheiden eigentlich keineswegs die Krankheiten, sondern
sind nur Wirkungen und Zeichen der bereits geschehenen Entscheidung."
37) Die Arzneien richten vollends im Unterleibe nichts als Zer-
störung an, sie verderben und lösen Alles auf, was vorhanden ist, und er-
zeugen dadurch weit mehr überflüssige Säfte, als sie austreiben.
Plutarch, moral. Sehr. II., 40.
38) In den Tischreden des Plutarch (V., 7.,) wird die Ursache der Ge-
sundheitsabnahme (Aph. I. 3) dem „Be schreien" zugeschrieben. „Wenn also
I. Buch. Aphorism 3. 23
Dieser Aphorism soll offenbar zur Erläuterung des Vorher-
gehenden dienen. Indessen ist bei vorurtheilsfreier Betrachtung
nicht zu verkennen, dass dabei etwas Sophistik mit unter-
läuft. Das vollkommene Wohlbefinden ist hier nämlich ohne
Zweifel verwechselt mit dem Zustande eines Menschen,
welcher durch übermässige körperliche Pflege jeder Art dahin
gelangt ist, mehr das äussere Bild eines mastigen, üb er lull-
ten und plethorischen Körpers darzustellen, als eines solchen,
dessen organische Functionen nach allen Seiten hin in der ge-
regeltsten, naturgemässen Ordnung sind, und der so» den Typus
einer vo 1 1 k o m m e n e n Gesundheit ausspricht, weil Alles, sowohl
Geist als Körper, bei ihm in einem gehörigen Ebenmaasse
steht.39) Es ist leicht begreiflich, dass jener überfütterte Mensch
in solchem Zustande nicht dauernd verharren kann, und dass
früher oder später, oft durch geringfügige Veranlassung, eine
Störung eintreten muss, die um so gefährlicher ist, je höher die
Ueberfüllung gesteigert war.
Um eine solche Persönlichkeit aber auf das gehörige Maass
von Körperfülle zurückzuführen, bedarf es keineswegs der aus-
Jemand" — heisst es daselbst — „auf einmal an Körperfülle ausseror-
dentlich zugenommen hat, und sich in einem, seine Erwartung übertreffen-
den Zustande erblickt, ja sich wohl gar mit Verwunderung betrachtet, so ist
der Körper schon seiner Veränderung nahe, und weil nun dessen Befinden
sich plötzlich verschlimmert, so sagt man von einem solchen, dass ersieh
selbst beschrieen habe." — Dieses „Beschreien" oder „Berufen",
welches die Griechen ßuGKcdvew, die Römer fascinare nannten, und (nach
Aristoteles probl. 20, 34) durch dreimaliges Ausspucken abgewandt
wurde, besteht noch heutiges Tages und veranlasst manchen Abergläubigen
zu dreimaligem Ausrufen des Wortes: Unberufen! oder Unbesehrieen i
Wenn übrigens dieses Berufen unverkennbar mit dem „mal occhio" der
Südländer verwandt ist: so ist doch das „second sight" der Nordländer,
welches bei uns „Vorgesichte" heisst, davon sehr verschieden, obwohl beide
einer immateriellen Welt angehören, und ihre Wirklichkeit von den Meisten
heutiges Tages bezweifelt wird.
39) Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano,
Juvenalis Satyr. 12,
24 !• Buch. Aphorisra 3.
leerenden und abschwächenden Mittel, selbst dann nicht,
wenn eine krankhafte Disposition im Hintergrunde liegt, oder
bereits in geringem Grade vorhanden ist, sondern nur einer
vernünftigen, diätischen Lebensweise, wie sie jeder
Mensch im gesunden Zustande befolgen sollte, wenn er seine
Gesundheit ungetrübt erhalten will. Solcher Beispiele von fort-
dauerndem Wohlbefinden giebt es aller Orten, und es würde
deren noch mehr geben, wenn jene naturgemässe Diät über-
all strenge be folgt und dabei alles Arzneiliche noch sorg-
fälliger vermieden würde. Das Letztere gilt am Meisten von
solchen heftig eingreifenden' Mitteln, die nicht blos das Er-
krankte, sondern auch das Gesunde im lebenden Organis-
mus zu affiziren und zu alteriren vermögend sind. Dieses ver-
meidet man aber in vorzüglichem Grade durch die Eigenthüm-
lichkeit der homöopathischen Arzneigaben, welche eben ihrer
Kleinheit wegen nur auf den, durch irgend eine Krankheit vor-
zugsweise für ähnliche Reize empfänglich gemachten Körper-
theil ihre Wirkung thun, alles Uebrige aber, was gesund
ist, völlig unberührt lassen.40)
Hierin liegt ein äussert erheblicher Vortheil der homöopa-
thischen Behandlung, namentlich auch bei leichteren Störungen
der Gesundheit, der kaum überschätzt werden kann.41)
40) Die kleinste Gabe ist durch Riechen an die Arznei, welche,
nachdem bereits die Beddoe 'sehen Versuche Hufeland darauf aufmerk-
sam gemacht hatten, (Journ. d. p. Heilk. I. 3) durch Hahneinann vervoll-
kommnet und bis zu dessen Ende angewendet, von unseren jüngeren
Adepten aber (ungeprüft) verworfen wurde, um wieder zu den Tropfen zu-
rückzukehren.
Dr. Roger hatte (nach der Gaz. d. Hopitaux) einem Ckolerakranken
gepulverte Ipecacuanha verschrieben, a trois prises zu nehmen. Der Wär-
ter verabreichte es daher als Schnupftabak, worauf ungeheures Niesen ein-
trat und der Patient in kurzer Zeit genesen war.
41) Die von Berzelius entdeckte und mit dem Worte: „Katalyse"
bezeichnete Kraft wird vielleicht in der Chemie, sicher aber in der
Therapie, noch zu Entdeckungen führen, die man sich bisher nicht hat
träumen lassen.
I. Buch. Aphorism 4. 25
Mit der Schluss-Phrase dieses Aphorisms sind wir natürlich
alle vollkommen einverstanden.
Eine allzu magere und zu wenig nährende Diät ist in
langwierigen Krankheiten überhaupt immer, aber auch
in denjenigen Hitzigen, wo sie nicht durchaus ange-
zeigt ist, jedesmal bedenklich. Eine übermässige Ent-
haltsamkeit ist häufig in demselben Maasse nachtheilig,
wie eine allzu grosse Ueberfüllung.
Zum besseren Verständniss dieses Aphorisms ist es dien-
lich zu wissen, dass zu den Zeiten des Hippokrates und noch
lange nachher die Diät für Kranke vier Abstufungen hatte. Die
Gelindeste war die einfach Magere (victus tenuis), wobei zwar
meistens nur Gerstenschleim, Gerstensuppe und Honigwasser
gestattet wurde, aber ohne das Maass derselben zu beschränken.
Bei der streng Mageren (exquisite tenuis) wurden von den
vorstehenden Lebensmitteln nur geringe Quantitäten zugestanden.
Bei der Magersten (tenuissimus) blieb nur noch der Gennss
des Honigwassers erlaubt und alles Andere verboten; und end-
lich bei der Aller magersten (extreme tenuissimus) war
gänzliche Enthaltung von allen Speisen und Getränken vor-
geschrieben.
Unter solchen Verhältnissen ist es leicht begreiflich, dass
ein aufmerksamer Beobachter, wie Hippokrates, sehr bald die
grossen Nachtheile erkennen musste, 42) welche durch übertrie-
benen Diät-Unfug verursacht wurde, der den Kranken nicht
nur obendrein noch zu den Qualen des Hungers verurtheilte,
sondern gleichzeitig dessen Kräfte immer mehr erschöpfte, das
heisst mit einfachen Worten: den Kranken immer kränker,
hinfälliger und elender machte. Daher hatte der Altvater
42) Die Abneigung des Hippokrates gegen alle eigentlichen Hunger-
kuren weiset Plinius (XXII. 66,) nach und sagt bei dieser Gelegenheit von
ihm: „tanturn remotus sb istis, qui medicinam farne exercent/'
26 I- Buch. Aphorism 4.
der Heilkuiist die dringendste Veranlassung, diesem Unwesen
kräftig entgegenzutreten, und das Unheilvolle eines solchen
Verfahrens gebührend zu rügen, wie er dies in dem vorstehen-
den und in dem nachfolgenden Aphorism gethan hat.43)
Wenn dies nun auch von der Allopathie anerkannt ist, und
die sogenannten Hungerkuren immer seltener vorkommen:
so ist doch der Unterschied zwischen ihrer Diät und jener,
welche die Homöopathie vorschreibt, ein sehr grosser und
wesentlicher. Die Allopathie trennt nämlich hei weitem nicht
so genau und durchgreifend die Nahrungsmittel von den
Arzneimitteln, wie wir es thun.44) Wir rechnen nämlich zu
den Letzteren Alles, ohne Ausnahme, was das Vermögen
besitzt, das Befinden des Menschen um z u an dem, während
Jene in dieser Beziehung, wie man es zu nennen pflegt, in-
different sind, und lediglich dazu dienen, den Körper zu
nähren.45)
Da nun aber jede arzneikräftige Substanz, eben durch ihre
Kraft und Eigenschaft das Befinden umzustimmen, jeder an-
43) Hippokrates rechnete deshalb zu der Dätetik auch noch das
dvccKOuifeiv, nämlich die Restauration des Kranken durch Speisen und
Getränke.
44) Als im Anfange des vorigen Jahrhunderts die Bäcker in Paris
anfingen, Hefen aus Flandern zu beziehen, und damit besseres Brot zu be-
reiten, als mit dem bisherigen Sauerteige, da erhob sich die dortige me-
dizinische Fakultät und erklärte dies Verfahren als ein der Gesundheit
schädliches, worauf denn auch ein Verbot von der Regierung erfolgte.
Jetzt ist diese Bereitungsart nach allen Richtungen hin verbreitet.
45) Quae corpus mere nutriunt, Alimenta; quae vero Sanum hominis
statum (vel parva quantitate) in aegrotum, ideoque aegrotum in sanum mil-
iare valent, Medicamenta appellantur.
Halmemann, Fragm. praef. p. 1.
Das Wort <&ttQ(iccxov bedeutet bei den Griechen: 1. Heilmittel.
2. Gift, 3. Zaubermittel, 4. Färbemittel (Schminke). Zum inner-
lichen Gebrauche nimmt Homer es stets im schädlichen (giftigen) Sinne;
nur zum äusserlichen Gebrauche (in Verbindung mit Ttdocco, auf-
streuen) finden wir es bei ihm (Jl. V. 401 und Jl. XI, 515.,) als schmerz-
stillendes Mittel. — Ein Mehreres hierüber findet sich S. 232, in unserm
Lesebuche : „Die Homöopathie u. s. w. Münster bei Coppenrath, 1834."
I. Buch. Aphorism 4. 27
dem Arznei in ihrer Wirksamkeit derselben Art hindernd oder
störend in den Weg tritt: so ist es nicht mehr wie natürlich,
dass sie überall da vermieden werden muss, wo bereits eine
andere gegeben, und dieser die beabsichtigte Umsthnmung zu-
gelheilt ist. Es gehört demnach wesentlich und in der ersten
Linie zur Diät der Homöopathie, dass weder zwei oder
mehrere Arzneien gleichzeitig, wenn auch nur die Eine
äusserlich und die Andere innerlich, angewendet werden dürfen,
sondern auch, dass alle Nahrungsmittel und andere,' als
Lebensbedürfniss eingeführte, meistens sehr entbehrliche Dinge
frei sind von aller und jeder Arzneikraft, welche als
solche fremdartig auf den Organismus einwirken und solcher-
gestalt das Heilgeschäft beeinträchtigen könnte.46)
Nicht minder abweichend von der Diät der Allopathie ist
jene der Homöopathie, wenn es sich um die Quantität der
erlaubten (unarzneilichen) Nahrungsmittel handelt. In hei
Weitem den meisten Fällen giebt die Natur und das Verla n-
46) Auffallend ist, was Celsus (II, 18) über die Nahrhaftigkeit einiger
Speisen sagt, wo er Hasenfleisch, Vögel und gesalzene Fische zu
den minder Nährenden rechnet, und Brot und Hülsenfrüchte allem
Andern vorzieht. In unsern Lehrbüchern, welche di£ Stufenfolge der
Nahrhaftigkeit nach dem Stickstoffgehalte berechnen, steht der gesal-
zene Fisch (Häring) fast an der Spitze, und ganz am Ende der Eeis,
der zu den Getreidearten gehört, und wovon viele Millionen Menschen fast
ausschliesslich leben. — Auch hier ist noch Manches aufzuräumen, trotz
Liebig und Boussignault und neuerdings Wolff in seinen Futtertabellen.
Die Viehfütterungsversuche von Henneberg und Stohmann haben aufs
Entschiedenste bewiesen, dass die in den meisten chemichen Agentien völlig
unlösbare Holzfaser nicht nur verdaulich, sondern gar leichter verdaulich,
als manche anderen im Wasser lösliche, stickstofffreie Verbindungen, mit-
hin ihre Nährkraft nicht mehr zu bezweifeln ist.
H. Boerhaave (Aphor. 28) bezeichnet folgendermaassen die nahrhaftesten
Dinge: Lac, Ova, Jura carnium, decocta panis bene fermentati, vina
austera, primaria sunt .
Cullen (in seiner Mat. med., übersetzt von Hahnemann, Band I,. Seite
305) hält den Eeis für nahrhafter, als jedes andere Korn ; und in der An-
merkung (a. O. S. 306) findet Hahnemann eine besondere Nützlichkeit des
Reises darin, dass er „unter allen mehligen Dingen am spätesten in Gährung
und Säure übergehe."
28 I- Buch. Aphorism 4.
gen des Kranken den richtigen Maassstab ab, und nur unter
seltenen Umständen hat der Arzt nöthig, dabei abweichende
Vorschriften zu ertheilen. In der Regel lassen wir essen, so
oft der Hunger, und Trinken, so oft der Durst sich ein-
stellt, und meistens von beiden soviel, bis das Bedürfniss in ge-
nügender Weise befriedigt ist. Nur allein in den selteneren
Fällen, wo eine widernatürliche Esslust bei noch ge-
schwächten Verdauungs-Organen sich einstellt, wie man dies
z. B. in der Reconvalescenz von einigen Arten von Nervenfie-
bern zu beobachten Gelegenheit findet, da entziehen wir dem
Genesenden keineswegs die dringend verlangte Nahrung, aber
geben dabei die gemessene Weisung, jedesmal nur wenig,
und nicht bis zur völligen Sättigung, dagegen um so öfter
Speise zu nehmen, um Nachtheilen vorzubeugen, welche die un-
ausbleibliche Folge von Ueberfüllung und Magenverderb sein
würden. — Was die von Böswilligen oder Unwissenden
verbreitete Fabel anbelangt, als wäre die Homöopathie nichts
als eine Hungerkur, und ihre Heilungen wären lediglich ihrer
Diät zuzuschreiben: so ist dieser Unsinn allzu handgreiflich,
als dass es der Mühe lohnte, darüber ein Wort zu verlieren.
Die beste Entgegnung auf derartigen Aberwitz dürfte die
einfache Frage sein: aus welchem Grunde sie selbst nicht
ebenfalls dieselbe Diät vorschrieben, nachdem sie die Erfolge
von Dieser allein abhängig erklärten?47)
Die Geschichte hat es aufbewahrt, dass der tapfere englische Verthei-
diger von Gibraltar, Lord Elliot, acht Tage lang von nichts Anderem
als täglich vier Loth Reis lebte.
Ungeachtet Sydenham's Lob des Don Quixote, ist doch der von D.
Eetio (IV, 15) augeführte hippokratische Aphorism nicht nur falsch, sondern
widerspricht auch der Schola salernitana (CXXIX), worin zufolge Galenits
(de alim. c. 10) und Avicenna (2. Canon, c. 186) das Rebhuhn als ein
besonders zuträglicher Braten gerühmt wird. Man muss also jenem Lob-
spruche ein anderes (ironisches) Motiv unterlegen.
47) Je höher man in der Geschichte der Medizin bis zu ihren ersten
I. Buch. Aphorism 5. 29
Eine magere Diät ist für den Kranken gefährlich, in-
dem sie leicht Veranlassung zu Nachtheil herbeiführen
kann. Denn jeder Fehler, welcher dabei begangen
wird, hat schädlichere Folgen, als wenn sie reichlicher
ist. Aus demselben Grunde ist auch dem Gesunden
die stete Befolgung einer allzu mageren und regel-
mässigen Diät keineswegs anzuratheu, weil jede Ab-
weichung davon hinterher um so härter gebüsst werden
niuss. Eine allzu enthaltsame und übergenau geregelte
Lebensweise iu gesuudeu Tagen ist deshalb unsicherer,
als eine nahrhaftere und weniger strenge.
Dieser Aphorism ist eigentlich eine Fortsetzung des vorigen,
erweitert jedoch die darin für den Kranken gegebenen Vor-
schriften, indem er diese auch für den Gesunden in Anwen-
dung bringt. Die hier gegebenen Lehren gehören aber im
Grunde keiner besonderen Schule als ausschliessliches Eigen-
thum an, sondern müssen sowohl von der Allopathie, als von
der Homöopathie als die einzig richtige Ansicht über diesen
Gegenstand zugestanden werden. Wie nämlich Bewegung und
freie Luft, ohne ängstliche Rücksicht auf Temperatur und Wit-
Anfängen hinaufsteigt, um desto mehr treffen wir bei der Ausübung der-
selben auf mystische und abergläubische Gebräuche. Als diese später all-
mählich einer fortschreitenden Cultur weichen mussten, trat an ihre Stelle
eine früher vernachlässigte Diätetik, welche nun aber ebenfalls die Grenze
des Zulässigen überschritt, indem auch Diese wieder dasjenige ersetzen
sollte, was das Medikament für sich zu leisten unfähig war. Je mehr
Aeusserliehkeiten und Nebendinge, desto mangelhafter die Wissenschaft! —
Alles dieses fällt nun aber bei der Homöopathie gänzlich fort, indem sie
jedes trügerische Blendwerk verabscheut, jede unnöthige Entbehrung ver-
meidet, und lediglich darauf besteht, dass der Wirksamkeit ihrer Mittel
kein Hinderniss entgegengesetzt werde.
Theurer freilich kommt jener Menge, die nichts Eigenthümliches aufzu-
weisen hat, und immer nur fehlgreift, das Anerkennen fremder Verdienste,
oder das Aufgeben eigner Vortheile zu stehen; und wohlfeiler als der stille
Fleiss des Beobachters ist jener laute Witz des Lustigmachers, der nichts
kostet als das Preigeben eigener Unwissenheit — vor unwissenden Zu-
hörern — sind jene Wortspiele und Einfälle, die zuletzt nur lächerlich
sind, aber Nichts und Niemand, als etwa ihren Urheber, lächerlich machen.
Jochmann, Briefe eines homöop. Geheilten, S. 9.
30 !■ Buch. Aphorism 5.
terung, ein unumgängliches Lebensbedürfniss sind, ohne welches
auf die Dauer kein körperliches Wohlbefinden bestehen kann:
so verhält es sich auch mit dem Ernährungs-Process e.
Bei beständig gleichförmiger, weichlicher und leicht zu
verdauender Rost kann der Mensch eben so wenig eine
kernige und ungetrübte Gesundheit erhalten, als wenn
er sich beständig in der Stube einschliesst, vor jedem Lüftchen
verwahrt, und jeden Temperaturwechsel und jede Anstrengung
vermeidet.48) Dies Alles ist so klar und so sehr überall durch
die Erfahrung bestätigt, dass es darüber keiner weiteren Worte
zu bedürfen scheint, als bloss der einfachen Warnung, sich vor
jedem Ueb er maasse, sowohl in der einen, als in der andern
Richtung zu hüten.49)
Indessen dürfte hier noch eine passende Stelle sein, um
der, namentlich unter den höheren Ständen, besonders bei Frauen,
viel verbreiteten Gewohnheit Erwähnung zu thun, wo neben
der üblichen, weichlichen und sparsamen Diät noch allerlei arz-
neiliche Nebenmittel angewendet werden, um, wie es heisst,
die Verdauung oder den Stuhlgang zu befördern.50) Wie
verkehrt dies Verfahren ist, leuchtet schon aus dem Vorherge-
henden ein-, aber das Uebel selbst wird unausbleiblich um so
schneller und sicherer auf den Gipfel getrieben, je öfter und
wirksamer solche arzneiliche Angriffe auf die Lebenskraft
48) Wo die Lebensweise und Verhältnisse Mangel an hinreichender
Körperbewegung mit sich bringen, da kann oft das Tanzen nützlich wer-
den, wenn es nur mit Maass geschieht, und dabei die nöthige Vorsorge
gegen Ueberhitzung, Erkältung, Kalttrinken u. s. w. getroffen wird. Siehe
J. L. Dorer, de saltatione sanitatem conservante, morbos inducente, indi-
cante, curante. Argent. 17621
49) Wer seine Gesundheit durch Kühe und Schonung zu erhalten ge-
denkt, ist demjenigen gleich, der nicht sehen oder sprechen will, um seine
Augen oder seine Stimme gut zu erhalten.
Plutarch, moral. Sehr. II, 42.
50) Cavendum, ne in seeunda valetudine adversa praesidia consu-
mantur. Celsus, I., 1.
I. Buch. Apliorism 6. 31
wiederholt werden, bis sich endlich eine Arzneikrankheit
ausgebildet hat, welche sich durch nichts von einer natürlichen
Krankheit unterscheidet, als etwa dadurch, dass sie langwieriger
und schwieriger zu heilen ist. 51)
6. Die heftig-sten Krankheiten werden auch am Besten
mit den heftigsten Mitteln, mit Vorsicht angewendet,
behandelt.
Dieser Ausspruch des Hippokrates ist einer von denen, die
vielleicht zuweilen missverstanden sind, sicher aber
vielfaches Unheil angerichtet und zahlreiche Opfer ge-
kostet haben. Der Glossator hat deshalb eben so sehr, als der
Commentator, die Pflicht zu untersuchen, wem dabei haupt-
sächlich die Schuld beizumessen ist, ob der gewichtigen Autori-
tät des Hippokrates selbst, oder der verfehlten oder missver-
standenen Anwendung des Aphorisms. 52)
Zuvörderst ist dabei die Frage zu erörtern, ob Hippokra-
tes in der That die heftigsten Arzneien, die unter den ge-
fährlichsten Giften zu suchen sind, oder vielmehr nur eine
energische Verfahrungsweise, worunter man heutigen Tages
oft die strengste Antiphlogistische versteht, mit Einschluss
aller zur Diät der damaligen Zeit gehörenden strengen Vor-
51) Nur zu häufig hat man Gelegenheit zu beobachten, dass manche
Aerzte die Nachsicht und Gefälligkeit gegen ihre Kranken (wie sie im
t7tt8rj(iLä>v xo EY.rov (IV, 7) angerathen ist, und deren Plinius XXVI, 3
heim Asclepiades rühmlichst gedenkt) bis zum Uebermaass treiben und ihnen
Genüsse und sonstige Freiheiten gestatten, welche theils an und für sich,
theils durch Vernichtung oder Alterirung der gereichten Arzneien, nothwen-
dig zu ihrem Nachtheil gereichen müssen.
52) In der Hygea X. 5 stellt der Professor Dr. Weber folgende Sätze
auf: Die Medizin ist keine positive Wissenschaft, sondern eine Freie ; sie
ist keine Apodiktische, sondern beruht auf Wahrscheinlichkeit; sie ist keine
Reine, sondern beruht auf Erfahrung; sie ist nicht blos Wissenschaft,
sondern auch eine Kunst; sie ist keine fertige Wissenschaft, sondern stets
eine Werdende.
32 I- Buch. Aphorism 6.
schriften, gemeint habe ? — Um hei Beantwortung dieser Frage
uns nicht allzuweit in das Gebiet einzulassen, welches dem ge-
lehrten Philologen gehört, benutzen wir die Befugniss des ein-
fachen Glossators, um dieselbe in Bezug auf den ersten Theil
derselben mit einem entschiedenen Ja! zu beantworten. Wir
fügen nur noch hinzu, dass wir uns genöthigt sehen, jede be-
schönigende Deutelei in Bezug auf den zweiten Theil der
obigen Frage als eine falsche Voraussetzung und unrich-
tige Interpretation anzusehen. — Zu diesem Ausspruche
finden wir die beweisenden Stellen in den Werken des Hippo-
krates selbst, und in denen seiner berühmtesten Commentatoren,
welche dies aufs Bestimmteste bestätigen und jeden Zweifel
darüber beseitigen. Um nicht unnöthiger Weise diese einfachen
Glossen mit Ci taten zu überladen, führen wir zu dem Ende nur
an: Hipp. Loc. in Hora. XXXVI, 14., und LV, 7—11; und Cels.
II, 2., wozu noch dessen bekannter Spruch kommt: Melius est
anceps periculum experiri, quam nulluni. Ferner das Galenische :
juvare cum periculo! und Cicer. de off. Cap. XXIV.
Angesichts solcher unzweideutigen Aussprüche über die Be-
deutung der „heftigsten Mittel" des Hippokrates scheint es
durchaus unzulässig, mit vielen neueren Commentatoren etwas
ganz Anderes, und namentlich hauptsächlich die Diät zu verstehen.
Selbst in unserer Zeit, wo der Arzneischatz einen Umfang
erlangt hat, womit der des Hippokrates gar keinen Vergleich zu-
lässt, giebt es der Beispiele nicht wenige, wo der Arzt in ver-
zweifelten Krankheiten, um nicht als müssiger Zuschauer da-
zustehen, zu den verzweifeltsten Mitteln greift, wie Galenus
bei der angeführten Stelle gerathen hat. Nur allein der Um-
stand, dass dieser Aphorism sich mitten zwischen Jene verirrt
hat, welche von der Diät handeln, könnte dieser Interpretation
einen Schein von Wahrheit verleihen, wenn solche Verstösse
gegen eine logische Anordnung nicht öfter vorkämen und des-
halb nicht sonderlich zu beachten wären.
I, Buch. Aphorism 6. 33
Wenn nun ferner die Frage aufgeworfen wird, welche Arzneien
Hippokrates zu den heftigsten gerechnet habe: so dürfen wir
nicht übersehen, dass zu jener Zeit von denjenigen, welche wir
heute unsere heroischen Mittel nennen, nur wenige bekannt
waren und zur Anwendung kamen. Von unseren Metallen,
die hier an der Spitze stehen, hatten sie bloss Blei, Kupfer,
Eisen und Arsenik, welche sie aber gröstentheils nur äusser-
lich anwendeten. Ihre gewöhnlichsten Arzneien waren fast aus-
schliesslich aus dem Pflanzenreiche genommen ; aber die
heftigst wirkenden von ihnen, wie Aconitum Napellus, Digitalis
purpurea, Nux vomica, Pulsatilla pratensis, Datura Stramonium,
Nicotiana, Sabadilla, Rhus Toxicodendron, Bryonia alba und
mehre andere dieser Art finden sich nicht darunter, und was
man vom Opium (nach Odyss. IV, 222) vermuthet hat, darf
wohl aus triftigen Gründen bezweifelt werden. Wir haben daher
alle Ursache anzunehmen, dass das Prädicat der Heftigkeit
sich hauptsächlich auf die Grösse und die häufige Wieder-
holung der Gabe bezieht, die man in verzweifelten Fällen bis
zu dem Grade steigerte, dass nur so eben die Grenze einer
wirklichen, tödtlichen Vergiftung nicht überschritten wurde. 53)
Im Wesen dieser Methode, durch Verstärkung und
Vervielfältigung der Dosen die Arzneien zu den heftigst wir-
kenden zu machen, und damit die heftigsten Krankheiten zu
bekämpfen, liegt aber gerade einer der wesentlichsten Unter-
schiede zwischen der Allopathie und der Homöopathie.
Durch die Theorie sowohl, als durch die Erfahrung überzeugt,
53) Ungeachtet der eingebildeten Höhe, worauf sich heute die Ko-
ryphäen der medizinischen Wissenschaften zu befinden wähnen, dürfte es
schwerlich Einen von Ihnen geben, der, wie ehedem Asklepiades, seiner
Sache so gewiss wäre, dass er seinen ganzen ärztlichen Ruf für verloren
erklärte, wenn er selbst jemals krank würde. Und in der That, wie die
Geschichte (Plinius VII, 37) meldet, starb er an einem Sturze von der
Treppe, ohne jemals krank gewesen zu sein. Jetzt sucht der kranke
Arzt jedesmal Rath und Hülfe bei einem Andern!
34 I. Buch. Aphorism ß.
dass die Heilung einer Krankheit nur durch zweckmässige
Reizung und Unterstützung der Lebensthätigkeit zu voll-
führen, und dass, bei völligster Angemessenheit der dazu ver-
wendeten Arznei, diese in den kleinsten Gaben zurei-
chend ist, um die nöthige Reaction hervorzurufen, wobei
jedes Uebermaass nur hinderlich sein kann, wählt der
Homöopath gerade umso kleinere Gaben, je an gegriffener
der Kranke ist, und wiederholt solche nur dann, wenn, bei
gleichbleibenden Zeichen, die Wirkung nicht genügt, oder allzu
früh nachlässt. 54)
Unter solchen Verhältnissen und Umständen wollen wir
daher lieber auf das Prädicat eines Hippokratischen Heilkünst-
lers Verzicht leisten, als mit der Gesundheit und dem Leben
unseres Patienten ein gefährliches Spiel treiben, und dem blossen
Zufalle anheimstellen, was wir in den meisten Fällen durch be-
sonnene Befolgung unserer Lehren und Erfahrungen mit Sicher-
heit und gefahrlos zu erreichen im Stande sind.55)
Aber gleichzeitig dürfen und wollen wir dabei nicht ver-
gessen, dass Hippokrates in seinem Zeitalter zuerzt die Schwelle
54) Die Schädlichkeit der Arzneien überhaupt, wurde schon in den
ältesten Zeiten erkannt. So sagt Celsus (V, prooem.): „Horum (mediea-
mentorum) autem usum ex magna parte Asklepiades non sine causa sustu-
lit; et, cum omnia fere medicamenta stomachum laedant, malique succi sint,
ad ipsius victus rationem potius omnem curam suam transtulit. Verum,
ut illud in plerisque morbis utilius est, sie multa admodum corporibus nos-
tris ineidere consuerunt, quae sine medicamentis ad Sanitätern pervenire
non possunt." — Trotz alledem, was jeder Arzt weiss, hat man sich von
jeher so wenig bemüht, durch sorgfältige Versuche die Quantität zu er-
fahren, welche von diesen schädlichen Dingen hinreicht, um ohne sonstigen
Nachtheil eine Krankheit zu heilen.
55) Le theoricien doit proceder selon la logique, et le praticien doit
se guicler surtout par l'observation. Au moyen de ce singulier expedient
ou de cette fiction on a pu conserver pendant des siecles des th^ories
fausses, une science menteuse, sans trop egarer la pratique; le medecin a
pu deraisonner sans nuir beaueoup ä son malade , sans se priver des
lumieres de l'experience.
Eenouard, bist, de la med. II. 513.
I. Buch. Apliorism 7. 35
einer naturgem ässen Heilkunst betrat, und dass dabei
nothwendig manche Irrthümer nicht zu vermeiden waren,
welche seine Schüler und Nachfolger, anstatt solche zu befol-
gen, vielmehr zu erkennen und zu verbessern die Pflicht hat-
ten.56) Die jetzigen waghalsigen Aerzte haben desshalb
keineswegs die Entschuldigung für sich, welche Hippo-
krates für sein, offenbar als irrationell zu bezeichnendes Ver-
fahren geltend machen konnte, und es ist vollkommen begrün-
det, wenn heutiges Tages sämmtliche gewissenhafte Aerzte
die Richtigkeit und Zuverlässigkeit solcher Afterlehre verneinen,
und sich bemühen — den gefährlichen Ausspruch zu entschul-
digen, indem sie demselben vermittelst einer mildernden Inter-
pretation einen andern Sinn unterzulegen suchen,57)
Je hitziger eine Krankheit auftritt, und je schneller
sie daher ihren Höhepunkt erreicht; desto mehr ist es
nötlrig, sofort die magerste Diät anzuwenden. Wo
dies aber nicht der Fall und reichlichere Nahrung
minder nachtheilig ist, da kann man diese in dem
Verhältnisse gestatten, wie die Krankheit noch mehr
oder weniger von ihrer Höhe entfernt ist.
56) „Die Beispiele des grossen Arztes von Kos und der empyrischen
Schule", — sagt Sprengel am Schlüsse des I. B. s. Gesch. d. Med., —
„lehren uns in diesem frühesten Zeiträume, wie die Arzneikunde bearbeitet
werden muss, wenn sie ihren Zweck erreichen soll. Belehrend, warnend,
beruhigend ruft uns die Geschichte vergangener Jahrtausende zu: aber wie
Wenige mögen ihren Ruf verstehen, wie Wenige ihn befolgen!"
57) Ueber die Meinungsverschiedenheiten der Aerzte klagt schon Plinius
(XXIX. 5) : — Hinc illae circa aegros miserae sententiarum concertationes,
nullo idem censente, ne videatur accessio alterius. Hinc illa infelicis mo-
numenti inscriptio: turba se medicorum pe risse. Mutatur ars quoti-
die toties interpolis, et ingeniorum Graeciae flatu impellimur. Palamque
est, ut quisque inter istos loquendo polleat, imperatorem illico vitae nostrae
necisque fieri: (eu vero non millia gentium sine medicis degunt, nee tarnen
sine Medicina: sicut populus Romanus ultra sexcentesimum annum, nee
ipse in aeeipiendis artibus lentus, Medicinae vero etiam avidus, donec ex-
pevtam damnavit.
36 I- Buch. Aphorism 8, 9, 10, 11.
8. Sobald eine Krankheit ihren höchsten Stand erreicht
hat, ist es erforderlich, dass man die magerste Diät
befolge.
Indessen ist dabei nicht minder sorgfältig zu erwägen,
ob der Kranke im Stande ist, bis zur Höhe der Krank-
heit eine so strenge Enthaltsamkeit auszuhalten, ob er
dadurch vielleicht vor der Zeit allzu sehr erschöpft
wird, oder ob endlich die Krankheit selbst schon bal-
digen Nachlass in Aussicht stellt.
10. Bei denjenigen Krankheiten, welche in kurzer Zeit
ihre Höhe erreichen, muss sofort die magere Diät an-
geordnet werden. Bei solchen aber, wo dies später
eintritt, muss man erst kurz vor diesem Zeitpunkte
und während desselben die Nahrung entziehen. Da-
gegen nähre man im Anfange reichlicher, damit der
Kranke später die Entbehrung um so besser ertragen
könne.
11. Während der Verschlimmerung selbst ist jede Nahrung
schädlich und muss daher völlig entzogen werden.
Eben so muss der Kranke sich derselben während der
einzelnen Anfälle enthalten, wenn solche periodisch
wiederkehren.
Wenn, wie von manchen Unwissenden vorgegeben wird, die
Homöopathie der Hauptsache nach in der Diät bestände, während
die Arznei ihrer Geringfügigkeit wegen in keinen Betracht käme:
so würden die Homöopathen durch die vorstehenden Aphorismen
befugt sein, für sich das Prädicat ä cht er hipp okra ti-
scher Aerzte zu vi.ndiziren.58) Allein bis jetzt ist es noch
Keinem von diesen eingefallen, solches zu thun, und es dürfte
schwerlich Einen unter ihnen geben, der in dem Umfange, wie
58) Moliri cibo melius est, quam medicamento.
Celsus, L. III. C. 21.
I. Buch. Aphorisin 12. 37
hier gelehrt ist, die Diät am Krankenbette zu handhaben ver-
sucht sein würde. Ueberdem klingen diese Lehrsätze in der
Theorie freilich äusserst schön und verständig, müssen aber
in der Praxis auf mancherlei Schwierigkeiten stossen,
welche die Ausführung verhindern oder gar abrathen. Am
wenigsten anwendbar sind sie jedenfalls da, wo, wie bei der
richtigen Medikation gewöhnlich, der natürliche Verlauf der
Krankheit wesentlich abgekürzt und die eigentliche Krisis
ganz vermieden wird.
12. Die Natur der Krankheiten selbst, die Jahreszeiten,
die zeitweisen Wiederholungen der Anfälle, die ent-
weder täglich oder um den andern Tag, oder nach
längeren Zwischenräumen eintreten, geben Aufklärung
über das Eigenthümliche solcher Zufälle und ihrer
Formen. Zum Beispiele möge der hitzige Seitenstich
dienen. Findet sich nämlich der Auswurf bei Zeiten
ein, so verkürzt er die Krankheit; erfolgt er aber
später, so zieht sich diese ebenfalls mehr in die
Länge. — In ähnlicher Weise findet der Arzt Be-
lehrung in dem Urin, in der Darmausleerung und in
dem Schweisse, ob nämlich die Entscheidung einer
Krankheit leicht oder schwierig ist, und ob sie daher
von längerer oder kürzerer Dauer sein wird.
Dieser Aphorism scheint lediglich die Bestimmung zu haben,
zur Vervollständigung der Lehren über die Diät zu dienen, je
nachdem der Verlauf einer Krankheit, durch keine Arznei mo-
dificirt, ein Natürlicher geblieben ist, und schneller oder lang-
samer zur Entscheidung gelangt. Eben aus dem letzten Grunde
und weil es unter den Aerzten nicht mehr Sitte ist, den müssigen
Zuschauer zu spielen und die Natur ungestört walten zu lassen,
wird in unseren Zeiten von diesem Lehrsatze nur eine seltene
und bedingte Anwendung gemacht werden können.
Wie unsicher aber solche allgemeine Anzeigen sind,
beweisen die zahlreichen Widersprüche, denen wir in den
38 I. Buch. Aphorism 13.
Schriften sowohl der altern als der jüngeren Aerzte begegnen. 59)
So haben z. B. Asklepiades und Galenus, jener in Athen, dieser
in Rom, die Schädlichkeit des Aderlasses beim Seiten-
stich beobachtet, während derselbe im Hellespont und auf
der Insel Paros wohlthuend war.60) Ebenso führt ein Com-
mentator des Hippokrates (Pittschaft) bei Gelegenheit dieses
Aphorisms an: dass, wenn die Fieber-Paroxismen antici-
piren, der Verlauf derselben kürzer, wenn sie hingegen post-
poniren, langwieriger wird; wogegen ein Anderer (Brand-
eis) gerade das Umgekehrte behauptet. Auf dergleichen
Widersprüche stösst man überall und nach allen Richtungen
hin, und das Schlimmste dabei ist, dass man sich immer nur
um generelle Namen herumdreht, worin sich die Natur über-
haupt niemals einzwängen lässt, und dass nirgends die Zeichen
und Bedingungen bestimmt und deutlich angegeben sind, un-
ter denen das Eine oder das Andere stattgefunden hat. Darin
liegt dann auch der Grund, dass solche angebliche Er-
fahrungs-Sätze, auch noch von dieser Seite betrachtet, für
uns völlig wer thl os sind, wie wir schon beim ersten Aphorism
angedeutet haben, und dass wir aus dem Studium aller dieser,
sowohl alten, als neuen Schriften, nur wenig Brauchbares schö-
pfen können.61)
13. Das höhere Greisenalter erträgt die Entziehung der
Nahrungsmittel am leichtesten; dann folgt in dieser
Beziehung das Mannesalter; und demnächst das Jüng-
59) Une science sans unite dans ses principes, sans fixite dans ses fon-
demeuts, qui flotte sans boussole aus mille vents de Pexperimentation Ia
plus arbitraire, ne saurait profiter ä la pratique que par le spectacle de
ses contradietions. Dr. Davasse.
60) Wie viel Tausenden von Menschen hat nur allein der Name Pleu-
ritis, und die Gewohnheit, diese Krankheit nur ihrem Namen, nicht ihrer
verschiedenen Natur gemäss zu behandeln, das Leben gekostet?
Hufeland kl. med. Sehr. II. 419.
61) Non interpretis munere hoc loco fungar, nee auctoris sententias
e diametro contrarias conciliare contendam. Cons. Fernel. XL VI.
I. Buch. Aphorism 13. 39
lingsalter. Am wenigsten ertragen dies die Kinder,
und vorzüglich solche, welche sehr lebhaft sind.
Dieser Lehrsatz gilt sowohl für den Gesunden, als für den
Kranken, und ist im allgemeinen vollkommen richtig. Es ist
daher um so mehr zu verwundern, dass Celsus (I, 3) damit
in einigem Widerspruche steht, wenn er Personen des höch-
sten Greisen alters (senectute confecti) in dieser Beziehung
mit den Kindern (pueris) in dieselbe Linie stellt. Zur Auf-
klärung dürfte hiebei dienen, dass die Alten das menschliche
Leben in sechs Hauptperioden, und die Letzte davon noch-
mals in drei Unterperioden eintheilten. Die erste war
nämlich die Kindheit (pueritia) von der Geburt bis zum voll-
endeten dreizehnten Lebensjahre; die zweite die Mannbar-
keit (pubertas) bis zum Achtzehnten; dann die dritte die
Adoleszenz (adolescentia) bis zum Fünfundzwanzigsten, und
hiernach die Jugend (Juventus) bis zum Fünfunddreissigsten.
Nun erst kommt das männliche Alter (aetas virilis), welches
bis zum fünfzigsten Jahre dauert, und wonach das Alter be-
ginnt. Diese letzte Periode (senectus) zerfällt in drei Unter-
perioden, nämlich: in das kräftige Alter, (senectus virilis)
vom fünfzigsten bis zum sechzigsten Jahre, in das zweite Alter
(senectus secunda) vom sechzigsten bis zum siebenzigsten Jahre,
und endlich das vollendete Qreisenalter (senectus confecta)
vom siebenzigsten Jahre bis zum Tode62) (welche letzte Stufe
der Glossator schon seit einigen Jahren betreten hat). In die-
sem Greise nalter nähert sich der Mensch freilich wieder
62) Pythagoras theilte das menschliche Leben in vier gleiche Theile:
vom 1. bis zum 20 Jahre sei man ein Kind, vom 20. bis zum 40. ein
junger Mensch, vom 40. bis zum 60. erst ein Mensch, vom 60. bis zum
80. .ein alter, abnehmender Mensch, und nach dieser Zeit rechnete er Nie-
mand mehr unter die Lebendigen, er möge auch noch so lange leben als
er wolle.
AQ I. Buch. Aphorism 14.
gewissermaassen dem K in d liehen, aber in unsern nördlichen Län-
dern später, als in den Südlichen, und am spätesten bei solchen
Personen, welche durchweg ein regel- und ordnungsmässi-
ges Leben führen, und die mitunter vorkommenden Beschwer-
den (durch homöopathische Mittel) schnell und leicht be-
seitigen, ohne dabei den übrigen gesunden Theil des Or-
ganismus im Mindesten anzugreifen.63) Ob aber, im Wider-
spruche mit Hippokrates, solche vollendete Greise in Beziehung
auf die Ernährung mit den Kindern in gleicher Linie stehen,
dürfte schwer anzunehmen sein und wenigstens sehr zahlreiche
Ausnahmen nöthig machen.
14. So lange der Mensch noch im Wachsthume begriffen
ist, hat er die meiste Wärme in sich, und bedarf
daher der reichlichsten Nahrung, indem sich sonst der
Körper innerlich aufzehren würde. Alte Leute hin-
gegen haben wenig Wärme und bedürfen daher auch
weniger Nahrung, deren Uebermaass ihnen eher nach-
theilig sein würde. — Eben aus derselben Ursache,
weil die Alten kalter Natur sind, treten bei ihnen
auch die Fieber mit geringerer Heftigkeit auf. 64)
63) Dass selbst berühmte Aerzte nicht frei waren von dem Wahne,
durch Arzneien das Leben zu verlängern, beweist van Helmont, welcher
vermittelst seines Elixir proprietatis dasselbe weit über hundert Jahre zu
bringen versprach, solches aber für sich selbst nicht bis zum Fünfzigsten
brachte. — Wir wissen nicht, ob und worin dieses verschieden ist von dem
Elixir proprietatis Paracelsi, welches noch heute unsere Pharmakopoen
führen.
64) Bei Gelegenheit von Cullens Ausspruch über die grössere Nahr-
haftigkeit und leichtere Verdaulichkeit des Fleisches von völlig ausgewachsenen
Thieren, sagt Hahnemann (Mat. med. I, 405) in der Anmerkung: — „Was
wird die gewöhnliche Zunft der Aerzte hiezu sagen, die nichts für leicht
verdaulich hält, als was zu weichem Brei durch Kochen wird? Nur recht
junge Hühner, recht zartes Kalb- und Lammfleisch, recht weich gekocht,
heisst ihnen leicht verdaulichst für den schlaffsten Magen; Roastbeef müsse
entsetzlich lange unverdaut im Magen liegen, glauben sie, und doch wider-
legt sie alle Erfahrung. — Aber dagegen können sie auch nicht begreifen,
dass der Magen nicht die Speisen durch seine Muskelkraft zerreibe, nicht,
I. Buch. Aphorism 14. 41
Es geht dem Hippokrates an dieser Stelle, wie fast allen
seinen Vorgängern, bis auf unsere Zeit herab. Man begnügt
sich nicht mit der einfachen Thatsache, wie die Erfahrung
sie angiebt, sondern man will sie auch erklären. Dieses Sym-
ptom einer gründlichen Wissbegierde, das allerdings an und für
sich überaus ehrenwerth ist, scheint jedem Menschen eingeboren,
und ein Attribut seines zum Denken und Combiniren geneigten
Geistes zu sein.65) Wenn man aber fragt, was eigentlich unter
Erklärung einer Sache verstanden wird, so muss man ant-
worten: dass damit auf eine Gleichförmigkeit oder Aehn-
lichkeit mit irgend einer andern bekannten Erscheinung in
der Natur hingewiesen wird, und zwar oft auf eine solche, die
man, wenn man sie etwas genauer beleuchtet, ihrem Wesen
nach ebenso wenig begreift, als die zu Erklärende, obwohl
sie übrigens keinem Zweifel unterliegt und täglich vor unsern
Augen vorgeht. Im Grunde haben daher solche Erklärungen
mehr die Eigenschaft eines Gleichnisses, und wenn es im
Sprichworte heisst: omnis comparatio Claudicat; so darf dieses
claudicare, (wie Corn. Nepos im Agesilaus sagt) nur auf einem
Beine stattfinden, weil sonst der Vergleich nicht mehr bloss
hinkt, sondern ganz lahm und unbrauchbar wird66)
dass die Speisen anders zum gleichartigen Chymus werden, als durch eine
Art von Kochung, wie in unseren Küchentöpfen, oder wie im Digestor.
Daher sie fleissig hei der Mahlzeit zu trinken rathen, damit alles recht
weich gekocht werde. Dass ungekaut und ungekocht verschluckter, magerer
Schinken vom lauen Magensafte leicht zum Zerfliessen gebracht werde,
können sie sich nicht einhilden."
65) Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh,
Gott gab dir die Vernunft, und du gehrauchst sie nie.
Haller.
66) Argumentum concludit, sed non certificat, neque removet dubita-
tionem, ut quiescat animus in intuitu veritatis, nisi eam inveniat via ex-
perientiae. Bacon, Op. maj. VI, 1.
Man wird finden, dass mit zunehmendem Alter die Ueberzeugung, man
könne in der Arzneikunst wenig oder gar nichts erklären, immer mehr zu-
nimmt. G. A. Richter, Spez. Therap. I. Einleitung.
42 !• Buch. Aphorism 14.
Hier nun wird der Verda uungs-Process, wie es auch
noch heutiges Tages geschieht, mit einer Verbrennung ver-
glichen, und jener dadurch deutlich zu machen versucht.67)
Aber auch abgesehen von der sonstigen Angemessenheit dieses
Vergleiches, darf man, um klar zu sehen, wohl einen Schritt wei-
ter gehen und fragen: was denn eigentlich eine Verbrennung
sei? — Wenn eine Verbrennung in der Auflösung und Zer-
störung der brennbaren Stoffe durch Hinzutritt des
Feuers besteht, so erstreckt sich dieser Process über Alles,
was verbrenn bar ist, ohne das Eine oder das Andere dabei zu
verschonen. Bei der Verdauung ist dies aber keineswegs
der Fall, sondern hier tritt bloss eine beschränkte Art von
Zersetzung ein, welche die Chemie in solcher Weise noch
nicht darzustellen vermochte, indem sie sich eben nicht weiter
erstreckt als nöthig ist, um diejenigen Bestand th eile der
Nahrung, welche für die Erhaltung des lebenden Kör-
pers erforderlich sind, von den dazu Unbrauchbaren abzu-
sondern, damit jene aufgenommen, diese aber ausgeschieden
werden können.68) Man sollte meinen, dass die geringen
67) Schon v. Helmont bemerkt (ort. med. p. 162) sehr richtig: „dass
die Wärme die Verdauung gar nicht befördert, denn diese geht in der
stärksten Fieberhitze nicht besser von Statten, als in Fischen, die der
thierischen Wärme der Säugethiere durchaus entbehren."
68) Aeusserst wahr und treffend sagt Hufeland in seiner Makrobiotik
(I, 7): — „Unaufhörlich werden neue Bestandteile aus der ganzen uns
umgebenden Natur anfgefasst, aus dem todten Zustande zum Leben hervor-
gerufen, aus der chemischen in die organische belebte Welt versetzt, und
aus diesen ungleichartigen Theilen durch die schöpferische Lebenskraft ein
neues, gleichförmiges Produkt erzeugt, dem in allen Punkten der Charakter
des Lebens eingeprägt ist. Aber eben so unaufhörlich verlassen die ge-
brauchten, abgenützten und verdorbenen Bestandtheile diese Verbindung
wieder, gehorchen den mechanischen und chemischen Kräften, die mit den
Lebenden in beständigem Kampfe stehen, treten so wieder aus der or-
ganischen in die chemische Welt über, und werden wieder ein Eigenthuin
der allgemeinen unbelebten Natur, aus der sie auf kurze Zeit ausgetre-
ten waren."
I. Buch. Aphorism 14. 43
Aehnlichkeiten, welche sich dabei mit der eigentlichen
Verbrennung darstellen, nicht hinreichen dürften, um beide
für identisch, oder auch nur für ähnlich anzusehen. Vielmehr
wird auch hier der vorurtheilsfreie Beobachter wieder eine
Erscheinung wahrnehmen, welche ihm die grossen Unter-
schiede erkennen lässt, die zwischen der lebenden und der
todten oder abgestorbenen Natur bestehen, und die ihn
warnen, die che mischen Vorgänge69) bei todten Körpern
nicht mit den organischen Processen zu verwechseln,
welche in einem Körper vor sich gehen, so lange dieser von
einer höheren, immateriellen Dynamis beherrscht und in allen
seinen Thätigkeiten geleitet wird.70)
Wir werden im Verfolge dieser Glossen noch öfter Gelegen-
heit haben, auf diese wesentliche und so oft übersehene Ver-
schiedenheit zwischen Leben und Tod zurückzukommen,
worüber sich der gelehrte Professor Dr. Schultz-Schultzenstein
in der ersten Sitzung der dreiunddreissigsten Versammlung
deutscher Naturforscher und Aerzte (in Bonn 1857) in so be-
redter und eindringlicher Weise ausgesprochen hat, und worauf
69) Was wir durch unsere gesunden Sinne, namentlich durch das Auge,
das Gehör, den Geruch und den Geschmack wahrnehmen und zu unterschei-
den wissen, kann weder durch die Physik, noch durch die Chemie in seiner
Eigenthümlichkeit dargestellt werden.
70) Der alte, so oft als bildliche Redefigur gehrauchte Spruch: Der
Geist beherrscht die Masse! bewahrheitet sich nirgends umfassender und
ausnahmsloser, als da, wo ein organisirter Körpertheil unter der Herrschaft
des Geistes der Lebenskraft steht.
Es entspricht im Ganzen der Erfahrung, was Plinius (XI, 118) über
die Verdauung und deren Einfiuss sagt: „Somno concoquere, corpulenttae
quam firmitati utilius. Ideo athletae malunt cibos ambulatione perficere.
Pervigilio quidem praecipue vincuntur cibi. Augerunt corpora dulcibus,
atque pinguibus et potui, minuuntur siccis et aridis frigidisque, ac siti!"
Möchten die chemischen Arzneimittellehrer doch die stets sich wieder-
holende Thatsache reiflich erwägen, dass bei der Heilung kein Verhältnis«
in der Menge zwischen der Arznei und der Krankheit besteht, mithin ein
auffallender Unterschied zwischen einem Heilungsvorgange und einem chemischen
Processe stattfindet. Dr. Stens, die Ther. uns. Zeit, S. 52.
44 !• Buch. Aphorism 15.
im Grunde das ganze System der Homöopathie begrün-
det ist.
15. Im Winter und im Frühjahre ist die natürliche Wärme
der inneren Bauchhöhle erhöht und der Schlaf ver-
längert. In diesen Jahreszeiten muss daher reich-
lichere Nahrung genommen werden, indem wegen der
vorhandenen grösseren Wärme auch eine grössere
Menge von Nahrungsstoff verbraucht wird. Den Be-
weis dafür liefern die verschiedenen Altersstufen und
die Wettkämpfer.
Wenn man auch Bedenken tragen darf, der angeführten
Begründung dieses Lehrsatzes beizustimmen, so muss man
doch die Richtigkeit der Thatsache anerkennen, welche die
Salernitanische Schule (Cap. 19) etwas vollständiger und mit Hin-
zufügung des Inhalts des 18. Aphorisms, aber ohne jene wissen-
schaftliche Verbrämung, in den folgenden, damals üblichen
leoninischen Versen ausspricht, und welche sich in solchem Ge-
wände dem Gedächtnisse leichter einprägt:
Temporibus veris modicum prandere juberis,
Sed calor aestatis dapibus nocet immoderatis.
Auctumni fructus, caveas, ne sint tibi luctus;
De mensa sume quantumvis tempore brumae.
Kälte und Wärme, eben so wie Trockenheit und
Feuchtigkeit, spielten in der alten Medizin und bis zu nicht
allzu entfernten Zeiten herunter eine grosse Rolle. Aber wenn
auch hie und da Einer sie für ein Princip ausgab, wonach die
Behandlung eines Kranken eingerichtet werden sollte , so war
doch meistens nur ihre Bestimmnng, eine wissenschaftlich
sein sollende Erklärung unbestrittener Thatsachen ab-
zugeben. Wenn deshalb auch zuweilen einlrrthum mit unter-
lief, so war der Nachtheil eben nicht erheblich, und meistens
I. Buch. Aphorism 15. 45
ohne allen Einfluss auf die empyrische Medikation, welche
vor allen Dingen nach der bisherigen Erfahrung angeordnet
und erst hinterher durch ähnliche Sprüche gleichsam illustrirt
wurde. 71)
Weit gefährlicher in ihren Folgen auf die Praxis war
ohne Zweifel der Erklärungs-Versuch einiger neuen Phy-
siologen, welche die unbestrittenen T hat Sachen lediglich auf
Rechnung des zwischen dem Magen und der Haut stattfinden-
den Antagonismus setzten.72) Ihnen zu Folge sollte näm-
lich die Verminderung der Hautausdünstung im Winter
eine Vermehrung der Absonderung des Magensaftes, und
eben so das Gegentheil im Sommer von dem umgekehrten Ver-
hältnisse eine natürliche Folge sein. Darnach würde es als ein
durchaus rationelles Verfahren erscheinen, wenn der Arzt, um
den Appetit zu heben, und um die Verdauung zu beför-
dern, die Hautthätigkeit künstlich verminderte, oder gar
unterdrückte, was glücklicher Weise nicht leicht gelingen,
aber zuverlässig den beabsichtigten Zweck durchaus verfehlen
würde.73) Aber zur Ehre des Hippokrates und seiner Schüler
möge hinzugefügt werden, dass ein solches Unheil- Verfahren wohl
niemals bei einem verständigen Arzte zur Ausführung gekom-
men ist, und dass in diesem Aphorism wohl hauptsächlich nur
eine, zur Erleichterung des Kranken dienende Modifikation in
71) Les logiciens, et ceux qui jugent des maladies par leur propre en-
tendement, le plus souvent sont homicides. Breche, p. 231.
72) Tout medecin de boune foi sera oblige de recounaitre, que les
travaux des anatomo-pathologistes, pris dans leur ensemble, ont ete d'un
bien faible secours, jusqu'ici, ä la pratique medicale.
Leon Simon, Exposition, p. 394.
73) Er — (der Arzt der physiologischen Schule) — könnte ferner mit
dem gleichen Rechte behaupten, es sei unbegreiflich, daher auch nicht mög-
lich, dass dasselbe Sonnenlicht das Wachs bleiche und das Chlorsilber
schwärze, weil dieselbe Ursache nicht verschiedene Wirkungen haben könne.
Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnl.-Gesetz, §. 70.
46 I- Buch. Aphorism 16.
der überstrengen Diät, wie die Alten sie vorgeschrieben, beab-
sichtigt wurde. 74)
1 (3. Flüssige Nahrungsmittel sind allen Fieberkranken zu-
träglich, am meisten aber Kindern und denen, die an
eine solche Diät gewöhnt sind.
Es ist eine alte und constante Erfahrung, dass in den mei-
sten Fällen die Fieber, worunter hier wohl hauptsächlich die
Fieberhitze zu verstehen ist, von Durst begleitet sind, und
dass die Befriedigung desselben durch Trinken75) von der Natur
selbst angeordnet ist. 76) In so weit also spricht dieser Aphorism
74) Unter den Alten war ohne Zweifel Herophilus der gelehrteste Ana-
tom; aher er hatte auch, nach dem Zeugnisse des Celsus (in praef.) zahl-
reiche Verbrecher lebendig geöffnet, weshalb ihn Tertullianus (de anima
c. 10.) „medicus aut lanius" nennt, der sechshundert lebende Men-
schen aufgeschnitten habe, um die Natur zu studiren.
Ein Bursche, der über einem Cadaver nicht das feinste Essen vergisst,
wird nie ein tüchtiger Anatom. Dr. Mausard.
„Wir können die Gemengtheile, welche den thierischen Körper bilden",
— gesteht selbst der wahrheitsliebende Chemiker Hermbstädt, — „nur nach
seinem Tode untersuchen und nur daraus beurtheilen, welche Veränderungen
solche gegen einander auszuüben vermögend sind. Was die Lebens-
kraft hierbei wirken kann, und wirklich wirkt, ist uns gänzlich unbekannt !
Dass aber die Actionen, welche die Bestandteile des thierischen Körpers
nach dessen Tode auf einander ausüben, wesentlich von denjenigen ver-
schieden sind, welche während der Activität der Lebenskraft stattfinden,
lehrt die Erfahrung. Wir wissen daher noch gar nicht, ob und in wie fern
die Bestandtheile des thierischen Körpers nach dem Tode noch dieselben
sind, die sie im Leben waren: wir wissen nicht, ob nicht mit dem letzten
Actus der Lebenskraft eine neue Wechselwirkung ihren Anfang nimmt und
neue Stoffe gebildet werden; und dieses muss allerdings erst noch ausge-
mittelt werden, bevor der Pathologe mit Zuversicht ein Urtheil, aus chemischen
Principien entwickelt, wagen darf."
75) Mit dem Definiren ist es oft eine eben so schwierige Sache, als
mit dem Erklären. Eine überall und unter allen Verhältnissen durchaus
gültige Dcfinirung des Trinkens, im Gegensatze zum Essen, möge als
Beispiel dienen ; obwohl man im gemeinen Leben in der Anwendung der einen
oder der anderen Bezeichnung sich wohl schwerlich jemals irrt.
76) Viele Jäger, besonders die im höheren Gebirge, kennen sehr wohl
das echt homöopathische Mittel, um in wenigen Minuten den heftigsten
I. Buch. Aphorism 16. 47
sich im Allgemeinen ganz den Forderungen der Natur gemäss
aus. — Aber, wie überall in derselben, kommen auch hier wie-
der Ausnahmen von der Regel vor, die auf Beachtung und Be-
folgung nicht minder Anspruch haben, als diese selbst. Es giebt
nämlich Fieber, welche, wie jeder Arzt weiss, ganz ohne Durst
sind; Andere, wo nur beim Froste Durst, bei der Hitze
aber gänzliche Dur stlosigkeit eintritt; bei noch Anderen
erscheint der Durst vor dem Fieber, oder zwischen Frost
und Hitze, oder erst nach dem Fieberschweisse. Alle der
artigen Verschiedenheiten, wovon Jede bekanntlich auf bestimmte
Mittel hinweist, sind für den Homöopathen von vorzüglicher
Erheblichkeit und für die Wahl der hülfreichen Arznei von weit
grösserer Wichtigkeit, als die obige allgemeine Regel. Denn eben
in solchen Ausnahmen liegen die meisten und vorzüg-
lichsten charakteristischen Zeichen, welche uns über
die Angemessenheit der Arznei die sicherste und bestimmteste
Auskunft geben.
Die ältesten Aerzte, von Hippokrates, Galenus uud Celsus
an, waren ungemeine Lobpreiser des vielen Wassertrin-
kens77) beim Fieber, und schon von dieser Zeit her schreibt
sich der alte Spruch: „bibendum aut moriendum!" Auch die,
vorzüglich in Frankreich noch sehr übliche Ptisane von einer
•
Durst zu stilleu. Wenn sie nämlich nach einer anstrengenden Fasstour,
namentlich bei schwüler Gewitterluft, triefend vor Schweiss, von einem fie-
berhaften, quälenden Durst ergriffen werden, welcher sich durch keinerlei
Getränk besänftigen lässt: so nehmen sie ein Paar kleine Körnchen Koch-
salz, lassen diese auf der Zunge zergehen, und der Durst ist sofort gänz-
lich und dauerhaft verschwunden. Wir selbst, sowie Mehrere unserer Be-
kannten, haben die Unfehlbarkeit dieses Mittels in öfteren ähnlichen Fällen
an uns selbst erprobt.
77) In den Tischreden des Plutarch (VI, 4) finden wir ein leicht aus-
führbares Mittel, auch in der heissen Jahreszeit ein möglichst kaltes Trink-
wasser zu erhalten. Man schöpft solches nämlicli schon Abends und lässt
es über Nacht in dem Gefässe, dicht über dem Wasser des Brunnens
hängen.
48 I. Buch. Aphorism 16.
Abkochung von Gerstenschrot, stammt schon vom Altvater der
Medizin her, wie in dessen Schrift über die Lebensordnung in
hitzigen Krankheiten zu lesen ist.
Aber dasjenige, was wir heute die Wasserkur nennen,
und wobei der innerliche Genuss des Wassers, sowie die äussere
Anwendung desselben bis zum Uebermaass getrieben wird, ist
eben so gut eine Erfindung der neueren Zeit, als die trockne
Semmel- Kur,78) und wird nicht leicht mit den grossen Fort-
schritten in Einklang zu bringen sein, welche in der selben Zeit
die Physiologie gemacht hat.79)
78) DasKriegsministerium in M... verbot durch Rescriptvoni 12. Mai
1853 in den Militär-Krankenhäusern die Homöopathie, die Semmelkur, die
Morison'schen Pillen, die Sympathie und andere derartige Mode-Kuren, aber
nicht die Wasserkuren. — Ne sutor ultra
79) Quant ä dire de l'hydrotherapie qu'elle ait jamais gueri, c'est ä dire
une diathese morbide quelle qu'elle soit, je le nie abseulument; et je
trouve le preuve de mon opinion dans les nombreux malades que j'ai vus
apres qu'ils avaient use de ce moyen pendant un temps assez long. —
Continue pendant longtemps, il use la vie qu'il devrait conserver. C'est
une maniere de vivre avec energie; mais de vivre vite. J'ai ete souvent
frappe de la rapidite avec laquelle ont vieilli les adorateurs passionnes de
l'eau froide. Leon Simon, exposition, p. 558.
,,Es war einmal Mode", — sagt J. J. Rousseau in seinen Confessions,
IV, 1 — „dasfc Wasser als Arznei für Alles zu gebrauchen. Ich ergab mich
demselben mit so weniger Vorsicht, dass es mich beinahe, nicht von meinen
Leiden, sondern von meinem Leben befreit hätte. Alle Morgen beim Auf-
stehen ging ich mit einem grossen Becher an den Brunnen und trank beim
Spazierengehen zwei Flaschen voll; bei den Mahlzeiten genoss ich durch-
aus keinen Wein mehr; kurz, ich trieb es soweit, dass ich meinen Magen
gänzlich verdarb, der bis dahin gesund gewesen war. Da ich nicht mehr
verdaute, so war ich überzeugt, dass ich auf keine Heilung mehr hoffen
durfte."
Der erfahrungsreiche Hufeland rechnete zu den vorzüglichsten Mitteln,
sich frühzeitig „das Alter zu inoculireii", auch noch namentlich „das zu
weit getriebene oder wenigstens falsch verstandene System der Abhärtung
durch Kälte, häufige kalte und lange fortgesetzte Bäder in Eis wasser u. s.w."
Es kann nichts geschickter sein, den Charakter des Alters zu bewirken,
als eben dies.
I. Buch. Aphorism 17. 49
17. Einigen Kranken muss man täglich ein- oder zwei-
mal, Anderen in grösserer oder geringerer Menge, und
wiederum noch Anderen öfters, aber jedesmal nur wenig
auf einmal an Nahrung zukommen lassen. Hier hat
man sich nach der Gewohnheit, nach der Jahreszeit,
nach der Himmelsgegend und nach dem Alter zu
richten. 80)
Unter den «massgebenden Bedingungen und Verhältnissen,
worauf der Arzt bei seinen Diät-Vorschriften ein besonderes
Augenmerk zu richten hat, und die hier in der letzten Phrase
in ganz allgemeinen Zügen angeführt sind, fehlt offenbar die
Hauptsache, nämlich: die Natur der Krankheit und das Stadium,
worin sich solche befindet. Es macht nämlich einen grossen
Unterschied, in welchem Grade die Verdauungsorgane ange-
griffen sind, und eben so, inwiefern die allgemeine Schwäche
einer Unterstützung durch Nahrung bedarf. Gerade in diesen
beiden Beziehungen hat der Arzt oft die grössten Schwierigkei-
ten zu lösen, um das richtige Maas zu beurtheilen, indem dabei
der Kranke nicht selten Abneigungen oder Bedürfnisse
äussert, die lediglich in seinem abnormen Zustande ihren Ur-
sprung haben, und daher leicht zu Trugschlüssen verleiten. Das
entschiedene Verlangen nach Diesem oder Jenem, sowie die
bestimmt ausgesprochene Abneigung gegen gewisse, sonst
unschädliche Dinge, machen in der Regel davon eine Ausnahme,
und geben fast stets dem Arzte eben so sichere Fingerzeige,
80) Die reichen Griechen speiseten, wie es auch heute geschieht, spät
zu Mittage. Nach Aristophanes (£->ikXt]Oi.<x£ov6uis) gingen sie zu Tische,
wenn ihr Schatten zehn Fuss mass.
Bekanntlich herrschte bei den alten Griechen und Römern die Sitte,
nicht des Mittags, sondern erst Abends eine volle Mahlzeit zu halten. Nach
derselben wurde aber jede Art von Anstrengung, sowohl des Geistes als
des Körpers, vermieden.
50 I- Buch. Aphorism 18, 19, 20.
als die Genüsse, welche dem Kranken zuträglich oder schäd-
lich sind.81)
18. Im Sommer und im Herbste werden die Nahrungs-
mittel am schwersten verdaut; am leichtesten im Win-
ter, und dann im Frühjahre.
Dieser Aphorism dient lediglich zur Ergänzung von Apho-
rism I, 15.
1 9 . Während der periodisch auftretenden Verschlimmerungen
darf man dem Kranken weder Nahrung reichen, noch
ihn dazu nöthigen; selbst kurz vor dem Eintritte der-
selben muss solche vermindert werden.
Desgleichen eine Vervollständigung von I, 8 und 11.
20. Während und nach Eintritt einer Krise darf weder
durch Arznei, noch durch irgend sonstige Eeizmittel
eine weitere Einwirkung hervorgebracht, oder die Vor-
handene erhöht werden; sondern man muss alsdann
ruhig den weiteren Verlauf abwarten.
Das ist einer der wichtigsten, aus sorgfältigster Be-
obachtung des Herganges in Krankheiten geschöpften Lehrsätze,
welcher nicht ernstlich genug beherzigt und befolgt zu werden
verdient, und wogegen so vielfach gefehlt wird.
Wenn man das' übliche Verfahren vieler Aerzte be-
trachtet und auf den, oft täglich von Neuem vorgeschriebenen
81) Valetudo sustentatur notitia sui corporis atcjue observatione eamm
rerum, quae aut prodesse aut obesse soleant. Cicero de off. L. 2.
I. Buch. Aphorism 20. 51
Recepten die Signatur liest: „alle zwei oder alle drei Stunden!",
ohne inzwischen der Wirkung der Arznei die erforderliche Zeit
zu gestatten: so hat man vollkommene Ursache zu behaupten,
dass dies Verfahren keineswegs hippokratisch, und mit
einer richtigen Einsicht in den physiologischen Her-
gang bei einer Heilung durchaus nicht in Uebereinstimmung
zu bringen ist.
Wenn dagegen in irgend einem Punkte die Homöopathie
entschieden auf dem Standpunkte des Hippokrates steht: so ist
dies hier der Fall, wo es sich um die heilende Wirkung einer
Arznei handelt. Die bezüglichen Paragraphe von Hahnemann's
Organon,82) so wie dasjenige, was dieser scharfsinnige Be-
obachter darüber in dem ersten Bande seines Werkes über die
chronischen Krankheiten sagt, lassen darüber auch nicht
den mindesten Zweifel aufkommen. Auch die Praxis aller er-
fahrenen Homöopathen bestätigt dies durch ihre Erfolge.
Es dürfte daher hier die passendste Gelegenheit geboten
sein, mit wenigen Worten dasjenige zu besprechen, was die
Homöopathen als die Grundlage ihrer Methode ansehen, und wo-
nach sie demgemäss ihr Heilverfahren einrichten.
Alle Krankheiten beruhen, dieser Ansicht zufolge, auf einer
inneren, immateriellen, rein dynamischen83) Verstim-
82) Unter dem Kollektiv-Nauien: Organon begriff man bekanntlich sechs
getrennte Abhandlungen des Aristoteles logischen Inhalts, wogegen sich
Baco in seinem Novum Organum erhob. Ohne Zweifel hat Hahne-
inann seinem Hauptwerke über die Kunst zu heilen denselben Titel gege-
ben, um sich in der Medizin auf einen ähnlichen Standpunkt zu stellen.
Das erste ,, Organon der Heilkunde1' ist von einem Dr. Joh. Benj.
Erhard, und findet sich in Koschlaub's Magazin, B. 2, 3.
Das Motto des Organons: Aude sapere! gewinnt auch in Beziehung
auf die ärztliche Praxis eine beachtenswerthe Anwendung, wenn man zur
Sicherheit der Mittelwahl damit in Verbindung bringt, was in der heiligen
Schrift (Köm. 12, 3) zu lesen ist : Non plus sapere, cpiani oportet sapere,
sed sapere ad sobrietatem.
83) Um Hahnemanns Dynamismus richtig zu verstehen, muss man
sich strenge an die Worte der §§. 9 und 10 des Organons halten. Hier
4*
52 I. Buch. Aphorisrn 20.
mung der Lebenskraft, welche sich entweder bloss auf ein-
zelne Organe beschränkt, oder den ganzen Organismus ergriffen
hat; und wenn dabei fremdartige oder verdorbene Stoffe
im Körper vorhanden sind, so darf man sie, mit alleiniger Aus-
nahme der von Aussen Eingeführten, nur als Produkte jener
Störungen der geregelten Lebensthätigkeit, keineswegs aber als
eine eigentliche Krankheitsursache ansehen, mit deren Aus-
treibung die Gesundheit wieder hergestellt sein würde.
Diesen natürlichen Krankheiten gegenüber enthalten
sämmtliche Stoffe, welche wir zum Unterschiede von den rein
nährenden Dingen mit dem Namen Arzneien bezeichnen, eine
ähnliche, rein dynamische,84) die Lebenskraft verstim-
mende, das heisst krankmachende Eigenschaft, wodurch
stellt er ausdrücklich die Lebenskraft in die Mitte und zugleich als Ver-
mittlerin zwischen der Materie, woraus der Körper besteht, und dem ver-
nünftigen, in uns wohnenden Geiste. Ohne Lebenskraft ist der ma-
terielle Organismus keiner Empfindung, keiner auch dem Willen nicht un-
terworfenen Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig, sondern löset sich, wie
jeder todte Leichnam, wieder in seine chemischen Bestandteile auf; mit
Derselben besteht der harmonische Lebensgang in Gefühlen und Thätig-
keiten, so dass nicht nur die Materie in ihrer Mischung erhalten werden,
sondern auch der Geist sich dieses Werkzeugs zu den höheren Zwecken
dieses Lebens bedienen kann. Hier bildet also eine Dreiheit (Tpia'g)
(Seele, Lebenskraft und Materie), wie in der Pflanze eineZweiheit (dvccg)
(Lebenskraft und Materie) das Wesen des Lebendigen, wodurch es sich
von der ganzen übrigen unorganischen Natur (fiovag) unterscheidet. —
(Conf. I. Thessal. 5, 23.)
Die Aristoteliker nahmen bekanntlich eine dreifache Art von anima
an : Die Vegetabilien besassen nur die anima vegetativa ; diese und die anima
sensitiva gehörten dem Thierreiche, und nur dem Menschen gebührte ausser
jenen Beiden auch noch die anima rationalis.
84) Wir müssen offen gesteheu, dass wir nicht begreifen, wie (zufolge
Dr. Pretch, in Hom. und Naturw. III. 15) zu den drei Aggregatzustän-
den der Körper, nämlich dem festen, dem tropfbar flüssigen und dem
gassförmigen, auch noch der Dynamische gezählt werden kann, der eigent-
lich mit dem Körperlichen nichts zu schaffen hat.
Dass Hippokrates als der Gründer der Dynamischen Theorie ange-
sehen werden darf, ergiebt sich unter Anderem aus der merkwürdigen Stelle,
I. Buch. Aphorism 20. 53
sie die Fähigkeit erhalten, eben solche Krankheiten in ihrer
äusserlichen Aehnlichkeit zu erzeugen, wie die Natur sie
hervorbringen kann, ohne dass eben darum auch das innere
geheimnissvolle Wesen derselben, welches mit undurchdringlichem
Schleier vor unseren Augen stets verborgen ist und bleiben wird,
ganz dasselbe zu sein braucht.85)
Es ist nun eine, durch die constanteste Erfahrung be-
stätigte, aber allerdings durch blosse Vernunftschlüsse nicht zu
beweisende Wahrheit, dass die Arzneien überhaupt die Kraft
besitzen, gewisse Krankheiten zu heilen. Bei der Frage:
unter welchen Bedingungen dieses geschieht? trennen sich
die beiden Schulen, wenn sie auch bisher einträchtig zusammen
gegangen sind, indem die Allopathen das Contraria con-
trariis, die Homo op athen hingegen das Similia similibus
zu ihrer Bichtschnur nehmen. Indessen kommen Beide wieder
darin mit einander überein, dass nur die, durch die Arznei
zweckmässig erregte Lebenskraft die Genesung bewirken kann,
und dass ohne diese und ohne die Beaktion derselben, jedes
Heilmittel völlig unwirksam bleiben muss.
In dieser thätigen Beaktion der Lebenskraft erblicken
wir Homöopathen die Grundlage, worauf dasjenige beruht,
was wir unter Erst- und Nach -Wirkung verstehen. Die Erst-
Wir kung einer Arznei ist nämlich diejenige, welche erfolgt,
wenn deren krankmachende Eigenschaft auf den leben-
den Organismus ihre unmittelbare Einwirkung äussert.
Die Nach-Wirkung besteht aber in der Gegenwirkung der-
selben thätigen Lebenskraft, gegen jene Angriffe auf dieselbe.
worin er (de prisc. med.) sagt: „oßa KcmoTtafreei uv&qcotios, Ttccvva ano
Svvdfizmv yivetcci.
85) La medecine ne consiste que dans la science d'opposer au trouble
de la maladie le trouble du medicament.
J. de Mouestrol, de l'Hom, p. 42.
g4 I. Buch. Aphorism 20.
Beiderlei Arten von Wirkungen stehen mithin zu einander in
entschiedenem Gegensatze, und obwohl die Eine wie die An-
dere nur als Produkte der beiderseitigen dynamischen
Kraft,86) sowohl des Lebens als der Arznei, anzusehen sind:
so bieten sie doch in ihrem Kampfe gegen einander Verschie-
denheiten dar, welche ein geübtes Auge leicht zu erkennen
vermag.
Die vollendete Heilung einer Krankheit ist demnach
eine unmittelbare Folge der Nach- Wirkung, bei welcher der
lebende und unaufhörlich reagirende Organismus im Kampfe
mit der Arznei immer mehr die Oberhand gewinnt, bis diese
und mit ihr zugleich die natürliche Krankheit (an deren
Stelle jene getreten war?) gänzlich besiegt und vernichtet,
und damit die Gesundheit wieder hergestellt ist.
Aus dem hiervor Gesagten wird man leicht begreifen, Avie
sehr der Homöopath bemüht sein muss, den Kampf zwischen
der Erst- und Nach-Wirkung nicht zu stören, oder gar
86) Wir erlauben uns liier mit einigen Veränderungen und Zusätzen zu
wiederholen, was wir an einem andern Orte („die Homöopathie u. s. w.l<
Münster, bei Coppenrath, 1834, S. 217) über die verschiedenen Benennungen
für Kraft angeführt haben: — „Die Griechen, welche überhaupt in der
philosophischen Ausbildung ihrer Sprache jede andere Nation weit über-
troffen haben, trennten sehr sorgfältig durch verschiedene Wörter die ver-
schiedenen Begriffe, welche wir mit dem Worte Kraft bezeichnen. Die
geistige Kraft, das Vermögen und das Können, ohne Beziehung auf
Körperkraft, hiess bei ihnen dvvufiig (von övva/xai, ich kann oder vermag),
und sie bezeichneten damit eben sowohl die Arzneikraft, als den Werth des
Geldes. KQCczog war bei ihnen dagegen bloss die Körperkraft oder
Stärke, und in Folge dessen auch die Aeusserung der roheren Gewalt.
Den Willen zu Kraftäusserungen drückten sie mit dem Worte ßiu
aus und bedienten sich dessen bei gewaltthätigen -Handlungen. Für die
äusserliche körperliche Thätigkeit hatten sie die Wörter qco[A7] und
echnr], für das innere Kraft vermögen iG^vg und arevog, und für die
blosse Muskelkraft lg. Unserer deutschen Sprache fehlen solche genau un-
terscheidende Ausdrücke, und wir sind daher gezwungen, das Mangelhafte
durch Beiwörter zu ersetzen."
I. Buch. Aphorisin 20. 55
durch neue Arznei gaben Jener gegen die Letztere zu
Hülfe zu kommen und so nur unausbleiblich den Streit zu
v er längern.87) Nichts ist daher, unserer Ueherzeugung nach, fin-
den Arzt gefährlicher und unheilvoller, als Ungeduld, und
niemals wird er in den Fall kommen, ein ruhiges Abwarten zu
bereuen, so lange er vermöge seiner genauen Kenntniss der Eigen-
thümlichkeit der Arzneien, jenen Kampf noch in voller Thätig-
keit sieht und nicht etwa durch Veränderung der Zeichen Ver-
anlassimg hat, andere Arzneien zu Hülfe zu rufen. — In Bezug
auf diese letzte Veranlassung aber, die nicht oft vorkommt, stehen
dem Homöopathen die sichersten Criterien und Cautelen
zu Gebote, und nicht leicht wird er sich dabei weder der Gefahr
einer nachtheiligen Uebereilung, noch der einer schädlichen
V e r s ä u in n i s s , biosssteilen. 88)
Hier ist zum Schlüsse dieser Glosse nur noch in aller Kürze
anzuführen, dass die Zeit des Abwartens nach erkannter Erst-
87) Quum morbi in longum protrahuntur tempus, nulla est ratio rne-
dendi melior, quam pharmacis abstinere. Bagliv. de fibra. p. 50.
88) Daher darf sich der Homöopath den praktischen Blick jener Aerzte
nicht aneignen, welche mit geschäftiger Eile von Bett zu Bett rennen, den
Kranken ansehen, den Puls fühlen, die Zunge herausstrecken lassen, und
nach dem Stuhlgange fragen; die Praxis darf in keine „gedankenlose Boten-
läuferei" ausarten, wie ein geistreicher allöopathischer Arzt schreibt.
Griesselich, Skizzen, S. 37.
Si par fois l'homöopathie exaspere le mal pour le guerir, du moins
ces douleurs ne sont que de courte duree, et elles sont remplacees bientöt
par un soulagement prompt et durable; et, en renversant les mots d'Hip-
pocrate, on pourrait dire avec raison de l'homöopathie: Si nocet, tum pro-
dest et curatio certa est. Dr. L. Malaise, clin. hom, p. 147.
Ich frage jeden unparteiischen Arzt, ob er glaubt, dass man im ganz
gesunden Zustande alle Stunden, oder etwas seltener, eine Saturation des
beliebten Brausepulvers, eine Infusion, ein sogenanntes niederschlagendes
Pulver und ähnliche Mittel in den Magen bringen könne, ohne die Ver-
dauung zu stören, ohne dass die Zunge sich belegt, der Appetit, der Schlaf,
die Hauttemperatur, die natürlichen Absonderungen mehr oder weniger davon
leiden sollten? Wie müssen aber einem von Krankheit bereits ergriffenen
Menschen, dessen Reizfähigkeit schon verändert ist, diese, oder ähnliche
Mittel bekommen? Formey, verm. med. Schriften, I, 37,
56 I. Buch. Aphorism 21.
Wirkung einer Arznei je nach der Natur und der Dauer der
Krankheit äusserst verschieden ist. Wo in den akute-
sten Krankheiten, wie z. B. in der Cholera, diese Zeit sich
nach Minuten abmisst, wo in den schmerzhaftesten Leiden
solcher Art oft augenblickliche Linderung und schnelle
Beseitigung möglich ist,89) da gehen bei chronischen Krank-
heiten oft ganze Wochen um, ehe die heilbringende Nachwir-
kung sich zu zeigen beginnt. Und gerade in diesen lang-
wierigen, veralteten, chronischen Beschwerden ist die zu schnelle
Wiederholung derselben, oder das zu frühe Darreichen einer
neuen Arznei am allernachtheiligsten, oft in dem Grade, dass
der damit angerichtete Schaden kaum und nur mit grossem Ver-
luste an Zeit wieder gutgemacht werden kann. An dieser
Klippe scheitert am leichtesten der angehende Homöo-
path, zumal derjenige, welcher längere Zeit unter der Flagge
der Allopathie gedient hat, denn: quo semel est imbuta recens,
servabit odorem testa diu!90)
21. Was auszuleeren ist, suche man auf dem von der Natur
angedeuteten Wege fortzuschaffen.
Unter diesen Ausleerungen scheint Hippokrates hier nur
diejenigen zu verstehen, welche durch Erbrechen oder Stuhl-
gang erfolgen, nicht aber Schweisse oder Blutungen, welche
89) Schmerzstillende Mittel waren auch schon den Alten bekannt, und
mit dem Ausdrucke ßorj&r](ia (von ßorj&Eco, Schreien, um Hülfe rufen)
bezeichnet. Diogenes Laertius erwähnt ihrer im LSben des Plato, welcher
sie für einen Bestandteil der Medizin erklärt habe.
90) „Die Fehler der incuriae" — sagt Lichtenberg in der Vorrede zu
den Hogartschen Kupferstichen, freilich in etwas anderem Sinne, — „lassen
sich am Ende verbessern durch curae posteriores, allein das Verfehlte nicht,
wenn man erst am Ende finden sollte, dass es verfehlt war."
I. Buch. Aphorism 22. 57
der Fassung des Äphorims nicht recht entsprechen. Wenn dem
aber so ist, so erhebt sich eine neue Schwierigkeit bei dem
folgenden Aphorism, welcher eine Fortsetzung und Ergänzung
des Vorigen zu sein scheint und also lautet:
22. Nur das Gekochte, nicht aber das Rohe, darf in Be-
wegung gesetzt und ausgeleert werden, also auch nicht
gleich beim Anfange der Krankheit, es wäre denn, dass
dadurch eine Auftreibung verursacht würde; was aber
selten der Fall ist.
Demnach würde man zu dem Schlüsse berechtigt sein, dass
man z. B. hei Ueberfüllung des Magens sich mit einem
Brechmittel nicht übereilen und die Darreichung desselben so
lange verschieben sollte, bis der Mageninhalt gehörig gekocht
wäre, — eine Voraussetzung, die wohl schwerlich anzunehmen
sein dürfte.
Tn dieser Doppeldeutigkeit scheint mithin hauptsächlich die
Schwierigkeit zu liegen, welche die Commcntatoren bei diesen
beiden Aphorismen gefunden, und welche sie auf Abwege verlockt
haben, die man nicht füglich als die Richtigen anerkennen kann.
Der homöopathische Glossator darf dieses Hinderniss mit
vollem Fuge bei Seite liegen lassen, da die Homöopathie nie-
mals Brech- oder A b führ ungs mittel verordnet (mit Aus-
nahme der Ersten bei wahren Vergiftungen) und überhaupt der-
gleichen gewaltsame Mittel nicht zu Hülfe zu rufen braucht,
um ihren Zweck zu erreichen. Wenn nämlich jemand durch
Unmässigkeit den Magen überladen und verdorben hat: so schafft
er zu Anfange bloss, so lange das Ueberflüssige noch vor-
handen ist, durch freiwilliges, vermittelst Kitzeins des Schlun-
des mit einer Federfahne befördertes Erbrechen, solches her-
aus, ohne lange die Kochimg abzuwarten. Das Unwohlsein,
welches darnach meistens noch zurückbleibt, ist dann nur
58 !• Buch. Aphorism 23.
noch dynamischer Natur und wird, wie jede andere Beschwerde,
durch die alsdann nach den Symptomen angezeigten Arzneien be-
seitigt. 91) Einen Durchfall aber, die Ausleerungen mögen nun
beschaffen sein, wie sie wollen, sucht der Homöopath jedesmal
so schnell als möglich zu heben; denn er ist jedesmal
in normal und nichts Anders, als ein Krankheits- Symptom.
Er weiss auch, dass der Durchfall in bei Weitem den meisten
Fällen weit nachtheiliger ist, als Hartleibigkeit, selbst
auch dann, wenn nur verdorbene Stoffe dabei ausgeleert werden,
weil sowohl das Eine wie das Andere ein sicheres Zeichen einer
dynamischen Verstimmung der Eingeweide, die verdor-
benen Abgänge aber nur Produkt der Krankheit sind,
und weil die Herstellung nur allein durch dynamisch auf die
affizirte Lebenskraft wirkende Mittel zu bewirken ist.92)
23. Das Ausgeleerte darf nicht nach der mageren, sondern
nrass nach seiner Beschaffenheit beurtheilt werden, in-
dem darauf zu achten ist, ob das abgeht, was ent-
fernt werden soll, und ob es zur Erleichterung des
Kranken dient. Wofern es dabei nöthig ist, und die
Kräfte desselben es gestatten, mag man solche Aus-
leerungen bis zur Ohnmacht verstärken.
91) Zu Baco's berühmt gewordenem Ausspruche (Nov. Org. II. Aph. 2):
„Vere scire est per causas scire," — bemerkt sehr richtig Heinroth (über
die Hypoth. d. Materie, S. 213): „Aber unglücklicher Weise tritt uns die
Natur nie und nirgends in Ursachen, sondern stets und überall nur in
Wirkungen entgegen. Nicht bloss Alles, was ist in der Natur, ist ein
schon Gewordenes, sondern sogar alles Werdende selbst ist für
uns nur in so weit benierkbar, als es ebenfalls ein schon Gewor-
denes ist."
92) „Vous perdez," — sagt Dr. Bigeon in seiner Med. phys., — „en
vous purgeant, des sucs nourriciers; cette perte vous affaiblit plus que ne
le feraient quelques jours d'une diete tres severe; ä l'irritation des or-
ganes digestifs succede une plus grande faiblesse, oü une inflammation leute,
et toujours dan;
I. Buch. Aphorism 23. 59
Auf diesen Lehrsatz stützen sich manche Aerzte, ohne zu
bedenken, dass jeder, auch der mindeste Miss griff, bei sol-
chem heftigen Verfahren nur allzu leicht zu einem lethalen
Ausgange führen kann. Man folgert daraus nämlich die Zu-
lässigkeit, ja Selbst die Notwendigkeit der heftigsten
Brech- und Abführungs- Mittel bei gastrischen Zuständen
und bei sogenannten atrabilarischen Patienten, bei Melancholikern
und Geistesverwirrten, so wie die Aderlässe bis zur Ohn-
macht, bei Brust- und Lungen-Entzündungen u. s. w. 93) Aber
die Erfolge sind meistens, wenn auch nicht immer unmittelbar,
so doch in der Folge äusserst beklagenswerth, und in sehr zahl-
reichen, überall vorhandenen Fällen schreibt sich eine unter-
grabene Gesundheit und ein für die ganze folgende Lebens-
zeit andauerndes unheilbares Dahinsiechen, lediglich von
einer, in dieser Weise durchgemachten Gewalts-Kur her. Dem
Hippokrates und seinem Zeitalter dient dabei zur Entschul-
digung, dass ihm zur Behandlung solcher Kranken noch nicht
die vielen gelinderen Mittel zu Gebote94) standen, welche jetzt
im Besitze der Arzneikunst sich vorfinden. Um so weniger
können aber diejenigen, die in dem letzten halben Jahrhundert
darin wirklich das Ueb er maass geleistet haben, eine solche für
sich beanspruchen, wenn sie mit Kämpf und Broussais95) die
93) Quod si vehemeus febris urget, in ipso impetu eius sanguinem mit-
tele, hominem jugulare est. Celsus, II. 10.
94) Melampus erzählt uns: dass der Ibis sich mit seinem langen
Schnabel ein Klystir von Nielwasser setze, wenn er verstopft sei, und dass
das Nielpferd, um sich zur Ader zu lassen, seinen Schwanz so lange am
Schilfe" riebe, bis er blute. Seitdem verordneten die Aerzte das Eine, wie
das Andere. (Vergl. Plinius, VIII, 41.)
Wenn man dem Plinius (VIII. 76.) glauben darf, so gehört hieher auch
die Ziege, welche bei Augenentzündung durch Einstossen einer Binse oder
eines Dorns ins Auge, sich daselbst einen Aderlass verschafft.
95) Zufolge der Gaz. med. de Paris 1839, V. S. 137, behandelte
Broussais in einem Pariser Hospital mit seinen üblichen Aderlässen 219
60 I- Buch- Aphorism 24.
unsinnige Sylviussche Humoral -Pathologie geradezu auf die
Spitze trieben, und durch neue, willkürliche Hypothesen
noch verderblicher machten.
Indessen scheint Hippokrates selbst die G efährlichkeit des
vorstehenden Lehrsatzes richtig eingesehen, wahrscheinlich selbst
durch einzelne beklagenswerthe Vorgänge unter seinen eigenen
Augen die Ueberzeugung davon gewonnen zu haben, indem er
in dem gleich darauf folgenden Aphorism einen starken Dämpfer
darauf setzt. Dieser nämlich lautet:
24. In hitzigen Krankheiten wende man die Abführungs-
Mittel nur selten, auch nur im Anfange derselben
allein da an, wo man vorher alle Umstände reiflich er-
wogen hat.
Dieser Aphorism, dessen Bestimmung schwerlich zu ver-
kennen ist und der die grösste Behutsamkeit bei Anwendung
der Abführungsmittel, die damals sämmtlich äusserst dras-
tischer Natur waren, in hitzigen Fiebern anempfiehlt, hat noch
das Eigenthümliche, dass er mit dem Aphorism I. 22. in
Widerspruch zu stehen scheint. Diesem Letzteren zu Folge,
soll nämlich nur das Gekochte, nicht das Rohe, und auch
nicht im Anfange der Krankheit, wo also noch keine
Kochung stattgefunden, und nur allein in Fällen von Turgeszenz,
abgeführt werden.
Wir wollen uns um so weniger amnaassen, hier eine Ver-
mittelung zu versuchen, als wir ohnedem, wie schon oben be-
merkt wurde, mit dergleichen nichts zu schaffen haben und
uns für vollkommen befähigt halten, ohne solche heroische
Pneumonien, wovon nicht weniger als 137 gleich starben, und die Uehrigen
sich lange Zeit nachher gar nicht wieder erholen konnten.
I. Buch. Aphorism 25. 61
und gewagte Eingriffe in das naturgemässe Spiel des leben-
digen Organismus unser Ziel zu erreichen. 9C)
25. "Wenn nur dasjenige ausgeleert wird, was ausgeleert
werden soll, so ist es für den Kranken erleichternd
und zuträglich ; nachtheilig aber, wenn das Gegentheil
geschieht.
Zu vergleichen: Aphorism I, 2. — Siehe auch den Aphorism
IV, 2 und 3.
96) „Ueber akute Krankheiten" — sagt Hippokrates iu seiner Schrift:
7t£Ql SiuiTrjq d£sav „haben die Heilkünstler so bedeutend von einander
abweichende Ansichten, dass das, was der Eine für das Allerbeste glaubt
— und giebt, der Andere für sehr schädlich hält. Desshalb scheint die
Arzneikunst der Wahrsagerkunst zu gleichen : indem die Auguren den näm-
lichen Vogel bald für gut halten, wenn er ihnen zur Linken, und bald wie
der für böse, wenn er zur Rechten fliegt." — Und heute?
IL Buch,
Es deutet auf grosse Gefahr für den Kranken, wenn
der Schlaf eine Verschlimmerung der Zufälle herbei-
führt; bringt er aber Erleichterung, so ist das Gegen-
theil der Fall.
2. Als ein günstiges Zeichen ist es anzusehen, wenn der
Schlaf das Irrereden aufhebt.
3. Jedes Uebermaass in Betreff des Schlafes, mithin sowohl
die Schlafsucht, als die Schlaflosigkeit, sind böse.
Da diese drei ersten Aphorismen des zweiten Buches von
demselben Gegenstande, nämlich vom Schlafe handeln, so
scheint es angemessen, nur eine, aber dafür auch etwas längere
Glosse daran zu knüpfen. Diese aber finden wir fertig und un-
verbesserlich in dem Bande V. Heft 3, Seite 1 und ff. des Archivs
für homöopathische Heilkunst, und zwar aus der Feder
des verstorbenen, ältesten Schülers Hahnemanns, des allseitig
verehrten Dr. E. Stapf zu Naumburg, dessen trefflichen Aufsatz
über diesen Gegenstand, so weit er hieher gehört, wir um 'so
lieber wörtlich folgen lassen , als das händereiche Werk wohl
nicht Allen zugänglich sein dürfte.
II. Buch. Äphorism 1, 2, 3. 63
„1. Tb at sachen. Dem scharfsinnigen Beobachter der bei
homöopathischen Heilungen stattfindenden Vorgänge bietet sich
nicht selten folgende höchst merkwürdige Erscheinung dar. Die
Kranken fühlen bald nach dem Einnehmen des ihrem Zustande
homöopathisch genau entsprechenden und in der angemessensten
(d. h. hinreichend kleinen) Gabe gereichten Heilmittels, eine eigene
Beruhigung, eine Neigung zu schlafen, ja, sie verfallen häufig in
einen tiefen und festen, längere oder kürzere Zeit dauernden,
meist sehr erquickenden und wohlthätigen Schlaf, aus wel-
chem sie dann gewöhnlich sehr erleichtert, ja bisweilen, nach
Beschaffenheit der Umstände, sogar geheilt erwachen. Diese, von
vielen homöopathischen Aerzten beobachtete und mehrfach (in
ihren Schriften) angedeutete Erscheinung, ereignet sich eben
sowohl bei akuten als bei chronischen Krankheiten. Vornämlich
aber findet sie statt bei Krankheiten, welche sich durch patholo-
gische Ueberreiztheit des organischen Lebens in seinen verschie-
denen, namentlich höheren Sphären charakterisiren. Vornäm-
lich wird sie bei rein nervöser Ueberreiztheit, wie sich dieselbe
in tausendfachen Modifikationen äussert, beobachtet, wiewohl sie
sich auch bei pathologischen Aufregungen des Gefässsystems,
von der einfachen Blutwallung an bis zur ausgebildeten Entzün-
dung, zu ereignen pflegt. Aber auch bei erelhi sehen Zuständen
der niederen organischen Gebilde, z. B. der Schleimhäute, der
Drüsen, der Knochen u. dgl. wird sie, wiewohl nicht so häufig
und so bestimmt wahrgenommen."
„Auch da, wo ein anomaler Schlaf vorhanden ist, sei es
nun ein allzu tiefer, betäubte)1, komatöser, oder ein allzu leiser,
unruhiger, unterbrochener, traumvoller, zeigt sich diese Erscheinung,
in so fern dann bald nach der ersten Einwirkung des homöopa-
thischen Arzneimittels, der betäubte, allzu tiefe, oder der allzu
leise, unruhige, unerquickliche Schlaf in einen ruhigen, gesunden
und erquicklichen übergeht, was sich aus der ganzen Physio-
64 n- Buch. Aphorism 1, 2, 3.
gnomie des Schlafenden und der auf den Schlaf folgenden Ver-
minderung der Krankheit leicht schliessen lässt."
„Diese, durch Einwirkung der passenden homöopathischen
Arznei herbeigeführte Beruhigung und Neigung zum Schlafen,
nach einem krankhaft aufgeregten Zustande, sowie diese Um-
wandlung eines anomalen Schlafes in einen Naturgemässen, findet
jedoch nur dann statt, wenn die Gabe, in welcher das wohl-
gewählte Mittel gereicht wurde, hinreichend klein und zart war,
um die Krankheit ohne merkliche und länger dauernde Erhöhung
ihrer Symptome beseitigen zu können. Ist dies nicht der Fall,
wird die Arznei in einer, für den Stand der Krankheit zu starken
Gabe gereicht, so erfolgt nothwendig vorerst eine Reaktion der
Arznei auf die Krankheit und mit ihr ein, kürzere oder längere
Zeit dauernder, mehr oder weniger heftiger Sturm (homöopatische
Erhöhung), welcher freilich, so lange er dauert, jener Beruhigung,
jenem Schlafe hinderlich ist.97) Dann tritt jedoch nicht selten
erst nach Beseitigung dieser stürmischen Reaktion Ruhe und
Schlaf und mit ihnen Erleichterung ein."
„Diese Erscheinung wird nach Darreichung fast jeder, dem
vorliegenden Krankheitsfalle möglich genau homöopathisch ent-
sprechenden Arzneipotenz , wiewohl vorzugsweise bei solchen
Arzneistoffen wahrgenommen, deren primäre Hauptwirkung in
pathologischer Aufregung dieses oder jenes Systems oder Organs,
namentlich der höheren Ordnung besteht."
Wir übergehen hier den zweiten Abschnitt über die „Be-
deutung des Schlafes überhaupt und dieses Schlafes insbeson-
dere", als zu weit von unserm Wege abführend, und schliessen
diese Glosse mit:
97) Die Tropfen- und Thicturen-Spenden unter den jüngeren Homöo-
pathen mögen diesen Ausspruch des erfahrenen und sorgfältig beobachten-
den ältesten Schülers Hahnemanns nicht übersehen und au ihrer eigenen
Erfahrung prüfen.
II. Buch. Aphorism 3. 65
„3. Heilsamkeit und Heiligkeit dieses Schlafes. —
Was die tägliche Erfahrung und die oben mitgetheilten Ansichten,
wie an jedem wahren Schlafe, so auch ganz vorzüglich an dem,
von welchem hier vorzugsweise die Rede ist, uns deutlich er-
kennen lassen: das unersetzlich Wohlthätige und Heil-
same, — muss uns zur Pflicht machen, ihn auch in jeder Hin-
sicht heilig zu halten, d. h. ihn in seiner ganzen Bedeutung zu
würdigen und sein Erscheinen und Bestehen auf keine Weise zu
stören."
„Es ist jederzeit ein höchst erfreuliches Zeichen, so wohl
für die bald und sicher zu erwartende Besserung, ja Heilung,
theils, was damit innig zusammenhängt, für die richtig getroffene
Wahl und Gabe des homöopathischen Heilmittels, wenn kurz
nach dem Gebrauche desselben eine Beruhigung oder ein sanfter
Schlaf sich einfindet. Die Erfahrung lehrt, dass, wenn diese Be-
ruhigung, dieser Schlaf auf irgend eine Weise gestört, unter-
brochen, verscheucht wird, sei es durch thörichtes inneres An-
kämpfen dagegen, oder durch äussere Reize, z. B. Gespräch,
Gesellschaft, Geschäfte, aufregende Lektüre u. d. m., dann der
durch das' Mittel eingeleitete, und durch den Schlaf mächtig zu
fördernde, in ihm seine wahre Begründung findende Heilungs-
process, mehr oder weniger, doch gewiss unterbrochen wird, und
die bei naturgemässem Verhalten mit Recht zu erwartenden Er-
folge des bestgewählten Mittels dann nur sehr unvollständig her-
vortreten; wie es denn auch nicht anders möglich ist, da durch
solch verkehrtes Beginnen gerade dem entgegen gearbeitet wird,
was durch das Mittel bewirkt werden sollte: Beruhigung der
nervös-sensoriellen Thätigkeit und gleichzeitiges Hervortreten des
vegetativen Lebens und der daraus resultirende, heilsame, gleich-
sam kritische Schlaf."
„Wie es schon im gesunden Zustande höchst peinlich und
von den schlimmsten Folgen ist, wenn die Natur zu dem so
nothwendigen Schlafe einladet, ihn absichtlich, oft gewaltsam,
5
ßQ II. Buch. Aphorism 3.
durch grosse Geistesanstrengung, oder durch geistige Getränke,
Kaffee, Wein u. s. w. zu verscheuchen: wie viel mehr muss es
im kranken Zustande verderblich sein, wo der kommende Schlaf
eine noch höhere Bedeutung hat, noch unerlässlichere Bedingung
zum Genesen ist, wo überhaupt der Organismus des Schlafes
noch weit mehr bedarf, als dort. Wer würde ungestraft eine,
von der Natur herbeigeführte Krisis unterbrechen ? Nicht geringerer
Frever und Leichtsinn ist es, es dann zu thun, wenn die, die
Natur in ihrem zartesten und wohlthätigsten Wirken treu nach-
ahmende Kunst einen ähnlichen Zustand herbeigeführt hat, nicht
minder heilsam und heilig, als jener."
„Aus allem diesen gehet folgende, für die homöopathische
Praxis höchst wichtige Regel hervor, deren Beachtung und Ein-
schärfung nicht genug empfohlen werden kann, da, wie mich die
Erfahrung gelehrt hat, namentlich von Personen der höheren und
höchsten Stände, welche auch hierin sich oft und weit von der
Natur entfernen, so sehr dagegen gesündigt wird, zu ihrem ei-
genen und des Arztes Nachtheil. Der Arzt mache es nämlich
allen seinen Kranken, bevor sie das bestgewählte Mittel nehmen,
zur Pflicht, wenn sie früher oder später nach dem Gebrauche
desselben eine Beruhigung, Neigung zum Schlafe fühlen, ja wenn
sich wahrer Schlaf einstellen sollte, ihn auf keine Weise zu
stören oder zu beeinträchtigen, er komme, wann er wolle. Hier-
bei ist es freilich am zweckmässigsten und sichersten, zu be-
stimmen, die Arznei möglichst entfernt von Aufregungen aller
Art, selbst angenehmen, kurz von Allem, was diese Ruhe, diesen
Schlaf stören könnte, zu nehmen und sich ganz und ungestört
der Einwirkung der Arznei zu überlassen. Dies ist besonders
da nöthig, wo die Beschaffenheit der Krankheit überhaupt Krisen
dieser Art herbeizuführen geneigt ist: also bei Fiebern, Krämpfen,
Schmerzen aller Art, geistigen und körperlichen Ueberreizungen
sowie vorzugsweise bei reizbaren, sensiblen Personen: wiewohl
II. Buch. Aphorism 3. • 67
sie sich auch bei gegenteiligen Personen, besonders bei Kin-
dern, zu ereignen pflegen."
„Die Vernachlässigung dieser, aus mannichfacher und sorgfäl-
tiger Erfahrung abstrahirten Regel kann die Wirkung der best-
gewählten Mittel vernichten, oder doch ungemein schwächen, und
somit die schönsten und gerechtesten Erwartungen des Arztes
vereiteln, seiner und der Kunst Ehre schaden."98)
So weit die eigenen Worte unseres schätzbaren Freundes
Stapf, denen wir Nichts hinzufügen zu dürfen glauben. Auch
was den übermässigen, krankhaften Schlaf anbelangt, wie
er bei einigen bösartigen Fiebern vorkommt, so ist die
Gefährlichkeit desselben bekannt genug und bedarf hier keiner
weiteren Besprechung. Aber der übermässige Schlaf der
Gesunden, und die, anfangs zur bösen Gewohnheit, später zum
Bedürfniss gewordene Neigung, lange im Bette zu verweilen, und
bis in den Tag hinein fortzu schlummern, verdient noch eine
warnende Erwähnung.99) Man wird sich nämlich erinnern, dass
vor einigen Jahren ein reicher Engländer einen jungen Arzt
ausgedehnte Reisen hatte machen lassen, um die ältesten Leute
aufzusuchen und über deren Verhältnisse und Lebensweise
die genauesten Nachrichten zu sammeln. Das auf solche Weise
gewonnene Resultat war in der That äusserst merkwürdig.
Es fanden sich nämlich bei der, viele Hundert betragenden Zahl
von Personen des höchsten Alters überall die grössten Ver-
schiedenheiten in Betreff der Gegend, des Klimas, der
Konstitution, der Lebensweise und alles dessen, dem man
98) Wir bauen auf die gütige Nachsicht der Leser, wenn wir, viel-
leicht zu oft den an sich trockenen Stoff mit Blumen zu verzieren suchen,
welche die Literatur überall in reicher Fülle darbietet. Desshalb möge hier
auch das schöne Distichon von Meibom einen Platz finden:
„Alma quies optata veni, nam sie sine vita
Vivere quam suave est, sie sine morte mori."
99) Das Bett ist das Nest einer Menge von Krankheiten.
Kant, die Macht des Gemüths.
5*
gg II. Buch. Aphorism 4.
sonst auf ein längeres oder kürzeres Leben Einfluss zuschreibt.
Nur in einem einzigen Punkte waren die Nachrichten durch-
gängig übereinstimmend, nämlich in Bezug auf den Schlaf,
indem sich überall herausgestellt hatte, dass sämmtliche Personen,
welche das gewöhnliche Lebensalter namhaft überschritten, nur
wenige Stunden zum Schlafe gebraucht und verwendet hat-
ten.100) — Man wird ohne viele Mühe in seiner eigenen Um-
gebung bestätigende Belege zu dieser Erfahrung auffinden
können. *)
4. Weder Uebersättigung noch übertriebene Enthaltsam-
keit ist zuträglich; überhaupt ist Alles nachtheilig, was
von dem Naturgemässen abweicht.
Mit der vollsten Ueberzeugung unterschreiben sämmtliche
Homöopathen diesen Lehrsatz, welcher ganz und gar ihren An-
sichten und Erfahrungen entspricht. 2)
100) Es ist bekannt, dass der, in der Jugend stets kränkelnde A. v.
Humboldt, (wie Napoleon und Leibnitz), nur dreier Stunden Schlaf be-
durfte, und bei seiner enormen geistigen Thätigkeit ein so hohes Alter er-
reichte. (S. Dorow ßemin. S. 46.)
1) Die naturgemässeste Eintheilung des Tages bleibt gewiss diese:
Acht Stunden der Arbeit, acht Stunden der Kühe und acht Stunden der
Nahrung, körperlichen Bewegung, Gesellschaft und Aufheiterung.
Hufeland in Kant's Macht des Gemüths.
2) Der schwache menschliche Arm kann auf eine dauernde Art den
Gesetzen der Natur nicht entgegenwirken, oder die Weltordnung umwälzen.
Der Mensch kann Vieles thun, wenn er sich in dem ewigen Geleise dersel-
ben bewegt; allein er wird bald vom grossen Rade der Zeit ergriffen, fort-
gerissen und zermalmt, wenn er den Speichen desselben eine rückgängige
Bewegung zu geben versucht. Ancillon.
Das unvernünftige Thier weiss, wenn es genug gefressen und getrunken
hat, und wenn die Zeit auszuruhen herannaht. Nur der Herr der Schöpfung,
der Mensch, isst und schwelgt, ohne hungrig zu sein, trinkt und übernimmt
sich im Trinken, ohne zu dursten, legt sich nieder, ohne ermüdet und schläfrig
zu sein- Dr. Stevenson, über das Podagra.
II. Buch. Aphorism 4. 69
üass jedes Uebermaass im Genüsse der zur Nahrung be-
stimmten Dinge nachtheilig ist, weiss jeder vernünftige Mensch,
so wie auch, dass die Beschwerden von einer derartigen Ueber-
füllung, wenn sich auch sonst keine krankmachenden Stoffe darunter
befanden, oft durch eine Enthaltsamkeit von einigen Tagen sich
wieder beseitigen lassen. Aber dieses temporäre Fasten ist
keineswegs gleichbedeutend mit dem, was man im eigentlichen
Sinne unter Hungerkur begreift. Diese besteht nämlich in
einer, längere Zeit fortgesetzten Enthaltung von jeder Art
von nährenden Speisen, welche einige Allopathen bei lang-
wierigen Uebeln vorschreiben, und sehr oft noch durch Ab-
führungsmitte], schwächende Bäder, Schweisse und Ader-
lässe verschärfen.3)
Man beabsichtigt dabei hauptsächlich, dass die daneben
verordneten inneren und äusseren Heilmittel um desto kräf-
tiger einwirken sollen. Von allem Diesen kennt und braucht
die Homöopathie Nichts. Sie lässt ungehindert das natürliche
Verlangen und Bedürfniss von Speisen und Trank befrie-
digen und verbietet nur dasjenige, was entweder durch inwohnende
arzneiliche Kräfte eine Störung in der Wirksamkeit der gereich-
ten Arznei verursachen könnte, oder, wie es oft der Fall ist,
vermöge einer besonderen Art von Idiosynkrasie4) von dem
3) Abstinentiae vero duo genera sunt : alterum, ubi nihil assumit aeger;
alteruni, ubi uon nisi quod oportet. Celsus, II. 16.
4) Galenus erwähnte schon der Idiosynkrasien (de Sectis I.), und
legte ihnen als Indication ein grosses Gewicht bei.
Die in der Geschichte der Medizin berühmt gewordene Idiosynkrasie
des Prof. Chr. de Vega (de arte med. II, 3) gegen Sardellen, scheint mit
der übereinzustimmen, welche wir heutiges Tages nicht so gar selten gegen
Häringe beobachten, wogegen meistens Lycop., zuweilen auch Ac. fluor.
das Heilmittel sind.
Verschiedene glaubwürdige Aerzte haben uns über Idiosynkrasien
merkwürdige Thatsachen mitgetheilt, welche jeder physiologischen Erklärung
spotten. Wir wollen hier nur Dejean, Whytt, Tissot, de Haen, Boyle,
Magnus, Strom, Gaubius, Mosthoff und Autenrieth nennen, deren Namen
sämmtlich in unserer Wissenschaft einen guten Klang haben.
70 II. Buch. Aphorism 5.
Kranken nicht gut vertragen und deshalb meistens auch verab-
scheut wird. Dies Alles ist so na tur gemäss und dem Schlüsse
des Aphorism so entsprechend, dass jeder vernünftige Mensch
demselben unbedingt beipflichten muss. — Die sogenannte Hun-
gerkur der Homöopathen, welche oft den leichtgläubigen
Unkundigen aufgebunden wird, ist eine lächerliche, von un-
wissenden oder böswilligen Gegnern derselben ersonnene
Fabel, deren Grundlosigkeit von jedem bestätigt werden muss,
welcher sich jemals in der Behandlung eines Homöopathen be-
funden hat. Jene, oben erwähnte wahre Hungerkur der
Allopathie aber echt hippokratisch zu nennen, würde schlecht
mit diesem Aphorism übereinstimmen.5)
5. Eine aus freien Stücken sich einstellende Mattigkeit
kündigt eine bevorstehende Krankheit an.
Es giebt der Krankheiten nicht wenige, welche sich längere
oder kürzere Zeit vor ihrem eigentlichen Ausbruche durch ein
Gefühl von Ermattung und Kraftlosigkeit ankündigen,
welches natürlich nur als ein vereinzelt dastehendes Symptom an-
zusehen und in solcher Allgemeinheit völlig ungenügend ist, um
darnach mit irgend einer Sicherheit eine bestimmte Arznei wählen
zu können.
In sehr vielen, ja in den meisten Fällen solcher nur erst
aus der Ferne drohenden Beschwerden, lassen sich aber an-
amestische Zeichen auffinden, welche in Verbindung mit den
sonstigen Eigenthümlichkeiten einer solchen Mattigkeit in
Beziehung auf ihre Erhöhung oder Verminderung nach
Tageszeit und Umständen, Materialien genug darbieten, um eine
homöopathisch angezeigte Arznei zu wählen, welche dann um so
5) Nulla diaeta, optima diaeta; raodice vivere, pessinic viverc.
Boerhave, princ. diaet.
II. Bueh Aphorism 6. 71
unbedenklicher gereicht werden darf, als wegen der Kleinheit
der Gabe, selbst bei ihrer Unangemessenheit, kein erheblicher
Nachtheil davon zu befürchten ist. Dieses Letztere ist aber
durchgängig der Fall, wenn durch sogenannte stärkende Mit-
tel, welche fast stets in der Nachwirkung das Gegentheil
zuwege bringen, oder durch Verstärkung einer nahrhaften
Diät, bloss gegen das eine allgemeine und undeutliche Symptom
verfahren wird. Vielfache Erfahrungen haben es nachgewiesen,
dass eine solche angebliche Störung bei offenbar gestörter Ge-
sundheit nur die Krankheit noch mehr fördert und nicht
selten im Stande ist, diese bis zur Lebensgefährlichkeit zu stei-
gern. Hier also handelt der vorsichtige Allopath am klügsten,
wenn er vorerst sich damit begnügt, den unthätigen Beobachter
abzugeben, während der Homöopath in den meisten Fällen im
Stande ist, ohne alle Gefahr die drohende Krankheit schon
in ihren ersten Anfängen abzuwenden, wenn er den stets vor-
handenen Nebenbeschwerden die gehörige Aufmerksamkeit
schenkt. 6)
6. Wofern ein Kranker an seinem leidenden Körper fast
keine Schmerzen empfindet: so ist er zugleich gei-
steskrank.
Dieser Aphorism ist nur zum Theile richtig. Allerdings lehrt
die Erfahrung, dassbei Geistes Störungen die körperlichen
Schmerzen in der Regel sehr in den Hintergrund treten
6) Es will uns durchaus nicht einleuchten, dass die Schrift: tibqI
T03V ivrog na&äv, welche Galenus als eine Hippokratische anführt, aus dem
Grunde für unecht erklärt und der knidischen Schule zugeschrieben wird,
weil darin gar zu viel von Nebensymptomen die Eede ist. Gerade die-
ser Umstand macht diese Abhandlung für den Homöopathen doppelt in-
teressant und lehrreich, und bietet ihm öftere Gelegenheit zu therapeutischen
Studien, wozu eine übermässige Kürze der generellen Namen und Symptome
nicht hinreicht.
72 II- Buch. Aphorism 6.
und kaum mehr empfunden werden. Selbst bei tiefen körper-
lichen Leiden und Zerstörungen wichtiger Lebensorgane
sehen wir oft, wie durch Zauber, ein Wohlbefinden ohne alle
Klage und mit Verschwinden der gefährlichsten Symptome ein-
treten, sobald der Geist sich zerrüttet darstellt und eine
Krankheit der Seele sich gleichsam an die Stelle derjenigen des
Körpers gestellt hat.7) Aber es giebt auch körperliche Krank-
heiten, welche man als Schmerzlose bezeichnen könnte, sowohl
Innerliche als Aeusserliche, bei denen der Geist entweder vollkom-
men gesund bleibt, wie z. B. bei einigen völlig schmerzlosen
Hautübeln und Geschwüren, oder wo nur das Sensorium,
nicht so sehr der Geist selbst, abgestumpft ist, wie z. B. bei
einigen Nerven fiebern. Alle diese Verschiedenheiten sind bei
unseren Arznei-Prüfungen am Gesunden mit grosser Sorgfalt
ermittelt und verzeichnet, und werden von uns bei der Wahl der
Mittel jedesmal aufs Genaueste zur Berücksichtigung gezogen.
Derselbe Aphorism bietet auch noch Veranlassung, im Vor-
beigehen ein Wort über die sogenannten schmerzstillenden
Mittel zu sagen.
In der That liefern diese einen merkwürdigen Beleg zu der
theilweisen Richtigkeit des eben besprochenen hippokratischen
Lehrsatzes. Wie sehr nämlich der Mohnsaft, dieses Haupt-
mittel der Allopathie zur Linderung der Schmerzen, auf
den Geist wirkt und diesen krankhaft affizirt, ist bekannt genug.
Aber auch das noch kräftiger wirkende Chloroform hat eine
7) Ein auffallendes Beispiel von körperlicher Heilung durch Geistes-
störung erzählt der Chronist Bülau (Geh. Geschichten, B. 12) von Mira-
beau's Grossmutter. Diese dreiundachtzigjährige, bigotte und zum Gerippe
abgemagerte Frau, wurde ,,nach falsch behandelter Gicht" wahnsinnig bis
zur Raserei, mit Nymphomanie. Vom Augenblicke an, wo sie vom Wahn-
sinn ergriffen wurde, blühte sie wieder auf, wie ein junges Mädchen und
bekam selbst ihre Regeln wieder. Dieses körperliche Wohlbefinden währte
vier Jahre, worauf mit Rückkehr des Verstandes, ihr Leben schnell
erlosch.
II. Buch. Aphorism 7. 73
ähnliche Kraft, und es sei uns erlaubt, in der Kürze folgende
merkwürdige Thatsache mitzutheilen : — Johanna M., eine un-
verheiratete Dame von vierundzwanzig Jahren, welche zehn
Jahre früher von einem gefährlichen chronischen Augenübel
('Markschwamm) durch uns geheilt war, bekam im April 1849
heftige (rheumatische) Zahnschmerzen, und liess sich bereden,
mit Hülfe von Chloroform die Operation des Zahnausreis-
sens schmerzlos zu überstehen. Aber der Erfolg war für die
Angehörigen entsetzlich. Gleich nach dem Erwachen aus dem
Betäubungs-Zustande erschien sie als total verrückt, indem ihr
nämlich Alles durchaus fremd erschien, ihr Zimmer, ihre Möbeln,
ihre Freundinnen und selbst ihre eigenen Eltern. Sie wusste sich
nirgends zurecht zu finden und geberdete sich wie eine Person,
die aus der Fremde urplötzlich in einen Kreis völlig unbe-
kannter Personen und Verhältnisse versetzt war. Dieser
Zustand dauerte drei Tage, wonach er in der Nacht spurlos ver-
schwand, aber die Zahnschmerzen gleichzeitig in erhöhtem Grade
wiedergekehrt waren. Desshalb wurde nun wieder bei uns
homöopathische Hülfe in Anspruch genommen und dabei der
erwähnte Vorgang mitgetheilt. Eine einzige Gabe Bry. war zur
völligen Heilung der Zahnschmerzen hinreichend.8)
7. Eine Abmagerung des Körpers, welche lange Zeit ge-
währt hat, darf nur allmälig, diejenige aber, welche
schnell erfolgt ist, kann auch baldigst durch Nahrung
wieder gehoben werden.
8) Die Palliativmittel schaden wahrscheinlich desshalb so sehr in
chronischen Krankheiten, und machen sie hartnäckiger, indem sie nach ihrer
ersten, den Symptomen entgegengesetzten Wirkung eine Nachwirkung zu-
rücklassen, die dem Hauptübel ähnlich ist.
Hahnemann's kl. Sehr., I. S. 155.
74 n. Buch. Aphorism 7.
Hier ist eine von den Eigentümlichkeiten ausgesprochen,
welche das Wesen und den Verlauf der akuten Krankheiten
gegenüber den Chronischen bezeichnen.9) Wenn nach voll-
führter Herstellung von einer schweren akuten Krankheit eine
bedeutende Abmagerung zurückbleibt: so gehört diese nicht mehr
eigentlich zu dieser Krankheit selbst, sondern ist bloss eine
Folge davon, die während der Reconvaleszenz sich ohne Gefahr
und Nachtheil heben lässt. Es liegt nämlich in der Natur der
akuten Krankheiten, dass sie an eine bestimmte und begrenzte
Dauer gebunden sind, nach deren Ablauf der Kranke entweder
todt oder wieder gesund ist. Die hinterher noch bleibende
geringere oder grössere Erschöpfung, Schwäche oder Abmagerung
darf daher unbedenklich, in sofern nicht auch die Verdauungs-
Organe anfangs noch daran Theil nehmen, vermittelst reichlicherer
Nahrung ihre Beseitigung finden, weil nicht zu befürchten ist,
dass die noch ungetilgte Krankheit dadurch auf's Neue aufgefrischt
und verstärkt werde. Bei den chronischen Krankheiten hin-
gegen, die an keine bestimmte Verlaufszeit gebunden sind,
die ungeheilt den damit Behafteten bis zu seinem Tode niemals
ganz verlassen, und die wohl ihre äussere Form und ihre Hef-
tigkeit, nicht aber ihre Natur und ihr inneres Wesen wechseln,
— bei diesen eigentlichen chronischen Krankheiten stellt sich
die Sache ganz anders. Wenn dabei nämlich der Fall eintritt,
9) Es ist ein unverkennbares Naturgesetz, dass langsames oder schnelles
Entstehen und Heranwachsen, auch langsames oder schnelles Abnehmen be-
dingt. Selbst das Steigen oder Fallen des Barometers, je nachdem es all-
mälig oder rasch geschieht, zeigt etwas Aehnliches bei der Veränderung
des Wetters an. Es widerspricht daher diesem Naturgesetze, wenn man in
Krankheiten die schnell wirkenden Mittel bei chronischen, und die Lang-
wirkenden bei akuten Leiden anwendet, oder von Beiden dieselben Erfolge
erwartet. Daher gilt bei uns das gewöhnliche „alle zwei Stunden" nicht.
Wenn dem Asklepiades (aus Prusa in Bithynien) auch die erste Ein-
theilung der Krankheiten in Hitzige und Langwierige zugeschrieben wird,
so finden wir doch schon im Hippokrates Stellen genug, wo dieser Unter-
schied hinreichend hervorgehoben wird.
II. Buch. Aphorism 8. 75
dass der Kranke beträchtlich abmagert: so gehört dieses Symptom
eben sowohl, wie alle Andern, welche dabei vorkommen, zur
Gesammtgruppe derjenigen, welche die Krankheit bezeichnen
und kann deshalb nur gleichzeitig mit den Uebrigen geheilt wer-
den. Wofern dieses nicht geschieht, so tritt der Nachtheil ein,
der im Aphorism II, 10 ganz richtig angeführt wird, dass näm-
lich die Krankheit, so lange sie noch besteht, durch vermehrte
Nahrung nur verstärkt, das Symptom der Abmagerung demnach
zunehmen und der Schaden um so grösser wird.
8. Wenn Jemand nach überstandener Krankheit eine starke
Esslust zeigt und gehörig- befriedigt, ohne dabei an
Kräften zuzunehmen: so ist dies ein Zeichen, dass er
zu viel Nahrung zu sich nimmt. Wenn dies aber bei
schwacher Esslust der Fall ist, so ist ihm eine Aus-
leerung nöthig.
Auch in den hier angeführten beiden Fällen ist der so
eben beim vorigen Aphorism näher bezeichnete Unterschied
zwischen akuten und chronischen Krankheiten sorgfältig und
scharf im Auge zu behalten. Wenn nämlich nach einer akuten
Krankheit der erst erwähnte Fall eintritt: so ist dies ehr Zeichen,
dass auch die Verdauungs-Organe an der allgemeinen Schwäche
Theil genommen haben, und daher die Verdauung, oder wie
man es jetzt nennt, der Stoffwechsel nicht gehörig von Statten
geht. Hier muss natürlich die Anordnung getroffen werden, dass
der Reconvaleszent nur leicht verdauliche Nahrung, und zwar
öfter, aber stets nur wenig auf einmal, zu sich nehme. — Bei
chronischen Krankheiten liegt aber gewöhnlich eine ganz an-
dere Ursache zum Grunde. Wenn da nämlich auch der Haupt-
Sturm eines Verschlimmerungs-Anfalls, der oft wie eine ein-
zelne, für sich dastehende Krankheit auftritt, beschwichtigt
ist: so bleibt doch das ursprüngliche, keineswegs getilgte Siech-
76 II. Buch. Aphorism 9.
th um bestehen, und sehr oft ist dabei eine vermehrte, selbst
krankhaft gesteigerte E s s 1 u s t vorhanden , deren Befriedigung
dem Kranken mehr schadet, als nützt. Hier kann eine Mässigung
in den Genüssen nur als diätetische Beihülfe dienen, während
der Fortgebrauch der passenden Heilmittel die Hauptsache thun
muss.
In dem letzten Theile dieses Aphorisms ist offenbar nur
von geschwächter Verdauung und daher rührender Appetit-
losigkeit die Rede, welche in dem Zeitalter des Hippokrales
und zum Theile auch noch in unseren Zeiten nur vermittelst
Ausleerungen nach Oben und nach Unten bekämpft wurde.
Dass die Homöopathie dazu andere, weniger heftige und unan-
genehme Mittel besitzt, die mindestens dasselbe leisten, ist be-
kannt genug.
9. Wenn man abführen will, muss man die auszuleerenden
Stoffe vorher erweichen.
Dieser Lehrsatz war zu den Zeiten des Hippokrates weit
wichtiger und nothwendiger, als jetzt, wo man sogenannte ge-
linde auflösende Arzneien (Resolventia) besitzt, während die
damaligen Aerzte nur die heftigsten, drastischen Abführmittel
kannten. Es ist nämlich jederzeit gefährlich, Personen, die an
Obstruktionen leiden, ohne Weiteres mit Pu rgirmitteln zu
behandeln, auch abgesehen davon, dass, wie die tägliche Er-
fahrung in tausendfältigen Beispielen lehrt, eine wahre habituelle
Verstopfung niemals durch Solche gründlich und dauerhaft
geheilt werden kann. ' Hippokrates spricht daher hier wohl nur
von der augenblicklichen Gefährlichkeit eines derartigen
Verfahrens, welches dennoch bei einigen Allopathen unbesonnener
Weise noch heutiges Tages oft zur Anwendung kommt. — Die
Homöopathie reicht, wie bekannt, niemals zu solchem Zwecke
II. Buch. Aphorism 10, 11. 77
eigentliche Abführmittel, sondern Arzneien, welche in der
Nachwirkung, also dauernd die Verstopfung heben.
10. Je reichlicher man unreine Körper nährt, desto mehr
schadet man Ihnen.
Siehe hierzu die Glosse zum Aphorism II, 7.
11. Flüssige Nahrung erquickt leichter, als Feste.
Wenn man bedenkt, dass die nährenden und zu dem
Ende in die Säfte übergehenden Best andtheile der Speisen vor
ihrer Aufnahme in dieselben von den übrigen, gleichsam als Ve-
hikel dienenden und zur Ausscheidung bestimmten Stoße, eine
flüssige Gestalt angenommen haben müssen: so ist nichts be-
greiflicher, als dass dieser Zweck um desto leichter erreicht
wird, je mehr die Nahrungsmittel zu diesem Verdauungs-Processe
vorbereitet und in solchem bereits aufgelösten Zustande genom-
men werden. In so weil also müssen wir vollkommen diesem
Lehrsatze beistimmen.
Wenn man aber daraus folgern wollte, dass jede Nahrung,
auch für Gesunde, in dieser Form, einen entschiedenen Vor-
zug vor den mehr konsistenten und festen Speisen ver-
dienten: so würde man dies in Abrede stellen müssen. Da
nämlich die Natur den Mund mit Zähnen zum Zermahnen, so wie
den Magen mit ferner die Speisen zerkleinernden und auf-
lösenden Häuten und Säften versehen hat: so würden diese
Theile durch mangelnde Thätigkeit bei dem Processe der Ver-
dauung, wie alle derartigen Naturgebilde des lebenden Körpers,
allmälig erlahmen, und ihnen dadurch in anderer Weise Nach-
theil zugefügt werden. Am Auffallendsten ist dies der Fall bei
78 IL Buch. Aphorism 11.
Personen, welche sich gar zu sehr dem Genüsse warmer Ge-
tränke ergeben haben und dabei alle festen Speisen ver-
schmähen. Wird eine solche Lebensweise lange fortgesetzt, so
entstehen daraus mancherlei Beschwerden, wie Magenleiden, Un-
terleibsbeschwerden, Hysterie u. d. gl. mehr, deren Ursache man
oft da sucht, wo sie nicht zu finden ist, und die Wahre fort-
bestehen lässt.
Hier möge noch eine Mittheilung Platz finden, welche vor
wenigen Jahren (bei Gelegenheit der Einweihung des Hahnemann-
Denkmals in Leipzig) der berühmte Dr. Nunez, Leibarzt der
Königin von Spanien, dem Verfasser machte, nachdem er un-
mittelbar vorher ein Paar Monate bei dem damals berühmten
Priesnitz in Gräfenberg verweilt hatte, um das Wesen und
die Erfolge der dortigen Wasserheilanstalt10) kennen zu
lernen. Dieser versicherte nämlich, dass, nach eigenem Ge~
ständniss des Priesnitz, er zuerst durch die verschiedene
Beschaffenheit der Eingeweide bei geschlachteten Schweinen
auf den Einfluss kalter oder warmer Fütterung aufmerk-
sam geworden sei. Bei den kalt Gefütterten nämlich hätten
sich die Gedärme beim Wursten überaus fest und zähe
erwiesen, während bei den, mit warmen Tränken Gefütterten
diese Gedärme sich dermaassen mürbe und brüchig gezeigt
10) A. Musa, und nach ihm Charmis, sollen schon zu Nero's Zeiten
in Rom die Kaltwasserkur angewendet und eingeführt haben.
Wie früher über die Homöopathie, so gab auch am 18, Aug. 1840 die
Academie de Medecine in Paris über die Wasserheilanstalt ä la Priesnitz
ihr Gutachten dahin ab :
1. dass die Wasserheilkunst eine gefährliche therapeutische Methode
sei, die sich auf keine Th'atsache stütze ;
2. dass die Theorie derselben eine Chimäre sei;
3. dass sie im Widerspruche stehe mit allen physiologischen und
pathologischen Wissenschaften und die Akademie sie in keiner Gestalt
approbiren könne, und
4. dass der Gebrauch des kalten Wassers schon lange in der Medizin
eingeführt und bekannten Regeln unterworfen sei.
II. Buch. Aphorism 12. 79
hätten, dass sie beim Stopfen der Würste stets geplatzt und
oft ganz unbrauchbar gewesen wären. Wir erwähnen diese
angebliche Thatsache nur in Folge der Versicherung eines Drit-
ten, aber eines Mannes, dem wohl Niemand die erforderliche
Glaubwürdigkeit absprechen wird. n)
12. Ueberbleibsel von einer Krankheit , die nach der Krise
noch vorhanden sind, verursachen Eückfälle.
Der vorstehende Aphorism hat den verschiedenen Commen-
tatoren viel zu schaffen gemacht. Am leichtesten wurden damit
die Humoral- Pathologen fertig, indem sie die Schuld der
Rückfälle auf zurückgebliebene Infarkte, böseSäfteund
dergleichen schoben und somit diesen Erfahrungssatz leicht er-
klären zu können glaubten.
Andere begriffen unter diesen Krankheits-U eberb leibsein
dasjenige, was nach unvollständiger Krise von dem räthsel-
haflen Krankheits Stoffe noch übrig geblieben wäre, und nur
durch eine erneuerte Anstrengung der Lebenskraft, oder durch
eine erneuerte Krise ausgeschieden werden könnte. Noch An-
dere schoben die Ursache, ohne sich bestimmter über den Her-
gang auszusprechen, auf ein allzu reizendes, oder ein allzu
weit getriebenes antiphlogistisches Heilverfahren, denen
sie konsequenter Weise auch die dabei ungewöhnlich häufig vor-
kommenden Metastasen zuschreiben. — Wir lassen diese und
andere Erklärungs- Versuche ähnlicher Art auf ihrem Werthe oder
Unwerth beruhen, und wollen nur kurz und einfach anführen,
wie wir, und mit uns wohl der grösste Theil der Homöopathen
11) Notandum, — erinnert Plinius (XXVIII, 14) sehr richtig,
nulluni aliud animal calidos potus sequi, ideoque non esse naturales.
Eine Ausnahme dürften doch wohl die blutgierigen Thiere machen.
gO II. Buch. Aphorisni 12.
die angeführte Thatsache ansehen, die allerdings in der Wirk-
lichkeit oft vorkommt.
Den Grundsätzen der Homöopathie gemäss, welche vollkom-
men mit der Erfahrung übereinstimmen, muss auch in Bezug
auf diesen Gegenstand der oben schon einmal auseinander ge-
setzte Unterschied zwischen akuten und chronischen
Krankheiten genau im Auge behalten werden.
Wenn es sich nämlich um Rückfälle bei akuten Krank-
heiten handelt, so erscheint dieser Ausdruck eigentlich als nicht
ganz richtig, sondern sollte vielmehr Nachkrankheit heissen.
Die akute Krankheit selbst hat nämlich ihren in der Zeit ziem-
lich beschränkten Verlauf, über welche hinaus sie ihrer wesent-
lichen Natur nach nicht fortdauern kann. Wenn also hier Nach-
krankheiten erfolgen, welche die Genesung verzögern, so ge-
hören sie nur in so weit zu der vorhergehenden Krankheit, als
diese mit zu den dazu disponir enden Ursachen gehört, in
ihrem Wesen aber davon gänzlich verschieden ist. Dahin
gehören die Nachkrankheiten nach Scharlach, Masern,
Nervenfieber, Cholera u. d. gl. mehr, die oft böse genug
sind und oft gefährlicher werden, als ihre Vorgängerinnen, aber
sonst Nichts damit gemein haben, und meistens eine ganz davon
verschiedene Behandlung und ganz andere Arzneien erfordern.
Bei chronischen Krankheiten, welche zwar an keine
bestimmte Verlaufs-Periode gebunden sind, aber dennoch oft in
abgesonderten Anfällen auftreten, so dass sie dadurch die G e-
stalt akuter Krankheit annehmen, ohne ihre Eigenschaft zu
haben, stellt sich die Sache anders. Hier nämlich sind es wirk-
liche Rückfälle, wenn nach einem beendigten Anfalle ein wei-
terer ähnlicher Akt erfolgt, weil die Krankheit weder ihr na-
türliches Ende erreicht hat, noch auch durch die gereichte Arz-
nei vollständig geheilt ist.
Ausser diesen beiden natürlichen Verschiedenheiten der akuten
und der chronischen Krankheiten steht nur noch eine dritte
II. Buch. Aphorism 12. 31
Art von Nachkrankheit in der Mitte jener beiden, welche
man kaum anders als mit dem Namen einer Arzn ei - Krank-
heit 12) bezeichnen kann, und die jedesmal eine Folge von allzu
heftigen arzneilichen Einwirkungen ist.13) Diese ist weder
ein Rückfall eines chronischen Leidens, noch eine Nachkrank-
heit einer akuten Erkrankung, sondern eine arzneiliche Nach-
wirkung, welche an und für sich oft schon böse genug ist,
aber ausserdem in nicht seltenen Fällen sich mit einer früher
schlummernden und durch die heftigen Angriffe auf die Lebens-
12) Wenn die Heilung einer chronisch gewordenen Arznei-
krankheit an und für sich schon grössere Schwierigkeiten darbietet,
als eine Natürliche: so werden Solche noch erheblich vermehrt, wenn von
den angewendeten Arzneien, besonders in ihren mannigfaltigen Mischungen
keine vollständige Kenntniss zu erlangen ist. Ausser der Unachtsamkeit
vieler Kranken und ihrer Angehörigen, welche die Rezepte oft nicht auf-
bewahren, giebt es namentlich zwei am häufigsten vorkommende Ursachen,
welche wir dabei zu beklagen haben. Die Erste ist die Sitte einiger
Aerzte, bei jedem folgenden Besuche das vorige Rezept zur Einsicht
zurück zu verlangen und dann zu vernickten. Es bedarf kaum der
Erinnerung, dass für das Letztere durchaus kein gültiger Rechtstitel vor-
liegt, indem das Rezept ausschliesslich Demjenigen gehört, der es bezahlt
hat, und keineswegs dem ordinirenden Arzte, der eine Note etwa aufbe-
wahren kann und muss, wenn er es für nöthig hält. Die Zweite ist
aber noch schlimmer und weit gefährlicher, nämlich die Befugniss zahl-
reicher, von A.potheken etwas entfernt wohnenden Landärzte , selbst ihre
Arzneimischungen anzufertigen und zu dispensiren, ohne dem Kranken
darüber irgend ein Rezept zu verabfolgen. Ob sie darüber ein vollstän-
diges und genaues Buch führen, wissen wir nicht; aber es ist uns bis
jetzt noch niemals gelungen, in solchen sehr häufigen Fällen die erfor-
derliche Auskunft über die frühere Medikation zu erlangen; während der
ordnungsmässige Homöopath aus seinem Journale jederzeit die geforderte
Nachweise zu liefern im Stande ist.
Medicamentorum usum magna ex parte Asclepiades non sine causa
sustulit, cum omnia fere stomachum laedant malique succi sint.
Celsus, L. V. praef.
13) Ist das Arzneimittel angreifender als die Krankheit, so hat man
den Kranken zwar gesund gemacht, aber man hat ihn durch den Prozess
des Gesundmachens mehr geschwächt, und also seiner Lebenslänge Mehr
entzogen, als die Krankheit für sich gethan haben würde.
Hufeland, Makrobiotik. II. 15.
6
g2 II. Buch. Aphorism 13.
kraft erwachten chronischen Dyskrasie verbindet, und dann
oftein Krankheits-Ungeheuer14) darstellt, dessen Bekämpfung
für den Arzt meistens eine schwierige und mühevolle Auf-
gabe ist. 15)
Zu Beispielen und Belegen für diese Ansichten wird es im
Verlaufe dieser Glossen nicht an Gelegenheit fehlen.
13. Die Nacht, welche einer Krise unmittelbar vorher
geht, ist für den Kranken eine sehr Beschwerliche ; in
der darauf Folgenden befindet er sich aber um so
wohler.
Es ist eine konstante Erfahrung aller Zeiten, von Hippokra-
tes an, wie wir aus diesem Aphorism ersehen, bis auf uns herab,
dass bei dem Heil vorgange ein Kampf stattfindet, welcher
zwischen der normalen Lebenskraft einerseits, und anderseits
der normalen Krankheits-Potenz geführt wird, und welcher
um so heftiger und wahrnehmbarer wird, je näher die Ent-
scheidung, die man die Krise nennt, heranrückt. Die Homöopathie
bezeichnet diesen Vorgang mit dem Ausdrucke Erst- und Nach-
wirkung, wovon früher schon in der Glosse zum Aphorism I,
20. die Bede gewesen ist. Bei Beiden ist die Thätigkeit des
lebenden Organismus ein unbedingtes Erforderniss, indem
14) Ebenso, wie noch heutiges Tages, fand Plinius (XXIV, 1) Ur-
sache zu beklagen: — ,,Postea fraudes houainum et ingenioruni capturae
officinas iuvenere istas, in quibus sua cuique hoinini venalis promittitur
vita. Statim compositiones et mixturae inexplicabiles decantantur."
15) En effet, une medecine qui n'en serait pas une et produirait plus
de bien qu'une medecine reuinissant tous les caracteres de la science,
temoignerait au moins du mal que fait sa rivale.
Leon Simon, exposition. p. 560.
„Zuweilen aber sieht man Kinder mit Merkur überschwemmen, so
dass die Löschanstalten in Erinnerung kommen, die durch das Wasser
mehr zerstören, als das Feuer verzehrt." — Kopp, Beobachtungen.
S. 117. Anm.
II. Buch. Aphorism 13. 83
rein materielle Wirkungen einer Arznei oder eines Krank-
heits-Stoffes nur in chemischer, physischer oder mechani-
scher Hinsicht bestehen können. Alles aber, was im lebenden
Organismus in dieser Weise vorgeht und ein wahrer or-
ganischer Lebensprocess ist, kann nur aus dem Leben
selbst hervorgehen, und nur darin seine natürliche Grundlage
haben. Die Arzneien, eben so wie die natürlichen Krankheiten,
können wohl die Anregung, die Veranlassung zu einem
solchen Processe geben, aber ohne T heil nähme der Lebens-
kraft Diesen nicht zur Ausführung bringen.
Wenn nun dem also ist und die Bestätigung davon überall
deutlich vor Augen liegt, so muss es dem vorurteilsfreien Be-
obachter geradezu unerklärlich vorkommen, wie es noch heu-
tiges Tages gelehrte und denkende Köpfe geben kann, welche
die Erst- und Nach- Wirkungen leugnen. Freilich treten
diese beiden Gegensätze nicht stets und überall so deutlich her-
vor, dass man sie mit groben Händen greifen kann; aber sie
müssen nothwendig bei jedem Heilproeesse vorhanden sein, weil
sie in der Natur der Sache selbst begründet sind, und ohne
diesen gegenseitigen Kampf eine wirkliche Heilung in der That
gar nicht denkbar ist.
Die Stärke und Dauer dieser beiden entgegengesetzten
Wirkungen ist indessen von sehr verschiedener Art, und theils
von der Kraft der Arznei, theils von der Beschaffenheit
der Krankheit abhängig. Da nun die Heilung, d. h. die hei-
lende Nachwirkung der endliche Zweck des Arztes ist: so
ist es eben so seine Aufgabe, die Arznei so einzurichten, dass,
unbeschadet einer genügenden Reaktion der Lebenskraft, die
Erst-Wirkung sogelinde und so kurzdauernd wie möglich
stattfindet, um nicht unnöthiger Weise und zum Nachtheil des
Kranken den Kampf zu verlängern.16)
16) Ebenso interessant, als belehrend über den Vorzug der höhern
oder niederen Verdünnungen ist die „Schematische Gruppirung", welche
6*
84
II. Buch. Apliorism 13.
Um hierfür aber das richtige Maass zu linden, darf ein-
zig und allein nur die Erfahrung befragt werden, indem alle
Theorie und alle Spekulation darüber entweder gar keine,
uns neuerdings der Dr. M. Eidherr in der „Zeitschrift des Ver. hom.
Aerzte in O esterreich I, 1" am Schlüsse einer sehr werthvollen Abhand-
lung über Lungenentzündungen mitgetheilt hat. Hier finden wir
nämlich die Resultate der hom. Behandlung der Pneumonien von den
Jahren 1850 bis 1859 summarisch zusammengestellt, und zwar in drei
Gruppen, welche sich folgender Maassen scharf und deutlich abgrenzen:
1. Gruppe: die in den Jahren 1850, 1851 und 1852 mit der 30.
Dezimal-Ver dünnung,
2. Gruppe: die in den Jahren 1853, 1854 und 1855 mit der 6.
Dezimal-Verdünnung, und
3. Gruppe: die in den Jahren 1856, 1857, 1858 und 1859 mit der
15. Decirnal-Ver dünnung erzielten Resultate.
Nach spezieller Zusammenstellung der vorher einzeln und umständ-
lich beschriebenen Fälle, wovon 55 auf die 1., 31 auf die 2. und 54 auf
die 3. Gruppe fallen, ergiebt sich Folgendes in übersichtlicher Weise
vom Tage der nachweisbaren Infiltration bis zu dem Tage des Ver-
schwindens des Exsudats angegeben:
G>
Der pneumonischen Infiltration
Verschwinden
Dauer
ft
der
£
Dauer
beginnende
Lösung
vollendete
Lösung
der In-
filtration
des
Exsudats
Rekon-
valescenz
1.
3,0 Tage
3,0 Tage
4,9 Tage
7,1 Tage
12,3 Tage
4,4 Tage
2.
4,1 ii
3,5 „
6,9 „
9,3 „
20,5 „
5,3 „
3.
3,0 „
3,2 „
6,3 „
10,3 „
18,1 „
4,8 .,
In merkwürdiger Weise stimmt damit auch die Durchschnittszahl
der Verpflegungstage überein, welche
bei der ersten Gruppe: 11,3 Tage,
beider zweiten Gruppe: 19,5 Tage und
bei der dritten Gruppe: 14,6 Tage beträgt.
Es ist in der That dabei zu bedauern, dass uns noch ähnliche ver-
gleichende Zusammenstellungen von der Anwendung der 30. Centesimal-
Verdünnungen und der Hochpotenzen fehlen, nachdem hier schon der
erhebliche Vorzug der höhern Verdünnungen vor den Niedern so ent-
schieden in Zahlen nachgewiesen ist. Auf die Versuche mit unverdünnten
Tinkturen, zweistündlich zu einem oder mehreren Tropfen, wollen wir weit
lieber verzichten .
II. Buch. Aphorism 13. 85
oder nur zweideutige und unzuverlässige Antwort zu geben ver-
mögen. 17) Selbst dann, wenn es sieb darum handelt, zu wissen,
wie stark die Gabe sein dürfe, um das Leben nicht zu
gefährden, oder sonst Nachtheil zu bringen, würde man nur
sein Vertrauen auf die Erfahrung setzen können, welche in
dieser Beziehung auch die Doses praescriptae der allopathi-
schen Pharmakopoen normirt hat. Um wie viel mehr ist dies
aber für die Homöopathie erforderlich, welche die Frage ganz
anders stellt, und nur erörtert: wie Wenig von jedem arz-
neilichen (giftigen, schädlichen) Stoffe18) hinreicht, um die
nöthige Reaktion hervorzurufen? Diese wichtige Frage hat
vom Beginne der Entdeckung des naturgemässen homöopathischen
Heilprincipes (Similia similibus) au19) bis zum heutigen Tage den
Stifter der neuen Schule und dessen Anhänger auf's Ernstlichste
beschäftigt und wurde von ihnen in sofern wenigstens gelöst,
als man bereits mit Bestimmtheit weiss, dass die allerkleinsten
Gaben mindestens sehr oft, wenn sie nur genau gewählt wur-
den, die beabsichtigte Wirkung zu thun im Stande sind. Freilich
sind über diesen Gegenstand die Akten noch nicht geschlossen,
und die verschiedenen Ansichten gehen dabei noch sehr weit
auseinander. Aber soviel ist doch schon jetzt als ausgemacht
anzunehmen, dass es, wenn auch nur zur Abkürzung der
17) Wie in allen Gebieten idealer Spekulation, steht aber auch
hier die Gefahr der Täuschung neben der Hoffnung einer reichen und
sicheren Ausbeute. Humboldt, Kosmos. I. S. 384.
18) - — — — , „non ci dee sembrare strano che coi rimedii vedansi
confondere i velani, e che considerati sotto questo punto di vista si gli
uni che gli altri vengano ad essere lacosa istessa."
G. Taddei, vel. e contrav. I, 1.
19) In der Mittheilung Hahnemann's von 1814: „Heilart des jetzt
hei-rschenden Nerven- und Spitalfiebers" (in H. kl. Sehr. II, 155) sehen
wir, dass er damals seine Verdünnungen in der Weise anfertigte, dass
er einen Tropfen der Tinctur oder der vorhergehenden Nummer auf
sechs Quentchen Weingeist nahm, dieses aber jedesmal drei volle
Minuten stark schüttelte.
gß II. Buch. Aphorism 14.
Erst-Wirkung, jederzeit anzurathen ist, die Gabe so klein zu
bemessen, als eben hinreicht, um den Zweck der Erst-Wirkung zu
erfüllen, und die heilungbringende Nachwirkung nicht über die
erforderliche Zeit zu verzögern.20)
14. Bei Baiichnüssen sind alle Veränderungen in dem
Ausgeleerten heilsam, Avenn diese nicht gerade eine
noch schlimmere Beschaffenheit annehmen.
Jeder Arzt weiss, dass bei innormalen Ausleerungen
die Krankheit nicht eher in ein günstiges Stadium übergebt,
als bis diese wieder zu der natürlichen Beschaffenheit zurück-
kehren. Dies gilt nicht bloss von der Ruhr, von der Lien-
terie, und anderen Krankheiten ähnlicher Art, sondern auch
von den Veränderungen in den konsistenten Ausleerungen,
welche gewöhnlich in der Begleitung mancher Leiden anderer
Organe angetroffen werden. In allen solchen Fällen kann die
Heilung ungemein befördert und beschleunigt werden, wenn,
wie die Homöopathie solches vorschreibt, nur ein Mittel ge-
reicht wird, welches allen diesen Abnormitäten, mithin
den Gesammt- Symptomen der Krankheit entspricht.21)
20) Die Allopathie verstärkt allmälig die Gaben, oft bis zu
einem gefährlichen Grade von Intoxikation. Die Honiö opathie, wenig-
stens Viele ihrer ältesten Anhänger, verkleinert solche, indem sie, wo
eine Wiederholung nöthig, zu höheren Potenzen aufsteigt, weil darin
die Arzneikraft mehr entwickelt, ihr Wirkungs-Umfang erwei-
tert, mithin an Berührungspunkten reicher geworden ist. Die jüngeren
Homöopathen näheren sich in diesem , wie in einigen anderen Punkten
wieder dem Brauche der Allopathen.
Ein schwerer Irrthum, dem Gealterten und Abgelebten den Sieg über
das Jugendliche und Heranwachsende verschaffen zu wollen.
Semilasso in Africa. III, 85.
„Im Organischen", — sagt Autenrieth sehr richtig, — „erscheint die
Wirkung jederzeit grösser, als die Ursache."
21) Qui potest mederi simplieibus, dolose et frustra quaerit com-
posita. Villanova.
II. Buch. Aphorism 14. 87
Wenn dagegen, wie so oft geschieht, mehrere nach den In-
dikationen gewählte Mittel in einem und demselben, oder
in mehrern abwechselnd zu brauchenden Rezepten ver-
schrieben werden22): so ist es doch mit einer vernünftigen
Einsicht in die Werkstätte der lebenden Natur schwerlich
zu vereinigen, wenn man dabei verlangt oder auch nur voraus-
setzt, dass nun auch Jedes dieser verschiedenen Arznei-
Ingredienzen, woraus diese Gemische bestehen, ungestört
und unabhängig von den Andern seine Wirkung entfalten
soll.23) Vollends unsinnig muss es aber jedem, mit den
eigenthümlichen Kräften der Arzneisloffe hinreichend bekannten
Arzte erscheinen, wenn er in solchen zusammengesetzten Re-
zepten Mittel aufgeführt findet, welche entweder ganz ent-
gegengesetzte Kräfte besitzen, oder in chemischer
Beziehung sich einander neutralisiren und wirkungslos
inachen, — eine Wahrnehmung, die man häufiger zu machen
Gelegenheit hat, als sich bei der hohen wissenschaftlichen
Bildung unseres Zeitalters vermuthen lassen sollte. Freilich
22) Auch ich siechte einstmals an diesem Fieber (der zusammen-
gesetzten Rezepte) ; die Schule hatte mich angesteckt. Hartnäckiger hing
dies Miasma, eh' es zur kritischen Ausscheidung kam. meinem Gebein an,
als das Miasma irgend einer andern Geisteskrankheit.
Hahnemann's kl. Sehr. I. S. 15.
Obwohl bekanntlich der Wahlspruch des berühmten Boerhave , lau-
tete: simplex veri sigillum! so findet man doch, wie der D. Terne in
Leiden anmerkte, in dessen Materia medica Arzneivorschriften, wie „Lei-
tern von 20 bis 30 Sprossen."
Wenn der Kaiser von China erkrankt, so werden die berühmtesten
Aerzte znsammenberufen, wovon jeder seine Mittel verschreibt, die dann
Alle zusammengemischt und gebraucht werden. Geneset davon der Kaiser,
so werden alle Aerzte gleichmässig und reichlich beschenkt; stirbt er,
so werden sie alle geköpft.
Dr. Quin. Brit. Journ. of Hom. 1848.
23) Radix autem veridica esset, ut, si posset fieri, ministraretur
semper unica et simplex medicina in omni morbo, donec ejus operatio
ponderetur. Avicenna op. p. 395.
gg II. Buch. Aphorism 15.
sind die alten, ellenlangen Rezepte, wie sie noch im
vorigen Jahrhunderte gäng und gebe waren, allmählich ver-
schwunden; aber Solche, welche nur ein einziges Mittel ent-
halten, gehören auch heute noch zu den grossen Seltenheiten.24)
15. Wenn die Schlundhöhle leidet, oder wenn Hautaus-
schläge sich zeigen: so muss man die Ausleerungen
untersuchen. Findet man Diese galligter Art: so ist
der ganze Körper krank; sind Sie hingegen denen des
Gesunden ähnlich: so darf man unbedenklich gehörige
Nahrung gestatten.
Der Sinn dieses Aphorisms scheint darin zu liegen, dass
Halsleiden und Hautübel nicht selten einen gastrischen
Ursprung haben, der sich an den Ausleerungen erkennen lässt,
und wobei dann mit der Behandlung natürlich auch eine ent-
sprechende Diät verbunden werden muss. Wo diese Zeichen
aber fehlen, da sind auch die Verdauungsorgane, wenigstens
nicht unmittelbar, dabei betheiligt und deshalb eine besondere
Enthaltsamkeit von Nahrungsmitteln, wie sie im ersten Buche
dieser Aphorismen abgehandelt ist, unnöthig. Wenn wir nun
24) So viel bekannt, ist die älteste, zusammengesetzte Arznei in der
Odyssee IV. 220 und 221 unter dem Namen Nepenthes beschrieben.
Könnte doch nur Alles so vereinfacht und leicht gemacht werden,
wie es Hahnemann in Betreff der innern Mittel gemacht hat! Und diese
Vereinfachung ist kein kleiner Stern in der Krone Halmemann's. Statt
aber diese extremste Vereinfachung dankbar anzuerkennen, wirft man
Schmähungen über Schmähungen auf dieselbe.
Prof. Hoppe, die Dispeusirfreiheit. S. 74.
Ast minus periti artifices nobis videmur, nisi praelongas, ac inter-
dum etiam scriptas a tergo schedas apud aegros relinquamus et in sim-
plici quoque effectu non solum simplicia simplicibus sed etiam compositn
compositis permisceamus.
B. Bammazini, op. phys. med. p. 88.
Qui longas remediorum formulas conscribit, aut dolo peccat , aut
ignorantia. Trithemius.
II. Buch. Aphorism 16. 89
hiergegen, was die Schlussfolgerung in beiden Fällen anbelangt,
auch nichts Erhebliches zu erinnern haben: so sind wir doch
keineswegs damit einverstanden , dass bei den angeführten Be-
schwerden der übrige Körper völlig gesund sein müsse,
so lange die Ausleerungen ihre normale Beschaffenheit
behalten. Selten wird nämlich der Fall vorkommen, dass bei
den erwähnten Halsleiden, oder beim Ausbruche von Hautübeln,
ungeachtet der ungestörten Verdauung, der übrige Körper
fieberfrei und ganz ohne alle begleitende krankhafte
Beschwerden befunden werden sollte. Wir meinen daher,
dass bei solchen Umständen, die eben keine gastrische Be-
schwerden anzeigen, allerdings von Fasten und Hungern,
— denen wir auch sonst wenig zugethan sind, — abgesehen
werden darf, dass aber sämmtliche übrige krankhafte Symp-
tome, die sich ermitteln lassen, bei der Mittel wähl hier eben
so gut ihre Beachtung verdienen, als bei jeder andern inner-
lichen Krankheit. Wir halten es vielmehr für gefährlich und
durchaus unzulässig, ein vorhandenes, wenn auch aus ser-
liches Leiden, als ein rein Lokales anzusehen und durch
blosse äusserliche (Schmier-, Wasch-, Salben- und dergleichen)
Mittel zu behandeln. Wenn dies auch leider so oft geschieht,
und fast eben so oft die beklagenswerthen Folgen früh oder
spät nicht ausbleiben: so kann die Schuld davon doch nicht
dem Hippokrates aufgebürdet werden, der solches nirgends an-
gerathen hat und hier offenbar missverstanden ist.
16. Beim Hungern soll man nicht arbeiten.
Der bekannte alte Verehrer und Ausleger der Hippokra-
tischen Lehrsätze, Celsus, giebt (I, 2) dem Vorstehenden eine
etwas abweichende Beutung , indem er die Enthaltung von der
Arbeit schon vor dem Fasten (futura inedia) und gleichsam
90 H. Buch. Aphorism 17.
als Vorbereitung dazu empfiehlt. Indessen möchte doch
ein überwiegender Grund zu einer solchen Auslegung nicht
leicht aufzufinden sein, und wir bekennen uns lieber zu dem
oben angegebenen, ziemlich unzweideutigen Ausdrucke dieses
Aphorisms, indem es sich wohl von selbst versteht, dass ein
durch Enthaltsamkeit von Nahrungsmitteln, besonders in dem
Umfange, wie die Allen Diese vorschrieben, abgeschwächter
Körper noth wendig jeder ernstlichen Anstrengung unterliegen
muss. Wir dürfen uns daher Glück wünschen, dass ein der-
artiges, in der That übertriebenes Fasten und Hungerleiden,
wie in der Glosse zum Aph. I, 4. näher beschrieben ist, nicht
mehr in unserm Katechismus steht.
17. Eine reichlichere Nahrung, als eben natürlicher Weise
verdaut werden kann, erzeugt Krankheit; die Heilart
dieser Letzteren liefert dafür den Beweis.
Dass der menschliche Körper einer gewissen Menge von
Nahrung bedarf, um das Leben zu erbalten, aber darin auch
jedes Uebermaass, als der Natur zuwider {naqa cpvöiv), ver-
mieden werden muss, versteht sich von selbst. Wenn aber
durch Ueber Sättigung eine Krankheit entstanden ist, und es
sich darum handelt, diese zu beseitigen, so sind die dazu an-
gewendeten Me thoden von sebr verschiedener Art. Die Alten
bedienten sich nämlich in der Regel der heftigsten Brech- und
Abführungsmittel, die auch zu unserer Zeit noch auf der
Tagesordnung stehen", obwohl die Uns er igen "weit weniger
drastisch und gefährlich sind, als die damals Angewendeten
Wir Homöopathen glauben aber und haben den Beweis dafür
täglich vor Augen, dass mit den zu solchem Zwecke bewirkten
Ausleerungen bei Weitem nicht immer die ganze Krankheit
II. Buch. Apliorism 17. 91
gehoben ist. Wir bekommen vielmehr zahlreiche Fälle zur Be-
handlung, wo nach öiner, oft viele Jahre vorher verübten
Unmässigkeit im Genüsse dieses oder jenes, an und für sich
nicht eben schädlichen Nahrungsmittels, die nachgebliebenen
Magenleiden noch immer unverändert fortdauern und eine
Art von chronischer Magenkrankheit sich festgesetzt hat,
die jedesmal dann am Heftigsten auftritt, wenn auch nur geringe
Quantitäten von denjenigen Speisen genossen werden, womit zu
Anfange die Ueberfüllung geschehen war. Dass in solchen,
wie gesagt, gleichsam chronisch gewordenen Leiden erneuerte
Brech- und Pur gir- Mittel nicht nur gänzlich wirkungslos,
sondern vielmehr schädlich sind, und den Magen immer mehr
schwächen , ist eine bekannte Sache. Hier können nur sorg-
fältig ausgewählte wirkliche Stomachica wahre und dauer-
hafte Hülfe bringen. Die Wahl selbst ist aber oft schwierig,
und es würde nur ein blindes Hineintappen ins Gerathewohl
sein, wenn wir nicht durch die Eigenthümlichkeit und Be-
dingungen der Schmerzen, und insbesondere durch den,
meistens leicht zu ermittelnden Einfluss der verschiedenen
Nahrungsmittel auf die Verschlimmerung oder Besse-
rung derselben einen selten oder nie trügenden Anhalt hätten.
Die spezielle Renntniss solcher Einflüsse, die manche, sonst
unschädliche Speisen oder Getränke auf den kranken Or-
ganismus äussern, ist schon aus diesem Grunde von erheblicher
Wichtigkeit für den homöopathischen Arzt, und unser Bestreben
ist unaufhörlich darauf gerichtet, diese Erfahrungen noch weiter
auszudehnen und zu vervollkommnen. Was aber diese Wichtig-
keit noch ungemein erhöhet, ist dies, dass bei vielen andern,
sowohl akuten, als chronischen Krankheiten, wobei die
Verdauungsorgane in Mitleidenschaft gezogen sind, eben
solche ähnliche Einflüsse verschiedener Nahrungsmittel in gleicher
Weise beobachtet werden und dann zur Vervollständigung des
92 II- Buch. Aphorism 18, 19.
Krankheitsbildes und zur Wahl des passendsten Heilmittels
häufig die wichtigsten Dienste leisten. 25)
18. Diejenigen, welche sich reichlich und schnell nähren,
haben auch schnellere Ausleerungen.
Man darf wohl vermuthen, dass in diesem Lehrsalze nicht
bloss die natürliche Folge eines gar zu sehr beschleunigten
Stoffwechsels der Nahrungsmittel ausgesprochen werden,
sondern dass er vielmehr als Fortsetzung des Vorhergehenden
zur Warnung für Rekonvaleszenten dienen sollte. In dieser Hin-
sicht würde dann als Gegensatz zu dem „reichlich" und „schnell"
das für die Letztern weit Angemessenere „sparsam" und
„oft" lauten müssen, was wir gern unterschreiben.
19. In hitzigen Krankheiten sind die Vorhersagungen, so-
wohl die des Todes, als die der Genesung, niemals
ganz zuverlässig.
Diese Klage, welche wir an mehreren Stellen bei den Alten
finden, (II. Praedict. III. 5 — 9, Cels. II, 6), besteht auch heute
noch und ist in der That nur allzusehr begründet. Selbst die
gegenwärtige hohe Ausbildung der hierher gehörigen medi-
zinischen Wissenschaften26) hat in der grösseren Sicherheit
der Prognostik noch wenig Erhebliches geleistet. Man sieht
noch heute, wie vor tausend Jahren, Kranke dahinsterben,
25) A juvantibus et nocentibus optima indicatio. Boerhave.
26) Mit vollem Rechte sagt Goldschmid (Deutsche Viert. -Jahrsschrift
Nr. 54. S. 96) : - — „Begünstigt durch gleichzeitige grosse Fortschritte
der Chemie, Physik und der Mikroskopie erlangten die experimentirenden
Physiologen so grosse Erfolge, dass die heutige Physiologie gegen die
.Frühere eine völlig Andere ist.
II. Buch. Aphorism 19. 93
deren Krankheit ursprünglich den Aerzten nicht die mindeste
Besorgniss einflöste, und hinwiederum Andere genesen, die sie
rettungslos dem Tode verfallen glaubten. In beiderlei Fällen ist
nicht zu leugnen, dass man sich geirrt hatte; aber die Auf-
lösung des Rätbsels, wodurch ein Irrthum von solcher Bedeu-
tung bei bervorragenden Männern von Erfabrung und Wissen-
scbaft möglich gewesen, bleibt ungelöst. Gewöhnlicb wird zur
Beschönigung die Ausflucbl gewählt, dass neue Krankheiten
zu der Ersten getreten sein sollen, als wenn das möglich wäre,
und dass dann ein langer, gelehrter, oft monströser patholo-
gischer Namen erfunden wird, womit die Angehörigen abgefer-
tigt werden und sich begnügen müssen.27) Aufrichtige Bekennt-
nisse über die Insuffizienz der Wissenschaft, wie jene
des grossen Boerhave nach der Behandlung des Admirals van
Wassenaar und des Grafen von St. Aubai, gehören zu den Sel-
tenheiten und kommen höchstens nur zur Kenntniss ihrer Col-
lege!!. 28)
Fragen wir nun, wie es in dieser Hinsicht mit der Ho-
möopathie steht? so müssen wir antworten: dass allerdings
auch hier, aber fast nur in chronischen, kaum mehr in aku-
ten Fällen, noch Einiges zu wünschen übrig ist, dass aber das
Vorkommen einer irrigen Prognose über Tod oder Gene-
sung nur zu den seltensten Ausnahmen gehört. Die Homöo-
27) Si nous savons d'une autre part, qu'une meme cause peut produire
des effets divers, selon les sujets qu'elle affecte; que ces meines effets
peuvent etre encore modifies par mille circonstances particulieres ; combien
perd de sou importanee, pres du lit d'un malade, un nom, qui bien
souvent, malgre ses pretentions scientifiques, ne upus appreud rien de ce
qu'il nous importe le plus de savoir.
J. de Monestrol, de l'Hom. p. 27.
28) Eine Dame sagte zu dem berühmten Petit: „Wer ein so grosser
Anatom ist, wie Sie, der vermag gewiss alle Krankheiten zu heilen."
Dieser aber erwiederte: „es geht den Aerzten, wie den Lohnbedienten in
Paris; sie kennen alle Strassen, aber sie wissen nicht, was in den
Häusern vorgeht."
94 H. Buch. Aphorism 19.
pathen besitzen nämlich ausser dem, was auch die Allopathen
in dieser Beziehung wissen, noch ein selten oder nie trügendes
Kennzeichen in der Wirkungsart der Arznei. Die Er-
fahrung hat sie nämlich gelehrt, wie es auch in der Natur der
Sache liegt, dass überall, wo die angewendeten, durchaus pas-
send gewählten Mittel eine, richtige, dem Genius des Heil-
stoffs entsprechende Wirkung thun, mithin die zur Heilung
der Krankheit erforderliche normale Reaktion erregen, die Be-
siegung der Krankheit naturgesetzlich zu erwarten ist. Wenn
hingegen diese Reaktion entweder ganz ausbleibt, oder
wenn sich im Verlaufe der Wirkungsdauer der Arznei Symptome
einstellen, welche dieser fremd sind: so stellt sich die Pro-
gnose jedesmal ungünstig. Um solche Vorgänge und Er-
scheinungen aber gehörig benutzen zu können, sind zwei Dinge
durchaus erforderlich: einmal die genaue Bekanntschaft mit
den Kräften jeder Arznei bis in ihre feinsten Nüanzen, und
andermal die absolute Notwendigkeit, dass nur ein ein-
ziges Arzneimittel auf einmal gereicht und in Thätigkeit ge-
setzt werde.29) So lange diese beiden Erfordernisse nicht er-
füllt werden, wird auch die Allopathie den eben erwähnten Vor-
theil niemals daraus ziehen können und muss deshalb des wich-
tigsten Hülfsmittels zur Sicherung der Prognose entbehren, welches
die Homöopathie schon lange als ihr ausschliessliches Eigen-
thum beanspruchen darf.30)
29) Die beiden von Hahnemanu eingeschlagenen Wege zur Erfahrung
der Arzneikräfte, nämlich ■ durch die Prüfung am Gesunden und durch die
Prüfung am Kranken, lassen sich am Besten mit der analytischen und
synthetischen Beweisführung in der Mathematik vergleichen,
30) Vorzüglich wichtig findet Baco von Verulam (Nov. org. Lib. 1)
bei der induktiven Methode, dass man alle und jede Umstände der
Beobachtung genau erwäge, und die gradweisen Veränderungen zu be-
merken suche, die ein Gegenstand erleide; das nennt er den v er bor-
II. Buch. Aphorism 20. 95
20. Diejenigen, welche in ihrer Jugend einen weichen
Stuhlgang haben, werden im vorgerückten Alter hart-
leibig. Dagegen werden Diejenigen, welche in der
Jugend an trockenen Stuhlgängen leiden, im Alter
einen Flüssigen bekommen.
Der Sinn dieses Aphorisms ist völlig klar und ohne Zweifel
ein Ergebniss der Erfahrung, welche Hippokrates im Stande
war, durch Benutzung der Votiv-Tafeln in den Tempeln, wie
es damals Sitte war, reichlicher zu sammeln, als die meisten
genen Prozess, ohne 'dessen Entwickelung man nicht sagen könne,
etwas (vollständig) beobachtet zu haben. Wer z. B. nicht von dem
ersten Augenblicke an, nachdem er Opium genommen (bis zum Ende
seiner Wirkungen), jede Veränderung genau bemerkt, die das Opium her-
vorgebracht haben konnte, der wird über die Wirkungen desselben auch
keine richtige Erfahrung machen können.
C. Sprengel, Gesch. d. Med. V, '274.
Was hilft uns die durch die angegebenen Zeichen und Zufälle gut
bestimmte Anzeige, wenn wir nicht auch im Stande sind, ein gutes Mittel
ausfindig zu machen, wodurch die beschädigte Verrichtung bald wieder
in Ordnung gebracht wird?
Löseke, Mat. med. Einl. §. 6.
Giebt es je einen Zweig menschlichen Wissens, welcher der Ver-
vollkommnung und der Veredlung ebenso bedarf, als er deren fähig ist,
so muss die Heilkunst oben an gestellt werden. Hygea. 1, 1.
Sei die Zahl der Mittel, welche die Aerzte aus der grossen Masse
der Stoffe zu gebrauchen pflegen, auch nur 200, oder 150, oder selbst
nur 100; gar bald hat der Arzt aus dieser verhältnissmässig kleinen Zahl
einen Theil vergessen, wenn ihn nichts an dieselben erinnert, und ehe er
es merkt, ist er auf einer sehr kleinen Zahl hangen geblieben, aus welcher
er die verschriebenen Mittel allein noch wählt. So war es möglich, dass
Aerzte, freilich in arger Unerfahrenheit , zu sagen vermochten, dass sie
ihre Mittel auf den Nagel des Daumens schreiben könnten ! So auch ist
es nur möglich geworden, dass man auf den allopathischen Rezepten eine
kleine Zahl von sogenannten Hauptmitteln sich stereotyp wiederholen
sieht, und dass z. B. Natron bicarb., Opium, Morphium, China, Queck-
silber und Jod den ganzen Inbegriff der Materia medica bei manchen
Aerzten auszumachen scheinen. Selbst die Apotheker machen sich, wie
ich sicher weiss, hierüber lustig und weisen spottend auf die wenigen
Gläser hin, aus denen sie nur zu mischen brauchen.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 99.
96 II. Buch. Aphorism 21.
neueren Aerzte. Ob aber die angeführten Veränderungen in der
Beschaffenheit des Stuhlganges nach Maassgabe des Alters noch
heute in der Weise bestehen, dass man im Stande ist, daraus
eine allgemeine Regel zu ziehen, wollen und können wir weder
bejahen noch verneinen. Auch dürfte für die Praxis wenig
Nutzen daraus zu schöpfen sein.
21. Der Genuss von Wein mildert den Hunger.
Diesen Einfluss auf das natürliche Bedürfniss der Nahrung,
was wir Appetit nennen, mithin auch eine unmittelbare Ein-
wirkung auf die V er dauungs- Organe, hat der (unverdünnte)
Wein mit allen narkotischen Mitteln gemein, und muss des-
halb beim Gebrauche homöopathischer Arzneien dann besonders
vermieden werden, wenn ein Magen- oder Unterleibsleiden
geheilt werden soll. Einer Unterstützung solcher Art bedür-
fen die gut gewählten Arzneien keineswegs, und würden diese
durch dergleichen Nebenwirkungen eines andern, hier eben-
falls als Arznei wirkenden Stoffes, nur gestört und alterirt
werden.
Am Besten und Naturgemässesten empfiehlt sich daher der
Genuss eines guten, gehörig abgelagerten und sauerfreien Weins
in sehr massigen Quantitäten bei der Rekonvaleszenz
zur Stärkung und Hebung der Esslust, wo er eben durch
seine, das Gefühl des Hungers in der Er st Wirkung abstum-
pfende, in der Nachwirkung aber verstärkende Eigenschaft
als ein wahres homöopathisches Heilmittel oft sebr erhebliche
Dienste leistet.
Dagegen ist es eine durchaus irrige Ansicht, wenn man
den Wein als ein blosses unschuldiges Reizmittel ansieht,
um die Esslust zu schärfen, und der vorstehende, vollkommen
richtige Lehrsatz des Vaters der Heilkunde beweist hinlänglich
II. Buch. Aphorism 21. 97
die Unhaltbarkeit einer Meinung, die noch vielfach unter
den Aerzten sowohl als unter den Laien verbreitet ist, weil eben
die beiden sich entgegen stehenden Wirkungen verkannt werden.
Noch ist hier mit einem Worte des Missbrauches zu er-
wähnen, welcher bei Durchfällen mit rothem Weine ge-
trieben wird. Dass er in vielen Fällen der Art vergeblich ange-
wendet wird, das weiss Jedermann ; nicht aber, dass nicht selten
eben dadurch das Uebel hartnäckiger wird. Wie sehr
auch hier eine sorgfältige Individualisirung Noth thut, und bei
solchen, oft mit andern bösen Krankheiten in Verbindung stehen-
den Beschwerden mit grosser Umsicht zu verfahren ist, um nicht
an zehn anderen Orten zu verschlimmern, was an Einem etwa
gebessert wird, dafür giebt es eine grosse Menge von Thatsachen
der beklagenswerthesten Art. Ueberhaupt nimmt der erfahrene
Homöopath niemals einen Durchfall auf die leichte Schulter,
sondern legt ihm jederzeit ein weit grösseres Gewicht bei,
als dem zögernden, harten Stuhle, der ihm selten grosse
Sorge macht und meistens ein Zeichen einer kräftigen Kon-
stitution ist.
Zum Belege für das Vorstehende, und als Beweis für die
grosse Mannigfaltigkeit der Erscheinungen am Kranken, möge
am Schlüsse dieser Glosse noch folgende Thatsache stehen: —
C. E. von hier litt seit der Kuhpockenimpfung an Scro-
fulosis. 31) Im 8. Lebensjahre wurde er von uns vermittelst je
31) Ueber das erste Auftreten der Scrophulosis in ihren mannig-
faltigen Formen kurze Zeit, oft unmittelbar nach der Vakzinirung, ent-
halten unsere eigenen Journale mehr als 3000 Beispiele, welche in Ver-
bindung mit zahlreichen Beobachtungen Änderer von derselben Art wohl
Beherzigung zu verdienen scheinen und in der That (in Frankreich)
bereits zur Sprache gebracht sind. Wir glauben die Ursache davon
weniger den Kuhpocken an und für sich, welche nichts Anderes, als
ein wahres homöopathisches Heilmittel sind, als vielmehr der
mangelnden Erneuerung des Pockenstoffs von der Kuh , und der Verun-
reinigung desselben durch Skrofelgift, wenn er von (latent) psorischen Kin-
7
98 II. Buch. Aphorism 22.
einer Gabe Amin. carb. und Calc. carb. 30 von Schwerhörig-
keit mit Eitern der Ohren und vielen Warzen auf den Händen
geheilt. Zehn Jahre später bildete sich ein Brust- und Lungen-
Leiden aus, welches schnell durch eine Gabe Bry. 200 beseitigt
wurde. Drei Jahre darauf folgte bei kaltem Wetter eine Erkäl-
tung im offenen Wagen, welche ebenfalls durch zwei Gaben
N. vom. und Dulc. 200 bald geheilt war. Fünf Jahre später
kam er wieder Hülfe suchend zu uns, aber nun als vollen-
deter Hämopthysiker nach habituellem, unmässigem Bier
genuss,32) und diese Krankheit, die bei fortgesetztem Bier-
trinken unmöglich zu heilen war, führte ihn endlich, nachdem
er von uns als unfolgsam abgewiesen war, in die Behandlung
der Allopathie, in welcher er fünf Monate später, starb. Bei
diesem Patienten war die merkwürdige Eigenthümlichkeit, dass
er jedesmal nachRothwein von einer hartnäckigen Diarrhöe
befallen wurde. Selbst nur geringe Quantitäten Roth-
wein, sowohl Französischen als Bleichart, auch wenn solche
mit Wasser verdünnt genossen wurden, hatten jedesmal
denselben Erfolg, während weisse Weine in dieser Beziehung
für ihn vollkommen unschädlich waren. Nur ba irisch es
(bitteres) Bier und jede Art von Käse bewirkten dasselbe, als
der Roth wein. — Aehnlicher ungewöhnlicher Erscheinungen
finden sich Viele in unseren Journalen verzeichnet.
22. Krankheiten, die durch Ueberfullung entstanden sind,
heilt eine Ausleerung, so wie die durch Ausleerung
dern entnommen wurde, zuschreiben zu müssen. Einen Beweis für unsere
Ansicht dürfte die Erfahrung liefern, die wir mehre Male gemacht haben,
dass die Kuhpocke oft nicht anschlägt, wenn kurz vorher eine feine Gabe
Sulph. gereicht wurde. Die Thuja wirkt hier aber noch weit mehr.
32) In den letzten Decennien, wo der Genuss des Biers, besonders
des sogenannten (bitteren) B airischen ungemein zugenommen, hat sich
der Nachtheil desselben für die Gesundheit in unzähligen Fällen heraus-
gestellt, und verdient die ernstlichste Warnung.
II. Buch. Aphorism 22. t>9
Entstandenen eine AnfüHung. In gleicher Weise heilt
auch bei den übrigen Krankheiten immer das Ent-
gegengesetzte.
Dieser Aphorism, der oft noch heutiges Tages, obwohl
fälschlich, zum Belege des Fundamental-Lehrsatzes der
bisherigen Arzneikunst geltend gemacht wird, indem er mit
deutlichen Worten sein: Contraria contrariis! unserm Similia
similibus! entgegenstellt, verdiente eine weit ausführlichere Be-
leuchtung und Besprechung, als solche in den engen Grenzen
einer einfachen Glosse einzuzwängen möglich ist. Wir sehen
uns daher genöthigt, in diesem besonderen Falle den Ausweg
zu wählen, auf eine andere Schrift hinzuweisen, worin dieser
Gegenstand mit hinreichender Deutlichkeit und Vollständigkeit
abgehandelt ist, und welche wir zudem als unsere wichtigste
Autorität ansehen. Wir meinen hiermit nämlich das Organon
des Stifters der homöopathischen Schule, in dessen fünf-
ter Auflage, ausser der Einleitung, insbesondere die §§ 22 — 26,
54 — 62 und 67 — 69 hierher gehören, und worauf wir uns des-
halb ausdrücklich beziehen. Nur ein hierher gehöriges, daselbst
übergangenes Bedenken werden wir hier in kurzen Worten fol-
gen lassen.
Es handelt sich nämlich zunächst und in der Hauptsache
um die Frage: welchen Sinn eigentlich Hippokrates seinem
berühmten Lehrsatze: Contraria contrariis! (Ta ivdvti.cc
tüv ivatmv iativ irjy,atcc) beigelegt hat und beigelegt haben
musste? — Wir bedauern, bei dieser Erörterung einiger Maassen
das Gebiet der trocknen Gelehrsamkeit betreten zu müssen,
werden aber daraus nur eben soviel herauszuheben suchen, als
für unseren Zweck unumgänglich erforderlich ist.
Die Hippokratische Theorie war dieselbe, welche
schon früher (480 Jahre vor Christi Geburt) von Empedokles
erfunden war, und welche bis in das achtzehnte Jahrhundert die
100 IL Buch- Aphorism 22.
Herrschende geblieben ist. Es ist die Lehre von den vier Ele-
menten: Feuer, Luft, Erde und Wasser, und von den
darauf gegründeten vier Qualitäten der Körper: warm, kalt,
trocken und feucht. Die regelmässige Vereinigung jener Ele-
mente untereinander verlieh nach dieser Theorie allen Körpern
ihre Entstehung, ihre Bildung und ihre Eigenschaften. Alles in
der Natur wurde durch normale oder abnorme Trennung oder
Zusammensetzung dieser Elemente bewirkt, mithin eben dadurch
auch jede Art von Krankheit erzeugt. Hippokrates erweiterte
diese Ansicht nur in soweit, als er noch eine dritte Parallele
zu den obigen vier Cardin al-Qualitäten hinzufügte, nämlich:
Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle, und aus dem
Mangel oder dem Ueberflusse des Einen oder des Andern dieser
Säfte manche Krankheiten entstehen , und durch Ausgleichung
des vorhandenen Missverhältnisses wieder geheilt werden Jiess.
In den echten hippokratischen Schriften herrscht deshalb stets
die materielle Ansicht vor, und wir finden darin kaum
dunkle Andeutungen von einer immateriellen Lebenskraft
(ivoQiJiov), die er noch nicht gekannt zu haben scheint. Dagegen
spielt die eingepflanzte Wärme (i(icpvtov &eQ{tbv) eine grosse
Rolle in der lebenden Natur. Der Lebenshauch (tcvevimx)
ist erst nach dem Zeitalter des Hippokrates aufgekommen, und
die cpvaa desselben bedeutet nichts, als die im Körper selbst
angehäufte Luft, sowie cc^q die ausserhalb desselben Vor-
handene. Die ganze lebende Natur dreht sich also beim
Hippokrates lediglich um die genannten vier Elein^nte und
Qualitäten.
Nach diesem Vorausgeschickten, von dessen Richtigkeit jeder
Gelehrte sich selbst in den Quellen leicht überzeugen kann, ist
es handgreiflich, dass Hippokrates von selbst auf den Grund-
satz: Contraria contrariis! kommen musste, um das Man-
gelnde zu ersetzen und das Ueberflüssige auszuschei-
den, welches- Beides nur durch das Entgegengesetzte zu
II. Buch. Aphorism 22. 101
bewirken war.33) Nur durch vermehrte Wärme konnte er die
Kälte, nur durch vermehrte Feuchtigkeit die Trockenheit,
und eben so umgekehrt, beseitigen und das gestörte Missver-
hältniss wieder in das naturgemässe Gleichgewicht zurückbringen.
Indessen war dieser scharfsinnige Beobachter der Vorgänge in
der Natur dennoch Aveit davon entfernt, sich bei der Behand-
lung seiner Kranken lediglich an diese Theorie zu binden;
vielmehr blieb ihm, wie alle seine echten Schriften bezeugen, die
Erfahrung das höchste und entscheidende Tribunal,
und es fehlt nicht in denselben an Warnungen, den vorgefassten
Theorien und Ansichten ja kein allzu grosses Gewicht beizu-
legen.34), 35), 36), 3r), 38).
33) Einen erklärenden Beleg zu dem berühmten Axiom: Contraria
contrariis lesen wir in der allgemein für echt gehaltenen hippokratischen
Schrift: 71£qI cpvomv , welche in der Grimm-Lilienhain'schen Uebersetzung
folgender Maassen lautet: — „Hunger ist eine Krankheit, denn Alles,
was dem Menschen ein schmerzhaftes Gefühl erregt, wird Krankheit ge-
nannt. Was hat man nun für ein Mittel wider den Hunger? das, was
den Hunger stillt, dies thut aber Speise; durch diese also ist jene zu
heben. Wiederum stillt das Trinken den Durst Kurz mit einem
Worte: das Entgegengesetzte heilt das Entgegengesetzte.
Die Heilkunst besteht nämlich im Hinzufügen und Wegnehmen,
im Wegnehmen der überflüssigen und im Zusetzen der fehlen-
den Dinge." Das lautet doch ganz anders, als was man jetzt unter
dem obigen Axiome verstehen will.
34) Erfahrungswissenschaften sind nie vollendet, die Fülle sinnlicher
Wahrnehmungen ist nicht zu erschöpfen; keine Generation wird sich je
rühmen können, die Totalität der Erscheinungen zu übersehen.
_ Humboldt, Kosmos. I. S. 65.
35) Die Geschichte ist pragmatisch, wenn sie uns klug macht.
Sprengel, Gesch. d. Med. Einl. §. 3.
36) Bei der jetzigen Vielmischerei gelangen wir wohl im Alter zu
grauen und, so Gott will, auch wohl zu weissen Haaren, aber nie zur
Erfahrung. v. Wedekind, in Huf. Journ. 1828. 6. S. 3.
37) „Es ist ein Fluch der Menschheit" — sagt Kust in seinem
Sendschreiben an Humboldt über die Cholera — .„dass Niemand durch
die Erfahrungen Anderer klug wird."
38) Homo Naturae minister et interpres tantum facit aut intelligit,
quantum de Naturae ordine re vel mente observabit, ipse interim Naturae
legibus obsessus. Bacon, de interpret. nat. Sent. 1.
102 IL Bueh- Aphorism 22.
Nachdem bei dem Fortschritte der Arzneikunst durch einige
andere Schulen an der hippokratischen Lehre viel gerüttelt und
gemäkelt war, wurde dieses System von den vier Qualitäten
von dem berühmten Galen (160 Jahre nach Christi Geburt)
aufs Neue zu Ansehen und Würde erhoben, und zwar mit sol-
chem Erfolge, dass von diesem Zeitpunkte an über vierzehn
volle Jahrhunderte lang in den Schulen der Aerzte keine
andere Autorität dagegen aufkommen konnte. 39) Auch hier waren
und blieben die vier berühmten Elemente wieder die eigent-
lichen Stützen der Lehre, und Kälte, Wärme, Feuchtig-
keit und Trockenheit galten fortdauernd für die Hauptqua-
litäten und Ursachen von Gesundheit und Krankheit. 40)
Nur wurde die Sache dadurch noch komplizirter und gelehrter,
dass Galen bei der Vertheilung der Arzneien unter diese vier
Rubriken noch jedesmal vier Unter- Grade annahm. Auf
diese Weise entstanden die in den alten medizinischen Schriften
enthaltenen Angaben von ihrer kalten, warmen, feuchten
oder trockenen Eigenschaft im ersten (gelindesten), zweiten,
dritten und vierten (höchsten) Grade. Da nun während dieses
langen Zeitraums auch die verschiedenen Krankheiten als von
diesen Qualitäten abhängig angesehen wurden: so war nichts
natürlicher und folgerichtiger, als bei Behandlung derselben auf
Beseitigung der t h e o r e t i s c h angenommenen Missverhältnisse
durch Anwendung der entsprechenden Mittel, selbstverständlich
39) Ist es nicht höchlich zu bewundern, dass Galenus volle vierzehn
Jahrhunderte lang die oberste Autorität der Aerzte blieb, obwohl ein-
sichtsvolle Männer seine Blossen erkannten und unter Andern Bacon (Impet.
Phil. II.) von ihm sagt: virum angustissimi animi, desertorem experientiae
et vanissimum causatorem.
40) Die alte Eintheilung der zwölf Sternbilder der Ekliptik in feurige,
luftige, wässerichte und irdische steht irn Einklänge mit den berühmten
vier Elementen, würde aber eine andere "Vertheilung gefunden haben,
wenn ihr Urheber auf der südlichen, statt auf der nördlichen Hälfte der
Erde gelebt hätte.
II. Buch. Aphorism 22. 103
also durch Contraria contrariis hinzuwirken. Demnach blieb
also der Lehrsatz des Hippokrates, oder vielmehr der des
Empedokles ohne Widerspruch viele Jahrhunderte lang als die
Grundregel der gesammten Arzneikunst bestehen, und zwar
wie ein selbstverständliches Axiom, welches selbst die Layeri
begreifen zu können glaubten und vielfältig auch heute noch
glauben. So musste also eine rein willkührliche und offen-
bar falsche, grob materialistische Hypothese zur Be-
gründung eines Lehrsatzes dienen, dem man selbst noch
in unsern aufgeklärten Zeiten versucht, neue Geltung zu ver-
schaffen, wenn es sich darum handelt, das Similia similibus
der Homöopathie zu bekämpfen.41)
Wenn es bei der vorstehenden einfachen und klaren Dar-
stellung über den Ursprung und das Wesen des berühmt
gewordenen Lehrsatzes: Contraria contrariis! eigentlich wohl
sein Bewenden behalten könnte, und es überflüssig scheint, über
die Unhaltbarkeit desselben noch weitere Worte zu verlieren:
so dürfte es doch nicht ganz unangemessen sein , noch einiges
Wenige über dessen Anwendung zu unserem Zweck zu sagen. —
Hier drängt sich zuerst die Bemerkung auf, dass es von Allem,
was überhaupt Schmerz heisst, gar kein wahres Contrarium
giebt und geben kann; denn die Schmerzlosigkeit ist nichts
Anderes, als die Abwesenheit von Schmerz, keineswegs
aber das Entgegengesetzte, also auch nicht ein wirklich vorhan-
denes Ding oder Wesen, welches man beim Leidenden zur An-
wendung bringen könnte. Eben so steht es mit fast allen inne-
ren Krankheiten, Entzündungen, Fiebern, Nerven-
leiden, Störungen in den Funktionen der Organe u. s. w.
Man kennt und hat auch hier keine Contraria gegen derartige
41) Neque enim quaero mtelligere, ut credam, sed credo, ut intelligam .
Nam qui non crediderit, non experietur et qui expertus non fuerit, non
intelliget. St. Anselm. Cantuar.
104 IL Buch. Aphorism 22.
oft sehr heftige und gefährliche Erkrankungen.43) Nur allein
gegen einzelne, vom Ganzen abgetrennte Symptome bei
solchen Gesammt-Krankheiten, die für sich stets ein unzertrenn-
bares Ganze ausmachen, besitzt man dergleichen, wie z. B. Wär-
mendes gegen Frost und Kälte, Kühlendes gegen Hitze,
(beim Schweisse ist dies nicht mehr der Fall), Abführendes
gegen Verstopfung, Stopfendes gegen Durchfall, u. dergl.
mehr. Aus diesem Grunde sucht man sich aber dann in anderer
Weise zu helfen. Man trachtet nämlich durch Anhäufung
verschiedenartiger Arzneien in einem und demselben Re-
zepte allen solchen unter sich verschiedenen Indikationen
auf das Contrarium so viel als möglich zu genügen, und erwartet,
dass nun auch jedes Ingredienz der Mischung, ungehindert
von dem Andern, an jeder Stelle, wohin es gleichsam adres-
sirt ist, seine Schuldigkeit thun und als Contrarium wirksam
sein werde. Wenn aber je irgend etwas mit dem verrufenen
Namen: „symptomatisches Kuriren43) belegt zu werden
verdient: so scheint es doch ohne Zweifel hier der Fall zu sein,
und die Einsicht der Vernünftigeren bricht sich immer
mehr Bahn, indem die Rezepte immer einfacher werden.44)
In sehr vielen Fällen aber sieht man sich durch die Er-
fahrung gleichsam gezwungen, unwillkürlich, oft auch unb e-
vvusst, dasjenige zu verordnen, was dem Simile entspricht.
42) Eigentlich entspricht dies nicht dem: Contraria contrariis! sondern
vielmehr dem Sublata causa, tollitur effectus! — Dasselbe gilt vom
Aph. II. 48.
43) Die wahre, auch heute noch vorkommende Gestalt der sympto-
matischen Curen findet sich beschrieben in Hufeland's Journal der
prakt. Arz. von 1809 (Band 11 Stück 4), unter der Rubrik: „Monita
über die drei gangbaren Curarten."
44) Was jedes Mittel einzeln wirkt, das sehen wir allenfalls, wie
wir hören, wie jeder Ton einzeln klingt; aber eine harmonische Wirkung
der Mittel durch Zusammenmischung in ihren richtigen Verhältnissen und
Gaben derselben in richtiger Succession, diese wissen wir noch nicht her-
vorzubringen. Dr. Mises. Stap. mixta. S. 100.
II. Buch. Aphorism 22. 105
Dahin gehören so ziemlich alle diejenigen Arzneien für äussere
und innere Leiden, deren Spezifizität45) hei gewissen
(meistens selbstständigen) Krankheitsformen durch die Erfahrung
bekannt geworden ist, und die, freilich unnöthiger Weise, selbst
in den ersten Ausgaben des Hahnemann'schen Organons in einer
langen Reihe aufgeführt sind. Hier darf, mit Uebergehung der
Letzteren, nur noch zum Schlüsse kurz darauf hingewiesen wer-
den, dass im geraden Widerspruche mit dem Schlusssatze
des eben glossirten Aphorisms, die gewöhnlichen allopathischen
Heilmittel gegen eine starke Magenüberladung in der That
homöopathisch gewählt werden, indem nenilich die hier üb-
lichen Brechmittel (Ipecac. und Ant. tart.) an und für sich
die dabei fast stets vorkommenden Uebelkeiten und Erbre-
chen am gesunden Menschen erregen, mithin eine solche Hei-
lung viel mehr auf das Simile, als auf das Contrarium hin-
deutet.46), 4r).
45) Aeltere Homöopathen werden sich noch des Streites erinnern,
welcher im Jahre 1843 zwischen den Süddeutschen, an deren Spitze als
Vorkämpfer Dr. Griesselich (Hygea XVII, 3.), und den Norddeutschen
bestand über die Gleichbedeutung der Wörter „homöopathisch" und „spe-
zifisch." Am Bündigsten wurde diese Meinung widerlegt von Dr. C.
Hencke in Riga in der A. H. Z. XXIV. S. 19 ff. — Auch heute scheint
es wieder Noth zu thun, darauf zurückzuweisen.
46) „Festbalten der lebendigen Wirklichkeit; Vermeidung der
Abstraktion und ihrer Tochter der Spekulation; und, zu diesem
Behufe, Berechnung des Maasses, welches uns verhindert, die Grenzen
zu durchbrechen und uns ins Grenzenlose zu verlieren": dies waren die
drei Momente, welche wir als erste Elemente echter Forschung, so-
wohl überhaupt, ihre Gegenstände mögen heissen, wie sie wollen, als
auch insbesondere der Naturforschung, anerkannten und empfahlen.
Heinroth, die Hypoth. der Materie. S. 208.
47) Nach einer kurzen Herrschaft der alten dogmatischen Schule,
wobei die wahre Kunst zu heilen mehr Rück- als Fortschritte gemacht
hatte, kehrten die vernünftigen und gewissenhaften Aerzte (250 Jahre
v. C. G.) wieder zur hippokratischen Methode zurück , und legten sich
106 n- Buch. Aphorism 23. 24.
23. Hitzige Krankheiten entscheiden sich innerhalb vier-
zehn Tagen.
24. Von sieben Tagen ist der Vierte der Anzeigende.
Mit dem Achten beginnt die zweite Woche. Der
Eilfte ist der zu Beachtende, denn er ist der Vierte
in der zweiten Woche. Wiederum ist der Siebenzehnte
zu beachten, denn er ist der Vierte vom Vierzehnten,
der Siebente aber vom Eilften an gerechnet.
In den Schriften des Hippokrates spielen überhaupt die
Krisen und Entscheidungen eine sehr grosse Rolle. Dies
ist leicht begreiflich, wenn man bedenkt, dass damals so Vieles
dem ungestörten Laufe der Natur überlassen wurde und der
Arzt gewöhnlich so lange den müssigen Zuschauer abgab, bis
die Umstände gebieterisch ihm ein thätiges Einschreiten zur
Pflicht machten. Hier blieb mithin meistens der Verlauf der
Krankheiten ganz der Natürliche, insbesondere was den Ein-
tritt der verschiedenen Stadien bei akuten Krankheiten be-
traf.48) Diese Stadien müssen aber eine erhebliche Verände-
rung erleiden, wenn gleich von Vorne herein mit Arzneien
den Namen der Empiriker bei. Weil es ihnen aber noch an einem
festen Principe mangelte, hatten sie Recht, vorläufig nur den technischen
Theil der Wissenschaft zu pflegen, und, ohne sich in Theorien zu ver-
lieren, nur um so fester sich der Erfahrung anzuschliessen. Die darüber
von ihnen aufgestellten Regeln stehen bis heute als Muster da, und die
lange Geschichte der Medizin hat sattsam nachgewiesen: „dass" — wie
Hecker sagt, — „die echte Heilkunde, die sich in den Grenzen ihrer
möglichen Vollkommenheit hält, nur einzig und allein auf dem Wege der
vernünftigen Empirie bearbeitet und allein aus diesem Gesichtspunkte
beurtheilt werden kann." — Um wie viel mehr muss dies bei uns
gelten, nachdem wir durch Auffindung und Benutzung eines sicheren
Naturgesetzes (similia similibus!) die empirische Kunst auf eine feste,
unwandelbare Basis stellen, worauf wir dauerhaft weiter bauen dürfen,
und dadurch die frühere Kunst zur Würde einer wahren Wissenschaft
erhoben haben.
48) Impossibile in omni vita, non dicam pluribus, sed duobus in-
firmis, omnia similia procedere. Galenits M. in. II, 6.
II. Buch. Aphorism 25. 107
operirt wird. Hierbei scheint die Erfahrung zu bestätigen , dass
die antipathischen Mittel die Krisen und die Stadien,
mithin auch den Verlauf der Krankheit verzögern und in die
Länge ziehen, hingegen die homöopathischen das Gegen-
theil bewirken und Alles schneller zum Ziele führen; die
allopathischen thun entweder das Eine oder das Andere, je
nachdem sie mehr das Eine oder das Andere sind. Einer der
gelehrten neuern Kommentatoren dieses Aphorisms (kein Homöo-
path) hat daher wohl Recht, wenn er sagt: „dass eine spätere
Entscheidung (als die für akute Krankheiten von Hippokrates
Angegebene) fast immer einer unrichtigen Behandlung zuge-
schrieben werden müsse."
25. Die viertägigen Wechselfieber sind im Sommer mei-
stens von kurzer, im Herbste hingegen von langer
Dauer, besonders diejenigen, welche sich kurz vor
dem Winter einstellen.
Fast wörtlich finden wir diesen Aphorism im Celsus (II, 9)
wiedergegeben, und er muss also in der damaligen Zeit durch-
gängig der Erfahrung entsprochen haben.49) Wir dürfen uns
aber zugleich Glück wünschen, dass die von diesem berühmten
Autor empfohlene Behandlung heutiges Tages keine Anwendung
mehr zu finden braucht, indem sie fast lediglich aus argem
Hungern und Dursten, warmen Bädern und Brechmitteln
besteht, und man, wenn das Alles nichts hilft, den Kranken
heim schickt, wo er essen und trinken kann, was und
49) Die Schwierigkeit der Heilung der Quartenfieber veranlasste schon
Plinius (XXX, 30) zu der Versicherung: „In quartanis medicina clinice
prope modum nihil pollet." — Auch heute noch lässt hier die „unfehlbare"
China sehr oft im Stiche.
108 IX- Buch. Aphorism 25.
soviel er will. Seitdem nämlich durch Entdeckung der China50),
die in der Mitte des 17. Jahrhunderts aus Süd-Amerika, als
ein dort unter den Peruanern wohlbekanntes Fiebermittel
zu uns gebracht wurde, stellt sich die Sache erträglicher dar.
Nachdem die Kräfte dieser Baumrinde, die angeblich von mehr
als zwanzig verschiedenen Baumarten gesammelt wird, durch
Zufall, oder wie Andere sagen, durch die dortigen Löwen
bekannt geworden51), und in Europa eingeführt waren, hat sie
50) Wir dürfen bei dieser Gelegenheit, wo von der China die Rede
ist, nicht unterlassen anzuführen, dass es bekanntlich eben dieses Arznei-
mittel gewesen ist, welches die Aufmerksamkeit Hahnemann's zuerst auf
das Heilgesetz: Similia similibus! hingelenkt hat. Da dessen Uebersetzung
von ,,W. Cullen's Abhandlung über die Materia medica. 1790" wohl den
Wenigsten noch zugänglich sein dürfte, so scheint es angemessen, hier
die eigenen Worte des Uebersetzers anzuführen, wie er sie in dem ge-
nannten Werke (2. Band, S. 109) in der Anmerkung ausgesprochen hat.
— „Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedesmal
vier Quentchen gute China ein; die Füsse, die Pingerspitzen u. s. w.
wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das
Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleid-
liche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder) , eine Abgeschlagen-
heit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen,
Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome
erschienen nach einander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit
Kurzem: auch die mir bei Wechselfiebern gewöhnlichen charakteristischen
Symptome, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen
Gelenken, besonders aber die taube, widrige Empfindung, welche in dem
Periostium über alle Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben
scheint, — alle erschienen. Dieser Paroxism dauerte zwei bis drei Stun-
den jedesmal, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst
nicht. Ich hörte auf, und ich war gesund." — Nicht minder merkwürdig
ist die, auf der folgenden (110) Seite ausgesprochene Aeusserung: „hätte
er (Cullen) eine Kraft in der China gewittert, ein künstliches antago-
nistisches Fieber zu erregen: gewiss er würde nicht so eisern auf seiner
Erklärungsart stehen geblieben sein."
51) Collingwood erzählt, dass bei Loxa die Chinabäume am Ufer eines
Landsees bei einem Erdbeben hineingestürzt wären, und so von dem Was-
ser ein natürliches Infusum gebildet sei, dessen Gebrauch die fieberkranken
Peruaner geheilt habe. Condamine hingegen theilt eine Tradition der
Peruaner mit, wonach die am Wechselfieber leidenden Löwen die Rinde
der China-Bäume zu benagen und sich so von ihrer Krankheit zu befreien
IL Buch. Aphorism 25. 109
bedeutende Heilwirkungen gezeigt und ist allmählig52) der-
massen in Ansehen gestiegen, dass heutiges Tages hei Wechsel-
fieber sie als das Alpha und Omega angesehen werden darf. In
der That ist auch ihre Wirkung sehr energisch und dabei so
eigen thümlich, dass sie namentlich dem int ermittir enden
Typus in vorzüglichem Grade entspricht und daher bei den
meisten Erkrankungen dieser Art die regelmässige Wiederkehr
dieser Anfälle verhindert.53) Am meisten entspricht die China-
Rinde den Herbst- und Sumpf- Wechselfiebern, weniger
denen, die im Frühjahre oder im Sommer auftreten, und daher
mag es dann auch wohl kommen, dass diese Letzteren, die
häufig einen gastrischen Ursprung haben, bei der Celsischen
Gewalt-Cur am Ersten das Feld räumten.54)
Wenn wir uns indessen von unsenn ärztlichen Standpunkte
aus unbefangen in der kranken Welt umsehen: so erblicken wir
aller Orten der Beispiele nur zu Viele, wo die China neben ihrer
schätzenswerthen Heilkraft auch manche Unheilkraft in
sich trägt, welche bei zu starkem oder unpassendem Gebrauche
pflegten. Aeknliche wichtige Arznei-Entdeckungen von wilden Men-
schen und von noch wilderen Thieren kommen in der Geschichte der
Medizin freilich mehr vor.
52) Guy Patin schrieb seinem Freunde Falconnet heinahe ein Jahr-
hundert nach Einführung der China in Europa: „La Quinquina ne guerit
pas la fievre intermittente, et nous l'avons abandonne. Jacet ignotus,
sine nomine, pulvis."
53) Es dürfte weniger bekannt sein, dass Linne die Cinchona offici-
nalis der Gräfin von Cinchon zu Ehren also benannt hat, weil sie, die
Gemahlin des Vicekönigs von Peru, die erste Europäerin war, welche die
heilsamen Kräfte dieses Mittels an sich selbst erprobte.
54) „Man war bisher gewohnt gewesen", — sagt Morton (Opp. vol. II.
p. 69.) — „die Wechselfieber durch allerlei schwächende Mittel in die
Länge zu ziehen. Jetzt konnte man mit verhältnissmässig kleinen Gaben
eines Mittels (der China) die Krankheit auf einmal heilen, deren lang-
wierige ~ Cur Aerzte und Apotheker sonst bereichert hatte. Die niedrige
Gewinnsucht konnte dies nicht ruhig mit ansehen, und es entstand, wie
der Apotheker Bartram in London gegen Morton bezeugte, eine ordent-
liche Verschwörung wider dieses Mittel". — Einige wollen eine ähn-
liche Verschwörung gegen die kleinen homöopathischen Pülverchen ent-
deckt haben. Indessen ist uns doch Niemand bekannt geworden , welcher
HO II- Buch. Aphorism 25.
die beklagenswertesten Folgen hinterliess. 55) Der Allopathie
kann keineswegs der Vorwurf gemacht werden, dass sie dieses
nicht eingesehen hat, und nicht bemüht gewesen ist, dem vor-
zubeugen. Sie hat vielmehr mit Hülfe der Chemie56) gesucht,
die China-Rinde in ihre Bestan dt heile zu zerlegen und die
Heilsamen von den Schädlichen zu trennen; aber man
kann leider! nicht in Abrede stellen, dass der Erfolg nicht eben
befriedigend ausgefallen ist. Noch heutiges Tages, eben so gut
wie früher, wandeln vor unsern Augen, wenn sie noch gehen
können, oder liegen auf ihrem Jammerlager Patienten, welche
die deutlichsten und (für uns wenigstens) unverkennbaren Zeichen
des China-Siechthums an sich tragen, und wenn man den
Verlauf ihrer Krankheit bis zu ihrem Ursprünge verfolgt, so
findet man in den Rezepten die Bestätigung der an sich nicht
zweifelhaften Diagnose. Eben der Umstand der baldigen Unter-
drückung des wiederkehrenden Typus der Anfälle, so
wie der, dass jedes Wechselfieber an und für sich als eine
Krankheit sui gener is betrachtet und behandelt wird, trägt
dabei die meiste Schuld, und der Irrthum57) mit seinen traurigen
Folgen wird so lange dauern, bis man eingesehen hat, dass
unter der scheinbaren Hülle des Wechselfiebers zahlreiche
Krankheiten der verschiedensten Art bestehen, die in ihrem
eigentlichen Wesen Nichts mit einander gemein haben und
wie ehemals der famose Plempius von der „unfehlbaren Fieberrinde",
behauptet hätte, es sei bisher noch Niemand dadurch geheilt, viele aber
damit zu Tode gefüttert worden.
55) Schon im Anfange des vorigen Jahrhunderts beschuldigten Stahl
und seine Anhänger (Grlaschke, Stempel u. A.) die Chinarinde, dass sie so
häufig Schwindsuchten und Wassersuchten erzeuge, wenn sie gegen Wech-
selneber angewendet wurde.
56) Plura medicamenta elaboravit Chemia, sed nulla detexit.
Liune, Mat. med.
öl) Sic plerumque agitat stultos inscitia veri, et
Palantes error certo de tramite pellit;
llle sinistrorsum, hie dextrorsum abit, unus utiique
Error, sed variis illudit partibus omnes.
llmat. Sermon. Lib. 2.
II. Buch. Aphorism 25. 111
wobei eben der wiederkehrende Typus nur ein einziges, oft
kaum zu beachtendes Symptom darbietet.58)
Die Homöopathie geht bei der Behandlung der Wechsel-
lieber, sie mögen nun Eintägige, Dreitägige oder Vier-
tägige, Vorsetzende, oder Nachsetzende sein, durchaus
von der zuletzt erwähnten Ansicht aus, und erwägt bei der
Mittelwahl alle wesentlichen und darunter besonders die
karakteristischen Zeichen, zu einem Gesammtkrank-
heits bilde vereinigt, wie sie es mit jeder anderen Krankheit
thut. 59) Dem homöopathischen Arzte machen dabei eben die
Wiederkehr der Anfälle und der daran geknüpfte unbe-
stimmte Gattungsname Wechselfieber, so wie insbesondere
auch der Umstand am Meisten zu schaffen, dass durch die
Hervorragung der für die Miltelwahl meistens wenig erheb-
lichen Perioden von Frost, Hitze und Schweiss, die übrigen,
weit wichtigern Nebenbeschwerden sehr in den Hinter-
grund gedrängt und verdunkelt, dabei auch die, jeder der-
selben ins Besondere angehörigen begleitenden Bes chwer-
den oft miteinander verwechselt, unrichtig angegeben oder
ganz verschwiegen werden.60) Wo diese Mängel ver-
mieden werden, wie es eine Hauptaufgabe des Arztes ist, und
hinreichende Zeichen ermittelt sind, um das auf Alle genau
58) Indicatio curationum unieuique propria.
Galenus M. m. II, 6.
59) Tant pour le choix du Medicament que pour le diagnostic des
maladies, c'est l'universalite des symptömes, que le medicin Homöopathe
doit utiliser. Leon Simon, exposition p. 339.
60) Wenn man die zahlreichen hippokratischen Krankheitsbilder mit
denen der neuem medizinischen Schriftsteller vergleicht, so erkennt man in
Beiden leicht den Einfluss, den die Schule und die herrschende Richtung
der Wissenschaft auch in dieser Beziehung ausübt. Man darf -sich daher
auch nicht wundern, wenn dasselbe der Fall ist bei denen, welche von
Homöopathen entworfen sind, und die von den beiden Vorhergehenden so
wesentlich sich unterscheiden, dass die Unzulänglichkeit Jener für eine
sichere homöopathische Theorie von selbst einleuchten und man sie dazu
als völlig unbrauchbar ansehen muss.
112 IL Buch- Aphorism 25.
passende Heilmittel im zwei feibar anzuzeigen, da ist jedes-
mal die schnelle Heilung des Fiebers nebst seinem ganzen
Anhange von Nebenbeschwerden gesichert, es möge die Jahres-
zeit oder die Witterung sein, welche sie wolle.61) Nur allein
ungesunde, das Fieber stets auf's Neue erweckende Gegenden
oder sonstige Umstände ähnlicher Art machen hier eine natür-
liche Ausnahme, und müssen bei den erforderlichen Diät-
vorschriften namentlich angeordnet und strenge befolgt werden,
wenn die Heilung dauerhaft sein soll. Die einzigen wirklichen
Schwierigkeiten bei der homöopathischen Heilung derWechsel-
fieber, worüber so oft Klage geführt wird, liegen also lediglich
in der Ermittlung eines vollständigen und zur Wahl des
passendsten Heilmittels z u r e i c h e n d e n i n d i v i d u e 1 1 e n K r a n k-
heitsbildes, welches nicht für das Wechselfiehcr, wie für eine
selbstständige, unveränderliche Krankheit, ja nicht einmal für alle
Fälle einer derartigen Epidemie, sondern, wie schon Hufeland
gesagt hat, „bei jedem einzelnen Individuum von Neuem
erfunden und aufgestellt werden muss." 62)
61) Die bei den verschiedeneu Fieberstadien (Prost, Hitze, Schweiss)
eintretenden Beschwerden bezeichnen in derselben naturgemässen Weise die
Arten und folglich auch die einzelnen Heilmittel der Fieber, wie z. B. bei
den Ahornarten das Erscheinen der Blüthen entweder vor dem Aus-
brechen der Blätter (A. platono'ides) , oder zugleich mit demselben (A. cam-
pestre), oder nachher (A. Pseudo-Platanus.)
62) Wir finden keine Ursache, die Schwierigkeiten bei der hom. Hei-
lung der Wechselfieber zu verheimlichen , worüber schon vor 30 Jahren
Hahnemann klagte, (Griessellich Skizzen S. 33), und die in der letzten
Versammlung zu Hannover (1860) eine ausführliche, aber nicht befriedigende
Besprechung herbeiführte. Indessen verdient in dieser Beziehung hervor-
gehoben zu werden, was Hahnemann über diese Krankheit in den §§ 235
bis 244 des Organons lehrt, und wobei er ausdrücklich eiu besonderes
Gewicht legt auf die Nebenbeschwerden, sowohl während der einzelnen
Fieberepochen, als während der Apyrexie, worunter natürlich die im
§ 150 daselbst bezeichneten Symptome als die Vorzüglichsten zu berück-
sichtigen sind. Hier gilt es also, allen Scharfsinn und alle Umsicht auf-
II. Buch. Aphorism 26. 113
26. Es ist besser, wenn das Fieber zum Krämpfe, als
wenn der Krampf zum Fieber kommt.
Chronische Krämpfe, wie z. B. die zahlreichen Arten von
Fall suchten, so wie die Krämpfe der Hysterischen und
der Hypochondristen, deren Heilung meistens schwierig, bei
längerer Dauer zuweilen unmöglich ist, entscheiden sich bekannter
Maassen oft durch Hinzutritt irgend eines Fiebers. In-
dessen ist bei veralteten Fällen dieser Art die scheinbare
Besserung dieser Uebel meistens nicht von Dauer, und nach
überstandener Rekonvaleszenz erscheinen solche von Neuem
zubieten, und diese Nebenbeschwerden zu ermitteln und sich dabei
nicht von den hervorragendsten, allgemeinen Zeichen (Frost, Hitze, Schweiss)
blenden zu lassen , indem diese selten wahrhaft karakteristische Merkmale
darbieten. Wenn dagegen, wie so oft der Fall ist, ein Wechselfieber epi-
demisch grassirt, so giebt eine Zusammenstellung der bei mehreren Kran-
ken in dieser Beziehung erforschten Symptome einen überaus brauchbaren
Anhalt, sowohl zur speziellen Erforschung jedes individuellen Krankheits-
bildes, als zur grösseren Sicherheit in der Mittelwahl. — Verf. arbeitet
schon seit ein Paar Jahren an einer neuen Ausgabe seiner im Organon
S. 251 bereits erwähnten „Therapie der Wechsel- (und anderer) Fieber",
und hofft damit den Pflegern unserer Heilwissenschaft in der glücklicheren
Behandlung dieser schwierigen Krankheitsform einige Erleichterung zu
verschaffen.
Im Gebiete der Naturwissenschaften besitzt jeder erste Entdecker
oder Erfinder von etwas Neiiem das Recht, demselben einen Namen beizu-
legen. Sobald dies geschehen , steht Niemandem hinfort die Befugniss zu
diesen Namen mit einem Andern zu vertauschen, noch auch damit etwas
Anderes zu bezeichnen. Hahnemann hat von diesem unbestrittenen Rechte
nicht nur vollen Gebrauch gemacht für seine Erfindung der Homöopathie,
sondern auch ausdrücklich alles seiner Lehre Fremdartige von derselben
ausgeschlossen. Wiewohl es nun keinem Arzte verwehrt werden kann,
abweichende Ansichten und Meinnngen zu haben: so ist es doch einleuchtend,
dass Diese sich dadurch des Rechts begeben, sich Homöopathen zu nennen,
wie es diejenigen thaten, welche bereits im Anfange in einigen Punkten
von der ursprünglichen Lehre des Stifters abwichen, und sich zum Unter-
schiede ,, Spezifiker" nannten. Jetzt scheint der Name so lockend gewor-
den zu sein, dass mancher Arzt das Prädikat eiues Homöopathen usurpirt,
wenn er auch weder das Organon, noch die R. A. M. Lehre, anders ^ils
1 14 n- Buch. Aphorisrn 26.
wieder, nicht selten mit verstärkter Heftigkeit. Man kann also
eine derartige temporäre Beschwichtigung keineswegs mit dem
Namen einer wahren, gründlichen Heilung belegen, sondern
darf vielmehr in diesen Vorgängen nur einen Beleg für die An-
sicht der Homöopathen finden, dass zwei unter sich ver-
schiedene Krankheiten niemals zu gleicher Zeit bei einem
und demselben Individuum anwesend sein können. Diese An-
sicht, deren Richtigkeit noch durch viele andere, zum Theil
sehr auffallende Erscheinungen bewiesen ist, bestätigt zugleich
die Richtigkeit der daraus gefolgerten Regel, dass das richtig
gewählte Heilmittel allen wesentlichen Zeichen entsprechen
muss, und nicht, acht symptomatisch, für jedes derselben
etwas Besonderes verordnet werden darf. 63)
Die zweite Hälfte des Aphorisms bezieht sich wohl nur auf
solche Krämpfe, welche sich zu den Fiebern gesellen, die durch
innere Entzündungen, zurückgetretene Ausschläge und der-
aus dürftigen Kompendien oder Repertorien kennt, wenn er auch die Lehre
von den Dynamisationen verwirft, oder diese in der vom Stifter nirgends
autorisirten Dezimal-Skala ausführt, wenn er der ausdrücklichen Vorschrift
zuwider alle und jede Mittel zum Oefteren wiederholt, und was solcher Ab-
weichungen noch Mehrere giebt. Diese haben vermöge ihrer Handlungen
das Recht verloren, sich Homöopathen nennen zu dürfen, und was sie
üben, kann von Niemandem für wahre Homöopathie ausgegeben werden.
Der unermessliche Unterschied zwischen den Gaben der Allopathen und
.denen der wahren Homöopathen bleibt fort und fort bestehen, und die
Vota der Pr. Med. Zeitung, die mit Leugnung desselben ihr Gutachten für
die Aufhebung der gesetzlichen Dispensirfreiheit der Letzteren begründen
wollen, haben in der That den Boden verloren und zappeln mit den Beinen
in der trüben Luft ihrer Leidenschaften.
63) Die weit genauer, wie heutiges Tages geschieht, die individuellen
Zeichen beachtenden -alten Aerzte haben gefunden, dass bei den, aus
Wurmleiden entstandenen Krämpfen das sonst gewöhnliche Symptom
des „Schaums vor dem Munde" fehlt. In auffallender Weise stimmt
dies mit unserer Therapie überein, indem bei den Hauptmitteln, die wir
für diese Krankheits-Komplikation besitzen und mit Erfolg anwenden,
(Ars., Cina, Kali, N. vom., Petr., Plat., Sil. und Sulph.), ebenfalls dieses
Symptom gänzlich fehlt, und nur allein bei der Calc. carb. , die aber noch
anderen Formen dieser Krankheit entspricht, zu finden ist.
II. Buch. Aphorism 27. 115
gleichen entstanden sind. Jeder Arzt weiss, wie äusserst gefähr-
lich diese Erscheinungen, und wie meistens solche Kranke ret-
tungslos dem Tode verfallen sind, wenn es nicht noch zeitig
genug gelingt, das Fieber zu heben und die Ausschläge wieder
hervorzubringen.
27. Einer Besserung, welche gegen Erwartung eintritt,
darf man nicht trauen; aber ebensowenig eine Ver-
schlimmerung fürchten, welche dem natürlichen Ver-
laufe nicht entspricht. Unter den meisten Erschei-
nungen beiderlei Art sind jene nur vorübergehend und
von kurzer Dauer, diese aber die Krankheit keines-
wegs in die Länge ziehend.
Obschon die Kommentatoren zur Begründung und Erklärung
dieses Aphorisms hauptsächlich nur zwei Stellen anführen, nem-
lich die Vorhersagungen des Hippokrates II, 30. 6. und Gels.
II, 11, wo in Beiden nur von den zu erwartenden Rückfällen
die Rede ist: so glauben wir doch, dass darin ein tieferer
und unendlich wichtigerer Sinn zu finden ist, weil von einer
unerwarteten Verschlimmerung sonst nirgends in solcher
Weise die Rede ist, und beide Veränderungen an diesem Orte
nicht nur oben hin besprochen, sondern auch als Gegen-
sätze zu einander aufgestellt werden. Noch weniger scheinen
diejenigen richtig und erschöpfend interpretirt zu haben, welche
meinen, dass hier bloss von zufälligen Nebenerscheinungen
die Rede ist, deren momentane Besserung oder Verschlimme-
rung auf die Hauptkrankheit selbst ohne wesentlichen Einfluss
bleibt. Uns will es scheinen, als wenn der scharfsinnige Beob-
achter in diesem Aphorism zuerst den Gegensatz zwischen
einer palliativen (antipathischen) und homöopathischen
Erst-Wirkung ausgesprochen hätte, eine überaus wesentliche
und verschiedenartige Aeusserung des organischen
HQ II. Buch. Aphorism 27.
Lebens, die bis jetzt noch häufig so gänzlich verkannt wird,
und erst durch die Lehren der Homöopathie ihre gebührende
Würdigung erlangt hat.64)
64) Fast jede Zeile der allopathischen Schriften über die Wirkungen
der Arzneien auf den lebenden Organismus liefert den Beweis von der
Nicht -Kenntniss, oder mindestens von der Nicht-Achtung der Erst- und
Nach-Wirkungen. Indem man von Diesen nur ganz im Allgemeinen
redet und Jene nicht unterscheidet, so ist auch die Ansicht der alten
Schule von der unmittelbaren, selbstständigen Heilwirkung der Arzneien
nichts Anders, als eine nothwendige Folge, und es ergiebt sich daraus,
in eben so consequenter Weise, die Angemessenheit der Steigerung der Ga-
ben bis zu dem Punkte, wo eine wirkliche Vergiftung beginnt. Nur in so
weit ist dabei die Lebenskraft als unentbehrlich betrachtet, als ohne diese
die Arznei, wie auf einen leblosen Körper, gar keinen Einfluss haben
könnte, während die Reaktionskraft derselben gegen derartige feind-
selige Stoffe ausser Betracht bleibt, obwohl man in anderer Beziehung die
vis medicatrix naturae durchaus nicht verkennt und namentlich nicht er-
mangelt, ihr allein die Heilungen der Homöopathie zuzuschreiben.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Hahnemann, bei Gelegenheit
der Uebersetzung von Cullen's Arzneimittellehre, auch dessen „Theoretische
und praktische Anfangsgründe der Arzneikunst." gelesen, und hierdurch auf
die Doppelwirkung (Erst- und Nach- Wirkung) aufmerksam geworden ist.
Am Deutlichsten spricht dieser solches aus in seiner Fieberlehre, wo er
sagt: „Jedes Fieber hat drei Perioden: Schwäche, Frost und Hitze, die
regelmässig aufeinander folgen, und die immer als aufeinanderfol-
gende Ursachen und Wirkungen angesehen werden müssen, so dass
die Schwäche den Fro.st, der Frost die Hitze hervorbringt. Um zu
erklären, wie dieses geschieht, muss man seine Zuflucht zu einem gewissen
allgemeinen Gesetze der thierischen Oekonomie nehmen, welches
macht, dass diejenigen Kräfte, welche eine Neigung haben, dem Körper zu
schaden und ihn zu zerstören, oft in demselben solche Bewegungen hervor-
bringen, welche die Wirkungen dieser schädlichen Kräfte wieder verhüten
und aufheben können. Dieses ist die Heilkraft der Natur, und es ist
sehr wahrscheinlich, dass viele von denjenigen Bewegungen, welche in Fie-
bern erregt werden, Wirkungen dieser Kraft sind." — Offenbar ist hier
nichts anders gemeint, als was Hahnemann die Reaktion der Lebenskraft
nennt.
„Der menschliche Körper" ■ — sagt Dr. Siemers im Hamb. lit
Anz. 1829 — „wird von einer grossen Arzneigabe ganz anders affizirt, als
von einer kleinen , und diese Reaktion des Körpers verändert sich immer
mehr, je kleiner die Arzneigabe ist. Hier haben wir ein Prinzip, das mit
den Erfahrungen der alten rationellen Schule durchaus übereinstimmt."
II. Buch. Aphorism 27. 117
Eine augenblickliche Besserung des Befindens, oder
Linderung eines Schmerzes, die in der Regel nur durch Pal-
liative65) hervorgebracht werden kann, wird nie und nim-
mer eine wahre Heilung sein, und verdient daher nicht nur
kein Zutrauen, sondern muss im Gegentheile die Aufmerksam-
keit des Arztes erregen, damit ihn der sicher nachfolgende Um-
schlag nicht unerwartet und unvorbereitet überrascht. Er wird
sich daher bei irgend ernstlichen Beschwerden jeder Art wohl
hüten, leichtsinniger Weise dieselben anzuwenden, in der Ueber-
zeugung, dass dabei die beklage ns-werthes ten Folgen nicht
ausbleiben werden. Nur der Unbesonnene oder Unwissende
wird deshalb bei Schmerzen zu Opium oder Chloroform,
bei Hinfälligkeit zu Reizmitteln, oder bei andern der-
gleichen Beschwerden zu ähnlichen an tipathischen Mitteln
greifen, nach deren bald vorübergehender, täuschender
Heilwirkung die nur scheinbar beschwichtigten Beschwerden mit
erneuerter und verstärkter Kraft ihr Haupt wieder erheben.
In umgekehrter Weise verhält es sich mit der uner-
warteten Verschlimmerung der Zufälle, welche meistens
eine rein homöopathische Erst- Wirkung und nicht eben zu
fürchten ist. Freilich kann eine solche, den Kranken oft sehr
belästigende Erhöhung der Symptome meistens durch gehö-
rige Verkleinerung der Arzneigaben vermieden oder minde-
stens sehr abgekürzt werden; aber gefährlich ist sie an und
für sich nicht, wenn sie auch das erforderliche Maass um Etwas
überschreitet. Jederzeit wird, wenn das Mittel richtig gewählt
ist, die heilende Nach-Wirkung nach Vollendung der verschlim-
mernden Erst-Wirkung gewiss nicht ausbleiben, und diese
65) Ich verkenne den grossen Nutzen der Palliative nicht. Sie sind
in schnell entstehenden, zu einem schnellen Ablaufe geneigten Zufällen
nicht nur oft völlig zureichend, sondern haben sogar Vorzüge, wo die Hülfe
keine Stunde, kaum Minuten aufgeschoben werden darf; hier und hier allein
sind sie von Nutzen.
Hahnemann's kl. Sehr. I, S. 119.
] 18 II. Buch. Aphorism 27.
Letztere daher niemals als etwas für den Kranken Unheilvolles
oder Gefährliches anzusehen und zu fürchten sein, so lange keine
fremdartigen Symptome dahei auftreten, die ausserhalb
des Wirkungskreises der gereichten Arznei liegen.66). In-
dessen ist es fortwährend für unsern verehrungswürdigen Hahne-
mann67) eine ernste Aufgabe gewesen, die er bis zu seinem
Tode auf's Eifrigste verfolgt hat, das richtige Maass für die
Grösse der Arzneigaben zu finden, damit einerseits diese hin-
reicht, die nölhige Reaktion hervorzurufen, andererseits aber
zu vermeiden, den von der Krankheit nicht ergriffenen Theil
des lebenden Organismus ebenfalls nur unnöthiger Weise zu
affiziren, und so nach Möglichkeit cito und jucunde die Heilung
zu vollführen.68).
Wem daran gelegen ist, Mehreres und Gründlicheres über die
an tipathischen (palliativen) und homöopathischen (Erst-)
Wirkungen zu lesen, den können wir nur auf das berühmte
Organon von Hahnemann verweisen, worin von § 52 (der fünf-
ten Auflage) an bis zum § 70 dieser äusserst wichtige Gegen-
stand vollständiger und deutlicher auseinandergesetzt ist, als es
uns möglich wäre. Wer diese hetreffenden §§ nicht nur liest,
sondern auch mit unbefangenem und vorurthe iisfreiem
66) „Jeder dynamische Keiz" — sagt Dr. A. Winkler (kein Homöo-
path) in seiner (trefflichen) Theorie der physiologischen Arzneiwirkungen,
Berlin 1861. — „ruft in den Nerven eine doppelte Wirkung hervor, eine
anfängliche und eine spätere, welche in der Beziehung zu einander stehen,
dass die spätere ihrer physiologischen Wirkung nach die entgegengesetzte
der anfänglichen ist. Beide Wirkungen stehen aber , wie die Erfahrung
zeigt, in dem Verhältnisse zu einander, dass, während die Erst-Wirkung bald
vorübergeht, die spätere mehr den Charakter eines dauernden Zustands an
sich trägt".
67) Toujours l'erreur impuissante est venu poser, comme une negation,
devant toute conquete de l'experience, son double argnment de l'eau claire
ou du poison, dont on poursuit encore de nos jours la therapeutique hahne-
manienne. Dr. A. Milcent.
68) Asclepiades officium esse medici dicit, ut tuto, ut celeriter, ut
jucunde curet. Celsus. III, 4.
II. Buch. Aphorism 27. 119
Geiste erwägt, der wird sicher darin die unwandelbaren
Gesetze der Natur wiederfinden, die von Hippokrates mehr
geahnt, als deutlich erkannt, zuerst durch unseren Hahne-
mann ihre volle Beleuchtung und ihre volle Wichtigkeit
erlangt haben. 69)
Zum Schlüsse dieser Glosse wollen wir des lieben Frie-
dens70) halber noch ausdrücklich erwähnen, dass wir keines-
wegs gesonnen sind , den von uns diesem Aphorism unterge-
legten Sinn als den unwidersprechlich Richtigen zu proklamiren
und unsere Ansicht gegen jede Andere zu vertheidigen. Wir
wollen vielmehr gern zugeben, dass unsere lebhafte Ueb er Zeu-
gung von der unermesslichen Wichtigkeit des eben be-
sprochenen Gegenstandes uns vielleicht allzu weit geführt und
ohne sonstigen vollgültigen Grund uns verleitet hat, dem Alt-
Vater der Medizin ein Verdienst zu vindiziren, worauf er in
der Wirklichkeit keinen Anspruch zu machen hat. Aber man
wolle dabei bedenken, dass der Glossator sich einige Freiheiten
erlauben darf , welche für den Kommentator gewissermaassen
eine Pflichtverletzung einschliessen würden. Darum lassen wir
Jedem seine Meinung, verlangen aber zur Wiedervergeltung eben-
so, dass auch uns eine solche zugestanden wird, und begnügen
69) C'est Hippocrate qui doit nous servir de juger Hahnemann.
I. de Monestrol, de l'Hom., p. 1 3.
Noch verwickelter wird aber die medizinische Aufgabe, wenn das
Verhältniss der Quantität und Qualität nicht allein am Heilmittel , sondern
auch an dem heilsbedürftigen Organismus in Erwägung gezogen wird. In
jener Beziehung leuchtet ein, dass die Qualität in demselben Grade sich
zu entwickeln fähig und wirksam wird, in welchem sie durch die Vermin-
derung des Quantums nur in dem Verhältnisse zu der daseienden Qualität
und Intensität verringert werden kann. In dieser Beziehung ist nicht zu
übersehen, in wiefern mit der Krankheit die Reizbarkeit des kranken Or-
ganismus zunimmt, und von dem homogenen Heilmittel nur einen leisen
Reiz erwartet, um zur Entwickelung zu kommen.
E. F. Göschel, S. 32.
70) Admonere, non mordere ; prodesse , non laedere.
Erasmus Rotterd.
120 n- Btlch' Aphorism 28.
uns in diesem Falle damit, eine, wenngleich nicht ganz unbe-
streitbare Gelegenheit ergriffen zu haben, um ein Naturge-
setz zu besprechen, welches für den Arzt unter den Wich-
tigsten und Folge reichsten seiner Wissenschaft in der
ersten Linie zu stehen verdient.71)
Es ist ein übles Zeichen, wenn bei nicht ganz schwa-
chen Fiebern der Körper nicht abnimmt, sondern bleibt,
wie er war-, oder umgekehrt, wenn er schneller und
stärker abzehrt, als es der Natur der Krankheit gemäss
geschehen sollte. Jenes deutet auf eine langwierige
Krankheit, dieses auf eine schnell überhand nehmende
Schwäche.
Dieser Aphorism zeichnet hier wieder zwei, nicht selten
vorkommende, scharf ausgeprägte Züge, welche die chroni-
schen und akuten Krankheiten in ihrem Gegensatze zu
einander darbieten. Die chronischen Fieber nemlich greifen
in der Regel den Kranken in Bezug auf seine Wohlbeleibt-
heit und Kräfte weit weniger an, als die Akuten; dafür
aber dauern jene um so länger und verschwinden, wenn sie
nicht geheilt werden, meistens nur, um einer anderen Form
dieses vielgestaltigen Proteus Platz zu machen. Solche Patienten
bieten oft das sonderbare Schauspiel einer übernatürlichen
Körperfülle dar, welche aber niemals mit der wahren Fülle
von Gesundheit verwechselt werden darf, sondern ebenfalls
ein sicheres Kennzeichen eines tief im Innern bestehenden
chronischen Siechthums ist.
Bei akuten Fiebern, selbst wenn sie nur in massiger
Heftigkeit auftreten , sehen wir jederzeit den Körper und die
Kräfte mehr oder weniger abnehmen, und wenn dieses Letztere
71) Citius einergit verhas ex errore, quam ex confusione.
Bacon.
IL Buch. Aphorism 29. 30. 121
ausser Verhältniss zu der Krankheit schnell und in auf-
fallendem Maasse geschieht, so müssen wir darin nothwendig
und natürlich ein böses omen erkennen, eben weil die Krank-
heit einen so übergrossen Einfluss übt.
Dieses Alles ist so verständlich und der Natur entsprechend,
dass es keiner weiteren Erklärungen zu bedürfen scheint. Man
braucht daher in dem ersten Falle eben so wenig von „Effer-
veszenz der Säftemasse", von „Auflockerung der Materie", von
„Ultraanimalisation", von „Fäulniss des organischen Materials",
von „Spaltung der inneren Bestandteile des Organismus" etc.,
als im Zweiten von „allzu schnellem Stoffwechsel" , von „unna-
türlichem Kraftaufwand" und von andern dergleichen, gelehrt
klingenden Erklärungs-Phrasen und Wörtern zu reden,
die ohnedem für die Praxis gänzlich ohne Werth sind , und
meistens nur von solchen Stubengelehrten im Munde ge-
führt werden, welche die Heilmittel dafür nicht kennen.72)
29. Wofern es nöthig scheint, etwas zur Ausleerung in
Bewegung zu bringen, da muss dies zu Anfange der
Krankheit geschehen; während der Höhe derselben
ist es besser, wenn Alles in Ruhe bleibt.
Zu diesem Lehrsatze vergleiche man die Glossen zu den
beiden , sieb einiger Maassen widersprechenden Aphorismen I.
22 und 24, denen wir nichts Erhebliches beizufügen haben.
30. Beim Beginne und am Ende der Krankheit sind alle
Symptome schwächer, bei der Höhe derselben aber
heftiger.
72) Quae medica appellatur, revei-a confabulandi garriendique potius
est ars, quam medendi. Sydenhain.
122 n- B«ch- Aphorism 31. 32.
Auch dieser Aphorism, der einen reinen Erfahrungssatz aus-
spricht und in der Natur der Sache selbst seine vollständige
Begründung findet, giebt zu keiner Glosse Veranlassung. Er
scheint hier hauptsächlich zur Erklärung und Bestätigung des
Vorhergehenden bestimmt zu sein.
31. Es ist ein böses Zeichen, wenn nach einer überstan-
deneil Krankheit der Körper, ungeachtet guter Esslust,
nicht wieder zunehmen will.
Hierzu ist die Glosse zu dem Aphorism II, 8 zu vergleichen,
so wie dasjenige, was in dem Folgenden gesagt ist.
32. Gewöhnlich geht bei denjenigen Rekonvaleszenten, die
Anfangs reichliche Nahrung zu sich nehmen, ohne
sich zu erholen , später die Esslust wieder verloren.
Dahingegen werden diejenigen leichter wieder herge-
stellt, die Anfangs keine, nachher aber eine um desto
bessere Esslust haben.
Es giebt vorzüglich unter den chronischen Krankheiten,
weniger unter den Akuten, Manche, bei denen eine ver-
mehrte, oft gar unersättliche Esslust ein sehr hervorragendes
Symptom ist. In dem vorstehenden Aphorism scheinen aber mehr
die Letzten (akuten Krankheiten) und die Bekonvaleszenten von
einem solchen Fieber gemeint zu sein, wo dieser Umstand frei-
lich auch, aber doch seltener vorkommt. Die meisten Patienten
dieser Art haben wir hei Magenleiden und nach Nerven-
fiebern beobachtet, wovon früher schon, nemlich in der Glosse
zum Aphorism II, 8 die Rede war.
Man hüte sich aber, hiermit dasjenige zu verwechseln, was
unter dem Ausdrucke : Heisshunger im engeren Sinne verstan-
den wird. Dieser besteht nemlich in einem krankhaften,
II. Buch. Aphorisiii 32. 123
meistens plötzlich entstehenden, unwiderstehlichen Ver-
langen nach Speisen, welches, wenn es nicht schleunigst
befriedigt wird, in kurzer Zeit eine unglaubliche Mattigkeit
und Kraftlosigkeit des Körpers, bis zur Ohnmacht herbei-
führt, Der Grund liegt, nicht in allzu langer Entbehrung von
Nahrung, sondern vielmehr in einer eigen thümlichen Gereizt-
heit des Magens und der mit diesem in Verbindung stehenden
Nerven, welche den ganzen Organismus in Mitleidenschaft zie-
hen. Die Krankheit ist in bei Weitem den meisten Fällen, wo
sie öfter entsteht, von chronischer Natur, und kann nur durch
die dafür angezeigten, hierher gehörigen Mittel, (worunter Calc,
Jod., Lyc. und Sil. die Vorzüglichsten sind,) dauerhaft beseitigt
werden, wenngleich der Genuss von Speise, besonders von einem
kleinen Stücke Brod, den Anfall schnell vorübergehen lässt.
Verschieden davon ist gleichfalls der habituelle, über-
mässige Hunger, der oft kaum zu stillen ist, aber ebenfalls
zu den chronischen Beschwerden gezählt werden muss und
nur auf demselben Wege geheilt werden kann. Solche Krank-
keiten sind nämlich niemals für sich allein bestehend und
als damit abgeschlossen zu betrachten , sondern bilden als ein-
zelne, obwohl sehr zu beachtende Symptome, nur einen Zug
in dem Ge sa mmt- Krankheit s bilde, welches, als ein ein-
ziges Ganze in seiner vollständigen Charakteristik aufgefasst,
nur durch solche Arzneien, die auch allen übrigen Zeichen
entsprechen, seine gründliche und dauerhafte Heilung er-
langen kann. Ein symptomatisches Kuriren, welches nur
auf einzelne, von der Gesammtheit abgerissene Beschwer-
den gerichtet wird, ist nie und nirgends mehr am unrechten
Orte, als wo es gilt, ein chronisches Leiden zu heilen. Ob
daher das Verfahren der Allopathie, welche für jede sepa-
rate Indikation ein separates Mittel ihren Rezepten einver-
leibt73), oder ob dasjenige der Homöopathie mehr diesen
73) Die, von Scribonius Largus beförderte Vielmischerei der Arzneien.
124 II. Buch. Aphorism 33. 34.
verrufenen Namen verdient, dürfen wir ohne Bedenken der
Entscheidung jedes vernünftigen Menschen anheim stellen.74)
33. In jeder Krankheit ist es ein gutes Zeichen, wenn
der Kranke hei voller Besinnung ist, gern nimmt, was
ihm gereicht wird, und sich darauf wohl befindet.
Das Entgegengesetzte aher ist höse.
Die Naturgemässheit und Unzweideutigkeit dieses Aphorisnis
giebt zu keiner Anmerkung irgend Veranlassung.
34. Denjenigen, deren Krankheit ihrer Natur, ihrem Alter
und ihrer Konstitution, sowie auch der Jahreszeit an-
gemessen ist, droht weniger Gefahr, als solchen, denen
sie in keiner von diesen Hinsichten entspricht.
Zahlreiche Erfahrungen bestätigen allerdings, dass manche
Krankheiten, welche zunächst in einem gewissen Alter, oder
bei einer gewissen Konstitution am Gewöhnlichsten vorkom-
men, unter solchen Umständen auch leichter und gefahrloser
überstanden werden. Wir erinnern dabei z. B. nur an die ge-
wöhnlichen Krankheiten des kindlichen Alters, welche, wenn
Erwachsene davon befallen werden, sehr oft grosse Gefahr
bringen. Indessen ist dies keineswegs als eine allgemein gül-
tige Regel anzunehmen, und Hippokrates selbst giebt im Apho-
wovou uns Celsus Mancherlei aufbewahrt hat, veranlasste schon Plinius aus-
zurufen : Quo deorum perfidiam istam monstrante ? Hominum enim subtili-
tas tanta esse non potuit. Ostentatio artis et portentosa scientiae venditatio
manifesta est.
74) L'etude d'une maladie dans l'universalite des Symptom es,
voilä la base ä la fois logique et experimentale de la pathologie hahne-
manienne. Cette base est indestructible : on peut PeTargir; la renverser.
jamais. Leon Simon, pere. Exposition p. '-".>5.
II. Buch. Aphorism 35. 125
rism VIII, 8 das Gegeilt heil davon an. Man darf deshalb
dergleichen gelegentlichen Aussprüchen, die allerdings aus eben
solchen gelegentlichen Erfahrungen geschöpft sind, kein allzu
grosses Gewicht beilegen. Am entschiedensten und handgreiflich-
sten geben uns hierüber manche Epidemien die nützlichsten
Lehren, indem wir dabei nicht selten das Gegentheil von dem
beobachten können, was dieser Aphorism lehrt, und gerade von
denen die Meisten hingerafft werden, bei welchen die oben ge-
nannten, als günstig bezeichneten Umstände in vorzüglichem
Grade zutreffen.
35. Bei allen Krankheiten ist es ein günstiges Zeichen,
wenn die Nabel- und Schaamgegend eine gewisse Fülle
hat-, ein Ungünstiges aber, wenn diese Stellen mager
und abgezehrt sind. Auch bei Abführungen deutet
dieser letztere Umstand auf Gefahr.
Die heutige Zeichenlehre in der medizinischen Wissen-
schaft umfasst eigentlich zwei, unter sich verschiedene Gegen-
stände, nämlich: die Semiotik und die Semiologie. Jene
ist eine Sammlung derjenigen Zeichen, welche die Unter-
schiede zwischen dem gesunden und kranken Menschen,
wie die Erfahrung sie darbietet, darstellt. Diese ist eine theo-
retisch-wissenschaftliche Erklärung dieser Zeichen und ihrer
Bedeutung. Die Erste (Semiotik) hat in der Praxis als pa-
thologische Zeichenlehre im Gegensatze zur Physio-
logischen einen überaus grossen Werth, während die zweite
(Semiologie) in dieser Hinsicht um so weniger Wichtigkeit
besitzt, als darin noch vieles dunkel, zweifelhaft und deshalb
leicht irreführend ist. Die ältesten und ergiebigsten
Quellen der Semiotik bleiben die Werke des Hippokrates und
seiner Schüler, und eine Probe davon giebt uns der vorstehende
Aphorism, der auch in dessen Vorhersagungen (X, 2) enthalten
126 n- Buch« Aphorism 35.
und von Gelsus (II, 3) wiederholt ist. Hier ist einfach und
verständlich ein Erfahrungssatz ausgesprochen, dessen se-
miologische Erklärung wohl eben so wenig vollständig
und befriedigend sein dürfte, wie die der bekannten gekrümmten
Nägel bei Schwindsüchtigen. Auf dergleichen Zeichen
legen aber die Homöopathen ein ganz besonderes Gewicht,
weil sie wesentlich zur richtigen Wahl der Mittel bei-
tragen, indem sie in konkreten Fällen demjenigen unter den
Konkurrirenden den Vorzug einräumen, welches ausser den
übrigen, der Krankheit angemessenen Zeichen auch noch diese
enthält. In solcher Weise werden sie überall, wo sie vorhan-
den, mit dem entschiedensten Nutzen, wenn auch nicht zur
eigentlichen Entscheidung der Wahl, so doch mindestens zur
Prüfung und zur Controlle derselben angewendet. Um die
Auffindung des richtigsten und hülfreichsten Mittels
dreht sich doch am Ende das ganze Bestreben des Arztes
herum, der seine Hauptaufgabe und seine Hauptpflicht
darin erkennt, dass er seine Kranken heilt.75)
75) ,,Ein Arzt" — sagt der Spötter Lucian in der „Versammlung der
Götter" durch den Mund Jupiters, — ,,der Kranke heilt, ist ein Mann, der
für sich allein mehr werth ist, als viele Andere zusammen."
Hippocratem ostentant aut G-alenum, verba proferunt inaudita, ad
omnia suos loquantur aphorismos, et mentes humanas, velut afflatas toni-
tribus, sie percellunt nominibus inauditis. Creduntur omnia posse, quia
omnia jactitant, omnia pollicentur.
J. a Salisbury, Metalog, I, 4, 11.
La gloire la plus pure resulte du devoir aecompli.
Dr. Charge, rev. hom. I, 18.
Klingt es nicht wie Hohn auf die praktischen Aerzte, wenn bei
der Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Berlin von
1828 bei der Festtafel im Exercirhause gesungen wurde :
„Nun folgt das leichte Fussvolk, die Doktoren,
Die Herren Praktiker,
Zum Tiraillir dienst sind sie wie geboren,
Doch nicht zum Taktiker.
II. Buch. Aphorism 36. 127
36. Wer sich im Besitze einer guten Gesundheit befin-
det, der wird diese in kurzer Zeit zerrütten, wenn er
Wenn solch ein Doktor seine Feinde findet,
Nimmt er die Buchs' heran,
Und wenn sein Pulver aus der Büchse zündet,
Fällt sicher Mann für Mann.
Ich habe nur den praktischen Arzt vor den Augen; wer als Arzt
andere Beschäftigungen gefunden hat, für den gehören auch andere Betrach-
tungen; in Bezug auf den Mann aber, der Kranke heilen will, in Bezug
auf diesen habe ich aus dem Leben gesprochen.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit S. 103.
„Wer mir nachfolgt" — schrieb Hahnemann am 10. Febr. 1833
(Allg. Hom. Zeit. II, S. 2) — ,,wird eben so freudig, wie ich, am Rande
des Grabes, sein Tagewerk vollenden, sein Haupt in den Schooss der Erde
ruhig niederlegen und seine Seele vertrauensvoll dem Allgütigen und Alier-
heiligsten übergeben, vor dessen Allgewalt der Frevler im Innern beben
muss."
Mit dem, als Axiom dastehenden Wahlspruche: dass die Gesund-
heit das edelste und kostbarste irdische Gut ist! lässt sich nicht wohl
reimen, dass in Bezug auf das Sostrum der Aei'zte jede Art von inneren
Krankheiten, chronische und akute, gefährliche und leichte, natürliche und
verhunzte u. s. w. nach derselben Schablone gemessen, und nach einer
und derselben Taxe, (bei uns nach der vom 21. Juni 1815) honorirt wer-
den muss. Es ist einleuchtend, wie beschränkt und ärmlich der Heilkünst-
ler in dieser Hinsicht gegenüber dem Rechtsanwalt gestellt ist, dem es ge-
setzlich zusteht, seine Liquidation nach Maassgabe des Werths des Objekts
zu einer angemessenen und billigen Höhe zu steigern. Eine Abhülfe für
diese Verletzung der wissenschaftlichen Parität trifft allerdings auf grosse
und vielleicht unlösbare Schwierigkeiten, und am wenigsten dürfte hier die
Menge und Länge der allopathischen Rezepte zum Maassstab dienen können.
Aber es ist nicht zu leugnen , dass dieser Umstand selbst im Publikum
tiefe Wurzeln getrieben und zu mancher Undankbarkeit Anlass gegeben hat,
wovon jedem Arzte zahlreiche Thatsachen vorkommen. Daher galt auch
schon bei unsern Vorfahren (und gilt auch oft noch heute) der eben nicht
feine Rath: accipe dum dolet, post morbum medicus ölet! — und die „gold-
nen Berge", die mancher Patient für seine Herstellung versprochen, werden
noch heute als einen — unverbindlichen Scherz betrachtet, der durch kei-
nen Rechtstitel verbindlich wird und daher unerfüllt bleibt.
Edel, wie das Gefühl für Harf und Leier,
Ist das Gefühl für Menschen-Wohl und Weh.
Herder.
Depuis quelques annees, la presse medicale a pris l'habitude d'in-
voquer jouvuellernent, k l'appui des expevimentations les plus aventureuses
128 n- Buch. Aphorism 37.
Abführungsmittel gebraucht; ebenso wie der, welcher
schlechte Nahrungsmittel geniesst. 76)
37. Beim gesunden Menschen wirken die Abführungsmittel
schwierig.
Diese beiden Aphorismen scheinen zusammen zu gehören
und sich gegenseitig erläutern zu sollen. Wir bedauern daher
aufrichtig, dass wir uns nicht mit der von einigen Neueren ge-
gebenen Uebersetzung und Erklärung des Letzten (37) einver-
standen erklären können, welche den Sinn desselben auf den
Nacht heil aller Arzneien überhaupt für den gesunden Men-
schen ausdehnen, obwohl wir in der Sache selbst ihnen darin
vollkommen beipflichten.77) Aber die strenge Wahrheit muss
jederzeit über Alles gehen, 78) und es steht uns nicht zu , dem
Altvater der Medizin eine Meinung unterzuschieben, welche er
nicht deutlich und bestimmt ausgesprochen hat, wenn sie auch
noch so sehr in der Natur und in der Erfahrung begründet ist.
Hier wird zunächst und in entschiedener Weise der Nach-
theil hervorgehoben, welcher daraus erfolgt, wenn übrigens
gesunde Menschen Abführmittel nehmen. Es ist daher
gewiss nicht hipp o k ratisch zu nennen, wenn man noch
heutiges Tages von prophylaktischen Ausleerungen und
dergleichen schwächenden Vorbauungs-Kuren reden hört.
Allerdings hat zu unserer Zeit der Unsinir grösstentheils aufge-
les droits de la scieuce. — Ce sont les droits de l'honime savant
— sur les malades; mais eile oublit constamment de parier des devoirs
de la science — envers les malades.
Dr. Gallavardin, exper. p. 32.
76) Homini eibus utilissimus Simplex. Plinius. XI, 117.
77) „Die Arznei" — sagt Paracelsus — „ist gleich einem Feuerfunken,
der sich gross oder klein macht nach Menge des Holzes."
78) Der Wahlspruch von unseres Hahnemann's Vater war: „Handle
wie du denkst, und hüte dich vor Verstellung."
II. Bueb Aphorism 37. 129
hört, dessen sich ältere Leute noch aus ihrer Jugendzeit
her erinneren, und worüber in der Glosse zum Aphorism I, 2 im
Vorbeigehn schon Einiges erwähnt ist. Aber ganz verschwun-
den ist er noch lange nicht, sondern nur in einer andern
Gestalt auf's Neue wieder, und zwar bis zumüebermaasse
in Aufnahme gekommen, nämlich: durch die Bade- und Brun-
nen-Kuren, bei denen zum grossen Theile solche Auslee-
rungen und angebliche Reinigungen des Körpers beabsich-
tigt und bewirkt werden. Die Erfahrung hat uns bei diesen
Gelegenheiten zahlreiche beklagenswert he Beispiele vor
Augen geführt, die wohl zu beherzigen sind. Selten oder nie
werden durch abführende Mineral - Wässer die chronischen
Obstruktionen dauerhaft geheilt, und am allerwenigsten
durch solche, welche heftige Ausleerungen in der Erst-Wir-
kung herbeiführen. Hier, wie bei vielen andern menschlichen
Leiden, wo, wenn die Kunst des Arztes zu Ende und Alles an-
gewendet und versucht ist, was die Apotheken führen, als letz-
tes Hülfsmittel noch eine Bade- Kur angeordnet wird, hören
wir hintennach immer und immer wieder dieselben Klagen.
Anfangs scheint die Sache vortrefflich zu gehen, besonders
dann, wenn der Patient zum ersten Male ein Mineralwasser
braucht. Dies dauert gemeinlich bis zum Schlüsse der ersten
Kurzeit, wo er um desto froher und befriedigter den Badeort
verlässt, als der Brunnenarzt ihm noch eine heitere Aussicht
auf die Nachwirkung eröffnet, wo sich auch noch die letzten
Reste seines alten Leidens verlieren würden79) und, wenn das
nicht ganz vollständig der Fall sein sollte, auf eine nächste
Saison verweiset, die dann durchaus nicht versäumt werden
dürfe. Zu Hause angelangt und seiner gewöhnlichen Beschäfti-
gung und Lebensweise wiedergegeben, geht all mahl ig der
79) Mentiri medicum licet!
Ueberfiorst Diss. inaug. thes.
130 H. Buch. Aphorism 37.
erlangte und theuer bezahlte Vortheil wieder verloren und
die Jahreszeit zum wiederholten Besuche der so wirksam be-
fundenen Heilquelle ist kaum abzuwarten. In dem nun aufs
Neue wieder gebrauchten Mineralwasser findet er aber nicht
eine gleich wo hl thu e nd e Wirksamkeit, wie im vorigen Jahre,
und es treten alsdann hier und da andere Beschwerden als
unerwünschte Zugaben hinzu, die allerdings bald vorüber
gehen und vom Brunnenarzte als etwas Unerhebliches bezeichnet
werden.80) Mit weniger Befriedigung, als im vorigen Jahre,
aber mit gleicher Vertröstung auf die Nachwirkung, und mit
erneuerter Hoffnung auf die nächste Saison reiset der
Patient wieder nach Hause, wo die verheissene Nachwirkung nun
aber ganz ausbleibt, das ursprüngliche Uebel wieder heran-
wächst und in kurzer Zeit eine Höhe erreicht, die es früher
niemals hatte. Trotz solcher deutlichen Warnung der Natur
entschliesst sich der Unglückliche auf ärztliches Anrathen nun
zum dritten Besuche der weltberühmten Heilquellen, und wird
auf's Neue von dem wohlbekannten und befreundeten Brunnen-
arzte mit Ausdrücken des Willkommens und der Hoffnung
empfangen. Aber statt Besserung geht es nun von Tage
zu Tage schlechter, die Obstruktionen werden anhalten-
der und hartnäckiger, die schwachen Nebenbeschwerden
des vorigen Jahres steigern sich bis zu unerträglichen
Qualen, die Verstimmung des Gemüths hält damit gleichen
Schritt, der Patient wird immer elender, und am Ende sieht
sich selbst der theilnehmende Brunnenarzt genöthigt, den fer-
neren Gebrauch des nun offenbar schädlich gewordenen Was-
sers zu untersagen.81).
SO) Vielleicht dürfte hie und da noch gelten, was Lichtenherg hei
Hogarth's PI. L. bemerkt: — „vom Wahrsagen kaun man wohl noch
hier in Deutschland leben, aher nicht von Wahrheit sagen."
81) Multa renascentur, quae jam cecidere, cadentque
Quae nunc sunt in honore. Horatius.
II. Buch. Aphorism 37. 13 i
Dies ist eine kurze Skizze von dem, leider! nur allzu ge-
wöhnlichen Erfolge der heutiges Tages an die Stelle der
ehemaligen Abführungs - Kuren so sehr in Gebrauch gekommenen
Bade-Kuren, welche sehr leicht zu erklären und zu begreifen
sind, und der Natur der Sache nach nicht füglich anders sein
können. Man darf, um hierin klar zu sehen, nur in Erwägung
ziehen, dass jedes Mineral- Wasser , sowie jedes andere Heil-
mittel seine bestimmten, mehr oder weniger ausgedehnten aber
immer begrenzten arzneilichen Kräfte besitzt. Wenn nun
ein Solches, wie hier die Absicht ist, gegen chronische Ob-
struktionen angewendet wird, so wird es in der Erst-Wir-
kung, als antipathische Arznei, Ausleerungen verursachen
und kann nebenbei auch noch einige andere, sowohl Erst- als
Nach-Wirkungen erregen, aber freilich n ur Solche, die inner-
halb des Wirkungs-Kreises dieses Mittels liegen. Alles,
was darüber hinaus sich vorfindet, bleibt natürlich unberührt. In
soweit also ist die Wirkung im ersten Jahre oft ziemlich
befriedigend, und einige Nebenbeschwerden, in sofern
das Mineralwasser ihnen homöopathisch entspricht, können und
müssen davon in der Nachwirkung geheilt werden. Im
z weiten Jahre ist also von diesen letzten Geheilten wenig oder
nichts mehr übrig, und die krankmachende (arzneiliche) Kraft
des Wassers, wie die jeder andern Arznei, kann sich nur in
ihrer krankmachenden Weise äussern und muss daher Ne-
benbeschwerden erzeugen, welche lediglich dieser Kraft
zuzuschreiben sind. Wenn nun aber im dritten Jahre Dasselbe
angewendet wird, so findet sich vollends gar nichts mehr
von dem vor, was dadurch geheilt werden kann, sondern die
arzneikräftige Substanz kann und muss um so ungehin-
derter und heftiger, selbst wenn auch, wie gewöhnlich, die
Dosen nicht verstärkt werden, ihre eige nthümlichen krank-
machenden Kräfte entfalten, als der Körper dazu in den
beiden vorhergehenden Jahren bereits disponirt und empfäng-
9*
]32 n- Buch- Aphorism 37.
lieh gemacht wurde, und der immer mächtiger angegriffene
Organismus immer mehr die Energie verloren hat, der
feindseligen Potenz entgegenzuwirken. 82)
Aehnliche, der Gesundheit nacht heilige Wirkungen be-
sitzen alle Arzneien, ohne Ausnahme, mithin auch sämmtliche
andere Abführungsmittel, auf den menschlichen Körper und
am meisten und überall da, wo sie am unrechten Orte oder
in allzu starker Gabe angewendet werden. Jede arzneiliche
Substanz erlangt nämlich nur dadurch dieses Prädikat, dass sie
das Vermögen besitzt, in dem Befinden des Organismus eine
Veränderung hervorzubringen, und unterscheidet sich da-
durch wesentlich von allen Denjenigen, welche, ohne dies zu
thun, lediglich zur Ernährung dienen.83) Es giebt und kann
deshalb keine Arznei geben, die, wie man es nennt, völlig in-
different, und noch viel weniger Eine, die nicht unbedingt
nachtheilig für den gesunden Menschen wäre. Sie muss
also nothwendiger Weise überall, wo die von ihr veranlasste
Befindens- Veränderung nicht einen Theil des Organismus
berührt, der krank, mithin deren bedürftig ist, nur Nach theil
82) Hertz führt einen Ausspruch von Wurzner an (Rust's Magaz. f.
d. ges. Heilk. XXXII. 1. H.), dessen Vertretung wir ihnen selbst über-
lassen müssen, übrigens theilweise auf Wahrheit beruhen dürfte: — ,,Dern,
was in den heiligen Hainen der göttlichen Najaden getrieben wird, liegt rein
und lauter die Sacra auri fames zum Grunde; es wird ein wahres Corsa-
renhandwerk getrieben, und alles Treiben, Schreiben und Speculiren hat
nur die Beutel derer, deren man habhaft werden kann, zur Zielscheibe."
83) Krankheit und Wirkung der (Arznei-) Mittel, beides sind unnatür-
liche Zustände, und die Anwendung eines Arzneimittels ist nichts anders,
als die Erregung einer künstlichen Krankheit, um die Natürliche zu heben.
Das sieht man, wenn ein Gesunder Arznei nimmt; er wird allemal dadurch
mehr oder weniger krank gemacht. Die Anwendung eines Arzneimittels
ist also an und für sich allemal schädlich, und kann bloss dadurch ent-
schuldigt und heilsam gemacht werden, wenn dadurch ein im Körper existi-
render krankhafter Zustand gehoben wird. — — Es ist unendlich besser,
in Krankheiten gar keine Arznei nehmen, als solche, die nicht\uassend ist.
Hufeland, Makrobiotik\ II, 15.
II. Buch. Aphorism 37. 133
bringen, eben weil sie das Gesunde verändert, worin im
Wesentlichen jede Krankheil besteht.84) Man wird daher leicht
begreifen, welch ein Unsinn darin liegt, von irgend einer Arznei,
sie möge sein, welche sie wolle, zu behaupten, dass sie über-
haupt gesund und zuträglich sei, und wie sehr begründet
die Warnung vieler redlichen und erfahrenen Aerzte ist, sich
so viel als immer möglich davor zu hüten.85) Hierin allein
liegt schon ein hinreichender Grund, selbst da, wo ein Heilmittel
erforderlich ist, die Gabe in keinem Falle stärker zu
machen, als eben zur Erreichung des Zweckes hinreicht. Wie
gross oder wie klein aber diese Gaben sein dürfen oder
müssen, das ist eine Frage, welche nur allein durch die.
Erfahrung beantwortet werden kann, und wobei alle theore-
tische Spitzfindigkeit durchaus am unrechten Orte ist.86)
Wir dürfen diese Glosse nicht schliessen, ohne noch einige
wenige Worte über den letzten Aphorism (37) zu sagen. Die
Erfahrung bestätigt ebenfalls die Richtigkeit des Lehrsatzes, dass
bei völlig gesunden Menschen die Abführungsmittel schwie-
rig und daher nur in verstärkten Gaben zum beabsichtigten
Zwecke führen. Aber dieselbe Erfahrung lehrt noch mehr, näm-
lich: dass einmal dieser Ausspruch auf alle antipathisch
wirkenden Mittel auszudehnen ist, und dass andermal die zu
84) Ea eat (veneni) natura, ut hominem occidat, nisi invenerit, quod in
homine perimat. Cum eo solo colluctatur , velut pari intus invento. Sola
haec pugna est, cum venenum in visceribus reperit: mirumque, exitialia per
se ambo cum sint, duo venena in homine commoriuntur, ut homo supersit.
Plinius. XXVII, 2.
85) Es ist meine gewissenhafte Ueberzeugung , das Resultat vieljäh-
riger Beobachtung und ernsten Nachdenkens, dass, wenn es auf der ganzen
Erde weder Arzt noch Chirurgen, keinen Apotheker und nicht ein einziges
Arzneimittel gäbe, es weniger Krankheits- und weniger Sterbefälle geben
würde. Dr. James Johnson.
86^ Optimum est, aliena insania frui.
Plinius. XVIII, 6.
134 IL Buch. Aphorism 38.
Obstruktionen mehr oder weniger geneigten Personen,
wenn solche nicht in fehlerhafter Lebensweise oder Diät ihren
Grund haben, in der Regel sich der besten und dauerhaf-
testen Gesundheit erfreuen. Für diesmal glauben wir es
bei diesen kurzen Andeutungen bewenden lassen zu müssen,
werden aber in der Folge wohl noch Gelegenheit finden, hier-
auf wieder zurückzukommen.
Speisen und Getränke, welche der Kranke wünscht,
wenn sie auch als weniger zuträglich zu erachten sind,
verdienen den Vorzug vor denen , wogegen er eine
Abneigung hegt.
Wir haben uns die Erlaubniss genommen, diesen Aphorism,
freilich ohne den Sinn zu verändern, etwas freier wiederzu-
geben, als der ursprüngliche Text lautet, weil er damit noch
mehr in Uebereinstimmung kommt mit dem, was in dem (hippo-
kratischen) Buche von den krankhaften Zuständen (tzeqI naftwi)
XLII, 1 gesagt ist. Wir wissen zwar wohl, dass diese Schrift
von Mehreren zu den Unächten, oder mindestens zu den Zweifel-
haften gerechnet wird; aber es wird doch allgemein zugegeben,
dass sie vollständig im hippokratischen Geiste geschrieben, und
wahrscheinlich von einem seiner Schüler verfasst ist. Jedenfalls
aber dürfte der Sinn der Richtige sein, und zu einer nicht un-
wichtigen Glosse eine sehr erwünschte Gelegenheit darbieten.
Ohne Zweifel hat jeder Arzt in zahlreichen Fällen die Er-
fahrung gemacht, dass bei vielen Krankheiten unter den Neben-
beschwerden auch Diejenigen vorkommen, welche in einer
Abneigung gegen, oder in einem Verlangen nach dieser oder
jener Speise oder Getränke, so wie in dem Ueb elbekommen
von Solchen, die sonst unschädlich sind, bestehen. Diese Krank-
heits - Symptome, wofür nur in den wenigsten Fällen ein
IL Buch. Aphorism 38. 135
genügender physiologischer Grund aufzufinden ist, und die
Notwendigkeit, auch ihnen gebührende Rechnung zu tragen,
scheint Hippokrates vorzugsweise bei dem vorstehenden Lehr-
satze im Auge gehabt zu haben.87)
Die Homöopathie legt auf alle diese drei verschiedenen
Momente ein grosses Gewicht und bestrebt sich immermehr,
die darüber bereits in bedeutendem Umfange gesammelten Er-
fahrungen zu vermehren. Die oft sehr überraschenden Eigen-
thümlichkeiten, welche dabei vorkommen, sind jederzeit von gros-
sem, oft von unersetzlichem Werthe, namentlich da, wo das
Krankheitsbild übrigens sehr arm ist an absonderlichen und charak-
teristischen Zeichen. Hier trifft es sich nicht selten, dass ein
Zeichen dieser Art hinreicht, um die Wahl, die zwischen mehreren
87) Vom materialistischen Gesichtspunkte aus betrachtet ist dasjenige,
was wir unter dem Ausdrucke: Instinkt verstehen, eine Erscheinung in
der lebendigen Natur, welche zu den absolut Unerklärlichen gehört. Wenn
man auch Alles bezweifeln und leugnen will, was man über Heil- und
Schutz-Mittel von glaubwürdigen Männern versichern hört, welche von ver-
schiedenen Thieren augewendet werden sollen: so bleibt doch fast Allen
von diesen unleugbar die Fähigkeit, unter ihren Genüssen eine gewisse
Auswahl zu treffen , wie sie die Zuträglichkeit für jede individuelle Thier-
art bedingt. Am Auffallendsten ist dies bei den pflanzenfressenden Thieren,
welche dabei nicht nur sehr wählerisch sind, sondern von denen auch jede
besondere Gattung, ohne sich zu irren, unter Tausenden von Gewächsen
Diejenigen erkennt, die ihr nutzen oder schaden. Wir erinnern z. B. bloss
an die Eaupen. Nicht minder merkwürdig ist dabei noch, dass eben dieser
Instinkt bei solchen Thieren am entschiedensten und untrüglichsten sich
geltend macht, je mehr sie im ursprünglichen Naturzustande leben, während
gezähmte Thiere (wie unsere Hausthiere) um so leichter dabei ein Versehen
machen, je höher sie veredelt und ihrer Natur entfremdet sind. Am merk-
würdigsten von Allem möchte aber das sein, dass sich diese, gleichsam
intellektuellen Fähigkeiten eben so, wie manche Fehler, auf die Nachkom-
menschaft fortpflanzen. Darin liegt am Auffallendsten der Unterschied zwi-
schen organisch-lebenden und unorganisch-todten Wesen, bei deren Letztern
jede Gattungsfortpflanzung, nebst ihrem Instinkte, wegfällt, weil das höhere
Geistige fehlt, welches allein ihren Rang in der Reihe des Erschaffenen
über die blosse Materie zu erheben im Stande ist. Wenn irgendwo, so
erkennt man hier deutlich das Siegel des göttlichen Schöpfers.
J36 n- Buch- Aphorism 38.
Mitteln schwankte, zu bestimmen, und es ist ein äusserst
seltener Fall, dass dadurch ein erheblicher Missgriff herbeige-
führt wird. Wir kennen die Mittel, die angezeigt sind, wenn
unter Anderem ein entschiedener Widerwillen gegen einige
Genüsse vorkommt, die sonst nichts Schädliches an sich haben,
wie z. B. gegen hartgesottene Eier (Bry.), Schaaf fleisch
(Calc), Sauerkraut (Hell.), Käse (Oleand.), Hering (Phosph.),
Rindfleisch (Merc), und dergl. mehr, und nehmen dies jeder-
zeit, wo es vorhanden ist, als eine wohl zu beachtende Indi-
kation für das betreffende Mittel an. Eben so verhält es sich
mit den Dingen, wonach der Kranke ein entschiedenes Verlan-
gen äussert, wie z. B. nach Austern (Lach.), nach Geräu-
chertem (Caust.), nach Honig (Sabad.), nach Käse (Ignat.),
nach trocknen Semmeln (Aur.), und vielen Andern, wofür
es mehr oder weniger dafür angezeigte Mittel giebt. Auch dies
wird von uns sorgfältig berücksichtigt, und erlangt dann eine
noch grössere Wichtigkeit, wenn, wie z. B. bei Süssem oder
Saurem, bei Kaltem oder Warmem u. s. w. solche Abnei-
gungen und Verlangen sich nach beiden Seiten hin aus-
sprechen. 88)
Von nicht minderer Erheblichkeit sind unsere Erfahrungen
über die Genüsse in Speisen und Getränken, in so fern sie,
ohne eben zu den an sich Schädlichen und daher Verbo-
tenen zu gehören, von einigen Patienten nicht gut vertra-
gen werden. Die Zahl dieser, durch die Arznei-Prüfungen am
Gesunden und durch Beobachtungen am Krankenbette ermittelten
Zeichen ist noch weit grösser, als die der beiden Vorherer-
wähnten, und kommen daher noch öfterer zur Anwendung. Aber
auch hier treffen wir wieder auf manches Eigenthüm liehe,
88) Nach einer früheren Erfahrung Hahnemann's (Anm. im I. Bande
S. 266. in dessen Cullens Materia medica) ist der ausschliessliche Genuss
von reifem Obste äusserst nützlich, um nach einem Aerger dem Gallen-
fieber vorzubeugen. (Vergl. damit a. a. O. dessen Anm. auf S. 269.)
II. Buch. Aphorism 38. 137
was jeder chemisch-physiologischen Erklärung spottet.89)
Dahin gehören, um nur einige Beispiele zu geben, die Nachtheile
von Buttermilch (Puls.), von Erdbeeren (Sep.), von Gur-
ken (Ac. sulph.), von Eier- und Schweinefleisch-Geruch
(Colch.), von K äffe eg er uch (weit mehr als von Kaffeetrank)
(Ac. sulph.), von Honig (Natr. carb.) , von Heringen, Pfir-
sichen und Melonen (Ac. fluor.), von Limonade (Selen.),
und viele Andere dergleichen.90). Eben so gewinnt auch hier,
wie früher angedeutet, eine solche Anzeige an Wichtigkeit
und Zuverlässigkeit, wenn dieser Nachtheil mit der Ab-
neigung gegen eine und dieselbe Speise oder Getränk zu-
sammentrifft.
Die Allopathie entbehrt durch die fast völlige Unken nt-
niss dieser speziellen Zeichen eins der wichtigsten Prü-
fungsmittel hinsichtlich der getroffenen Arznei-Wahl, wofür
nichts Anderes in ihrer Doktrin auch nur den mindesten Ersatz
bietet. Aber auch ausserdem stehen manche Aerzte dieser
Schule in Bezug auf diesen Aphorism mit dem erfahrungsreichen
Hippokrates im offenen Widerspruche, und zwar in zwei-
facher Weise. Die Einen nämlich verordnen ihren Kranken
nicht nur die widerwärtigsten Arzneien,91) sondern daneben
89) Wenn man chemische Wirkungen den Dynamischen als Gegen-
sätze einander gegenüber stellt.: so lässt sich nicht füglich begreifen, was
man unter den Chemisch-Dynamischen verstehen soll, — einem Aus-
drucke, dem man heutiges Tages oft begegnet.
90) Auffallend und wohl der Nachprüfung werth ist die Angabe des
Celsus (V, 27), wonach giftige Schwämme alle gefährlichen Eigenschaf-
ten verlieren sollen, wenn sie entweder mit Oel oder mit einem Reise
von einem Birnbäume gekocht werden.
Es wäre leicht zu versuchen, ob Plinius (XXIV, 1) Recht hat, wenn
er sagt: „Vermittelst des Linden-Bastes (Phylira) und des feinen Mehls
entsalzen die Köche die Speisen, so wie sie durch Salz die ekelhafte Süs-
sigkeit derselben vermindern."
91) Wenn die Homöopathiker wirklich das Geheimniss besässen, stark-
wirkende Mittel dem Geschmacksinn der Patienten und der Wahrnehmung
der Umgebung zu verbergen, so wäre schon dieses Kunststückchen viel
138 IL Buch- Aphorism 38.
auch, mit Vor enthaltung alles dessen, was sie oft so dringend
wünschen, Speisen und Getränke, vor denen sie einen wahren
Abscheu haben. Die Andern gehen zu dem entgegenge-
setzten Extreme über und erlauben (aus Gefälligkeit?) ihren
Patienten Allerlei, ja selbst Arzneiliches, was, wenn es auch
keinen unmittelbaren Schaden thut. mindestens doch die Wir-
kung der gereichten Arznei stören und beeinträchtigen
muss. Jene lassen z. B. den, für Viele so widerwärtigen Le-
berthran herunterwürgen, und verordnen sofort eine Wieder-
holung der Dosis, wenn die Erste ausgebrochen wird; Diese
gestatten nicht nur gewürzte Co n dito rei-Lecker bissen, son-
dern selbst den Beigebrauch von allerlei arzneilichen Tropfen,
Theeaufgüssen, Räucherungen u. dergl. Zu solchen Ex-
tremen kann natürlich nur Derjenige verleitet werden, dem es
an der nöthigen Einsicht in die unwandelbaren Gesetze der
Natur mangelt und noch zu wenig Erfahrung besitzt, um die
Nachtheile eines derartig willkürlichen und unverständigen Ver-
fahrens in seinem vollen Umfange zu erkennen. Daher sehen
wir auch, wie fast alle in der Praxis ergrauten Aerzte am
Ende ihrer dornenvollen Laufbahn nicht nur immer wenigere
und schwächere Arzneien verordnen, sondern stets bemüht
sind, sich sorgfältig in gemessener Entfernung von jenen beiden
Extremen zu halten, wovon das Eine so schlimm ist, als das
Andere.92)
werth für manchen AUopathiker , dessen schlechte Gerichte der Kranke
oft gar nicht hinunterschlucken kann, und sie würden gern diesen frommen
Betrug anborgen. Aber wir gestehen es offenherzig, solche Hexenmeister
sind wir nicht. Eummel, A. Hom. Z. V, 11.
92) Si tibi deficiant Medici, Mcdici tibi flaut
Haec tria: mens hilaris, requies moderata, diaeta!
Die Geschichte (der Verirrungen in) der Medizin hat uns aus der
Periode der chemiatrischen Schule (17. Jahrhundert) Kegel zur Verlange-
II. Buch. Aphorism 39. 139
39. Aeltere Leute sind gewöhnlich wenigeren Krankheiten
unterworfen, als Jüngere-, wenn sie aber von einer
langwierigen Krankheit befallen werden, so dauert
Solche bis an das Ende ihres Lebens.
Sowohl Grimm, als andere Uebersetzer haben hier in
Bezug auf den letzten Theil dieses Aphorisms offenbar den eigent-
lichen Sinn verfehlt, indem der Ausdruck: %vva%o&vr\6Knv keines-
wegs daran- sondern vielmehr damit-sterben bedeutet.
Hippokrates hat ohne Zweifel hier ein Paar der auffallendsten
Verschiedenheiten zwischen akuten und chronischen
Krankheiten aufstellen wollen, wie Solche in der damaligen, aber
auch noch heule in unserer Erfahrung gefunden werden. Er
sagt nämlich, dass das jugendliche Alter zahlreicheren und
öfteren (akuten) Krankheiten unterworfen sei , als das spätere
männliche und Greisen-Alt er, ein Ausspruch, wogegen in
der Wirklichkeit wohl nichts einzuwenden sein dürfte, indem die
Erfahrungen und namentlich die Kranken- und Sterbe-Listen ganz
damit übereinstimmen. Diese häufigeren Erkrankungen der
Jugend betreffen aber grösstentheils nur akute Krankheiten,
im Gegensätze zu welchen Hippokrates in diesem Lehrsatze
die Chronischen als solche bezeichnet, die niemals (von der
Natur allein) geheilt werden, sondern den damit Behafteten bis
zum letzten Athemzuge begleiten. Dieser, in solcher
Weise scharf ausgeprägte Gegensatz und Unterschied zwi-
schen den akuten und chronischen Krankheiten war mithin
bereits dem Altvater der Medizin sehr wohl bekannt, und wenn
er sie hier für unheilbar erklärt, so spricht er nur die kon-
stante Erfahrung früherer und späterer Zeiten aus, bis unser
rung des Lebens (von Bontekoe) aufbewahrt, welche diese Schule charak-
terisirt. Sie lauten: „Rauche unaufhörlich Tabak (um den Kreislauf des
Bluts zu befördern), trinke beständig Thee (um dieses zu verdünnen), oder
im Nothfalle Kaffee, und bediene dich des Opiums, so oft dir etwas fehlt!''
140 H- Buch- Aphorism 39.
Hahnemann den Weg zur Heilung derselben, ebenfalls vermöge
des Naturgesetzes: Similia similibus, entdeckte und lehrte, und
uns dadurch in den Stand setzte, auch in solchen bisher hoff-
nungslosen Leiden Hülfe und Rettung, oder wenigstens Lin-
derung zu bringen.93) Welche Studien und Beobachtun-
gen dazu erforderlich waren, können wir im ersten Bande seines
unschätzbaren Werkes „über die chronischen Krankheiten"
lesen, aber ebenso aus der Geschichte der Homöopathie lernen,
wie man, obgleich vergeblich, bemüht gewesen ist, diese uner-
messliche Wohlthat für die leidende Menschheit zu bemäkeln
und zu verkleinern, indem selbst einige Anhänger und
Ausbeuter seiner Lehre ihren Witz angestrengt haben, um das
alte Sprüchwort auch unter uns wieder wahr zu machen: men-
dicus mendicum non magis odit, quam medicus me-
dicum!"94) Diese benutzen zwar fortwährend die Entdeckun-
gen unseres Hahnemann, und würden dabei noch glänzendere
Erfolge erzielen, wenn sie sich in Hinsicht der Kleinheit der
Gaben und des ungestörten Wirkenlassens derselben, wie
es bei chronischen Krankheiten am unerlässlichsten ist,
noch strenger an diese Lehren hielten. Aber sie greifen ihn
von einer Seite an, die mit der Praxis im Wesentlichen wenig
zu thun hat, und wo, wie sie glauben, ihre Meinung eben so
viel gilt, als die des Meisters, und gehen in ihrer Blödsichtig-
93) Ehe eine Generation ausstirbt, werden wir uns alle um Hahnemann
schaaren und uns, mit Ausnahme einiger Dissidenten , über die doppelt
reformatorische Grundlage der therapeutischen Lehre Hahnemanns verstän-
digt haben. t Prof. Dr. Imbert-Gownbeyce.
94) Personne jusqu'ici n'a essaye de prouver que la theorie de la psore
repugne k la raison ou h l'experience. Or, quelque nombreuses que puis-
sent etre les antipathies soulevees contre l'etiologie des maladies chroniques,
teile que Hahnemann l'a enseignee, il n'a rieu a redouter de ses adversaires,
tant qu'ils n'auront pas eleve un edifice plus solide et plus regulier au
lieu et place de l'edifice qu'ils veulent detruire.
Leon Simon, exposition p. 325.
II Buch. Aphorism 40. 141
keit so weit, dass sie, wie bei den berüchtigten Krätz-
Milben, das Produkt mit der Ursache verwechseln.95) Es
ist in der That Schade, dass diese tiefsinnigen Naturforscher mit
der Phthiriasis96) nicht eben so leicht fertig werden können,
als mit der Milben- Scabies. 9r) — Aber genug, vielleicht
schon zu viel Worte über einen Gegenstand, zu dessen genügender
Erörterung hier der passende Ort nicht sein kann!
40. Heiserkeit und Schnupfen kommen bei Greisen nicht
zur Kochung'.
Wie in jüngeren Jahren, wo sich die Lebenskraft noch
ihrer vollen Energie erfreut, die akuten, entzündlichen
Krankheiten durch Ueberthätigkeit derselben oft eine gefahr-
drohende Höhe erreichen: so tritt im höheren Alter, eben we-
gen der mehr abgeschwächten Lebenskraft, gerade das Ge gen-
theil ein. In Jenen kommt daher ein massiges Katarrhal-
Fieber mit Schnupfen und Heiserkeit, auch ohne alle Arznei,
meistens sehr bald zur Kochung , und damit zur Entscheidung
und Beendigung, und wenn dabei arzneilich eingeschritten werden
muss: so verlangt dies in der Regel nur die allzu heftige
Thätigkeit der Lebenskraft, die manchmal entzündliche
95) Die Entdeckung der Krätz-Milbe gehört nicht der neueren Zeit an,
Schon vor 650 Jahren erwähnte ihrer nicht nur der arabische Arzt Aben-
zohr, sondern selbst der gemeine Mann kannte sie unter dem Namen: „Sy-
rones". Auch Fabricius, in seiner Fauna groenlandia, rühmt die Geschick-
lichkeit der dortigen Einwohner, dieses Thierchen mit der Nadelspitze auf-
zusuchen und zu entfernen.
96) Genus quoque vitii est, qui inter pilos palpebrarum pediculi nas-
cuntur: y&siQiciGiv Graeci nominant. Quod cum ex malo corporis habitu
fiat, raro non ultra procedit. Celsus VI, 6. 15.
97) Die Ritter von der Krätz-Milbe sind uns bis jetzt noch den Be-
weis schuldig geblieben, dass dieses Thier schon vor dem Ausbruche der
Krätzbläscheu. ja selbst nur ganz zu Anfange derselben vorhanden sei.
142 H. Buch. Aphorism 40.
Fieber mit ihrem bösen Anbange zu Wege bringt. Im höheren
und höchsten Lebensalter tritt der entgegengesetzte Fall
ein. Eben wegen der verminderten Lebensthätigkeit ist die Reak-
tion schwach und oft ungenügend und die Kochung, welche
die Entscheidung herbeiführen muss, verzögert sich. Man würde
deshalb einen grossen Fehler begehen, wenn man hier aus dem
Grunde, weil vom Fieber wenig zu spüren ist, den unthätigen
Zuschauer abgeben, und wo es die Noth oder Zweckmässigkeit
erfordert, die Reaktion der Lebensthätigkeit in ihrem Schlum-
mer verharren lassen wollte. Wir sehen es häufig, dass bejahrte
Personen , die sich fortwährend einer befriedigenden Gesundheit
zu erfreuen hatten, plötzlich nach einer einfachen, oft uner-
heblichen Erkältung erkranken und von Tage zu Tage
elender werden, weil der ursprüngliche Katarrh nicht zur Reife
und Entscheidung kommen will und die Kräfte dabei immer mehr
abnehmen.98) Die Salmiak- und ähnliche Mittel genügen
da nicht; aber die den begleitenden Zeichen vollständig ent-
sprechenden homöopathischen Arzneien, besonders wenn
sie gleich zu Anfange gereicht werden, beseitigen jedes Mal in
wenigen Tagen alle Gefahr und alle Beschwerden, weil sie der
Lebenskraft zu Hülfe kommen, die Reaktion zur erforder-
lichen Stärke bringen, und so die Entscheidung beschleu-
nigen. Unter diesen Fällen kommen auch fast einzig und allein
diejenigen vor, wo man mit Vortheil die Gaben wiederholen
darf, bis die Wirkung deutlich erkennbar wird, was unter den
meisten andern Umständen die Heilung nur verzögern würde.
Aus demselben Grunde ist auch das sogenannte antiphlogi-
stische Verfahren der Allopathie niemals übler angebracht
und so häufig verderblich, als eben hier.99).
98) A Fan soixante et douxe
Temps est que l'on se houze.
Altfranzösisches Sprüchwort,
yyj Statt vieler andern Beispiele lese man in Dr, W. Stens „die
II. Buch. Aphorism 41. 143
41. Diejenigen, Avelche ohne sichtbare Veranlassung öftere
und starke Anfälle von Ohnmacht bekommen, sterben
meistens unerwartet.
Man darf es bei der niederen Stufe, worauf zu den Zeiten
des Hippokrates die Anatomie stand, diesem nicht zum Vorwurfe
anrechnen, dass er nicht wusste, wie dergleichen Ohnmächten,
wovon hier die Rede ist, meistens von organischen Fehlern
des Herzens oder der grossen Blutgefässe in der Nähe
desselben abhängig sind. Wohl aber mag hier in Erinnerung
gebracht werden, dass durch Anwendung von heftigen antipa-
thischen Mitteln, besonders gegen das oft vorkommende Herz-
klopfen, solche Fehler, sowohl Aneurismen als Verknö-
cherungen, häufig veranlasst, oder doch mindestens sehr be-
fördert werden. Am öftersten haben wir Solche nach dem
anhaltenden Gebrauche der heutiges Tages bei jedem Herzklopfen,
e ben ihrer bald eintretenden antipathischenErst-Wirkung
wegen so täuschend - verführerischen und daher so beliebten
Digitalis purpurea gesehen, deren Gaben oft alles Maass
übersteigen.100) Es ist daher wohl nicht überflüssig, dem an-
gehenden, in seinem Rufe noch nicht befestigten Homöopathen
den schon vor 27 Jahren (in des Herausgebers Repertorium der
antipsorischen Arzneien, 2. Aufl. S. XXXV) gegebenen Rath zu
wiederholen, die Behandlung dieser Art von Patienten, „die es
auch mal mit der Homöopathie versuchen wollen", abzulehnen
Therapie unserer Zeit" (im 4, Briefe) den Tod des Obermedizinalrathes
Dr. Grossi zu München. Man zapfte dem Unglücklichen 99 Unzen Blut
ab, die Massen Blutegel ungerechnet, bis er an Blutmangel starb. Die
Sektion zeigte die Lunge vollkommen gesund. Die berühmtesten Allopa-
then hatten eine Lungenentzündung diagnostizirt.
100) Wenn beim Gebrauche der Digitalis purpurea der langsame Puls
eben so lange anhält , als die Uebelkeit und die Vermehrung des Harns :
so scheinen doch wohl diese Alle zu der Erst-, .nicht zu der Nach-Wirkung
zu gehören.
144 *!• Buch. Aphorisni 42.
und auf eine nicht verletzende Weise an ihren früheren Arzt
zurück zu verweisen. Selten oder nie ist mit Diesen Ehre
einzulegen , sondern im Gegentheile zeigt meistens der Erfolg,
dass auch die scheinbar passendsten Mittel des organischen
Fehlers wegen ohne Erfolg bleiben und der nicht unwahr-
scheinliche plötzliche Tod dann nur Ihm und der Homöo-
pathie aufgebürdet wird. — Die Ohnmächten nach Säfte-
verlusten, körperlichen Verletzungen, sowie die der
Hysterischen und Sonstige der Art gehören nicht hierher,
weil die Veranlassungen bekannt sind und wohl nie für sich
einen plötzlichen Tod herbeiführen.
42. Die Heilung eines heftigen Schlaganfalls ist unmög-
lich, die eines Gelinden nicht leicht.
Die heftigeren Schlaganfälle sind meistens in kurzer
Zeit tödtlich, und der Patient ist oft schon verschieden, wenn der
herbeigerufene Arzt erscheint. Hier ist also für diesen Nichts
mehr zu machen. Lebt der Kranke indessen noch, so wird
natürlich die Rettung zu versuchen sein, aber der erfahrene
Homöopath wird sich dabei wohl hüten, zur Ader zu lassen,
und namentlich dann, wenn die Pupillen des Patienten beim
Oeffnen der Augenlider sich sehr verengert zeigen.1) Dagegen
wird er schleunigst in homöopathischer Dosis Opium reichen,
wenn der Puls langsam und voll schlägt und das Gesicht
sehr geröthet ist, oder Lach., wenn der Puls schwach und
klein, und das Gesicht bläulich blass ist. Die sonstigen
1) Depuis notre abandon des vieilles doctrines, nous avions toujoura
espere que la seignee serait un jour consideree par la loi civile, comme une
tentative d'asassinat, et punie en cousequense.
Dr. Taxil, l'homoion. I, .11. 246.
II. Buch. Aphorism 43. 145
hiernach zur Anwendung kommenden Mittel müssen nach den
anamnestischen oder vorhandenen Zeichen gewählt werden ;
was wir hier aber übergehen müssen.
Die gelinderen Schlaganfälle können ebenfalls nicht nach
einem und demselben Leisten behandelt werden. Aber auch hier
ist der Ad erlas s, und vielleicht noch mehr, als beim Vorigen,
am unrechten Orte, weil gewöhnlich eine, oft halbseitige
Lähmung zurückbleibt, welche nach einer Blutentziehung,
besonders am gelähmten Theile, jederzeit viel schwieriger und
zuweilen unmöglich zu heilen ist. Meistens wird in diesen Fällen
wegen eines sehr gereizten Pulses zuerst Acon. gegeben
werden müssen; sonst Op. oder Lach., je nach den oben ange-
führten Anzeigen. Die Lähmungen, die erst nach der Rück-
kehr der Besinnung wahrzunehmen sind, weichen in den meisten
Fällen und oft in kurzer Zeit der Anwendung von Cocc. (nicht
Coleb., wie ein allopathischer Freibeuter irrthümlich
abgeschrieben hat), oder von Arn., ebenfalls je nach den
Zeichen; obgleich auch hier noch mehrere andere Mittel kon-
kurriren.
Von grosser Wichtigkeit ist die prophylaktische Be-
handlung derjenigen Personen, deren Habitus apoplecticus, be-
sonders bei Zeitumständen, wo solche Zufälle häufiger eintreten,
einen Schlag befürchten lässt. Aber meistens fühlen sich diese
so wohl, dass sie davon Nichts hören, noch weniger sich der
dabei unerlässlichen Diät unterziehen wollen; wobei dann der
Arzt sie ihrem Schicksale überlassen muss.
43. Erhängte oder Ertrunkene, die noch nicht ganz todt
sind, kommen nicht wieder zu sich, wenn ihnen Schaum
vor dem Munde steht.
10
J4ß H- Buch. Aphorism 44. 45.
Wir bekennen gern, in dieser Beziehung keine nennens-
vverthen Erfahrungen gemacht zu haben. Bei zweien Fällen
dieser Art, wo Schaum vor dem Munde stand, waren alle Wieder-
belebungsversuche vergeblich. Andere wollen günstigere Erfolge
gesehen haben, selbst bei den bezeichneten hoffnungslosen Um-
ständen.
44. Von Natur fette Leute sind mehr als Magere einem
plötzlichen Tode ausgesetzt.
Eine von Celsus (II, 1) ebenfalls angeführte und auch heute
noch sich oft bestätigende Erfahrung, die in der That der Natur
der Sache entspricht und den Beweis liefert, dass man sich
wohl hüten muss, Wohlbeleibtheit mit Gesundheit zu
verwechseln. Nicht nur bei akuten Krankheiten sind fette
Menschen unter sonst gleichen Umständen einer grösseren Gefahr
ausgesetzt, als Magere, sondern auch in chronischen Leiden
ist die Energie der Lebenskraft bei Jenen viel schwächer,
als bei Diesen, so dass die Entscheidung und Heilung viel längere
Zeit erfordert.
45. Zunahme des Alters, und Veränderungen des Wohn-
orts und der Lebensweise befreien unerwachsene Fall-
süchtige am Leichtesten von ihrer Krankheit.
Was hier von Fallsüchtigen2) gesagt und durch die
Erfahrung bestätigt ist, das gilt auch heute noch, wie damals,
2) Die schnelle Beschwichtigung der Fallsucht-Anfälle durch Bedeckung
des Gesichts mit einem schwarz seidenen Tuche, die in neuerer Zeit
entdeckt und vielfach erprobt ist, erinnert au das alte, in des Hippokra-
tes Schrift von der „heiligen Krankheit" erwähnte Verbot für Fallsüchtige,
schwarze Kleidung zu tragen.
II. Buch. Aphorism 45. 14.7
und erstreckt sich gleichfalls über einige andere Krankheiten,
wie z. ß. einige Arten von Wechselfiebern, Keuchhusten
u. a., wobei die Allopathie oft rath- und hülflos dasteht, und
welche deshalb von ihren eigenen Anhängern mit dem Namen :
scandala m e d i c o r u m bezeichnet werden. 3) Bei den Homöo-
pathen steht die Fallsucht überhaupt nicht mehr unter der
Zahl der unheilbaren, wenn gleich oft schwer zu heilenden
Krankheiten, und dies Letzte betrifft vorzugsweise nur diejenigen
Fälle, wo das Uebel lange gedauert hat, vielerlei bereits
angewendet und Mangel an den nöthigen charakteristischen
Nebensymptomen vorhanden ist. Uebrigens wird jeder Ho-
möopath vermittelst seiner Journale eine ansehnliche Menge von
dauerhaft geheilten Fallsüchtigen nachweisen können, selbst von
Solchen, welche erst im mannbaren Alter davon befallen
und deshalb um desto Unheilbarer erachtet wurden. Darin
eben hegt ein Hauptvortheil der Homöopathie, dass sie that-
sächlich Krankheiten heilt, von denen das eigentliche Wesen
unbekannt ist und wohl unbekannt bleiben wird, indem sie#
sich damit begnügt, das sorgfältig in ihrer ganzen sichtba-
ren Figenthümlichk eit ermittelte Krankheitsbild in den
sichtbaren Wirkungen der eben so sorgfältig geprüften
Arzneien aufzusuchen.4) Daher ist auch ihre Fähigkeit, alle
Krankheiten zu heilen, die es giebt oder noch geben kann, nur
in so weit beschränkt, als es Deren geben kann und giebt,
3) Der noch heute nicht ganz ausser Gebrauch gekommene Genuss
des frischen, noch warmen Blutes gegen Fallsucht reicht bis ins Altertimm
hinauf. So lesen wir beim Plinius (XXVIII, 2): „Sanguinem quoque gla-
diatorum bibunt, ut viventibus po'culis, comitiales morbi: quod spectare
faeientes in eadem arena feras quoque horror est."
4) Was mag doch in dem Kopf- Fleische, besonders in dem der
Schweine, für eine Substanz enthalten sein, welche erfahrungsmässig so
leicht die Wiederkehr der anscheinend geheilten Fallsucht verursacht? —
Die Lösung dieser Frage dürfte einen würdigen Gegenstand der Unter-
suchung für Chemiker und Physiologen darbieten.
148 II- Buch. Aphovism 46.-
wofi'ir das homöopathisch angezeigte, ähnlich wirkende
Heilmittel noch nicht gefunden ist.5)
46. Von zwei Schmerzen, welche gleichzeitig, aber an ver-
schiedenen Stellen vorhanden sind, verdunkelt der
Stärkere den Schwächeren.
Zur Erläuterung dieses Aphorisms führt Galen in seinem
Kommentar dazu einige, der Erfahrung entnommene Thatsachen
an , die hier einer Erwähnung werth sein dürften , weil sie mit
den Lehrsätzen der Homöopathie im Einklänge stehen. Zuerst
sagt er nämlich, dass niemals an einer und der s elben Stelle
des menschlichen Körpers zweierlei Schmerzen zugleich
bestehen können. Dies wäre nur an zwei verschiedenen
Stellen möglich, wo dann aber die im vorstehenden Aphorism
bezeichnete Verdunklung des Schwächeren einträte. Etwas Aehn-
liches — fährt er dann weiter fort — geschieht, wenn das
Gemüth in zwiefacher Weise von An gst oder Betrübniss
ergriffen wird. Da wird eben so die Stärkere die Schwächere
mildern oder verhüllen, es sei denn, dass Beide durch
einen und denselben Umstand erregt wären. Wer findet
nicht im § 26. des Organons, und namentlich in der dazu ge-
hörigen Anmerkung eine deutliche Beminiszenz dieser fichtigen
Beobachtung, deren weitere Ausbildung und Anwendung zum
Heile der Menschheit allerdings nur unserm Hahnemann gehört?
— Wer erkennt in dem Schlüsse nicht den grossen Unterschied
5) Linne schreibt die in Schweden so häufig vorkommenden Epilep-
sien der Sitte der dortigen Bauern zu, ihren Kindern die Grindköpfe mit
kaltem Wasser zu waschen. Schenk liefert dazu Bestätigungen (in seinen
Observ. med. I, de cute cap.), und Marlard, Floyer, Home u. A. thun das-
selbe, gegenüber Buchan, Currie u. A., so dass Vortheil oder Nachtheil nur
nach den individuellen Anzeigen zu ennessen sein dürfte.
II. Buch. Aphorism 47. 149
zwischen gleich und ähnlich, (aeqüale und simile), welche so
oft mit einander verwechselt und angewendet werden , um —
Unsinn zu sprechen.
47. Während der Bildung des Eiters stellen sich hefti-
gere Fieber und Schmerzen ein, als nachdem er er-
zeugt ist.
Sowohl der Erfahrung, als dem natürlichen Hergange des
Eiterbildungs-Prozesses entspricht dieser Lehrsatz aufs Vollstän-
digste. Die Entzündung, welche diesen Prozess einleitet,
aber oft durch eine übermässige Heft igk ei t eher verzögert,
als befördert, ist nie ohne Fieber, woran mehr oder weniger
der ganze Organismus Theil nimmt. Um die Eiterbildung zu
beschleunigen, besitzt die Homöopathie sehr wirksame Mittel,
welche sämmtlich die Kraft besitzen, diese Fieber zu massi-
gen und schneller zur Entscheidung zu bringen. Wenn nun,
wie nicht zu leugnen ist, der ganze Organismus dabei in Mit-
leidenschaft gezogen wird: so begreift sich leicht, wie wir diese
Sache niemals als etwas Oertliches ansehen, und die Wahl
des jedesmal anzuwendenden Mittels so genau, wie möglich,
nicht bloss der Geschwür stelle und den daran vorhande-
nen Zeichen, sondern auch allen das Fieber charakteri sirenden
Eigentümlichkeiten anzupassen suchen.6) Wir betrachten
dieses Verfahren um so mehr als ein wahrhaft Rationelles,
als sowohl die von selbst entstandenen , als die durch äussere
6) Rust hat in seiner Helkologie (n. Aufl. 1842) darauf aufmerksam
gemacht, dass nicht nur die meisten Geschwüre bloss Symptome innerlicher
Krankheiten sind und dass die unvorsichtige Heilung derselben durch ört-
liche Mittel, selbst bei scheinbar vollkommenster Gesundheit des Organis-
mus , die gefährlichsten Folgen haben kann , sondern dass auch sehr viele
andere, gewöhnlich " für örtlich gehaltene Krankheitsformen nur als Reflex
allgemeiner Anomalien des Organismus, wohl auch als anomale Ausschei-
dung«- und Ablagerungsmittel angesehen werden müssen.
150 II. Buch. Aphorism 48.
Veranlassung verursachten Geschwüre, wenn sie irgend er-
heblich sind, jederzeit auf einer dyskrasischen Basis beruhen,
die der Heilung eben so bedürftig ist, als das vorhandene
Geschwür. — Im Verlaufe dieser Glossen werden wir noch
Gelegenheit haben, den Nachtheil und die Gefährlichkeit
der bloss örtlichen Behandlung der Geschwüre, so wie der
Hautübel überhaupt zu besprechen.7)
48. Sobald bei irgend einer Anstrengung des Körpers
Ermüdung und Schmerzen eintreten, so ist Ausruhen
das Mittel, um Solche sofort zu heben.
Wenn einige Kommentatoren diesen Aphorism den diäte-
tischen Lehrsätzen beizufügen wünschen, so sehen Andere da-
rin einen neuen und schlagenden Beleg zu ihrem beliebten:
Contraria contrariis, und citiren dazu abermals den Aus-
spruch des Hippokrates in seinem Buche über die Blähungen
(tzeqi yvacöv) , wovon bereits beim Aph. II, 22 die Bede war.
Wir glauben, ohne indessen jenen Gelehrten zu nahe treten zu
wollen, in unserer Glosse diesen Lehrsatz noch von einer an-
dern Seite bedachten und beleuchten zu dürfen.
Zuvörderst sagt Galenus in seinem Kommentar zu diesem
Aphorism, dass der von Hippokrates gebrauchte Ausdruck, wel-
chen wir mit Anstrengung wohl richtiger, als Andere mit Be-
wegung, übersetzt haben, sowohl Schmerzen, als Ermüdung
erregen könne, und daher beiderlei Bedeutungen in dem Sinne
dieses Lehrsatzes begriffen seien. Auch die lateinische Ueber-
setzung des gelehrten Almeloveen spricht dies deutlich aus,
und wird von dem französischen Kommentator Leveille wört-
7) Nunquam nimis dicitur, quod nunquam satis dicitur.
Seneca.
II. Buch. Aphorism 48. 151
lieh übernommen. Wenn daher unsere Uebersetzung von der des
berühmten Grimm und anderer Neueren (Pittschaft, Brandeis
u. A.) einigermaassen abweicht, so glauben wir dabei gültige
Autoritäten auf unserer Seite stehen zu haben.
Nicht allein die Schmerzen, sondern selbst auch die
Ermüdungen von körperlicher Anstrengung sind aber, wie
Jedermann aus Erfahrung weiss, bei Weitem nicht Alle von der
Art, dass sie sofort durch Ruhe zu heben sind. Bei einer
geringen, den ganzen Körper oder einige Glieder nur massig
angreifenden Bewegung mag das der Fall sein; wer aber z. B.
einen langen, mühsamen Fussgang zurückgelegt hat, der wird
allerdings nach Ruhe verlangen, aber die grosse Ermüdung
ist dadurch hei Weitein noch nicht sogleich gehoben. Viel-
mehr fühlt er die Müdigkeit erst recht bei und nach dieser
Ruhe, und es tritt in den ermüdeten Beinen bald eine schmerz-
hafte Steifigkeit und ein unbehagliches Strammen ein, die
oft am zweiten und dritten Tage, ungeachtet allen Ausruhens,
noch schlimmer sind, als am Abende der Fussreise selbst.
Es giebt selbst Fälle , wo der Appetit davon vergeht und der
erquickende Schlaf verscheucht wird, so dass, wie man es zu
nennen pflegt, der Mensch vor Müdigkeit weder essen noch
schlafen kann.8)
Das hier eben Erwähnte gilt nur von einer lange anhal-
tenden, wenngleich keineswegs übergrossen Anstren-
gung. Wo diese Letztere aber vorhergegangen ist, da stellt
sich die Sache noch weit entschiedener in Widerspruch
mit diesem Aphorism. Hier sind nämlich die Fälle gar nicht
selten, wo eben die körperliche Buhe die Schmerzen in den
ermüdeten Gliedern bis zum Unerträglichen steigert, wo nur
8) Neque ex nimio labore subitum ocium , neque ex nimio ocio su-
bitus labor sine gravi noxa est. Celsus I, 3.
152 u- Buch. Aphorism 48.
gelinde Bewegung Linderung verschafft, und wo dieser
Zustand oft mehrere Tage fortdauert.
In allen diesen Fällen thut, wie die Erfahrung lehrt, die
Ruhe an und für sich nicht mehr, als was dem Laufe der Natur
gemäss allmählig von selbst erfolgen muss, ist daher keineswegs
als ein heilendes Contrarium anzusehen. 9) Wenn hingegen
dabei diejenigen homöopathischen Heilmittel in Anwendung ge-
zogen werden, welche bei ihren Prüflingen am Gesunden ähn-
liche Ermüdungs- und Anstrengungs-Schmerzen erregt haben,
wie z. B. im ersten Falle die Arnica montana, und im Zwei-
ten die Rh us Toxicodendron: so wird die Herstellung
und völlige Erholung in viel, sehr viel kürzerer Zeit erfolgen
als bei der blossen Ruhe. Man sieht also, das auch in diesem
hippokratischen Beispiele, welches mit so lebhaftem Eifer von der
Allopathie benutzt ist, um ihren beliebten Grundsatz: Contraria
contrariis! zur Geltung zu bringen, der Beweis auf sehr
wackeligen Füssen steht und Angesichts einer ruhigen und voiv
urtheilsfreien Erwägung nicht Stich halten kann; dass hingegen,
was leicht und ohne alle Gefahr versucht werden kann , auch
bei solchen, kaum den Namen einer Krankheit verdienenden
Beschwerden des menschlichen Lebens, unser Grund-Princip:
Similia similibus!, als ein wahres Natu rgesetz, sich aut's
Deutlichste bewährt. 10)
9) Levat lassitudinem etiam laboris mutatio: eumque, quem novum
genus cujusdem laboris pressit, id quod in consuetudine est, reficit.
Celsus I, 3.
10) Galenus geht in seiner Verbissenheit auf das Contraria contrariis
so weit, in seiner Schrift: de sanitate tuenda zu lehren: semper autera me-
mineris, excessum omnem contrario excessu emendanduni esse. Demnach
würde also die Heilung einer Erhitzung darin zu finden sein , dass man
sich plötzlich einer übermässigen Kälte aussetzt, oder der Folgen eines zu
1 angen Fastens darin, dass man sich sofort in Speise und Trank übernähme-
So ist und bleibt das Simile auch die einzige naturgesetzliche
II. Buch. Aphorism 49. 50. 153
49. Selbst schwächlichen und bejahrten Personen werden
die gewohnten täglichen Arbeiten leichter, als stärke-
ren und jüngeren Leuten, welche nicht daran gewohnt
sind.
Die Richtigkeit dieses Lehrsalzes findet ihre Bestätigung
an allen Orten und unter allen Verhältnissen , und bedarf daher
keiner weitem Belege. Nur Das dürfte noch beizufügen sein,
dass er eben so gut auf geistige Beschäftigung seine Anwen-
dung findet, als auf Körperliche.
50. Lange gewohnte Dinge, auch wenn sie minder zu-
träglich sind, belästigen weniger, als Ungewohnte.
Man thut deshalb wohl, zur Veränderung mitunter auch
das Ungewohnte vorzunehmen.
Mit vollem Rechte warnt, Hippokrates in diesem Aphorism
vor einer allzu strengen und gleichförmigen Lebensweise,
welche, wenn sie einmal unvermeidlicher oder unbedachtsamer
Weise gestört wird, die veranlassende Ursache zu erheblichen Be-
schwerden werden kann. Nach einem alten und wahren Sprüchworte,
welches schon unsere Vorfahren kannten, ist die Gewohnheit
wie eine andere Natur, und wer deshalb gar zu ängstlich den
Körper pflegt, erreicht dadurch unfehlbar eine Verzärtelung
Maxime der Indikation nicht nur, sondern auch die einzige Fundgrube zur
Entdeckung neuer Heilmittel, — eine Errungenschaft, von der die
physiologische Medizin noch so weit entfernt ist, wie von allen übrigen
therapeutischen Gesetzen, die überhaupt nur in der Homöopathie anzu-
treffen sind. D. v. Grauvogl, d. hom. Aehnliehk.-Ges. § G8.
„Viele sonst vernünftige Leute," — sagt Dr. E. Comfort über Hahn.
Heilmeth. — , „wenn sie von der Homöopathie lesen,, sprechen, oder
gar darüber schreiben, büssen darüber ihr Bischen Verstand ein und wer-
den einfältig." — Hierzu bemerkt Rummel in seiner Recension: — „das
pathogenetische Element bewährt sich also auch hier eben so gut bei un-
sern Feinden, als das Therapeutische bei unsern Kranken.1'
154 n- Buch. Apliorism 50.
desselben, die ihn unfähig macht, den Angriffen auf die Ge-
sundheit, denen sich Niemand ganz entziehen kann, die nöthige
Energie entgegenzustellen. Vorzüglich gehört hierher die allzu
sorgfältige Auswahl der Speisen und Getränke, so wie
die Scheu vor unfreundlichem Wetter und vor Bewegung
in der freien Luft. n) Die Homöopathie weiss und befolgt dies,
und duldet daher, wo es nicht durch Krankheit absolut ge-
boten ist, weder allzustrenges Fasten, noch Liegen im Bette,12)
noch Einschliessen in warmen Stuben 13) u. dergl. mehr.
In dieser Beziehung beschränkt sie sich auf das unumgänglich
Nothwendige bei Kranken, räth dagegen dem Gesunden die Be-
achtung des wahren alten Spruches an: Juvat aliquand o per-
turbare naturam!; obwohl dies freilich nur in dem, übrigens
verständigen und zulässigen Maasse. Alles, was daher von homöo-
pathischen, soll heissen: von winzigen Mahlzeiten und der-
gleichen von sich selbst belächelnden Witzlingen kolportirt
11) Das Spazieren im Freien hat gerade die Absicht, durch den Wechsel
der Gegenstände seine Aufmerksamkeit auf jeden Einzelnen abzuspannen.
Kant, von der Macht des Gemüths.
Galenus rechnete die Jagd und das Ballspiel zu den nützlich-
sten Bewegungen für den Menschen. Bei Jener besonders fehlt der Nach-
theil aller Ueberanstrengung, sowohl des Geistes, als des Körpers, und sie
erfüllt demnach alle Erfordernisse einer naturgemässen Bewegung im Freien,
wie sie namentlich dem Gelehrten oder Beamten zur Erhaltung der Gesund-
heit nöthig ist.
12) J. Wesley, welcher um die Mitte seines Lebens anfing, sich aller
Fleischspeisen zu enthalten und bloss von Vegetabilien zu leben, dabei aber
ein Alter von 88 Jahren erreichte, hatte das Motto: Early to bed , and
early arise, Makes the man healthy, .wealthy and wise!
13) Neben den verschiedenen, durch Ansteckung, Impfung oder sonst
irgendwie unter der Kinderwelt verbreiteten Krankheiten, trägt auch die
Erziehung einen grossen Theil der Schuld, weshalb in den ersten Lebens-
jahren die Zahl der Verstorbenen und Hinsiechenden so unverhältnissmässig
gross ist. Dahin gehört namentlich auch das Stubensitzen und das zu
frühe Anhalten zum Lernen. Plato sagt schon: „Geist und Körper müssen
gleichmässig angestrengt und ausgebildet werden, damit sie beide gleich
kräftig und gesund heranwachsen." Und Tissot erklärt „das tolle Bestre-
II. Buch. Aphorism 51. 155
wird, um fremde Lacher auf ihre Seite zu bringen,14) das ist
eben so unwahr, als — dumm, und keiner Widerlegung
werfch. 1S) Nur vor Allem, was Arznei heisst, oder was arz-
neiliche Kräfte besitzt, hüte sich auch der Gesunde ganz und
gar, und wenn es darunter auch Manches giebt, woran sich die
Natur des Menschen allmählig so gewöhnen kann, dass dessen
Wirkung kaum noch zu verspüren ist, so bleibt der positive
Nachtheil desselben doch immer bestehen, und es ist unter
allen Umständen dringend abzurathen . mit solchen gefährlichen
Dingen ein leichtfertiges Spiel zu treiben.16)
51. Es ist jederzeit gefährlich, übermässig- und plötzlich
den Körper auszuleeren oder anzufüllen , ihn zu er-
wärmen oder abzukühlen, oder sonst dergleichen Ver-
änderungen darin zu bewirken. Jedes Uebermaass
schadet der Natur. Wenn aber solche Uebergänge
allmählig geschehen , so geht man dabei sicher und
gefahrlos.
ben mancher Eltern, ihre kleinen Kinder zu Vielwissern auszubilden, für
eine Grausamkeit, welche den Geist und den Körper zu Grunde richte
Baratier gehörte im 8. Jahre schon zu den Gelehrten, im 18. zu den
schwächlichen Greisen, und im 20. starb er an Geist und Körper erschöpft."
— Verf. dankt es daher noch oft seinen nnvergesslichen Eltern, dass sie
ihn früher einen Hasen erlegen, als seinen Namen schreiben lernen Hessen.
14) Von der Wickelschnur bis zur Leichenbestattung entspriessen alle
Narrheiten aus dem besorglichen: Was werden die Leute sagen?
A. Pansa, Sprichwörter S. 2.
1 5) N'entendons-nous pas les spirituelles plaisanteries d'un centigramme
de sulfate de soude ou de magnesie, dans le lac de Geneve, pour eu faire
un immense purgatif; ou la goutte de citron jetee dans la Seine ä Bercy,
pour en faire un fleuve de limonade au pont des Invalides etc. etc., fadai-
ses, que nous laisserons ä ceux dont la science et l'esprit s'en contentent.
J. de Monestrol, de l'Hom. p. 54.
16) In der Stadt und auf dem Lande herrscht eine Seuche,
Da giebt es also natürlich manche Leiche;
Doch an Oertern, wo keine Aerzte sind,
Sterben sie nicht so häufig, noch so geschwind.
Dr. Kortum, Jobsiade.
156 n- Buch. Aphorism 51.
In diesem richtigen Lehrsatze sind zwei Wahrheiten ent-
halten, die sowohl aus der Erfahrung, als aus einer richtigen
Natur-Anschauung geschöpft sind.
Zuvörderst warnt der Altvater der Medizin vor allen
heftigen An griffen, sowohl in diätetischer, als in thera-
peutischer Beziehung. Man sieht, dass er deutlich erkannt
hat, welche langsamen und leisen Wege überall die Natur
einschlägt, besonders wenn sie etwas Gutes, Grosses und
Dauerhaftes zu Stande bringen will, und masst sich keines-
wegs an, deren Meister sein zu wollen, wo er die Ueberzeugung
hat, dass er nur als Diener und Nachahmer derselben wahrhaft
Erspriesslicheszu leisten vermag. Die Worte: Jedes Ueber-
maass schadet! sollten überall als dringende Warnung in
goldenen Buchstaben angeschlagen stehen, damit dieses erste
und grösste Naturgesetz niemals verletzt werde. Das: Zu
viel! hat unbeschreiblich viel Unheil in der Welt angerichtet,
und thut es heute noch. ir) Denn die meisten Aerzte fragen
nicht: wie Wenig von einer Arznei, das heisst: von einem fin-
den Organismus unbedingt schädlichen Stoffe hinreichend sei,
um eine wohlthätige Veränderung in dem leidenden Zustande des
Kranken hervorzubringen; sondern vielmehr: wie Viel von dieser
feindseligen Substanz kann der Mensch vertragen, ohne dabei
unterzugehen oder noch kränker zu werden, als er schon ist. 18)
Das richtige Maass für dieses zu viel oder zu wenig
kann lediglich nur aus der Erfahrung entnommen werden; und
17) Manche glauben, je mehr sie Aerzte um sich versammeln, desto
sicherer müsse ihnen geholfen werden. Aber dies ist ein gewaltiger Irr-
thum. Ich spreche hier aus Erfahrung. Ein Arzt ist besser, als zwei, zwei
besser als drei, und so fort; in dem Verhältniss der Menge der Aerzte
nimmt die Wahrscheinlichkeit der Wiederherstellung immer mehr ab. und
ich glaube, es giebt einen Punkt der ärztlichen Uebcrladung, wo die Kur
physisch unmöglich ist. Hufeland, Makrobiotik. II, 15.
18) Einen Beleg für die, heutiges Tages übliche Anwendung der stärk-
sten Arznei-Gaben dürfte auch noch der neueste Jahrgang des Heymaini'-
II. Buch. Aphorism 51. 157
dieses gilt sowohl für die gesunde, als für die kranke Natur19)
Eben so wie Jemand sich lächerlich machen würde, wenn er
es für Unsinn erklären wollte, dass aus einem kleinen Fich-
tensamen-Kerne ein weit grösserer Baum erwachsen würde,
als aus einem grossen Kürbis -Kerne, eben so würde es einem
Anderen ergehen, wenn er behaupten wollte, dass 10 Gran
Opium nicht wirksamer wären, als 10 Gran Rhabarber.
Selbst die Chemie vermag hierfür keine Regeln aufzustellen.20)
Denn wenn auch heutiges Tages das gefundene Resultat jenes
alten Chemikers, der in den Blättern der Belladonna nichts
Anders fand, als in denen des braunen Kohls, nicht mehr
gelten kann, weil damals das A tropin noch nicht entdeckt
war: so haben wir doch erst durch Versuche am lebenden
Körper die heftige Wirkung dieses Alkaloids, und damit auch
die justa dosis, oder vielmehr diejenige Quantität davon
kennen lernen, welche klein genug ist, um nicht mehr geradezu
zu tödten. 21) Aber wenn wir nun die Belladona oder das
sehen „Taschen-Kalenders für Aerzte und Chirurgen" (1861) liefern, welcher
neben anderm Nützlichen auch „Tabellen über die höchsten Arznei dosen"
enthält.
19) ,,Je mehr sich die Krankheit einer akuten nähert, desto geringerer
Gaben Arzneimittel (ich meine der bestgewählten) bedarf sie, um zu ver-
schwinden." - — (Discite moniti!)
Hahnemann's kl. Sehr. I, S. 243.
20) Vom Anfange bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wollte man,
zunächst auf Veranlassung der Akademie der Wissenschaften zu Paris, auf
dem Wege der Chemie die arzneilichen Kräfte der Pflanzen ermitteln, konnte
aber Nichts finden.
Auch will er (Th. Zwinger) nichts von den beliebten chemischen
Principien wissen, und zwar aus dem völlig richtigen Grunde, weil der
Arzt nicht die Bestandteile des Körpers zu wissen verlange, welche die
Kunst mit Gewalt hervorlockt, sondern die wirklich in demselben vorhan-
den sind. — Er hält die Chemie indessen für die Dienerin der Medizin ;
wenn sie sich zur Beherrscherin der Letzteren aufwerfen will, so ist sie
werth ausgezischt zu werden. C. Sprengel, Gesch. d. Med. III, 423.
21) La chimie n'a vu naitre tant de substances legerement proclamees
immediates, qu'en perdant de vue les effets varies et souvant illusoirea de
l'organisation. Annales des sciences d'observation.
158 H- Buch. Aphorism 51.
Atropin als Heilmittel anwenden, ist es dann noch immer
eine justa dosis, wenn die Gabe davon so lange gesteigert
wird, bis sich Hallucinationen, Blindheit und erweiterte
Pupillen einstellen? Oder ist dies auch der Fall, wenn der
Merkur so lange fortgegeben wird, bis die Zähne locker
werden und ausfallen, und bis ein übelriechender Spei-
chel beständig aus dem Munde fliegst?22) — Wir Homöopathen
halten diese und ähnliche Symptome für Zeichen einer Arzn ei-
Uebersä ttigung, mithin für die eines wirklichen Ueber-
maasses, welche wir sorgfältig zu vermeiden suchen.23)
Am Schlüsse dieses Aphorisms hebt Hippokrates die Vor-
theile und die Nothwendigkeit der allmähligen Uebergänge
hervor. Auch hier darf man diese Begel sowohl für das thera-
peutische, als für das diätetische Verfahren als richtig an-
erkennen , und weil in dieser Beziehung wohl schwerlich eine
22) „Salpetersäure bringt den Quecksilberkalk des Kalomels in eine
vermehrte Oxydation und macht ihn dadurch zu ätzendem Sublimate. Es
möchte mithin doch ungemein gewagt sein, Jemand, der kurz vorher reich-
lich versüssten Merkur gebraucht, verdünnte Salpetersäure nehmen zu las-
sen." (Kopp. Beob. S, 125, Anm.) — So räsonnirt die Chemie, während
Jedermann weiss, dass eben die Salpetersäure zu den wirksamsten Anti-
doten bei Quecksilber-Krankheiten gehört.
23) Wer etwas Kurzes, aber Gediegenes, über die gegenwärtig noch
bestehende Mangelhaftigkeit und Unzuverlässigkeit der organischen Chemie
lesen will, dem empfehlen wir „die Therapie unserer Zeit" von Dr. W.
Stens, Sondershausen 1854.
Ueber die niedrigen und höheren Verdünnungen der Arzneien ist
wohl schwerlich etwas anseheinend Begründeteres, aber dennoch Täuschen-
deres gesagt, als die beiden Grundsätze, welche der berühmte Mure darüber
aufstellt. Diese lauten nämlich folgendermaassen : — 1. Die niederen Ver-
dünnungen erzeugen augenblickliche und heftige Wirkungen, welche ganz
den Charakter von akuten Krankheiten an sieb tragen. — 2. Die hohen
Verdünnungen dagegen, deren Wirkung nie unmittelbar erfolgt (?), dringen
durch die Andauer ihrer Einwirkung in die tiefsten Falten der menschlichen
Maschine, und bringen Wirkungen hervor, welche schleichend und tief ein-
greifend, nach Art und Zeit, die höchste Aehnlichkeit mit chronischen
Krankheiten darstellen. — Offenbar ist dabei auf die Reizbarkeit und Em-
pfänglichkeit für die Arznei viel zu wenig Bäcksicht genommen,
II. Buch. Aphorism 52. 159
Meinimgs-Verschiedenheit zwischen den beiden Schulen vorhanden
ist: so glauben wir diese Glosse mit der blossen Hinweisung auf
den Text selbst beschliessen zu dürfen.
52. Wenn der Arzt von seiner, mit Ueberzeugung ein-
geleiteten Behandlung auch nicht so bald den erwar-
teten Erfolg sieht, so darf er doch, so lange die ur-
sprünglichen Zeichen noch vorhanden sind, zu keinem
andern Mittel schreiten.
Celsus (III, 1) beschränkt diesen Ausspruch des Hippokrales
auf die chronischen Krankheiten, und zwar mit vollem Rechte,
weil nur bei diesen die Heilwirkung der gegebenen Arznei
oft erst später eintritt, wenn gleich Diese vollkommen richtig
gewählt war. Solche Fälle vergleicht auch nicht ganz unpassend
Galenus in seinem Kommentar zu diesem Aphorism mit der
Wirkung des anhaltend auf einen Stein tröpfelnden Was-
sers, welcher dadurch langsam, aber unfehlbar ausgehöhlt
wird, — ein Vergleich, den er vielleicht als Reminiszenz aus
älteren Dichtern, (z. R. Ovidius) geschöpft hatte, bei denen er
ebenfalls vorkommt. So natürlich ein solcher Hergang bei
chronischen Krankheiten ist, so wenig findet dieser Lehrsatz
Anwendung bei akuten Krankheiten, wobei schon meistens nach
wenigen Stunden, oft noch weit schneller, eine Wirkung
sich bemerkbar machen muss, wenn die Arznei irgend passend
gewählt war.24) In diesem Falle würde also die angerathene
Konsequenz ganz am unrechten Orte sein, und so sehr
auch die exspektative Verfahrungs - Methode25, beim
24) Et acutus quidem, quo vetustior est; longus autern, quo recentior,
eo facilius curatur. Celsus. III, 1.
25) „Viele Verbesserungen" — sagt J. Kant in s. Vorles. über die
philos. Anthropologie — „können in den Wissenschaften vorgehen, welche
alle negativ sind. Ein Arzt, der lange seine Kunst getrieben hat, und
160 n- Buch. Aphorism 52.
Hippokrates in Uebung war: so würden wir ihm doch Unrecht thun,
wenn wir annähmen, dass er auch liier beharrlich bei der ersten
Ansicht zu verharren gerathen hätte. Wenn aber dieser scharfe
Beobachter damals schon die Kräfte der Arzneien in ihren
feinsten Nüanzen so genau gekannt hätte, wie die Homöo-
pathen, so würde ohne Zweifel dieser Aphorism eine ganz andere
Gestalt bekommen und die oben schon (II, 27) angedeuteten
Probe- Zeichen nicht verschwiegen haben, aus denen wir mit
Sicherheit die Kriterien der günstigen oder ungünstigen
Wirkungen der gereichten Arznei zu beurtheilen vermögen.26)
zugleich negative Principien bei Patienten ausübt, ist der, welcher
ihnen oftmals gar keine Arznei giebt, und in gewisser Art dem Kranken
seine Hülfe entbehrlich macht, damit er der Natur kein Hinderniss in den
Weg lege, die in sich selbst die Quelle hat, sich zu heilen. Diese negative
Methode, den Kranken zu behandeln, diese negative Arzneiwissenschaft ist
der höchste Gipfel der Medizin. Es gehört dazu nicht Wissenschaft, son-
dern Einsicht in die Oekonomie der Natur und Selbstüberwindung des pe-
dantischen Stolzes, wo ein jeder mehr seine Geschicklichkeit zu zeigen
sucht, als dem Kranken zu helfen."
Wenn man aus den Kundgebungen der herrschenden physiologischen
Schule Schlüsse ziehen darf, so wäre Einer davon mindestens der, dass die
heutige Medizin wieder bei dem Punkte angelangt ist, wovon Hippokrates
ausging, nämlich bei der rein exspecktativen Methode, welche sich lediglich und
ohne alle Medikation auf die Beobachtung des natürlichen Verlaufs der
Krankheiten beschränkt. So lesen wir im Bulletin de l'Acad. imper. de
Med. XXVI, p. 161, (Oeffentliche Sitzung vom 11. Dez. 1860) Folgendes:
„L'Academie met au concours les questions suivantes: Determiner, en s'ap-
puyant sur des faits cliniques, 1° quelle est la marche naturelle des
diverses especes de pneumonies, considerees dans les differentes con-
ditions physiologiques des malades; 2° quelle est la valeur relative de
l'expectation dans le traitement de ces maladies. Ce prix sera de Valeur
de mille francs. — Dazu gehört noch das „Formulaire des medicaments
agreables" des Prof. Dr. Gay in Montpellier, damit dies auch in der Privat-
praxis ausgeführt werden kann, wo ein solcher Patient schlechterdings etwas
„verschrieben" haben will.
26) „Je ausgedehnter und bestimmter die Kenntniss der spezifischen
Mittel wird, desto reicher und wohlbringeuder wird die praktische Medizin,
und ein grosser Theil der Kunst, sie mit Glück auszuüben, besteht in dem
Wissen dieser Arzneien, Verstehen ihrer mannigfaltigen Eigenheiten, Selbst-
erfahrung über ihren Gebrauch, Unterscheidung der für sie passenden Fälle
und Fertigkeit sie anzuwenden," — Kopp, Beobachtungen S. 33.
II. Buch. Aphorism 52. 161
Abgesehen von diesem Allen liegt in diesem Lehrsatze die
dringende Warnung, ja nicht zu leicht mit den Arzneien
zu wechseln, und es ist vielleicht zu bedauern, dass Hippo-
krates hier durch die angehängte Bedingung der sich gleich-
bleibenden Zeichen eine Beschränkung ausgesprochen hat,
die nicht immer zulässig ist und leicht zu Missverständ-
nis s führen kann. Wenn nämlich, wie der Fall oft vorkommt,
in den, das vollständige Krankheitsbild darstellenden Symptomen
Einige sich bessern oder verschwinden, während Andere
stärker und deutlicher auftreten: so ist das allerdings eine Ver-
änderung in dem ursprünglichen Zeichen-Komplexe, und würde
mithin leicht Veranlassung geben können, zu andern Mitteln
überzugehen. Dies darf aber nur dann ausnahmsweise geschehen,
wenn diese Veränderungen nicht innerhalb, sondern ausser-
halb der Wirkungsart des gereichten Mittels liegen, und des-
halb deutlich und bestimmt auf irgend ein anderes Mittel hinge-
wiesen wird. Auch können bei unnöthig starken oder zu oft
wiederholten Gaben augenblickliche, oft lästige Nebenwir-
kungen auftreten, die indessen nur dann Berücksichtigung
verdienen, wenn sie neben den übrigen Zeichen fortdauern,
oder fremdartige Erscheinungen darbieten.27) Sicher ist
es indessen, dass von Seiten der Aerzte unendlich öfter durch
zu häufiges Wechseln der Arzneien gesündigt wird, als durch
übertriebene Konsequenz, und es ist sehr zu bedauern, dass
es nur gar zu häufig an der erforderlichen Mittel-Ken ntniss
liegt, wenn solche Fehler begangen werden.28) Tritt nun noch
27) Das ärztliche Verordnen ist kein leichtes Gedächtnisswerk und
kein leichtes Schlussfolgerungswerk, und zum blossen mechanischen Erin-
nern, wie und zwar hauptsächlich zum geistigen Vertrautsein mit den Mit-
teln bedarf der homöopathische Arzt des Besitzes und des wirklichen
und freien Gebrauchs einer Apotheke. Die blosse Praxis reicht hierzu
nicht aus, wie die Allopathie sattsam beweist.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 101.
28) „Es ist eine der vornehmsten Pflichten des Arztes," — sagt Dr.
11
162 n- Buch- Aphorism 53. 54.
gar der weitverbreitete Irrthum hinzu, dass die Arznei
unmittelbar Hülfe schafft, und man der Lebenskraft keine
Zeit gönnt, ihre unentbehrliche Reaktion zur Geltung zu brin-
gen : so wird die Sache doppelt schlimm , und bei gefährlichen
Erkrankungen eben durch solche Ueber eilungen und vor-
zeitiges Wechseln der Mittel das Endresultat beklagens-
wert!].29)
53. Junge Leute befinden sich wohler, wenn sie weichen,
als wenn sie harten Stuhlgang haben; im höheren
Alter wird hingegen ihr Befinden schlechter, weil sie
dann gewöhnlich an harten Stuhlgängen leiden.
Wir verweisen hier auf dasjenige, was in der Glosse zu
dem Aphorism II, 20 gesagt ist, und überlassen die Erklärung
dieser Erscheinung, wenn sie wahr ist, den gelehrten Phy-
siologen.
54. Wie ein hoher, schlanker Wuchs dem jugendlichen
Manne edel und vortheilhaft steht, so belästigt er
im höheren Alter , und ist unbequemer , als ein Klei-
Sowohl Celsus (II, 2), als Galenus in seinem Kommentar
Terni über den Sinnspruch Boerhave's — „die einfachen Mittel zu unter-
suchen, und es sind vernunftlose Theoretiker, welche mit Schriften und
Worten diese Untersuchungen verachten, und dabei redliche Praktiker um
dieser Ursache willen verhöhnen."
29) Die neuere Medizin ist eine erkennende, aber keine heilende, und
je besser es ihr gelingt, das Wesen der Krankheit zu ergründen, je weiter
wird die Kluft zwischen ihr und der Therapie.
Dr. A. C. Neumann.
II. Buch. Aphorism 54. 163
zu diesem Aphorism bestätigen es, dass hier von einem hohen
und langen Wüchse die Rede ist, und nicht überhaupt von
Körper grosse nach allen Dimensionen hin. Uebrigens er-
leidet dieser Lehrspruch einerseits manche Ausnahmen von
dieser Regel, und andererseits hat er fast nur für die Phy-
siologie einen geringen, für den eigentlichen Reruf des Arz-
tes gar keinen Werth, weil dieser ausser Stande ist, der na-
türlichen Körperlänge weder einen Zoll zuzusetzen, noch auch
davon abzunehmen.
III. Buch.
1. Der Wechsel der Jahreszeiten, sowie die während der-
selben vorkommenden Abwechselungen von Kälte und
Wärme, und der Einfluss sonstiger Umstände ähn-
licher Art, erzeugen ihre eigentümlichen Krankheiten.
Es ist eine bekannte Erfahrung, dass Jahreszeit und
Witterung auf das Befinden des Menschen einen bedeutenden
Einfluss üben. Die folgenden Aphorismen, besonders 19 bis
23 dieses III. Buchs enthalten darüber manches Spezielle. In-
dessen darf darauf kein allzugrosses Gewicht gelegt werden, weil
namentlich in den letzten Jahren die Ausnahmen sich der-
maassen vermehrt zu haben scheinen, dass ihre Zahl die der
regelmässigen Fälle fast übersteigt. Um nur ein Beispiel anzu-
führen, so haben wir gefunden, dass die Anfälle von der häu-
tigen Bräune bei Kindern seit zwei oder drei Jahren weit
häufiger bei nassem- Wetter vorkommen, als bei trockner
Luft mit Nord- und Ostwinden. Wir können diese Erfah-
rung, wenigstens für unsere Gegend, um so mehr als eine that-
sächliche anführen, als wir eben diesem , sonst ungewöhnlichen
Umstände eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben, und
wegen der schnellen und sicheren Hülfe, welche die Homöopathie
III. Buch. Aphorism 1. 165
dabei leistet, viel öfter, als die meisten andern Aerzte, dabei in
Anspruch genommen werden. In ähnlicher, obwohl minder auf-
fallender Weise stellte es sich mit den Wechselfiebern und
einigen andern akuten Krankheiten, welche vorzugsweise dieser
oder jener Jahreszeit angehören. Zu den merkwürdigsten Er-
scheinungen in dieser Beziehung dürfte aber noch das Vorkom-
men der wasserscheuen Hunde und der davon Gebissenen
Erwähnung verdienen, welche vor etwa vier Jahren ungemein
häufig waren, seitdem aber, ungeachtet der letzten heissen
Sommer und des gleichzeitigen grossen Wassermangels,
denen Manche einen grossen Einfluss darauf zuschreiben 30), bei
uns wenigstens fast ganz verschollen sind. 31) Aus diesen weni-
gen Beispielen, die wir aus unsern sorgfältig geführten Journalen
noch bedeutend vermehren und mit authentischen Zahlen belegen
könnten, ergiebt sich auf's Neue die Bestätigung der alten Lehre,
dass man alle solche allgemeine Angaben nur als approxi-
mative Verhältnisse für lange Zeitperioden ansehen darf, welche
in den Zwischenzeiten manchen Wandelungen unterworfen sind,
die wir noch nicht kennen und also auch nicht zu würdigen
verstehen. Wir finden es daher auch überflüssig, die meisten
der, diesen Gegenstand behandelnden Aphorismen mit Glossen zu
versehen, und begnügen uns vielmehr mit einer verständlichen
Wiedergabe des Urtextes, wenn nicht etwa hier oder da ein be-
sonderer Anlass geboten wird, einige Worte beizufügen.
30) Nach den, in dieser Beziehung in Amerika angestellten Versuchen
hat sich die Grundlosigkeit dieser Hypothese ebenfalls herausgestellt, und
ist man wenigstens dahin gelangt, eine sicherere, wenn auch wohl nicht die
einzige veranlassende Ursache dieser fürchterlichen Krankheit in dem un-
befriedigten Geschlechtstriebe der Hunde zu entdecken.
31) Es ist in der That merkwürdig, dass im Anfange unserer Zeit-
rechnung die Hunds wuth äusserst häufig im Oriente, besonders in Kreta
und Karien , herrschte , heut zu Tage aber daselbst nicht mehr gefun-
den wird.
\QQ JH. Buch. Aphorism 2. 3.
Zu diesen allgemeinen Bemerkungen dürfte auch noch die
gehören, dass die Eintheilung des Jahres in seine vier
Jahreszeiten32), zu den Zeiten des Hippokrates von unserer
Gegenwärtigen einigermaassen verschieden war. Man zählte
nämlich damals, wohl der Temperatur und der Tageslänge wegen,
den Mai zum Sommer und den November zum Winter, so
dass diese beiden Perioden eine Dauer von je vier, der Früh-
ling und der Herbst dagegen eine Solche von je zwei Mo-
naten umfassten. In ähnlicher Weise ist auch im 16. Jahrhun-
dert mit den Hundstagen eine Veränderung vorgenommen.
Diese Periode nämlich, die seit dem Jahre 1582 vom 23. Juli
(Liborius) bis zum 23. August (Philipp) währt, begann früher
schon am 13. Juli (Margaretha) und endete mit dem 10. August
(Laurentius), nach dem alten Spruche: Margaris 6s canis, cau-
dam Laurentius addit.
2. Der Natur des Einen ist mehr der Sommer, der des
Andern hingegen mehr der Winter zuträglich oder
schädlich.
3. Gewisse Krankheiten gestalten sich in dieser oder jener
Jahreszeit günstiger oder gefährlicher; so wie gewisse
Alter desgleichen bei verschiedenen Jahreszeiten, Him-
melsgegenden und Lebensweisen.
Die nächstfolgenden Aphorismen 18 bis 23 dieses Buchs
gehen ausführlicher in Dasjenige ein, was in der ersten Hälfte
32) Wenn man dem Taeitus Glauben beimessen darf, so hatten unsere
germanischen Vorfahren keinen Herbst. Er sagt nämlich (Germ. 26):
„Hiems et ver et aestas intellectum et vocabula habent, autumni perinde
nomen et bona ignorantur."
Zufolge Heusler und andern Chronologen der neueren Zeit enthiel-
ten die Jahre von Abraham, wie noch jetzt bei einigen Völkern des
Orients, nur 3 Monate, von da bis zu den Zeiten Jacobs 8 Monate, und
erst nach Joseph 12 Monate.
III. Buch. Aphorism 3. 167
des Gegenwärtigen gesagt ist. Von dem der zweiten Hälfte ist
in den Aphorismen 24 bis 31 die Rede, und es verliert dadurch
die Meinung derjenigen Kommentatoren an Wahrscheinlichkeil,
welche glauben, dass einige und zwar gerade die diesen Gegen-
stand ausführlicher besprechenden Aphorismen verloren gegangen
wären. Weder Celsus noch Galenus erwähnen dessen, und Letz-
terer benutzt sie nur dazu, seinem Contraria contrariis! eine
neue Lobrede zu halten, wozu man jedoch hier die Veranlassung
nicht absehen kann. Vielmehr begegnet man in den folgenden
Aphorismen manchen Angaben des Hippokrates, die ohne Zweifel
der Erfahrung entnommen sind und noch heute beobachtet wer-
den, aber auch gerade das Gegentheil von dem Galenischen
Axiome nachweisen, und man muss in der That zu denen ge-
hören , die mit offenen Augen nicht sehen können oder wollen,
um dabei sich über alle Zweifel und Bedenken so leicht hinweg-
zusetzen. 33) Man hat also auch hier wieder einen Beleg zu
der grossen Wahrheit, dass Mancherlei in der Natur, wenig-
stens zur Zeit, noch nicht zu erklären ist, dass man bei
den Versuchen dazu, wenn man dabei an vorgefassten
Meinungen und Ansichten klebt, nur zu leicht auf Irrwege
abgelenkt wird, und dass es unter allen Umständen das Sicherste
und Gerathenste ist, jeden Erklärungs-Versuch irgend
einer Natur-Erscheinung mindestens so lange aufzuschieben,
bis die Thatsache unzweifelbar feststeht. Wo dies versäumt,
und auf einer blossen Behauptung, sie komme woher sie wolle,
fortgebaut wird, da geht es oft, wie mit der berühmten Preis-
frage wegen des Fisches, der das Gewicht eines Kübels mit
Wasser nicht vermehren sollte, weil er in dem Wasser schwimmet,
und wobei sich, bis auf Einen, eine ganze Akademie von
stockgelehrten Männern lächerlich machte.34)
33) Um etwas für recht tief zu halten, muss man nie erfahren, wie
tief es ist. Lichtenberg, Hogarth. PI. I.
34) Dans la bouche de Galien, ce grand dominateur de la medecine
Ißg III. Buch. Aphorism 4, 5.
4. Herbstkrankheiten sind zu jeder Jahreszeit zu erwar-
ten, wenn an demselben Tage Hitze und Kälte schnell
mit einander abwechseln.
In dem Klima, worin Hippokrates lebte, mag dies richtig
sein, wie es auch von Celsus (VI, 6) bestätigt wird. Bei uns
kommen die Beschwerden, welche ein schneller Temperatur-
Wechsel hervorruft, eben so häufig im Frühjahre, als im
Herbste vor, und können daher nicht mit dem Namen: Herbst-
krankheiten bezeichnet werden. Auch Galenus bemerkt ganz
richtig zu diesem Aphorism, dass nicht die Jahreszeit, son-
dern vielmehr die Temperatur derartige Krankheiten verur-
sache. Man hüte sich also, solche Zeit- und Veranlass ungs-
Umstände miteinander zu verwechseln, besonders da, wo ein
Lehrsatz aufgestellt werden soll. Es geht Einem dann leicht,
wie dem Kinde , welches bemerkt hatte , dass bei schlechtem
Wetter des Vaters Spazierstock in der Ecke stand, und diesen
forttrug, damit die Sonne wieder scheinen sollte.
Südwinde veranlassen Schwerhörigkeit , Gesichtsver-
dunkelung, Schwere des Kopfes, Trägheit und Mattig-
keit-, wo Jene herrschen, da finden sich diese Beschwer-
den als Begleiter der Krankheiten ein. Wehet der
Wind aus dem Norden, so erscheinen Husten, Rauh-
heit der Kehle , Stuhl- und Harn- Verhaltung , Fieber-
schauder, Seitenschmerzen und Brustbeschwerden, und
bei diesem Winde hat man dergleichen begleitende
Zufälle bei den Krankheiten zu gewärtigen.
Dieser Aphorism "giebt Veranlassung zu zwei nicht unwich-
tigen Glossen für die Heilwissenschaft.
dont l'empire absolu dura quatorze siecles, cette sentence: „la medecine,
c'est mon Systeme !" , n'eut pas ete raoins ridiculement fausse , que dans
celle de Louis XIV ces paroles fameuses: „l'etat c'est moi!"
De Zeimeris, lettres. p. 68.
III. Buch. Aphorism 5. 169
Zuerst ist nämlich der Einfluss der Witterung und
der Temperatur hervorzuheben, welcher gewöhnlich in den
beiden sich entgegenstehenden Winden, dem Süd- und dem
Nord- Winde, sich am deutlichsten in seinen Gegensätzen aus-
spricht. Dass die Luftströmung an und für sich dabei gleich-
gültig ist, bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Aber die
uns noch grossentheils unbekannten Vorgänge und Kräfte,
welche derselben ihre Richtung vermitteln, führen gleichzeitig mit
dieser auch noch andere Verhältnisse und Umstände
herbei, denen die Hauptsache in der Einwirkung auf den mensch-
lichen Organismus zugeschrieben werden muss. Da wir Diese
aber, eben weil wir sie nicht hinlänglich kennen, auch nicht
namentlich anführen können: so sind wir genöthigt, ein sicht-
bares Merkmal anzugeben, was damit gepaart zu gehen pflegt.
Daher hat sich auch bei uns (in Westphalen) unter dem Volke
ein Wahr spruch gebildet und erhalten, welcher damit einiger-
maassen übereinstimmt und also lautet: Südwind — Müd-
wind, Westwind — Bestwind, Nordwind — Mordwind,
Ostwind — Hostwind! In der Regel trifft dies auch (für
Brust-Kranke) zu; aber in den letzten Jahren, wo auf und über
der Erde mancherlei Regelloses und Ungeheuerliches
vor sich gegangen, gab es doch auch in dieser Hinsicht zahl-
reiche Ausnahmen von der Regel, und namentlich in Bezug
auf Temperatur und Feuchtigkeit der Luft im Verhält-
nisse zu den herrschenden Winden. Man darf deshalb
diesen hippokratischen Lehrsatz nicht allzu wörtlich nehmen,
sondern muss jederzeit die Art und das Verhalten der vorkom-
menden Zeichen, abgesehen von ihrem vermuthlichen Ursprünge
oder ihrer nur zufälligen Begleitung, in Betracht ziehen, und die
Mittelwahl nach der deutlich erkennbaren Wirklichkeit
der Anzeigen, niemals aber nach räthselhaften Vermu-
thungen treffen.35)
35) Zu den merkwürdigsten Erscheinungen in dieser Beziehung gehört
170 m- Buch. Aphorism 5.
Der andere Gegenstand, der hier ein Paar Worte verdient,
ist der, dass Hippokrates in dem gegenwärtigen Aphorism , und
zwar an den beiden betreffenden Stellen, deutlich ausspricht, dass
unter den aufgeführten Beschwerden nicht sowohl die Krank-
heit selbst zu verstehen sei, sondern vielmehr die beglei-
tenden Zeichen, die sich durch die angegebenen Umstände
im Gefolge derselben einfinden und eben dadurch dem Ge-
sammtbilde einige bestimm te und scharf ausgeprägte
Züge mittheilen. Wenn nun aber, wie wir Homöopathen die
unerschütterlichste Ueberzeugung haben, der Mensch gleich-
zeitig nur in einer Weise krank sein kann, mithin alle gleich-
zeitigen Beschwerden zu einer und derselben Gesammt-
Krankheit gehören: so wird es begreiflich, dass bei der Wahl
des Heilmittels auch diese Einflüsse nebst ihren Folgen
ohne Zweifel die, dass in der zweiten Hälfte des eben ablaufenden nassen
Jahres 1860 die meisten akuten, sowie auch viele chronische Krankheiten
entschieden auf Lach, oder Ap. mell. hindeuteten, und in der That von
diesen beiden Thiergiften (in den allerkleinsten Gaben) die auffallendsten
Heilungen erfolgten. Wir wurden zunächst durch das äussere Ausseben
der verschiedenen Haut-Uebel und durch die, diesen beiden Mitteln eigen-
thümlichen Empfindungen an den leidenden Theilen daraufhingelenkt, mach-
ten aber später noch die wiederholte Erfahrung, dass selbst da, wo andere
Mittel noch angemessener schienen, diese dennoch die rascheste und dauer-
hafteste Heilkraft bewiesen. Obwohl ähnliche Erscheinungen eben nicht
zu den Seltenen gehören, so traten sie doch in unserer vieljährigen Praxis
niemals so deutlich hervor, währten auch nicht so lange, als in dem eben
erwähnten Zeiträume. — Wir finden nicht, dass diese Beobachtung auch
noch anderwärts gemacht ist.
Die Mannigfaltigkeit der Meinungen ist ein Beweis, dass die Natur
des Gegenstandes noch nicht klar ist. Denn wenn die Wahrheit erst ge-
funden ist, so tritt Gewissheit bei jedem schlichten Menschenverstände an
die Stelle der Hypothesen. Reil, allgem. Fieberlehre §. 9.
,,Eine Therapie", — sagt Prof. Wunderlich (dessen und Röser's
Archiv 1846, 1. Hft.) — „die sich auf den Takt, statt auf durchdachte
wissenschaftliche Prinzipien stützt, ist nichts als ein Apparat von dunkeln,
unbegreiflichen Regeln und ungenauen Erinnerungen , sie ist nicht besser,
als die Bauernregel des Kalendermannes und pedantischer, pretensiöser und
complicirter, als die Theorie der Schäfer oder Charlatane."
III. Buch. Aphorism 5. 171
wesentlich mit zur Berücksichtigung kommen und dazu selbst
einen namhaften Beitrag liefern müssen. Dies Alles wird um
desto einleuchtender, wenn man unsere Reine Arzneimittel-
Lehre etwas genauer ansieht. In den Prüfungs-Ergebnissen
der meisten Arzneistoffe finden wir nämlich die allgemeinen
Umrisse fast jeder Art von Krankheit mehr oder weniger
deutlich ausgesprochen ; eben so treten zahlreiche begleitende
Nebenbeschwerden von grösserer oder geringerer Erheblich-
keit auf, so dass man glauben sollte, jedes erste beste Mittel
entspräche durch die Aehnlichkeit seiner Symptome dem
vorliegenden Krankheitsfalle. Bei weiterem Nachfor-
schen ergeben sich aber hier und dort Abweichungen und
AVidersprüche, worin Gegen-Indikationen enthalten sind.
Die verschiedenen Tageszeiten,36) Wärme, Kälte, Bewe-
gung, Ruhe, freie Luft, Stuben-Luft, einige Speisen
oder Getränke, und hundert andere Dinge ähnlicher Art zei-
gen sich den ermittelten Symptomen in ihrem günstigen oder
ungünstigen Einflüsse angemessen oder widersprechend.
In diesen Nebenbe seh werden, Verschlimmerungen und
Besserungen, mit ihrer scharfen, individuellen Ohara k-
terisirung, nicht aber in dem allgemeinen Krankheits-
Charakter, oder gar in dem Namen derselben, ist dasjenige
zu suchen, was schliesslich die Wahl bestimmen muss, und zu
Jenen gehören auch selbstverständlich die in diesem Aphorism
erwähnten Befindensveränderungen, durch Temperatur und
Luftbeschaffenheit veranlasst. — Ob Hippokrates dies Alles
so deutlich eingesehen hat, wie wir, die wir auf seinen Schultern
36) Ipsum diem alii aliter observavere. Babylonii inter duos Solis
exortus: Athenienses inter duos occasus: Umbri a meridie in meridiem:
vulgus omne a luce ad tenebras: sacerdotes Romani, et qui diem diffiniere
civilem , item Aegyptii, et Hipparcbus, a media nocte in mediam.
Plinius II, 79.
172 HI. Buch. Aphorism 6, 7.
stehen, ist sehr zu bezweifeln; aber die Andeutung hat er
ohne Zweifel und verständlich genug gegeben, mithin die Wahr-
heit wenigstens schon geahnt.
6. Wenn der Sommer dem Frühlinge gleicht, so darf
man bei den Fiebern heftige Schweisse erwarten.
Dieser Lehrsatz kann schwerlich auf einer langen, konstan-
ten Erfahrung beruhen, weil er zu viele Ausnahmen erleidet,
wie wir noch in den letzten Jahren gesehen haben. Auch früher
mag solches oft der Fall gewesen sein : denn Celsus spricht in
einer Parallelstelle zu diesem Aphorism (II, 1), als Bedingung
für diese heftigen Fieberschweisse , von einer namhaften Hitze,
die zeitig im Frühjahre anfängt und so den Sommer hindurch
fortdauert, nicht aber von einer bloss gleichförmigen Witterung
in diesen beiden Jahreszeiten, wie Hippokrates.
Trockne Luft erregt hitzige Fieber. Ist nun die Jah-
reszeit grösstenteils so beschaffen, so darf man auch
solche Krankheiten erwarten.
Der Merkwürdigkeit wegen erlauben wir uns zu diesem,
übrigens erfahrungsmässigen Aphorism die Erklärung eines, Alles
handgreiflich erklären wollenden Kommentators derneuer n
Zeit anzuführen. Er behauptet nämlich: diese bekannte Erfah-
rung habe darin ihren Grund, dass trockne Luft vorzugsweise
reich sei an Sauerstoff gas, welches solche hitzige Fieber
begünstige. 3r) Am Schlüsse dieses Kommentars fügt er noch
37) Giacomini berichtet uns (im traite de la matiere medicale et de
therapeutique, p. 350), dass im Jahre 1818, wo die Chemiker Davy und
Mojon die Luft der Maremnen und der pontinischen Sümpfe auf's Genaueste
III. Buch. Aphorism 8. 173
hinzu: dass trockne heisse Luft akute, feuchte kalte
Luft chronische Krankheiten erzeuge! — Man möchte sich
veranlasst sehen, dem gelehrten Manne die Frage vorzulegen:
welche Krankheiten alsdann von der trocknen kalten und
von der feuchten warmen Luft erzeugt würden?38)
Bei regelmässiger Beschaffenheit der Jahreszeiten , wo
die Witterung zeitgemäss sich gestaltet, haben auch
die Krankheiten ihren regelmässigen Verlauf und eine
leichte Entscheidung; in den Unregelmässigen aber
verlaufen diese ebenfalls unregelmässig und entschei-
den sich schwer.
Wenn dieser Lehrsatz auch im Allgemeinen für richtig an-
genommen werden darf: so wird er doch hier und da auf Aus-
nahmen stossen. 39)
untersuchten, diese nicht die mindesten Abweichungen von der reinsten At-
mosphäre gefunden hätten.
38) Eine unlängst erschienene Schrift unter dem Titel: Klimatisch-
Therapeutisches Chaos von Dr. Schlesinger (in Wien 1861) enthält äusserst
beherzigenswerthe und auf Thatsachen begründete Ermahnungen für dieje-
nigen Aerzte, welche ihre, meistens phthisische Kranken zu deren grösserem
Nachtheile in südlichere Klimate schicken. Merkwürdiger Weise stimmt
damit im Wesentlichen überein die von der Pariser Akademie der Medizin
1855 gekrönte Preisschrift von Jules Rochard. Und dennoch besteht der
Unsinn nach wie vor !
39) Zu den unerklärlichsten äusseren Einwirkungen gehört ohne Zwei-
fel die der Witterung auf die sogenannten gichtischen und rheuma-
tischen Beschwerden. Wenn dieser Einfluss sich nämlich auf das bereits
vorhandene Wetter, oder auf die unmittelbare Einwirkung des-
selben auf den Körper beschränkte : so wäre dies weniger räthselhaft , ob-
wohl noch immer schwer zu erklären. Da jedoch erfahrungsmässig , oft
schon lange vor Eintritt der nachtheiligen Wetter -Veränderung, selbst
in der verschlossenen und geheizten Stube, oder im Bette, solche Schmer-
zen sich bis zum Unerträglichen steigern: so konnte bisher noch kein phy-
siologischer Erklärungsversuch irgend genügen. Die Schwierigkeit wird
174 HI. Buch. Aphorisui 9, 10, 11, 12.
9. Im Herbste erlangen die Krankheiten ihre grösste
Heftigkeit und Tödtlichkeit. Der Frühling ist die
gesundeste Jahreszeit und die Sterblichkeit die Geringste.
Unsere statistischen Uebersichten bestätigen dieses nicht
so entschieden, wie es hier versichert wird.
10. Für Schwindsüchtige ist der Herbst am gefährlichsten.
Da sowohl Galenus als Celsus diese beiden vorhergehenden
Lehrsätze des Hippokrates bestätigen , so muss es damit in der
Heimat jener Aerzte wohl seine Richtigkeit haben. Bei uns
stellt sich die Sache vielfach anders. Der Herbst bringt uns
zwar oft manche akute Krankheiten, und darunter nicht selten
Bösartige; aber der Winter, und noch mehr das Frühjahr,
(„wenn das Laub wieder auf die Bäume kommt"), raffen in un-
serem Klima wohl die meisten Schwindsüchtigen fort.
11. In Beziehung auf die Jahreszeiten werden, wenn der
vorhergegangene Winter bei vorherrschendem Nord-
winde trocken, der Frühling hingegen bei Südwinden
regnerisch gewesen ist, im Sommer hitzige Fieber,
Augenentzündungen und Kuhren vorkommen, und zwar
am Meisten bei Frauen und säftereichen Männern.
12. Wenn aber der Winter bei vorherrschenden Südwin-
den weich und regnerisch, der Frühling hingegen bei
Nordwinden trocken ist, so sind die Frauen, welche
im Frühjahre ihre Niederkunft erwarten, schon bei
geringfügigen Anlässen den Fehlgeburten ausgesezt,
aber noch bedeutend grösser, wenn man dabei erwägt, dass bei dem Einen
die nasse, bei dem Andern die trockne Witterung solche Verschlimme-
rungen bedingt.
III. Buch. Aphorism 13, 14, 15. 175
und die zur richtigen Zeit Niederkommenden gebären
schwächliche und ungesunde Kinder, welche entweder
bald dahinsterben, oder kränkelnd und abzehrend fort-
leben. Die übrigen Menschen bekommen Ruhren oder
trockene Augenentzündungen, bejahrte Leute aber
Katarrhe, welche sie in kurzer Zeit fortraffen.
13. Wenn der Sommer mit voi'herrschenden Nordwinden
trocken, der Herbst aber mit Südwinden feucht ist, so
folgen im Winter darauf Kopfschmerzen, Husten, Hei-
serkeit, Schnupfen, bei Einigen auch Schwindsuchten.
14. Wenn der Herbst bei vorherrschendem Nordwinde
trocken ist, so ist er besonders den säftereichen Män-
nern und den Frauen zuträglich. Bei den Uebrigen
werden aber trockene Augenentzündungen, theils hitzige,
theils langwierige Fieber, so wie Solche vorkommen,
welche von schwarzer Galle entstehen.
Mit kurzer Hinweisung auf Dasjenige, was wir in der Glosse
zum 1. Aphorism dieses Buchs gesagt haben, enthalten wir uns
hier, wie bei den Folgenden, jedes Zusatzes um so mehr, als
solche allgemeine und dabei für unsere Gegend kaum passende
Angaben für den Homöopathen ganz ohne Werth sind.
15. In Beziehung auf die Jahres- Witterung ist im Allge-
meinen eine anhaltende trockne Luft zuträglicher und
der Gesundheit weniger schädlich, als viele Regen-
tage. 40)
40) „Ich glauhe die Behauptung begründen zu können, dass durch-
gängig anhaltend nasses, Regen- oder Schnee-Wetter der menschlichen Ge-
sundheit zuträglicher ist, als andauernde trockne, warme oder kalte Wit-
terung. Kopp , Beobachtungen S. 19.
„Der im Allgemeinen günstige Gesundheitszustand in Berlin während
176 m- Buch- Aphorism 16, 17, 18.
16. Bei regnerischer Witterung stellen sich häufig folgende
Krankheiten ein: langwierige Fieber, Bauchflüsse, faule
Geschwüre, Fallsuchten, Schlagflüsse und Bräune. Bei
trockner Luft erscheinen: Schwindsuchten, Augenent-
zündungen, Gliederreissen,Harn- und Stuhl -Beschwerden,
17. In Hinsicht der täglichen Witterungs- Beschaffenheiten
machen die Nordwinde den Körper fest, kräftig, ge-
wandt , frisch von Farbe , und schärfen das Gehör •,
dahingegen verursachen sie aber auch Stuhlverhärtung,
Brennen in den Augen, und vermehren die bereits
vorhandenen Brustschmerzen. Die Südwinde machen
im Gegentheile den Körper schlaff und feucht, und
verursachen Schwerhörigkeit, Kopfschwere, Trübsichtig-
keit, Schwerbeweglichkeit und durchfällige Stühle.41)
18. In Beziehung auf die Jahreszeiten befinden sich die
Kinder und die dem Kindesalter eben Entwachsenen
im Frühlinge und in dem Beginne des Sommers am
besten; alte Leute hingegen im Sommer und in der
ersten Hälfte des Herbstes ; diejenigen endlich, welche
in der Mitte zwischen jenen beiden Altern stehen , in
der zweiten Hälfte des Herbstes und im Winter,
des Sommers veranlasst eine medizinische Zeitschrift, auf die alte Er-
fahrung hinzuweisen , dass das sogenannte schlechte Wetter in unserem
Klima den Menschen besser bekomme, als trockne Sommerhitze. Beson-
ders im Monate August war die Sterblichkeit in Berlin eine ungewöhnlich
geringe." Neue Pr. Zeitung 1860, No. 226.
„Wir haben" — (im November 1816) — „medizinische Ferien.
Merkwürdig ist der ausgezeichnet gute allgemeine Gesundheitszustand im
Sommer und Herbste 'dieses Jahres, wenngleich Sommer und Frühling zu
den unfreundlichen und nassen gehörten". Hufeland und Harles Journ. f.
p. H. 1816. November, S. 133.
41) Aus mehreren Stellen der hippokratischen Schriften scheint her-
vorzugehen, dass er die Tageszeiten (Morgen, Mittag, Abend und Nacht)
mit den Jahreszeiten (Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter) vergleicht
und ihnen ähnlichen Einfluss zuschreibt.
III. Buch. Aphorism 19, 20, 21. 177
19. Obzwar sich Krankheiten aller Art zu jeder Jahres-
zeit einfinden, so entstehen und verschlimmern sich
doch Einige davon mehr in dieser oder jener Jahreszeit.
20. So erscheinen am häufigsten im Frühjahre: Wahnsinn,
Schwermuth, Fallsucht, Blutflüsse, Bräune, Stock- und
Fliessschnupfen, Husten, Aussatz, Flechten, weisse
Flecken, eiternde Geschwüre, Geschwülste und Gelenk-
schmerzen.
21. Im Sommer treten zu einigen der Ebengenannten noch
hinzu : anhaltende Fieber , hitzige Fieber , drei und
viertägige Wechselfieber, Erbrechen, Durchfall, Augen-
entzündung, Ohrenschmerzen , Mundgeschwüre, faule
Geschwüre an den Schamtheilen und Hitzblattern.
Aus dem, was in diesem Aphorism über die Geschwüre
an den Genitalien erwähnt ist, haben einige Schriftsteller den
Schluss ziehen wollen, dass Solche syphilitischer Natur ge-
wesen, mithin die Lustseuche bereits dem Hippokrates be-
kannt gewesen sei. Wenn man aber weiss, wie es die Geschichte
der Medizin lehrt, dass diese Krankheit erst im 15. Jahrhundert
in Europa erschienen ist, dass Celsus in seiner Parallelstelle
(II, 1) diese Geschwüre als Bös- oder Krebsartige (Cancros)
bezeichnet, die auch an den übrigen Theilen des Körpers aus-
brechen können, und Galenus dieselben Faulende nennt: so
dürfte eine solche Annahme keinen gültigen Grund für sich haben.
Auch Quecksilber -Geschwüre, wie sie bei der sogenannten
secundären Syphilis vorkommen, können hier nicht gemeint
sein, weil dieses Metall, welches erst im 11. Jahrhundert durch
arabische Aerzte nach Europa gebracht wurde, dem Hippokrates
gänzlich unbekannt war.42)
42) Wenn, wie Einige glauben, die Vermuthung begründet ist, dass
Celsus (V, 28, 14) unter Acrothymium in der That Feigwarzen ver-
12
178 HI. Buch. Aphorism 22, 23, 24, 25.
22. Im Herbste währen ebenfalls noch Manche von den
Sommer krankheiten fort, und Folgende treten hinzu:
Viertägige und unregelmässige Wechselfieber, Milzauf-
treibung, Wassersucht, Schwindsucht, Harnbeschwerden,
Magenruhr, Herbstruhr, Hüftweh, Bräune, Engbrüstig-
keit, Darmgicht, Fallsucht, Raserei und Melancholie.
23. Der Winter bringt Seitenstiche , Lungenentzündung,
Schlafsucht, Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Brust- und
Seiten-Schmerzen, Hüftweh, Kopfschmerzen, Schwindel
und Schlagflüsse. 43J
24. In Beziehung auf die Verschiedenheit des Alters stellen
sich bei neugeborenen , kleinen Kindern ein : Mund-
schwämmchen, Erbrechen, Husten, Schlaflosigkeit, Auf-
fahren im Schlafe, Nabelentzündungen und Ohren -
Ausflüsse.
25. Bei den im Zahnen begriffenen Kindern sehen wir.
Jucken des Zahnfleisches, Fieber, Krämpfe, Durchfall,"
und zwar vorzüglich beim Durchbruche der Augen -
zahne, und bei denjenigen Kindern, die sehr fett und
hartleibig sind.
standen hat: so würde daraus hervorgehen, dass die Sycosis eine sehr alte
Krankheit ist, und lange vor Einschleppung der Syphilis bekannt war, mit-
hin auch davon sehr verschieden sein rnuss. — Die Sycosis des Celsus
(VI, 3) gehört natürlich nicht hierher. Dagegen giebt es unter den im
Aph. 24 genannten Mundschwämmchen (Aphthae) der Kinder nicht sel-
ten dergleichen von sy kotischer Natur, die in der Thuja ihr schnellstes
und sicherstes Heilmittel finden und von sykotischen Eltern angeerbt wer-
den können, — eine Thatsache, worüber wir selbst ein Paar merkwürdige
und sichere Erfahrungen gemacht haben. — Vergl. übrigens Aetius , tetr.
IV, 2, 4 und Paul. Aegin. VI, 71.
43) Der von Hippokrates beobachtete Einfluss von Klima und Witte-
rung, wovon die herrschende Krankheits-Konstitution zum grössten Theile
abhängt, wurde insebsondere auch von Sydenham und Stoll mit grosser
Beharrlichkeit verfolgt. Es ist aber nur zu bedauern, dass wir jene Ein-
flüsse und ihre Wirkungen noch viel zu wenig kennen, um grossen Nutzen
daraus zu ziehen.
III. Buch. Aphorism 26, 27, 28. 179
26. Bei den heranwachsenden Kindern finden sich: Ent-
zündungen der Mandeln, Einwärtskrüinmung der ober-
sten Halswirbel zunächst am Hinterkopfe, Engbrüstig-
keit, Steinbeschwerden, Spulwürmer, Madenwürmer,
gestielte Warzen, 44) Ohrdrüsen- , Kropf- und andere
Drüsen-Anschwellungen.
27. Bei noch älteren, der Mannbarkeit sich nähernden
Kindern treten zu Mehreren der eben Genannten noch
hinzu: langwierige Fieber und Nasenbluten.
28. Die meisten dieser Kinder - Krankheiten entscheiden
sich, Einige in vierzig Tagen, Andere in sieben Mo-
naten, noch Andere in sieben Jahren, und wieder An-
dere erst bei eintretender Mannbarkeit. Diejenigen
aber, welche anhaltend sind, und bei den Knaben
nicht spätestens zur Zeit der Mannbarkeit, bei den
Mädchen zur Zeit des Durchbruchs der monatlichen
Reinigung zur Entscheidung kommen, pflegen von
langer Dauer zu sein.
Es wäre wichtig und lehrreich gewesen» wenn Hippokrates
statt dieser ganz allgemeinen Angaben und der trockenen Auf-
zählung von generellen Krankheitsnamen, die meistens
nur als unbestimmte Kollektiv-Benennungen für einzelne hervor-
tretende Erscheinungen , aber nicht für eine genaue Bezeichnung
der speciellen Krankheiten selbst angesehen werden können, die-
jenigen wenigstens namhaft gemacht hätte, welche in der Regel
eine schnellere oder langsamere Entscheidung erwarten lassen.
So, wie hier in den vorstehenden Aphorismen die verschiedenen
Krankheiten ohne alle Ordnung aufgefübrt sind, sehen wir akute
Leiden zwischen den unverkennbaren Anfängen der Chroni-
schen in buntem Gemenge durcheinander, und der Aphorism
28 bringt in dieser Beziehung nicht das mindeste Licht hinein.
44) Ausser den gestielten Fe. ig warzen, die auf Thuja deuten und
sykotischer Natur sind, giebt es auch noch Andere dergleichen, die Dulc,
Lyc, Ph. ac, oder Staph. zur Heilung verlangen.
12*
180 HI- Buch. Aphorisra 28.
Dieses Durcheinanderwerfen von Krankheitsgattungen, die
in ihrer Natur und in ihrem Verlaufe so unendlich verschieden
sind, ist ein Mangel, der auch heute noch in den meisten pa-
thologischen Lehrbüchern fortdauert, und wir Homöopathen haben
alle Ursache, die Kriterien von Akut und C h r o n i seh s trenge
ins Auge zu fassen, und darnach die Mittel zu wählen, die für
jede Art derselben nicht nur für kurze Zeit und nur vorüber-
gehend, sondern gründlich und dauerhaft heilend sind.45)
Wo Dieses vernachlässigt wird, da muss man unvermeidlich bald
in den Fall kommen, die Wahrheit Dessen einzusehen, was Hahne-
m an n im ersten Theile seines Werkes über die chronischen
Krankheiten (S. 4 der zweiten Auflage) von der früheren,
ebenfalls homöopathischen Behandlung derselben sagt: „Ihr
Anfang war erfreulich, die Fortsetzung minder gün-
stig, der Ausgang hoffnungslos!"46) Mögen Einige (oder
auch Viele) von Denen, die sich mit dem Prädikate: Homöopa-
then schmücken, ihre feinste Dialektik aufbieten, um den gros-
sen Stifter der neuen Schule eben in diesem Punkte der Incon-
sequenz, des Theoretisirens, ja des Verleugnens seines
eigenen Fundamental -Grundsatzes, und was dergleichen
Vorwürfe mehr sind, zu beschuldigen und ihr Wissen über Das
des scharfsinnigen , fleissigen und treuen Forschers erheben : Sie
werden doch, wenn sie wahrhaft chronische (nicht chronisch
gewordene Arznei-) Krankheiten aller Art in der Wirklichkeit und
45) Tonte science se constitue par la connaissauce d'une loi fondamen-
tale, ä laquelle doivent se rattaeher tous les faits qui se rapportent ä
cette science. J. de Monestrol, de l'Hom. p. 37.
46) „Der berühmte Sydenham glaubte nur gegen hitzige (akute)
Krankheiten eine allgemein giütige und durch die Erfahrung hinlänglich
begründete Methode aufstellen zu können; von künftigen grösseren Fort-
schritten in der Kunst erwartet er auch eine ähnliche allgemeine Methode
gegen die chronischen Uebel, die ihm noch ein Gegenstand der spezifi-
schen Mittel blieben." (Hecker, Theorien, Syst. und Heilmeth. S. 118.) —
Nach den seitdem verflossenen zwei Jahrhunderten leben wir noch in der-
selben Erwartung;!
III. Buch. Aphorisin 29, 30. 181
im wahren Sinne des Worts heilen wollen, dies nur durch
treue Befolgung seiner Vorschriften und durch homöopathische
Anwendung der von Ihm dazu angezeigten (nebst einigen weni-
gen nach ihm geprüften) Mittel zu thun vermögen.47).
29. Jünglinge bekommen Blutspeien, Lungensucht, hitzige
Fieber, Fallsucht und andere Krankheiten, besonders
aber die schon oben Angeführten.
Ueher die verschiedenen Altersstufen beziehen wir uns auf
Dasjenige, was darüber in der Glosse zu dem Aphorism I, 13
gesagt ist.
' 30. Bei Denen, welche dieses Alter überschritten haben,
zeigen sich Engbrüstigkeit, Seitenstiche, Lungenent-
zündung, Schlafsucht, Gehirnentzündung, heisse Fieber,
langwierige Durchfälle, Gallenruhr, Herbstrulir, Magen-
ruhr und Hämorrhoiden.
-Die pathologische Terminologie ist nicht arm an Na-
men, die etwas Anderes bezeichnen, als ihre Etymologie
rechtfertigt, oder vermuthen lassen sollte. Aber das Wort:
Hämorrhoiden dürfte doch vielleicht dasjenige sein, was in
dieser Hinsicht alle Uebrigen übertrifft, und womit der aller-
47) „Jeder neuen Wahrheit" — sagt Voltaire, — ,,geht es, wie den
Gesandten civilisirter Staaten an den Höfen der Barbaren; sie finden erst
nach vielen Hindernissen und Beschimpfungen die geziemende Anerkennung."
Von jeher, aber am meisten bei dem Wiedererwachen der Wissenschaft,
hat streitsüchtige Skepsis über dieselbe gewaltet, und wir lesen unter An-
derm in Willen's Natur-Kundigen von 1694, Kap. IX, folgende, auch heute
noch so oft verdiente Rüge: — „Da denn darbey dieses abzunehmen ge-
wesen, dass die Philosophie eben so viel Galle als Phlegma bei sieh gehabt.
Jedoch ist dabey dieses zu melden, dass Diejenigen, so in diesem Streit
das grösste Maul gehabt, am allerwenigsten fähig gewesen, das rechte
Pflöckchen zu treffen!"
182 HE. Buch. Aphorism 30.
grösste Missbrauch getrieben wird. Wo man nämlich ein, in
seinem inneren Wesen geheimnissvolles Unwohlsein oder irgend
eine räthselhafte Beschwerde in diesem oder jenem Theile des
Körpers benennen will, da stellt sich, wie Goethe sagt, dieses
Wort eben zur rechten Zeit ein, um doch dem Kinde einen
Namen zu geben. Daher ist wohl schwerlich ein anderer Krank-
heitsnamen unter dem Volke in solcher Ausdehnung verbreitet,
wie Dieser, und die ungebildetsten Personen aus den untersten
Ständen hört man häufig mit diesem, von Aerzten und Nicht-
Aerzten gehörten, freilich meistens in „Emeriten" oder „Mino-
riten" verstümmelten Worte ihre Beschwerde angeben, ohne
zu ahnden, dass sie damit Nichts, als eine — Dummheit aus-
sprechen.
Bekanntlich ist das Wort: Hämorrhoiden zusammenge-
setzt aus den griechischen Wörtern aty-a (Blut) und Qorj (Fluss),
und bedeutet also nichts mehr und nichts weniger als einen
Blutfluss. Die Alten brauchten Solches auch in keinem andern
Sinne und beschränkten es höchstens auf Blutabgang vom
After, wie es in diesem Aphorism ebenfalls verstanden werden
muss. Andere Blutabgänge bezeichneten sie durch andere
bestimmte Verbindungen des alfia, wie z. B. Haematemesis,
Haemathidrosis, Haematuresis, Haematoptysis u. dgl.
mehr. Jetzt aber wird diesem Ausdrucke mit unverantwortlicher
Willkürlichkeit eine Begriffsausdehnung verliehen, welche
weder aus der Etymologie, noch aus einer physiologisch
Stich haltenden Anschauung der Sache gerechtfertigt werden
kann. Man bezeichnet nämlich damit nicht nur auch noch die
in Stocken gera-thenen Blutflüsse aus der sogenannten
goldenen Ader (also trockengelegte Flüsse), sondern auch solche,
die niemals vorhanden waren, und nur durch Anschwellung
der A f t e r - A d e r k n o t e n eine zweifelhafte Andeutung dazu dar-
bieten, (also Flüsse, die niemals Flüsse waren). Aber auch
hierbei bleibt man nicht einmal stehen, sondern geht noch
III. Buch. Aphorism 30. 183
weiter und benennt mit Hämo rrhoiden (Blutfluss) Beschwer-
den der verschiedensten Art, wobei von Blutabgang Nichts
wahrzunehmen ist: Störungen der Verdauung, Appetit-
verlust, Auftreibung des Unterleibes, Verstopfungen
und Durchfälle, Kreuzschmerzen, Schweiss der Ge-
schlechtsteile und des Mittelfleisches und noch vieles
Andere mehr.48) Um aber das Maass solcher argen Begriffs-
verwirrung vollends bis zum Ueberlaufen anzufüllen, zieht man
gar noch Kopfschmerzen, Husten , Herzklopfen, Gelenk-
und Gliederschmerzen, und, wer weiss, was Alles sonst noch
in den Bereich der Blutflüsse, und sucht Dies damit zu
rechtfertigen und zu begründen, dass zuweilen durch das Er-
scheinen von Blutabgang vom After, welcher fleissig ver-
mittelst grosser Gaben von Flores sulphuris, Magnesia
alba und Tartarus depuratus, Alles durcheinander gemischt,
befördert wird, diese Beschwerden (acht allopathisch) für einige
Zeit beschwichtigt werden, freilich ohne jemals dadurch gründ-
liche und dauerhafte Heilung zu erlangen.
Gegen solchen, auch mit noch anderen Namen getriebenen
Missbrauch, der ursprünglich von den Priestern einer Wissen-
schaft ausgeht, deren erster und heiligster Beruf die Er-
haltung und Wiederherstellung der Gesundheit ist, kann
eine ernste Rüge nicht scharf und einschneidend genug ausge-
sprochen werden. Denn nichts befördert mehr die oft so ge-
fährliche Hausmittel-Quacksalberei,49) als solcher Na men-
48) Vena portae, porta malorura! war der bekannte Ausspruch der
Stahlianer.
49") ,;Quae sunt de summis meis secretis", — sagt. Joh. Anglicus
(Gaddesden), — „quod si scirent hoc homines vulgares, vili penderent artem
et medicos conteinuerent." — Das mag auch von den meisten approbirten
und nicht approbirten Geheimmitteln gelten.
Das erste Volks-Arzneibuch ist wohl das 7ZiK<xvi8iov des Thessa-
lus, des Sohnes Hippokratis gewesen, wovon in VI. Epidem. VIII, 12 Er-
wähnung gethan ist. Uns wundert, dass dieser Titel nicht schon von me-
dizinischen Volks-Aufklärern usurpirt ist.
184 III. Buch. Aphorism 30.
Unfug, besonders in Verbindung mit den Brochüren und
Journal-Ar tikeln, die fort und fort in immer steigen-
der Zahl unter dem Volke unfehlbare Arzneien anpreisen, und
zwar oft gegen solche Krankheiten, die zu den Chronischen
gehören, und deren Behandlung viele Aerzte zu ihren Scancla-
lis zählen.50) Und wenn nun gar viele dafür präkonisirte Mittel
in allerlei Gestalten in Krämer- und Konditor-Läden un-
gehindert feilgeboten werden,51) während der Homöopath
50) Man würde nicht Unrecht haben, wenn man die Anpreiser der
„unfehlbaren" Geheimmittel mit den, von den Einwohnern der Stadt Leiden
der spanischen Belagerungs-Armee zugerufenen Worten abfertigte: Fistula
dulce canit, dum volucrem decipit anceps!
Hufeland's „Haus- und Reiseapotheke" ist eine Zugabe zu dessen
„Makrobiotik" (II, 15), die eben, weil sie unter solcher Autorität ungemein
verbreitet ist, namentlich für den streng individualisirenden Homöopathen
mancherlei Uebelstände in der Praxis veranlasst. Nur allzu häufig ist von
dergleichen Hausmitteln, selbst in gefährlichen Fällen, Gebrauch gemacht,
ehe und bevor der Rath des Arztes eingeholt wird, und oft ist damit Vieles
verdorben und die sonst leichte und schleunige Hülfe unmöglich geworden.
51) Bei dieser günstigen Gelegenheit erlauben wir uns im Vorbei-
gehen einen flüchtigen Blick zu werfen auf die Inconsequenz der Me-
dizinal-Polizei einiger civilisirten Staaten, welche mit grosser Strenge
gegen die selbstdispensirenden approbirten und vereideten Aerzte
einschreitet, während ungehindert und ungeahndet eine beträchtliche Menge
arzneilicher, zum Th eile gefährlicher Präparate, ohne ärztliche
Verordnung, ausserhalb der Apotheken, öffentlich angekündigt und
verkauft wird. Zum Belege möge das nachfolgende Verzeichniss dienen,
welches vielleicht nicht die Hälfte derjenigen enthält, wovon wir noch heute
die Ankündigungen in den öffentlichen Blättern lesen, aber Kei-
nes von denen, die bereits der Vergessenheit überliefert sind: —
Alain's Pomade (gegen Phthiriasis.) — Albers Brustkaramellen. —
Anodyne Neklace (schmerzstillendes Zahnhalsband). (S. Lichtenberg's Ho-
garth. I, S. 100). — Atkinson's Cold cream. — Atkinson's smelling
selts (gegen Kopfweh). — > Du Barry's Revalenta arabica. — Borchard's
aromatische Kräuterseife. — Borchard's Creme d'Allash. — Borchard's
Elixir stomachique. — Boyveau- Laffecteur's Rob. — Breslauer 's
Idiaton (gegen Zahnweh). — Cigarettes -Espic (für Asthmatische).
— Creme philocome. — Davidson 's (alte) und neue Zahntropfen. —
Des sau er 's Gicht- und Rheumatismus -Watte. — Dewald's Brustkara-
mellen. — Dicquemare's Melanogene. — Dunn's komprimirte Zahn-
seife. — Dupuytren's Pomade. — Eau Athenienne (für die Kopf-
III. Buch. Aphorism 30. 185
ausser seinem schwierigen Staats-Examen noch eine beson-
dere Prüfung bestehen muss, um die von ihm selbstbereileten,
haut). — Enthaarungsmittel, chinesische und orientalische. — Epinal's
Pate pectorale. — Fest's Potsdammer Balsam. — Guy de Montmo-
renci's aromatisches Waschwasser. — Haarlemer Oel. — Hartung's
Chinarinden-Oel, — Hartung's Kräuter-Pomade. — Hirsch's Waldwoll-
Extract-O^l. — Hoff's Malz - Extrakt -Gesundheits- Bier. — de Jongh's
Dorsch-Leberthran. — Klose's Gliadin-Pflaster. — Koch's Kräuter-Bon-
bons. — Kummer fei d's Waschwasser. — Lait de Rose. — Linde's
vegetabilische Stangenpomade. — Lohse's eau de Lys. — Mora's haar-
stärkendes Mittel. ■ — Meyer 's weisser Brustsyrup. — Orfila 's huile de
Noisette. — Pomade tonique au Rhuman Quinquina. — Pong's che-
mische Baumwolle (gegen Gicht und Bheumatismus). — Rimmel's Gly-
cerih-Lotion-Seife. — Rimmel's Hair - Dye. — Rowland's Kalidor. —
Rowland's Macassar-Oil. — Rowland's Odonto. — Shayler's Haar-
färbungs-Mittel. — Stibbe's Magenbitter. — Stollwerk's Brustbonbons.
Stoughton's Magenbitter. — Suin de Boutemard's aromatische Zahn-
Pasta. — Wagner's Rettig-Bonbons. — Wa ldw oll- Oel. — Waldwoll-
Extrakt. — White's Augenwasser. — — Ob der, vom Polizei-Präsi-
dium zu Berlin empfohlene und mit Angabe der Niederlagen offiziell
angezeigte Rettungskasten mit Medikamenten hierher gehört, wagen
wir nicht zu entscheiden.
Bei dieser Gelegenheit können wir nicht verschweigen, dass die Zei-
tungs - Ankündigungen z. B. von der Revalenta arabica, vom Rob.
Laffecteur, von Epinal's päte pectorale u. n. v. And. nach massi-
ger Berechnung in die Tausende stiegen und wahrhaft zum Ekel wurden,
dass aber heutiges Tages Jene noch weit überboten werden von denen des
Hoffschen Malzextrakts, von dem Auerbachschen Kinder-Malz-
Pulver und vom Apfelwein, welche in den gelesensten Berliner Zei-
tungen Räume einnehmen, die in der That zum Nachtheile der Abonnenten
alles billige Maass überschreiten. Dem Verkaufe steht aber nirgends ein
Hinderniss entgegen, obwohl z. B. das Erste (nach der Pr. Med. Z. 1861,
S. 319) durch Rhamnus Prangula und Menyanthes trifoliata erhebliche
Arzneikräfte bekommen hat und als wahre Arznei wirkt.
Man nehme das Selbstdispensiren hinweg, und — der homöopathische
Arzt muss in Betreff der durch Arzneimittel zu vollbringenden Kuren rück-
wärts schreiten und sein Entdecken in diesem Gebiete des ärztlichen Han-
delns muss Nachtheil erleiden. Das Entdecken mag sich dann um so mehr
in die Destilliranstarten, Conditoreien und Bierbrauereien flüchten, denen ja
manche Aerzte durch ihre Zeugnisse bereits so freundlich entgegenkommen,
— diese Thoren, welche Entdeckungen machen sollten, aber die Entdeckungs-
geräfhschaften nicht in die Hände nehmen wollen und sich hinterdrein doch
berufen glauben, die Entdeckungen eines vermeintlichen Heilmittels zu
186 m- Buch- Aphorism 30.
durch die Kleinheit ihrer Gaben mindestens unschäd-
lichen Arzneien unentgeltlich dem Kranken verabreichen zu
dürfen: so . Dieses Anakoluthon auszufüllen überlassen
wir jedem verständigen Manne!52)
bestätigen, — diese Thoren, welche die Leistungen Hahnemanns verhöhnen
und sich jedem Bierbrauer für Geld verkaufen können, — diese Thoren,
welche, sich schämen oder zu träge sind , das Entdeckungsverfahren der
Homöopathie zu studiren, aber nicht Worte genug zu finden wissen, um
ihre Atteste über Entdeckungen der Laien wichtig zu machen, — diese Tho-
ren, welche die Entdeckungen der Homöopathen mit Füssen treten, aber
jedem planlos auftauchenden Geheimmittel nachlaufen, — und diese Thoren,
die den Homöopathen das Selbstdispensiren entziehen möchten und es jedem
Laien für seine Marktmittel erfechten helfen.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit, S. 94.
52) Der Natur der Sache nach sollte es dem Arzte bei Leibes- und
Lebensstrafe verboten sein, die bei seinen Kranken nöthigen Arzneien
durch einen Andern verfertigen zu lassen ; er sollte sie hei Strafe selbst
verfertigen müssen, damit er für den Erfolg stehen kann. Dass es aber
dem Arzte sogar verboten werden sollte, seine Werkzeuge zur Lehensrettung
seihst zu verfertigen, auf diesen Gedanken konnte kein Mensch a priori
kommen. Volks-Heillehre III, S. 37.
Wenn die Wissenschaft Derartiges gebietet, und das Gesetz Solches
verbietet: so muss Einem nur gar zu leicht das alte Sprichwort ein-
fallen: Dat veniam corvis, vexat censura columbas!
Asclepiades soll, wie Plinius (XXVI, 7) erzählt, fünf allgemeine Kuren
eingeführt haben, nämlich: Hunger, Enthaltung von Wein, Reiben des Kör-
pers, Spazierengehen und Spazierenfahren. Sein Ruf stieg, wie an dersel-
ben Stelle zu lesen ist, in dem Maasse, wie er die damals gebräuchlichen
rohen Kurarten und heftigen Arzneien vermied.
, „denn von dem richtigen Erkennen der Krankheit, der rich-
tigen Wahl der Mittel, dem möglichst schnellen Zuhülfekommen
des Arztes hängt ja Leben und Gesundheit der Mithürger, das Wohl ihrer
Familien, der eigene Ruf des Arztes ab."
Pr. Med. Zeitung 1861 , No. 23, S. 181.
„Die Fabrikanten" — so lautet es in einem Aufsatze des Reg.- und
Med.-Raths Dr. Wittcke in der Pr. Med. Zeitung von 1861, No. 29, S. 229.
— „als praktische Chemiker haben freies Feld zu ihren Versuchen; Nie-
mand stört sie darin. Die Aerzte sind schlimmer gestellt. Das Concordat,
was der Staat mit den Apothekern geschlossen hat, hat sie hinter den
Zaun gewiesen, und wenn der Jatrochemicus wagen wollte, für sich zu labo-
riren, so gilt dies als ein Eingriff in die Rechte des Apothekers; er findet
den Engel des Gesetzes mit dem flammenden Schwerte vor dem Paradiese
der Apotheker und muss eiligst retiriren, um sich nicht zu verbrennen."
— So klagt ein Reg.-Med.-Rath in Erfurt!!
III. Buch. Aphorism 31. 187
31. Bei alten Leuten finden sich Athembeschwerden , Ka-
tarrhusten, Harnverhaltung, Harnbeschwerden, Gelenk-
schmerzen, Nierenleiden, Schwindel, Schlagfluss, schlechte
Körperbeschaffenheit, allgemeines Jucken über den
Körper, Schlaflosigkeit, Durchfall, Augenthränen, Fliess-
schnupfen, Blödsichtigkeit , grauer Staar und Schwer-
hörigkeit.
Da bisher, so viel bekannt, noch in keinem Staate gesetzliche homöo-
pathische Pharmakopoen bestehen, worauf die Apotheker verpflichtet werden
können: so sind Diese auch weder an die Anschaffung derjenigen Arznei-
körper gebunden, welche die Landes-Pharmakopöe nicht führt, sondern auch
die Bereitungsweise derselben ist gänzlich ihrer Willkühr anheim gegeben.
Um in letzterer Beziehung nur eines Umstandes zu gedenken, lassen wir
hier den Stabs - Arzt Starke reden, wie dieser sich in der Sitzung des hom.
Centralvereins zu Magdeburg am 10. August 183fi fBeilage 13) ausgespro-
chen hat: — „Ein Arzt oder Apotheker bereitet seine Mittel mit Regen-
wasser, ein Zweiter mit destillirtem, ein Dritter mit Flusswasser, ein Vier-
ter mit fuselhaltigem Weingeiste, ein Fünfter mit Apotheker-Weingeist, der
mit Kohlen und Kali gereinigt ist, ; ein Sechster nimmt dazu ver-
dünnten Weingeist, aus der Hälfte Wasser und der andern Hälfte Franz-
branntwein bestehend; — ein Siebenter reinigt seinen Weingeist mit Pro-
venzer-Oel, ohne ihn nochmals zu destilliren; — ein Achter wendet vielleicht
fabrikmässig bereiteten Dextrin - Spiritus an, u. s. w. Eine gleiche
Bewandtniss hat es mit dem Fabriken- Milchzucker, den ich von sehr ver-
schiedenen Farben und vielfältig mit fremdartigen Stoffen verunreinigt ge-
funden habe u. s. w."
Neben den zahlreichen und auffallenden Aehnlichkeiten, welche uns
die Geschichte der Erfindung und Entwickelung der Medizin und der
Malerei darbietet, besteht doch eine grosse und einflussreiche Verschieden-
heit darin, dass niemals dieser Letzteren in Bezug auf das technische Material
irgend ein Zwang auferlegt und ihr überall gestattet war, frei und unge-
hindert ihren selbstgewählten Weg zu verfolgen. Welche Hindernisse wür-
den aber auch daraus entstanden sein , wenn man den Maler gezwungen
hätte, seine Farben und seine Pinsel von einem ausschliesslich dazu privi-
legirten Fabrikanten zu beziehen, oder diesen zu bevollmächtigen, die dabei
von dem Maler gemachten Verbesserungen lediglich zu seinem eigenen
Vortheil auszubeuten, oder gar nach des Malers Vorschrift eigenhändig zur
Darstellung von Kunstwerken zu verwenden?
IV. Buch.
Wenn Auftreibung vorbanden ist, darf man Schwan-
gere vom vierten bis zum siebenten Monate abfuhren ;
in dem Letzten aber schon weniger. In einer früheren
oder einer späteren Periode der Schwangerschaft muss
man nur im Nothfalle und sehr behutsam dazu über-
Es ist jedem Ärzte bekannt, dass die meisten Fehlgebur-
ten in dem dritten, seltener im vierten oder fünften Mo-
nate der Schwangerschaft, sowie die Frühgeburten vom sie-
benten Monate an einzutreten pflegen. In den genannten
Perioden ist also Beides am meisten zu befürchten, mithin am
sorgfältigsten Alles zu vermeiden, was Solches veranlassen oder
befördern könnte. Dazu gehört aber unbedingt jede den Unter-
leib und die Eingeweide angreifende Arznei, welche nur
durch diese Eigenschaft in der Erst-Wirkung eine Abführung
zu bewirken im Stande ist. Die Gebräuchlichsten der gelinden
Abführmittel sind bekanntlich Senna, Calomcl und Magnesia
sulphurica. Vom Ersten kennen wir Homöopathen, weil noch
nicht geprüft, die positiven Wirkungen auf die weiblichen Ge-
schlechtsorgane nicht; von den beiden Letzten aber wohl und
wissen wir, dass Beide, ausser ihrer leibeseröffnenden
Kraft, auch noch die besitzen, eine Fehl- oder Frühgeburt
IV. Buch. Aphorism 1. 189
herbeiführen zu können, wenn die Dosis etwas stark und
überhaupt eine Disposition dazu vorhanden war. Es hat
mitbin dieser Aphorism für die Allopathie immer noch seine
Gültigkeit.
Für die Aerzte aus der Schule und in dem Zeitalter des
Hippokrates war die in diesem Aphorism ausgesprochene War-
nung aber doppelt nothwendig, weil sie zum Abfuhren
sich fast ausschliesslich der weissen Niesswurzel (Veratrum
album) bedienten, deren ungemein heftige Wirkung, nicht
nur auf den Unterleib überhaupt, sondern insbesondere auch
auf die weiblichen Geschlechtstheile und ihre Funktionen,
so wie auf Abortus und Menstruation jedem Homöopathen
bekannt sind. Wir kennen namentlich von dieser heroischen
Arznei mehrere, ihr entweder ausschliesslich, oder doch
in vorzüglichem Grade eigenthümlichen Erst- Wirkungen
vor Eintritt, der Periode, welche ebenfalls einer Fehlgeburt
vorherzugehen pflegen, wie: Uebelkeit und Erbrechen,
Durchfall, Frost mit äusserer Kälte, Kopfweh mit
Nasenbluten, Ohrensausen, Schwindel u. dergl. mehr.
Es ist daher leicht begreiflich, dass die unvorsichtige und
unzeitige Anwendung eines, nicht nur an und für sich so
drastischen, sondern auch für einen vorhandenen Zustand
der Schwangerschaft positiv gefährlichen Mittels zahlreiche
beklagenswerte Folgen verursachen musste, wenn dabei nicht
in Gemässheit der Cautelen verfahren würde, welche der erfah-
rungsreiche Hippokrates hier seinen Zunftgenossen ans Herz legt.
Bei der Homöopathie stellt sich aber die Sache weit
g ü n s t i g e r und sicherer, wenn sich b ei schwangeren Frauen
das Bedürfniss einstellt, die Stuhlausleerung zu befördern.
Fast jedesmal ist dabei noch diese oder jene andere Beschwerde,
namentlich Uebelkeit und Erbrechen vorhanden, was dann
Alles zusammen durch kleine Gaben der für jeden individu-
ellen Fall angezeigten Arznei leicht und gefahrlos zu
190 IV. Buch. Aphorism 2.
beseitigen ist. Wir brauchen daher auch keineswegs auf das
Stadium der Schwangerschaft ein ängstliches Gewicht zu legen,
sondern dürfen unbedenklich , sowohl in der ersten , als in der
letzten Periode derselben , die von Beschwerden solcher Art oft
sehr belästigten Frauen, ohne die mindeste Gefahr für Mutter
oder Kind, die erwünschte Hülfe bringen. Im Gegentheile wird
die eben durch eine solche leichte Medikation wieder hergestellte
und befestigte Gesundheit für Beide in gleichem Maasse er-
spriesslich sein.53)
2. Durch Abführungsniittel soll nur Dasjenige ausgeleert
werden, dessen freiwillige Ausscheidung dem Körper
zum Nutzen gereicht ; alle nachtheiligen Ausleerungen
hingegen müssen verhindert werden.
Ohne Zweifel klingt dieser Lehrsatz äusserst verständig und
plausibel. Es ist dabei nur Schade, dass die Anwendung
desselben auf so erhebliche und völlig unüberwindliche Schwie-
rigkeiten stösst. Die Ansicht der Alten, welche noch bis auf
unsere Zeit theilweise fortdauert, war die, dass die Säfte,
welche durch solche Abführungsmittel vermögt wurden, sich in
die Gedärme zu ergiessen, lauter Unreinigkeiten enthielten
und daher mit dem entschiedensten Vortheile ausgeleert wurden.
Wir wissen jetzt aber, dass die Hauptmasse dieser Säfte
einestheils zur Erhaltung des Körpers unentbehrlich ist,
und dass ander ntheils, wenn in der That schädliche Stoffe
sich darunter befinden, diese auf solchem Wege davon nicht
abzuscheiden sind, mithin nicht die Letzteren allein, son-
dern auch die Unentbehrlichen, und zwar diese fast jedesmal in
53) Wenn eine Mutter oder eine Ziege das aus der Eselsgurke (Mo-
mordica Elaterium L. J bereitete Abführungsmittel oder die Eselsgurke
selbst geniesst, so führen auch die Säuglinge ab.
Hippokr. Epid. VI, S. 33.
IV. Buch. Aphorism 3, 4. 1 91
weit überwiegender Quantität, abgeführt werden. Jede Arznei
also, die solches bewirkt, verursacht eine krankhafte Verän-
derung in den normalen Funktionen der Eingeweide, und
das Ausgeleerte ist weiter nichts, als ein Produkt dieser
Darmkrankheit, oft verbunden mit den natürlichen, nicht
selten ebenfalls veränderten Kothabgängen. Eben so wenig, wie
es bisher jemals gelungen ist, und wohl schwerlich jemals ge-
lingen wird, durch Aderlässe oder Fontanelle das gesunde
Blut von den ungesunden Beimischungen zu trennen und
nur Diese abfliessen zu lassen,54) eben so wenig wird etwas
Aehnliches bei Abführungen zu erreichen sein. Aus dieser, ge-
wiss naturgemässen und richtigen Anschauung der Sache und
des Lebensprozesses ergiebt sich von selbst der Grund, warum
die Homöopathie eine so entschiedene Abneigung gegen
alle und jede Abführmittel als Solche hegt, und diesem so
weise klingenden Lehrsatze unbedingt ihren Beifall versagen muss,
wenn sie nicht den Nachsatz als den allgemein gültigen anneh-
men und den Vordersatz ganz streichen darf.55)
3. Wenn nur Dasjenige ausgeleert wird, was ausgeleert
werden soll, so ist es für den Kranken erleichternd
und zuträglich; nachtheilig aber, wenn das Gegentheil
geschieht.
Gleichlautend mit dem Aph. I, 25 und zum Theil mit dem
Aph. I, 2, dessen Glosse auch hierher gehört.
4. Im Sommer bewirke man die Ausleerungen mehr nach
oben, im Winter aber nach unten.
54) Sanguinern vix purgant, sed inquinant potius uleera artificialia.
Hufeland Diss. inaug.
55) Die erste Anwendung der Blutegel wird (zufolge Cael. Aurel. chron.
I, 1) dem Themisson zugeschrieben, welcher etwa ein halbes Jahrhundert
vor unserer Zeitrechnung lebte.
192 IV- Buch. Aphorism 5.
Dieser Aphorism steht in geradem Widerspruche mit einer
Parallelstelle desCelsus (I, 3), welcher ausdrücklich sagt, dass
Brechmittel im Winter vorteilhafter wirkten, als im Som-
mer. Dagegen giebt der Aphorism I, 21 zu dem vorstehenden
Lehrsatze eine Modifikation an, welche Galenus an dieser
Stelle benutzt, um ihn dadurch zu rechtfertigen, indem er, frei-
lich etwas willkürlich, behauptet, dass im Sommer die gelbe,
leichtere und daher aufwärts steigende, im Winter hingegen
die schwarze, schwerere und deshalb herabdrängende Galle
vorherrsche. Man begreift leicht, dass von solchen Erklärungen
nicht viel zu halten ist, und am Wenigsten dann, wenn die
Thatsachen mit der Erfahrung nicht übereinstimmen und die
Angaben der Autoritäten sich einander widersprechen. —
Für uns bedarf es kaum der Wiederholung, dass die Homöopathen
von solchen Gewaltsmitteln, so wie von all dem Aufheben, was
in Bezug auf angebliche saburrale, atrabilarische und der-
gleichen Unreinigkeiten im Körper gefabelt wird und die,
Jede für sich abgesondert, fortzuschaffen sind, nichts wissen
wollen.56) — Wir rechnen dahin auch die Bestimmungen, welche
die Alten den verschiedenen Organen zulegten. 57).
5. Während der Hundstage, so wie kurz vor Eintritt der
selben, sind Ausleerungen überhaupt zu vermeiden.
56) Obwohl man seit den ältesten Zeiten der Galle eine so überaus
wichtige Rolle zugetheilt hat, und die tägliche Absonderung derselben beim
erwachsenen Menschen (nach Haller, Reil, Graf, Magendie u. A.) auf etwa
2 Pfund und darüber anschlägt: so ist man doch noch heutiges Tages weit
davon entfernt, ihren wahren Zweck zu erkennen. Die Versuche von
Brodie, Tiedemann, Blondlot, Schwan u. A. haben nur bewiesen, dass
Thiere auch ohne Galle längere Zeit leben können, und die von Scheibach
zeigen nur, dass Jene einer grösseren Menge von Nahrungsmitteln bedürfen,
vielleicht also der Stoffwechsel um so rascher vor sich gehe.
57) Mens sapit et pulmo loquitur, fei suscätat iras,
Spien ridere facit, cogit amare jecur.
IV. Buch. Aphorism 6, 7, 8. 193
In Bezug auf den Eintritt der Hundstage verweisen wir auf
den Schluss der Glosse zu Aph. III, 1.
G. Magere Personen und Solche, die sich leicht erbrechen,
leere mau in der Kegel nur nach Oben aus. Nur im
Winter verfahre man damit vorsichtig.
Ziemlich fleischige Personen, die sich schwer erbrechen,
führe man nach Unten ab. Im Sommer aber muss
damit behutsam verfahren werden.
Es ist in der That sehr häufig der Fall, und in der Erfah-
rung sowohl, als in der Natur der Sache begründet, dass magere
Personen sich viel leichter und unbeschwerlicher erbrechen,
als dicke und vollsaftige Leute, die oft davon ungemein
heftig angegriffen werden und nicht selten von der damit ver-
bundenen Anstrengung einen nachhaltigen Denkzettel behalten.
Aber wir dürfen und können nicht zugeben, dass dieses eben
als ein Wink der Natur anzusehen ist, dem man Folge leisten
muss. — Die beiden Nachsätze in den beiden letzten Aphoris-
men beziehen sich auf Aph. IV, 4.
8. Bei vorhandener Anlage zu Lungenschwindsucht ver-
meide man alle Brechmittel.
Man würde diese wahrhaft goldene Regel noch auf viele
andere Beschwerden und Krankheiten ausdehnen können, wo
durch Erbrechen Nachtheil herbeigeführt wird, der oft erst hinter-
her bemerkbar wird. Darin aber liegt noch ein weiterer Beleg
für die Richtigkeit der homöopathischen Praxis, welche alle
derartigen heftigen Angriffe vermeidet, die in den meisten Fällen
überdem nur eine palliative, vorübergehende Besserung bringen,
13
194 1V- ]kKh- Aphorism 9.
hinterher aber meistens nur um desto gewisser und mehr scha-
den. Bei Schwindsüchtigen, wo nach künstlich erregtem
oder natürlichem Erbrechen so leicht* verderbliche Lungenblu-
tungen eintreten, liegt eine solche Gefahr unmittelbar vor
Augen; aber wenn in anderen Fällen der Nachtheil auch erst
später sichtbar wird: so ist er darum doch nicht minder vor-
handen, und jede Veranlassung dazu zu vermeiden.
9. Die an schwarzer Galle leiden, müssen stark nach
Unten abgeführt werden. Beim Entgegengesetzten muss
das Gegentheil angewendet werden.
Der eigentliche Sinn dieses Aphorisins scheint vielen Kom-
mentatoren einige Schwierigkeiten gemacht zu haben, die in-
dessen, wie uns scheint, verschwinden, wenn man dabei die be-
reits früher und zuletzt noch in der Glosse zum Aph. IV, 4
erwähnten Ansichten der Alten über die gelbe und schwarze
Galle in Betracht zieht. Wenn nämlich Jene vorherrschte,
liess man erbrechen, wo Diese, wie im Vorstehenden, aber
abführen. Man sieht daraus, dass in den damaligen Zeiten
die v orgefa ss ten Meinungen einen eben so. grossen Einfluss
übten, wie noch heuliges Tages, und dass man sich damals,
wie jetzt, bemühte, die einfache Erfahrung der theoretischen
Schablone, und nicht, im Gegentheile die Schablone der
Erfahrung anzupassen.58) Solche Verwechselungen bekommen
dadurch unfehlbar einen besonderen Vorschub, dass die Arz-
neien, wie es oft der Fall ist, vermöge ihrer dynamischen
Kraft gleichzeitig mit ihrer grob materiellen Wirkung
einer Krankheit entsprechen, und deshalb eine Besserung her-
beiführen, die der Handgreiflichkeit wegen der Letzteren zu-
58) Eam desideramus theoriara, quae a praxi t'elicissime sit dedueta,
ad eamque rursus aecomodata. Fremd , praef. ad Emmenolog.
IV. Bucb. Aphorism 10, 11. 195
geschrieben wird , aber eben so sicher , nur mit weit weniger
Beschwerde für den Kranken, ohne solche übermässige und un-
nöthige Angriffe auf den Organismus zu erlangen gewesen wären.
Durch Krankenbehandlungen dieser letzten Art kann allerdings,
wie nicht zu leugnen ist, der Zweck der Heilung erreicht werden;
aber man hat wahrlich keinen Grund, ihnen das schöne Prädikat:
jueunde! beizulegen, was doch auch in den Wünschen jedes
Kranken liegen muss.
Es ist wohl überflüssig zu bemerken, und kann wohl ver-
nünftiger Weise Niemandem im Ernste einfallen, in dem Nach-
satze einen Beleg für die Richtigkeit des Contraria contrariis zu
finden, indem unter dem „Entgegengesetzten" hier offenbar nur
die gelbe Galle und das Erbrechen gemeint sein können.
10. Wenn in hitzigen Krankheiten wegen Aufwallung eine
Ausleerung erforderlich ist, so muss sie gleich zu An-
fange derselben vorgenommen werden; in solchen
Krankheiten ist jede Zögerung in dieser Beziehung
nachtheilig.
Dieser Lehrsatz enthält eine Ergänzung und Bestätigung
dessen, was bereits in den Aphorismen I, 24 und II, 29 an-
geführt ist, und giebt mithin keine Veranlassung zu einer neuen
Glosse.
11, Diejenigen, welche an Leibschneiden, und an Schmer-
zen in der Nabelgegend und in den Lenden leiden,
die weder durch Abführungen, noch durch andere
Mittel zu heben sind, bekommen die trockene Was-
sersucht,
Was Hippokrafes unter trockener Wassersucht versteht
und später den Namen Trommelsucht (Tympanitis) erhielt,
wurde dnmals in der Wreise erklärt, dass die Wasserergiessun-
196 IV- Buch- Aphorisui 11.
gen im Unterleibe bei Jener durch vermehrte Hitze, wie iri einem
Dampfkessel, in Dunst oder Wasserdampf aufgelöst wur-
den, während sie bei der eigentlichen (nassen) Wassersucht
vermöge der innewohnenden Kälte, etwa wie im Kühlapparate
einer Destillation, zu tropfbarer Flüssigkeit verdicbtet blie-
ben. Bei dieser Erklärung, die man in dem Kommentar des
Galenus zu diesem Aphorism in vollem Ernste aufgestellt
findet, fallen uns unwillkührlich die flüssigen und trockenen
Blutflüsse (Hämorrhoiden) wieder ein, wofür uns leider! ein
ähnlicher, scharfsinniger luterpretator noch mangelt. Uebrigens
müssen diese beiderlei Krankheiten, nämlich die trockenen
Blutflüsse und die trockenen Wassersuchten, sehr nahe
miteinander verwandt sein, weil einige neuere Kommentatoren
(namentlich der gelehrte Pitschaft) in dieser Letzten nichts als
„offenbar verkappte Hämorrhoiden" gefunden haben. Wir
würden uns daher gar nicht wundern, wenn wir nächstens ein-
mal die scharfsinnige Ansicht ausgesprochen fänden, dass die
nassen Wassersüchten in nicht verkappten, sondern natür-
lich fliessenden Hämorrhoiden ihren Ursprung hätten, nur dass,
wie angeblich in Australien, der Strom seine Bichtung landein-
wärts nähme.
Es wäre übrigens sehr zu beklagen, wenn es ausser den
Abführungsmitteln nicht noch Andere und weit Zweck massigere
gäbe, um jene bösen Folgen zu vermeiden. Die Homöopathie
kennt aber in der That mehrere Arzneien, welche jenen vorher-
gehenden Beschwerden genügend entsprechen, und wovon die
Eine oder die Andere sicher dabei eine richtige homöopatbiscbe
Anwendung linden kann. Und wenn sich nun aucb in Folge
von Versäumniss oder böser Kunst eine solche Tympanitis be-
reits eingestellt hätte, so wäre darum die Sache noch lange nicht
als verloren zu betrachten, sondern (durch Beil., Op. , Coleb.,
Coloc. , Puls., oder einige Andere je nach den Umständen,)
IV. Buch. Aphorism 12. 197
sehr bald und sicher nuch Hülfe zu bringen, so lauge diese
nicht vorher schon unmöglich gemacht worden ist. 59j
12. Im Winter ist es schädlich, Personen, welche an der
Magenruhr leiden, nach Oben auszuleeren.
Die unverdauten Durchfälle, welche man Magenruhr
oder Lienterie zu nennen pflegt, liegen durchaus nicht inner-
halb des Wirkungs- Kreises desjenigen Mittels, dessen sich
Hippokrates und seine Schüler am Gewöhnlichsten als Brech-
mittel bedienten, nämlich der weissen Nie ss würz (Vera-
trum album). Kein Homöopath wird es sich daher einfallen
lassen, diese Arznei gegen eine solche Krankheit anzuwenden,
noch sich darüber wundern, wenn sie dabei nicht hilft. Wenn nun
aber die Gabe davon in solcher Grösse dargereicht wird, wie
es nöthig ist, um antipat bisch Erbrechen zu erregen: so ist
es leicht begreiflich, dass die andersartigen (allopathischen)
Eigen Wirkungen dieses heroischen Mittels zu der natürlichen
Krankheit hinzutreten und den Unglücklichen noch kranker
machen müssen, als er vorher war. Ein derartiger Hergang ist
so vollkommen in den unwandelbaren Gesetzen der Natur be-
gründet, dass er sich unter gleichen Umständen überall und
immer wiederholen muss. Wir haben daher auch die Ueber-
zeugung, dass der angeführte Nachtheil für den vorliegenden
Fall sich nicht auf den Winter allein beschränkt, und dass
Hippokrates diese Bedingung vielleicht nur deshalb in seinen
Lehrsatz aufgenommen hat, um ihn noch mehr mit dem Apho-
59) Schon Hahnemann erwähnt (in Cullens Mat. med. I, S. 288), dass
unter allen Kohlarten der Blumenkohl (Br. oler. Botrytis) und der
gefrorene Braun- oder Krause-Kohl (Br. oler. crispa) , (welchen Letz-
ten man merkwürdiger Weise in Paris nicht kennt,) die wenigsten Blähun-
gen erzeuge. Es ist aber nöthig, dass er, wie man es nennt, abgekocht
und das erste Siede- Wasser abgegossen werde.
198 IV- Buch' Aphorism 13, 14, 15, 16.
rism IV, 4 in Uebereinstimmung zu bringen, oder um einen
besonders erlieblichen Nachtbeil in dieser Jahreszeit damit
anzudeuten, ohne darum die Andern ganz auszuschliessen.
13. Diejenigen, welche durch Niesswurz nicht leicht zum
Erbrechen gebracht werden können, müssen vor dem
Einnehmen derselben reichlich angefeuchtet werden
und sich ruhig verhalten.
14. Hat Jemand Niesswurz eingenommen, so wirkt diese
heftiger, wenn sein Körper in Bewegung erhalten wird,
als wenn er schläft oder ruhet. Das Fahren zur See
zeigt deutlich, dass die Bewegung des Schiffes auch
die Stoffe im Körper in Bewegung bringt. 60)
15. Wenn man daher die Absicht hat, die Wirkung der
Niesswurz zu verstärken, so bewege man den Körper;
wo man sie aber schwächen will, da verordne man
Schlaf und Ruhe.
16. Für Gesunde ist der Gebrauch der Niesswurz gefähr-
lich; denn sie verursacht bei ihnen Krämpfe.61)
Die vier eben angefahrten Aphorismen (13 bis 16) sprechen
60) Die Südländer schreiben vielfach die Seekrankheit der Furcht
zu, indem sie von einem davon Befallenen sagen: er fürchtet sich vor der
See! (II craint la mer.) Auch hier mögen mehrere und verschiedene Ur-
sachen zusammentreffen, weshalb dem Einen nützt, was beim Andern ohne
Erfolg bleibt.
61) Alle Anstrengungen, aus diesem Schutte (der Arzneimittellehre^
ein festes Gebäude zu errichten, haben bisher fast mehr geschadet, als ge-
nützt; — denn es entbehrten nicht allein des sicheren Fundaments diese
Gebäude, so dass sie dem Zahn der Zeit nicht widerstehen konnten, son-
dern auch hypothetische Ansichten wurden durch sie eingeschwärzt als baare
Wahrheiten und pflanzten sich nun in der Wissenschaft mitunter wuchernd
fort, zu immer grösserem Trug und bedeutsamerer Täuschung verleitend.
Vogt, Lehrbuch der Pharm. I. Vorr. 6.
IV. Buch. Aphorism 16. 199
alle über die pathogenetische Wirkung des Veratrum
albuni, und können also füglicher Weise mit einer Glosse ab-
gemacht werden.
Zuvörderst tritt uns die bemerkenswerthe Eigenschaft der
JNiesswurz entgegen, dass Flüssigmachung des Magen-Inhalts,
mithin Gelränke überhaupt die. brechenerregende Wirkung
dieser Arznei vermehren. Dies isl , wie alle Homöopathen
wissen, eine der vorzüglichsten charakteristischen Eigen-
thümlichkeiten Derselben, welche eben in dieser Beziehung den
augenfälligsten Gegensatz iindet in dein Kupfer (Cuprum
metallicum), das in mehrfacher Hinsicht als deren Schwester-
Arznei betrachtet werden kann. Diese beiden Heilmittel bieten
uns eine lange Reihe von Symptomen dar, welche parallel
neben einander laufen, dieselben Tb eile des Organismus und
beinahe in derselben Weise affiziren, so dass sie Beide bei
manchen schweren Erkrankungen verschiedener Art mit einander
um den Vorzug streiten. Unter diesen Umständen eine
richtige Wahl zu treffen, würde oft äusserst schwierig fallen,
wenn nicht ein charakteristisches Zeichen vorhanden wäre,
welches hierbei jeden Zweifel beseitigt, nämlich: das Trinken,
besonders von einer kalten Flüssigkeit, wie Wasser. So-
bald nämlich die Beschwerden, nicht bloss des Magens und Unter-
leibes, des Erbrechens und des Durchfalls, sondern auch alle
sonstigen krampfhaften und schmerzhafte n Beschwerden,
die meistens im Geleite der Ersten gehen, von einem Trünke
kalten Wassers sich verschlimmern, so gehören sie zu dem
Bereiche des Veratrum: wenn sie sich davon hingegen bes-
sern, zu Dem des Cuprum, und in beiden Fällen ist die
Heilung durch die entsprechende Anwendung des einen oder
des andern Mittels gesichert. Dieser Unterschied in dem
Verhalten der Veratrum- und der Cuprutn- Krankheiten beim
Trinken ist um desto wichtiger, als er sich nur bei einer
200 IV- Buch- Aphorism 16.
geringen Zahl von Arzneimitteln (Calc. carb. und Caust.62)
etwa ausgenommen,) mit solcher Deutlichkeit und Entschieden-
heit ausspricht. Nur beim Phosphor haben wir eine eben so
seltene und ganz eigen thümli che Erscheinung ähnlicher
Art, nämlich die: dass ein Trunk kalten Wassers augen-
blickliche Linderung bringt, die aber sofort aufhört,
sobald das Getränk im Magen erwärmt ist, wo dann die
frühere Brechanstrengung sogleich mit erneuerter Heftigkeit wie-
derkehrt. 63)
Was die Beförderung des Erbrechens von Veratrum
durch Bewegung anltelangt, so ist die Beobachtung ebenfalls
ganz richtig, aber weit weniger charakteristisch, weil sich diese
Erhöhung bei diesem Mittel fast nur beim Erbrechen einstellt,
bei den meisten anderen Veratrum-Beschwerden aber das gerade
Gegentheil statt findet und mässsige Bewegung eher Lin-
derung verschafft. Meistens tritt überdem bei den, für dieses
Mittel angemessenen Krankheiten eine derartige allgemeine
Schwäche und Mattigkeit hinzu, dass jede Bewegung un-
möglich wird. Dieser Umstand, nebst den meistens dabei sich
einstellenden, äusserst schmerzhaften tonischen Krämpfen,
die gewöhnlich an den äussersten Extremitäten ihre Aus-
gangs-Stelle nehmen, macht die INiesswurz zu einem
Brechmittel, welches nichts weniger, als das Prädikat: ju-
cunde! verdient und daher in der Allopathie längst obsolet ge-
62) Dieser erst seit ein Paar Jahren von uns als konstant beobachtete
Unterschied in der Wirkung der Calc. carb. (Verschlimmerung von Trinken)
und Caust. (Besserung davon) beweiset (ausser manchem Andern), dass
beide Mittel keineswegs identisch sind, wie Einige haben behaupten wollen.
63) Jeder Homöopath begreift leicht die unermessliche Wichtigkeit,
welche solche bestätigte Erfahrungen für die Praxis haben, und es wäre
sehr zu wünschen, dass wir von allen Mitteln dergleichen kurze charakte-
ristische Kennzeichen und Eigentbümliclikeiten ermittelt hätten, welche mehr
als hundert andere Symptome die richtige Wahl zu fördern und zu sichern
geeignet sind.
IV. Buch. Aphorism 17, 201
worden ist. — Dass die Homöopathie sich Derselben zu
solchen Zwecken niemals bedient, obwohl Sie sonst häufig an-
wendet und zu ihren Polychresten zählt, ist bekannt genug.
Der letzte Aphorism (16), der den Nachthei.l der Niess-
vvurz für gesunde Leute erwähnt * gilt in grösserem oder ge-
ringerem Grade für alle und jede Arznei, sie mag Namen
haben, welchen sie wolle. Aber diese äusserst giftige und
arznei kräftige Wurzel besitzt einen derartigen Umfang von
Wirkungen der gewaltigsten Art, auch noch ausser dem
Erbrechen und den Krämpfen, dass die Nachtheile davon nur
um so grösser und die Anlässe zu schaden nur um so häufiger
sind. Insbesondere ist die Wirkung dieses Arzneistoffs auf Geist
und Gemüt h von der grössten Erheblichkeit, und vermittelst
desselben , richtig homöopalhisch angewendet, ist bereits that-
sächlich manche Geistesstörung und mancher Wahnsinn
geheilt, die in den Wirkungen keines andern Mittels ihr Simile
gefunden hätten und daher nalurgesetzh'ch auch durch kein An-
deres zu heilen gewesen wären. So wird , natürlich in sehr
verkleinerter Gabe, das ärgste Gift in den Händen des tüch-
tigen Homöopathen zu einem unersetzlichen Heilmittel,
und unter den gefährlichsten und verscbrieensten Stoffen,
welche die drei Naturreiche zum Schrecken, aber nicht
minder zum Segen der Menschheit enthalten, verdient die, in
der Allopathie fast obsolet gewordene weisse Nies s würz
unstreitig eine hervorragende Stelle und das Prädikat eines wah-
ren Polychrestes, welches für sich stark genug wirkt und
sein Alkaloi'd (Veratrin) überflüssig macht.
17. Wenn ein, übrigens fieberfreier Kranker an Abscheu
vor Speisen, Magenschmerzen, Schwindel mit Gesichts-
verdunkelung' und bitterem Mundgeschmack leidet,
so zeigt dies an, dass er nach Oben ausgeleert werden
müsse.
202 IV- Buch- Aphorism 17.
Die in diesem Aphorism aufgezählten Symptome bieten
uns einige wenige, aber im Allgemeinen wesentliche Züge zu
dem Bilde einer einfachen Magenverderbniss, und zunächst
einer Solchen, wie sie nicht selten nach Genuss von Seh wein e-
f 1 e i s c h oder andern fetten Speisen zu entstehen pflegt. 64)
Dieser Zustand dauert aber, wofern er nicht geheilt wird, mei-
stens weit länger, als die. nachtheiligen Speisen, die ihn her-
beigeführt haben, noch im Magen enthalten sind und daher so-
gleich im Beginne eine Ausleerung nöthig zu machen scheinen.
Es ist. leicht begreiflich, dass später der richtige Zeitpunkt dazu
nicht mehr vorhanden sein kann. Wenn also die Verdauung
über dieses Stadium hinaus noch gestört bleibt, und die
wenigen unschädlichen Speisen, die genossen werden, nicht den
natürlichen, gesunden und unbeschwerlichen Stoffwechsel in der
gehörigen Weise erleiden, sondern fortdauernd krankhafte Er-
scheinungen darbieten: so liegt dies offenbar nicht an Diesen,
sondern an einer zurückgebliebenen dynamischen Ver-
stimmung der Verdauungs-Organe, welche das Brech-
mittel nur dann zu heilen vermag, wenn es, neben seiner
emetischen Kraft, auch noch dynamisch dieser Krankheit
entspricht. Wo dies Letzte aber der Fall ist, da ist. das Er-
brechen nunmehro völlig un nöthig, wenn es nicht wegen der
Ueberfüllung schon gleich zu Anfange und freiwillig statt
gefunden hat, und eine kleine Gabe der homöopathisch passenden
Arznei wird unfehlbar, auch ohne jene Gewaltmaassregel
die Verdauungs-Organe in kurzer Zeit wieder herstellen.
Für manche, auf der Schwelle der Homöopathie stehenden
Aerzte dürfte hier noch die Bemerkung nicht überflüssig sein,
64) „Hippokrates" — sagt Sprengel in seiner Gesch. der Med. 1. S.
409 — „bildete niemals seine Indikationen nach der hypothetischen näch-
sten Ursache, sondern immer nach den offenbaren, wesentlichen
Symptomen und den entfernten Ursachen!1' — Und thun die Homöopa-
fhen etwas Anderes?
IV. Buch. Apkorism 17. 203
dass die oben angeführten Symptome nicht hinreichend sind,
um mit Sicherheit das richtige Heilmittel zu treffen. Da in-
dessen hier nicht der Ort sein kann, wo eine vollständige Auf-
zählung aller dabei möglicher Weise konkurrirenden Mittel, liebst
ihren wesentlichsten Unterscheidungs-Meikmalen zu geben wäre:
so wollen wir nur mit wenigen Worten Eins derselben anführen,
nämlich die Pulsatilla, die sehr oft für ähnliche Fälle
angezeigt ist. Wenn nämlich, ausser den Zeichen des Apho-
risms, der Kranke dabei ohne allen Durst ist, beständig über
Frost klagt, sich in der Ruhe, besonders in der warmen
Stube und in den Abendstunden am unwohlsten fühlt,
und hingegen weit besser in der Morgen zeit und bei einem
Spaziergange im Freien: so geben diese Symptome bereits
einen Beitrag zu dem Krankheitsbilde, welches für die Pulsa-
tilla geeignet ist. Wenn aber zu diesem noch ein weicher,
durchfallartiger Stuhl und ein sanftes, zum Weinen
geneigtes, nachgiebiges Gemüth hinzukommt: so wird un-
fehlbar die kleinste Gabe des erwähnten Mittels (Pulsatilla)
hinreichen, um in sehr kurzer Zeit, oft in vierundzwanzig Stun-
den, alle krankhaften Erscheinungen vollständig zu besei-
tigen.65) Wenn aber die eben angeführten Symptome nicht
zutreffen, und von Einigen derselben gar das Gegentheil vor-
handen ist: so ist dieses Mittel zuverlässig nicht das homöo-
pathisch Richtige, und, weil wir unsere Versuche niemals an
Kranken anstellen, ein Anderes aufzusuchen, welches allen diesen
Zeichen in der grössten Aehnlichkeit entspricht.66)
65) Im Jahre 1598 grassirte im ungarischen Lager eine Krankheit,
die Csörnör ^Tschömör) genannt wurde und von Tob. Cober ausführlich
beschrieben ist. Von allen epidemischen Krankheiten der Vorzeit kennen
wir Keine, welche so vollständig, wie diese, der Pulsatilla entspricht
De meme qu'en pathologie les symptomes n'ont pas tous la meme va-
leur, et doivent etre subordonnes les uns aux autres. de meme ceux des
medicaments doivent etre apprecies selon lern- importance.
Magnan, l'hom., p. 35.
66) Die Reihenfolge der Angriffe auf die Homöopathie und ihren
204 IV- Buch. Aphorism 17.
Wenn man ein solches umsichtiges Verfahren, seihst
hei einer so wenig erhehlichen Krankheit, wie ein hlosses Magen-
verderben, höhnischer Weise mit den Spottnamen: sympto-
matisches Kuriren, oder Symptomen-Deckerei belegen
will: so müssen wir uns das freilich gefallen lassen. Wie sollen
und dürfen wir dann aber, durch solch e Angriffe berechtigt,
das Verfahren vieler Allopathen benennen, welche kurzweg
und im Allgemeinen «'abei einen gastrischen Zustand dia-
gnostiziren, sofort das erste beste Brechmittel reichen
und hinterher noch Wochenlang den Kranken in der Stube
und im Bette einsperren, während er allerlei schlecht-
schmeckende und viel Geld kostende Mixturen, Tropfen
und Tränke nehmen muss, bis nach langem schweren
Kampfe die Lebenskraft endlich wieder die Oberhand
gewinnt?67) — Und wie. steht es dabei mit der Ehre und dem
Urheber liefert beachtenswerten Stoff zum Nachdenken über Sache und
Personen. Der erste Gegner war der gelehrte Heinroth, welcher in sei-
nem ,,Anti-Organon" unter der Flagge der Wissenschaftlichkeit die Homöo-
pathie als eine Unwahrheit darzustellen suchte, aber von dem Sohne Hah-
nemanns und von Gross mit schlngenden Thatsachen widerlegt wurde, und
seitdem schwieg. Dann folgte Simon in Hamburg, welcher, anstatt in an-
ständiger Weise und mit den Waffen der Wissenschaft und der Erfahrung
zu kämpfen, gegen den „Pseudo-Messias" (der Juden) und den ,, Organisten"
Schimpfworte ausstiess und seiner Galle Abfluss verschaffte, aber, wie na-
türlich, wenige Sympathien fand und endlich ebenfalls schwieg, weil Nie-
mand ihn einer Entgegnung würdigte. Neuerdings ist nun auch selbst Dieser
in Gemeinheit noch überboten von dem anonymen Verfasser der „Smuliade"
worin nicht mehr die Lehre, sondern nun gar der persönliche Ruf des
längst verstorbenen Urhebers derselben mit schmutzigen Händen angetastet
wird. Wenn ein wissenschaftlicher Kampf einmal bis in diesen Pfuhl der
gemeinsten Unfläthigkeit herabgesunken ist: so kann darüber kein Zweifel
mehr obwalten, auf wessen Seite der endliche Sieg verbleiben wird.
67) Magnum pathologiae detrimentum adfertur ex nonnullorum mrdi-
corum cacoethe, qua audito uno alterove cardinali, ut ita dicam , sympto-
mate, statim et praemature nimis, nomina morbis imponant, totamque no-
mini superstruunt indicationem.
v. d. Bosch. Hist. contr. epid. verm.
IV. Buch. Aphorism 18. 205
Rufe der beiden behandelnden Aerzte ? Der Homöopath hat,
wie ja der klare Erfolg zeigte, eine ganz unbedeutende Magen-
überiadung zu behandeln gehabt, welche ohne Zweifel auch ohne
seinen Beistand und ohne seine lächerlichen kleinen Pülver-
ehen eben so schnell beseitigt gewesen wäre. Der Allopath
hingegen hat, wie seine Behandlung und die lange Dauer
der Krankheit deutlich beweist, eine gefährliche gastrische
Krankheit, wahrscheinlich mit nervösem Charakter, zur Hei-
lung gebracht und nur. seinen tiefen Kenntnissen und seiner
angestrengtesten Sorgfalt ist es gelungen, den Kranken
zu retten.68) — Es lebe darum die Allopathie! — und hütet
Euch, ihr jungen Aerzte, vor der Homöopathie, denn sie
bringt weder Geld noch Ehre!69)
18. Wenn Schmerzen vorhanden sind, die überhaupt eine
Ausleerung- erfordern, so niuss bei Denen, welche ober-
halb des Zwerchfelles ihren (Sitz haben, nach Oben, bei
Denen unterhalb desselben, nach Unten ausgeleert
werden.
68j Paris besass im Jahre 1832 noch ■ nicht mehr als vier homöo-
pathische Aerzte. Der Flor dieser neuen Heilkunst datirt erst von dem
Tage an, als die dortige Akademie jenes berühmt gewordene, durch Stupi-
dität so ausgezeichnete Gutachten erstattete, in welchem sie behauptete, dass
die Prinzipien derselben in dem Maasse aller gesunden Vernunft wider-
stritten, dass es nicht der Mühe lohne, sie einer eingehenden Prüfung zu
unterwerfen und Versuche damit anzustellen. Ein Jahr später zählte Paris
dreissig homöopathische Aerzte. — Facts are stubborn things!
6i)j Galenus, der 14 Jahrhunderte in der Medizin regierte, musste wäh-
rend seines Lebens aus Rom flüchten, um den Verfolgungen der griechischen
Aerzte daselbst zu entfliehen.
In der Sitzung vom 4. Januar 1856 wurden von der „societe anato-
mique" zu Paris einstimmig ausgeschlossen die DU. Tessier, Gabalda, Fre-
dault und Jousset, „comme auteurs de publications hoinoeopathiques1', und
gleichzeitig ein Anderer, dessen Namen rücksichtsvoll in der „Gazette heb-
domadaire" verschwiegen wird, ,,pour un acte iletrissant, dejk puni par la
justice.'' — in ähnlicher verhöhnender und unwürdiger Weise enthält das
„Reglement de l'association des medeeins de Paris" folgenden Artikel:
206 IV' Bllch- Aphorism 19.
Wir überlassen diesen Lehrsatz der gegenwärtig, wer weiss
wie lange noch, herrschenden Schule , indem wir keine Gelegen-
heit haben, ihn anzuwenden. Wir enthalten uns daher auch,
eben weil es uns Nichts angeht, auf die Bedingungen der Aus-
leerungen noch besonders hinzuweisen, obwohl, selbst vom allo-
pathischen Standpunkte aus beurtheilt, gar häufige Verstösse
dagegen vorkommen.
19. Diejenigen, welche in Folge einer genommenen Arznei
abführen, ohne Durst zu bekommen, werden erst mit ein-
tretendem Durste damit aufhören.
In wiefern diese Beobachtung nach einem genommenen Ab-
führungs-Mittel richtig ist, können wir aus Mangel an Erfahrung
weil wir Solche niemals anwenden, weder bestätigen noch be-
streiten. Dass aber bei manchen natürlichen Krankheiten oft
Durchfälle mit gleichzeitigem Durste vorkommen und
dabei lange fortdauern können, Das wissen wir genau, und fin-
den dies namentlich bei Denjenigen, welche vorzüglich auf Ars.,
Bry,, Cham., Chin., Dulc, Bheum., oder Ac. sulph. deuten. Frei-
lich waren dem Hippokrates von diesen Mitteln nur höchstens
die drei Ersten bekannt, und nur die Cham.70; (wenn das
£vävd")]iiov desselben wirklich unsere Pflanze war,) wurde davon
innerlich zur Beförderung der Menstruation und der Lochien,
wie noch heute, aber nicht als Abführungsmittel gebraucht.
„Toul. membre qui acceptera une consultation avec un somnambule, mag-
netiseur, homocopathe ou charlatan de la meine espece, sera considere
comme demissionaire."
70) Dr. Merat (Nouv. Flore des environs de Paris 1812, pag. 332;
bemerkt schon , dass die von ihm beschriebene französische Pflanze nicht
die wahre Linne'sche Matricaria Chamomilla sei, wie sie Smith (Fl. britan.
II, p. y02) beschrieben hat, aber doch eben so als Arznei gebraucht werde.
IV. Buch. Aphorism 20, 21, 22, 23. 207
20. Wenn ein, übrigens fieberfreier Kranker an Leibschnei-
den und Schwere in den Knieen und Lenden leidet,
so zeigt dies an, dass er nach Unten abgeführt werden
üiess ist die folgerichtige Konsequenz des Aphonsms IV,
18, und der diesem entsprechende Gegensatz zu dem Aphorism
IV, 17, auf dessen Glosse wir Kürze halber verweisen. - — Aber
ist diese Vorschrift auch dem Contraria contrariis angemessen?
21. Schwarze, dunklem Blute ähnliche, mit oder ohne Fie-
ber und freiwillig abgehende Stuhlausleerungen sind
äusserst gefährlich, und zwar um desto mehr, je
schlechtere Farben sie annehmen. Sind sie hingegen
eine Folge von Abführungsmitteln, und weniger schlecht
von Farbe : so sind sie auch weniger bösartig.
22. Es ist tödtlich, wenn zu Anfange irgend einer Krank-
heit schwarze Galle von Oben und Unten abgeht.
2'd. Diejenigen, welche durch akute oder chronische Krank-
heiten, oder nach Verletzungen, oder auf sonst irgend
eine Weise abgezehrt sind , sterben am Tage darauf,
wo ihnen schwarze Galle oder ein dem schwarzen
Blute ähnlicher Stoff abgegangen ist.
Diese drei Aphorismen handeln unverkennbar von der Tödt-
lichkeit jener Krankheit, welche man mit dem Namen: morbus
niger Hippocratis (Melaena , morbus spleniticus, schwarze
Krankheit) in den pathologischen Lehrbüchern bezeichnet und
beschrieben findet und ihre ungemeine Gefährlichkeit bestä-
tigt, die besonders wegen der damit verbundenen und in kurzer
Zeit den höchsten Grad erreichenden Schwäche oft so schnell
einen lethalen Ausgang herbeiführt.
Es liegt gar zu weit ausser unserem Zwecke, bei dieser
Krankheit eine Parallele zwischen der allopathischen und homöo-
208 IV- Buch. Aphorism 24.
pathischen Behandlung aufzustellen. Wir begnügen uns daher,
hier nur ein Mittel zu nennen, nämlich den Arsenik, welcher
bei Prüfungen am Gesunden alle wesentlichen Zeichen und
Erscheinungen dieser Krankheit in grösster Aehnlichkeit
hervorgebracht und, in Getnässheit des Grundprinzips der Ho-
möopathie in der angemessensten (kleinsten) Gabe angewendet,
Überali sichere Hülfe geleistet hat, wo er noch rechtzeitig
angewendet wurde. Erst eres kann jeder Zweifler in unserer
R. A.-M.-Lehre, Letzteres in unserer Literatur an mehreren
Stellen, z. B. im Archiv d. h. H. VII, 2 und VIII, 1 linden. Nur
müssen wir noch hinzufügen, dass auch, wenngleich nur selten,
noch einige wenige andere Mittel zur Konkurrenz kommen,
namentlich in den Fällen, wo diese Erscheinungen in Folge ver-
dorbener S ä f t e d urch eine vorhergegangene a n d e r e Rrank-
heit, oder nach schweren Verletzungen innerer Tb eile,
wie im Aphorism 23 angedeutet ist, auftreten. Hier muss dann
ebenfalls den anamnestischen, so wie den gegenwärtigen
Zeichen, welche meistens denen der eigentlichen Melaena nur
theilweise und nicht vollständig entsprechen, Rechnung getragen
werden. Indessen wird in diesen letzten Fällen, wenn solche
Erscheinungen sich bereits eingestellt haben, alle Hülfe meistens
zu spät kommen.
24. Es ist tödtlich( wenn die Ruhr von der schwarzen
Gralle ihren Ursprung- nimmt.
Wir gestehen gern, nicht zu wissen, was Hippokrates mit
diesem Lehrsatze eigentlich hat sagen wollen. So viel scheint
wohl offenbar, dass hier die bösartige schwarze T» alle im
Gegensatze zu der müderen Gelben stehen soll. Demnach
wäre unter der hier bezeichneten Krankheit eine, gleich vom Be-
ginne an nur schwarze Exkremente ausleerende Gallenruhr
IV. Buch. Aphorism 25. 209
(Cholera)71) verstanden, welches aber bei der Krankheit, die
wir mit diesem Namen bezeichnen, wohl nie der Fall ist,
wenn sie auch zuweilen im letzten Stadium solche tödlliche
Zeichen darbieten kann. Wir vernmthen daher, dass hier noch-
mals die Melaena der vorigen Aphorismen gemeint ist. und dass
nur zum Schlüsse die damals herrschende theoretische Ansicht
von der schwarzen und gelben Galle sich wieder geltend
machen sollte.
25. Es ist böse, wenn Blut, gleichviel von welcher Be-
schaffenheit, nach Oben ausgeleert wird.*, gut aber, wenn
schwarzes Blut nach Unten abgeführt wird.
Dass jede Blutau slee rung durch den Mund gefährlich
ist, uder Solches doch leicht werden kann, ist bekannt genug.
Waruni aber allein die Ausleerung von schwarzem Blute,
71J Die älteste Cholera-Heilung vermittelst des Hauptmittels der
Homöopathie (Veratrum albura) findet sich wohl in der 11. Krankenge-
schichte des V. Buches der Landseuchen von Hippokrates, welches zu den
^vielleicht unechten) hippokratischen Schriften gezählt wird. Es ist daher
zu verwundern, dass die hippokratischen Aerzte unserer Zeit bei ihren
zahllosen Versuchen diese, freilich etwas obsolet gewordene Arznei dabei
versäumt haben. Wenn nun aber schon unterm 9. Sept. 1831, mithin beim
ersten Auftreten der Cholera in Deutschland, auf Allerhöchsten Befehl durch
Herrn etc. von Wiebel den sämmtlichen kön. pr. Medizinal-Collegien die
Resultate mitgetheilt wurden, welche bis dahin in den Petersburger Militär-
Hospitälern bei 14 verschiedenen Behandlungsarten erlangt waren, und
unter diesen einzig und allein Die (No. 5) mit Veratr. alb. den befriedi-
gendsten Erfolg gezeigt hatte: so scheint hier noch etwas Schlimmeres, als
blosse Unwissenheit obgewaltet zu haben. Dieser Verdacht wird ausdrück-
lich in einer Anmerkung des etc. v. Wiebel an dieser Stelle ausgesprochen,
indem er sagt: „Warum mögen trotz dieses so günstigen Erfolges
die Versuche mit diesem Mittel nicht vervielfältigt worden sein?" — Es
ist dabei nöthig anzumerken, dass die Zahl der Versuchs-Personen betra-
gen hatte: 1392, der Genesenen: 561, der Hoffnung Gebenden: 352, der
Gestorbenen: 319 und der Hoffnungslosen: 160. Von den mit Veratr.
alb. behandelten Kranken, nur 7 an der Zahl, waren 4 genesen, 2 gaben
Hoffnung, und nur 1 war gestorben.
14
210 1V- 'Buch. Aphorism 26.
nicht von Hellfarbigem, vom After gut sein soll, ist nicht
wohl zu begreifen, wenn anders, wie es doch scheint, hier nur
von den Blutungen der goldenen Ader (sogenannten fliessenden
Hämorrhoiden), und nicht von denen aus dem Darmkanal, die
Rede ist. Freilich sind die Hämorrhoi'dal- Ausflüsse gewöhnlich
dunkel, aber nicht schwarz gefärbt, und nicht selten ist
dieses Blut auch von etwas hellerer Röthe. Auch die, in den
vorhergehenden Aphorismen 20 bis 23 bei der Melaena erwähn-
ten Abgänge schwarzen Blutes scheinen mit diesem Lehrsatze im
Widerspruche zu stehen.
26. Es ist todtlich, wenn bei einem Ruhrkranken fleisch -
artige Stückchen abgehen.
Eine nicht seltene Erscheinung besonders bei der wahren
H erb struhr, wobei, anstatt des kothigen Barminhalls, anfangs
nur blutiger Schleim, dann Hautstückchen und wie Ab-
schabsel von den Gedärmen und, wenn es mit dem Patienten
zu Ende geht, wie Fleisch-Klümpchen abgehen, Alles mit
dem heftigsten Tenesmus. Alle diese Zeichen finden ihr
Simile in dem Quecksilber, welches auch als spezifisches
Heilmittel in der ersten Linie steht. Aber zu den Zeiten des
Hippokrates war dieses Metall in Europa noch gänzlich unbe-
kannt, indem es erst im eilften Jahrhunderte zuerst durch ara-
bische Aerzte, denen wir überhaupt vieles Nützliche zu ver-
danken haben , eingeführt wurde. Indessen ist auch , wie in
vielen andern Krankheiten, diese Arznei keineswegs die allein
und jederzeit II ülf reiche, und namentlich in dem ersten
Stadium stellen sich die Ncbenanzeigen oft so , dass Apis melk,
Cantharis, oder Colchicum aut. den Vorzug verdienen und das
Leiden schnell beseitigen. Das Prädikat der entschiedenen Tüdl-
lichkeil bat daher für unser Zeitalter seine Gültigkeil verloren,
IV. Buch, Aphorism 27, 28. 211
wenn die Hülfe nur zeitig genug und aus der richtigen Quelle
geholt wird.
27. Diejenigen, welche bei einem Fieber viel Blut verloren
haben, es möge sein, auf welchem Wege es wolle,
bekommen während der Rekonvaleszenz durchfällige
Stuhlgänge.
Diese Erfahrung findet in der That auch heute noch zahl-
reiche Bestätigung, und liefert ein anamnestisches Zeichen,
worauf die Homöopathie mit Recht ein bedeutendes Gewicht legt.
Wir beschränken diesen Lehrsatz daher nicht auf die Fieber,
sondern dehnen ihn auch auf chronische Krankheiten aus, wie
Solches ebenfalls in der (unechten) hippokratischen Schrift: die
koischen Vorhersagungen (naunai TCQoyvaxseig) geschehen
ist. Tu der ansehnlichen Reihe von Heilmitteln, welche bei
solchen, oft gefährlich werdenden Zuständen zur Wahl kommen,
steht die China an der Spitze. Aber man hüte sich, dieses
Mittel ohne Weiteres zu verordnen, wo die Zeichen nicht
genau zutreffen. Eben aus dem Grunde, weil diese China hier
so oft passt, und zu Anfange ihres Gebrauchs, auch wo sie nicht
völlig homöopathisch angemessen ist, nicht selten eine fast zau-
berartige Wirkung hervorbringt, wird man sich nur gar zu leicht
bewogen finden, die Gaben zu wiederholen oder gar zu
verstärken, sobald die Besserung nachlässt. Wie verderblich
ein solches Verfahren ist, werden aufmerksame und vorurteils-
freie Homöopathen unter Anderen auch in diesen Fällen nur zu
bald erfahren, wenn sie eine hartnäckige „Konsequenz" über
das sorgfältige „Individuali siren" stellen.
28. Gallichte Durchfälle hören auf, sobald sich Taubhörig-
keit einstellt-, und hinwiederum vergeht die Taubhörig-
keit beim Eintritt solcher Bauchflüsse.
212 IV- Buch. Aphorfsm 29.
In diesem Äphorism, der ebenfalls, wie es scheint, den
(wahrscheinlich vor- bürokratischen) kölschen Vorhersagungen
entlehnt und von Celsus (II, 8) wiederholt ist, kann wohl nur
von akuten Krankheiten die Rede sein, wo unter den beglei-
tenden Beschwerden solche Gehörfehler eben so vorkommen,
wie andere Fehler des Gesichts, des Geruchs, oder noch
häufiger des Geschmacks. Die Erklärungen solcher Er-
scheinungen, die meistens bewunderungswürdig gelehrt aus-
fallen, aber oft auch ebenso weit auseinander laufen, wollen
wir den gelehrten Pathologen überlassen. Für uns gehören
solche Zeichen wesentlich zum Gesammt-Krankheitsbilde als ein
wichtiger Charakter -Zug, worauf das Heilmittel passen muss,
und es fällt uns nicht ein, so lange zu warten, bis die
Natur oder, wenn man will, die Lebenskraft das Eine für
das Andere substituirt hat. 72)
29. Wenn sich bei Fieberkranken am sechsten Tage Frost
einstellt, so folgt eine schwierige Entscheidung.
Es scheinen hier diejenigen Fieber gemeint zu sein, welche
sich zufolge Aphor. II, 23 in vierzehn Tagen entscheiden sollen,
und wobei nun diese Entscheidung gegen die Mitte der Zeit ihres
Wachsthums eine Störung erleidet, die Solche verzögert und da-
her schwieriger machen muss. Ein neuerer Kommentator knüpft
hieran, ob mit Recht oder Unrecht, steht uns nicht zu zu ent-
scheiden, folgende Beschuldigung für einige Aerzte, deren Ver-
tretung wir Ihm allein überlassen müssen: — „Fehlerhafte
72) In des Hippokrates iniörmicöv ro sktov finden sich zahlreiche
Neben -Symptome angeführt, welche bei der Behandlung der Kranken
Beachtung verdienen, und wobei man nur bedauern muss, dass dabei nicht
auch die bezüglichen Mitte] augegeben sind, wie solche in der homöopa-
thischen A.-M. -Lehre mit grossem Fleisse gesammelt sind.
IV. Buch. Aphorism 30 213
Behandlung, verwegene Afterkunst eingriffe , sowohl zu weit ge-
triebenes antiphlogistisches , als reizendes Verfahren bringen
dieses Ereigniss sehr häufig hervor." — Vor solchen Vor-
würfen sind mindestens die Homöopathen gesichert!
30. Wenn die Fieberanfälle täglich genau um dieselbe,
gleichviel um welche Stunde sich erneuern, so ent-
scheiden sich diese Krankheiten schwer.
Hippokrates scheint zunächst bei diesem Aphorism diejeni-
gen Wechselfieber im Auge gehabt zu haben, deren Anfälle täg-
lich genau um dieselbe Stunde wiederkehren, ohne vor-
oder nachzusetzen. Bei solchen eintägigen Fiebern wird
gewöhnlich, ebenso wie bei allen Andern, zu dem universellen
Fiebermittel, der China und deren verschiedenen Präpara-
ten gegriffen, aber noch heute, wie zu den Zeiten des Hippo-
krates, mit mehr als zweifelhaftem Erfolge. Eben unter
diesen Patienten kommen die Meisten vor, welche trotz dieses
„unfehlbaren Fieber-Heilmittels", viele Monate, selbst
bis zu anderthalb und zwei Jahren, sich damit herumschleppen
und nicht eher davon erlöset werden, als bis die China sie in
anderer, ihr eigenthümlichen Weise krank gemacht hat und
der Patient nun nocb elender ist, als während des Fiebers
selbst.73) In diesem beklageuswerthen Zustande suchen dann
endlich die Unglücklichen oft noch Hülfe und Bettung bei den
73) Beispielsweise heben wir uuter andern Anzeigen der China bei
Wechselfiebern hervor: das Eintreten eines auffallend vermehrten Durstes
in der Periode des Ueberganges vom Fi'oste zur Hitze, so wie von der
Hitze zum Schweisse, und nach dem beendigten Fieber, wo sich oft auch
üebelkeit und Brecherlicbkeit , selbst Erbrechen einstellt. Diese deutlich
erkennbaren Symptome bietet in ihrer Gesammtheit kein Einziges von allen
unsern sonstigen Arzneien, und dürfen sie deshalb jederzeit als charakteristisch,
wenn auch nicht als allein inaassgebend, angesehen werden. — Die Allo-
pathie kennt dergleichen nicht.
214 lV- Bu<-"h. Aphorism 30.
Homöopathen, welche nur durch umsichtige Anwendung der ver-
schiedenen Antidote der China und, wenn chronische Be-
schwerden, wie dieses oft der Fall ist, dabei aufgeweckt sind,
durch die sorgfältig ausgewählten, für Diese passenden Arzneien
geleistet werden kann. Wenn aber Kranke dieser Art sogleich
bei uns Rath holen, so fehlt es uns nicht an Heilmitteln, welche
auch diese regelmässige und pünktliche Wiederkehr
von Fieber-Anfällen unter ihre charakteristische Zeichen zählen,
(wie Ant. crud. , Cina, Ignat. und vorzüglich Sabad.), und je
nach den sonstigen begleitenden Beschwerden homöopathisch
richtig angewendet, jedesmal diese Fieber eben so sicher
und eben so vollständig heilen, als jedes Andere, und zwar
ohne die mindesten nachtheiligen Folgen zurückzulassen.74).
Wir dürfen diese Gelegenheit, um unserer Glosse über die
zu bestimmten Stunden oder Tageszeiten wiederkehrenden
Verschlimmerungen noch einige Worte beizufügen, um so weni-
ger unbenutzt vorbeigehen lassen, als in den Schriften des Hippo-
krates überhaupt so wenig darüber gesagt ist, und die darin ent-
haltenen Angaben über die Periodizität sich fast ausschliess-
lich auf den Verlauf und die E n t s c h e i d u n g e n der Krankheiten
beziehen. Durch die Prüfungen der Arzneien am gesunden
Menschen hat es sich aber deutlich herausgestellt, dass bei den
Meisten derselben sich eine mehr oder weniger regelmässige
Erhöhung oder Abnahme der dadurch erregten Beschwerden
auch nach der Tageszeit richtet, und die Erfahrung hat uns
gelehrt, dass bei Anwendung des Aehnlichkeits- Gesetzes auch
hierauf nicht minder Rücksicht genommen werden muss, als
auf die Einflüsse der verschiedenen Lagen und Umstände.
Es finden sich Manche darunter, wo solche periodische Exa-
zerbationen so ziemlich für alle dem Mittel angehörende
74) Causa vero physica et tantopere a philosophis quaesitd rerum
natura est illud in rebus iguotum, a quo vires emanare solent.
Pitcairn , opusc. III, 59.
IV. Buch. Aphorism 30. 215
Krankheits-Erscheinungen gelten, Andere, wo Solche für ver-
schiedene Beschwerden zu verschiedenen, aber doch
wieder bestimmten Tageszeiten aufzutreten pflegen, noch
Andere, wo solche Zeitpunkte des Anfangs und des Endes
scharf begrenzt sind. Als Beispiel von diesem Letzten wollen
wir Kürze halber nur die ziemlich konstante allgemeine Ver-
schlimmerung von 4 bis 8 Uhr Abends anführen, die wir bisher
nur bei zweien Mitteln, dem Helle borus niger und dem
Lycopodium clavatum, beobachtet haben, und die oft allein
hinreicht, um bei der Mittelwahl den Ausschlag zu geben, wo
oft viele Andere mit den beiden Genannten um den Vorrang
streiten. Je geringer die Zahl der Arzneistoffe, ist, die in
dieser Beziehung einer besonderen Tageszeit oder Stunde ent-
sprechen, um so mehr fallen sie dabei ins Gewicht, und wenn
sich bei der Wahl von dieser Seite her Widersprüche erhe-
ben, so darf und muss man Diese jederzeit als triftige Gegen-
indikationen ansehen, wovon weder Hippokrates und seine
Schule, noch die Allopathie etwas wissen. Für uns Homöopathen
ist daher die sorgfältigste Ermittelung dieses Periodizitäts-
Moments bei der Aufnahme eines Krankheitsbildes eine drin-
gende Notwendigkeit, die niemals ausser Acht zu lassen ist,
und der Mangel derselben, ebenso wie die der sonstigen Ver-
schlimmerungs-Momente ist am Gewöhnlichsten die Ursache,
weshalb die umständlichsten, von allopathischen Aerzten aufge-
stellten Krankheits-Geschichten in der Regel für uns ganz un-
genügend und unbrauchbar sind. Wenn z. B. ein gelehrter
Allopath einen ausführlichen, bogenlangen Bericht über einen
Nerven fieberkranken aufsetzt: so wird er sicher nicht
unterlassen, die pathologischen Kennzeichen dieser Krankheit mit
aller Vollständigkeit zu beschreiben, und auch, wenn sie vorhan-
den sind, der Gliederschmerzen zu erwähnen. Aber für den
Homöopathen ist das Alles zur sichern Mittelwahl unzureichend,
und er wird erst dann im Stande sein, sich für eine Arznei
216 IV- Buch- Aphorism 30.
zu entscheiden, wenn er zu dem Allen nur noch weiss, oh
der Kranke Abends, in der Wärme und bei jeder Bewegung
(Bry.J, oder Morgens, bei Abkühlung und in der vollstän-
digsten Ruhe (Rhus) eine Erhöhung verspürt. Ganz in der-
selben Weise verhält es sich mit den Neuralgien, wie z. B.
Zahn- oder Gesichtsschmerzen, welche die Allopathen selbst
zu ihren Scandalis zählen und für deren Beseitigung oft
„goldene Berge versprochen" werden.75) So wenig hierbei der
ganze gelehrte anatomische und pa th o logische Kram den
mindesten Nulzen schafft, so leicht werden Diese von einem ge-
übten Homöopathen geheilt, wenn er nur den Einfluss von
Zeit und Umständen genau hat erforschen und dem entspre-
chend seine Mittel wählen können. r6)
75) In physicis rebus sine experimento philosophari idein est, ac si
coecus de colore Judicium ferre insipientius praesumeret.
Kivcher, rriund. subt. X, c. 3.
76) Der Mangel an pathologischer Wahrheit kann durch .scholastisches
Schematisiren nicht ergänzt werden. Dr. M. H. Romberg.
A la maxirne d'Hippocrate : „Naturam morborum curationes ostendunt!"
— Hahnemanu a substitue la formule: „Vires medicamentorum curationes
ostendunt!" Dr. Taxil, l'Homoion. 1, 10, 219.
„Die Therapie" — sagt unser trefflicher Freund Stens in der ersten
Zeile seiner Therapie unserer Zeit, — „ist die eigentliche Blüthe der Me-
dizin." Und in der That selbst unsere Pathologie und Nosologie sind im
Wesentlichen Therapeuthische, weil sie dazu dienen, unter den oft zahl-
reich konkurrirenden Arzneien diejenige anzuzeigen , welche für den kon-
kreten Fall die Passendste , mithin die Hülfreichste ist. Es handelt sich
hier also nur in soweit um das Generelle, was alle Krankheiten derselben Gat-
tung mit einander gemein haben, als dies zu einer generellen Diagnose erforder-
lich ist. Weit erheblicher und durchaus unentbehrlich ist für uns die Er-
forschung derjenigen Zeiclren, welche den einzelnen Mitteln angehören, und
eben so die Einen indiziren, wie sie die Andern ausschliessen. Hiernach
begreift es sich leicht, dass ein genügendes Krankheitsbild nur von Dem
aufgestellt werden kann, welcher alle diese Zeichen kennt und zu würdigen
versteht, und dass eine, oft bogenlange, von einem gelehrten Allopathen
entworfene Beschreibung für den Homöopathen völlig ungenügend und un-
brauchbar ist. In noch weit höherem Grade ist dies der Fall, wo bloss
von Namen die Rede ist, unter denen oft eine ssahllose Metige der ver-
IV. Buch. Aphorism 31. 217
31. Bei Fiebern, welche von ungewöhnlicher Mattigkeit
begleitet sind , stellen sich leicht Geschwülste an den
Gelenken und an den Kinnbacken ein.
Dieser Lehrsatz, ohne Zweifel ein Ergebniss der Erfahrung,
ist von Galenus koinmentirt und von Celsus (II, 7) wiederholt,
kann aber doch wohl nicht als allgemein gültig angenommen
werden. Allerdings sind dergleichen Fieber, namentlich Wechsel-
Geher, auch bei uns in den letzten zwanzig Jahren einige Male
vorgekommen, wo sich Gelenk- und Drusen-Geschwülste,
besonders an den Knieen und Unterkiefern einfanden, und die
fast jedesmal in der Calc. carb. ihr Heilmittel hatten, so dass
dann diese metastatischenBeschwerden sich niemals einstellten.
Diese Fieber zeichneten sich dadurch aus, dass Frost und
Hitze entweder schnell mit einander abwechselten, oder
gleichzeitig vorhanden waren, indem der Frost inner-
lich, die Hitze aber äusserlich war, gewöhnlich mit Herz-
klopfen und nachfolgendem profusen Seh weisse, wozu
die Neigung bei den Rekonvaleszenten oft längere Zeit anhielt,
und welcher noch die Eigenthümlichkeit hatte, dass er bei Be-
wegung in der freien kalten Luft am heftigsten hervor-
trat, und nur im ersten Schlafe im Bette, nicht in der Mor-
genzeit sich zeigte. Nachdem dieses Fieber kaum ein Paar
Monate geherrscht hatte, trat in zweien Jahren nach einander
an dessen Stelle ein Anderes , welches wegen der ungeheuren
Kopfschmerzen während der Hitze und einiger andern
schiedenartigsten Beschwerden begriffen ist. deren Jede ihr besonderes Heil-
mittel verlangt. Wir können daher nicht oft genug wiederholen, dass wir
gegen Kopfweh, Zahnweh, Magenweh, Husten, Schlaflosigkeit, Wechsel-
fieber u. s. w. keine überall passende Mittel besitzen, und beim Maugel an
hinreichenden Symptomen an die Allopathie oder an die Zeitungen verwei-
sen müssen, welche „unfehlbare Mittel" im Ueberflusse für alle dergleichen
Beschwerden ankündigen . bis wir unsere spezielle Therapie in Anwendung
bringen können.
218 IV. Buch. Aphorism 32,
Zeichen Natrüm niuriaticum77) verlangte, und dadurch eben so
schnell als vollständig geheilt wurde. Auch hei diesen Fie-
bern blieb die China ohne allen Erfolg, und viele damit Be-
handelte suchten gegen die oben angeführten Beschwerden am
Ende bei uns Hülfe.78)
Indessen ist die grosse Schwäche und Mattigkeit keines-
wegs als ein Kriterium zu betrachten, woraus für die obige
hippokratische Schlussfolgerung eine, auch nur gewöhnliche Be-
rechtigung zu entnehmen wäre. Vielmehr giebt es der Fieber
Viele, wo, ungeachtet der übergrossen Hinfälligkeit schon bei und
nach den ersten Anfällen, weder das Eine noch das Andere ein-
tritt, sondern Beschwerden ganz anderer Art. So haben wir
z. B. derartige ermattende Fieber gesehen, denen heftige
Kopfschmerzen von traumvoller Schlummer sucht unter-
brochen (Ars.); Andere, denen rheumatische Gliederschmer-
zen mit unlöschbarem Durste und häutigem Harnlassen
(Lyc); noch Andere, denen Magendrücken mit Erbrechen
alles Genossenen, Blutdrang zum Kopfe und Athembeengung
folgte (Ferr.), und noch mehrere Modifikationen verschiedener
Art. Wenn man aber solche Fälle genau betrachtete, so erkannte
man durchgehends bald, dass auch hierbei das chronische
(psorische) Miasma, dieser vielgestaltige Proteus, sein
leidiges Spiel trieb , und dass bei manchen lange und schwer
Erkrankten ohne Anwendung des Schwefels das Ziel nicht
zu erreichen war.
32. Diejenigen, welche nach überstandener Krankheit an
77) Wenn Homer (II. IX, 214) das Salz göttlich nennt, so will er
damit wohl nur die grosse Nützlichkeit desselben ausdrücken und es nur als
Beiwort brauchen, wogegen der Schwefel das wirkliche fttlov ist und heissi.
78) „In der Medizin" — sagt ELufeland in seinen kl. med. Schriften
II, S. 285. — „heisst es mehr, als irgendwo: an ihren Früchten sollt ihr
sie erkenne)!."
IV. Buch. Aphorism 33, 34, 35. 219
irgend einem Theile ihres Körpers Schmerzen empfin-
den, bekommen daselbst Geschwülste.
In der Allgemeinheil, wie dieser Erfolg hier ausgesprochen
ist, dürfte sich derselbe doch nicht in der Erfahrung bestätigt
finden. Jedenfalls ist aber ein derartiger Vorgang ein zuverlässi-
ges Zeichen, dass die Krankheit nicht wirklich geheilt war,
sondern nur, nach der nicht seltenen Unart der chronischen
Leiden, ihre Form und Gestalt verändert und zur gründ-
lichen und dauerhaften Heilung noch tiefer eingreifender Mittel
bedurft hätte.
33. Wenn aber bereits vor der Krankheit ein Theil des
Körpers leidend gewesen ist, so nimmt sie Diesen zu
ihrem Sitze.
Die Bestätigung dieses Aphorisms erleben wir täglich, und
am meisten da, wo die früher en Beschwerden palliativ be-
schwichtigt sind. Wenn aber ein solches früheres Leiden gründ-
lich und im vollen Sinne des Worts geheilt war, so wird dies
nicht erfolgen. Wenn z. ß. ein rheumatisches Zahnweh,
bei übrigens gesunden Zähnen, homöopathisch geheilt war.
so wird ein später durch neue Erkältung oder sonst auf's Neue
Entstandenes selten zunächst an derselben Stelle wieder
auftreten. Solche Erfahrungen machen wir ebenfalls täglich.
34. Es ist tödtlich, wenn ein Kranker, ohne eine Geschwulst
im Halse zu haben, plötzlich von Erstickung befallen
wird.
35. Es ist tödtlich, wenn einem Fieberkranken plötzlich
der Hals verdreht wird, und er, ohne vorhandene Ge-
schwulst im Halse, fast nichts mehr durchschlingen
kann.
220 IV- Buch. Aphorism 35.
Diese beiden Aphorismen gehören offenbar zusammen und
enthalten Symptome, die fast nur bei der Hydrophobie vor-
kommen, in der That hat auch ein neuerer Kommentator diese
darauf bezogen, wahrscheinlich mit aus dem Grunde, weil nach
allgemeinem Dafürhalten die einmal zum Ausbruche gekom-
mene Wasserscheu nicht mehr zu heilen ist, mithin die
angeführte Tödtlichkeil dieser Zeichen völlig zutreffend ist.
Bei unserer Stellung als blosser Glossator können wir uns in-
dessen der etwaigen Zweifel an der Richtigkeit dieser Vermuthung
für überhoben ansehen und getrost einen kleinen Abstecher
in das Gebiet der Hundswuth unternehmen.
Ohne uns dabei gar zu weit in das bisherige Verfahren der
Allopathie einzulassen, wollen wir nur im Vorbeigehen er-
wähnen, dass diese Schule die äussere Behandlung als die
Wichtigste und Unentbehrlichste ansieht, und dass sie
selbst gesteht, das eigentliche Wesen dieser gefährlichen Krank-
heit noch nicht zu kennen. Eine Hauptautorität in diesem
Fache (Rust, Aufsätze und Abhandlungen a. d. G. der Medizin,
Band II,) äussert sich in dieser Beziehung folgender Maassen :
— „Ich für meinen Theil halte jedes Mittel, das nicht unmittel-
bar auf die wunde Stelle selbst angewendet wird, und von dem
nicht bewiesen ist, dass es durch eine spezilische Reaktion das
aufgenommene Wuthgift zu zersetzen, unwirksam zu machen,
oder auf irgend einem Abführungswege zu entfernen im Stande
ist, für unzureichend, die Wasserscheu zu verhüten, und in wie-
fern durch den frommen Glauben an die Untrügliebkeit solcher
spezifischen Mittel die örtliche Behandlung vernachlässigt wird,
für gefährlich."79)
79) Wie willkürlich oft verfahren wird, um einer Theorie zu gefallen,
die S. 51 dess. W. mit einer Folie — (6h folie oder tairi?) verglichen
wird, ei nein Mittel unter Mehreren den Erfolg zuzuschreiben und ein An-
deres für unwirksam zu erklären, lesen wir z. B. in der ,. Darstellung etc.
über die Wasserscheu" von J>. Wendt (Breslau 1842;, bei Gelegenheit, wo
IV. Buch. Aphorism 35. 221
Wir glauben nicht zu irren, wenn wir Dies, mit. sehr weni-
gen Ausnahmen, für die allgemein herrschende Ansicht der
allopathischen Schule halten, welche darin mit der homöo-
pathischen Schule in dem entschiedensten Widerspruche
steht. Wir nämlich he trachten die Wasserscheu ihrem
Wesen nach nicht Anders, als jede andere dynamische Krank-
heit, die deshalb auch nach denselben Grundsätzen zu hehan-
deln und zu heilen ist. Aus diesem Grunde legen wir das
hauptsächlichste Gewicht auf die eigenthümlichen und cha-
rakteristischen Symptome dieser Krankheit, und beachten
das Verhalten der Bisswunden nur als Kennzeichen von den
Fortschritten der Heilung, hüten uns also wohl davor,
uns selbst diese Merkmale zu verdunkeln.
In unserer langen Praxis haben wir selbst nur zwei Fälle
von bereits aus gebrochen er Wasserscheu zu bebandeln
gehabt. Der Erste davon ist im Archiv für die hom. Heilkunde,
Band X, Heft 3, S. 85 ff. ausführlich mitgetheiit. Er betraf eine
bereits allopathisch äusserlich und innerlich (überkräftig)
behandelte. Hydrophobie, die dessenungeachtet schnell und
vollständig geheilt wurde. Der Zweite kam im Jahre 1854 vor,
wo ungewöhnlich viele tollwülbige Hunde erschienen, die merk-
würdigerweise trotz der grossen Hitze in den drei vorletzten
Jahren fast gar nicht mehr vorkamen. Dieser Letze betraf
einen Landmann in den besten Jahren, der vor sieben Tagen
von einem solchen Hunde in die Hand gebissen war, und der
heute früh beim Waschen die ersten Anfänge im Kopfe ver-
spürt hatte. Er machte sich deshalb schleimigst auf den Weg,
er S. 75 ff. die Breraschen Versuche im Hospital zu Crema einer Kritik
unterzieht. Hier wurden von 12 gebissenen und behandelten Personen 4
gerettet, die neben andern Mitteln auch Belladonna bekommen hatten,
und dennoch sollten diese durch Quecksilber und Salivation geheilt sein,
welche bei den übrigen 8 Personen ohne Belladonna nichts gefruchtet
hatten,
222 IV- Buch. Aphorism 35.
um bei uns Hülfe zu suchen. Während wir eben beschäftigt
waren, die Symptome genau zu erforschen , überkam ihm der
zweite Anfall auf unserer Stube, und brachte uns damit in
eine eben nicht angenehme Situation. Es begann mit einem
schmerzhaften Ziehen vom Nacken herüber zur Stirne, dar-
auf unmittelbar Funken vor den Augen und gänzliches Ver-
gehen des Gesichts, mit rothem Angesichte und unwill-
kürlichem Knirschen mit den Zähnen. Der Patient wurde
sofort zum Sitze geführt, nach rückwärts angelehnt und Ruhe
geboten, dem er noch Folge zu leisten im Stande war. Nach
fünf Minuten etwa war der Anfall vorüber, und nun erhielt er
sogleich eine kleinste Gabe Bellad. (200) auf die Zunge gelegt,
so wie noch zwei Andere desgleichen , nebst zweien Zwischen-
gaben Hyosc. (200),. um davon alle vierundzwanzig Stunden Eine
zu nehmen. Der Erfolg war vollständig. Am sechsten Tage
stellte er sich wieder ein und versicherte, seitdem auch nicht
die mindeste E r m a h n u n g mehr davon gehabt zu haben.
Weil indessen die gebissene Stelle noch eine etwas bläuliche
Farbe durchscheinen liess, erhielt er noch einmal die vorerwähn-
ten Pulver, jedoch mit der Aenderung, dass nun, eben wegen
der noch bläulichen Färbung, statt des Hyosc, die Lach,
als Zwischenmittel gewählt wurde. Acht Tage später, wo er
sich abermals meldete, war alles geheilt und von natürlicher
Farbe, von sonstigem Unwohlsein nicht das Mindeste mehr wahr-
zunehmen , und der Gerettete erfreut sich bis heule der unge-
trübtesten Gesundheit.
Das prophylaktische Verfahren der beiden rivalisiren-
den Schulen entspricht vollkommen den obigen Ansichten und
Behandlungsweisen. Wo die Allopathie schneidet, ätzt
und brennt, was wolü Niemand jucunde nennen kann, da giebl
die Homöopathie einfach und ruhig ihre kleinen weissen süs-
sen Pulver eben,80) welche diejenige Arznei in hoher Dyna-
80) Mais pour le public qni ne voit d.ms nos remedes que des pou-
IV. Buch. Aphorism 36. 223
misation enthalten, die den gewöhnlichen Zeichen der Hydro-
phobie in der grössten Äehnlichkeit der Wirkungen entsprechen.
Unter Diesen steht die Belladonna an der Spitze, und um die
Wirksamkeit Derselben noch mehr zu sichern, wählen wir davon
nicht nur eine hohe Dyna misation, wodurch unserer Erfah-
rung gemäss der W i r k u n g s k r e i s einer Arzneisubstanz u n g e-
mein erweitert wird, sondern geben noch als Zwischenmittel
einmal Hyosc, andermal Stram., weil diese beiden Mittel, neben
ihrer theilweisen Symptom en-Aelmlichkeit mit Der der wahren
Hydrophobie, auch noch die Eigenschaft haben, den Organismus
für die Einwirkung der Beilad. empfänglicher zu machen. Dieses
Verfahren hat sich nun auch faktisch in dem Maasse be-
währt, dass heutiges Tages und in einem weiten Umkreise
von. zehn Gebissenen mindestens Neun bei Uns Hülfe suchen,
und unter den Hunderten, die unsere Präservative gebraucht
haben, ist brs zur Stunde noch bei keinem Einzigen ein
Ausbruch dieser schrecklichen Krankheit, oder auch nur die
leiseste Anwandlung davon erfolgt.
Wir schreiben kein Lehrbuch über Homöopathie ; man könnte
uns aber zum Vorwurf machen, dass wir bloss obige vier Mittel
genannt und Canth., Cupr., Merc, Phosph. und Sabad. vergessen
hätten, zu denen vielleicht auch noch Apis., Ars., Calc. , Jod.,
Ruta und Veratr. gehören ; so wollen wir daher diese hier bloss
nachtragen, wenn wir sie bisher auch noch nicht gebraucht haben.
36. Diejenigen Schweisse, welche sich bei Fieberkranken
am dritten, fünften, siebenten, nennten, eilften, vier-
zehnten, siebenzehnten, einundzwanzigsten, siebenund-
dres Manches, ce seront toujours des poudres contre le sang qu'il deman-
dera; et il est fort etonne qu'on le soumette ä un exauien si minutieux,
pour aboutir ä un remede qu'il croit toujours etre le meme.
Dr. L. Malaise, clin. hom. p. 269.
224 lv- Bucn- Aphorism 3<".
zwanzigsten, einunddreissigsten und vierunddreissigsten
Tage einstellen , sind heilsam , weil sie die Krankheit
entscheiden. Wenn solche aber an anderen Tagen
eintreten, so deuten sie auf Erschöpfung, Langwierig-
keit der Krankheit und Rückfälle.
Bei der Aufmerksamkeit, welche Hippokrates auf die kri-
tischen Tage verwendet hat,81) und wovon dieser Aphorism
auf's Neue Zeugniss ablegt, ist es fast unerklärlich, dass von
den täglichen Erhöhungen oder Linderungen der Be-
schwerden nach den verschiedenen Tageszeiten nirgends die
Rede ist, indem doch diese Unterschiede fast bei jeder Krank-
heit so deutlich in die Augen treten , dass sie unmöglich über-
sehen werden können. Die Ursache mag indessen wohl darin
liegen, dass die hippokratischen Beobachtungen und Angaben sich
durchgängig auf kritische Zei tabs chnitte für die Entschei-
dungen beziehen, mithin nur als prognostische Zeichen
und Anhaltspunkte für ihn von einigem Werthe waren, das
Verhalten nach den Tageszeiten hingegen nur gleichsam
therapeutische Indikationen liefert, von denen Hippokrates
damals noch weniger Gebrauch machen konnte, als die heutige
Allopathie, weil Beiden die erforderlichen pathogenetischen
Kenntnisse abgehen, um sie zu verwerthen. Welchen uner-
setzlichen Werth diese Letztern für uns haben, weiss jeder
Homöopath aus seiner täglichen Erfahrung immer mehr zu wür-
digen, und legt deshalb ein weit grösseres Gewicht hierauf, als
auf die sogenannten kritischen Tage und Erscheinungen der
alten Schule, die ihm zur richtigen Wahl der Mittel, welche ihm
stets und überall für1 die Hauptsache gilt, keine Anhaltspunkte
darbietet. 82)
81) Bekanntlich haben, zum grossen Schaden für die Wissenschaft,
spätere hippokratisehe Schwärmer das pythagorische Zahlen-System mit der
Lehre von den kritischen Tagen verbunden, ohne zu bedenken, dass in
dieser Letzteren der 11. und der 17. Tag ohne Bedeutung sind.
82) Wie Manchem mag es noch heute gehen, wie dem Fabricius ab
IV. Buch. Aphorisin 37, 38. 225
37. Kalter Schweiss kündigt in sehr hitzigen Fiebern den
Tod, in Gelindem Langwierigkeit der Krankheit an.
Der kalte Schweiss ist in vielen Fällen der wirkliche
Todesschweiss; aber in manchen Krankheiten ist er auch
ein sehr charakteristisches Zeichen für chronische Zu-
stände, und namentlich dann, wenn er besonders im Nacken
auftritt. In der That bezeichnet auch Hippokrates eben diese
Stelle für den kalten Schweiss in zweien seiner Schriften
(tceqi xyiaiav und 7tqoyvo6tiKov) ausdrücklich, und es ist merk-
würdig, dass unser Hauptmittel für chronische Krankheiten, näm-
lich der Schwefel, fast ausschliesslich diesem Symptome ent-
spricht.
38. Wo am Körper Schweiss ausbricht, da ist auch der
Sitz der Krankheit.
Der hier ausgesprochene, in der Wirklichkeit sehr häufig
bestätigte Lehrsatz, findet mancherlei Anwendung in der Praxis.
Um hierüber nur Ein Beispiel anzuführen , erinnern wir an die
fürchterlichen. Geist und Körper zerrüttenden Folgen der
geheimen Jugend-Sünden, welche häufiger vorkommen, als
man glauben sollte. Die daraus entstehenden , oft ungemein
verschiedenen Beschwerden lassen nicht immer mit Sicherheit
auf die Ursache schliessen, während auch hier für die Behand-
lung, sowohl was die Wahl der Mittel, als die diätetische
Lebensweise und die angemessenen Ermahnungen anbelangt,
die Kenntniss solcher anamnestischen Zeichen von grosser
Erheblichkeit ist. Sehr häufig kommen dabei Fälle vor, wo un-
mittelbare Nachforschungen in dieser Beziehung wenigstens so lange
Aquapendente , der die Yenenklappen entdeckte, aber den wahren Zweck
derselben nicht zu ermitteln vermochte.
15
226 1V- Buch. Aphorism 39.
durchaus unstatthaft sind, bis die onanistischen Ge-
wohnheiten ausser Zweifel stehen, und sehr oft würde sich da-
durch der Arzt der Gefahr aussetzen, entweder die Scham-
haftigkeit, dieses heilige Palladium besonders der weiblichen
Jugend, zu verletzen, oder gar zu derartigen, bisher unbe-
kannten Verirrungen Veranlassung zu geben. Unter solchen
schwierigen Umständen, die neben der vollständigen Renntniss
der individuellen Krankheits-Symptome, auch die grösste Behut-
samkeit erheischen, ist natürlich alles Dasjenige erwünscht, was
auf ganz unanstössige Art näheren Aufschluss zu geben im Stande
ist, und dazu gehört namentlich auch besonders der vorherr-
schende Schweiss um und an den geschwächten Genita-
lien, der dabei fast jedesmal in auffallender und oft in ganz
e i gen th um lieber Weise vorhanden ist. Hierüber alter Aus-
kunft zu erlangen, bringt schon weniger Verlegenheit, wenn nur
die Fragen behutsam gestellt werden, und wenn man dabei von
dem Allgemeinen auf das mehr Oertliche und Besondere über-
geht. Wenn sich nun dabei, wie nicht selten, besondere Eigen-
tümlichkeiten des Seh weisses herausstellen, wie z. B. die,
dass er während der Bewegung weniger heftig ist, als
gleich darauf während der nachfolgenden Ruhe des Körpers
(Sep.): so erhält man dadurch eine bestimmte Einweisung auf
eine Arznei, von deren homöopathischen Anwendung man jedes-
mal der erwünschtesten Heilwirkung versichert sein kann. 83J
39. Wo an irgend einem Theile des Körpers Hitze oder
Kälte vorhanden ist, da ist auch der Sitz der Krankheit.
Dieser Aphorism erleidet viel häutigere Ausnahmen, als der
83) Scientia nihil aliud est quam yeritatis imago: a&m veritas Essendi
et veritas Cognoscendi idem sunt, aec plus :i se invieem differunt, quam
radius directus et radius reflexu . Baco, de augm, scient. 1.
IV. Buch. Aphorism 40. 227
Vorhergehende. Die Gesich tshitze z. B. bei einigen Magen-
beschwerden, die kalten Füsse bei Unterleibsleiden,
die heissen Handteller bei hektischen Fiebern, und
Viele dergleichen mehr stehen damit in geradem Widerspruche.
Es scheint daher, dass Hippokrates hierbei mehr angehende
örtliche Beschwerden im Auge gehabt hat, die noch nicht so
weit gediehen sind, dass sie sich auf sonstige Art äusserlich
zu erkennen geben können. Für uns hat daher dieser Lehr-
satz, so wie er da steht, nur einen sehr bedingten Werth, der
lediglich durch Hinzutritt von noch andern speziellen Empfindungen
und Nebenbeschwerden in erheblicher Weise Beachtung verdient,
besonders in den Fällen, wo es sich darum handelt, ein eben
entstehendes und noch nicht ausgebildetes Uebel wo möglich
im Keime zu ersticken.
40. Wenn der ganze Körper abwechselnd bald kalt bald
warm wird, und eben so die Farbe wechselt, so deutet
Dies auf eine langwierige Krankheit.
Auch dieser Lehrsalz, der von Celsus (II, 5) wörtlich wie-
derholt wird, kann auf allgemeine Gültigkeit durchaus keinen
Anspruch machen. Es giebt allerdings viele chronische Krank-
heiten, bei denen ein solcher öfterer Wechsel von Kälte und
Hitze zu den eigenthümlichen Zeichen der dafür geeigneten
Arzneien wiedergefunden wird. Aber bei vielen akuten Krank-
heiten ist dieses nicht minder der Fall, namentlich bei denjeni-
gen Nervenfiebern, die auf Bry. oder Bhus deuten, bei Er-
kältungsfiebern, die sich für N. vom. eignen, sowie bei
manchen andern leichteren oder schwereren Fiebern, welche ihre
Heilmittel in Amm. mur., Ghin., Creos., Samb., Veratr. u. Andern fin-
den. Es lässt sich mithin aus diesem wiederholten Wechsel von Kälte
und Hitze nicht füglich einen Schluss ziehen auf die Langwierig-
15*
228 1V- Buch. Aphorism 41.
keit einer Krankheit, die thatsächlich durch Anwendung des rich-
tigen homöopathischen Heilmittels in wenigen Tagen völlig und
dauerhaft beseitigt werden kann.
41. Ein starker Schweiss, der ohne erkennbare Veranlas-
sung während des Schlafs ausbricht, zeigt an, dass der
Körper zu stark genährt wird. Geschieht dies aber
bei Jemandem, der nicht eben zu Viel isset, so ist das
ein Zeichen, dass er einer Abführung bedarf.
Dieser Aphorism hat reichliches Wasser auf die Mühle der
Humoral pathologen gebracht, die ihn deshalb auch, wie andere
dahin Gehörige, fleissig ausgebeutet haben. Wo die Saburren
und die atrabilarischen Unreinigkeiten, ihrer Hypothese
nach , die Hauptrollen spielen , da versteht es sich ja ganz von
Selbst , dass sie ausgefegt werden müssen. Auf diesem Wege
wollen Jene nicht nur innere Krankheiten, sondern selbst die
Hautübel, Ausschläge, Flechten, Geschwüre n. dergl.,
die vermittelst des Malpighischen Netzes mit dem Darmkanal in
enger Verbindung stehen ; beseitigen, und handeln daher nicht
anders als konsequent, wenn sie auch den krankhaften Schweiss
dazu rechnen. Dass unsere dynamischen Ansichten sehr weit
davon abweichen, brauchen wir nicht zu sagen. Wir wollen
daher auch nur mit kurzen Worten erwähnen, dass die oben
genannten Erscheinungen in den meisten Fällen zu den Zeichen
eines chronischen Leidens gehören, und nicht eher dauerhaft
verschwinden, als bis Dieses gründlich geheilt ist, wozu aber
weder Hungerkur, noch Abführmittel hinreichen. Diese
können nur dann helfen , wenn die „erkennbare Veranlassung"
in einer Ueberfüllung zu linden ist, die hier aber ausdrücklich
ausgeschlossen wird.
IV. Buch. Aphorism 42, 43. 229
2. Ein unausgesetzt fortdauernder, warmer oder kalter
Schweiss zeigt eine Krankheit an, und zwar der Kalte
eine Schlimmere, der Warme eine Gelindere.
Ein solcher beständiger Schweiss ist, an und für sich
schon natürlicher Weise ehen so gut eine krankhafte Fieber-
erscheinung, wie beständiger Frost und Hitze. In der That
belegt man jene gewöhnlich mit dem Namen Schweissfieber,
womit aber im Grunde Nichts, als ein einzeln dastehendes Symp-
tom angegeben wird, welches für sich allein natürlich zur Mittel-
wahl nicht hinreicht. Wenn wir die vielen Arzneien betrachten,
die hierbei zur Anwendung kommen können , und wovon wir
nur die Hauptsächlichen, nämlich: Acon., Ars., Ery., Ipec, Merc.
Op., Rhus., Samb. und Sepia namhaft machen : so ist es ein-
leuchtend, dass zahlreiche, unter sich gänzlich verschiedene
Krankheits -Zu stände dieses Symptom aufzuweisen haben, und
dass mithin der Namen selbst dabei völlig gleichgültig ist. Für
Saburral- und Nom enklator- Aerzte mag daher der Namen:
Febris helodes ausreichen; für uns sogenannte Symptomen-
Decker ist dies nicht der Fall.
43. Anhaltende Fieber, die sich jedesmal mit dem dritten
Tage verstärken, sind die Gefährlicheren; wenn sie
aber irgendwie aussetzen, so hören sie auf, gefährlich
zu sein.
Dies ist ein aus den kölschen Vorhersehungen übernomme-
ner Erfahrungssatz, der in vielen Fällen auch heute noch seine
vollkommene Richtigkeit hat. Der Umstand , dass dabei nicht
nur keine Remissionen eintreten, sondern mit dem dritten
Tage Verschlimmerung sich einstellt, deutet hinlänglich an,
dass das Fieber ungemein mächtig ist und die Lebenskraft gänz-
lich beherrscht. Es ist daher nöthig. so schleunig als mög-
230 IV- Buch- Aphorism 44, 45.
lieh die richtigen Mittel anzuwenden, und nicht damit zu war-
ten, bis die Krankheit einige Tage Zeit gehabt hat, ihre Bös-
artigkeit vollständig zu entfalten. Hier gilt es also, sogleich die
Zeichen sorgfältig zu einem genügenden Krankheitshilde zu sam-
meln, damit ja nichts Verkehrtes angewendet werde, was
das Uebel nur um so schlimmer machen würde. Eben so wäre
es aber auch ein schlechter Rath, beim Beginne irgendeines
Fiebers den müssig zuschauenden Beobachter zu machen, und
den dritten Tag abzuwarten, um zu sehen, ob bis dahin
die Natur ohne alle Beihülfe nicht etwa eine günstigere Wen-
dung eintreten liesse. Wenn irgendwo, so ist es unstreitig unter
solchen Umständen, dass die homöopathische Behandlung
ganz an ihrem Orte ist, weil sie sich weniger darum beküm-
mert,— was etwa noch kommen kann, als um das, was eben
vorhanden ist und durch die wahrnehmbaren Symptome den
Arzt in den Stand setzt, die hülfreiche Arznei ohne Zeitver-
lust zu finden und zu reichen.84) — Man kann Dies nicht oft
genug wiederholen, damit es nicht vergessen werde.
44. Diejenigen, welche an langwierigen Fiebern leiden,
bekommen Geschwülste oder Schmerzen an den Ge-
lenken.
45. Diejenigen, welche in Folge langwieriger Fieber Ge-
schwülste oder Schmerzen an den Gelenken bekommen
haben, nehmen allzu reichliche Nahrung zu sich.
Diese beiden Aphorismen gehören zusammen, und die Mei-
nung des llippokrates scheint Die gewesen zu sein, dass die
genannten, durch chronische Fieber entstandenen Beschwer-
84) Helleborum frustra cum jam cutis aegra tumebit,
Poscentes videas: venienti oecurrite morbo.
Pers. Satyr. 3.
IV. Luch. Aphorism 46. 231
den durch magert' Diät, d. h. durch Hungerkur zu besei-
tigen wären. Nun, wir wollen den Patienten, die sich dazu
enlschliessen, von ganzem Herzen ein: Wohl bekomm's! zuwün-
schen ; aber wir bitten freundlich, uns selbst damit zu verscho-
nen, da wir Mittel besitzen, womit wir den beabsichtigten Zweck
mindestens eben so luto und cito, aber dabei gewiss viel mehr
jucunde zu erreichen wissen.
46. Es ist tödtlich, wenn einen Kranken, der an einem
nicht aussetzenden Fieber leidet und schon entkräftet
ist, ein Starrfrost befällt.
Ein solcher Zustand ist in der That beinahe hoffnungslos,
und Niemand wird für die Rettung eines Patienten dieser Art
noch einsteben können. Die Thätigkeit der Lebenskraft scheint
dabei völlig erloschen und zu keiner Reaktion mehr fähig zu
sein; und wo Diese fehlt, da kann natürlich auch von der
Wirkung irgend einer, gleichviel ob allopathischen, oder homöo-
pathischen Arznei keine Rede mehr sein, indem Diese eben
von dem Leben abhängig, und am Todten unmöglich ist.85)
Indessen kennen wir unter unsern Heilmitteln, welche für
Starrfrost in geringeren Graden überhaupt passen und zur
Wahl kommen, besonders Drei, die selbst in solchen verzweifel-
ten Fällen zuweilen noch Hülfe zu bringen im Staude! sind und
wirklich Hülfe gebracht haben, nämlich: den Kampfer, den
Mohns afl und die Holzkohle.86)
85) Die älteste Spur von der Erkenutniss der heilenden Reaktion der
Lebenskraft, unabhängig von dem Willen der Seele und als notwendiges
Naturgesetz finden wir in Joubert's Paradoxen, (Dec. I, par. 4. 1566).
86) Ein ganz vorzügliches und häufig anwendbares Mittel gegen Mangel
an Reizbarkeit und Reaktionsfähigkeit, besonders für alte Leute, be-
sitzen wir in der Carb. veg., aber unsern Erfahrungen zufolge, fast nur in
den kleinsten Gaben einer Hochpotenz. In übrigens dafür angemessenen
232 IV- Buch- Aphorisra 46.
Vermittelst des Ersten (Camph.) wurden in der That
mehrere Personen, die sich in Folge der schnell tödtendcn
Cholera, welche die Franzosen le Cholera foudroyant nennen,
in diesem Zustande noch gerettet, nachdem sie ohne alle Lebens-
zeichen bereits zu den Abgestorbenen gerechnet und bei Seite
geschafft waren. Ein, wie wir vermuthen, noch heut lebendes
Beispiel dieser Art ist der Oesterreichische F.-M.-L. Clam-Gallas,
welcher im Jahre 1831 an dieser Krankheit anscheinend ver-
schieden und ohne Lebenszeichen daliegend, durch den längst
verstorbenen Grafen Lazansky bloss durch Kampfer- Spiri-
tus wieder ins Leben zurückgebracht wurde, — eine Heilung
nach Hahnemanns Vorschrift, die damals durch viele Zeitungen
die Runde machte, aber doch in Vergessenheit gerieth. 87)
In ähnlicher Weise kann auch der Mohnsaft noch uner-
wartete Rettung bringen, wo die natürliche Reaktion der
Lebenskraft fehlt, und wo der Kranke am ganzen Körper
kalt und steif, und mit Schweiss des bläulich aufge-
dunsenen Gesichts, wie ein Todter daliegt. Dieses Mittel
besitzt nämlich in so ausgezeichnetem Grade, wie kein Anderes,
die Fähigkeit, die Reaktion der Lebenskraft zu erwecken und
zu stärken, und wird daher von den Homöopathen häutig in
solchen Fällen angewendet, wo aus Mangel derselben die richtig
gewählte Arznei ohne Wirkung bleibt. Nur da, wo in wahren
(psorisch-) chronischen Krankheilen dieser Umstand vorban-
den ist, vertritt am besten der Schwefel dessen Stelle, indem
es das gleichsam miasmatische Hinderniss, welches hier
der Reizlosigkeit zum Grunde hegt, kräftig niederhält und die
Fällen übertrifft sie da den Mohnsaft, sowohl in Bezug auf Wirksamkeit,
als auf Dauer derselben.
87) Pour justiner devant l'opinion publique l'iinpuissance de l'art, on
a imagine un stratagernc fort ingenieux, et qui consiste ä dire , qu'on ne
connait pas le Cholera, et que , par eonsequent, on ne peut eonnaitre les
moyens de le guerir. Magnan. 1'lioniaeop. p. (i.
IV. Buch. Aphorism 47. 23o
natürliche Lebenskraft von ihren hemmenden Fesseln be-
freit. Die Anwendung dieses unschätzbaren Mittels ist daher
vielleicht noch häufiger , als die des Mohnsaftes , und bringt oft
in wunderbar kurzer Zeit die überraschendsten Erfolge zu Wege.88)
47. Bei nicht aussetzenden Fiebern ist jeder graue, blutige,
übelriechende oder gallichte Hustenauswurf böse; er-
leichternd aber, wenn er von guter Beschaffenheit ist.
Eben so verhält es sich mit den Stuhl- und Harn-
Ausleerungen. Ueberhaupt ist es böse, wenn auf die-
sen Wegen Nichts fortgeschafft wird, was Erleichterung
verschafft.
Die Absonderungen aus der Brust, aus dem Darm-
k anale und aus den Harnorganen bieten, besonders bei
chronischen Kranken mit ununterbrochenem Fieber eine unge-
mein grosse Mannigfaltigkeit dar, die sich mehr oder weni-
ger von dem Natürlichen unterscheidet, und in beinahe demsel-
ben Maasse mehr oder weniger ungünstige und gefährliche
Zeichen abgiebt. Die Homöopathie erkennt dies nicht nur voll-
ständig, sondern ist auch ernstlich bemüht gewesen, für diese
Symptome nicht minder, als für alle Andern, diejenigen Arz-
neien kennen zu lernen, welche Jeder dieser einzelnen Abnor-
mitäten besonders entsprechen. Die auf diesem, früher
wenig betretenen Felde gesammelten Materialien sind bereits in
sehr ansehnlicher Menge aufgespeichert, und noch fortwährend
ist es unser ernstlichstes Bestreben, sie noch zu vermehren und
zu vervollständigen. Die IN othwendig ■ k e i t , in allen Punkten
88) Maasslosigkeiten im Anpreisen von Lieblingsmitteln finden wir
nicht bloss bei den Enthusiasten unter den Aerzten , sondern auch unter
den besonnenen Beobachtern. So sagt Sydenham (Op. III.) vom Mohn-
safte: „Ohne dieses Mittel bestehe die Kunst nicht mehr, und mit demsel-
ben könne ein geschickter Arzt Dinge verrichten , die man für Wunder
halten sollte. Es sei das Opium das herrlichste Cardiacum, beinahe das
Einzige, was in der Natur vorkomme."
234 IV- Bucl)' Apliorism 48.
das ähnlich Wirkende anzuwenden, macht es uns zur gebie-
terischen Pf lieh t, auch hierbei die geringfügigsten Verschieden-
heiten scharf zu beachten, damit die Wahl der richtigen Arznei,
die bei uns stets für die Hauptsache gilt, möglichst gesichert,
und dabei alles Zweifelhafte ausgeschlossen sei.89)
48. Es ist tödtlich, wenn ein Kranker, bei einem nicht
aussetzenden Fieber, innerlich brennende Hitze mit
heftigem Durste empfindet, während die äusseren
Theile kalt sind.
*
Wenn auch in den kölschen Vorhersehungen, denen dieser
Apliorism entlehnt zu sein scheint, dieser Zustand nur als sehr
gefährlich bezeichnet wird, so darf man doch das hier stehende
d-avccöifiov wohl nicht anders, als (wie gewöhnlich) mit dem
Worte: tödtlich wiedergeben, da auch Celsus (II, 5) einen solchen
Kranken unrettbar nennt.90) Dieses darf in der That um so
weniger Wunder nehmen, als von den beiden, uns bekannten
Hauptmitteln für diese Krankheitsform, nämlich Ars. und
Veratr., so viel -aus den übrigen Schriften des Hippokrates zu
ersehen ist, damals hierbei keine Anwendung gemacht wurde.
So häufig auch zu dieser Zeit namentlich das Letzte in Ge-
89) Bei der Versammlung hom. Aerzte Rheinlands und Westphalens
zu Münster am 31. Juli 1856 hat der Verf. dazu einen Beitrag geliefert,
welcher in der „Allgem. Hom. Zeitung, Band 53, No. 10 und 11" abge-
druckt ist. Einen solchen, seitdem Vervollständigten, findet man in der
im Jahre 1860 (bei Coppenrath in Münster) erschienenen Brochure dessel-
ben, unter dem Titel: „Die homöopathische Behandlung des Keuchhustens
in seinen verschiedenen Formen", worin auch, weil es zu dessen Charak-
teristik gehörte, auf sonstige Hustenarten und deren Eigentümlichkeiten
Rücksicht genommen wurde, und welche also auch sonst noch in dieser
Beziehung brauchbar ist.
90) In malis jam aegrotum esse, ubi exterior pars corporis frigat, in-
terior cum siti calet, supra posui. Sed tune quoque unicuin in frictioBe
praesidium est; quae si calorem in cutem evoeavit, potest alicui medicinae
locum facere. Celsus II, 14.
IV. Buch. Aphorism 49. 235
brauch war, so diente es doch in der Regel zu Ausleerun-
gen, besonders gastrischer Unreinigkeiten nach Oben, und ausser-
dem (eigentlich homöopathisch) bei Wahnsinn und bei bös-
artigen Durchfällen. In den gewöhnlichen starken Do-
sen,91) wie damals die weisse Nicsswurz gereicht wurde, hätte
sie auch nur den Tod beschleunigen müssen, während sie
in kleinen und dynamisirten Gaben, wenn die übrigen Ne-
benzeichen zutrafen, noch Rettung gebracht haben würde, so
lange Diese nämlich noch im Rereiche der Möglichkeit gelegen
hätte. In solchen verzweifelten Fällen, welche die schleunigste
Hülfe erheischen, erfährt man erst recht, wenn man nur den
Muth dazu besitzt und seine grob materialistischen Vor-
urtheile überwinden kann, den grossen Y ortheil der höhe-
ren und höchsten Dynamisation, die wir mit dem Namen :
Hoch-Pötcnzen bezeichnen. Leider ist diese grosse Wahr-
heit, ein eben so zuverlässiges Ergebniss einer sorgfältigen Er-
fahrung, wie die, worauf unsere ganze Lehre begründet ist,
selbst im eigenen Lager der Homöopathie noch vielfach
verkannt, und, was das Reklagenswertheste ist, am heftigsten
und lautesten erheben sich dagegen die jüngeren Adepten,
denen es gerade in dieser Reziehung an aller und jeglicher
Erfahrung mangelt.92)
49. Es ist ein Zeichen des nahen Todes, wenn bei einem
nicht aussetzenden Fieber die Lippe, das Auge, oder
die Nase sich verziehen , oder wenn der schon er-
schöpfte Kranke nicht mehr sieht, oder nicht mehr
91) Nur die Quantität macht das Gift. Paracelsus.
92) AI fijar la atencion sobre los progresos que ha hecho la terapeu-
tica homeopatica en los Ultimos tiempos, me parece uno de los mas im-
portantes para la hümanidad doliente el de la elevation de los medicamen-
tos ä dinamizaeiones altisimas.
Dr. J. Nunez, boletin ofic. 1 (1846).
236 R'- Buch. Aphorism 49.
hört, oder wenn sonst Zufälle ähnlicher Art sich bei
Ihm einstellen.
Solche Erscheinungen gehören zu denjenigen, welche den
Uebergang vom Zustande des dynamisch-lebenden Kör-
pers zu Dem des Materiell-Todten bilden. Hier hören meistens
die Funktionen der edleren Organe zuerst auf. und die
geheimnissvolle, in ihrem eigentlichen Wesen gänzlich unbekannte,
in ihrer Herrschaft über den lebenden Organismus aber um
desto deutlicher erkennbare, daher sicher immaterielle Le-
benskraft93) erlischt nach und nach, bis sie ganz entwichen
ist.94) Dann aber, und nicht früher, verfällt der entseelte
Körper den Gesetzen der Chemie95): es treten Zersetzun-
gen ein, die gleichzeitig mit dem Leben unmöglich sind: Stoffe
trennen und verbinden sich nach chemischen Verwandt-
schaften, wie bei den Prozessen der leblosen Materie;
das Flüchtige verfliegt und die festen Bestandtheile
bleiben am Ende in der Form zurück, wie sie in der todten
Natur gefunden werden.96)
93) „Kein Sterblicher" — sagt Hahnemann in seinen kleinen von
Stapf gesammelten) Schriften, I, 63 — , .kennt das Substrat der Vitalität,
oder die apriorische, innere Einrichtung des lebenden Organismus: kein
Sterblicher kann es je ergrübein. oder durch menschliche Sprache auch nur
einen Schatten davon andeuten."
94) Für die Anhänger des Thom. von Aquin möge hier mit einem
Worte erwähnt werden, dass er die materielle Ursache der Krankheit (Lib.
III, P. I, cl. 1, quaest. 173) aus dem Grunde leugnet, dass sie eine Be-
raubung, ein Minus sei.
95) Berzelius allein unter allen Chemikern behauptet ausdrücklich, dass
die chemischen Elemente im lebenden Körper nicht bloss modifizirten, son-
dern ganz verschiedenen Gesetzen folgen.
96) Rudolphi. Adelon, Tiedemann. Barclay, Pritchard , Fletscher und
mehrere andere denkende und erfahrene Aerzte haben die Gegenwart bloss
chemischer Einwirkungen im lebenden Körper geleugnet.
Ob wohl jemals die Chemie im Stande sein wird, ein vollständiges
Samenkorn nach seinem inneren Baue und mit Einschluss sämmtlicher
darin enthaltenen Thcile und Substanzen darzustellen? — Wir bezweifeln
IV. Ruch. Aphorism 49. 237
Bei einer solchen, vollkommen naturgemäßen Ansicht von
den Gegensätzen, welche zwischen dem organischen Lehen
und dem materiellen Tode so klar vor Augen liegen, scheint
es unmöglich, die Dynamis, die Lebenskraft in der leben-
den Natur zu verkennen, und den Hergang des thierischen,
ja selbst des vegetabilischen Lebens als etwas bloss Ma-
terielles zu betrachten.97) Wenn Dem aber so ist, dann ist
die Chemie eine Wissenschaft, welche unmittelbar mit der
Arzneiwissenschaft Nichts gemein hat, und man kann es
nur für eine völlig unberechtigte Selbstüberschätzung
ansehen, wenn Jene sich anmaassen will, auch hierbei ein Wort
mitzusprechen. 98)
es! — Aber wenn nun auch Form und Materie richtig sind, wird die Wis-
senschaft dann auch vermögend sein, den Lebenskeim darin zu bergen,
der es befähigt, keimen, aufgehen und zu einer organisirten Pflanze heran-
wachsen zu können? — Das können wir nicht glauben! — Für noch Un-
möglicher halten wir es aber, auf chemischem Wege den Lebenskeim so
einzurichten, dass nothwendig eine bestimmte Pflanze daraus erwachsen
muss, wie z. B. aus dem ganz gleichförmigen Kohlsamen nach Belieben
Kopfkohl, Wirsing, Savoierkohl, grüner oder brauner Krauskohl, Kosenkohl,
Oberkohlrabi u. s. w. Und nun gar Blumen, Wein u. s. w.
97j „Das Leben'' — sagt der tiefsinnige Virchow — „setzt sich nicht
diskontinuirlich, sprungweise fort, sondern in regelmässiger, legitimer S.uc-
cession der Generationen. Es giebt kein anderes Leben, als das durch Erb-
folge, und es muss daher ausser den stetig an die Materie geknüpften Kräf-
ten noch eine durchlaufende Kraft gegeben sein, welche von Glied zu Glied
übertragen wird. Wo sie zuerst herstammte, ist empirisch nicht ergründet ;
aber dieser Mangel berechtigt uns nicht, sie in Abrede zu stellen."
98; Wenn der Stoff den Menschen regiert, dann ist die Erkenntnis»
unserer stoffliehen Verhältnisse eine Aufgabe, deren Lösung uns nicht drin-
gend genug beschäftigen kann. Darum führt die Chemie in diesem Augen-
blicke ihr Scepter über alle andere Naturwissenschaften.^! J
Moleschott 16. Brief an Liebig.
Les molecules, qui forment les solides du Corps humain, etant asso-
ciees en vertu d'une afnnite speciale, dite vitale, et que les ehimistes n'ont
pas en main, comment ces ehimistes pourraient-ils pretendre faire une ana-
lyse de ces solides? Ils ne fönt que les detruire. Adelon.
Das Wesen des Materialismus besteht darin, dass er im Prinzip
288 IV- Buch' Aphorism 50.
50. Es ist todtlicli , wenn bei einem nicht aussetzenden
Fieber Schwerathmi°;keit mit Irrereden eintritt.
Leben und Tod nicht unterscheidet, sondern auf ein abstrakt Allgemeines,
auf sogenannte allgemeine Naturgesetze, als welche er die Physikalischen
und Chemischen betrachtet, zurückführt; dann aber den Lebenden Menschen
zum Gegenstand der Aufklärung macht, und ihn und seine Thätigkeit aus
todten, physikalischen und chemischen Naturgesetzen aufklären will. Da-
durch reduzirt der Materialismus das Leben auf den Tod, die Physiologie
auf Physik und Chemie; er giebt eine to dte Aufklärung lebendiger
Dinge, wodurch er die Lebenswissenschaft, die Physiologie, so gut als
das Leben, als organisches Leben, vernichtet. Indem er die Lebenskraft
leugnet, leugnet er das Leben selbst, und würdigt den Menschen zu einem
wandelnden Ofen oder einer Dampfmaschine herab.
Prof. Schultz-Schultzenstein, Rede über die Verjüngung d. Wiss.
Die chemisch-materialistischen Ansichten über die Ersetzung der, durch
die Vegetation dem Boden entzogenen Bestandteile haben neuerdings durch
die zwölfjährigen Versuche der Herrn Lawes und Dr. Gilbert über die
„Kleemüdigkeit" des Ackerbodens einen argen Stoss bekommen. Es
dürften iu der nächsten Zeit noch mehrere Erfahrungen ähnlicher Art zu
erwarten sein.
„Armer Plato," — ruft schon Schlosser in einer Anmerkung zu dessen
Briefen, S. 90 — „wenn du nicht das Siegel des Alterthums auf dir hät-
test, und wenn man, ohne dich gelesen zu haben, einen Anspruch auf Ge-
lehrsamkeit machen könnte , wer würde dich in dem prosaischen Zeitalter
noch lesen wollen, in welchem das die höchste Weisheit ist, nichts zu
sehen, als was vor den Füssen liegt, und nichts anzunehmen, als was man
mit Händen greifen kann?"
Quod dolendum summopere, atque admirandum magis artes mechnni-
cas proficere quotidie, solum verum naturalium Studium censuris iniquis
terreri et retroire. Van Helmont de cur. magn. 36.
„Die Chemie" — sagt Dr. v. Grauvogl in seiner Schrift über das
hom. Aehnlichkeitsgesetz, § 95 — „ist noch keine Wissenschaft, nur eine
Empirie, eine Sammlung von Experimenten. Erst seit der neuen Typen-
theorie und der Spektralanalyse leuchtet aus der Ferne ein Punkt, der den
endlichen Ausgang aus dem Schachte an's Tageslicht verspricht. Doch hat
sie die Stirn, über die Wissenschaft der Homöopathie sich Urthcilc anzu-
maassen, wie ein Erzürnter über einen ihm verborgenen, doch unangenehm
fühlbaren Gegenstand."
Die chemischen Mittelstufen oder Spaltungsreihen in den Zusammen-
setzungen der Urstoffe (Stick-, Kohlen-, Sauer- und Wasser-Stoff) erinnern
unwillkürlich an die Zwischenstufen des Galenus, welche er bei der Wärme,
Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit in vierfachem Grade annahm. Ob jene
IV. Buch. Aphorism 51. 239
Wenn jedes dieser Zeichen an und für sich und allein vor-
handen nicht eben tödtlich genannt werden kann : so ist doch
das gleichzeitige Auftreten von allen drei Symptomen ein Um-
stand, der wenig Hoffnung übrig lässt.
51. Wenn in den ersten Entscheidungs-Stadien eines Fie-
bers eine Versetzung (auf andere Theile) stattfindet,
ohne dasselbe zu heben, so zeigt dies an , dass die
Krankheit langwierig ist.
Es scheint, dass manche Uebersetzer, selbst Grimm, den
eigentlichen Sinn dieses Auhorisms verfehlt haben, und dass
Hippokrates nur damit habe sagen wollen, dass, wenn eine
Metastase das Fieber nicht tilgt, dieses Letztere vermöge
seiner, den Organismus in grossem Umlange beherrschenden
auch wohl, so wie diese, anderthalb Tausend Jahre in Geltung bleiben
werden ?
Die am Ende des vorigen Jahrhunderts geführten literarischen Kämpfe
zwischen den Dynamisten und Materialisten führten den berühmten Phy-
siker J. Priestley, der sich selbst als Materialist dabei betheiligte, zu der
Ueberzeugung: dass die blosse menschliche Vernunft zur Schlichtung des
Streits unvermögend sei, und dass mithin der praktische Glaube und die
hohe Würde der Offenbarung dabei gebührende Anerkennung finden müsse.
,,So wie Hippokrates" — sagt der berühmte Sydenham — „diejeni-
gen mit Recht tadelt, welche den Grübeleien über die Natur des mensch-
lichen Körpers zu vielen Werth beilegen: so muss man auch heut zu Tage
denen Schriftstellern gerechte Vorwürfe machen, die die Vervollkommnung
fler Arzneikunst hauptsächlich von der Chemie erwarten. Zwar muss man
zugeben, dass die Letztere äusserst nützlich ist, wenn sie in die Grenzen
der Kunst eingeschränkt wird. Allein, sobald man die Chemie zur Würde
einer Wissenschaft erhebt, so verkennt man ihre Natur. Und wenn man
glaubt, dass die Anzeigen zur Kur von diesem oder jenem Grundstoffe des
Körpers hergenommen werden müssen, so beschäftigt man sich immer nur
mit einer schönen Metapher. Alle diese Grübeleien, die nicht Urtheile der
Natur, sondern Produkte der Einbildungskraft sind, wird die Zeit mit sich
fortreissen und zerstören; aber die Urtheile der Natur werden nur
mit der Natur selbst untergehen."
'240 1V- Buch- Aphorism 52.
Gewalt zu denjenigen geholt, die nur langsam geheilt werden
können. Solche Erscheinungen kommen oft hei wahren chro-
nischen Krankheiten vor, wo die Fieher gleichsam nur die
anfänglichen Vorbereitungen zu den metastatischen Be-
schwerden machen, die heim Ausbruche oder beim Erscheinen
derselben in akuten Fällen von selbst aufhören. Wenn diese
Fieber aber auch unter den letzten Umständen noch fortdau-
ern, so gehören sie einer chronischen Krankheit an und
machen einen wesentlichen Bestand theil der Gesammt-
Krankheit aus, welcher bei der Wahl der Mittel sorgfältig mit
zu beachten ist. Die gründliche Heilung einer chronischen Krank-
heit ist aber bekanntlich stets langwierig.
52. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kranke bei Fiebern,
oder bei andern Krankheiten, willkürlich Thränen ver-
giessen. Geschieht dies aber unbewusster Weise , so
ist es böse.
Einige Stellen in den Schriften des Hippokrates über die
Landseuchen (imörj^Läv to tcqootov) , sowie Galenus in seinem
Kommentar über diesen Aphorism, und Celsus (II, 4) dürften in
der zweiten Phrase den Ausdruck: böse, statt des Wörtlichen:
ungewöhnlich rechtfertigen, worin schon Galenus einen Schreib-
fehler vermuthet. Indessen bleibt die Sache doch immer etwas
dunkel, und es fehlt an genügenden Gründen, hierbei anzuneh-
men, dass darunter das krampfhafte Weinen (oft mit Lachen
im Wechsel) bei Hysterischen gemeint sei, dessen Heilung
nicht selten viele Schwierigkeiten macht, und welches in der
Regel zu den chronischen Krankheiten gehört. Bei akuten
Erkrankungen, die zu den Gefährlichen gehören, keimen wir bis
jetzt nur die Eine, welche aufStram. deutet, wo in der Regel
dieses Weinen vorzugsweise am Tage eintritt, während in
der Nacht ein krampfhaftes Lachen vorherrschend ist.
IV. Buch. Aphomm 53. 241
Dieser letzte Unterschied scheint bisher noch wenig beachtet
zu sein.99)
53. Wenn sich bei einem Fieberkranken klebriger Schleim
um die Zähne ansetzt, so wird das Fieber schlimmer.
Es ist bekannt, dass insbesondere hei Nervenfiebern,
sowohl bei den Schmerzhaften, die für Bry. oder Rhus, als
bei den Schmerzlosen, die für Pbosph, oder Ac. phosph.
passen, dieses Symptom fast regelmässig beobachtet wird. Uns
macht dies eben keine erhebliche Sorge, oder die Heilung
wird dadurch weder erschwert noch verzögert. Die Allopathie
wagt es daher nicht mehr nach den zahlreichen, weltkundigen
Erfolgen unserer Heilmethode der Homöopathie ihren entschiede-
nen Vorzug in der Behandlung der Nervenfieber zu be-
streiten. Aber dieses Ergebniss ist leicht zu erklären. Unter
dem allgemeinen Namen Nerven fieber giebt es nämlich eine
so grosse Anzahl von Krankheiten, die in ihrem Wesen
und selbst in ihren pathologischen Zeichen so verschie-
den sind, wie schwerlich bei einer andern innerlichen Krank-
heit. lü0) Dieselbe Verschiedenheit findet sich auch bei der grös-
seren oder geringeren Heftigkeit und Gefährlichkeit, von dem
leichteren nervösen Charakter anderer Fieber an bis zum
99) Sehr treffend bezeichnet Hufeland (Makrobiotik II, 13) das Lachen
als die „Gesündeste aller Leibesbewegungen ; denn es erschüttert Seele und
Körper zugleich, befördert Verdauung, Blutumlauf, Ausdünstung und er-
muntert die Lebenskraft in allen Organen."
100) Seit dem Beginne dieses Jahrhunderts gilt vom Nervenfieber, was
im 16. Jahrhundert Joh. Lange von der Pest sagte: „Et est stupenda res,
quod haec plaga nunquam totaliter cessat; sed omni anno regnat jam hie
nunc alibi, de loco in locum, de provincia in provinciam migrando, et si
recedit aliquamdiu, tarnen post paueos annos in cireuitum revertitur et
juventutem interim natam in ipso flore pro parte majore amputat.
16
242 IV- B«ch. Aphorism 53.
bösartigen Typhus und bis zur Pest,1) die im Grunde
ebenfalls nur eine Art von Nervenfieber ist. Unter solchen Um-
ständen muss es also erst recht einleuchten, dass die Behandlung
nicht überall dieselbe sein kann, und dass jeder für sich da-
stehenden Symptomengruppe auch ein besonderes Arz-
neimittel entsprechen muss, welches bei einer Andern nicht
angezeigt ist, und daher nicht helfen kann.2) Wie wenig in
solchen Fällen der Zweck erreicht wird durch sogenannte cor-
rigentia und adjuvantia, oder durch sonstige Beimischun-
gen und Nebenmittel, ist bekannt genug, und wenn Diese einigen
Erfolg zu haben scheinen, so besteht Dieser gewöhnlich nur
darin, dass die Zeichen wechseln oder einige davon Verän-
derungen erleiden, ohne darum im Grunde etwas zu bessern,
vielmehr häufig den regelmässigen Verlauf der Krankheit stö-
ren und mithin oft mehr Nachtheil als Vor t heil bringen.
Alles dieses gestaltet sich bei der homöopathischen Behandlung
ganz anders. Das gleich im Beginne angezeigte und in der
nöthigen Kleinheit der Gabe gereichte Heilmittel beginnt mei-
stens schon nach einigen Stunden seine Wirkung zu thun, der
Verlauf der Krankheit wird gleichzeitig beschleunigt und
durch allmähliges Abnehmen und Verschwinden der ge-
fahrdrohenden Zeichen erleichtert, und der Kranke erreicht
schon lange vor der gewöhnlichen sogenannten Krisis den
Eintritt in die Rekonvaleszenz, so dass auch die Kräfte sich
besser erhalten und die gänzliche Erholung weil, schnellere Fort-
1) Merkwürdig und zugleich warnend sind die Thatsachen, welche
von Forestus, AI. Benedictes, Sennart, Trincavellus , Diemerhroek, Boyl
u. A. über die Dauerhaftigkeit der von der Pest infizirten Dinge erzählt
werden.
2) Ueber die Pest in Athen sagt Lucretius VI, 1228 seq.:
Nee ratio remedi communis certa dabatur:
Nam quod ali dederat vitalis aeris auras
Volvere in ore Heere et coeli templa tueri,
Hoc aliis erat exitio letumque parabat.
IV. Buch. Aphorism 54. 243
schritte macht. Deshalb fürchten wir auch solche Nebenbe-
schwer den, wie den hier in Rede stehenden klebrigen
Ueberzug der Zähne, durchaus nicht, und weil er bei vielen
verschiedenen Nervenfiebern in gleicher Weise vorkommt, so
legen wir auf dieses Symptom auch kein besonderes Gewicht.
Um so mehr suchen wir aber alle diejenigen Zeichen zu er-
mitteln, die jedes der hier konkurrirenden Mittel Charakter i-
siren, und die sich gerade bei derartigen bedeutenden Erkran-
kungen in der Regel mit der grössten Deutlichkeit und Bestimmt-
heit aussprechen. Aus diesem Grunde zählen wir denn auch
die Nervenfieber zu denjenigen Krankheiten ernsterer Art,
deren Heilung uns weniger Sorge und Mühe macht, als
manche andere bei Weitem weniger Gefährliche, wie z. B. einige
Wechselfieber, wobei sehr oft die am Meisten hervor-
stechenden, aber für die Mittelwahl wenig charakteristi-
schen Zeichen die sonstigen, dazu weit wichtigeren und un-
entbehrlichen Nebenbeschwerden verdunkeln.
54. Diejenigen, welche bei einem Brennfieber an einem
trocknen Kitzelhnsten leiden, werden nicht von hef-
tigem Durste geplagt.
Obwohl diese Beobachtung von Celsus (III, 1) wiederholt
ist, mithin in der Wirklichkeit mehrfach vorgekommen sein muss:
so hat dieser Lehrsatz den Kommentatoren doch viele Schwierig-
keiten gemacht, weil unter solchen Zeichen Verbindungen gewöhn-
lich das Gegentheil, nämlich heftiger Durst, vorhanden zu
sein pflegt. Aber eben dieser ungewöhnliche Umstand
hat für uns bei der Mittelwahl einen sehr grossen Werth,
weil er auf eine geringe Anzahl von Arzneien hinweiset (hier
vorzüglich auf Ars. , Con. , Phosph. , Puls. , Sabad. und Scill.),
und nun, die sonstigen Nebenbeschwerden hiermit verglichen, um
244 IV- Buch- Aphorism 55.
so leichter die Wahl zum Abschluss bringt. Gerade solche
selten vorkommende Absonderlichkeiten sind für en Ho-
möopathen in demselben Grade erwünscht, in welchem sie
dem Allopathen Verlegenheiten erwecken, weil er sie nicht
zu verwertheil versteht. Wenn Dieser daher ein solches Symp-
tom als mindestens unnütz bei Seite schiebt und unbeachtet
lässt, so stellt Jener es oben an die Spitze des Krankheitsbil-
des, um durch Anreihung des sonst noch zu Ermittelnden Das-
selbe bis dahin zu vervollständigen, dass das spezifische (homöo-
pathisch entsprechende) Heilmittel ausser allem Zweifel sich von
selbst herausstellt. Darin liegt der unschätzbare Vor th eil
einer genauen Vertrautheit mit der R.-A.-M. Lehre, welche
dem Arzte zur grossen Erleichterung, dem Leidenden
aber zu noch weit grösserem Heile gereicht.3)
55. Sämmtliche, von Drüsen -Anschwellungen begleitete
Fieber, mit Ausnahme der Eintägigen, sind böse.
Auch in diesem Aphorism scheint Hippokrates zunächst
die pest- und ty phus-artigen Krankheiten im Auge gehabt
zu haben, bei denen allerdings solche Drüsengeschwülste
ein bedenkliches Zeichen abgeben. Dadurch kommen dann auch
noch einige andere Heilmittel zur Wahl (vorzüglich Beil., Kali,
und Sep.), die in den gewöhnlicheren Fällen von Nerven-
fiebern meistens ausser der Konkurrenz bleiben, obwohl man
auch sonst zuweilen davon Anwendung machen muss. Die
Erste (Bell.) ist namentlich dann, und gewöhnlich schon gleich
3) Die Medizin muss sich einen andern Weg, als den des iatroche-
mischen und iatromechanisehen Materialismus wählen, wenn sie wirklich
fortschreiten will. Jetzt ist sie auf dem Wege des Rückschritts ihrer
Theorie begriffen, und die Praxis steht verlassen da.
Prof. Schultz-Schultzenstein 1860.
IV. Buch. Aphorism 56. 245
im Anfange, durch Blutdrang und die davon abhängigen Er-
scheinungen, die Zweite (Kali.) meistens im späteren Verlaufe
der Krankheil und bei Beschwerden der Brust und des Unter-
leibes angezeigt. Das sofortige Brennen solcher Geschwülste,
wie Celsus räth und auch heute noch ausgeführt wird, kann un-
möglich die innere Krankheit heilen, wovon Diese nur ein ein-
zelnes , wenngleich nicht zu übersehendes Symptom sind. —
Dass die ephemeren Fieber , welche übrigens fast jede sonstige
Drüsenanschwellung begleiten, nicht hierher gehören, versteht
sich von selbst.
56. Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn sich bei einem
Fieberkranken Schweiss einstellt, ohne dass davon das
Fieber nachlässt. Die Krankheit wird dann langwie-
rig und zeigt Ueberfluss von Säften an.
Die Homöopathie unterscheidet sorgfältig die Fälle, wo
mit Eintritt und während des Schweisses das Fieber an-
hält oder gar sich verschlimmert, von denen, wo Solches
auch noch nach dem Schweisse der Fall ist. Unter beiden
Verschiedenheiten giebt es böse und ungefährliche Fieber,
und Diejenigen, wo mit dem Schweisse die Heftigkeit des Fie-
bers sich bricht (Ars., Lyc. , Bhus. u. Andere) sind oft weit
schlimmer, als die, wobei das Fieber mit seinen Beschwerden
nach dem Schweisse noch fortdauert (Calc, Chin. , Merc,
Ph. ac, Sep., Sulph. u. Andere). Man kann also diesen Lehr-
satz durchaus nicht für allgemein gültig annehmen. Noch viel
weniger kann man Dieses aber in Bezug auf den Nachsatz we-
gen des Ueberflusses der Säfte thun, indem gerade die
zuletzt genannten Mittel sämmtlich zu Denjenigen gehören, welche
eben bei entgegengesetzten Zuständen, nämlich nach Säfte-
verlusten, von einiger Erheblichkeit in der obersten Beihe
stehen und , richtig homöopathisch ausgewählt und angewendet,
246 1V- Biu-'h- Aphorism 57, 58.
oft die überraschendste Besserung hervorbringen. Dieser Lehr-
satz rauss mithin mit der grössten Vorsicht aufgenommen wer-
den, und darf niemals in seiner Allgemeinheit, wie er da steht,
dem Arzte zur Richtschnur dienen. 4)
57. Wenn bei Einem , der an klonischen oder tonischen
Krämpfen leidet, ein Fieber hinzutritt, so wird die
Krankheit dadurch gehoben.
Dies kann wohl nur lediglich von solchen Krämpfen
gelten, die zuweilen dem Ausbruche eines Fiebers vorher-
gehen, wie Solches bei Denen beobachtet ist, welche am Ge-
wöhnlichsten in den Bereich von Arn., Ars., Calc, Chin., Hyosc,
Ignat. oder Rhus fallen. Die meisten sonstigen Zufälle jener Art
sind aber gewöhnlich und entschieden von chronischer Natur,
die, wenn sie auch während der Dauer eines Fiebers
schweigen, weil der Mensch nicht in zweierlei Weise zu-
gleich krank sein kann, nur für kurze Zeit aufhören, hinter-
her aber stets wiederkommen und nur durch die passenden
langwirkenden (antipsorischen) Mittel dauerhaft geheilt werden
können , wenn sie nicht etwa durch äussere Umstände plötzlich
entstanden und noch neu sind.
58. Wenn einem am Brennfieber Leidenden ein Starrfrost
überkommt, so wird Jenes dadurch gehoben.
Unter den mannichfaltigen Verschiedenheiten der komplizir-
4) Die Zeiten sind, gottlob! nicht mehr, wo das: tclqtovOov , avxoq
tqpo: der Schüler des Pythagoras statt alles Beweises diente , und jeden
Versuch und jede Erfahrung überflüssig machte.
IV. Buch. Aphorism 59. 247
leu Fieber giebt es bekanntlich auch Solche, die mit Hilz e an-
fangen und mit Frost aufhören, ohne dass weder dabei,
noch auch nachher Seh weiss erscheint. Die Homöopathie kennt
mehrere Arznei-Mittel , zu deren Eigenthümlichkeiten auch Diese
gehört, und die sich am Deutlichsten in Beil., Bry., Calc, Caps.,
Lyc, N. vom. und Sep. ausspricht. Wenn Eins von Diesen,
oder auch ein Anderes, auf den ganzen Symptomen -Komplex,
mit Einschluss sämmtlicher begleitenden Nebenbeschwer-
den, homöopathisch passt und in der erforderlichen feinen Gabe
gereicht wird: so erfolgt hier die Heilung eben so gut, wie bei
jeder anderen Form. Aber ohne angemessene Arznei wird
schwerlich der nach der Hitze eintretende Frost im Stande sein,
die Wiederkehr zu verhüten, wie man nach diesem Aphorism
geneigt sein könnte anzunehmen, Auch wird dieses Letzte in
keiner Weise von der Erfahrung bestätigt; vielmehr haben wir
nicht selten Fälle gesehen, wo eben ein solches Fieber, selbst
trotz des „unfehlbaren" Chin. sulph. , Monate lang ange-
halten hatte, und erst nach der Anwendung des genau passen-
den homöopathischen Heilmittels schnell und dauerhaft be-
seitigt wurde.
59. Das wahre dreitägige Wechselfieber entscheidet sich
längstens in sieben Umläufen.
Mit dein Schlüsse dieses Aphorisms darf man es allenfalls
nicht so genau nehmen, indem Hippokrates in seinen „Entschei-
dungen" statt: „längstens" das Wort: „meistens" ge-
braucht, und in den „kölschen Vorhersehungen" die Zahl
der Umläufe bis zur freiwilligen Heilung auf Neun erweitert
wird.
Aber abgesehen von solchen geringfügigen Unterschieden
oder Widersprüchen, welche schwerlich jemals aus der Arznei-
248 1V- Buch. Aphorism 59.
Wissenschaft, als einer scientia oder ars conjecturaiis
gänzlich zu beseitigen sein werden, drängt sich uns die weit
wichtigere Frage auf: was Hippokrates wohl eigentlich unter
echten Wechselfiebern verstanden habe? — Wo man irgend
eine Eigenschaft auf etwas Echtes beschränkt, da muss es
auch Unechtes geben, welches Jene ausschliesst. Will man
die echten Wechselfieber daran erkennen, dass sie Frost
Hitze und Schweiss in dieser Reihe auf einander folgen las-
sen: so entspricht das nicht dem periodischen Wechsel im
Auftreten der Anfälle. Will man aber Dieses bei Seite lassen
und bloss die regelmässige Wiederkehr als Kriterium an-
sehen, so ist der Zusatz: echt! ein ganz überflüssiger Pleo-
nasmus und der Zusatz: dreitägig wäre hier vollkommen
hinreichend.6) Was die sogenannten „verkappten" Wechsel-
fieber anbelangt, so ist dies eine scharfsinnige, der neueren
Zeit angehörige, dem Hippokrates unbekannte Erfindung, um
mit einem räthselhaften Worte eine räthselhatte Sache zu
benennen. Wir befinden uns also hier Angesichts einer Schwie-
5) Es muss in der That auffallen, dass ein so genauer und sorgfälti-
ger Beobachter, wie unser Hippokrates, weder in den Aphorismen, noch
sonst in seinen (echten) Schriften irgend von dem Pulse spricht, obwohl
so oft von hitzigen Fiebern die Rede ist, wobei dieser meistens so er-
hebliche Veränderungen erleidet. Soviel uns bekannt, hat die Lehre von
der q)lsßo7tcdlci zuerst im Democritus ihren Urheber, wurde dann aber
bald von den Dogmatikern, besonders von der alexandrinischen Schule,,
namentlich von dem grausamen Herophilus weiter ausgebildet, von Galenits
systematisch behandelt und später am Umständlichsten von Paulus von
Aegina in förmliche Klassen eingetheilt, die grösstenteils noch heute gel-
ten. Dennoch legen nicht alle Aerzte dem Pulse eine gleiche Wichtigkeit
bei, und der erfahrene Kopp sagt (Betrachtungen, S. 83) ausdrücklich:
,,der Puls ist doch in der That ein unsicherer Leiter für den Aderlass!"
— Heute erscheint das „Fühlen des Pulses'', wie das „Besehen der Zunge",
oft nur als eine hergebrachte Mode oder Sitte unter den Aerzten , die bei
keinem Kranken versäumt wird, es mag Fieber vorhanden sein, oder nicht.
„Was für den Allopathen die Beachtung des Pulses ist", — sagt der
Rezens. zu Kopp's Denkwürdigkeiten II. Band, — „das ist für die Homöo-
pathen die Erforschung des Geinüthszustandes."
IV. Buch. Aphoj-ism 59. 249
rigkeit, die wir in keiner Weise zu überwinden wissen und müs-
sen ihre Lösung den Gelehrten überlassen, die in der nebeligen
Wissenschall einen erhabeneren Standpunkt erstiegen haben, um
vielleicht in den höheren Regionen zu erspähen, was wir An-
deren auf dem festen Boden der Erfahrung nicht zu finden ver-
mögen. Die Ansichten der Homöopathie sind nämlich viel ein-
facher, und ihre Ueberzeugung gehl dahin, dass alle Wechsel-
fieber echte und wahre Krankheiten, und Keine unecht
oder falsch sind, dass es aber durchaus nicht bloss eine
Art von Wechselfiebern giebt, sondern dass unter diesem gene-
rellen Namen eine überaus grosse Anzahl der verschie-
densten Krankheiten vorkommt, die unter sich kaum etwas
Anderes gemeinschaftlich haben, als die periodische Wieder-
kehr der Anfälle. Aus diesem Grunde besitzen wir auch
nicht bloss ein Heilmittel für ein sogenanntes echtes Wechsel-
nder, sondern für jede wechselfieberartig in abgesonderten
Anfällen, mehr oder weniger regelmässig wiederkehrende Krank-
heit ebenfalls eine besondere Arznei, die mit möglichster
Vollständigkeit dem ganzen Symptomen-Komplexe und der Indi-
vidualität des Kranken entsprechen muss, wenn sie die Richtige
und Hülfreiche sein soll.
Dass endlich die sogenannten, aber noch zweifelhaften
echten dreitägigen Wechselfieber nach sieben, oder'
wenn man will, nach neun Umläufen von selbst und ohne
Arznei sich entscheiden sollen, dürfte heutiges Tages schwer zu
erproben sein, indem schwerlich Jemand Geduld hat, damit so
lange zu warten, bis es aufhört, sondern unverweilt, spätestens
schon nach zwei oder drei Anfällen, zum Arzte (oder zum Apo-
theker) geht, der dann unfehlbar das unfehlbare Chili.
sulph. verordnet. Sollte es aber an dieser Medikation liegen,
wenn uns dergleichen Fieber zur Behandlung kommen, die oft
schon über ein volles Jahr gedauert haben, inzwischen auch
wohl mal Eintägige oder Viertägige geworden sind: so muss
250 IV- Buch- Aphorism 60.
man gestehen, dass es sowohl mit der Unfehl hark eil des
Chin. sulph., als mit der Richtigkeit des eben besprochenen
Aphorisms nicht so unfehlbar aussieht, als von manchen
Seiten versichert wird. Da würde Nichtsthun offenbar viel bes-
60. Eine bei Fiebern entstandene Taubhörigkeit vergeht
durch Nasenbluten oder Durchfall.
Nach dem Texte dieses Aphorisms sollte man fast glauben,
dass durch Nasenbluten oder Durchfall in solchen Fällen
zugleich mit der Taubhörigkeit auch die übrige Krank-
heit gehoben würde. Aber die Parallelstellen in den kölschen
Vorhersehungen und im Celsus (II, 8) gestatten diese Annahme
nicht, die auch in der Erfahrung keine Begründung findet. Der
Verlust des Gehörs, von dem die Rede ist. kann nur von
Blut drang zum Kopfe entstanden sein. In allen andern Fäl-
len, wie z. B. in manchen Nervenfiebern mit Sopor, und
noch mehr in der chronischen Taubheit bleibt das Eine,
wie das Andere nicht nur ohne Erfolg, sondern bei dem Ersten
ist fast jedesmal eine Verschlimmerung zu erwarten, als
eine immittelbare Folge solcher Ausleerungen, die mithin
sorgfältig zu vermeiden sind. Es giebt sogar Zeitperioden , wo
diese und ähnliche Arten von Säfteverlust (Aderlass, Abfüh-
rungen, Schweiss) bei akuten Krankheiten gar leicht einen
nervösen Charakter hervorrufen, der dann jederzeit, eine ent-
schiedene und oft gefährliche Verschlimmerung in dem Zu-
stande des Kranken bedingt. Solchen Gefahren entgehen wir
indessen dadurch leicht, dass wir dergleichen absichtlich niemals
6) Imperatoren et Medieos saepenumero nihil agentes, plurimum profi-
eere, illosque de hostilm.s. hos de morbis insignes reportare victorias.
Massaria de chol. 111.
IV. Buch. Aphorism 61, 62. 251
zur Ausführung bringen , und den freiwillig sich Einstellenden
so schnell wie möglich hemmend entgegen treten. — Vielleicht
verdient es hier einer kurzer Erwähnung, dass bei Blutungen
überhaupt, und besonders beim Nasenbluten, der Saft des
Tblaspi Bursa pastoris von ganz ausgezeichnetem Erfolge
ist, selbst in den höheren Verdünnungen, wo dabei von
einer angeblichen adstringirenden Eigenschaft keine Rede
mehr sein kann. Es genügt oft, wenn zu dem Ende ein grünes
Blatt oder ein Paar Samenkapseln in der hohlen Hand zerrieben
werden.
61. Wenn ein Fieber nicht an einem unpaaren Tage aus-
bleibt, so pflegt es wiederzukommen.
Dieser Aphorism hat zu vielen gelehrten und äusserst scharf-
sinnigen Untersuchungen, selbst mit Aufstellung verschiedener
verbesserten Lesarten Anlass gegeben. Wir übergehen dies
Alles mit dem Bemerken, dass, wie schon früher erwähnt wurde,
die ganze ehedem für so wichtig gehaltene Lehre von den
kritischen und entscheidenden Tagen für uns keinen, oder
doch nur einen sehr unerheblichen VVerth hat. — Rezidive ge-
hören bei der Homöopathie zu den Seltenheiten, besonders bei
Wechselfiebern. 7)
62. Es ist böse, wenn sich vor dem siebenten Tage zu
dem Fieber Gelbsucht einstellt.
Wenn auch die Gelbs uchten sämmtlich in der Leber
und Gallenblase ihren Ursprung haben, so bringen doch die
7) Les guerisous par fhomoeopathie sont presque toujours radicales
il est excessivement rare de recontrer wie recidive, meme dans les mala-
dies oü elles sont les plus frequentes apres un traitement allopathique.
Dr. L. Malaise, clin. hom. p. 312.
252 lV- Blul>- Aphorism 63.
veranlassenden Ursachen und die begleitenden Zeichen verschie-
dene Arzneimittel zur Wahl, und die schnellere oder langsamere
Heilung derselben ist gewöhnlich von Jenen abhängig. Dass aber
eine solche Gelbsucht dadurch, dass sie schon bald und noch
vor dem siebenten Tage des sie gewöhnlich ankündigenden
Fiebers sich einstellt, eine grössere Gefahr anzeigen soll, ist
eine Behauptung, die weder in der Natur der Sache, noch in der
Erfahrung begründet ist. Es giebt zahlreiche Fälle, wo nach
einer Gemüthsbewegung schon am nächstfolgenden Tage
der Icterus zum Ausbruche kömmt, aber durch das den Zeichen
angemessene Mittel (Acon. , Cham., N. vom.) eben so schnell
und schon in wenigen Tagen geheilt wird. Wir halten die
Heilung dieser Beschwerde, wo nicht für schwieriger, doch
wenigstens für langwieriger, wenn ein chronisches Leber-
leiden zum Grunde liegt und die gelb süchtigen äusseren
Ercheinungen, wie oft geschieht, erst später sich einstellen.
Dasselbe gilt von der Gelbsucht der Schwangeren, wobei
der mehr mechanische Druck, den die Gebärmutter ausübt,
nicht ganz zu beseitigen ist. Diesem zufolge muss also dieser
Aphorism erhebliche Einschränkungen erleiden. 8)
63. Fieber , bei denen der Frost sich täglich erneuert,
können auch an jedem Tage sich entscheiden.
Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die eintägigen
Wechselfieber, die eben, weil sie täglich ihre Anfälle machen,
keine besonderen kritischen Tage haben, auf welche sich,
nach den Ansichten der hippokratischen Schule, die günstigen
8) Gelbsucht und vermehrter Ausfluss der Galle aus der Leber und
Gallenblase zum Darmkanale sind nicht selten mit einander verbunden.
BrandiB, Vers. u. d. Metast. § 30.
IV. Bach. Aphorism 64, 65. 253
Entscheidungen beschränken könnten. Es giebt ausser den,
selbst im ausgedehntesten Sinne sogenannten Wechselfiebern,
die Verkappten mit eingeschlossen, noch viele andere Krank-
heiten, die täglich und meistens zu einer bestimmten Ta-
geszeit, ihre Exazerbationen mit Frost erleiden, denen man
indessen oft kaum einen passenden pathologischen Namen
geben kann, und die man theils zu den Akuten, theils zu den
Chronischen zählen muss. 9) Wir behandeln indessen die
Einen wie die Andern nach demselben unwandelbaren Prinzipe
und kümmern uns wenig um den Namen, der den Allopathen
oft viel Kopfbrechens macht und die gelehrte Nomenklatur ver-
grössert.
61. Es ist ein gutes Zeichen, wenn in Fiebern am sieben-
ten, neunten, eilften oder vierzehnten Tage Gelbsucht
hinzutritt, ohne dass die Lebergegend dabei verhärtet
ist; in anderen Fällen ist dies nicht gut.
In diesem Aphorism giebt uns Hippokrates sowohl eine
nähere Erläuterung und Vervollständigung des Aph. 02, als auch
eine Beschränkung desselben durch die Abwesenheit einer har-
ten Lebergeschwulst, die allerdings, wie jeder organische
Fehler, die Sache verschlimmert. Wir sind daher der Meinung,
dass die Uebersetzungen von Fuchs und Grimm nicht ganz
richtig sind.
65. Ein böses Zeichen in hitzigen Fiebern ist heftiges
Brennen im Magen und am Magenmunde,
Die brennenden Schmerzen in der Magengegend können
9) Der berühmte Pyretologe ßeil sagt (Allgem. Fieberlehre § 9) : „Dass
wir die Natur der Fieber nicht kennen, und dass die Behandlung derselben
nichts Anders als eine nackte Empirie ist."
254 IV- Buch' Aphorism 65.
vielen Arzneien entsprechen, sowohl Solchen, die für akute,
als Denen, die für chronische Krankheiten passen, und gehen
daher nicht immer ein Symptom, welches allein für sich da-
stehend zu einer besonders beachtenswerten Indikation dienlich
ist. Bei Nerven fiebern z. B. sind sie jederzeit ein uner-
wünschtes Zeichen, welches aber die Zahl der zur Wahl kom-
menden Mittel (Ars., Beil., Bry., N. vom., Phosph., Bhus, Sulph.)
nicht sehr beschränkt, und daher in der umständlichen Ermitte-
lung der sonstigen Nebenbeschwerden keine erhebliche Erleich-
terung verschafft. Auch die Magenmund -Verengerungen
fangen oft mit solchem Brennen an, wo dann freilich, wenn
dieses Symptom noch nicht alt, und beim Niederschlingen der
Speisen die Stockung gleich über dem Magen noch nicht erheb-
lich ist, meistens (durch N. vom. oder Ban. bulb.) baldige Hülfe
erlangt wird. In veralteten und schlimmeren Fällen ist aber
die Genesung, wo nicht unmöglich, doch schwierig und un-
sicher, und ausser den gewöhnlichsten Mitteln (Carb. veg.,
Phosph. und besonders Zinc.) sind oft noch viele Andere ange-
zeigt. Die übrigen, sonst oft symptomatisch und als Nebe n-
besch werden vorkommenden brennenden Schmerzen im
Magen weichen meistens sehr leicht den auch den sonstigen
Zeichen ebenfalls genau entsprechenden und richtig homöopathisch
gewählten Mitteln. Nur die wirkliche akute Gastritis, welche
stets zu den gefährlichsten Krankheiten gehört, in kurzer Zeit
tödtlieli werden kann, und so leicht mit dem Typhus abdo-
minalis verwechselt wird, aber übrigens glücklicher Weise sel-
ten vorkommt, muss sofort mit unseren kräftigen antiphlo-
gistischen Mitteln (Acon., Bry., N. vom., Phosph.) bekämpft
werden; und wenn diese zeitig genug und richtig gewählt, in
den allerfeinsten Gaben (namentlich in Hoch -Potenzen)
angewendet werden , so ist die Lebensgefahr in der Begel bald
beseitigt.
IV. Buch. Aphorism 66, 67. «8, 69. 255
66. Es ist böse, wenn sich in hitzigen Fiebern Convulsio-
nen und heftige Leibschmerzen einstellen.
67. Es ist böse, wenn bei Fiebern die Kranken im Schlafe
aufschrecken und Convulsionen bekommen.
Ein unterbrochenes Athmen in Fiebern ist böse :
denn dieses zeigt Krampf an.
Die in den drei vorstehenden Aphorismen angedeuteten
Symptome kommen oft hei schweren entzündlichen Krankheilen
vor und geben jedesmal böse Zeichen, ohne jedoch deshalb den
Zustand als hoffnungslos zu bezeichnen. Sie geben indessen zu
keiner Glosse Veranlassung, indem solche allgemeine Symptome
bei gar zu mannichfaltigen Erkrankungen vorkommen.
69. Für Diejenigen, die nicht fieberfrei sind, ist es heil-
sam, wenn nach vorgängigem sparsamen Abgange
eines trüben und dicken Harns, nun ein Reichlicher
und Dünner erscheint. Am Meisten erfolgt dies bei
Denen , wo der Harn schon gleich oder kurz nach
dem Lassen einen Bodensatz macht.
Eine Beobachtung, die man häufig, sowohl bei rheuma-
tischen, als bei gastrischen Fiebern machen kann. — Für
den Homöopathen ist diese Erscheinung ein Zeichen, dass mit
dem Einnehmen der verordneten Arznei sofort innegehalten
werden muss, und dass nun die zur normalen Thätigkeit wieder
zurückgekehrte Lebenskraft in ihrer Wirksamkeit ungestört
den Heilungs-Prozess so lange fortsetzen muss, bis die Fort-
schritte in der Besserung einen deutlichen Stillstand machen. 10)
10) Cullen war vielleicht der Erste, welcher die Reaktion der Lebens-
kraft gegen die Wirkungen der Arznei deutlich erkannte. Er sprach z. B.
256 IV- Buch. Aphorism 70.
Jedes arzneiliche Eingreifen in einem solchen Stadium der
Krankheit würde weit mehr schaden, als nützen, und die Ein-
wirkung einer Arznei würde ganz und gar von einem un-
richtigen Gesichtspunkte aus betrachtet werden, wenn man
ihr eine positive, von der Reaktion der Lebenskraft unab-
hängige erstwirkende Heilkraft zuschreiben wollte. Viel-
mehr darf der Arzt niemals vergessen, dass jede Arznei eine
für den lebenden Organismus feindselige und schädliche
Substanz ist,11) und dass daher nicht stärker und nicht
öfterer davon Anwendung gemacht werden darf, als eben hin-
reicht, um eine vorhandene Krankheit vermittelst der da-
durch erweckten Reaktion der Lebenskraft zu beseitigen.
Da heisst es unbedingt : omne nhnium vertitur in vitium ! l2)
70. Diejenigen, welche in Fiebern einen trüben, dem
Pferdeurin ähnlichen Harn lassen, leiden an Kopf-
schmerzen oder werden Solche nächstens bekommen.
Die hier etwas unvollständig beschriebene, aber sonst wohl-
bekannte Veränderung des Harns kömmt bei vielen, besonders
gastrischen Krankheiten, aber auch sehr häufig bei Gehirn-
dem Opium alle reizende Kraft ab, legte ihm aber eine Kraft bei, die heil-
samen Bestrebungen der Natur anzuspornen.
11) Medicina faeit infirmos, Mathematiea tristes, Theologia peccatores.
Luther.
12) Medicamentum non semper aegris prodest , nocet semper sanis.
Celsus L. II, C. 13.
In Froriep's „neuen Notizen (von 1846, No. 842, S. 96) lesen wir
unter der Rubrik: „Von der Tödtung eines Arztes durch die von ihm selbst
einem Kranken verschriebene Arznei", wie der alte und erfahrene Dr. Ba-
der eine Arznei einnimmt, welche der Patient verweigert zu nehmen, weil
der Apotheker Solche für tödtlkh erklärt, und eine halbe Stunde darauf
wirklich todt ist.
IV. Buch. Aphorism 70. 257
entzündungen vor. Vielleicht darf man annehmen, dass Hippo-
krates bei diesem Aphorism vorzüglich diese Letzteren im Auge
gehabt hat, weil in den „kölschen Vorhersehungen" und in der
Schrift über „die Landseuchen1' einige Krankheitsfälle mitgetheilt
sind, wo alle hier angeführten Symptome ausdrücklich mit tödt-
lich abgelaufenen Gehirnentzündungen in Verbindung gebracht
sind. Obwohl dabei die also veränderte Beschaffenheit des Harns
sich offenbar nur als eine symp tomatische Nebenbeschwerde
andeutet, die überdem nicht immer bei dieser gefährlichen Krank-
keit in derselben Weise vorhanden ist, so sieht man doch, wel-
ches Gewicht Hippokrates auf Dergleichen legt, und wie dieser
aufmerksame Beobachter schon deutlich erkannt hat, dass in
manchen Fällen ähnliche Nebenzeichen dazu dienen können,
eine anfangs unerheblich scheinende Krankheit in ihrer
Bösartigkeit noch zeitig genug zu vermuthen, um ihr so-
gleich wirksam entgegentreten zu können. Wir haben also hier
wieder ein Beispiel, von welcher Wichtigkeit es sein kann,
sämmt liehe Symptome zu ermitteln, die von dem normalen
Zustande abweichen, und auf welcher wohl befestigten Grundlage
das Verfahren der Homöopathie beruht, wenn sie alle
solche Zeichen , ohne Ausnahme , bei der Wahl berücksichtigt
und ein Mittel reicht, welches zwar wohl dem pathologi-
schen Namen im Allgemeinen, nicht aber gleichzeitig den
begleitenden Beschwerden entspricht. Mancherlei unwe-
sentlich scheinende Abweichungen dieser Art vom Normal-Zu-
stande setzen uns oft in den Stand, gleich von Vorne herein
einem Uebel zu begegnen, welches noch undeutlich und keiner
sicheren pathologischen Diagnose fähig ist, und so eine Gefahr
abzuwenden, die allerdings für den Augenblick noch nicht erkenn-
bar, aber darum nicht weniger vorhanden ist. Bei solchen Vor-
zügen wollen wir den, von der Allopathie meistens ganz falsch
verstandenen Vorwurf der „Symp tomen-Deckerei" uns gern
17
258 IV. Buch. Aphorism71.
gefallen lassen, und lieber zur rechten Zeit helfen, als abwarten,
bis die Hülfe zu spät kommt. 13)
Vielleicht ist es unnöthig, hier noch anzumerken, dass wir
das Wort: „vjto£v%Lov", (jumentuin, Lastthier) mit „Pferd"
und nicht, wie gewöhnlich, mit „Rind" übersetzt haben. Pferde
und Esel werden wohl am Häufigsten als Lastthiere gebraucht,
und der Ausdruck: „Pferdeurin" ist nicht nur bekannt, son-
dern beinahe als technische Bezeichnung für solchen Harn in
der medizinischen Terminologie aufgenommen.
71. Wenn am siebenten Tage die Entscheidung- eintreten
soll, so zeigt sich am vierten Tage im Hain ein röth-
liches Wölkchen , und gleichzeitig alles Uebrige in
regelmässiger Weise.
Die Schlussworte dieses Aphorisms geben ausdrücklich zu
erkennen, dass das erwähnte Harn -Symptom für sich allein
nicht hinreicht, um eine günstige Prognose zu stellen. Diese
einschränkende Bedingung entspricht ganz der Lehre und der
Praxis der Homöopathie, die niemals ein einzeln dastehendes
Symptom für maassgebend anerkennt, und am Wenigsten da, wo
so viele Mittel, wie bei der Wolkenbildung im Harn der
Fall ist, dasselhe Zeichen führen. Nur dann, wenn alle Symp-
tome gleichmässig eine solche nahe bevorstehende Entschei-
dung ankündigen, darf man sie mit einiger Zuverlässigkeit er-
warten und die Prognose darnach stellen. 14)
13) Quelles que soient les tentatives de systömatisation p:ithologique
ijui puissent ctre essayi'os dana l'avenir, tuutes c''eliuiien>i)t duvanl les difti-
cultiis de la pratique, h moins qu'elles ne tiennent im compte rigoureui de
l'univeraalite* dea symptdmea sans cxclure aueum d'eu,
Leon Simon, expositioa. p< 891.
M, Der Bchweizer l'.l. Plater »rar wohl der Erste, «reicher (in leinei
IV. Buch. Aphorism 72. 259
72. Es ist böse7 wenn der Harn sehr klar und blass ist,
besonders bei Gehirnentzündung.
Eine bekannte Erfahrung, und ein Symptom, welches wir
in der Symptomen-Reihe der Hauptmittel für solche phreni-
tische Gehirnaffektionen (Beil., Hyosc, Lach., Phosph.),
kaum aber bei unserem Haupt-Antiphlogistikum (Acon.)
antreffen. Dies dient uns zum Beweise, dass das Stadium der
Krankheit, wo dieses Letzte noch Erfolg verspricht, vorüber ist,
sobald der Harn hell und wässerig wird. Wenn also bei dieser
gefährlichen Krankheit ein solches Zeichen eingetreten ist, so wird
nicht leicht, und nur bei überwiegenden andern, das Letztgenannte
Mittel ausschliesslich charakterisirenden Zeichen, ein Homöopath
dasselbe noch in Anwendung ziehen und nutzlos eine, oft uner-
setzliche Zeit damit verlieren. Ob die Allopathie dasselbe Symp-
tom eben so benutzt, um ihren sogenannten antiphlogisti-
schen Apparat sofort bei Seite zu setzen, wissen wir nicht. 15)
Praxis med. 1625) die Krankheiten als eine Gesammtheit von Symptomen,
sowohl am Geiste wie am Körper, betrachtet, ohne sich um den geheim-
nissvollen Hergang im Innern zu kümmern. Nur darin weicht er sehr
wesentlich von den Homöopathen ab, dass er sehr zusammengesetzte Arz-
neien verordnet, indem er sucht, für jedes Symptom ein entsprechendes
Mittel beizufügen. Dies war eine Folge der hergebrachten Meinung, dass
Jedes derselben nur auf bestimmte Organe wirkte.
15) In den hippokratischen Krankheits - Geschichten, so wie in den
7tQoyv. 88 und 89, begegnet man weit öfterer, als heutiges Tages dem Aus-
drucke: „schwarzer Urin" (ovqu /xslccva), der bisher nur bei Ars., Colch.,
Kali., Lach, und Merc. corr. als eine seltene Erscheinung beobachtet wurde.
Sollte vielleicht unter /xsXccg nicht vielmehr alles Dunkele, mithin auch
dunkelroth, oder überhaupt jede sehr gesättigte Farbe zu verstehen sein,
wie Solches auch beim Homer an verschiedenen Stellen vorkommt? —
Auch bei den Stuhlausleerungen und beim Husten -Auswurf finden wir oft
das Prädikat der Schwärze angegeben , und möchte Dies dabei nicht selten in
derselben Bedeutung zu nehmen sein.
17*
260 * IV- Buch- Aphorism 73, 74.
73. Diejenigen, denen es in den aufgetriebenen Hypo-
chondern knurrt und kollert, bekommen Durchfall,
sobald sich dabei Lendenschmerzen einstellen; es sei
denn, dass viel Blähungen und Harn abgingen. Diese
Zufälle kommen bei Fiebern vor.
Bei der grossen Menge von Arzneien, welche die vorstehen-
den Zeichen unter ihren Symptomen zählen, hat dieser Lehrsatz
für uns eine sehr untergeordnete Brauchbarkeit. Nur in den
Fällen, wo solche in dieser Gruppirung an bestimmten Tages-
zeiten oder unter bestimmten Umständen sich einzustellen
pflegen , können sie bei der Mittelwahl zu nützlichen Anzeigen
dienen. — Uebrigens dürfte hierbei noch zu erwähnen sein, dass
bei diesem, aus den kölschen Vorhersehungen entnommenen
Aphorism von Fieber keine Bede ist, und dass in einer Pa-
rallelstelle in den Vorhersehungen (TtQoyvcoöuKov) das Fieber
ausdrücklich ausgeschlossen ist. Demgeinäss steht also der
Schluss dieses Lehrsatzes mit den angezogenen Stellen in eini-
gem Widerspruche, den wir jedoch nirgends gelöst finden.
Vielleicht haben spätere Erfahrungen unseren Autor belehrt, dass,
wie es auch wirklich der Fall ist, auch bei Fiebern, besonders
bei Gastrischen, diese Zufälle zuweilen eintreten. Die Chole-
rine -Durch fälle mit dem Kollern und Poltern im Leibe sind
meistens ganz schmerzlos, nur zuweilen mit Schmerzen im
After, nicht im Kreuze, verbunden.
74. Diejenigen, welche von einer Versetzung auf die Gre-
lenke bedroht werden, werden dagegen gesichert, wenn
sich am vierten Tage ein reichlicher Abgang eines
dicken, weisslichen Harns einstellt, wie Solches in den
mit grossem Mattigkeitsgefühle verbundenen Fiebern
zu geschehen pflegt. Erfolgt aber dazu noch Nasen-
bluten, so geht die Herstellung noch schneller von
Statten.
IV. Buch. Aphoiism 75. 261
Hier scheint, wie aus einer erläuternden Stelle in dem sechs-
ten Buche von den Landseuchen, (imdiiijuav to tcqgjtov) hervor-
geht, eine früher schon vorgekommene und daher leicht wieder-
kehrende Metastase16) gemeint zu sein, wovon die augenblick-
liche Gefahr durch die erwähnte, in dem Verlaufe der Krankheit
von selbst eingetretene Aenderung abgewendet wird. Solche
Versetzungen deuten aber stets auf eine chronische Natur
der Krankheit und gehören zu den tief eingewurzelten Uebeln,
welche durch solche zeitliche Veränderungen, die an sich schon
eine Art von Metastase sind, unmöglich gründlich und dauerhaft
geheilt werden können, und bei jeder neuen Veranlassung wieder
dieselbe Gefahr mit sich bringen. Der Homöopath wird daher
einen solchen Hergang niemals als eine wahre Heilung
ansehen, sondern, wenn er sich des gehörigen Zutrauens seines
Patienten erfreut, Diesen leicht vermögen, die (antipsorische) Kur
so lange fortzusetzen , als sich noch Zeichen auffinden lassen,
um die Mittel richtig zu wählen. Wer dabei auf dem halben
Wege stehen bleibt, der hat mit Sicherheit zu erwarten, dass
das Uebel im Stillen fortwuchert und bei der ersten Veranlas-
sung, meistens mit erneuerter Heftigkeit und grösserer Bösar-
tigkeit, sein Haupt wieder erhebt.
75. Wenn mit dem Harn zugleich Blut oder Eiter ausge-
leert wird, so zeigt Dies eine Verschwärung der Nie-
ren oder der Blase an.
Einige Kommentatoren wollen statt: „oder" — „und" lesen;
aber weder Celsus (II, 7), noch Galenus haben das Zweite, und
16) TJeber die wahre Natur der Metastasen hat Brandis (Versuch
über die Metastasen) die wichtigsten und belehrendsten Aufschlüsse gege-
ben, obwohl auch hier noch manche physiologische Räthsel zu lösen übrig
bleiben.
262 IV- Buch. Aphorism 76.
wir finden keine Veranlassung davon abzuweichen, da gewöhnlich
auf Blutharnen, wenn auch noch keine solche Vereiterung
vorhanden ist, Diese doch leicht erfolgt, wofern das Uebel nicht
bald gehoben wird. Dies ist aber bei der Menge der daran!
passenden Mittel oft ziemlich schwierig, und verlangt grosse Um-
sicht seitens des Arztes, sowohl in Bezug auf die veranlas-
sende Ursache, als auf die Unterschiede in akuten und chro-
nischen Fällen. ir)
76. Wenn mit dickem Harn kleine Fleischstückcken oder
haarförmige Fasern abgehen, so kommen solche aus
den Nieren.
Es ist gewiss merkwürdig und eine Bestätigung unseres
Grundsatzes: Similia Similibus, dass gerade dasjenige Mittel
(Canth.), welches bei Krankheiten der Nieren und der Harn-
organe eine so vorzügliche Heilkraft besitzt, auch dieses
Symptom am gesunden Menschen hervorgebracht hat,
und am Kranken Solches vor Andern heilt. Uebrigens darf
der genau bezeichnete, haarförmige Abgang in dem Harne
nicht verwechselt werden mit sonstigen Schleimabgängen, die ge-
wöhnlich mehr die Form von Flocken oder Fasern anneh-
17) Seit mehreren Jahren befestigt sich bei uns immermehr die Ueber-
zeugung, dass die grösste Zahl der Harnbeschwerden, nebst denen der uro-
poetischen Organe, in dem Boden der Sycosis, oder, was wir für dasselbe
ansehen, der Pocken (Variola) wurzelt, und nur durch solche Mittel dauer-
haft geheilt werden kann, welche diesem Grundübel entsprechen. Die
Zahl dieser Mittel ist aber bei Weitem grösser, als man gewöhnlich annimmt,
und viele der sogenannten antipsorischen Arzneien, (insbesondere: Ant.
crud., Ant. tart., Arg., Ars., Aur., Bar., Beil., Calc, Carb. an., Carb.
veg., Caust., Dulc, Euphr., Jod., Lach., Lyc, Merc, Mur. ac, Nitr. ac, N.
vom., Ph. ac, Puls., Rhus., Sabin., See. corn., Selen., Sep., Sil., Staph.,
Sulph., Zinc. und Andere haben in diesen verschiedenen Krankheitsformen
ihre Heilkraft dargethan. Es steht daher zu erwarten, dass in der nächsten
Zeit die Homöopathie in der Heilung dieser, bisher nur schwer oder gar
nicht heilbaren Krankheiten bedeutende Fortschritte machen wird.
IV. Buch. Aphorism 77, 78. 263
inen , wie sie bei mehreren Mitteln vorkommen, oder gar als
Schleimmassen, die sich meistens als Bodensatz nieder-
schlagen.
77. Wenn mit dickem Harne kleienartige Stoffe abgehen,
so ist Ausschlag in der Blase vorhanden.
So ganz allgemein und imbedingt dürfte dieser Lehrsatz doch
wohl nicht anzunehmen sein, weil dieses Zeichen, ausser bei Ant.
I.art., Merc. und Phosph., auch besonders bei der Valer. gefun-
den wird, wo es mehr mit einem hysterischen Unterleibs-
leiden zusammenzuhängen scheint, und dann durch dieses Mittel,
wie wir selbst erfahren haben, schnell beseitigt wird.
78. Plötzliches Blutharnen zeigt an , dass in den Nieren
ein Blutgefäss aufgesprungen ist.
Ob dies in allen Fällen richtig ist, mag dahin gestellt sein.
Wenigstens nützt es uns wenig, weil wir doch ausser Stande
sind, unmittelbar auf die Niere blutstillende Mittel anzubrin-
gen. Uebrigens kömmt diese Erscheinung sowohl bei einigen
exanthematischen Fiebern (Masern, Scharlach, Pocken) vor,
als bei äusseren Verletzungen (Arn.), und nach übermässi-
gem Genüsse hitziger Getränke (N. vom.). Sehr gemein
ist diese Krankheit beim Rindvieh, zumal bei den ersten
Weidegängen und gegen den Herbst, wahrscheinlich als Folge
schädlicher Nahrung. Hier hilft im Anfange jedesmal die Ipec,
und zwar in der feinsten Gabe (200) in Wasser aufgelöst und
eingegossen, meistens in einer einzigen Dosis innerhalb weniger
Stunden. Wir erwähnen diese häufig erprobte Thatsache als
einen unwiderleglichen Beweis für die Heilkraft der kleinsten
Arzneigaben, wenn nur die Wahl richtig war, und in der
264 IV- Buch- Aphorism 79.
Absicht, die aus theoretischen Gründen zweifelnden und ohne
Erfahrung darüber absprechenden Collegen wenigstens zu Ver-
suchen zu veranlassen.18)
79. Wenn der Harn einen sandigen Bodensatz ausscheidet,
so leidet der Kranke am Blasen-Steine.
Eigentlich hätte es heissen sollen, dass hier eine Neigung
zur Bildung des Blasen-Steins vorhanden war, weil der san-
dige Bodensatz oft Jahre lang abgehen kann , ehe sich wirklich
der Stein bildel, womit dann meistens der Abgang von Stein-
gries aufhört. Dieser sandige Bodensatz zeigt also mehr
die Disposition zur Steinbeschwerde, als diese selbst an,
und mahnt zur Anrufung ärztlicher Hülfe, um dem drohenden
Uebel bei Zeiten vorzubeugen. Bei der zu dem Ende einzulei-
tenden Kur ist dieses Eine Symptom indessen durchaus unzu-
reichend zur richtigen Mittelwahl, die überdem oft noch dadurch
sehr erschwert wird, dass der Patient sich im Uebrigen meistens
ganz wohl befindet und sonst über Nichts zu klagen hat. Da
gilt es also wieder, allen Scharfsinn aufzubieten , um so Viel zu
ermitteln, als unumgänglich erforderlich ist, um für das Eine
18) A doctor who considers it beneath his dignity to treat anhnals, is
a most miserable snob, and certainly no real phisieian.
C. Hering, h. Niews. 1856, p. 67.
On doit user des medicaraents homoeopatbiques avec les plus grandes
precautions chez les personnes atteintes de maladies anciennes des voies
urinaires: car ils produisent quelques fois , meme aux doses les plus fai-
bles, des aggravations extremement douloureuses. C'est surtout dans cette
classe de maladies, qu'on peut juger de la puissance energique que posse-
dent les doses dites infinitesimales des medicaments prepares d'apres
les preceptes de l'homoeopathie. — C'est dans ces circonstances qu'on
emploie avec avantage la seule inspiration de quelques globules
renferm^s dans un petit flacon.
Dr. L. Malaise, clin. bom, p. 148.
IV. Buch. Aphorism 80. 265
oder das Andere der hier konkurrirenden Mitte] eine homöo-
pathische Basis zu finden, und die bei uns so stark verpönte
Nothwendigkeit zu umgehen, am Kranken selbst Versuche zu
machen. Bei diesen Ermittelungen kömmt es nun sehr zu Statten,
dass bei den Prüfungen der Arzneien am Gesunden auch in
Bezug auf den Harn eine überaus grosse Menge der verschie-
denartigsten Zeichen aufgefunden ist, die sich nicht bloss auf
die Beschaffenheit des Harns selbst und dessen Boden-
satz beschränken, sondern auch auf die Ausleerungen und
auf die begleitenden Beschwerden vor, bei und nach
dem Harnlassen beziehen.19) Wenn alle dahin gehörigen
Momente mit der grössten Genauigkeit aufgezeichnet und mit
den Symptomen-Reihen der Arzneien verglichen werden, so kann
es nicht fehlen, dass bei Weitem die grösste Zahl derselben ausser
Konkurrenz gesetzt wird, und dass man unter den wenigen
Uebrigbleibenden leicht im Stande ist, durch Anpassung der son-
stigen Individualität des Kranken die Passendste und Hülf-
reichste aufzufinden. — Ob ein solches Verfahren auch als
symptomatisches Kuriren verspottet und verhöhnt werden
kann, Das dürfen wir unbedenklich der Entscheidung jedes un-
befangenen Arztes und Nicht-Arztes anheimstellen.
80* Wenn Jemand Blut in flüssiger Gestalt oder in Klump -
chen harnt, oder nur tropfenweise den Harn ausleeren
kann, mit gleichzeitigen Schmerzen im TJnterbauche
und im Mittelfleische, so sind die zur Blase gehören-
den Theile leidend.
19) Galenus sagt (Comm. 1 in libr. de artie.j: „Hippokrates habe
selten oder nie die Ursache der Krankheiten aus Begriffen entwickelt: er
habe es für vernunftmässiger und sicherer gehalten, sich durch offenbare
Erscheinungen leiten zu lassen. So habe er auch seine Urtheile über
die Heilung durch eigene Erfahrung befestigt, ehe er danach Anweisun-
gen gegeben." — Wenn man hier unter den Erscheinungen nur die Symp-
tome, und unter Erfahrung nur die Prüfungen der Arzneien verstehen kann,
so entspricht dies genau der Lehre Hahnemanns.
266 IV- Buch- Aphorism 81, 82.
Unter diesen Erscheinungen kündigen sich viele, unter sich
ganz verschiedene Krankheiten an und in der Umgehung der
Harnblase an, zu deren Diagnostizirung viel mehr gehört, als die
eben angeführten, allzu unbestimmten Symptome. Wie wenig
also hiernach eine richtige Mittelwahl zu treffen ist, leuchtet
von selbst ein.
81. Es zeigt eine Verschwärmig der Blase an, wenn mit
dem sehr übelriechenden Harne Blut, Eiter, oder
Schorfe abgehen. .
Die Verschwärung der Blase ist ein gefährliches Uebel,
dem man indessen durch zweckmässige Mittel, richtig angewen-
det, im ersten Beginne ziemlich leicht vorbeugen kann. Ist die
Verschwärung aber einmal vorhanden , welches aus den ange-
führten und noch einigen andern Zeichen leicht zu erkennen:
so werden bei der Wahl der Mittel meistens zuerst Petr., Puls.,
Sep. und Sulph. zum Vergleiche der Neben-Symptome sich dar-
bieten. Dabei verdient in Bezug auf das Ausgeleerte ins Be-
sondere der sp e z i f i s c h e Geruch desselben und die E i g e n-
t hü ml ich k ei t der Schmerzen in der Blase die erste Berück-
sichtigung. — Auch dieser Krankheit liegt fast immer ein
chronisches Miasma zum Grunde. 2o)
82. Wenn sich in der Harnröhre eine Eitergeschwulst ge-
20) Es giebt, glücklicher Weise nicht sehr häufig, zweierlei Krankhei-
ten des uropoetischen Systems, welche, der Allopathie beinahe ganz unzu-
gänglich, auch dem Homöopathen viel zu schaffen machen, nämlich die
Albuminurie und der Diabetes mellitus. Bei der Ersten wird man zunächst
an: Ant. er., Ars., Aur., Bry., Canth., Kali, Lach., Puls., Thuj. und Valer.;
bei der Zweiten an: Arg., Ars., Carb. veg., Coloc, Creos., Natr. mur.,
Ph. ac, Ran. bulb., Scill., Sep., Sulph. und Thuj. denken müssen. Eine
umsichtige Berücksichtigung aller Nebenbeschwerden ist hier doppelt noth-
wendig.
IV. Buch. Aphorism 83. 267
bildet bat, so verschwinden die Schmerzen, sobald Jene
aufbricht und eitert.
Eine Erscheinung, die bei allen Eitergeschwülsten, sobald
sie aufbrechen, vorkommt. Indessen ist bei dieser Arl von Harn-
röhrgeschwüren, auch wenn sie nicht syphilitischer oder
syko tischer Natur sind, leicht eine Verengerung derselben
die Folge, und es ist daher jederzeit anzurathen, die dafür pas-
senden Mittel anzuwenden, unter denen Canth., Rhus. und Puls,
wohl in der ersten Linie stehen. Haben jene Eitergeschwülste
aber ihren Ursprung von einem der drei bekannten chroni-
schen Miasmen, so ist es doppelt nöthig, die dafür angezeig-
ten und dem individuellen Falle genau angepassten Arzneien in
Anwendung zu bringen.
83. Ein häufiger nächtlicher Harnabgang deutet auf spär-
liche Stuhlausleerung.
Dieser Lehrsatz scheint den Kommentatoren erhebliche
Schwierigkeiten gemacht zu haben. Einige von Ihnen sind kurz-
weg alle Erklärung schuldig geblieben; Andere haben sich in
ein nicht dahingehöriges Feld verlaufen, und noch Andere bei
ihrer gelehrten physiologischen Erläuterung das hier sehr
beachtenswerte Wörtchen: nächtlich unberücksichtigt gelassen.
Wenn man indessen die Erfahrung befragt, so erhält man eine
Antwort, welche eben diesen Aphorism in einer Weise bestätigt,
wie wenige Andere, und wir müssen ihn daher als eine der be-
währtesten hippokratischen Beobachtungen annehmen. Anstatt
uns aber auf eine physiologische Erklärung einzulassen,
wollen wir lieber einen Augenblick darauf verwenden, zu sehen,
wie die Beobachtungen, die wir in dieser Beziehung bei Prüfung
der Mittel am Gesunden gemacht haben, sich zu dieser Beob-
268 IV- Buch- Aphorism 83.
achtung des Altvaters der Medizin an seinen Kranken verhalten.
Hier begegnen wir aber einer wahrhaft überraschenden Ueber-
einstimmung. Wir finden nämlich das ungewöhnlich häufige
nächtliche Harnlassen vorzüglich auch bei folgenden Arznei-
mitteln: Alum., Bry., Caust. , Creos. , Graph., Hep., Kali, Lyc,
Natr. carb., N. vom., Rhus., Sabin., Samb., Scill., Spig., Sep.
und Sulph. ; und siehe da! gerade diese sind es auch, welche
die spärliche, zögernde und ungenügende Stuhlaus-
leerung bei den Prüfungen am Entschiedensten als ihnen zu-
kommende Symptome herausgestellt haben. Man sieht also aber-
mals an diesem Beispiele , wie bei der Homöopathie das Eine
mit dem Andern einträchtig Hand in Hand geht, und wie man
überall dieselben Resultate erlangt, wenn man die Ergebnisse
der Natur an den Lehren der Homöopathie, oder Diese
an Jenen prüft. Wir glauben daher, natürlich nach der Erfah-
rung, die stets oben an steht, solche Uebereinstimmungen
als die stärksten Beweise für die innere Wahrheit der homöo-
pathischen Heillehre ansehen zu dürfen.21)
21) L'homoeopathie est aussi vieille que le monde, et eile se distingue
des autres doctrines medicales , qui tour ä tour se sont succede dans la
science, par cela seul qu'elle n'a rien invente, rien imagine, mais
qu'elle a tout simplement trouve la loi de guerison emanee de Dieu et
obscurcie par l'orgueil de l'honmie.
Dr. Bampal, rev. hom. I, 71.
Die Homöopathie steht ganz auf dem Boden der Erfahrung und
Beobachtung, während der Mysticismus der Theorie den Vorrang zuer-
kennt. Homöopathie und Mysticismus sind deshalb vielmehr einander ge-
rade entgegengesetzt. — (Einige sprechen gar von „Metaphy sik", ohne,
wie es scheint, recht zu wissen, worin Diese besteht.)
Griesselieh, Skizzen S. SO.
In Beziehung auf Hufeland's Brochure: „die Homöopathie" (Berlin 1831)
sagte ein Witzbold: „Hufeland ist zwar noch nicht todt, aber er hat den
Geist aufgegeben."
Ausser der Homöopathie scheint es keine genau passende allgemeine
Bezeichnung für irgend eine Heilart zu geben, welche das Wesen und den
Modus operandi ausspricht. Wenn die Allopathen von eröffnenden Mitteln
sprechen, wenn sie Obstruktionen beseitigen wollen , oder von Tonischen
V. Buch.
1. Es ist tödtlich, wenn sich auf den Gebrauch der Niess-
wurz Konvulsionen einstellen.
wenn sie stärken wollen, oder von Stimulirenden , wenn sie eine erhöhte
Thätigkeit erwecken wollen, so bezieht sich Dieses doch immer nur auf das
Endresultat derselben. Dr. Scott, Brit. journ. 1850,
Möge die Lehre der Homöopathie noch so unvollkommen sein, viel
Wahrheit aber enthält sie, und an Gedanken, die weiter führen, ist sie
reich, — sie, die zum ersten Male, seit es eine Heilkunde giebt, mit ei-
nem geordneten, präcisen, compendiösen, technisch -therapeutischen Apparate
an das Krankenbett trat, zum ersten Male das Heilen zu einem experi-
mentellen, durchdachten und unschädlichen Geschäfte machte, zum ersten
Male die Idee des forschenden Heilversuchs, Glied vor Glied, von der Wahl
des Mittels bis zur Verabreichung desselben, ausführte.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 118.
„Müssen wir denn" — sagt Hering im Arch. f. d. h. H. XL 1, S. 109
— „noch einmal wiederholen, was neu ist an der Hahnemannschen Lehre ?
Neu ist es, Arzneien als krankmachende Potenzen zu betrachten j neu ist
es, an Gesunden Arzneien zu prüfen, und dies als nothwendig zu verlan-
gen; neu ist es, aus den Zeichen einer Arznei zu schliessen auf die Spezi-
ficität eines Mittels im ähnlichen Krankheitsfalle ; neu ist es , die feinsten
Eigenthümlichkeiten der Krankheiten zu berücksichtigen, die man bis auf
Hahnemann ganz und gar nicht sah; neu ist es endlich, nur eine Arznei,
und immer einzig und allein nur eine Arznei zu geben; neu ist es, diese
nur einmal zu geben und nicht zu wiederholen, sondern die Wirkung ab-
zuwarten; neu ist es, die Arzneien durch Reiben und Schütteln zu ent-
270 v« Buch. Aphorism 1.
Ein solcher Erfolg zeigt deutlich eine Vergiftung mit
dieser äusserst kräftigen Arznei an, die, in allzu starker Dosis
eingenommen, ihre giftigen Eigen^virkungen mächtig entfaltet und
mit Eintritt der Konvulsionen, die in hohem Grade dazu gehören,
das Lehen gefährdet.'22) Zu den Zeiten des Hippokrates kannte
wickeln; neu ist es, sonst ganz kraftlose Dinge in die hülfreichsten Arz-
neien zu verwandeln; neu ist es, die ärgsten Gifte dadurch mild und ge-
fahrlos zu machen; neu ist es, dass Riechen an solcbe Arzneien eben so
wirksam sei, als Einnehmen ; neu ist es, dass alle Gewürze und dergleichen
auch krankmachende Potenzen sind; neu ist es, dass keine örtliche Behand-
lung zulässig ist, weil es keine örtlichen Krankheiten giebt; neu, und ganz
und gar- neu und ungeahnet vor Hahnemann ist die ganze, grosse Welt
seiner Entdeckungen." — „Lehrte Hufeland Specifica finden? Und wer
lehrte Diese finden vor Hahnemann? wo der liebe Zufall und die liebe Na-
turkraft das Beste thun müssen. Es ist Unwahrheit, dass das Prinzip nicht
neu wäre, denn es wurde dadurch von der alten Schule nie ein Mittel ge-
funden, und man wusste nie, warum man Aehnliches ei-zeugende Mittel
manchmal doch gab, und unerwartete Heilungen damit verrichtete."
Verblendung, Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit haben in die Wetle
gerungen, um die Homöopathie zu untergraben.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 44.
Si eile (l'homoeopathie) etait restee ä l'etat de simple tkeorie, les me-
decins l'auraient laissee passer sans y faire la moindre attention, sans en
prendre le moindre souci: c'est par-la- meine qu'ils ont commence dans
l'origine, mais le jour oü eile s'est posee comme une des lois primordiales
de la nature, le jour oü eile a voulu realiser ses esperances et ses princi-
pes, le jour oü eile a prouve par les faits pratiques qu'elle est sur la
route de la vraie medecine, alors les docteurs de l'ecole allopathique, trou-
bles dans leur etat, se sont emus; ils se sont mis ä l'oeuvre pour s'opposer
ä l'application d'une loi qui ebranle presque dans ses fondements une
science surannee, cette predendue science qui se farde d'une logomachie
sans cesse renovellee, pour cacher, comme une vieille femme, ses rides et
se decrepitude. Dr. L. Marchant, etude. pag. X.
22) Die Kuren damit,, — sagte Hahnemann bereits im Jahre 1799 im
II. Tb.., 2. Abth., Seite 429 seines Apothekerlexikons, — die sie (die
Alten) Helleborismus nannten, kommen in der Beschreibung, die sie uns
davon hinterliessen, noch über die Torturgrade unsrer ehemaligen Justiz.
— — Wenn aber demungeachtet die unverantwortlich dreisten Alten oft
Wunderkuren damit verrichteten in Krankheiten, die die zaghaften Neueren
nicht zu heilen vermögen, so wird man verleitet, zu schliessen, dass Beide
des rechten Wegs verfehlten, dass die Wahrheit in der Mitte liege, und
dass eine so kräftige Wurzel in tausendmal kleineren Gaben, als die Alten
V. Buch. Aphorism 1. 271
und brauchte man als Antidot gegen allzu heftige Wirkun-
gen der JNiesswurz nur die Zipa^oidsq, von der man
bloss weiss, dass sie zu den Vegetabilien gehörte, ohne ihren
systematischen Namen zu kennen, und dass sie sonst nur zum
Erbrechen und gegen Qu artanfieb er angewendet wurde. 23)
Demnach ist es schon der Natur der Sache gemäss zu vermu-
then, dass sie gegen die Konvulsionen der Niesswurz
ohne Wirkung bleiben musste, weil diese ausserhalb des Be-
reichs ihrer Kräfte lagen, und dass mithin die hippokratischen
Aerzte eines Mittels entbehrten, welches in diesen äussersten
Fällen noch hätte Rettung bringen können. Die antidotarische
Kraft einer Substanz ist nämlich lediglich abhängig von ihrem
eigentümlichen Wirkungsvermögen auf den lebenden
Organismus, natürlich sobald die allenfallsige chemische oder
mechanische Einwirkung beseitigt und nur noch die rein
Dynamische vorhanden ist. Aus diesem Grunde giebt es nicht
nur keine universellen Andidote gegen alle Gifte, wie es
keine universelle Medizin gegen alle Krankheiten giebt
oder geben kann, sondern selbst für die verschiedenen Ver-
giftungszeichen von einer und derselben Arznei sind
verschiedene Gegengifte nöthig, von denen Jedes wieder
seinen besonderen und abgeschlossenen Wirkungskreis hat,
über dessen Grenzen hinaus seine Kraft nicht mehr reicht.
Zur nähern Erläuterung und Begründung des eben Gesagten
verdient hier Dasjenige eine Stelle , was Hahnemann in seinem
Vorworte zur hier in Rede stehenden Weissniesswurz
(R. A.-M.-L. III. Band, S. 329 der zweiten Auflage) über die
Gegenmittel dieser Arznei aus eigener Erfahrung mittheilt. —
nahmen, und in noch weit kleine ren gebraucht, bei zuverlässiger Ge-
fahrlosigkeit eins der schätzbarsten Heilmittel abgeben müsse; wie mich
auch zur Genüge die Erfahrung gelehrt hat.
23) Dierbach (die Arzneien d. Hippokr. S. 115) hält es nach dem
Theophrast für den Samen desselben Veratrum album.
272 v- Buch. Aphorisra 1.
„Jählinge, schlimme Zufälle von Weissniesswurzel nehmen
einige Tassen starken Kaffee's am sichersten weg. Sind aber
drückendes Kopfweh mit Körperkälte und unbesinnlichem
Schlummer die Hauptzustände, so ist Kampfer das Gegen-
mittel. Ist ein ängstliches Aussersichsein mit Körper-
kälte, oder auch wohl brennender Empfindung im Gehirne
begleitet, zugegen, dann dient Sturmhut. -Die von Weiss-
n i e s s w u r z e 1 - M i s s b r a u c h übrigen langwierigen Uebel, z. B.
das tägliche Vormitternacht- Fieber, tilgt die Chinarinde in
kleinen Gaben am Besten". — Indessen ist mit diesen vier
Mitteln die ganze Beihe der Erscheinungen, welche als Be-
schwerden einer mit Weissniesswurz verübten Vergiftung vor-
kommen, keineswegs abgeschlossen. Namentlich bleiben hier noch
die im besprochenen Aphorism erwähnten Konvulsionen übrig,
welche entweder Cupr. oder Hyosc. , seltener Stram. verlangen
dürften. Ferner die Quartanfieber, die meistens auf Ars.
passen werden, das Erbrechen, welches der Bry. oder der
Ipec. entspricht, u. dergl. mehr. Bei allen solchen Zufällen,
welche durch übergrosse Arzneigaben oder durch sonstige
Vergiftungen entstanden sind, helfen nur, so lange überhaupt
noch Hülfe möglich ist, diejenigen Arzneimittel, welche das Ver-
mögen besitzen, ähnliche Beschwerden zu erzeugen, und bestä-
tigen also abermals die Bichtigkeit unseres Grundprinzips : Simi-
lia Similibus.24)
Sehr nahe verwandt mit der Lehre von den Antidoten
und nach demselben Naturgesetze zu beurtheilen ist die von den
prophylaktischen Mitteln, welche bezwecken, schon im Vor-
aus im lebenden Organismus die Disposition zu irgend einer
ansteckenden Krankheit zu vernichten.25) Es ist nämlich
24) Sic morbus rnorbo, ut clavum clavo retundimus , maloque nodo
malum adhibemus cuneum.
L. Lemnius de occult. nat. min. I, 5.
25) Hufeland (Makrobiotik II, 1, 9) ist gewiss im Irrthume befangen,
V. Buch. Aphorism 1. 273
bekannt, dass selbst von den bösartigsten und unzweifelbaft
ansteckenden Seucben immer einige Personen verschont
werden, und man ist allgemein der auch wohl wahrscheinlichen
Meinung, dass Diese nur dadurch davor geschützt werden, weil
ihnen die Empfänglichkeit dafür mangelt. Um diesen
Zustand auf künstlichem Wege herzustellen, können erfah-
rungsmässig nur solche Mittel dienen, welche ebenfalls das Ver-
mögen haben, die befürchtete Krankheit zu heilen, und die
deshalb im Organismus eine Reaktion hervorrufen, die unmit-
telbar gegen diese Krankheit und ihre Einflüsse gerichtet ist.
Wenn man daher in einem Hause, wo z. B. eine Art von Ner-
venfieber eingezogen ist, die noch nicht ergriffenen Mitglieder
der Familie gegen die Ansteckung schützen will: so kann Dies
nur durch Anwendung desselben Mittels mit Sicherheit ge-
schehen, welches bei den bereits Erkrankten das wahre homöo-
pathische Heilmittel ist, während alle andere Arzneien, die
sonst bei Nervenfiebern überhaupt zur Wahl kommen können,
gänzlich ohne Erfolg bleiben. Auch hier giebt es also eben so
wenig ein Universal-Prophylaktikum, wie eine Univer-
sal-Medizin, und alle sonstige Veranstaltungen, wie z. B. die
üblichen Räucherungen, um angeblich einen gänzlich unbe-
kannten Ansteckungsstoff zu vernichten, gehören zu der-
selben Kategorie, die sich nirgend bewährt hat.26)
wenn er sagt: — „Jede Thierklasse hat ihre eigenen (kontagiösen) Gifte,
die auf Andere nicht wirken» So hat das Menschengeschlecht die Seinigen,
welche denThieren nichts anhaben, z.E. das venerische Gift, das Pocken-
gift etc., die Thiere hingegen die Ihrigen, die nicht auf den Menschen wir-
ken, z. E. das Hornviehseuchengift, das Kotzgift bei Pferden. Nur
Eins ist mir bekannt, was Thieren und Menschen eigen ist, das Wuth-
gift". — Offenbar ist hier die Sache mit der Form verwechselt.
26) Man weiss, dass wenigstens viele Miasmen sich der atmosphäri-
schen Luft mittheilen, besonders der Feuchtigkeit derselben anhängen, und
so vermittelst der Windströmungen über entfernte Gegenden verbreitet
werden. Vielleicht Hessen sich hierdurch manche plötzliche Erscheinungen
18
274 ^* Buch- Aphorism 2, 3.
2. Es ist tödtlich, wenn sich nach einer Verwundung
Krämpfe einstellen.
Aus einer hierher gehörigen Stelle in der hippokratischen
Schrift 7ts(jt %qi6limov (V, 1) scheint hervorzugehen, dass in die-
sem Lehrsalze vorzüglich die, nach Verletzungen allerdings äus-
serst gefährliche Mundklemme (Trismus) gemeint ist. Die
Homöopathie ist jedoch im Besitze einer grossen , man möchte
sagen, allzu grossen Menge von Mitteln gegen dieses Uebel, so
dass durch die Hand eines erfahrenen und umsichtigen Arztes
dieser Schule die Gefahr in der Regel bald abzuwenden ist.
Aber eben die grosse Anzahl der hier zur Anwendung kon-
kurrirenden Mittel macht oft die richtige Wahl schwierig, und
es sind dabei sehr häufig geringfügig scheinende Umstände ent-
scheidend, die so leicht übersehen werden, und die nur der Ge-
übtere in ihrer wahren Wichtigkeit zu erkennen vermag. Glück-
licher Weise kann durch sofortige richtige Anwendung unserer
Arzneien gegen die verschiedenen Arten von Verletzungen
diesem bösen Zufalle so wirksam vorgebeugt werden, dass es
nur selten dazu kömmt.
3. Es ist böse, wenn bei einer starken Verblutung Kon-
vulsionen oder Schluchzen sich einstellen.
Auch für diese Fälle hat die Homöopathie ihre fast unfehl-
von Cholera und andern ansteckenden Krankheiten am Natürlichsten er-
klären.
Bereits vor mehreren Jahren entdeckte der berühmte Ehrenberg in der
Atmosphäre Berlins ungefähr 100 Arten von Infusorien, welche sicli zur
Zeit der daselbst herrschenden Cholera noch um etwa 30 neue Speciea
vermehrten und die Vermuthung begründeten, dass solche mindestens in
sehr naher Verbindung mit dieser Krankheit ständen, was Halmemann Bchon
beim ersten Auftreten derselben ausgesprochen hatte.
V. Buch. Aphorism 4. 275
baren Heilmittel, sowohl um die Blutungen dynamisch zu
stillen, — natürlich da , wo keine bedeutende Verletzungen der
Blutgefässe selbst vorhanden sind, die eine chirurgische Behand-
lung erheischen, — - als um die, in Folge bereits stattgefun-
denen erheblichen Blutverlustes eintretenden Konvulsio-
nen, Ohnmächten, Schluchzen u. dgl. zu beseitigen. Es
versteht sich übrigens von selbst , dass in allen diesen Fällen,
wie in der vorhergehenden Glosse gesagt ist, ebenfalls mit der
nöthigen Umsicht verfahren werden muss. — Siehe hierzu auch
die nächstfolgende Glosse.
4. Es ist böse, wenn sich auf übermässige Abführungen
Konvulsionen oder Schluchzen einstellen.
Die Einwirkung solcher unmässigen Abführungen auf den
Organismus ist sehr ähnlich Derjenigen, welche nach starken
Blutungen, Schweissen, oder überhaupt nach Säfteverlust jeder
Art entsteht. Am Schlimmsten aber ist es, wenn Jene eine Folge
von unmässigem Gebrauche der Weissniesswurz war, die
zu des Hippokrates Zeiten am Gewöhnlichsten zu Abführungen
angewendet wurde, und wovon schon im Aphorism 1 dieses
Buchs gesprochen ist.
Bei dieser Gelegenheit, und mit Bezugnahme auf die beiden
vorstehenden Aphorismen 3 und 4, dürfen wir nicht verschwei-
gen, dass in Betreff der durch Säfteverlust entstandenen
Beschwerden sich auch in die homöopathische Praxis ein Miss-
brauch eingeschlichen hat, welcher Dem der Behandlung der
Wechselfieber bei der Allopathischen ziemlich ähnlich ist
und, merkwürdiger Weise, mit einem und demselben Heilmittel,
nämlich mit der China, verübt wird. Es ist deshalb, leider!
auch bei uns, wenngleich in minderer Weise, Dasjenige wahr ge-
worden, was Hahnemann gleich im Anfange seines ausführlichen
18*
276 v- Bucla- Aphorism 4.
Vorworts zu dieser Arznei (R. A.-M.-Lehre III, Seite 98
der zweiten Auflage) beklagt, indem er sagt: — „Nächst dem
Mohn safte kenne ich keine Arznei, welche in Krankheiten
mehr und häufiger gemissbraucht und zum Schaden
der Menschen angewendet wäre, als die Chinarinde." —
Was Hahnemann weiter in diesem sehr lesenswerthen und lehr-
reichen Vorworte (S. 108 daselbst) über die Schwäche von
Säfteverlust erwähnt, mag wohl die Hauptveranlassung zu
dem gerügten Miss brauche gegeben haben, obwohl er dadurch
in keiner Weise eine Rechtfertigung erlangt. Denn so sehr auch
diese Arznei in äusserst vielen, vielleicht selbst in den meisten
Krankheiten, die aus Säfteverlust der verschiedensten Art
entstanden sind, den obersten Rang einnimmt und, wenn
auch nur als Zwischenmittel, kaum je entbehrt werden kann:
so würde man doch eine vollständige Unbekanntschaft mit dem
Grundprincip unserer bewährten Heilmethode bekunden, wenn
man annehmen wollte, dass sie überall für alle solche Fälle
einzig und allein passe und ausreiche. In der That besitzen
wir eine grosse Anzahl von Mitteln, welche zu dieser Kategorie
gehören, unter welcher Calc. carb. , Carb. veg. , Ph. ac. , Puls.,
Sep. und Staph. fast eben so oft zur Wahl kommen, als die
China, und ausser diesen steht uns noch eine lange Reihe von
andern Arzneien zu Gebote, welche unter besonderen Umstän-
den selbst noch vor den eben Genannten den Vorzug verdienen,
je nachdem die individuellen Symptome dafür eine maassgebende
Anzeige darbieten. Es ist demnach durchaus nicht homöopa-
thisch zu nennen ; wenn man bloss nach der generellen
Anamnese des Säfteverlustes (durch Blutungen, Durchfälle,
zu vieles Stillen der Mutter, zu häufige Pollutionen, Onanie,
heftige Schweisse u. dergl. mehr) überall bloss die China in
Anwendung bringen will, unbekümmert um die specielle Art und
Weise der Beschwerden, die darauf gefolgt sind. Ein solches
Verfahren steht ganz und gar in gleicher Linie mit dem blinden
V. Buch. Apliorism 5. 277
Gebrauche dieser Arznei in allen Krankheiten, welche den
periodischen Typus irgend eines Wechselfiebers an sich
tragen, und wir haben uns um so mehr veranlasst gefunden,
diese Rüge hier offen und unverhohlen auszusprechen, um auch
nur den Schein zu vermeiden, als wollten wir die Mängel, nicht
so sehr der Homöopathie, als der Praxis einiger Homöopathen
gutheissen oder auch nur verschweigen.
Wenn ein Betrunkener plötzlich die Sprache verliert,
so stirbt er unter Konvulsionen, es sei denn, dass ihn
ein Fieber ergreift, oder dass er zu der Zeit, wo der
Eausch sein Ende erreicht, den Gebrauch der Sprache
wieder erlangt.
Wir sind nicht der Meinung derjenigen Kommentatoren,
welche diesen Aphorism nicht für echt, sondern für unterge-
schoben halten. Es stimmt damit nämlich eine Stelle überein in dem
Buche: Ttsyl vovßcov, (XXII, 2), sowie im Celsus (II, 6), und
Galenus in seinem Kommentar macht keine darauf bezügliche
Anmerkung, woraus man auf etwas Derartiges schliessen könnte.
Aber ausserdem wird uns hier ein, zwar nur in wenigen Zügen
angedeutetes, aber doch völlig erkennbares Bild eines in hohem
Maasse betrunkenen Menschen vorgeführt, wie wir es in
den dahin gehörenden Zeichen des Mohnsaftes in grösserer
Vollständigkeit ausgemalt wiederfinden. Denn dort fehlt das
dunkelrothe, oft schweisstriefende Gesicht, die stieren
Augen, die Zuckungen um den Mund, das laute schnar-
chende Athemholen u. dergl. mehrere Symptome, welche bei
solchen Subjekten in diesem Zustande der höchsten Trunkenheit
vorkommen, und sehr häufig mit einem ap oplektischen Tode
endigen. Nur durch schnell (alle % oder % Stunde) wieder-
holte kleine Gaben Opium, worin sich alle diese Symptome
auf's Deutlichste abspiegeln, kann die hier drohende Lebensge-
278 v- B"ch. Aphorism 5.
fahr bald beseitigt werden. Das Fieber endlich, welches dann
meistens hinterher noch einzutreten pflegt, und in dem Apho-
rism als spontanes Rettungsmittel angeführt wird, ist in der
Regel von der Art, dass Acon. oder Beil., oder wohl Stram.
Dasselbe am Ersten beseitigen, und den früheren Normal-Zustand
wieder herstellen.27) — Uebrigens scheint der Mohnsaft zu den
Zeiten des Hippokrates mindestens noch nicht so verwendet
worden zu sein, wie jetzt, nämlich bei der Allopathie als
schlafbringendes und schmerzstillendes, und ganz im
Gegentheile bei der Homöopathie als Schlafsucht besei-
tigendes und Reaktion aller Art erregendes Mittel, —
in der That Einer der merkwürdigsten Widersprüche, welche
27) Man scheint heute vergessen zu haben, was unsere Vorfahren über
die Wirksamkeit des Kopfkohls gegen die Trunkenheit aus der Erfah-
rung gelernt hatten. Der alte belgische Arzt L. Lemnius sagt darüber (de
occult. nat. miraculis. II, 17), nachdem er Mehreres dagegen angeführt
hat:- — His omnibus praefertur Brassica, Catoni ad fastidium usque nobili-
tata, quam vulgus Caulis nomine designat, quod nulla stirpium cole sit
amplior. Hujus cum plures sint differentiae, illa ad discutiendam crapulam
accomodatior, quae plus coeteris rubescit, etc.
Plinius bestätigt (XX, 34) den Ausspruch des Cato vom Kohl: „Vino
adversari, ut inimicam vitibus. Antecedente in cibis caveri ebrietatem,
postea sumta crapulam discuti."
Die Feindschaft zwischen dem Kohl und dem Weinstocke war den
Alten sehr bekannt, und die Fabel erzählt, dass Jener aus den Thränem
des Lycurgus, Königs der Thracier, entsprossen sei, nachdem er in blindem
Eifer, statt des Weinstocks, sich selbst die Beine abgehauen habe. Daher
singt Vanieri (praed. rust. IX,):
ut Brassica nata Lycurgi
De lacrymis, Vites etiam nunc oderit almas:
Vitis ut ipsa retro tendentibus usque fiagellis
Diffugiat, ferrum velut in frondosa Lycurgus
Brachia rursus agat, veteresque resuscitet iras.
Es wäre leicht zu versuchen, was Plinius (XX, 36) über den Kessel-
stein sagt: ,,Crustae si occupent intus vasa omnia, in quibus aquae fer-
vent in tantum, ut non sit eas avellere, si brassica in iis decoquatur,
abscedunt."
Boerhave versichert, dass eine lungensüchtige Person, deren Lungen
schon ganz vereitert waren, durch den Gebrauch des einfachen Kohldekokts
mit etwas Salz und Orangonsaft völlig geheilt worden sei.
V. Buch. Aphorism 6, 7. 279
wir in den beiden Schulen finden und wovon Jede ihre Ansich-
ten mit Thatsachcn belegt und daher im Rechte zu sein glaubt.
Aber dergleichen Widersprüche giebt es selbst in der Wissen-
schaft nicht Wenige.28)
6. Die vom Starrkrämpfe Ergriffenen sterben innerhalb
vier Tagen. Haben sie aber diese Frist überlebt, so
werden sie wieder hergestellt.
Es wird kaum nöthig sein, hierbei zu bemerken, dass die
Ausnahmen von der in diesem Aphorism aufgestellten Regel
wohl noch häufiger sind, als Diese selbst. Auch in der hippo-
kratischen Schrift von den Krankheiten (tcsqL vovgcov) wird bei
diesen Zufällen der dritte, fünfte, siebente, oder vierzehnte als
der Sterbetag angegeben, mithin im Widerspruche mit diesem
Aphorism, so wie mit der betreffenden Stelle aus den Entschei-
dungen (tcsqi HQtöioav), woraus Jener entnommen zu sein scheint.
Uebrigens ist hier offenbar nur von dem natürlichen Verlaufe
der Krankheit, ohne Medikation, die Rede, während sowohl die
Allopathie, als die Homöopathie sich rühmt, wirksame
Mittel zu besitzen, um solche zu heilen und die Lebensgefahr
abzuwenden.
Eine vor der Mannbarkeit eintretende Fallsucht giebt
nocb Aussiebt auf Genesung. Stellt sie sich aber nach
28) Balnea, vina, Venus corrumpunt corpora sana;
Corpora sana dabunt balnea, vina, Venus.
Baccius de ven. et antid. c. 26.
Die Alten nannten die Personen, welche wir als mit „Katzenjammer be-
haftet" bezeichnen, mit dem Worte Heluci. „Quem effectum" — sagt Lem-
nius, — „Festus Pompejus Helucum vocat. Quae vox languidum sonat,
semisomnum atque hesterno vino oscitantem. Tertullianus hanc vocem pro
affectione usurpat, qua proelives in somnum reddimur ex pridiana crapula."
280 v- BuCfl- Aphorism 7.
dem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ein, so währt sie
bis zum Tode.
Dieser Lehrsatz stimmt in sofern mit der Erfahrung über-
ein, als die Fallsnchten in der Jugend meistens viel leichter
und sicherer zu heilen sind, als in den späteren Lebensjahren.29)
Dass indessen die nach dem fünfundzwanzigsten Lebensjahre
Entstandenen für völlig unheilbar angesehen werden sollen,
ist zuverlässig unrichtig, und wir selbst können aus unserer
eigenen Praxis eine sehr beträchtliche Zahl von dauerhaf-
ten Heilungen der letzten Kategorie nachweisen, weil dieses
Leiden bei uns sehr häufig vorkommt und wir deshalb sehr
zahlreiche Fälle dieser Art zu behandeln hatten. Nur so viel
müssen wir zugeben, dass es allerdings einige langjährige
Epileptische giebt, besonders unter Denen, die dagegen
Vieles gebraucht haben, wo alle Sorgfalt und Mühe vergeblich
war, und dass Diese auch verhältnissmässig mehr im reiferen,
als im jugendlichen Alter vorkommen, und wenn sie sich viele
Jahre damit herumgeschleppt haben.30) Am leichtesten und
sichersten ist jedenfalls die Heilung gleich nach den ersten
Anfällen, wenn man dabei die veranlassenden Ursachen kennt,
die sehr oft in Gemüthsbewegungen zu finden sind, aber
auch in andern Nervenreizungen oder orgauischen Stö-
rungen ihren Ursprung haben können. Deshalb giebt es auch
der Mittel gegen dieses schlimme Uebel so unendlich Viele,
29) Nach der Meinung der arabischen Aerzte sollen diejenigen Kinder,
welche zur Zeit d«s Neu-Mondes geboren sind, am Häufigsten den epilep-
tischen Krankheiten unterworfen sein.
Guido Patinus I, 54.
30) Mehrere Homöopathen werden mit uns die Beobachtung gemacht
haben, dass die Heilung derjenigen Fallsuchten am Schwierigsten ist und
oft nicht gelingt, wobei die Kranken nach den Anfällen jedesmal in einen
tiefen Schlaf fallen, und daraus mit einem anhaltenden Hinterkopfschmerz
erwachen. Es scheinen in diesen Fällen meistens immer Verbildungen im
Gehirne vorhanden zu sein.
V. Buch. Aphorism 7. 281
so wohl in der sogenannten rationellen Heilkunst, als in der
(irrationellen) Empirie und in der Haus- und Geheim -Mit-
tel-Praxis, welche wahrscheinlich Alle schon einmal hier oder
da Hülfe gebracht haben, aber noch des erforderlichen Weg-
weisers entbehren, um zu beurlheilen, wo und wann Jedes an-
zuwenden ist. Eben in dieser bekannten Insuffizienz der
Allopathie liegt auch der Grund, weshalb man bei solchen
Fällen sich nur selten an die Aerzte der alten Schule wen-
det, sondern meistens Hausmittel und Arcana aufsucht, und
solche der Reihe nach probirt, natürlich meistens ohne, oft mit
sehr schlimmem Erfolge.
Ist es wohl noch nöthig, hier zu wiederholen, was schon
so oft gesagt ist, dass nämlich die Homöopathie Fallsucht en
eben so behandelt, wie jede andere Krankheit? — Es giebt
und kann kein Spezifi cum geben für alle die verschiedenen
Krankheiten, welche unter dem generellen Namen Fallsucht
begriffen werden. In diesem, wie in allen andern krankhaften
Zuständen, ohne Ausnahme, muss zuvörderst das Bild Derselben
völlig klar und besonders in seinen charakteristischen Zeichen
vollständig ausgeführt vor Augen liegen. Von der grössten Wich-
tigkeit ist dabei die veranlassende Ursache, dann aber auch
die mehr oder weniger regelmässige Wiederkehr, so wie
die besondern Nebenbeschwerden, welche sich vor, bei und
nach den Anfällen einstellen. Was hier dann noch mangelt, um
mit Bestimmtheit die Indikation auf eine, homöopathische,
speziell passende Arznei31) zu beschränken und zu sichern,
31) Hahnemann würde bei der Neubildung des Wortes: Homöopathie
die so häufige Verwechselung von 6/J,og mit bfiotoq haben vermeiden
können, wenn er statt des Letzteren das Wort: ioinwg (von slnco , also
etwa Eikopathie) gewählt hätte. Es wäre dann auch mit dem Begriffe
des Aehnlichen zugleich Der des Passenden und Angemessenen
zum Ausdrucke gekommen. Indessen sind wir um so weiter davon entfernt,
hiermit einen Vorschlag zur Abänderung der einmal allgemein bekannten
282 v- Buch. Aphorism 8.
Das lässt sich meistens aus dem Verhalten des Leiden
den in der freien Zeit zwischen den Anfällen durch sorg-
fältige Nachforschung beim Kranken selbst, oder bei dessen
Angehörigen ergänzen. Nur der oft vorkommende Umstand, das
es an hinreichenden charakteristischen Symptomen fehlt, um
eine sichere homöopathische Mittelwahl zu treffen, weil das
Hauptleiden alle Nebenbeschwerden verdunkelt, macht
in der Regel die meisten Schwierigkeiten. Wenn Diese aber
einmal vollständig überwunden sind, so ist für den Homöopathen
die gründliche und dauerhafte Heilung der Fallsucht eben so
leicht und eben so sicher, selbst im vorgerückten Alter, wie die
jeder andern chronischen Krankheit, und wir haben alle Ursache,
mit unseren Erfolgen vollkommen zufrieden zu sein, die dann
auch Veranlassung gewesen sind, uns eine grosse Anzahl von
Leidenden dieser Art zuzuführen.
Wenn bei einem am Seitenstich Leidenden nicht inner-
halb vierzehn Tagen eine Reinigung durch Auswurf
stattfindet, so tritt Eiterung ein.
Heutiges Tages wird wohl nicht leicht ein Arzt so lange
den müssigen Zuschauer abgeben, als nöthig ist, um die Rich-
tigkeit dieses Lehrspruchs zu erproben. Die Allopathie hat
ihre sogenannte antiphlogistische Methode mit reichlichen
Aderlässen,32) welche, dabei die Hauptrolle spielen müs-
Benennung unserer Lehre zu machen, als es ohnedem der gelehrten Namen
in der Medizin nur allzu Viele giebt, und eine unnöthige Vermehrung der-
selben, namentlich gar mit barbarischen Wörtern, wie: Spezifisch und
Spezifizismus, in keiner Weise zu rechtfertigen ist. Nur zur Bezeich-
nung Desjenigen, was wir bisher bildlich unter (dynamischer) Verwandt-
schaft und Angemessenheit der Arznei verstehen, dürfte vielleicht der
obige Ausdruck (Eikopathiseh) eine richtigere Anwendung finden können.
32) Ueber das Aderlassen war schon Zwiespalt unter den medizini-
V. Buch. Aphorism 9. 283
sen.33) Wir besitzen dagegen unsere rein dynamische n, hoch v e r-
dünnten, und deshalb eben so schnell, als unfehlbar wir-
kenden Heilmittel (Acon., Bry., Dulc, Kali, Phosph. und Scill.)
und säumen keinen Augenblick, um davon sogleich Gebrauch zu
machen, sobald wir Zeichen genug haben, um die Wahl zu treffen.
9. Die Lungenschwindsucht befällt am meisten Personen
im Alter von achtzehn bis zu ftinfunddreissig Jahren.
Es giebt aber auch nicht eben seltene Fälle, wo sie früher
oder später eintritt, und aus diesem Grunde ist sowohl in den
koi'schen Vorhersehungen (III,) als im Celsus (III, 22) das
obengenannte Alter als das Gefährlichste, nicht aber als
das Ausschliessliche für diese Krankheit hervorgehoben.34)
sehen Wortführern des Alterthurns, eben so, wie zu unserer Zeit. Galenus
nämlich duldete bei Kindern bis zum Eintritte der Pubertät kein Blut-
lassen, wogegen Celsus Solches auch bei vollsaftigen Kindern für zuträg-
lieh erklärte. (Vergl. Botalli de cur. per sang. miss. c. 2.)
33) En 1853, M. de Poulins ä publie dans la Revue medicale
(t. II, p. 473) un tableau de la mortalite relativement aus maladies, en
1811 et en 1851. II resulte des chiffres auxquels il est arrive, que de
1811 ä 1851, les deces par variole ont diminue de moitie; les deces par
phthisie, hemorrhagies, apoplexies sont restes dans les memes proportions;
les morts-nes, morts subites, ont augmente de quatre neuviemes; les deces
par actions inflammatoires de tont genre se sont aecrus de cinquante-
quatre pour cents au moins. De ces donnees, M. de Foulins conclut
ä la decadence de la medecine depuis quarante ans.
Magnan, l'homoeop. p. 137.
Wenn der Puls, statt voll, hoch und gespannt zu sein, niedrig, schwach
und matt ist, dann ist es selbst in Entzündungskrankheiten zuträglicher,
die Lebenskraft zu erwecken, als durch Aderlass zu schwächen.
Smith , physiol. essays. 126.
34) Wenn der Astronom J. W. Schmitz in Berlin darin Recht hat, —
was wir uns einstweilen zu bezweifeln erlauben, — dass zu den Zeiten des
Ptolomäus (200 Jahre nach Chi-. Geb.) der Tag, nach Maassgabe der
wirklichen Dauer, 5 Stunden und 40 Minuten, und das Jahr, ebenfalls
der Dauer (nicht den Tagen) nach 86 Tage und 4 Stunden kürzer wa-
ren, als jetzt, und wenn im gleichen Verhältnisse bis zu Hippokrates hin-
284 Vi Bucn- Aphorism 9.
Uebrigens ist nicht zu verkennen, dass dieser Aphorism mit dem
Vorhergehenden in nahem Zusammenhange steht, und dass mit-
hin auch das Seitenstichfieber eben in dieser Altersperiode
am Meisten mit einem solchen bösen Ausgange droht, und des-
halb für die baldigste Beseitigung der Entzündung Sorge getra-
gen werden muss. Wenn nun aber, wie oft der Fall, die all-
gemeine epidemische Konstitution den nervösen Charak-
ter der Krankheiten begünstigt und Dieser durch abschwächende
S afteverluste ganz besonders befördert wird: so dürfte die
Frage leicht zu entscheiden sein, welche von den beiden, in
der vorhergehenden Glosse erwähnten Heilmethoden den
Vorzug verdient.35)
auf (400 Jahre vor Chr. Geb.) diese Abkürzung der Zeit berechnet wird:
so beträgt der Unterschied gegen jetzt nahezu ein Drittel. Ein Mädchen
von 21 Jahren würde also damals in der Wirklichkeit nicht länger gelebt
haben, als jetzt Eins von 14 Jahren, und ein ÜOjähriger Greis würde mit
dem heutigen 60jährigen Manne im gleichen Alter stehen.
Wenn in früheren Zeiten die Jahre in der That kürzer gewesen wären,
als jetzt, und die Lebensdauer sich nicht verkürzt hätte: so würde das
mit den Angaben übereinstimmen, welche uns Plinius (VII, 50) aus der
Vespasianischen Statistik aufbewahrt hat.
35) Wenn in der neueren Zeit die Physiologie aufs Bündigste nach-
gewiesen hat, dass bei Entzündungen der Faserstoff im Blute sich ver-
mehrt, dieser aber durch Aderlass keine Abnahme erleidet, während dadurch
nur die Blutkügelchen sich vermindern, dass ferner das Blut der Haupt-
träger der Lebenskraft ist und daher jedwede Entziehung desselben Diese
und mithin ihre Eeaktions-Fähigkeit beeinträchtigt, und dass endlich that-
sächlich durch vergleichende Versuche (z. B. im Wiener und in einigen
französischen Krankenhäusern) eine ansehnlich grössere Mortalität bei sol-
cher Behandlung der Entzündungs-Krankheiten durch unwiderlegliche Zah-
len bewiesen ist: so dürfte sich der Aderlass, wie er heutiges Tages noch
immer angewendet wird, schwerlich mehr vor der Wissenschaft rechtferti-
gen lassen. Es ist deshalb nicht das geringste Verdienst der Homöopathie.
um die leidende Menschheit, dass sie die Entbehrlichkeit alles Blutver-
giessens zur vollendeten Thatsache gemacht hat.
Die nachstehenden Turiner Telegramme, wie sie über das Ende des
Grafen Cavour in Paris veröffentlicht wurden, bedürfen wohl keines Kom-
mentars.
V. Buch. Aphorism 10. 285
10. Diejenigen, bei Denen eine Entzündung* des Halses
sich plötzlich, von da auf die Lungen versetzt, sterben
innerhalb sieben Tagen. Ueberleben sie aber diesen
Zeitraum, so erfolgt Lungeneiterung.
Solche Metastasen können fast nur allein da vorkommen,
wo gar nichts, oder wo etwas Verkehrtes geschieht. Es
giebt nämlich Fälle, wo eine Brustentzündung sich im An-
fange wie ein Katarrh mit Halsweh ankündigt, wobei dann
aber jedesmal schon gleich die Brust mehr oder weniger an-
gegriffen und leidend ist. Wenn dabei gar nichts geschieht und
die Sache, wie man es nennt, der Natur überlassen wird, so ist
es zuweilen der Fall, dass der Hals frei, dagegen die Brust
um so mehr affizirt wird, besonders bei solchen Personen, die
früher an ähnlichen Brustbeschwerden gelitten haben, oder be
denen Diese überhaupt der schwächste Theil ist. Noch gefähr-
licher ist es aber, wenn unter solchen Umständen, unbekümmert
um die sonstigen noch vorhandenen Symptome, bloss auf den
Hals eingewirkt wird, wobei dann die Versetzung auf die Brust
1. Juni. Der Graf Cavour ist erkrankt. Gestern ist ihm dreimal
zur Ader gelassen. Heute geht es hesser.
2. Juni. Heute erlitt Graf Cavour einen Rückfall und hat man ihm
wieder zweimal zur Ader gelassen. Man hegt seinethalhen keine grosse
Besorgniss.
3. Juni. Der Graf Cavour hatte eine sehr unruhige Nacht. — Ein
sechster Aderlass. — Heute Abend geht es besser. Die berathenden
Aerzte haben erklärt, dass die Krankheit den Chax-akter eines Nervenfiebers
(fievre typhoide) habe, aber in äusserst gelindem Grade und ohne die min-
desten beunruhigenden Symptome.
4. Juni. Heute Morgen hatte der Kranke einen Fieberanfall, nach
vorgängigem Froste. Um Mittag, Nachlass ; alle Symptome bestätigen, dass
der Geist ungetrübt ist.
5. Juni. Um 6 Uhr Abends hält das Fieber noch an. — Keine be-
merkenswerthe Veränderung. — Um 81/2 Uhr hoffen die Aerzte auf eine
ruhigere Nacht. — Die Aerzte werden Berathung halten.
6. Juni. Um 7 Uhr früh ist der Graf Cavour gestorben.
Kuriren und Heilen sind Wörter von sehr verschiedener Be-
deutung. Goldschmid.
286 v« Buch- Aphorism 11.
nur um so leichter erfolgt. Bei der homöopathischen Be-
handlung, wobei alle Nebenbeschwerden sorgfältig be-
rücksichtigt werden, ist ein solcher unerwünschter Erfolg nie-
mals zu befürchten, wenn der Artzt anders seine Schuldigkeit
thut, und ihm nicht geflissentlich Ein oder Anderes verheim-
licht wird. Mithin kann dann auch von einer nachfolgenden
Vereiterung der Lunge , die unter allen Umständen so äusserst
gefährlich ist, keine Rede sein.
11. Es ist ein Zeichen von Tödtlichkeit, wenn der Aus-
wurf der Schwindsüchtigen, auf glühende Kohlen ge-
schüttet, heftig stinkt, und ihnen die Kopfhaare aus-
fallen.
Man muss den üblen Geruch des Auswurfs, der diesem
Aphorism zufolge beim Verbrennen desselben entsteht, wohl
unterscheiden von dem sonst dabei Vorkommenden. Dieser
Letzte zeigt bei Weitem nicht immer, wie wir selbst bei mehreren
Patienten erfahren, einen absolut tödtlichen Ausgang einer
schwindsuchtartigen Krankheit an. Wir sehen noch täglich einen
hiesigen Hauderer bei jedem Wetter, Tag und Nacht, seinem
Geschäfte obliegen, den wir vor über dreissig Jahren an einer
solchen Krankheit behandelt haben, und dessen Auswurf in dem
Maasse übelriechend war, dass beständig Fenster und Thüren
offen gehalten werden mussten, um den Aufenthalt in seiner
Stube nur irgend erträglich zu machen. In wie fern aber der
Auswurf, welcher beim Verbrennen auf Kohlen einen heftigen
Gestank verbreitet, ein so entschieden böses Zeichen abgeben
soll, bleibt uns auch noch mehr als zweifelhaft. Wir haben
solche Versuche einige Male angestellt, aber auch hier das Re-
sultat nicht immer richtig befunden. Vielmehr haben wir dabei
erfahren, dass selbst der ungefährliche, dickschleimige, an
sich geruch- und geschmacklose Auswurf beim Verbrennen
V. Buch. Aphoriam 12. 287
oft, ja meistens einen überaus heftigen stinkenden Geruch
erzeugte, und dessenungeachtet die Patienten ohne grosse Schwie-
rigkeit wieder hergestellt wurden. Ueberhaupt liefert uns aller-
dings der Geruch und der Geschmack des Hustenaus-
wurfs mitunter die wichtigsten und unentbehrlichsten Symp-
tome für die richtige Mittelwahl. Allein zur Aufstellung einer
zuverlässigen Prognose scheinen Beide für sich allein wenig
brauchbar, wenigstens anderen Zeichen entschieden untergeordnet.
Auch das Ausfallen der Kopfhaare, welches oft auch
bei andern Krankheiten eintritt, und daher auf zahlreiche Mittel
hindeutet, ist uns bei dieser Krankheit, so viel wir uns erinnern,
niemals eine Vorbedeutung von besonderer Bösartigkeit gewesen,
die sich in der Folge als Solche bestätigte.
12. Wenn sich bei einem Schwindsüchtigen, dem die Haan
ausfallen, Durchfall einstellt, so ist der Tod nahe.
Eintretender Durchfall im letzten Stadium der Schwind-
sucht beschleunigt nicht nur den Tod durch die dadurch her-
beigeführte beträchtliche Erschöpfung, sondern ist auch an
und für sich schon ein gewöhnlicher charakteristischer Zug
in dem Bilde der Höhe dieser Krankheit, die überhaupt einige
ganz eigenthümliche Erscheinungen darbietet. Wir er-
innern in dieser Beziehung nur an das, in den letzten Tagen
sich einstellende allgemeine Gefühl von Wohlbefinden, an
die unerschütterliche Hoffnung auf baldige Genesung, an
die, zum Ersatz für die lange Einsperrung projektirten Rei-
sen, an die Vervollständigung der Garderobe, u. dergl. mehr,
welches Alles den nahe bevorstehenden Sehluss der Traue r-
scene mit grosser Sicherheit ankündigt. Solche Kranke haben
selten eine Ahnung von der Grösse und Nähe der Gefahr,
und selbst die kolliquativen Seh weisse und Durchfälle, so
288 v- Buch- Aphorism 13.
wie das Anschwellen, erst derFüsse und dann der Hände,
meistens Einer nach der Andern, werden als vorübergehende
Beschwerden von geringer Erheblichkeit angesehen, die sich
nächstens von selbst verlieren werden. In dieser Hinsicht be-
währt die Schwindsucht vor allen andern hoffnungslosen
Krankheiten für den Kranken selbst die unbestreitbarsten Vor-
züge, indem sie in der Regel weder von erheblichen Schmer-
zen begleitet ist, noch auch bis zum letzten Athemzuge die
sichere Hoffnung auf Genesung schwinden lässt. Solche Kranke
kann man aber wohl als unbedingt unheilbar ansehen.36)
13. Wenn schäumiges Blut ausgeworfen wird, so kommt
Dieses aus der Lunge.
Wenn überhaupt jeder Blutauswurf ein bedenkliches
Symptom abgiebt, so ist das besonders mit dem schäumigen
Blute der Fall, und am Meisten dann, wenn das Ausgeworfene
dabei sehr flüssig und hellroth ist, weil dieses aus den fein-
sten Verästelungen der Luftwege in den Lungen hervorkommt.
Dieser Verschiedenheit in der Farbe und in der Konsistenz des
Blutes hat daher die Homöopathie, wie billig und nolhwendig,
eine grosse Aufmerksamkeit zugewendet, und darüber eine be-
deutende Menge von Notizen mit grosser Sorgfalt gesammelt, die
bei der Mittelwahl jederzeit wohl zu beachten sind. Es ist da-
bei merkwürdig, dass die eben angeführte Verschiedenheit
des Blutes, wie sie bei Blutungen von einzelnen Mitteln
erregt und geheilt werden kann, sich bei jedem derselben bei
allen Blutungen (auch der Nase, des Afters, der Ge-
schlechtstheile u. s. w.) in derselben Weise zu wieder-
36) Non est in inedico semper relevetur ut aeger,
InterduiD docta plus valet arte malum.
üvidius.
V. Buch. Aphorism 14, 15. 289
holen pflegt, mithin um so mehr zur Charakteristik derselben zu
rechnen ist.
14. Es führt bald zürn Tode, wenn bei einem Schwind-
süchtigen Durchfall sich einstellt.
Siehe den vorstehenden Aphorism 12, der schon Dasselbe
besagt.
15. Wenn in Folge des Seitenstichs ein Lungen geschwür
entstanden ist, so erfolgt Genesung, wofern innerhalb
vierzig Tagen, vom Aufbrechen des Geschwürs an ge-
rechnet, eine Reinigung durch Auswurf stattfindet; wo
aber nicht, da bildet sich eine Schwindsucht aus.
So ganz genau wird es mit diesem Lehrsatze wohl nicht
zu nehmen sein. Die Dauer von vierzig Tagen dürfte in dem
einen Falle wohl zu lange, in einem Andern zu kurz bemessen
sein. Das Hauptkennzeichen für die Hoffnung eines er-
wünschten Ausganges ist wohl mehr in der Beschaffen-
heit des Eiters und in den damit in unmittelbarer Verbin-
dung stehenden Symptomen des übrigen Befindens zu
suchen.37) Den schlechten und bösartigen Eiter in Ge-
schwüren aller Art in Milden und Gutartigen zu verwan-
deln, ist eine der Hauptaufgaben der Homöopathie, und wenn
es auch noch einige Wenige der Art giebt, wobei sie ihren
Zweck noch nicht vollständig erreicht hat: so sind doch ihre
Erfolge in dieser Beziehung bereits von grosser Erheblichkeit.
Es kann daher auch wohl nicht bezweifelt werden, dass es uns
37) Die Eiterung ist eine Wirkung der Natur, und wenn diese in guter
Verfassung ist, so geht auch jene gut von statten; wenn aher die Lebens-
kräfte mangeln, so muss man innerliche Arzneien und eine nährende Diät
anwenden, welche unendlich mehr leisten, als alle äusserlich angewendeten
Mittel. Peter Cläre, über Eitergeschwüre.
19
290 v- Bueh- Aphorism 16, 17.
gelingen wird, selbst für die letztgenannten bösen Eiterungen in
nächster Zeit ebenfalls die hülfreichen sicheren Mittel zu ent-
decken. Dann wird auch der Brust- und Mutter-Krebs
nicht mehr unheilbar sein, obwohl wir schon jetzt einige, nicht
gar zu weit Gediehene wirklich geheilt haben. 38)
Bei den eigentlichen Lungeneiterungen tritt. noch der
üble Umstand hinzu, dass dieses Organ niemals in Buhe ver-
bleiben kann, und dass bei dem durch das unaufhörliche Ath-
men verursachten abwechselnden Ausdehnen und Zusammen-
ziehen desselben eine Heilung und Vernarbung hier mehr
Schwierigkeit findet, als in anderen Theilen. Wenn aber das
Brustfell der Heerd der Eitergeschwulst war, wie dies
gewöhnlich beim Seitenstich der Fall ist, und die Lunge selbst
davon nicht ergriffen wurde, so stellt sich die Sache günstiger,
wenngleich dabei die Eiterausleerung durch Vermittelung der
Lungen noch nicht genügend erklärt ist. Dass dies aber in
der That geschehen könne, und dass man dann durch die Bil-
dung eines völlig gutartigen Eiters einer sicheren Genesung
entgegensehen darf, das haben sowohl Allopathen als Homöo-
pathen in zahlreichen Fällen erfahren.
16. Die allzu häufige Anwendung der "Wärme erzeugt
folgende Uebel: Muskelschlaffheit, Nervenschwäche,
Geistesstumpfheit, Blutflüsse, Ohnmächten und endlich
den Tod. .
17. Die Kälte hingegen verursacht Konvulsionen, Starr-
krämpfe, schwarzblaue Färbung der Theile und Fie-
berfrost.
In diesen beiden Aphorismen stellt der Vater der Heilkunde,
38j Nicht das Vollendete allein, es erfreut und frommt auch die Wege
zu verfolgen, auf denen und wie es stufenweise erreicht ward.
C. Stapf, Vorw. zu Hahn. kl. Sehr.
V. Buch. Aphorism 17. 291
freilich nur in wenigen, aber kräftigen Zügen , die nachtheiligen
Wirkungen von der anhaltenden Anwendung der Wärme und
der Kälte einander gegenüber. Es scheint daraus hervorzu-
gehen, dass auch schon in der damaligen Zeit damit häufiger
Missbrauch getrieben wurde, und dass er deshalb eine drin-
gende Veranlassung fand, durch Darstellung der oft darnach
eintretenden bösen Folgen seine warnende Stimme zu erheben.
Wir glauben seine wohlmeinende Absicht um desto deutlicher
hier darin zu erkennen, dass in den wenigen angeführten Wir-
kungen gerade die Bösesten hervorgehoben sind, die nur bei
allzu grossem TJebermaasse und allzu anhaltender Dauer der
Anwendung des Einen oder des Andern zu entstehen pflegen,
dass in den nächstfolgenden Aphorismen Manches davon eine
Aenderung erleidet, und dass hier die Fälle näher bezeichnet
werden, wo von Beiden auch eine nützliche Anwendung gemacht
werden kann. Es scheint uns daher unzweifelhaft, dass hier
nur von dem eigentlichen Missbrauch die Bede ist, wie über-
haupt Hippokrates, vielleicht mit einziger Ausnahme der auslee-
renden Mittel, ein grosser Feind von allem Ueb er trieben en
und von jeder Art von allzu heftigen Eingriffen war, de-
ren Nachtheile sich einem so scharfen Beobachter bei jeder Ge-
legenheit von selbst aufdringen mussten. 39)
39) Findet irgend ein Gewächs in dem Erdboden, in welchem es
wächst, den ihm verwandten Saft im TJebermaasse, so erkrankt es ; hat es
aber zu wenig davon, so verwelkt es.
Hippokr. tzsqI vovßcov.
Wenn (nach Virgil) die Flüsse Calabriens und (nach Juvenal) die Ti-
ber zufroren, wenn (nach Plinius) bei Rom die Myrrten-, Oel- und Lor-
beer-Bäume erfroren, und Aelian die Kunst lehrte, Aale unter dem Eise zu
fangen: so muss ehedem im südlichen Europa die Temperatur des Winters
weit tiefer gestanden haben, als heute.
19*
292 v> Buch. Aphorism 18.
18. Die Kälte wirkt nachtheilig auf die Knochen, die Zähne,
die Nerven, das Gehirn und das Rückenmark; die
Wärme dagegen wohlthätig.
Was hier von dem nachtheiligen Einflüsse der Kälte auf
verschiedene Körpertheile gesagt ist, erleidet nicht nur viel-
fältige und sehr wichtige Ausnahmen, sondern verlangt auch
erläuternde Zusätze, wovon wir hier jedoch nur beispielsweise
einiges Wenige anführen können. — So sind z. B. diejenigen
Zahnschmerzen gar nicht selten, wobei durchaus nichts
Heisses oder auch nur Warmes vertragen wird, während sie
sich durch kaltes Wasser, wenn auch nur vorübergehend,
besänftigen lassen. Jeder Homöopath kennt die Mittel, die
eben durch diese Eigenthümlichkeit angezeigt werden, sowie
Diejenigen, wobei sie eine entschiedene Gegen-Anzeige ab-
giebt, und wodurch er im Stande ist, ein oft arges Leiden schnell
und gründlich zu heilen, welches der Allopathie in der Regel
völlig unzugänglich ist.40) — Das Kühlhalten des Kopfes,
40) Les personnes qui souffrent de maux de dents sont si accoutumees
ä etre renvoyees par leur medecin chez un dentiste, qu'elles ont recours
tout de suite ä ce dernier, sans reflechir qu'en faisant enlever une dent
malade, on ne detruit point la cause qui a engendre cette maladie, et que
bientöt cette meme cause produira la meme affection sur les dents qui
etaient restees saines jusqu'alors.
Di-. Malaise, clin. hom. p. 57.
Schwerlich giebt es in der Homöopathie einen anderen, eben so un-
widerleglichen, als (materialistisch) unerklärlichen Beweis für die Wirksam-
keit der allerkleinsten Dosen, als das Eiechen gegen Zahnschmerzen. Wo
das Uebel nicht zu alt 'und überhaupt für irgend ein schnell wirkendes
Mittel angemessen ist, da hilft jedesmal das Eiechen daran unmittelbar
und ebenso dauerhaft, als das Einnehmen. Diese Wirkung beschränkt sich
aber keineswegs auf die wirklich riechenden Heilmittel, oder auf solche
Verdünnungen, welche diesen Geruch noch besitzen. Der Erfolg ist und
bleibt jederzeit derselbe, wenn der Leidende auch nur auf ein Gläschen
riecht, welches ein Paar Grane trockner Streukügelchen enthält, die, vor
Jahr und Tag mit der flüssigen Hochpotenz befeuchtet, nunmehro längst
trocken und geruchlos geworden sind, selbst dann, wenn diese- Gläschen
V. Buch. Aphorism 18. 293
worauf bekanntlich der berühmte Boerhave ein eben so grosses
Gewicht legte, als auf das Warmhalten der Füsse,41) ist
ohne Zweifel eher nützlich als schädlich, so lange dabei alles
Uebermaass vermieden wird. Zu diesem Letzten gehört aber
namentlich die wirkliche Erkältung des eben erhitzten oder
schwitzenden Kopfes, etwa durch Kaltwaschen, oder
durch Entblössung in kalter Luft, selbst von unvorsichtigem
ßaa rhauptgehen im Freien, besonders nach Haarschnei-
den43) u. dergl. mehr. Hier liegt indessen nicht so sehr in
der Kälte selbst, als vielmehr in dem durch die natürliche
Reaktion der Lebensthätigkeit hervorgerufenen entgegen-
gesetzten Zustande, nämlich in der darauffolgenden, bis zur
Entzündung gesteigerten Hitze das Gefährliche, welches, wenn
es nicht schleunigst beseitigt wird, wozu meistens nur eine ein-
zige kleinste Gabe Bell, hinreicht, oft ein langwieriges, schwe-
res, nicht selten zum Tode führendes Kopfleiden zur Folge
hat. 43) — Im Wesentlichen geschieht ganz Dasselbe, wenn sich
seitdem unzählige Male zu gleichem Behufe gebraucht war. ■ Diese feinen
Zuckerkügelchen behalten erfahrungsmässig ihre Arzneikraft unvermindert
viele Jahre lang, lassen Diese mithin nicht verdunsten, und sind dennoch
beständig mit einem hinreichenden Arzneidunste umgeben, um in wenigen
Minuten einen heftigen Schmerz gründlich zu tilgen.
41) 't hoofd koel, de voeten warm,
steek niet te veel in uw darm,
houd 't achterpoortjen open,
en laat den Dokter loopen.
Boerhave.
Die beiden ersten Zeilen dieses Spruchs sind eigentlich dem Plutarch
entlehnt.
42) Diejenigen Personen, welche nach Haarschneiden fast jedesmal
Kopfschmerzen bekommen, können sich leicht dagegen schützen, wenn
sie gleich darauf, und später allenfalls noch ein oder andermal nur flüchtig
an hochpotenzirte Belladonna riechen.
43) "Wenn der hippokratische Eath zur Anwendung des heissen
Wassers, z. B. bei Lungenentzündung in einer Blase auf die Brust zu
legen, (tceqI vovGcov II,) wie Conradi, oder bei Starrkrampf, (daselbst III,),
wie van Swieten bestätigt, die besten Resultate geliefert hat: so begreift
294 v- Bucl1- Aphorism 18.
Jemand durch Kalttrinken bei Erhitzung eine Brustent-
zündung zugezogen hat. Der Unterschied liegt nur darin, dass
beim Kopfe die äussere, bei der Brust die innere Kälte
in der Nach-Wirkung, die immer dauernder ist als die Erst- Wir-
kung, die Hitze bis zur Entzündung steigert. Deshalb tritt
Diese auch nur dann ein, wenn die innere, durch den kalten
Trunk plötzlich und vorübergehend abgekühlte Erhitzung
einen gewissen Grad erreicht hat, welcher sich am sichersten
durch den beschleunigten Puls und das schnellere Athmen
erkennen lässt. Sobald die beiden Letzten wieder auf un-
normales Maass zurückgekehrt sind, schadet ein kalter
Trunk in dieser Weise niemals, der Körper mag übrigens so
erhitzt sein, wie er will, — eine K autele, die man namentlich
in den h ei ssen Ländern sehr wohl kennt, wo alle Getränke
mit Eis abgekühlt werden, wo man aber sorgfältig den erforder-
lichen Zeitpunkt abwartet, bis sie ohne Gefahr genossen werden
können.44) — In diesen und ähnlichen Fällen würde man mit
dem Contraria Contrariis schlecht fahren. — Ueber die
üblichen kalten Begiessungen und Aufschläge auf dem Kopfe
siehe Aph. VII, 42.
man nicht-, wie man dasselbe 'Verfahren hei Kopfschmerzen von Entzün-
dung (daselbst II) für einen Seltsamen und Nachtheiligen erklären kann,
und in diesen Fällen lieber zum eiskalten Wasser greift. Aber freilich,
das Erste passt schlecht zu dem unverletzbaren Contraria Contrariis.
44) Der heftige, zerstörende Einfluss von schnell aufeinander folgen-
der Einwirkung entgegengesetzter Temperatur -Zustände zeigt sich auch
selbst an leblosen Gegenständen. Man kennt das Zerspringen der schnell
erhitzten oder abgekühlten Gläser; aber Manche» wissen nicht, wie man
auch in der Küche davon Nutzen ziehen kann. Diese mögen es denn hier
erfahren, dass das bequemste und unfehlbarste Mittel, altes und zähes Fleisch
mürbe zu kochen, darin besteht, dass man Solches halbgar plötzlich aus
der Siedehitze in möglichst kaltes Wasser taucht und darin so lange liegen
lässt, bis es durch und durch kalt geworden, dann aber wieder eben so
plötzlich an's volle Feuer bringt und nun völlig gar kochen oder braten
V. Buch, Aphorism 19. 295
19. Kaltgewordene Tlieile muss man erwärmen, ausgenom-
men bei einem schon vorhandenen oder drohenden
Blutflusse.
Dieser Aphorism ist von den Allopathen mit Jubel begrüsst
worden, weil er eine Bestätigung des in der vorhergehenden
Glosse von uns angezweifelten Lehrsatzes: Contraria Contra-
riis! enthält. Ein Kommentator nennt ihn sogar an dieser Stelle
„ein Axiom, welches im Grunde seine volle Richtigkeit
hat." Und doch spricht sich eben in dem hier vorliegenden
Falle, namentlich wenn die Kälte einen bedeutenden Grad
erreicht hat oder irgend ein Theil wirklich erfroren ist, die
Erfahrung jedes Arztes, ja selbst die Sitte der Bevölke-
rung nordischer Länder gerade im entgegengesetzten
Sinne aus. Wenn z. B., was im Winter in Russland sehr häufig
geschieht, Jemand einem Andern begegnet, dem die Nase oder
die Ohren weiss gefroren sind, was Dieser oft selbst nicht
fühlt, so besinnt er sich keinen Augenblick, eine Hand voll
Schnee aufzuraffen und ihm Solchen darauf zu drücken. Der
Andere, weit entfernt Dieses übel zu nehmen, dankt lan-
desüblich auf's Verbindlichste für diesen Liebesdienst.
Plötzlich angebrachte Wärme würde hier leicht den Verlust
des Gliedes zur Folge haben.
Das bewährteste Schutzmittel gegen Kälte und Erfrie-
rung einzelner Theile ist Bestreichen mit Kampferspiritus,
welcher in der Er st- Wirkung einen hohen Grad von Kälte,
in der "andauernden Nach- Wirkung aber eine anhaltende
Wärme hervorbringt. Bei der oft hinterher sich einstellenden
schmerzhaften Hitze, wie von Verbrennung, hilft dann am
besten die äussere Anwendung der verdünnten Kanthariden-
lässt. Dieses Verfahren ist seit undenklicher Zeit im Oriente bekannt, wo
man es namentlich in Anwendung bringt, um zu dem beliebten, dort mit
dem Namen: „Taouk Geukseu" bezeichneten Gerichte (nach Curzon) das
Hühnerfleisch weich zu kochen.
296 v- Buch- Aphorism 20.
tinktur. — Ganz spezifisch für kalte Füsse, die oft bei
Winterreisen sehr unbequem sind, ist der weisse Arrak-Punsch,
auch wenn er kalt getrunken wird, und am Wirksamsten bei
trockener Kälte.
Die Wiederbelebung von Erfrorenen, die schon als
starre Leichen da liegen, soll in mehreren Fällen gelungen sein,
wenn sie ebenfalls nach dem homöopathischen Prinzipe behan-
delt, nämlich ganz in Schnee eingehüllt, oder in ein durch
Eisstücke möglichst kalt gemachtes Wasserbad gelegt wer-
den, bis alle Glieder wieder weich und biegsam geworden sind.
Dann reibt man den Körper mit Schnee, bis er roth wird,
und später mit trocknen wollenen Tüchern. Die weitere Be-
handlung gehört nicht hierher; wohl aber noch die ebenfalls
mehrfach bestätigte Erfahrung, dass, um nachtheilige Folgen zu
vermeiden, der also Gerettete sich noch längere Zeit nachher
vor Feuer- und Ofen- Wärme hüten muss. 45)
Wie lassen sich alle diese tausendfältig bewährten Erfah-
rungen mit dem obigen Axiom: Contraria Contrariis in Ein-
klang bringen? — Vielmehr scheint es, dass der vorstehende
Aphorism lediglich zur Einleitung für den Nächstfolgenden die-
nen soll.
20. In den Geschwüren erzeugt die Kälte ein Gefühl von
Beissen, Verhärtung der Haut, schmerzhafte Stockung
der Eiterung, eine schwarzblaue Färbung, Fieberfrost,
Konvulsionen und Starrkrampf.
Auch diese Erscheinungen bleiben sich keineswegs bei allen
Geschwüren gleich. Im Gegentheile giebt es deren nicht Wenige,
45) Merkwürdig ist die Erklärung Hufelands (kl. med. Schriften III,
S. 308) von der wohlthätigen Wirkung der Kälte auf erfrorene orga-
nische Theile, und vielleicht noch merkwürdiger, dass er kurz vorher, wo
er über die Wirkungen der Wärme spricht, über die vortheilhafte An-
wendung derselben bei Verbrennungen Nichts sagt.
V. Buch. Aphovism 21. 297
welche keine Wärme vertragen und bei kühlem Verhalten,
freilich ohne die beliebten nassen Umschläge, schmerzloser
werden und leichter heilen. Wir erinnern hier nur an die Ge-
schwüre, welche auf Ac. fluor. , Lyc. , Puls, und Sabin, passen,
die keine Wärme vertragen, während die auf Ars., Gem.,
Com, Hep., Lach., Rhus. und Sil. Deutenden Wärme und war-
mes Einhüllen verlangen. Alles Dieses ist verschieden bei den
verschiedenen Individualitäten, und eine allgemeine Vorschrift oder
Regel für alle Fälle nur ein Beweis, — dass man es eben nicht
besser weiss.46)
21. Zuweilen bringt aber auch im Starrkrämpfe ohne Ge-
schwüre, bei einem kräftigen jungen Menschen, mitten
im Sommer, das Begiessen mit vielem kalten Wasser
die Wärme zurück. Diese wiedergekehrte Wärme
hebt dann die andern Zufälle.
Dieser Lehrsatz hätte füglich unmittelbar auf den 19. Apho-
rism dieses Buchs folgen können, weil er mindestens eine wich-
tige Modifikation des darin vermutheten : Contraria Contrariis
enthält. Indessen bezieht er sich ebenfalls auf den Nächstvor-
hergehenden (20) , indem er die Abwesenheit von Geschwüren,
die angeblich überhaupt keine Kälte vertragen sollen, als Gegen-
anzeige anführt. — Uebrigens haben wir hier dem dort bereits
Gesagten nichts beizufügen, können uns aber die beiläufige Be-
merkung nicht versagen, dass Hippokrates selbst seine Lehrsätze
über die Anwendung der Kälte, und damit gleichzeitig den
ihm zugeschriebenen Grundsatz: Contraria Contrariis
mindestens durchlöchert hat und sich gezwungen sieht, Aus-
nahmen aufzustellen, die man dazu benutzen kann, Dasjenige
46) Ueber den Brand von Anwendung des kalten Wassers findet man
mehrere Beispiele in den Ephein. nat. curios. 1684 und 16üjf|
298 v- Buch- Aphorism 21.
im Stillen durchlaufen zu lassen, was erfahrungsmässig
in der Wirklichkeit nicht haltbar ist.47) Dieses Alles sind
die unausbleiblichen Folgen, wenn man mit vorgefasster
Meinung sämmtliche Erscheinungen in der vielgestaltigen
Natur unter eine Regel bringen will, die einestheils nicht
einmal natu r gemäss ist, und anderntheils oft gar keine An-
wendung finden kann, aus dem einfachen Grunde, weil es für
die meisten krankhaften Empfindungen oder Schmerzen
aller Art kein eigentliches Entgegengesetztes giebt, noch
geben kann.48) Ein ruhiges und besonnenes Nachdenken müsste,
wie es scheint, jeden Unbefangenen von selbst auf die Nich-
tigkeit dieses so laut proklamirten und nachgesprochenen, und
doch sowohl in der Theorie, als in der Praxis völlig fal-
schen Grundsalzes führen, und es ist wahrlich unbegreiflich,
wie er sich viele Jahrhunderte lang als oberstes Heilgesetz
hat in Ehren und Würden erhalten können.49)
47) "Van Swieten (Cornm. in Boerh. aph. § 1069) stimmt ganz mit
uns überein, wenn er sagt: „Von dem äusseren Gebrauche des kältesten
Wassers entsteht zuerst ein Schüttelfrost; darauf aber erfolgt eine erhöhete
Wärme und Röthe, mit beschleunigtem Pulse, und wenn man sich gleich
nachher ins Bette legt, so tritt meistens ein starker Schweiss ein. Auf diese
Weise wird ein künstliches Fieber erzeugt, welches mit Schütteln und Kälte
(in der Erst- Wirkung) anfängt, und in Wärme und Schweiss (in der Nach-
wirkung) übergeht". — Ueberall und immer stossen wir in der Natur auf
die Reaktion der Lebenskraft gegen äussere Einwirkungen.
48) Quel est le contraire de la fievre, d'une angine, d'une bron-
chite, d'une gastrite, d'une dartre, de la goutte, du rhumatismc,
de la gravelle, des scrofules? Cette loi est donc inapplicable. Si,
par contraire, on entend que tout medicament est le contraire de la mala-
die qu'il guerit, ce n'est la qu'un sens de mots indigne de la science.
L. de Parseval, All. et. Hom. p. 437.
49) Der Weise weiss den lrrthum, so bald er ihn erkennt, zu verwer-
fen; ein beschränkter Kopf aber kann sich nur nach einer gewissen Zeit
von der einmal aufgefassten Meinung losmachen.
J. W. Schmitz, Andeut. S. 91.
Mit origineller Ironie hat Swift dem Grundsatze: Contraria Contrariis
V. Buch. Aphorism 22. 299
22. Die Wärme befördert, jedoch nicht in allen Geschwü-
ren, die Eiterung, welche den besten Schutz gegen
sonstige Gefahr darbietet. Sie erweicht und verdünnt
die Haut, besänftigt den Schmerz, verhindert den Starr-
frost, die Konvulsionen und die Starrkrämpfe, und
beseitigt die Eingenommenheit des Kopfes. Am Zu-
träglichsten ist sie bei Knochenbrüchen, besonders bei
Solchen, wo dadurch die Knochen blossgelegt sind,
und am Meisten bei schwärenden Knochenbrüchen am
Hirnschädel ; desgleichen an den Theilen , die entwe-
der abgestorben sind oder verschwären , so wie bei
fressenden Flechten am After, an der Schaam, in der
Scheide und in der Blase. In allen diesen Fällen ist
Wärme wohlthuend und heilsam, Kälte hingegen un-
erträglich und verderblich.50)
In einigen Ausgaben, so wie auch beim Galenus, fehlen die
zu Anfange dieses Aphorisms stehenden beschränkenden Worte:
„jedoch nicht in allen Geschwüren". Indessen scheint
eine neue Seite abgewonnen, welche wir hier nicht verschweigen können.
Er. sagt nämlich in seiner „Reise in das Land der Hauyhuhums" , im 6.
Kapitel: „Da die Natur, wie der Arzt behauptet, die obere Oeffnung für
Einführung fester und flüssiger Nahrung, die Untere zum Auswerfen be-
stimmt hat, so stellt die Kunst den genialen Grundsatz auf: die Natur,
welche in jeder Krankheit gestört sei, müsse dadurch wieder in ihre ge-
hörige Stellung gerathen, dass man den Leib in einer durchaus entgegen-
gesetzten Weise behandle, indem man die Punktionen einer jeden Oeff-
nung umtausche, feste und flüssige Substanzen hinten einführe, und Aus-
leerungen durch den Mund bewirke." — Vergl. damit Lichtenbergs Erklä-
rung der Hogarthschen Kupfer, Platte XL
50) So lang und ausführlich dieser Aphorism ist, so scheint er doch
vorzugsweise Einer von Denen zu sein, welche von unsern gegenwärtigen,
sich hippokratisch nennenden Aerzten am Meisten übersehen und unbeachtet
geblieben ist. Es giebt kaum Eine von den vielen, hier namhaft aufge-
zählten Beschwerden, wobei nicht, und zwar nach dem Vorgange mehr
oder weniger berühmter Autoritäten, Kälte in der Form von kaltem Wasser
oder dergleichen Umschlägen, ja selbst mit Zusatz von Eis, angewendet ist
und noch heute angewendet wird, sehr oft mit beklagenswerthen Folgen.
Wenn jene Aerzte, wie wir gerne annehmen wollen, Solches aus Ueber-
zeugung oder als Folge früherer Katheder -Lehren thun, so sollten sie we-
nigstens sich nicht mit jenem unwahren Prädikate schmücken.
300 v« Buch. Aphorism 22.
dieser Zusatz doch richtig hierher zu gehören, weil er sich eben-
falls in der Abhandlung von den Säften, (ns^l %viiav XI,) vor-
findet, der er offenbar entnommen ist. Dagegen spricht, wie es
scheint, nichts für die Annahme, dass hier bloss die frischen
Wunden gemeint seien, wie Einige übersetzen; denn die An-
wendung des kalten Wassers bei Diesen gehört mehr der
neueren Zeit an.
Was übrigens die, durch äussere Wärme beförderte Ei-
terung anbelangt, so hat Solches in der That seine volle Rich-
tigkeit und es beruht hierauf namentlich die Anwendung der
heissen Umschläge. Aber auch hierbei tritt wieder die all-
gemeine Gültigkeit des homöopathischen Grundsatzes zu Tage.
Die zögernde oder stockende Eiterung wird nämlich in
den meisten Fällen durch einen hohen Grad von Entzündung
bedingt, welche durch die angebrachte äussere Hitze in soweit
homöopathisch beseitigt oder vermindert wird, dass dieses
Hinderniss nun gehoben ist, und die Eiterung vor sich gehen
kann. Die Stoffe, welche dabei zur Anwendung kommen,
sind deshalb ziemlich gleichgültig, und nur Diejenigen, welche,
die Entzündung in der Erst- Wirkung gar zu sehr vermeh-
ren, oder welche auf die Beschaffenheit des Eiters einen
nachtheiligen Einfluss üben können, müssen dabei eher
schädlich als nützlich sein. Daher kommt es, dass die häufig
dabei als Zuthaten gebrauchten Arzneien, wie Cham., Samb.,
Leinsamen und dergl. nicht selten üble Folgen haben. Aus
diesem Grunde verwirft die Homöopathie nicht nur alle diese
ausser liehen Arzneimittel, sondern wendet auch zu diesem
Behuf e bloss Innerliche an, welche zugleich der sonstigen
Gesammtheit der vorhandenen Symptome entsprechen, (Ars.,
Beil., Calc, Creos., Hep., Lach., Lyc, Merc, Sil., oder Andere),
und erreicht dadurch ihren Zweck sicherer und gefahrloser,
indem Diese zugleich dazu dienen, den vielleicht schlechten
Eiter in einen Milden und Gutartigen umzuwandeln.
V. Buch. Aphorism 23. 301
23. Bei wirklichen oder drohenden Blutungen wendet man
mit Vortheil die Kälte an , aber nicht unmittelbar
auf diese Stellen, sondern im Umfange derselben
da, woher das Blut kommt. Ferner braucht man sie
bei frischen rosenartigen Entzündungen , welche roth
oder blutfarbig aussehen ; denn die Veralteten werden
dadurch schwarz. Auch für nicht eiternde Rothläufe
ist die Kälte zuträglich, dagegen schädlich für Eiternde.
Wie im vorhergehenden Aphorism von der Wärme, so
spricht Hippokrates in dem Gegenwärtigen von der Kälte und
ihrer therapeutischen Anwendung. Wir wollen daher nur
folgendes Wenige glossarisch dazu bemerken. — Zu einer wah-
ren, dynamischen Heilung von Blutungen, mit Verhinde-
rung einer baldigen Wiederkehr, und namentlich aus inneren
Theilen, wird die blosse Kälte wohl niemals sich als brauch-
bar bewähren. Auch scheint hier nur von Blutungen äusserer
verletzter Theile die Bede zu sein, indem die angegebene
Anwendung der Kälte in der Nähe der blutenden Stelle bei
inneren Verblutungen wohl schwerlich stattfinden kann. Aber
selbst bei äusseren Verletzungen von einiger Erheblichkeit wird
die blosse Kälte nicht viel nützen. Die wirksamsten blut-
stillenden Mittel, welche wir jetzt besitzen, waren zu den
Zeiten des Hippokrates noch nicht bekannt, und es mussten
daher solche Nothbehelfe, wie die Kälte, leisten, was sie eben
vermochten. — Die Anwendung der Kälte auf r ose n artige
Entzündungen51) wird nicht leicht ein vorsichtiger Arzt wa-
gen, und um so weniger wir, die wir dagegen so treffliche und
gefahrlose innere Mittel zur Hand haben. Wenn also die
51) Nach des berühmten Schönleins Ansicht besteht die Rose in der
Entwicklung zu vieler Elektrizität, und bildet damit den Gegensatz zu
den Rheumatismen. Demzufolge gleicht sich die Elektrizität durch Wasser-
bildung aus, und das Exanthem selbst stellt eine elektrische Figur dar, in-
dem sie nach demselben Gesetze entsteht, nach welchem die Schneeflocken
geformt werden.
302 v- Buch- Aphorism 24.
Kälte nicht mit dem kalten Wasser verwechselt wird, so
muss Jeder einsehen , dass dieser Lehrsatz nur wenig prakti-
schen Nutzen darbietet, und dass er daneben ein Gefolge von
Gefahren verschiedener Art mit sich führt, welche Jenen noch
mehr einschränkt. ö2)
24. Kalte Dinge, wie Schnee und Eis, sind für die Brust
schädlich: sie erzeugen Husten, Blutspeien und Fliess-
schnupfen.
Auch Dieses ist nur mit Vorbehalt und nicht als allgemein
gültig anzunehmen, so lange nicht gerade von Uebermaass
die Rede ist.53) Es wird genügen, den homöopathischen Kolle-
gen nur im Allgemeinen an die Eigenthümlichkeiten zu erinnern,
die in dieser Beziehung auf Ant. crud., Dros., Jod., Laur., Puls.,
Seneg., Veratr. und Verb, hinweisen. — Uebrigens darf man die
Beschwerden, welche durch Erkältung in der einen oder an-
dern Weise entstanden sind, nicht verwechseln mit Denen,
welche bei und durch eben vorhandene Kälte oder durch
Kaltwerden verschlimmert werden. Das: Cessante causa,
cessat effectus! ist in dem Sinne, wie es so häufig miss-
52) Eine Geneigtheit zur Entzündung und selbst den heissen Brand
heilt die Kälte oft, aber eine schon gegenwärtige Entzündung vermehrt sie.
de. Paula Willemet, v. d. Kälte § 4.
53) „Weit entfernt", — sagt der erfahrene Dr. Eamadge über Lungen-
schwindsucht, S. 88 — „einen an der Lungenschwindsucht Leidenden in
die südlichen Gegenden 'von Frankreich oder Italien zu schicken, würde
ich, wenn je eine Ortsveränderimg nöthig wäre, dem Klima von St. Peters-
burg tausendmal den Vorzug geben. ■ — Wenn ich von Lungensüchtigen
höre, denen man die herrlichen Klimata (wie man sie thörichter Weise zu
nennen pflegt) von Lissabon, Madeira oder anderer warmen Länder em-
pfiehlt, und wenn ich bedenke, wie medizinisch-statistische Beobachtungen
gerade ihren tödtlichen Einfluss auf die Lungenschwindsucht darthun : so
habe ich grosse Versuchung, solchen Rathgebern als Antwort den Spruch
zu geben: me vestigia terrent, omnia adversum spectantia, nulla retrorsum!"
V. Buch. Aphorism 25. 303
verstanden wird, durchaus falsch. Die durch irgend eine
Ursache entstandene Krankheit währt meistens noch lange
nachher fort, wenn Jene längst aufgehört hat, wie der Pfeil
noch weit fortfliegt, wenn er die Bogensehne verlassen, und wie
die Prügelschmerzen noch fortdauern, wenn der Stock längst
ins Feuer geworfen und verbrannt ist. Sehr oft ist es der Fall,
dass Beschwerden durch Umstände hervorgerufen wurden, die
unbekannt und gar nicht mehr zu ermitteln sind. Da müssen
bloss die Symptome aushelfen, und namentlich Die, welche
eine Verschlimmerung oder Besserung bedingen, und die
auch ohnedem jederzeit an Wichtigkeit für die Mittelwahl die,
übrigens beachtenswerthen veranlassenden Ursachen weit
übertreffen. So giebt es auch Beschwerden, die ursprüng-
lich durch Kälte entstanden sind, die aber später durch
Wärme verschlimmert werden, und man würde bei der Be-
handlung einen grossen Fehler begehen, wenn man die Arznei
mehr der Causa, als dem Effectus anpassen wollte.54)
25. Das reichliche Begiessen mit kaltem Wasser besänftigt,
vermindert und hebt die Schmerzen an den geschwol-
lenen, aber nicht eiternden Gelenken, die podagrischen
Beschwerden und die Krämpfe; denn eine massige
Betäubung besitzt die Kraft, Schmerzen zu heben.
Dieser Aphorism dürfte vorzugsweise Denjenigen beizuzäh-
len sein, deren Befolgung eher ab- als anzurathen ist.55)
54) Die Entstehungs-Ursache einer Krankheit, die wahre causa
morbi, ist gänzlich verschieden von dem, was in der medizinischen Ter-
minologie die prima causa morbi, die nächste Ursache der Krank-
heit genannt wird, welche zugleich das Wesen der Krankheit, die Krank-
heit selbst sein soll. (Vergl. Organon, Einleitung S. 4.)
55) Die beliebte Methode der Abhärtung, welche darin besteht, dass
man durch beständiges Baden in kaltem Wasser, durch einen fast unbe-
deckten Körper in der strengsten Luft, durch die strapazantesten Bewe-
304 v- Buch- Aphorism 25.
Die Geschichte der Heilkunst hat uns zahlreiche Fälle aufbe-
wahrt, wo der Erfolg eines derartigen Verfahrens ein äusserst
Beklagenswerther war und oft zu einem lethalen Aus-
gange führte. Eine Heilung im wahren und eigentlichen Sinne
des Worts kann wohl schwerlich von einem, an und für sich
durchaus unarzneilichen Stoffe, wie das reine, kalte W a s s e r,
jemals erwartet werden, welches nur zur Löschung des Durstes
und zur Reinigung des Körpers bestimmt ist. Wenn daher
Affektionen, wie Gelenk-Anschwellungen oder podagrische
Schmerzen dadurch beseitigt werden, so kann Dies nie und
nimmer eine eigentliche wahre Heilung genannt werden,
welche nur durch solche Mittel zu bewirken ist, die das Ver-
mögen besitzen, in dem lebenden Organismus eine dynamische
Veränderung hervorzubringen. Die Veränderungen aber, welche
eigentlich un arzneiliche Dinge bewirken, reichen nicht dazu
hin, sondern werden, wenn sie überhaupt eine Wirkung thun,
entweder gefährliche Metastasen, oder, im günstigsten Falle,
eine zwar wohlthuende, aber nur vorübergehende grössere
Thätigkeit des Hautorgans veranlassen, welche dann frei-
lich zur temporären Beschwichtigung der Krankheit,
schwerlich aber jemals zu einer gründlichen und dauerhaften
Heilung dienen kann. Die einzigen Fälle, wobei dieses Letzte
ermöglicht wird, dürften Diejenigen sein, wo die Krankheit vom
Missbrauche einer Arznei herrührt, die eben durch die Haut
ausgeschieden werden kann. Bei aufmerksamer Betrachtung
aller derjenigen Heilungen, wobei die sogenannten Kaltvvass er-
Kuren von auffallend günstigem, oft wunderbarem und dabei
dauerhaftem Erfolge gewesen sind, wird man das eben Gesagte
gungen, sich fest und unverwüstlich zu machen sucht, bewirkt nichts wei-
ter, als dass unsere Organe steifer, zäher und troekner, und also früher
unbrauchbar werden, und dass wir folglich, anstatt unser Leben zu ver-
längern, ein früheres Alter und eine frühere Destruktion dadurch herbei-
führen. TTufehind, Makrobiotik I, 9.
V. Buch. Aphorisra 25. 305
bestätigt finden, während bei allen Andern, nach kurzer Be-
schwichtigung, die ungeheilte, meistens chronische Krank-
heit ihr Haupt aufs Neue erhebt und in nicht langer Zeit den
vorigen Standpunkt wieder einnimmt. 56) — Natürlich gilt dies
nicht von den M i n e r a 1 - W ä s s e r n , welche durch ihre Bei-
mischungen wirkliche medizinische Kräfte erlangt halben
und daher mit vollem Rechte den Arzneien beizuzählen sind.57)
Ganz erfahrungswidrig ist aber der Schlusssatz dieses Apho-
risms, und giebt der Vermuthung Raum, dass er nicht von
Hippokrates selbst herstammt, sondern später eingeschmuggelt
ist. Er liefert ein Gegenstück zum Mohnsafte58), der heu-
tiges Tages zu dem angeführten Behufe noch so häufig ange-
wendet wird und ebenfalls, nur noch weit kräftiger, betäubt, und
daher noch weit mehr schadet, als das kalte Wasser.59)
56) Das kalte Bad dient mehr dazu, seine Stärke sehen zu lassen, als
zur Gesundheit. Dagegen erweiset sich das warme Bad als weit zuträg-
licher. Plutarch, moral. Sehr. II, 30.
57) „Les sources de Töplitz", — sagt Dr. Escallier, — „sont de Celles
dont les eaux sont moins mineralisees que l'eau potable ordinaire." —
Eben über dieses berühmte Mineralwasser sagt Dr. C. James: „Nouvel
exemple de l'impuissance de la chirnie pour expliquer l'action therapeutique
de certaines eaux minerales! Voila une eau qui, chimiquement parlant, n'a
aueune signification, tandis que, sous le rapport medical, eile merite d'oecu-
per le premier rang!"
58) Lichtenberg sagt vom Mohnsaft (Hogarth. PI. XXVI,) in seiner
gewohnten witzigen, aber scharf treffenden Weise: — „Denjenigen unter
unsern Lesern und Leserinnen, die nicht wissen, was dieses L au d an um
sei, dient zur Nachricht, dass es eigentlich eine Art von böhmischem
Liquor ist, der tropfenweise äusserlich, auch wohl innerlich unter der
Leitung eines erfahrenen Arztes gebraucht, heilsam sein kann; allein in
den Tag hinein und gar Lothweis verschluckt, völlig wirkt, wie Blei in
Pillenform Unzenweis aus der Pistole genommen."
59) In der (vielleicht unechten, aber doch sicher den Echten sehr nahe
stehenden) hippokratischen Schrift: Äfoi rtaftcöv kommen vielleicht, mehr
als anderswo, die Gegensätze von der äussern Anwendung der Wärme
oder der Kälte vor, welche daher hier eine kurze Erwähnung verdienen.
Hier finden wir nämlich die Erste (Wärme) als nothwendig und heilsam
angegeben bei: Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen. Seitenstich, Phrenitis,
20
306 v- Bucü- Aphorism 26.
26. Dasjenige Wasser, welches am Schnellsten heiss, und
eben, so am Schnellsten wieder kalt wird, ist das
Leichteste.
Zu den Zeiten des Hippokrates kannte man weder die
Senk wagen (Aerometer), noch andere Werkzeuge, um die
feinsten Unterschiede im Gewichte der Flüssigkeiten zu messen.
Wenn daher von der relativen Leichtigkeit des Wassers die
Rede ist, so muss man mit Galenus die grössere Zu trag Hen-
kelt und leichtere Verdaulichkeit darunter verstehen, welche
Hippokrates (tisqI usqcov, vScczcov, xönav XVII,) dem Regen-
wasser zuschreibt, das auch mit unserem d e s t i 1 1 i r t e n W a s-
ser ziemlich übereinstimmt. Uebrigens haben vergleichende Ver-
suche, mit diesem und dem harten Quell- Wasser angestellt,
die Richtigkeit des angegebenenVerhaltens derselben beim Erhitzen
und Abkühlen nicht bestätigt. Es hat sich vielmehr dabei
ergeben, dass das Regen- oder destillirte Wasser sich
allerdings schneller erwärmt, als das Quell- Wasser, dass
dagegen dieses Letztere schneller sich wieder abkühlt, als
Jenes. Nur der Umstand, dass das Erkalten in den letzten
Graden immer langsamer von Statten geht, und dass es damals
noch gänzlich an genauen und zuverlässigen Thermometern
gebrach, mag unserem Altvater zur Entschuldigung dienen. Wir
aber finden uns eben so berechtigt, als veranlasst, Nichts von
allen solchen Behauptungen auf den blossen guten Glauben
anzunehmen, wenn wir sie einem Nachversuche unterwerfen
können. 6ü)
Darmgicht, Ruhr, Harnstrenge, Gelbsucht und Hautgeschwülsten; dagegen
die äussere Kälte bei: Fieber mit äusserer Kälte, Stulilzwang und Durch-
fall (bloss am Kopfe anzubringen), Gelenkgicht und Podagra. Wir dürfen
es unbedenklich jedem vorurtheilsfreien Arzte anheim stellen, zu beurtlicilcn,
ob diese unzweifelhaften Ergebnisse der Erfahrung mehr dem allopathischen
oder dem homöopathischen Heilprinzip entsprechen!
60) Noch fehlt uns, trotz des Kosmos, eine genügende Erklärung der
V. Buch. Aphorism 27, 28. 307
27. Es ist ein gutes Zeichen, wenn Diejenigen, welche in
der Nacht an Durst leiden, darüber einschlafen.
Man weiss in der That nicht recht, wie man diesen, so
isolirt für sich dastehenden Lehrsatz verwerthen soll. Wenn
Jemand in Folge einer Arznei über seine Beschwerden, also
auch über einen ihn quälenden Durst, einschläft, so ist das
allerdings ein gutes und Besserung verheissendes Zeichen.
Aber warum dies bloss, oder auch nur vorzugsweise beim nächt-
lichen Durste der Fall sein sollte, ist nicht wohl abzusehen.61)
Diese Beobachtung scbeint daher bei einzelnen Personen, viel-
leicht während einer besonderen Epidemie, gemacht zu sein,
wobei der nächtliche Durst ein hervorragendes Symptom
abgab, wie wir Solchen in mehreren akuten Fiebern, die na-
mentlich auf Acon., Ant. crud. , Beil., Bry., Cham., oder Rhus
hindeuten, oft vorhanden finden. Aber nach einem derartigen
einzelnen Zeichen die Wahl einer homöopathisch angemessenen
Arznei zu treffen, oder auch nur eine Prognose zu stellen, dürfte
doch völlig unmöglich und unzulässig sein.
28. Das Eäu ehern mit gewürzhaften Dingen befördert die
monatliche Reinigung. Dasselbe würde auch sonst
noch manchmal von Nutzen sein, wenn es nicht eine
Eingenommenheit des Kopfes verursachte.
Bei der grossen Anzahl von emmeniagogischen Arz-
neien, welche heutiges Tages den Aerzten zu Gebote stehen, und
Thatsache, dass im Meere mit der Tiefe die Temperatur eben so ab-
nimmt, wie sie in der Erde zunimmt. Dort nämlich (nach Peron und
d'Aubuisson) findet sieh unter dem Aequator bei 2000 Fuss Tiefe schon
beinahe der Gefrierpunkt erreicht, während er hier in derselben Tiefe der
Erde bis auf beinahe 30° R. gestiegen ist.
61) Grosser Durst ist immer ein Zeichen schneller Selbstkonsumtion.
Hufeland, Makrobiotik I, 8.
20*
308 v- Buch- Aphorism 29. 30.
deren Wirkung, so weit Solche von uns geprüft sind, rein
homöopathisch ist, haben die Rauch er un gen nachgelassen,
und höchstens bringt man noch Fomentationen und Bäder
mit solchen Stoffen geschwängert in Anwendung. Dass die Ho-
möopathie dergleichen zu diesem Behufe nicht braucht und nicht
nölhig hat, bedarf wohl eben so wenig einer Erwähnung, als
dass sie hier, wie überall, ihre Mittel in Gemässheit der Ge-
sammtheit der Krankheitszeichen wählt. In der Regel stösst
man nur dann bei der Behandlung solcher weiblichen Patienten
auf erhebliche Schwierigkeiten, wenn vorher schon eine lange
Reihe von allopathischen Emmeniagogis in den üblichen
grossen Gaben durchprobirt war, wie dies häufig geschieht, weil
wir doch zur Zeit meistens die letzte Instanz sind.
29. Wenn Auftreib ung vorhanden ist, darf man Schwangere
vom vierten bis zum siebenten Monate abführen; in
dem letzten Monate aber schon weniger. In einer
früheren oder späteren Periode der Schwangerschaft
muss man nur im Nothfalle und behutsam dazu über-
gehen.
Dieser Aphorism ist gleichlautend mit Aph. IV, 1, worauf
hiermit verwiesen wird. Vielleicht ist er eben dieser Wieder-
holung wegen in einigen Uebersetzungen ganz ausgelassen.
30. Es ist tödtlich, wenn eine Schwangere von einer hitzi-
gen Krankheit befallen wird.
Fast sämmtliche allopathische Kommentatoren haben auf
den Grund eigener Erfahrungen gegen diesen Lehrsatz Wider-
spruch erhoben, und wir schliessen uns Diesen gern an. Einige
von Ihnen wollen die Ursache dieses hippokratischen Irr-
thums in dem, durch den nachfolgenden Aphorism verpönten
V. Buch. Aphorism 31. 309
und daher unterlassenen rechtzeitigen Aderlas s finden.
Wir wollen nicht in Zweifel ziehen, dass dies zuweilen die Ur-
sache gewesen sein mag; aber mehr und öfterer, wie diese
Unterlassungssünde , deren wir uns selbst beharrlich schuldig
machen, dürften doch die heftigen Mittel, welche damals im
Gebrauche waren, und die in übermässigen Gaben angewen-
det wurden, die Hauptschuld tragen, wenn dergleichen lethale
Folgen eintraten. Bei unseren kleinen, richtig angepassten und
nur rein dynamisch wirkenden Arzneien sind vollends Dergleichen
niemals und in keiner Periode der Schwangerschaft zu befürchten.
31. Eine Schwangere, der man zur Ader lässt, erleidet
eine Fehlgeburt, und um so eher, je älter die Frucht ist.
Noch einstimmiger, wie beim vorhergehenden (30) Apho-
rism, lauten die Widersprüche gegen Diesen, und es giebt im
Gegentheile viele Aerzte von Autorität, die gerade unter solchen
Umständen öftere kleine Aderlässe nicht nur für durchaus
gefahrlos, sondern selbst für zuträglich erklären. Indessen haben
doch auch Andere bestätigt, dass zuweilen, besonders nach etwas
reichlichein Aderlasse, in den ersten Monaten dei
Schwangerschaft Fehlgeburt, so wie in den Letzten Früh-
geburt entstanden sei, und wir müssen dieser Erfahrung bei-
pflichten , ohne darum behaupten zu wollen , dass Solches eben
durch den Aderlass verursacht sei. Natürlich haben wir in
solchen Dingen keine eigenen Erfahrungen, weil wir niemals
absichtlich einen Tropfen Blutes vergiessen, und wir hüten
uns sorgfältig, wo irgend Zweifel bestehen, das Post hoc mit
dem Propter hoc zu verwechseln. Wenn daher in dieser Be-
ziehung zwischen den verschiedenen Ansichten ein Streit ob-
waltet, so geht das eigentlich uns nichts an. W;ir können
vielmehr dabei unsere völlige Neutralität bewahren und, ohne uns
310 V. Buch. Aphorism 32.
im Entferntesten daran zu betheiligen, die Kämpfenden unter
sich die Sache ausfechten lassen, indem selbst der Sieg für
uns ziemlich gleichgültig ist, er möge sich nun den Blutgie-
rigen oder den Blutscheuen zuwenden.62)
32. Eine Frau, die Blut ausAvirft, wird davon befreit, so-
bald sich bei ihr die Menstruation einstellt.
Nach Galenus (in seinem Kommentar) und Celsus (II, 8)
ist es wahrscheinlich, dass hier bloss von Blutbrechen die
Rede ist. Indessen entspricht dieser Lehrsatz eben so gut auch
dem Bluthusten, welcher unter dieser Bedingung noch häufi-
ger vorkommt, als das Blutb rechen, und es scheint daher
die obige Uebersetzung mindestens zulässig. Das Eine ist übri-
gens eben so wenig unschuldig und gefahrlos, als das Andere,
und wenn die temporäre Beschwichtigung dieses Uebels auch
durch den Eintritt der Menstruation erfolgt: so kann dies doch
weder eine Heilung genannt, noch als eine Bürgschaft
gegen die Wiederkehr angenommen werden. Jeder Homöo-
path wird daher diese Erscheinung, welche namentlich bei jungen
Mädchen die übelsten Folgen haben kann und meistens den
Keim zu einem tiefen chronischen Leiden ankündigt, nie-
mals auf die leichte Achsel nehmen, sondern bei Zeiten ein-
schreiten, ehe es zu spät, und die oft darauf folgende Schwind-
sucht völlig ausgebildet und unheilbar geworden ist. Glück-
licher Weise stehen -ihm zu dem Ende für beiderlei Fälle die
erprobtesten und bewährtesten Heilmittel zu Gebote (vorzüglich
Bell. , Cupr. , Phosph. , Puls. , Sulph. und Veratr.) , unter denen
62) Jeder kann seine eigene Meinung oder Ansicht haben, nicht aber
jeder seine Wahrheit; es giebt nur eine Wahrheit für Alle, und diese zu
erreichen, ist das Ziel aller gebildeten Menschen.
J. W. Schmitz, Audeut. S. 89.
V. Buch. Aphorism 3ä, 34. 31 1
das Eine oder das Andere, nach vorgangiger genauer homöo-
pathischer Wahl, nicht verfehlen wird, diesen abnormen Zustand
und damit auch die drohende Gefahr zu beseitigen.
33. Es ist gut, wenn eine Frau bei unterdrückter Men-
struation Nasenbluten bekommt.
Zufolge einer hierher gehörigen Stelle heim Celsus (II, 8)
hat Hippokrates hier den zuweilen gefährlichen und stets
sehr belästigenden Zustand vor Augen gehabt, wo eine
Frau oder ein Mädchen, nach ausgebliebener Regel, an
heftigem Blutdrange zum Oberkörper und zum Kopfe
leidet. Unter solchen Umständen gewährt allerdings ein einge-
tretenes Nasenbluten für den Augenblick eine sehr bedeutende
Erleichterung; aber leider! ist diese Besserung selten von lan-
ger Dauer, indem sie nur gleichsam palliativ ist und nie-
mals als eine wirkliche Heilung angesehen werden kann.
Es ist also durchaus kein genügender Grund vorhanden, die
Sache damit auf sich beruhen zu lassen. Vielmehr wird auch
in solchen, nicht selten vorkommenden Fällen der Homöopath
nicht zögern, seine dafür passenden Mittel, ebenfalls sorgfältig nach
den sonstigen symptomatischen Umständen ausgewählt, in An-
wendung zu bringen. Denn er weiss, dass zu diesem Behufe
viele Mittel in Konkurrenz treten, (namentlich Acon., Ap. melk,
Beil., -Bit., Calc, Carb. an., Cham., Com, Dulc. , Ferr., Graph.,
Lach., Lyc, Merc, Phosph., Puls., Sep., Sil., Sulph. und Veratr),
denen in vorzüglichem Grade bei Menstruations-Stockun-
gen Blutdrang zum Kopfe und Nasenbluten angehört.
34. Wenn eine Schwangere einen starken Durchfall be-
kommt, so läuft sie Gefahr, eine Fehlgeburt zu halten.
312 v> Buch- Aphorism 35.
Dieser Lehrsatz steht gewissermaassen in Verbindung mit
dem Aphorism IV, 1, worin von der Gefahr der Abführungen
für Schwangere die Rede ist. In dem jetzigen Falle aber ist
diese Gefahr noch grösser, da jeder einigermaassen heftige, frei-
willige Durchfall von einer wirklichen natürlichen Krankheit
des Unterleibes bedingt und abhängig ist. Aus diesem Grunde
fürchtet die Homöopathie jede Art von Durchfall, verwirft
alle Abführmittel, und beeilt sich jedesmal, wo freiwillig
Diarrhöen entstanden sind, Solche sofort zu beseitigen. Die
alte Schule, die sich das Prädikat einer hippokratischen
anmaasst, verstösst nur gar zu häufig gegen diese hippokra-
tische Lehre, indem sie bei jedem etwas verhärteten oder
zögernden Stuhlgange mit ihren Abführmitteln bei der
Hand ist, die gewöhnlich mehr thun, als beabsichtigt und zu-
träglich ist.63) — Oft sind die Durchfälle der Schwangeren
leichterer Art, wobei Ant. er., Chin., Dulc, Puls., oder Rheum
zur schnellen Beseitigung hinreichen. Zuweilen liegt aber ein
chronisches Leiden im Hintergrunde, welches Lyc. , Merc,
Petr. , Phosph. , Sep., Sulph. oder Thuj. zur Wahl bringt, und
dann durch diese Mittel, wenngleich etwas langsamer, aber um
desto dauerhafter den Zweck erreichen lässt.
35. Es ist gut, wenn sich bei einer mit hysterischen
Krämpfen behafteten, oder schwer gebärenden Frau
Messen einstellt.
Die noch heute bestehende Gewohnheit. Jemanden ein
Prosit! oder: Wohl bekomm's! zu wünschen, wenn er
63) L'usage des purgatifs est lui-meme cause de constipation, et cela
d 'apres la loi de reaction si universellement applicable dans l'ecoaomie. —
Loin donc, de modifier heureusenient la constipation, les purgatifs l'aug-
menteront et finiront par la rendre presque invincible.
Trousseau et Pidoux I, 777.
V. Buch. Aphorism 36, 37. 313
geniesst hat, verliert sich im höchsten Alterthume. Selbst
Aristoteles wusste den Ursprung dieser Sitte nicht mehr an-
zugeben. Die Alten scheinen aber dem Ni essen eine grössere
und ausgedehntere Wirkung beigelegt zu haben, als heutiges
Tages geschieht. Der oben erwähnte, auch von Celsus (II, 8)
bestätigte wohlthätige Einfluss auf Hysterische oder Gebä-
rende kann nur vorübergehend sein, und es wird wohl nicht
leicht einem Arzte einfallen, wenn er auch noch so hippo-
kra tisch gesinnt ist, seinen Patienten in solchen Fällen Pulvis
sternutatorius (aus Majoran, Katzenkraut , Mayglöckchen und
Veilchen wurzel) zu verschreiben, oder Schneeberg er anzu-
rathen, womit vor 50 — 60 Jahren in den Schulen viel Muth-
willen getrieben wurde.
36. Wenn bei einer Frau die monatliche Beinigung miss-
farbig und unregelmässig erfolgt, so ist dies ein Zei-
chen, dass eine Abführung nöthig ist.
Ein Lehrsatz, welchen wohl kein Arzt unterschreiben wird,
und am Allerwenigsten ein Homöopath. Wenn solche, mehr als
einseitige Behauptungen zu den Kennzeichen eines wahren hippo-
kratischen Arztes gehören: so dürfen wir uns Glück wünschen,
dass uns dieses Prädikat abgesprochen wird.
37. W7enn bei einer Schwangeren die Brüste plötzlich
schwinden, so erfolgt eine Fehlgeburt.
Es ist sehr häufig der Fall , dass beim Auftreten des eben
erwähnten Symptoms an den Brüsten einer Schwangeren die
Frucht bereits abgestorben ist, wo dann natürlich diese
Folge nicht ausbleiben kann. Es giebt aber auch Fälle, wo
314 v- B«ch. Aphorism 38.
ungeachtet dieser abnormen Erscheinung die Frucht noch lebt
und die Bewegung Derselben noch deutlich gefühlt wird. Hier
ist in der Regel noch Hülfe und Abwendung des allerdings
drohenden Missfalls möglich, wenn unter den, für solche Um-
stände angezeigten Mitteln (Cham., Chin., Com, Fem, Jod.,
Nitr. ac, N. mosch., See. com. und Sil.) , in Gemässheit der
übrigen vorhandenen Symptome, eine vollkommen richtige homöo-
pathische Wahl getroffen werden kann, und Diese in der erfor-
derlichen Kleinheit angewendet werden. Wir können in unserer
eigenen Praxis Mehrere solcher glücklichen Erfolge nachweisen,
selbst bei Frauen, welche früher schon mehrere ähnliche
Fehlgeburten erlitten halten.64)
38. Wenn bei einer mit Zwillingen schwangeren Frau
eine der beiden Brüste schwindet, so erfolgt eine Fehl-
geburt der einen Frucht, und zwar die des Knaben,
wenn die rechte, die des Mädchens aber, wenn die
linke Brust eingesunken ist.
Weder Hippokrates selbst, noch seine Kommentatoren füh-
ren, so viel wir haben auffinden können, irgend Thatsachen an,
welche die Richtigkeit dieses Lehrsatzes nachweisen. Man darf
sich daher versucht fühlen , diesen Aphorism als eine etwas
willkürliche Schlussfolge aus dem Vorhergehenden, in
Verbindung mit dem später folgenden Aphorism V, 48
anzusehen, welcher Letztere eine, ebenfalls noch nicht vollstän-
dig bewiesene Annahme des Altvaters enthält.65) Wir betreffen
64) Ist es nicht auffallend, dass eben beim Abortus, ganz dem Similia
Similibus entsprechend, Hufeland dem Eisen und Busch dem See. com. die
heilsamste Wirkung zuschreiben?
65) On prend pour point de depart des erreurs et on arrive ä des
erreurs, qui sont les carres et les cubes des erreurs primitives.
Lebert II, 273.
V. Buch. Aphorism 38. 315
daher in diesem Lehrspruche unsere ehrenwerthe Autorität
auf einem spekulativen Wege, wo Vernunflschlüsse
auf unerwiesene Prämissen an die Stelle der einfachen,
klaren und unz weifelbaren Erfahrungen treten, und bekla-
gen es, darin einen Vorgang zu erkennen, welcher von einigen
hippokratischen Aerzten nur allzu bereitwillig nachgeahmt
ist. 66) Dieser Umstand kann und muss, unseres Erachtens, zur
ernsten Warnung dienen, das Feld der blossen Spekulation
ja nicht zu betreten, wo es sich um Thatsachen handelt, und
da, wo Solches unvermeidlich ist, Dieses bloss an der Hand
der sicheren und bereits bewährten Erfahrung, und
nicht an Der irgend einer, auch noch so wahrscheinlichen Ver-
muthung, oder gar einer vorgefassten Meinung zu thun.6r)
Dieser Gefahr wird sich aber jeder Arzt aussetzen, welcher
seinen Verstand höher schätzt, als die verspotteten Symp-
tome, welche die Natur selbst darbietet, und an Diesen mäkelt
und erläutert nach Begriffen und Anschauungen, die
sich mit der Herrschaft jeder neu aufgetauchten Schule ver-
ändern. 68) Mag auch dadurch der sogenannten Wissenschaft-
66) Es hat von jeher der aufgenommene Irrthum immer seine Ver-
theidiger gehabt, die um so eifriger Partei ergreifen, als sie selbst weniger
geprüft haben. Zwischen Wahrheit und Irrthum kann aber die Welt
nicht lange in Zweifel bleiben. Ist aber die Wahrheit noch neu, der Irr-
thum hingegen durch sein Alterthum einigermaassen geheiligt und tief ein-
gewurzelt, so hat er ein Heer von Anhängern, die ihn als den Anker ihres
Heils vertheidigen. J. W. Schmitz, Andeutungen S. 89.
67) Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass eben in den Jahren
1855 und 1856, wo Prof. Bock in der „Gartenlaube" und in der „Allg.
Deutsch. Zeitung" der Homöopathie zu Leibe rückte, die Zahl der Patien-
ten, welche sich an die Leipziger hom. Polyklinik wandten, eine früher nie
erlangte Höhe erreichte. Die Geschichte ist nichts weniger , als arm an
dergleichen keineswegs beabsichtigten Erfolgen.
68) Im Jahre 1805 war Fulton's Entdeckung über die Anwendung des
Dampfes von Napoleon dem französischen Institute vorgelegt, welches die-
selbe einstimmig verwarf, und den Erfinder einen phantastischen Schwär-
mer, und seine Entdeckung eine wahnsinnige Idee, einen Verstandesfehler,
eine sinnlose Abgeschmacktheit nannte.
316 v- Buch- Aphorism 38.
lichkeit69) ein unabsehbares Feld zum Tummelplätze für
die sich gegenseitig bekämpfenden (und schmähenden) Gelehr-
ten eröffnet und damit Manchem eine erwünschte Gelegenheit
dargeboten werden, sein künstliches Licht leuchten zu lassen;70)
es ist und bleibt doch vieles unechtes Blendwerk darunter,
was wohl den Unkundigen zur Ueberraschung und zum Anstau-
nen bringen, den besonnenen Forscher in dem weiten Reiche der
Natur selbst aber niemals blenden und verführen kann.71)
69) „In der Verwerfung aller Verrnuthung", — sagt Dr. Rummel, A.
H. Z. Bd. 48, S. 133 — „alles Unsicheren liegt die Bedeutung der Ho-
möopathie für die Wissenschaft, liegt, die ganz veränderte Richtung, welche
ihr, abgesehen von ihren Erfolgen am Krankenbette, eine Stelle in dem
Entwicklungsgänge der ärztlichen Kunst sichert, welche ihr aber auch den
Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zuzog. — Die Wissenschaftlichkeit aber,
die hier gemeint ist, wollen wir eben nicht, können wir nicht brauchen,
denn sie ist eine falsche, trügerische, unseren Stolz zwar verlockende,
aber uns in Irrthümer führende."
70) „Die Elephanten" — sagt Swift — „werden immer kleiner ge-
zeichnet als sie sind, die Flöhe immer grösser. Mit dem Rufe vieler Ge-
lehrten geht es eben so."
71) Quand on veut tromper les hommes , on cherche ä les entrainer
par quelque chose capable de les seduire, par quelque theorie brillante.
Ici , au contraire, c'est un principe , la loi des semblables , qu'au premier
appercu la raison est disposee a rejeter; c'est en outre ime posologie qui
excite le rire, l'incredulite. Dr. L. de Parseval.
Zu welcher wahrhaft stupenden (nicht stupiden) Höhe die Wissen-
schaft emporgestiegen ist, davon liefert unter Anderem ein Beispiel die, von
dem Prof. Buys-Ballot zu Utrecht (in den Verh, der deutschen Naturf. U.
Aerzte zu Bonn 1857, S. 169) gegebene Mittheilung über die Hitze des
Sonnen-Kerns, welche im Jahre 1850: 78,104,°19 Cels. , aber vor
36,268 Jahren: 156, 208,°38 C. gewesen seie, und nach etwa 36,268
Jahren nur noch etwa 39,052°09 C. betragen würde. Etwas Aehnliches
von Genauigkeit bis auf Yioo emes Celsius'schen Wärmegrades bei solcher
enormen Hitze ist doch wohl noch nicht dagewesen.
Bekannt ist die Antwort, welche der noch heute gefeierte Th. Syden-
ham einem jungen Arzte gab, der ihn um seinen guten Rnth wegen seiner
medizinischen Studien befragte, und dem er sagte: „Lesen Sie den Don
Quixote; es ist ein sehr gutes Buch; ich lese es täglich." — Solche Vor-
gänge erinnern daran.
V. Buch. Aphorism 39. 317
39. Wenn sich bei einer Frau , die weder schwanger ist,
noch gehören hat , Milch in den Brüsten befindet, so
ist ihre monatliche Reinigung ausgeblieben.
Ob zwar Celsus (II, 8) diesen Lehrsatz wörtlich bestätigt,
(und wegen ähnlicher Uebereinstimmungen wiederholt den Ver-
dacht erregt, dass er mehr abgeschrieben, als selbst geprüft hat) :
so wird er doch nur theil weise durch die Erfahrung bestätigt,
indem es Frauen giebt, die fortwährend Milch in den Brüsten
haben, obwohl sie weder geboren haben, noch ihnen die mo-
Wir haben einen äusserst gelehrten und berühmten Professor der Bo-
tanik gekannt, welcher auf einer botanischen Exkursion viele der gemein-
sten Gräser nicht kannte, und nicht im Stande war, neuerdings aufgegan-
gene Gerste vom Hafer zu unterscheiden. Dagegen benannte er ohne
Stocken zahlreiche Moose ohne Fruktifikation , womit die getrockneten
Pflanzen in einer eben aus Java angekommenen Kiste ringsumher ausge-
stopft waren. — Es ist leicht, etwas zu behaupten, wo man keine Zurecht-
weisung zu befürchten hat!
Es giebt eine Art von Gelehrsamkeit, welche man die „Pleonastische"
nennen könnte, und meistens nur dazu dient, entweder eine nutzlose Viel-
wisserei zu befördern, oder gar missliebige Examinanden zu chikaniren.
Dahin gehört z. B.: wenn von einem agronomischen Zöglinge die Geschichte
der Erfindung, der Namen und der Gestalten aller Pflüge der Vor- und
Jetzt-Zeit verlangt wird, als wenn dies Alles erforderlich wäre, um auf dem
Felde eine tadellose Furche zu pflügen. Ueber ähnliche „pleonastische"
Prüfungen haben wir auch noch in andern Fächern des menschlichen Wis-
sens theils lächerliche, theils boshafte Thatsachen erfahren, die entweder
auf den Verstand , oder auf die Moralität des Examinators ein mehr' als
zweifelhaftes Licht werfen.
Wenn zwei Professoren der Zoologie (Pöppig und Giebel) das Ge-
wicht des Geweihs eines im Jahre 1696 von König Friederich I. ge-
schossenen Sechsundsechzigenders übereinstimmend zu 532 Pfund
angeben: so muss man schliessen, dass auch Gelehrte, selbst in ihrem Fache,
sich oft gröblich irren können.
Das bekannte: ne sutor ultra crepidam!, welches (nach Plinius XXXV,
36, 12) Apelles dem kritisirenden Schuster zurief, dürfte zu unseren Zei-
ten noch oft anwendbar sein.
Guerir homoeopatiquement des animaux, passe encore, mais des hom-
mes, ceci est un attentat aux droits de la Faculte.
Parseval, AU. et Hom. p. 530,
318 v- Buch. Aphorism 39»
natliche Reinigung fehlt. Was nützen also solche isolirt da-
stehende Beobachtungen , nebst den Erklärungen derselben aus
dem sonst unerklärlichen Ronsenz, welcher zwischen den Brü-
sten und den Geschlechtstheilen besteht? — Es lassen
sich freilich darüber Abhandlungen schreiben, worin der Aufwand
von Gelehrsamkeit Staunen erregt; aber dieses Schreiben und
Sprechen gehört erst zu der zweiten Linie des ärztlichen
Berufs, dessen erste und oberste, um nicht zu sagen ein-
zige Obliegenheit darin besteht, den Kranken wieder ge-
sund zu machen.72) Dieser Hauptzweck würde dadurch wenig-
stens einigermaassen erfüllt werden , wenn für solche seltenere
Erscheinungen die hülfreichen Mittel angegeben wären. Aber
daran mangelt es bei allen Aphorismen, und was die Kommen-
tatoren dazu geliefert haben, ist meistens, wenigstens für uns,
ganz unbrauchbar. Wir haben es daher für dienlich gehalten,
diesen Mangel, so gut es zur Zeit möglich war, wenigstens theil-
weise auszufüllen. Wir fügen deshalb auch hier hinzu , dass
beim Eintreten von Milch in den Brüsten unter den ange-
gebenen Umständen, vorzüglich aber bei unterdrückter
Regel, sich zunächst Beil., Bry., Calc, Lyc, Phosph., Puls.,
Rhus., Sabin, und Stram. zur Auswahl darbieten, während die
vorhandenen Nebenbeschwerden über das Eine oder das Andere
bestimmen müssen. Namentlich wird aber entweder das Erste,
oder das Letzte (Bell, oder Stram.) vor den Andern angezeigt
sein, wenn dabei der, in dem gleich hierauf folgenden Apho-
rism angeführte , in der Wirklichkeit zuweilen vorkommende
Fall eintritt, nämlich:
72) Die unentbehrlichste Wissenschaft für Jeden ist, zeitig genug zu
erfahren, nicht nur wozu er tauglich sei, sondern auch, wozu er tauglich
zu sein Erlaubniss und Beruf habe.
Abt, vom Verdienste, am Schlüsse.
V. Buch. Aphorism 40, 41. 319
40. Es deutet auf Geistesverwirrung, wenn sich das Blut
in den Brüsten der Frauen anhäuft.
Indessen giebt es hierbei auch Falle, wo wegen entzünd-
lichen Zustandes Acon. , Ap. raell. , Ferr. , Pliospb., oder noch
Andere angezeigt sein können und am ersten dann Hülfe brin-
gen, wenn sie schon vor Eintritt der Geistesverwirrung
angewendet werden, und die Symptome Solche überhaupt an-
zeigen. — Uebrigens gehört auch dieser Aphorism wieder ganz
zur Kategorie der Vorigen, und muss notwendiger Weise Man-
chen unbefriedigt lassen, welcher nützliche und brauchbare Be-
lehrung, und nicht physiologische Rä Insel zu lösen sucht,
wie die in der Anmerkung.73)
41. Will man wissen, ob eine Frau schwanger ist, so gebe
man ihr vor dem Schlafengehen Honigwasser zu trin-
73) Die fast augenblicklich vermehrte Absonderung der Milch, wenn
sich die Amme mit einem wohlschmeckenden Getränke gelabt hat, so wie
der augenblickliche Durst, wenn das Kind zu saugen beginnt, ist ein wah-
res physiologisches Eäthsel.
Hahnemann in Cullens M. med. I, 355.
Wir haben schon den materialistischen Physiologen und Chemikern in
diesen Glossen einige Räthsel aufgegeben; auch hier möge noch ein Der-
artiges zur befriedigenden Lösung vorgelegt werden: — Es ist nämlich
bekannt, dass viele Insekten, namentlich die Schmetterlinge, vom Eie
an verschiedene Verwandlungen durchmachen müssen, bis sie zu ihrer
Vollkommenheit gelangt und zur Fortpflanzung fähig geworden sind, wäh-
rend sie nur als Raupe eigentliche Nahrung zu sich nehmen, — dass diese
Verwandlungen bei den verschiedenen Arten (Papiliones , Sphinges und
Phalaenae) verschieden, aber bei Allen stets gleichförmig sind, und endlich
— dass die Eier jedesmal vorsorglich auf bestimmte Gegenstände gelegt
werden, welche für den vollendeten Schmetterling an und für sich gänzlich
nutzlos sind und nur dem ausgekrochenen Räupchen Nahrung darbieten.
Wer diesen Hergang chemisch oder physiologisch genügend erklärt, von Dem
wird es mit Recht heissen : magnus nobis erit Apollo !
320 v- Buch. Aphorism 42, 43.
ken. Erfolgt darauf Leibschneiden, so ist sie schwan-
ger ; wo aber nicht , so ist sie auch nicht schwanger.
Ob zwar mehrere medizinische Schriftsteller der Vorzeit, die
heute Niemand mehr liest, diesen Lehrsatz bestätigen, vielleicht
aber auch nur abgeschrieben haben: so lässt sich doch nichts
Sicheres darüber sagen, weil die Anwendung des bei den Alten
so sehr beliebten Honigwassers74) ganz aus der Mode gekom-
men ist und es mithin heutiges Tages an Nachversuchen und
Erfahrungen darüber mangelt.
42. Wenn eine Frau mit einem Knaben schwanger geht,
so ist ihre Farbe frisch; wenn aber mit einem Mäd-
chen, blass.
Diese Meinung, deren auch Plinius (VII, 6) Erwähnung
thut, besteht noch heutiges Tages unter dem Volke, und dürfte
daher, wie so manche Volksregel, in vielen Fällen etwas für
sich haben. Aber als Lehrsatz kann sie doch wohl schwer-
lich hier eine Stelle verdienen. Die blasse Farbe hat gewöhn-
lich andere Ursachen.75)
43. Es ist tödtlich, wenn bei einer Schwangeren sich eine
Entzündung der Gebärmutter einstellt.
Dies ist eine allerdings höchst gefährliche, aber darum doch
nicht eben absolut- tödtli che Krankheit, die noch häufiger die
Wöchnerinnen, als die Schwangeren befällt. Unter den Händen
74) Verschieden von dem einfachen Honigwasser war das Thalas-
somelon des Dioscorides, welches aus gleichen Theilen Meer- Wasser, süs-
sem Wasser und Konig bestand, und bei Vielen sehr beliebt war.
75) Um bleiche Farben zu erzielen, schnüren wir die Endivien, die
Spanier die Palmblätter und — die Mütter ihre Töchter zusammen.
V. Buch. Aphorism 44. 321
eines erfahrenen und umsichtigen Arztes wird sie indessen in
hei Weitem den meisten Fällen einem glücklichen Ausgange zu-
geführt. Jedenfalls erfordert aher dieses schnell tödtlich werdende
Fieber ein strenges Individualisiren, weil die Zahl der
dabei konkurrirenden Heilmittel gross ist, die begleitenden
und anzeigenden Nebenbeschwerden äusserst mann ich-
faltig sind, und nur durch möglichst schnelle und genau ent-
sprechende arzneiliche Einwirkung die drohende Gefahr ab-
gewendet werden kann. Wenn dabei auch in den meisten Fällen
die Wahl zunächst schwankt zwischen Acon., Beil., Chain., Coloc,
N. vom., Plat., Puls., Rhus., Sabin., See. com. und Sep. ; so
giebt es doch auch Andere, welche Ap., Arn., Ars., Bry., Calc,
Carb. an., Coff., Croc, Ferr., Hyosc, Ipec, Kali, Stram., oder
Sulph. anzeigen, ohne darum auch noch andere Mittel, nament-
lich : Ant. crud., Chin., Cocc, Con., Creos., Ignat., Mosch., Natr.
mur., Op., Phosph., Veratr. und Zinc. ganz auszuschliessen. Man
sieht also, dass die Behandlung dieser Krankheit, die dabei weni-
ger, als manche Andere, Zögern oder Versuche gestattet,
ihre grossen Schwierigkeiten darbietet, welche nur von Demjeni-
gen mit Sicherheit überwunden werden können, der mit der
vollständigsten Kenntniss der Eigenthümlichkeit jeder
dieser Arzneien ausgerüstet, den vorliegenden Fall mit aller
Schärfe ins Auge fasst, und dabei nicht mit Gewalt erzwingen
will, was nur auf dynamischem Wege, d. h. durch die klein-
sten Gaben, zu erreichen ist.
44. Bei widernatürlich mageren Frauen, welche schwanger
werden, hören die Fehlgeburten nicht eher auf, als
bis sie beleibter geworden sind.
Beispiele vom Gegentheile kommen aller Orten vor und
überheben uns der Mühe , diesen Aphorism , zusammt den ge-
322 v- B«cU. Aphoiism 45, 46, 47.
schraubten Erklärungsversuchen des JNumesianus heim Galenu^
zu widerlegen.
45. Diejenigen Frauen von mittlerer Beleibtheit, welche
ohne Veranlassung im zweiten oder dritten Monate
eine Fehlgeburt halten, leiden an einer Verschleimung
der Kotyledonen. Diese können daher ihrer Schwere
wegen die Frucht nicht tragen und lassen sie deshalb
abfallen.
46. Bei denjenigen Frauen , welche wegen übermässiger
Fettigkeit nicht empfangen , drückt das Netz den
Muttermund zusammen, und sie werden daher nicht
eher schwanger, als bis sie magerer geworden sind.
Man weiss kaum, was man zu den beiden vorstehenden
Aphorismen (45 und 46) sagen soll , und übergeht sie daher
wohl am Besten mit Stillschweigen. Sie beweisen bloss, dass
selbst der Altvater der Medizin nicht frei war von der leidigen
Erklärungssuchl der Aerzte, selbst da, wo er nur Ver-
muthungen vorzubringen hat, die in der Wirklichkeit keine Be-
stätigung finden. 76)
47. Wenn die auf dem Hüftbeine aufliegende Gebärmutter
in Eiterung übergegangen ist, so wird daraus ein
fistulöses Geschwür entstehen.
76) Prenons garde de nous laisser empörter par les fausses lueurs de
cette science trompeuse.qu'on nomine l'an.itomie pathologique.
Leon Simon, exposition. p. 397.
Selbst die Academie de Medecine zu Paris kann den Rückschritt in
der eigentlichen Heilkunst, wie er sieh in der neueren Zeit durch den Eiu-
fluss der pathologischen Anatomie gestaltet hat, nicht verhehlen. Ihr Be-
richterstatter, Dr. Donne, erklärt: „Nous voulons demontrer que l'attention
exclusive qu'on donne aux etudes anatomiques, au diagnostic et aux causes
prochaines des maladies, a peut-etre trop eloigne de l'observation des cau-
ses g^ndrales et des moyens de les combattre".
V. Buch. Aphorisra 48. 323
Die vorstehende Uebersetzung dieses Aphorisms entspricht
derjenigen, welche Grimm, Brandeis, Martian u. A. davon gege-
ben, während Almeloveen, Plantius, Leveille, Lilienhain, Pittschaft,
und besonders der gelehrte Foesius in seiner Oeconomia Hippo-
kratis ad vocem s'^ota (Pag. 203) den Schluss dahin über-
setzen, dass dazu auf Leinwand gestrichene Arznei erforderlich
wäre. Wir finden keine Veranlassung, auf diesen Meinungs-
Zwiespalt solcher gelehrten Autoritäten näher einzugehen und uns
für die Eine oder die Andere auszusprechen, indem die Sache
an und für sich unerheblich und aus keiner Version eine beson
dere Belehrung zu schöpfen ist.
48. Gewöhnlich liegen die Knaben in der rechten, die
Mädchen in der linken Seite.
Ebenfalls eine Meinung, die noch heute bei vielen Weibern
besteht und seihst unter den Aerzten Verfechter gefunden hat.
Indessen hat selbst Hippokrates durch den Beisatz : paXkov die
Allgemeinheit dieser Regel ausgeschlossen. — Vergl. sitiS^jxiav
vo i-Ktov II, 34, 35 und 36. 77)
77) Saepius in utero moveri mares et in dextera fere geri parte, in
laeva feminas, constat. Plinius VII, 3.
Vermuthlich kennen wenige Dasjenige, was Avicenna über die Zeugung
der männlichen und weiblichen Kinder lehrt, und es möge daher die be-
treffende Stelle hier angehängt werden: — „Ubi menses defluxerint sitque
abstersus uterus, quod quinto fere die usuvenit, aut septimo, si vir mulieri
congrediatur, a primo cum est purgata die ad quintum, marem producere: a
quinto vero ad oetavum femellam : rursus ab octavo ad duodecimum denuo
masculum: post illum vero dierum numerum Hermaphroditum."
In des Hippokrates Buche negl £inx.V7Jat,og ist Diesem entsprechend
der Rath ertheilt: die rechte Hode so stark zu unterbinden, als der Mann
es nur ertragen kann, wenn er ein Mädchen, die linke hingegen, wenn er
einen Knaben zeugen will.
21*
324 v- Bucl>- Aphorism 19, 50, 51.
49. Zur Beförderung des Abganges der Nachgeburt gebe
man den Wöchnerinnen ein Niessemittel , wobei sie
aber Mund und Nase zuhalten müssen.
Zu vergleichen mit dem Aphorism 35 dieses Buches. —
Wir wissen nicht, ob unsere hippokra tischen Aerzte in
solchen Fällen von diesem hippokratischen Lehrsätze noch
heute Gebrauch machen. Uebrigens erinnert der Nachsatz an
ein oft angepriesenes Verfahren, um ein, nach nassem Klee-
futter aufgeblähtes Stück Rindvieh zu retten, indem ihm
ebenfalls Maul und Nase zugehalten wird, damit es aufstossen
und so das Gas von sich geben soll, — ein Verfahren, welches
wir weit sicherer und zweckmässiger durch eine kleine
Gabe Colch. ersetzen, und die barbarische Anwendung des sonst
üblichen Troikars überflüssig machen.
50. Wenn man bei einer Frau den monatlichen Blutab-
gang stillen will , so setze man ihr einen grossen
Öchröpfkopf dicht unter den Brüsten.
Diese Stelle zum Anbringen der Schröpfköpfe für den er-
wähnten Fall, nämlich nicht auf oder neben, sondern vielmehr
unter den Brüsten, entspricht dem Kommentar des Galenus und
dem Celsus (IV, 20;, sowie dem Sinne des Aphorisms 20 die-
ses Buches. Aber auch dieses Verfahren scheint obsolet gewor-
den zu sein, und zwar mit Recht, weil nur Wenige solcher
Blutungen auf diese Art gehoben, Keine aber dadurch
dauerhaft geheilt werden können.
51. Bei Schwangeren ist der Muttermund verschlossen.
V. Buch. Aphorism 52. 325
Es bedarf kaum einer Erwähnung, dass dieser Lehrsatz in
den damaligen mangelhaften anatomischen Kenntnissen seinen
Ursprung hat. r8)
52. Wenn einer schwangeren Frau viel Milch aus den
Brüsten läuft, so zeigt dies eine schwächliche Frucht
an. Sind hingegen bei einer Solchen die Brüste fest
und straff, so deutet dies auf eine kräftige Frucht.
Obwohl dieser Lehrsatz von Celsus (II, 7) bestätigt wird,
und in der Wirklichkeit nicht so gar selten seine volle Richtig-
keit hat: so ist er doch nicht allgemein wahr. Es giebt näm-
lich starke, man möchte sagen, übergesunde Frauen, welche
in der Schwangerschaft an dieser Beschwerde , und oft in
dem Maasse leiden, dass sie gezwungen sind, Tücher oder
Schwämme auf der Brust zu tragen, und doch gesunde, kräf-
tige Kinder zur Welt bringen. Am meisten findet sich dieses
bei fettleibigen Personen, bei denen ausser der Schwan-
gerschaft das Monatliche zu früh, zu stark und zu lange
fliesst, und die kurz vor Eintritt der Regel an einer schmerz-
haften Anschwellung der Brüste leiden, die mit dem Er-
scheinen derselben wieder vergeht. Auch sind diese Frauen
vorzugsweise zu Fehlgeburten geneigt. In Gemässheit un-
serer wiederholten Erfahrungen ist diese Beschwerde der Frauen
zwar nicht eben gefährlich, aber doch äusserst lästig,
und findet meistens in der homöopathischen Anwendung der
Calc. carb. eine gründliche und dauerhafte Heilung. Bei mage-
ren und überhaupt schwä ch liehen Müttern fügt jedoch die-
ser obwohl seltenere Umstand zu den Uebrigen noch ein schlim-
78) Merkwürdig ist in dieser Beziehung der Widerspruch in A. v. Hal-
ler's „Grundriss der Physiologie" in den beiden § 880 und § 926, worüber
sich auch die Herausgeber der deutschen Uebersetzung, Sömmering und
Meckel, nicht weiter erklärt haben.
326 V. Buch. Aphorism 53.
mes Symptom hinzu, und es ist dann ohne Zweifel ein chro-
nisches Leiden vorhanden, welches eine umsichtige und sorg-
fältige Behandlung verlangt, und wofür die Gesammtheit der
Zeichen auf viele andere Mittel hinweisen kann , deren Erörte-
rung hier zu weit führen würde.
53. Bei denjenigen Frauen, denen eine Fehlgeburt bevor-
steht, schwinden vorher die Brüste. Wenn diese sich
aber wieder anfüllen, so erfolgen Schmerzen, entweder
in den Brüsten, oder in den Hüften, oder in den
Augen, oder in den Knieen, aber keine Fehlgeburt.
Dieser Aphorism ist eine Ergänzung und Erweiterung zu
den Aphorismen 37 und 38 dieses Buches, wobei das auf die
erste Phrase Bezügliche bereits angeführt wurde. Was die
zweite Hälfte desselben betrifft, so wird diese wohl nicht so
zu verstehen sein , als wären die angeführten Beschwerden an
Hüfte, Auge oder Knie eine andere unmittelbare Folge
des Abwelkens der Brüste , wie die Fehlgeburt. Wir müssen
darin vielmehr eine Metastase eines inneren Siechthums
erblicken, wie sie hier und da vorkommt, und in einer Weise
auftritt, die oft aller vorherigen Vermuthung und aller
nachherigen Erklärung spottet. Die Zahl solcher Ver-
setzungen geht aber ins Unendliche, wie die Zahl der chro-
nischen Krankheiten überhaupt, und nur durch die für diese
Letztern sich eignenden Mittel kann dauerhafte Hülfe geschafft
werden. Arn Uebelsten fährt aber eine solche Kranke, wenn
sie, mit Verkennung der eigentlichen Natur und Eigenthümlich-
keit ähnlicher Zufälle, mit palliativen oder revulsiven Mit-
teln behandelt wird, wobei in der Begel das von irgend einem
Organe vertriebene Leiden sich auf ein Anderes und mei-
stens Edleres wirft, welches wichtiger und zum Leben noth-
wendiger ist, als das früher Ergriffene. Hierin liegt dann auch
V. Buch. Aphorism 54. 327
der Grund, warum solche Beschwerden in keinem Falle als un-
bedeutend angesehen und mit sorgloser Leichtfertigkeit behan-
delt werden dürfen.
54. Wenn bei einer Frau der Muttermund hart ist, so
muss dieser nothwendiger "Weise auch verschlossen sein.
Hier ist nicht von dem , der Schwangerschaft wegen ver-
schlossenen Muttermunde, wobei die Theile weich bleiben, wie
im Aphorism V, 51, sondern von einer Verhärtung und Ge-
schwulst die Rede, die unter allen Umständen gefährlich ist
und leicht zu einem der schrecklichsten Leiden, nämlich zum
bösartigen Mutterkrebs übergehen kann. Nur im Anfange
der richtig erkannten, nicht Lokal-, sondern Gesammt-
Krankheit, und bei genügenden Symptomen in Betreff der be-
gleitenden Nebenbeschwerden, welche vorzüglich die Mittel-
wahl sichern müssen, kann noch mit grosser Zuversicht eine
glückliche und vollständige Heilung prognoslizirt werden. Ist
das Uehel hingegen einmal völlig ausgebildet und die jauchige
Eiterung eingetreten, dann ist meistens wenig oder gar keine
Hoffnung mehr für einen günstigen Ausgang vorhanden. Man
hat also die dringendste Veranlassung, gleich von Vorne herein
mit der grössten Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt unter den sich
dazu darbietenden Mitteln, wozu sich namentlich: Ars., Aur.,
Beil., Carb. an., Chin., Gem., Creos., Ferr., Jod., Lach., Magn.
mur., Merc, Plat., Puls., Sabin., Sassap., See. corn., Se.p. und
Thuj. vorzüglich empfehlen, die passendste Wahl zu treffen.
Dadurch allein ist es uns selbst und einigen unserer befreun-
deten Kollegen jedesmal gelungen, die drohende Gefahr glücklich
abzuwenden, ehe das Uebel seine unheilbare Höhe erreicht hatte.
328 v- Buch. Aphorism 55.
55. Bei schwangeren Frauen , welche von Fiebern ergrif-
fen werden, oder welche ohne offenbare Veranlassung
stark abmagern, ist entweder die Niederkunft beschwer-
lich und gefahrvoll, oder sie schweben in Gefahr we-
gen Fehlgeburten.
Diese Zustände, nämlich sowohl irgend ein Fieber, als
noch mehr eine erhebliche Abmagerung ohne besondere
sichtliche Ursache, deuten fast jedesmal auf ein, tief im Innern
verborgenes chronisches Siechthum, welches beim Akte
einer gewöhnlichen Geburt, oder bei einer Fehlgeburt einen
bedeutenden Fortschritt zu machen pflegt, und dann um so mehr
dem dadurch angegriffenen und geschwächten Körper höchst
gefährlich werden kann. Darin liegt eben eine Haupt-Eigen-
thümlichkeit der bei Weitem meisten wahren chronischen
Krankheiten, dass sie aus fast unbemerklichen Anfängen
hervorgehen, geraume Zeit hindurch den Kranken nicht erheb-
lich belästigen, aber um so mehr im verborgenen Innern
wuchern und ihre Wurzeln ausbreiten, bis irgend eine Veran-
lassung, oft geringfügiger Art, ihren Ausbruch befördert,
und sie nun, einmal erwacht, mit grosser Kraft und Ausdauer
auf dem Pfade ihrer Zerstörung vorwärts gehen. Da heisst es
also: Aufgepasst! Nicht gezögert! und früh genug, so lange
es noch an der Zeit ist, die nöthigen Mittel in Thätigkeit ge-
setzt! Wer da mit den gewöhnlichen Mitteln von kurzer
Wirkungsdauer das Fieber vorübergehend beschwich-
tigen, oder durch reichliche Nahrung die Abmagerung hem-
men wollte, der würde ganz zuverlässig seinen Zweck völlig ver-
fehlen. Es ist nicht das geringste Verdienst des Stifters unserer
Schule, was er uns durch sein noch vielfach verkanntes Werk
„über die Natur und Heilung der chronischen Krank-
heiten" gelehrt hat.79) In dem ersten Bande (zweiter Auf-
79) Es kann in der That nichts Ungerechteres und Grundloseres geben,
als die bitteren und maasslosen Vorwürfe, womit man den ehrwürdigen
V. Buch. Aphorism 55. 329
läge) finden wir (S. 58 ff.) die Zeichen der noch schlum-
mernden (latenten), und (S. 67 ff.) die der erwachten
Psora, mit einer Schärfe und Vollständigkeit angegeben, welche
Zeugniss ablegen für den Fleiss, den er darauf verwendet bat.80)
Wenn dieser ebenso redliche, als tiefsinnige Forscher dafür nicht
nur von seinen Feinden, sondern selbst von seinen Schülern und
angeblichen Freunden mit Schmähungen überschüttet ist: so
glauben wir von der Nachwelt ein anderes Urtheil erwarten zu
dürfen. 81)
Gründer der Homöopathie wegen der sogenannten „Psoratheorie" über-
schüttet hat. Was ist diese denn Anderes, als eine streng homöopathische
Anwendung der nirgends bezweifelten und so wichtigen Lehre von der
Anamnese auf die chronischen Krankheiten? — einer Lehre, die ohne
Zweifel jedem Widersacher Hahnemanns in zahlreichen Fällen von akuten
Krankheiten die wichtigsten Dienste geleistet hat! Diese ganz unver-
kennbare Uebereinstimmung mit den Prinzipien der Homöopathie liegt, soll-
ten wir meinen, so nahe und deutlich vor Augen, dass es fast scheint, als
habe man absichtlich Diese verschlossen, um der Galle los zu werden, die
sich bei mehreren Gegnern des edlen Greises, selbst unter der Zahl der
angeblichen Homöopathen, allzu sehr angehäuft hatte, weil sie seine treuen
Lehren und Warnungen nicht befolgten und daher seine unverhohlene und
laute Rüge sich zuzogen. — In ganz gleicher Weise gilt Alles, was die
Natur und das Wesen der Anamnese anbelangt, auch von der Syphilis
und von der durch die Pocken so weit verbreiteten Sykosis.
80) Hahnemann hätte wie Lucian (in seinem „Fischer") mit Recht
auch von sich sagen können: Ich heisse Parrhesiades (der Freimüthige),
Alethions (der Wahrhaftigkeit) Sohn, und Enkel des Cleaxicles (des Ueber-
zeugenden).
Vielen Gegnern Hahnemanns geht es, wie J. Primirose, dem Gegner
Harwey's, welcher in einer Schrift von 14 Tagen ein Werk widerlegen
wollte, worauf dieser 26 Jahre verwendet hatte.
81) Erscheint ein wahres Genie in der Welt, so könnt ihr es daran
erkennen, dass alle Dummköpfe ein Bündniss dagegen geschlossen haben.
Swift's Aphorismen.
Wenn sich auch die wahre, glaubensvolle Frömmigkeit Hahnemanns
in zahlreichen Stellen seiner Schriften deutlich genug ausspricht, so ver-
dient doch dessen letzte Aeusserung kurz vor seinem Tode der Nachwelt
aufbewahrt zu bleiben. Als nämlich bei einem wiederkehrenden Erstickungs-
Anfalle seine verzweifelnde Frau in die Worte ausbrach : „Die Vorsehung
330 v- Buch. Aphorism 56.
56. Es ist böse, wenn sich bei der monatlichen Reinigung
Zuckungen und Ohnmächten einstellen.
Einige Kommentatoren haben sich zu der Voraussetzung
bewogen gefunden, dass liier bloss der übermässige Blut-
a b g a n g und insbesondere der B 1 u l s t u r z der Wöchnerinnen
nach der Entbindung gemeint sei. Wir finden Nichts, worauf
sich diese Annahme stützen könnte. Allerdings kommen unter
letzterwähnten Umständen oft solche gefährliche Erscheinungen
vor; aber Diese stellen sich wohl noch häufiger ohne Jene ein,
und namentlich bei nervenschwachen oder sonst zu der-
gleichen geneigten Personen. Was uns aber am Meisten ver-
hindert, dieser allzu willkürlichen Annahme beizutreten, ist der,
wie uns scheint, hier maassgebende Umstand, dass solche
Mens truations- Beschwer d en, wozu auch die der wahren
Blulstürze gerechnet werden können, meistens vor (Cupr.,
Kali, Natr. mur., Phosph., Ph. ac, Plat , Puls., Sep., \Sulph.)
oder während derselben (Acon., Bry., Calc, Caust., Cham., Chin.,
Cocc, Coff., Cupr., Ferr., Hyosc, Ignat, Ipec, Lyc, Magn. mur.,
Merc, Natr. mur., N. vom., Puls., Sulph.), selten aber und fast
niemals ausschliesslich nach der Periode (Chin., Cupr., Puls.)
möchte doch Dir vor Andern einen Erlass deiner Leiden schuldig sein,
weil du so viel fremdes Leiden gelindert hast!" Darauf entgegnete er,
in abgebrochenen Sätzen, die denkwürdigen Worte: „Mir? — Warum mir?
— Jeder in der Welt — wirkt nach den Gaben und Kräften, — die er
von der Vorsehung empfangen ; — ein Mehr oder Weniger findet nur vor dem
Richterstuhle der Menschen, — nicht aber vor Dem der Vorsehung statt.
— Die Vorsehung ist mir Nichts, ich aber bin ihr Vieles, ja Alles
schuldig!" (S. Jahr in d. A. H. Z. XXIV, S. 258.)
Die zahlreichen Verehrer Hahnemanns dürfte es interessiren zu erfah-
ren, wie er beständig von Ort zu Ort gehetzt wurde, um erst im höchsten
Alter ein ruhiges Asyl zu erlangen. Deshalb folgende kurze Angaben: —
Nach seiner Verheirathung mit der Tochter des Apothekers Küchler in
Dessau am 1. Dec. 1782 verblieb er einstweilen noch in Dessau, bis er
1784 nach Gommern zog; von dort siedelte er schon 1785 nach Dresden
üljer. 1789 nach Lobkowitz bei Dresden, 1790 nach Leipzig, 1792 nach
V. Buch. Aphorism 56. 331
eintreten. Daraus scheint nun unwiderleglich hervorzugehen,
dass solche Krämpfe und Ohnmächten keineswegs eine Folge
des Blutverlustes sind, obwohl auch dieser Fall vorkommen kann
und dann die dafür geeigneten Mittel (Chin., Creos. u. s. w.)
zur Auswahl kommen. Eine noch grössere Bestätigung unserer
Ansicht dürfte aber darin liegen, dass Mehrere der oben nam-
haft gemachten Arzneien vorzugsweise auf eine allzu schwache
oder zögernde Periode hinweisen, mithin bei Diesen um so
mehr ein grosser Blutverlust mit seinen Folgen völlig ausge-
schlossen ist. — Wir können nicht unterlassen, bei dieser Ge-
legenheit wiederholt darauf hinzuweisen, wie unsicher es ist,
die Erscheinungen in der Natur mit dem Verstände allein
erklären und ergründen zu wollen,82) und wie leicht man
auf Irrwege geführt wird, wenn man vorgefasste Ansich-
ten den Zufällen und Symptomen unterschieben will, um sich
auf Kosten der leidenden Menschheit das Prädikat eines
tiefdenkenden und philosophischen Arztes zu er-
werben. 83)
Georgenthal bei Gotha, 1794 nach Molchsleben, 1795 nach Wolfenbütte],
1797 nach Königslutter, 1800 nach Hamburg, 1801 nach Machern bei
Leipzig, 1802 nach Eilenburg, 1803 nach Schildau, 1804 nach Torgau,
1811 wieder nach Leipzig, 1821 nach Cöthen, von wo er 1835 nach Paris
ging und hier am 2. Juli 1843 starb.
Ein grosser Deutscher sagte einst: „grob zu sein, ist erlaubt, wenn
man nur versteht, wovon die Eede ist. Denn durch das Wissen wenigster?
unterscheidet sich der Grobe von dem Flegel."
82) „Wahrlich" — sagt unser Stens in seiner Ther. uns. Zeit, S. 205
— ,,es verräth keine besondere Weihe der Naturforschung, Unsinnliches
Sofort für Unsinniges, und das ganz gemeine Augenvorurtheil für ein Urtheil
des gesunden Menschenverstandes zu erklären! Für die kleinen Gaben der
Homöopathen sprechen ganz dieselben, ja noch gewichtigere Gründe, als
für die Analogien aus der Chemie, Physik oder Physiologie. Letztere an-
nehmen und Erstere als unmöglich, als unbegreiflich ausschreien, zeugt für
keine gesunde Logik." Höher, als alles Dieses, steht aber die Erfahrung
und die Thatsache.
83) „Ou en serions nous," — sagt der gelehrte Arago, — „si nous
nous mettions ä nier tout ce que nous ne pouvons pas expliquer?"
332 V. Buch. Aphoriam 57.
57. Bei allzu starkem Monatsflusse stellen sich (verschie-
dene) Krankheiten ein; bei Unterdrücktem entstehen
die Krankheiten aus der Gebärmutter.
Bei unseren Prüfungen der Arzneien am Gesunden legen
wir jederzeit ein bedeutendes Gewicht auf die Veränderungen,
welche dabei in den bisherigen Verhältnissen der Menstrua-
tion, sowohl in Bezug auf Qu antität, Qu alität und Dauer,
so wie auf ihre beschleunigte oder verzögerte Wieder-
kehr, als auch auf die begleitenden Beschwerden, inso-
fern solche überhaupt damit in Verbindung stehen, und vor,
bei oder nach dem Blutabgange sich einstellen. Auf diese Art
haben wir bereits einen grossen Schatz von Erfahrungen ge-
sammelt und vermehren ihn noch täglich, um sie, wie andere
Symptome zu benutzen und darnach heurtheilen zu können,
Schiller schrieb an Körner (Briefw. IV, S. 42) über Humboldt: —
„Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer un-
fasslich und in allen Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos
ausgemessen haben will, und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife,
seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur leere Begriffe sind,
zu ihrem Maassstabe macht." — Es ist noch zu bemerken, dass Schiller
dies 1797 schrieb, nachdem er 3 Jahre früher (1794) weit günstiger über
Humboldt geurtheilt hatte und „sehr gute Aufsätze (für die Hören) von
ihm erwartete."
Obgleich die homöopathische Literatur von verfehlten Erklärungsver-
suchen der ihr auf ihrem Gebiete entgegengebrachten Thatsaehen' wimmelt ;
keiner ihrer Fundamentalsätze ist veraltet, sondern alle sind neu geblieben,
und haben sich erweitert in Wurzel, Stamm, Zweigen und Früchten.
Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnl. Gesetz, § 81.
Ratio sine experientia mendax, experientia sine ratione fallax.
„Homöopathik" — sagt Hahnemann in der Vorrede zum Organon,
5ter Auflage, S. VII, — „vergiesst keinen Tropfen Blut, giebt nicht zu
brechen, purgiren, laxiren oder schwitzen, vertreibt kein äusseres Uebel
durch äussere Mittel, verordnet keine warmen Bäder oder Arznei ent-
haltende Klystiere, selbst keine spanische Fliegen oder Senfpflaster, keine
Haarseile, keine Fontanelle, erregt keinen Speichelfluss, brennt nicht
mit Moxa oder Glüheisen bis auf die Knochen u. dgl. , giebt aus ihrer
Hand nur selbst bereitete, einfache Arznei, die sie genau kennt und keine
Gemische, stillt nie Schmerz mit Opium u. s. w."
V. Buch. Aphorism 57. 333
wann und wo dieses oder jenes Mittel vor Ändern homöo-
pathisch angezeigt ist. Dahei hat sich dann ergeben, dass die
Beschaffenheit der Menstruation für sich allein schon
äusserst brauchbare Symptome liefert, dass es aber nur wenige
Mittel giebt, welche in Bezug auf Quantität und Dauer
jedesmal dieselben konstanten Zeichen darbieten, dass hin-
gegen sowohl unter den einen, als unter den andern Um-
ständen jeder Arznei einige, ihr ganz eigenthümliche,
bei Andern nicht vorkommende Nebenbeschwerden ange-
hören, die man mit grosser Sicherheit als Charakteristisch
ansehen und anwenden darf. Diese konstanten begleiten-
den Beschwerden, welche in allen Theilen des Körpers auf-
treten können, beschränken sich aber keineswegs auf einen allzu
starken Monatsfluss, sondern erscheinen eben so häutig und
eben so regelmässig bei zu schwacher, theilweise selbst zur
Zeit der unterdrückten Regel. Hierdurch wird dor Beweis
geführt, dass der zweite Theil des vorstehenden Aphorims eine
grosse Menge von Ausnahmen erleiden muss, wenn man nicht
dem Einflüsse des Genitaisystems, eben so wie den soge-
nannten Hämorrhoiden, eine allzu grosse und nicht zu recht-
fertigende Ausdehnung geben will. Bei der festen, auf tausend-
fältigen Erfahrungen beruhenden Ueberzeugung von der Wichtig-
keit dieser Sache müssen wir bedauern, hier nicht spezieller
darauf eingehen zu können, um durch Beispiele aus dem Leben
selbst zu erläutern, was hier nur in allgemeinen Zügen dargelegt
werden konnte, und daher Manchem, dem unser Verfahren noch
fremd ist, unverständlich bleiben muss. Aber eigene Beob-
achtungen von Thatsachen, die jeder Arzt in seiner
Praxis hinlänglich zu machen Gelegenheit findet, in Verbindung
gebracht mit den, in unserer reinen Arzneimittel-Lehre
aufgezeichneten Symptomen bei den verschiedenen Mitteln, wer-
den schon für sich die nöthigen Aufklärungen darüber geben,
und dazu beitragen, diesem noch allzu mangelhaft bearbeiteten
334 v- Buch- Aphorism 58.
und oft viel zu wenig beachteten Gegenstande die verdiente Auf-
merksamkeit zuzuwenden. Namentlich liefern diese Zeichen bei
fast allen weiblichen Krankheiten Momente von solcher
Wichtigkeit, dass sie jederzeit einen ausgezeichneten Bestand-
teil des Krankheitsbildes auszumachen verdienen.
58. Zur Entzündung des Mastdarms und der Gebärmutter,
so wie zur Vereiterung der Nieren, gesellt sich Harn-
strenge; zur Entzündung der Leber hingegen Schluchzen.
Solche und viele ähnliche begleitende Beschwerden
finden sich stets bei allen gewöhnlichen Krankheiten ein, und
machen denjenigen Theil der medizinischen Wissenschaften aus,
den man Semiotik nennt. Man darf aber nicht glauben, dass
nur die hier Erwähnten und keine Andere, noch auch, dass
diese jedesmal und unzertrennlich von jenen Hauptleiden dabei
vorkommen. Es giebt vielmehr zu allen den Dreien hier ge-
nannten, aber nicht näher individualisirten Entzündungen noch
eine ansehnliche Menge von sonstigen JN eben besch werden,
wovon Einige hauptsächlich die wahre, innere Natur der Krank-
heit anzeigen, Andere, meistens in noch grösserer Mehrzahl Auf-
tretende aber dazu dienen, die richtige Mittelwahl für jeden
Einzelfall treffen zu können. Diese Letzteren sind es vor-
züglich, welche uns am Meisten vor dem unseligen Generali-
siren schützen und uns in den Stand setzen, jeden Versuch
am Kranken84) seihst vermeiden zu können, weil wir schon
im Voraus durch die Zeichen selbst über die Angemessenheit
einer Arznei ein sicheres Urtheil fallen können.85) Diese, auf
84) Ueber das Gerstenkorn (am Auge) vergleiche man, was Prof.
Osiander (Volks- Arzneimittel , 2. Aufl., Seite 314 in der Note) sagt, wo
ihm von sechzehn berühmten Aerzten in Wien sechzehn Mittel ver-
geblich angerathen waren.
85) So lange auf unseren Universitäten noch nicht dafür gesorgt ist,
V. Buch. Aphorism 59. 335
ein u n w a n d e 1 b a r e s J\ a t u r g e s e t z begründete, durch tausend-
fältige Erfahrung als richtig bestätigte , die Heilung nach Mög-
lichkeit fördernde und den Leidenden durch Vermeidung aller
Versuche vor jeder künstlichen Steigerung seiner Beschwerden
schützende Verfahrungs weise, wie sie nur allein bei der
richtigen homöopathischen Behandlung möglich ist, wird
von unsern unverbesserlichen Gegnern mit dem Namen: symp-
tomatisches Kuriren, wenn nicht noch mit einem Schlim-
meren bezeichnet, offenbar in der Absicht, sie dem Spott und
Hohne der in diesem Punkte völlig unwissenden Laien Preis zu
geben. 86)
59. Wenn man erfahren will, ob eine Frau, die nicht
schwanger wird , zum Empfangen fähig sei , so hülle
man sie rings herum in Kleider ein und räuchere dann
von Unten; wenn dabei der Geruch der Räucherung
durch den Körper in die Nase und in den Mund auf-
dass die Kandidaten der Medizin über die homöopathische Disciplin den
erforderlichen Unterricht geniessen können, so lange ist es auch nicht zu
vermeiden, dass später die selbstständigen Aerzte nur behutsam und all-
mälig sich mit derselben vertraut machen und Versuche anstellen. Für
diese zweite Lehrzeit, und bis dahin, dass eine feste Entscheidung getroffen
ist, lässt es sich allerdings rechtfertigen, wenn der frühere reine Allopath
seine Patienten bald nach der einen, bald nach der andern Methode be-
handelt. Ist diese Probezeit aber überstanden , uud die Ueberzeugung für
die Eine oder die Andere befestigt, so ist es, — wie Dr. Wislicenus in
seiner „Entwickelung etc." sagt, selbstverständlich, „dass ein redlicher,
denkender Arzt niemals Homöopath und Allopath zu gleicher Zeit sein und
bleiben kann, und dass nur solche Aerzte, die weder warm noch kalt sind,
und welche die Heilkunst als eine melkende Kuh betrachten, dieses Hal-
birungssystem befolgen, weil es allerdings kein übles Geschäft ist, durch
Verbindung beider Methoden die zahlreiche Klasse schwankender Patienten,
die bald dies, bald jenes probiren, zu befriedigen und für sich zu gewinnen."
86j II faudrait bien peu connaitre les passions humaines, pour exiger
que les hommes, qui dirigent pour ainsi dire la science, qui en sont les
princes, comme on dit, veuillent reconnaitre et convenir que la science a
pu marcher saus eux. Dr. Magnan, l'hom. pref. p. IV.
336 v- BucK Aphprism 60.
steigt , so kann man daraus abnehmen , dass sie an
und für sich nicht unfruchtbar ist.
Mehrere echt hipp okra tische Aerzte und warme Ver-
ehrer des Altvaters der Medizin haben ihrer Entrüstung über
diesen Aphorism laute Worte verliehen. Einer von ihnen ruft
dabei unverholen aus: „einen solchen Unsinn hat unser Hippo-
krates nicht niedergeschrieben!" und fügt zur Beschönigung noch
weiter hinzu: „dass es dem aufmerksamen, gebildeten Leser
nicht entgehen werde, dass in diesem Buche viele Sätze einge-
schwärzt sind." Wir würden Dies zur Ehre des wahrhaft gros-
sen und verdienstvollen Mannes gern annehmen, wenn Dem nicht
auch noch manche andere Stellen in dessen Werken, die freilich
zum Theile für unecht gehalten werden, und selbst in diesen,
ohne Zweifel echten Aphorismen entgegen ständen. 8r) Es
scheint uns daher vorzuziehen zu sein, in Betracht des vielen
Guten und Lehrreichen, was er uns hinterlassen hat, über solche
Schwächen mit stillschweigendem Bedauern hinwegzusehen , und
zu bedauern, quandoque bonus dormitat Homerus ! 88)
ßö. Wenn eine Frau im Verlaufe ihrer Schwangerschaft
die monatliche Reinigung behält, so kann die Frucht
unmöglich gesund sein.
87) Omnium animos ex suo aestimat, qui putat fieri non posse, quod
mtelligere non potest. Van Helmont de cur. magn. 9.
88) Einige Naturhistoriker der Neuzeit haben bewunderungswürdige
Behauptungen in dieser Beziehung aufgestellt, welche den Hippokratischen
an die Seite gestellt werden können, wie z. B. die des bekannten Dav.
Strauss, der (Glaubenslehre I, 602) im vollen Ernste lehrt, dass der Mensch,
ohne elterliche Zeugung, „wie ein Bandwurm" entstehen könne.
Selbst Humboldt schüttelt dazu sein weises Haupt und sagt: was mir an
Strauss nicht gefällt, das ist der naturhistorische Leichtsinn, mit dem er in
der Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, ja in der Bil-
dung des Menschen aus chaldäischem Urschlamm keine Schwie-
rigkeit findet.
V. Buch. Aphorism 61, 62. 337
Aus der Fassung und dem Wortlaute dieses Aphorisms
geht schon deutlich hervor, dass hier nicht bloss die ersten
Monate, wo eine solche Erscheinung ebenfalls bedenklich ist,
sondern mehr die Späteren gemeint sind. In diesen Fällen
aber entspricht er vollkommen der Erfahrung, und meistens
endet die Sache mit einer Fehlgeburt. Was dabei von der
richtigen homöopathischen Anwendung unserer hierfür angezeig-
ten Mittel, (Asar., Cham., Cocc, Croc, Ipec, Kali, Lyc, Phosph.,
Rhus, Sabin, und See. com.) erwartet werden darf, das werden
sicher Manche unserer Kollegen mit grosser Befriedigung erfah-
ren haben.
6.1. Wenn bei einer Frau die monatliche Eeinigung aus-
bleibt, ohne Schauder oder Fieber zu bekommen, da-
gegen aber Abscheu vor Speisen sich einstellt, da darf
man annehmen, dass sie schwanger sei.
Die Zeichen der Schwangerschaft sind, zumal in den
ersten Monaten, überhaupt sehr zweideutig und unsicher
und selbst die in dem vorstehenden Aphorism Angegebenen
lassen noch nicht mit apodiktischer Gewissheit darauf schliessen
wenn sie sonst auch gewöhnlich zutreffen.89)
62. Frauen, die eine kalte und harte Gebärmutter haben,
empfangen nicht, so wie auch Diejenigen nicht schwan-
ger werden können, die eine Feuchte haben; denn
der Keim erstickt bei Ihnen. Desgleichen bei Denen,
die eine sehr Trockne und Heisse haben; denn der
Samen verdirbt darin aus Mangel an Nahrung. Bei
Denen aber, welche von diesen Gegensätzen ein gleich-
89) La Motte (Tratte" eompl. d. aecouch.) will die Bemerkung gemacht
haben, dass diejenigen Schwangeren, denen die Füsse anschwellen, meisten-
theils von Erbrechen verschont bleiben.
22
338 v- Buch. Aphorism 63.
massiges Mischungs-Verhältniss besitzen, ist auch die
Fruchtbarkeit vorhanden.
63. Eben so verhält es sich bei den Männern. Denn ent-
weder wird durch das allzu lockere Gewebe des Kör-
pers das Geistige nach Aussen verflüchtigt, so dass
kein Samen ausgetrieben werden kann; oder die Sa-
menfeuchtigkeit kann ihrer dicken Beschaffenheit wegen
nicht herausfliessen •, oder diese wird der Kälte wegen
verhindert, sich am gehörigen Orte anzusammeln;
oder endlich geschieht dasselbe wegen der Hitze.
Man wird uns hoffentlich nicht zumuthen, aus den philo-
sophischen Lehrsätzen des Empedokles, denen offenbar
diese beiden Aphorismen ihren Ursprung verdanken, einen nutz-
losen Kommentar dazu zu schreiben. Ohne irgend dem Wert he
der Philosophie überhaupt die schuldige Achtung zu versagen,
müssen wir doch ihr blosses theoretisches Mitsprechen
über Gegenstände der reinen Erfahrungswissenschaften
mit aller Entschiedenheit ablehnen, und können Ihr in dieser
Hinsicht auch nicht das mindeste Gewicht beilegen. 90) Die
Geschichte der Medizin weiset vollständig genug nach, wohin die
Vernunft für sich allein führt, wenn Sie sich nicht mehr
durch sinnliche Erkenntniss, sondern lediglich durch ihre
selbstgeschaffene Spekulation leiten lässt. 91) Daher denn auch
das beständige Wechseln der Systeme,92) die bald auf che-
90) Die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen gleicht einer
ewig sich häutenden Schlange. Biernatzki.
91) Ea demum est vera philosophia, quae mundi ipsius voces quam
fidelissime reddit, et veluti dictante mundo conscripta est, nee quidquain
de proprio addit, sed tantum iterat et resonat.
Baco, de augm. scient. II.
92) En multipliant la Serie d'annees ecoulees seulement depuis la
lre de la 80e Olympiade jusqu'en 1840, par celle des existences medicales
qui se succederent depuis Hippocrate jusqu' ä nous, Ton obtient un total
de plusieurs millions d'annees d'etude, d'cssais, de discussions; qu'ont-elles
V. Buch. Aphorism 64. 339
mische, bald auf dynamische, bald gar auf transzenden-
tale Ansichten und Grundsätze aufgebaut, und wobei das
einzig Gültige, nämlich die reine Erfahrung, ausser Acht
gelassen wurde, um einer Kunst zu nützen, die nur allein im
Gebiete der Erfahrung ihre sichere Grundlage finden und
daher wohl den Namen einer Reellen, aber nicht den einer
Rationellen verdienen kann.93)
64. Die Milch ist nachtheilig Denen, die an Kopfweh leiden,
den Fiebernden, denen die Hypochondern aufgetrieben
sind und es darin kollert, und den Dürstenden; ferner
Denen, die gallichte Durchfälle haben, die an hitzigen
Fiebern darnieder liegen, und endlich Denen, die einen
starken Blutverlust erlitten haben. Dagegen ist sie
wohlthätig für nicht stark fiebernde Schwindsüchtige,
bei langwierigen und schleichenden Fiebern, wobei
Keines der oben genannten Zeichen vorhanden, der
Kranke aber unverhältnissmässig abgezehrt ist.
Mit wahrer Freude begrüsst man in diesem Aphorism wie-
der reine Erfahrungen aus dem Leben, frei von allen
Erklärungs - Versuchen , und durch ihre einfache Bestimmtheit
ganz des scharfsinnigen Beobachters würdig, welcher Sie uns
aufbewahrt hat. Es wäre in der That für die Wissenschaft weit
nützlicher gewesen, wenn der Altvater solche Goldkörner, die
er auf den Votivtafeln in den Tempeln und in seiner eigenen
Praxis gesammelt, in reichhaltigerer Zahl der Nachwelt ver-
macht, und dafür die im Uebermaass eingeschalteten theore-
rapporte ä la medecine? Une verite par mille erreurs, au plus. Temps
perdu ä rever de presomptueux et d'insenses systemes; temps perdu a les
propager; temps perdu ä les croire et a les eprouver; temps perdu ä les
combattre; temps perdu a les ressusciter sous un autre nom, etc. Oh!
que de temps perdu! Dr. Munaret, Med. d. villes. p. 485.
93) II n'y a pas, que je sache, d'astronomie rationelle, de phy-
sique on de chimie rationelle.
Magnan, l'homoep. p. 50.
22*
340 v- Buch- Aphorism 64.
tisch-philosophischen Anschauungen um so mehr ein-
geschränkt hätte.94) Ohne Zweifel würde dadurch der Klage
über die Kürze des Lebens und die Länge der K unst, wie
er sie im ersten Aphorism ausspricht, am Besten abgeholfen.
sein, sowohl durch eigene That, als durch Beispiel für seine
Schüler und Nachfolger.95)
Was sollen wir aber dazu sagen, wenn die Kommentatoren
auch bei diesem Lehrsatze wieder ihr trübes Talglicht leuchten
lassen und, anstatt die mitgetheilte Erfahrung des Hippokra-
tes noch genauer zu präcisiren, durch Generalisirung Dessel-
ben sie geradezu verfälschen.96) — So sagt Einer von Ihnen,
dass die Milch bei Kopfschmerzen überall schadet, wo Solche
in gastrischen Verdauungsbeschwerden ihren Grund
haben, wogegen wir wissen, dass eben unter Diesen nicht selten
Dergleichen vorkommen , welche für Bry. oder Veratr. passen,
und wobei eben in der Milch ein wirksames Linderungs-
mittel gefunden wird. Auch bei den hitzigen Fieber zu-
ständen ist nicht immer die Milch nachtheilig, und diejenigen
Fälle dieser Art, welche genau auf unser Ha up t-Antiphlo-
gistikum (Acon.) passen, werden dadurch schwerlich jemals
verschlimmert. Dass dagegen die Milch Denjenigen schadet,
welche starke Blutverluste erlitten haben, entspricht nicht
nur auch unserer Erfahrung, sondern stimmt auch vollkommen
94) Der Beobachter soll die Natur nicht anders erklären, als durch
die Natur. Wer aus Hypothesen sie erklären will, betrachtet sie durch
seine Hypothesen, wie> ein Gelbsüchtiger durch seine G-alle die Welt.
Zimmermann üb. d. Erfahr. III, 2.
95) Viele arabische Aerzte, namentlich auch die berühmten Rhazes,
Avicenna, Ali Abbas, Avenzoar u. A. rühmten besonders den Gebrauch
der Milch mit Zucker bei Schwindsüchten und Zehrfiebern. Nur Eselsmilch
war den Sarazenen verboten.
96) Die Scholastiker gleichen einem Blinden, der, um dem Sehen-
den im Zweikampfe gleich zu sein, diesen in ein unterirdisches, dunkeles
Gemach führt. Descartes.
V. Buch. Aphorism 64. 341
tiberein mit unsern Arzneiprüfungen, wonach sowohl das
Hauptmittel für solche Zustände, nämlich die China, als
auch die Meisten von den hierbei in der zweiten Linie stehen-
den Arzneien (Ars., Calc, Carb. veg., Con., Kali, Lach., Lyc,
N. vom., Phosph., Puls., Sep. und Sulph.) von der Milch Ver-
schlimmerung erfahren. Aber selbst hier stossen wir wieder,
wie überall, auf Ausnahmen von der Regel, indem zwei Arz-
neien von Denen, die hierbei nicht selten zur Wahl kommen,
nämlich Ph. ac. und Staph. , und ausserdem noch Cina, Ferr.,
Jod., Merc, Scill. und Veratr., die ebenfalls dabei zuweilen an-
gezeigt sind, recht gut Milch vertragen und von deren Ge-
nuss niemals irgend ein Nachtheil zu befürchten ist.97)
Es versteht sich übrigens von selbst, dass jedesmal die Wahl
der Arznei genau homöopathisch getroffen werden muss,
und wenn man den Vorschriften dieser Schule richtige Folge
leisten will, so muss man alle vorhandenen Symptome zu einem
Krankheitsbilde zusammen fassen und eine Arznei aufsuchen,
welche sowohl dem Einen als dem Andern entspricht, oder min-
destens damit nicht im Widerspruche steht. Nehmen wir also
die, in dem ersten Satze des vorstehenden Aphorisms enthaltenen,
für die Milch feindlichen Zeichen zusammen, so scheiden
sich bis auf die, auf Alles vollständig passende China, alle
übrigen angeführten Arzneien von selbst aus, indem die einzige,
sonst noch am Meisten angezeigte Puls, in dem vorhandenen
Durste eine Gegenindikation finden lässt. So steht die,
aus der Natur selbst geschöpfte Lehre mit den Erschei-
nungen in Derselben in steter Harmonie, und die auf ein
unwandelbares, ewiges Natur- Gesetz aufgebaute Schule erfreut
97) D. Dubernard in Paris, welcher die Quelle der Skrofeln in der
Mutter- und Kuh-Milch gefunden zu haben wähnte, machte der dortigen,
Academie de Medicine den Vorschlag, den kleinen Kindern Fleisch zu geben,
welches die Mütter ihnen vorkauen sollten.
342 v- Buch. Aphorism 64.
sich in allen Fällen einer Sicherheit in ihrer Behandlung der
Krankheiten, welche eben so sehr zum Wohle des Kranken, als
zur Beruhigung des ärztlichen Gewissens gereicht. 98)
Dass übrigens die Milch an und für sich ein durchaus
gesundes und völlig unschädliches Nahrungsmittel ist, lässt
sich schon mit Sicherheit daraus schliessen, dass Sie von der
Vorsehung zur ersten Nahrung des neugeborenen Erden-
bürgers bestimmt und angewiesen ist.99) Wenn daher die
Milch Kindern oder Erwachsenen übel bekommt, so verhält
es sich damit, wie mit sehr vielen andern, sonst ebenfalls un-
schädlichen Nahrungsmitteln, indem alsdann der Organis-
mus unter der Herrschaft einer akuten oder chronischen
Krankheit steht, welche eine solche Art von Idiosynkrasie
hervorgebracht hat. Eine Ausnahme davon macht die Milch
von ungesunden Müttern oder Thieren, oder Solche, die
durch Genuss schädlicher Dinge, oder durch Gemüthsbewegung
u. dergl. arzneilich oder giftig geworden ist. Daher mag es
auch kommen, dass sich die Milch der mit unschädlicher
Nahrung gefütterten und dabei phlegmatischen Kühe und
Esel stets weit zuträglicher für Kranke erweist, als die von
Ziegen, welche nicht nur manche, für den Menschen sehr arz-
neiliche und giftige Vegetabilien fressen, sondern auch
leicht zu Aerger und Zorn gereizt werden, und in beiden
98) Praestat natura voce doceri, quam ingenio suo sapere.
Cicero.
Der erfahrene Dr.' Jeannet de Longrois empfahl den Lungensüchtigen
vor Allem den häufigen Genuss der Milch, und versichert, damit viele
lungensüchtige Personen gerettet zu haben, indem er hinzufügt, dass die
Arzneien, welche uns die Apotheken bieten, dazu nicht genügen.
99) Milch ist die erste Speise des Kindes, und auch sonst dem Men-
schen die heilsamste. A. v. Haller, Physiologie § 947.
Guido Patinus (epist. ad Sponium 15) behauptet, dass Kinder, welche
ohne Brey, bloss mit Milch aufgefüttert würden, niemals von den Blattern
befallen würden, und verwirft daher alle derartige Fütterungsarten.
V. Buch. Aphorism 64. 343
Fällen eine unbedingt nachtheilige Milch geben, die selbst nicht
immer durch Abkochung völlig unschädlich gemacht werden
kann.100)
Noch möge es uns erlaubt sein, hier mit einem Worte zu
erwähnen, dass wir in der Milch -Diät ein vorzügliches Mittel
gefunden haben, um Trunkenbolde von ihrer verderblichen,
aber stets schwer auszulöschenden Leidenschaft zu befreien.
Nachdem nämlich durch einige kleine Gaben Mohnsaft die
Haupt-Beschwerden der Säufer-Krankheit vorab be-
seitigt sind, bringt der, beharrlich fortgesetzte Genuss der
Milch, sowohl als Speise, wie als Getränk, täglich mehr-
mals gebraucht, in kurzer Zeit einen entschiedenen Widerwillen
gegen alle geistigen Getränke, besonders gegen Brannt-
100) Schon Dr. Jeannet de Longrois (in seiner Abhandhing über die
Lungensucht) sagt: „Man kann die Milch der Thiere nach Wohlgefallen
arzneilich machen. Der ganze Handgriff besteht darin, dass man sie mit
den Kräutern füttert, deren Kräfte man sucht."
Eine sehr lehrreiche Abhandlung über die Milch findet sich in dem
ersten Theile der Materia medica von Cullen, übersetzt von Hahnemann,
von Seite 335 bis 390, wobei die Anmerkungen des Uebersetzers einen
schätzbaren Beitrag liefern.
Die Milch enthält alle Ernährungssubstrate, enthält dieselben in rela-
tiven Mengen, deren Zweckmässigkeit für die Ernährung nicht scharf zu
erweisen, aber vom teleologischen Standpunkte aus so einleuchtend ist, dass
man ohne Weiteres die Proportionen der Milchbestandtheile als die Normal-
mischung der Nährstoffe betrachtet; sie enthält endlich diese Stoffe in der
geeignetsten Form für die Einwirkung der Verdauungsmittel und für die
Resorption. Auf gleicher Stufe mit der Milch stehen die Flüssigkeiten des
Eies als Nahrungsmittel, und zwar aus denselben Gründen.
0. Funke, Lehrb. der Physiol. I, S. 2 47.
A Paris, M. Damoiseau a fonde , d' apres l'invitation de plusieurs me-
decins, un etablissement ou il soumet k des frictions mercurielles et k
l'ingestion du calomel ou du sublime, des anesses et des chevres dont le
lait est ensuite porte k domicile. Mr. A. Lebreton, l'un des accoucheurs
les plus distingues de la capitale, a eu surtout de frequentes occasions de
traiter de cette maniere des enfants ou des femmes debiles qui ne pouvaient
supporter le mercure sous aucune forme.
Trousseau et Pidoux I, p. 204.
344 v- Buch« Aphorism 65, 66, 67.
wein hervor, wodurch es schon bei halbem guten Willen dem
Säufer leicht wird, sich vor jedem Rückfalle in sein altes Laster
zu schützen. Diese, so viel wir wissen, bisher unbekannte Ei-
genschaft der Milch ist begreiflich von grossem Werthe und
verdient ohne Zweifel, als ein schätzbarer Fund der Homöo-
pathie, in weiteren Kreisen bekannt und in Anwendung gebracht
zu werden. Wer Näheres und Ausführlicheres darüber wünscht,
findet dies in der trefflichen „Allgemeinen homöopathischen
Zeitung" unter der Redaktion des Dr. V. Meyer, Band 60,
Seite 171 unter der Rubrik : „Ueber die Philoposie!"
65. Diejenigen, bei denen die Geschwüre mit deutlicher
Geschwulst verbunden sind, werden dadurch vor Kräm-
pfen und Geistesstörungen geschützt. Verschwindet
diese Geschwulst aber plötzlich, so erfolgen, wenn die
Geschwüre sich Hinten befinden, Konvulsionen und
Starrkrämpfe, wenn aber Vorne, Verstandesverwirrung,
heftiges Seitenstechen, innere Vereiterungen, oder Durch-
fall, wenn die Anschwellungen roth waren.
66. Es ist ein sehr böses Zeichen, wenn bei grossen und
gefährlichen Wunden sich keine Geschwulst ein-
stellen will.
67. Die weiche Geschwulst ist gut, die Eohe und Harte
aber böse.
Diese drei Aphorismen (65, 66 und 67) gehören ihrem
Wesen nach zusammen, obwohl der Erste von Geschwüren,
— (nicht wie Einige im Widerspruche mit des Hippokrates
imdrjfucov to tvqcötov II, 3 und mit Celsus II, 7 hier „Verwun-
dungen" übersetzen) — und der Folgende von Wunden han-
delt. Bei Beiden ist gleichmässig eine weiche, die Eiterung
befördernde Geschwulst ein gutes Zeichen, wie Solches auch
von der Erfahrung vollkommen bestätigt wird. Eben so ist es
V. Buch. Aphorism 67. 345
bei Beiden ein ungünstiges Zeichen, sowohl wenn eine bereits
vorhandene Geschwulst schnell verschwindet, als auch
wenn gar Keine entsteht. Wo aber eine Solche vorhanden ist,
da zeigt die Harte meistens einen hohen Grad von Entzün-
dung an, welche (am Gewöhnlichsten durch Ars., Beil., Hep.,
Lach., Merc, Puls. , oder Sil., je nach den Umständen) vorab
beseitigt werden muss, um eine gehörige Eiterbildung zu ge-
statten. Der in der erforderlichen Menge abgesonderte und sei-
ner Beschaffenheit nach gesunde Eiter ist alsdann die zu-
träglichste Salbe für alle Geschwüre, und so wie die
Homöopathie zahlreiche Mittel besitzt, um den schlechten
Eiter in einen Guten umzuwandeln, so will sie auch, sobald
dieser Zweck erreicht ist, von dem öfteren angeblichen Reini-
gen solcher Geschwüre nichts wissen, indem dadurch Nichts ge-
wonnen und im Gegentheile die Heilung nur verzögert wird.
Eine gänzlich mangelnde Geschwulst an verletzten
Theilen deutet gewöhnlich auf Mangel an Lebens- und Reak-
tions -Kraft, und muss demgemäss, zuvörderst ohne besondere
Rücksichtsnahme auf den beschädigten Theil, behandelt werden,
wozu in sehr vielen Fällen Ars., Camph., Carb. veg., Com, Laur.,
Op., Ph. ac. und Sulph. die erspriesslichsten Dienste leisten,
wenn sie genau homöopathisch, d. h. der Gesammtheit der
übrigen Krankheits-Symptome entsprechend gewählt und in mög-
lichst feinen Gaben angewendet werden. Durch dasselbe Ver-
fahren, vermittelst blosser innerer Mittel, gelingt es ebenfalls
meistens, eine verschwundene Geschwulst wieder herzu-
stellen, namentlich durch Ars., Calc, Creos., Hep., Lach., Lyc,
Merc, Sep. und Sil., was wohl schwerlich jemals durch äussere
Mittel möglich sein dürfte, weil die Ursache nicht in den
verletzten Theilen, sondern lediglich im inneren Organismus
liegt. Was aber überhaupt durch blosse innere Mittel bei
äusseren Beschädigungen, wie z. B. durch Arn. bei Quetschun-
gen, durch Ars. bei Verbrennungen, durch Symph. bei
346 v- Buch. Aphorism 68.
Knochenbrüchen u. s. w. geleistet werden kann, Das ist be-
reits in weiteren Kreisen bekannt, als manches Andere, dessen
die Homöopathie sich rühmen darf. x)
68. Dem, der an Kopfschmerzen im Hinterhaupte leidet,
ist ein Aderlass an der geraden Stif nader nützlich. 2)
Hier kann wohl nur eine vorübergehende Linderung
derjenigen Schmerzen im Hinterkopfe gemeint sein, welche
von Blutdrang zum Kopfe verursacht werden und die am
Gewöhnlichsten durch unsere Acon., Ap. m., Beil., Bor., Ignat.,
Mezer., Mosch., N. vom., Petr., Sep., Sil., Staph., oder Sulph.
dauerhaft geheilt werden. Für alle andern nervösen, rheu-
matischen oder sonstigen Hinterhauptschmerzen der
verschiedensten Art, die innerhalb des Wirkungskreises vieler
andern Mittel liegen, und namentlich oft auf Alum., Ambr., Carb.
an., Carb. veg., Chel., Colch., Magn. mur. , Mezer., Natr. carb.,
Nitr., Sabin., Seneg., Thuj., Zinc. und Andere hinweisen, kann
ein solcher Aderlass an der Stirne oder sonst irgendwo kaum
jemals selbst auch nur eine kurzdauernde Besänftigung her-
vorbringen und wird in vielen Fällen das Uebel nur steigern.
Niemals aber und unter keiner Bedingung wird eine Blutent-
ziehung eine gründliche und dauerhafte Hülfe gegen dieses
Leiden verschaffen können, wo es nur als ein einzelnes Symp-
1) Noch heutiges Tages steht die sogenannte „Mumie" der Araber, das
Pissasphaltum des Plinius , hei den orientalischen Aerzten zur schnellen
Heilung von Knochenbrüchen aller Art in grösstem Ansehen. Bei der
noch geringen Zahl unserer dazu dienenden Mittel dürfte Dieses der Prü-
fung werth sein, wie es uns in der That auch schon treffliche Dienste ge-
leistet hat.
2) Diese und andere Bestimmungen über die Wahl der Adern, die ge-
öffnet werden sollen, beruhen auf der Augiologie des Polybius, welche
Hippokrates adoptirt haben musste.
V. Buch. Aphorism 69, 70. 347
lom einer Krankheit betrachtet werden darf, und ein derartiger
Versuch, Heilung zu bringen, verdient erst recht den Namen:
symptomatisches Kuriren!, womit die Allopathie uns so
freigebig beschenkt. 3)
69. Der Starrfrost entspringt bei den Frauen ans den
Lenden und steigt durch den Rücken zum Kopfe her-
auf. Eben so beginnt er bei den Männern mehr in
den hintern, als in den vorderen Theilen des Körpers,
wie in den (hintern) Schenkeln und an den Ellnbogen.
Dies kömmt von der grösseren Lockerheit der Haut
(an der vorderen Seite), welche durch den Haar-
wuchs angezeigt wird.
Wir wollen zu diesem Aphorism weder für die Berichtigung
der Leseart eines im Urtexte offenbar vorhandenen , mit einer
Parallelstelle in desselben Autors gnetö^furav xo enrov (III, 15)
im Widerspruche stehenden Schreibfehlers, noch für die Beleuch-
tung seines Inhalts, den ein Kommentator ziemlich treffend ein
„Phantasiestückchen" genannt hat, unnütze Worte verlie-
ren, und überlassen ihn gerne den wahren hippokratischen Aerz-
ten zur Uebung ihres Scharfsinns, wenn sie nicht blindlings in
verba magistri schwören wollen.4)
70. Die am viertägigen W^echselfieber Leidenden bleiben
meistens von Krämpfen verschont. Waren Diese aber
3) Ein öfterer Aderlass befördert mächtig die Anlage zur Vollblütig-
keit. Cullen, pract. of phys. II, 167.
,,Tu forte nil scies (de judicio ex urina ferendo)" — sagt Petrarca de
caut. med. — „Die, quod habet obstruetionem in hepate. Dicet: non Do-
mine, imo dolet in capite. Tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate. Et
specialiter utere hoc nomine obstruetio, quia non intelligent, quid significat,
et multum expedit, ut non intelligatur locutio ab illis." — Dergleichen
medizinische Kautelen sind heutiges Tages noch mindestens eben so häufig
im Gebrauche, als zu den Zeiten Petrarca's.
4) Mich dünkt, Plato würde, wenn er noch lebte, sein ßQOzoi cpQEvccg
348 v- B"ch. Aphorism 70.
früher schon damit behaftet, so werden sie davon be-
freit, sobald sich bei Ihnen ein viertägiges Wechsel-
fieber einstellt.
Es konnte nicht fehlen, dass unserm aufmerksamen und
scharfsinnigen Beobachter der gewöhnlichen Vorgänge in der
Natur die Erfahrung auffallen musste, dass zweierlei Krank-
heiten von verschiedener Beschaffenheit zu gleicher
Zeit im Organismus nicht bestehen können.5) Diese höchst
wichtige Wahrheit bildet nun aber die erste Grundlage, wor-
auf die ganze Lehre der Homöopathie aufgebaut, die aber durch
weitere Versuche, Beobachtungen und Erfahrungen noch genauer
präcisirt ist. Die Letzteren haben nämlich überall nachgewies-
sen, dass nur ähnliche Krankheiten sich einander voll-
ständigaufheben und auslöschen, während Unähnliche hin-
gegen nur vorübergehend einander unterdrücken, sodass
unter der Herrschaft der Stärkeren die Schwächere
gleichsam bloss schlummert, aber nach der freiwilligen oder
künstlichen Beseitigung der Ersten als eine ungeheilt
noch Vorhandene wieder erwacht. Daher mag es auch wohl
kommen, dass Hippokrates im vorstehenden Aphorism nicht
überhaupt von dauerhafter Heilung der Krämpfe durch
mXt6av ccvvoi- auf manche Abhandlung und manchen Lehrsatz der alten
und neuen Philosophen (und Physiologen) schreiben.
Schlosser, Anna, zu Plato's Briefen, S. 195.
5) Ueber die Ausschliessung oder Immunität der Tuberkulose durch
Krebs, Herzkrankheiten, Lungenemphysem, Kropf, Rückgratsverkrümmun-
gen, Leberleiden u. s. w'. S. Richter, Grundriss der inneren Klinik, S. 276
und 287. — „Ich habe bereits" — sagt Dr. Ramadge, die Lungenschwind-
sucht heilbar, S. 54 — ,,oben gesagt, dass Menschen, welche an asthma-
tischen, catarrhalischen oder Herzkrankheiten leiden, ausser aller Gefahr
sind, in Lungenschwindsucht zu verfallen. Ich könnte auch noch alle Die-
jenigen dazu zählen , die von convulsivischen Krankheiten , als Hysterie,
Epilepsie, mit einem Worte von solchen Uebeln befallen sind, bei denen
man häufig eine fortgesetzte und gewaltsame Zurückhaltung des Athems
bemerkt." — (Ob der motivirende Scliluss richtig ist, bezweifeln wir!)
V. Buch. Aphorism 71. 349
Quartanfieber spricht, sondern eigentlich mehr von einem Aus-
bleiben der Anfälle, ohne sich mit Bestimmtheit darüber zu
äussern, ob nicht vielleicht eine Wiederkehr des Uebels zu
befürchten steht, nachdem das Fieber aufgehört hat. Ein solcher
glücklicher Erfolg würde, im Einklänge mit unsern Grundsätzen
und unseren Erfahrungen in diesen Fällen nur dann zu erwarten
sein, wenn das viertägige, oder auch jedes andere Wechsel-
fieber zu Denjenigen gehörte, welche ähnliche Krampfan-
fälle unter ihre begleitenden Symptome zählen, wie Das unter
Andern hauptsächlich bei denjenigen Fiebern vorkommt, welche
vermöge ihrer sonstigen begleitenden Beschwerden auf Ant. crud.,
Arn., Ars., Beil., Calc, Caust., Chin., Cina., Cocc, Cupr., Hyosc,
Ignat., Lach., N. vom., Bhus, Sep. , Stann., Sulph., oder Veratr.
hinweisen. Wo hingegen gar keine eigentlichen krampfhaften
Ercheinungen in der Wirkungsfähigkeit einer Arznei
liegen, da ist auch nach einem unwandelbaren und durch tausend-
fältige Thatsachen bestätigten Naturgesetze keine wahre Hei-
lung derselben möglich. Wenn mithin die Epileptischen
von einer Art von Quartanfieber befallen werden , welches ein
Mittel verlangt, das keine eigentlichen Krämpfe unter seinen
Zeichen besitzt, so können und werden Diese allerdings für eine
gewisse Zeit zurücktreten, später aber unausbleiblich sich
wieder in der früheren Weise einstellen. So und nicht
anders, darf nach unserer, auf zahlreiche Erfahrungen gerade in
diesen beiden Krankheitsformen begründeten Ueberzeugung die-
ser Aphorism verstanden werden, der in derselben Weise auch
noch auf viele andere, durch Krankheiten entweder geheilte oder
nur zeitweise unterdrückte Beschwerden verschiedener Art An-
wendung findet.
71. Diejenigen, welche eine straffe, dürre und harte Haut
haben , sterben ohne Schweiss ; Diejenigen hingegen,
deren Haut schlaff und locker ist, sterben unter
Schweissen.
350 v- Buch. Aphorism 72.
Im Allgemeinen ist dies wohl richtig. Doch erscheint bei
den Erstgenannten in der Todesstunde oft ein ziemlich bedeuten-
der Schvveiss , der dann aber meistens einen eigenthümlichen,
sehr unangenehmen Geruch verbreitet.
72. Gelbsüchtige leiden selten an Blähungsbeschwerden.
Dieser letzte Lehrsatz dieses Buches, welches neben vielem
Wahren und Lehrreichen auch manches Halbwahre, Zwei-
felhafte und Irrige enthält, erleidet wieder in der Wirklich-
keit zahlreiche Ausnahmen, bei Denen wir uns nicht aufhalten
wollen, weil sie für die Wissenschaft von geringer Erheblichkeit
sind. Wir begnügen uns daher, nur im Allgemeinen auf die-
jenigen Arten von Gelbsucht hinzuweisen, welche auf Carb.
veg., Cham., Chin., Ignat., Lyc, N. vom. und Plumb. passen,
und bei Denen allerdings nicht selten Blähungsbeschwerden in
erheblicher Menge vorhanden sind.
VI. Buch.6)
1. Wenn bei langwierigen unverdauten Durchfällen sich
ein saures Aufstossen einstellt, was früher nicht vor-
handen war: so ist Dieses ein günstiges Zeichen.
Dieser Aphorism scheint aus des Hippokrates ETtiS^fjuav to
dsvtEQov. II, 2 geschöpft zu sein, wo wir (in der Grimm-Lilien-
hainschen Uebersetzung , S. 223) folgende merkwürdige Stelle
lesen: „In langwierigen Ruhren ist ein vorher noch nicht be-
merktes saure s Aufstossen, wie beim Demänetes, ein gutes
Zeichen. Vielleicht lässt es sich auch durch die
Kunst herbeiführen." Wenn man dabei bedenkt, dass fast
alle Heilmittel, welche sich bei der Lienterie am Meisten be-
währt haben, auch saures Aufstossen unter ihre Symptome
zählen, und Hippokrates selbst ein künstliches Hervorbrin-
gen Desselben für wünschenswerth hält: wie nahe hatte ihn
seine Erfahrung dann bereits an die Erkenn tniss der Homöo-
pathie gebracht! Freilich stimmt damit nicht überein, was er
zur Erläuterung aus der damaligen Theorie hinzufügt; aber
6) Einige Gelehrte zweifeln an der Echtheit und der Autorschaft des
Hippokrates dieses und der heiden letzten Bücher der Aphorismen, und
schliessen dies hauptsächlich aus dem „verfehlten, hippokratischen Ionis-
mus" und der überhaupt verfehlten eigenthümlichen Sprache unsers Autors.
352 ^1. Buch- Aphorism 2.
dies thut mindestens der Erfahrung und Beobachtung kei-
nen Abbruch, welche Ihn zu jenem Ausspruche bewogen haben.7)
Hätte er also unsere Asar., Bry., Chin., Ferr., Phosph. und
Sulph. ac. nach ihren Wirkungen gekannt, so würde er sie an-
gewendet und den Erfolg als Bestätigung seiner Vermu-
thung, vielleicht auch seiner theoretischen Ansichten mit-
getheilt, dagegen die von Einigen empfohlene Salzsäure un-
wirksam befunden haben, weil zu ihren Symptomen weder die
eigentliche Lienterie, noch auch das saure Aufstossen
gehört. 8)
2. Ein anhaltender natürlicher Fliessschnupfen,9) so wie
Schweiss an den Geschlechtstheilen bezeichnen eine
minder feste Gesundheit, als das Entgegengesetzte.
Es scheint als eine ziemlich allgemein gültige Regel anzu-
nehmen zu sein, dass jederlei Art von dauernden, allzu
flüssigen Ausleerungen , wie die der Nase, aber auch des
Stuhlganges, insbesondere der zu viele Schweiss, eine mehr
oder weniger schwächliche Konstitution andeuten. Wenn
auch bei einigen fieb erartigen Krankheiten und Entzün-
dungen, wie z. B. bei Gehirnentzündungen, das wieder
Feuchtwerden der vorher trockenen Nase, ja selbst ein
7) Die Verdienste des Hippokrates um die leidende Menschheit wurden
(nach Plinius VII, 37) in dem Maasse von den Griechen anerkannt, dass
sie ihm gleiche Ehren,' als dem Hercules, zuerkannten.
8) Unter Cholera sicca (auch morbus ructuosus Hippocratis genannt)
verstanden die Alten das unaufhörliche, heftige Luft-Aufstossen oder die
Eülps-Sucht, mithin ganz etwas Anderes, als viele Neuere.
9) Der, von den älteren Aerzten scharf bestimmte Unterschied zwischen
Fliessschnupfen (Coryza) und Stock-Schnupfen (G-ravedo) wird
heutiges Tages, selbst von Homöopathen, vielfach verwechselt oder unbe-
achtet gelassen, und für den Einen, wie für den Andern, häutig nur das
doppeldeutige Wort „Schnupfen" gebraucht.
VI. Buch. Aphorism 2. 353
eintretender Fliess schnupfen, ein sehr erwünschtes Zeichen
abgiebt: so ist Dieses doch nicht der Fall, wenn Solcher habi-
tuell fortdauert. Ebenso verhält es sich mit den habituellen
flüssigen Stuhlausleerungen, und Wer sich aufmerksam in
seinen Umgebungen umsieht, Der wird finden, dass durchgängig
Personen mit etwas hartem und zögerndem Stuhle einer
dauerhafteren Gesundheit sich erfreuen, als die Weich-
leibigen. 10)
Wenn wir in Bezug auf das zweite, die Geschlechts-
t heile betreffende Symptom von der Uebersetzung aller andern
Autoren abweichen: so haben wir zur Rechtfertigung nur anzu-
führen, dass einestheils das Maass für die Flüssigkeit des
Samens, wie schon Einer angemerkt hat, ungemein unbestimmt
und kaum zu bemessen ist, und dass anderntheils der gelehrte
Foesius (Oecon. Hipp. pag. 140 ad vocem Fovtj), aus vielen
Stellen des Hippokrates und andern griechischen Autoren nach-
gewiesen hat, dass unter diesem, hier gebrauchten Worte häufiger
die Geschlechtstheile überhaupt, als der männliche
Samen verstanden werde. Damit stimmt nun auch vollkommen
überein, was (1. c. pag. 630 und 631) zu den Wörtern vyQaßirj
und vyQov gesagt ist. Aber noch mehr dürfte für unsere An-
sicht sprechen, dass der habituelle Seh weiss der Genitalien
durchgängig eine geschwächte und angegriffene Gesund-
heit anzeigt, welche sich mancher Jüngling und manches
Mädchen schon frühzeitig durch die bekannten heimlichen
Sünden zugezogen hat. Indessen haben wir nicht die An-
massung, unsere Meinung irgend aufdringen, oder, so wichtigen
Autoritäten gegenüber, als die Richtigste aufstellen zu wollen,
sondern begnügen uns damit, dieselbe wenigstens einigermaassen
10) Sed purgationes quoque, ut interdum necessariae sunt, sie, ubi
frequentes sunt, periculum afferunt. Assuescit enim non ali corpus , cum
omuibus morbis obnoxia masime infirmitas sit. Celsus I, 3.
23
354 VL Buch- Aphorism 3, 4.
begründet und der Beurtheilung der medizinischen Philo-
logen zur beliebigen Kenntnissnahme vorgelegt zu haben.
Wir verweisen hierbei übrigens noch auf die Glosse zum
Aphorism IV, 38, und übergehen mit Stillschweigen die Wider-
sprüche in den Uebersetzungen und Erklärungen des Schlusses
des eben in Rede stehenden Aphoriras, die wohl durch die Un-
sicherheit der Vordersätze veranlasst sind.
Es ist böse, wenn bei langwierigen ßuhren Abscheu
gegen Speisen, und noch böser, wenn gleichzeitig da-
mit auch Fieber sich einstellt.
Dass allerdings das Zusammentreten zweier so bedenk-
lichen Symptome ein böses Zeichen abgiebt, versteht sich
von selbst, deutet auf eine grosse Angegriffenheit der Verdau-
ungsorgane, und muss natürlich die Kräfte des Kranken in
kurzer Zeit ungemein erschöpfen. In solchen Fällen wird in-
dessen von Ant. crud., Ars., Chin., N. mosch., Phosph., oder
Puls., je nach den sonstigen Neben zeichen, noch Viel zu er-
warten sein. 1X) — Wir bemerken hier noch, dass beim Hippo-
krates unter Ruhr nicht immer Dasjenige gemeint ist, was wir
im engeren Sinne darunter verstehen, sondern auch Durch-
fälle ohne Tenesmus.
4. Die in ihrem Umfange glänzend glatten Geschwüre
sind bösartig.
Einige Uebersetzer und Kommentatoren erblicken in diesen
Geschwüren allerlei Arten von Solchen, die aus einer Dyskrasie
11 J Dies erinnert an die von J. P. Frank (de cur. hom. morb. epi-
tome L. V,) erzählte Thatsache von der Heilung einer heftigen Diarrhöe
bei einem 40jährigen Manne vermittelst eines drastischen Purgirmittels.
VI. Buch. Aphorism 4. 355
der Säfte entstanden sind, und warnen dabei aufs Dringendste
gegen jeden Versuch, sie bloss äusserlich zu behandeln. Sie
rathen demgemäss zu den Antimonial-Präparaten, zum
Quecksilber und zu den flaschehreichen Haupt-Repräsen-
tanten der Allopathie, nämlich zum Zittmann'schen
De kokte.12) Wenn wir auch in Bezug auf eine Verde rb-
niss der Säfte, als Ursache, aber nicht bloss dieser, sondern
aller freiwilligen Geschwüre mit unserer bejahrten und er-
fahrenen Schwester vollkommen übereinstimmen: so sehen wir
doch in der obigen, freilich allzu kurzen Andeutung haupt-
sächlich nur die sogenannten Furunkeln beschrieben, die fast
jedesmal bösartiger Natur, an einigen Stellen, z. B. im
Nacken, oft lebensgefährlich sind. Die Warnung, Der-
gleichen nicht äusserlich zu behandeln, scheint indessen nicht
eindringlich genug gegeben zu sein, denn sie wird selten befolgt.
Erst kommen gewöhnlich allerlei Umschläge und Kataplas-
men, und dann sehr bald, noch ehe der Eiter gebildet ist, das
Messer zum Aufschneiden; aber zur Verbesserung der dys-
kratischen Säfte geschieht meistens Nichts. Bei solchem
Verfahren kann es kaum fehlen, dass das Uebel wächst und
endlich eine gefahrvolle Höhe erreicht. 13)
12) Das Zittmannsche Dekokt scheint eine (angeblich) verbesserte
Nachahmung des vor 200 Jahren üblichen Guajac-Dekokts zu sein, wovon
ebenfalls ein stärkeres und ein schwächeres Präparat, jedes zu 16 Pfund,
angefertigt wurde, und welches die venerischen Patienten „Bier-Glas-weise"
verzehren mussten, wie man heutiges Tages das Hoff sehe Malzextrakt ver-
zehrt. Es hatte nur den Vorzug, dass es viel einfacher war, als Jenes,
und dass es sonst durchaus keine andere arzneiliche Zusätze enthielt.
13) Freke (Essay or the Art of Healing) war der Erste, welcher sich
dem Gebrauche ätzender und fressender Mittel bei schwammigen Geschwü-
ren widersetzte, und warme Umschläge zur Beförderung der Ausdünstung
der leidenden Theile vorschlug. Er bemerkte, dass durch erschlaffende
Mittel die schwieligen Ränder am Besten gehoben würden Viele neuere
Aerzte haben dieser gelinden Behandlungsart Beifall gegeben, und sich be-
müht, solche zum Wohle des menschlichen Geschlechts allgemeiner einzu-
führen. (Vergl. Cläre über Eitergeschwüre.)
356 VI> Buch. Aphorism 5.
Die Beb an dlungsw eise der Homöopathie ist davon
ganz abweichend und offenbar mehr der Krankheit angemes-
sen, weil sie der Sache auf den Grund geht, zunächst ihr Au-
genmerk auf die Verbesserung der Säfte richtet und mit
dieser das bösartige Geschwür in ein Gutartiges umwan-
delt. Bei den kleinen, aber oft sehr schmerzhaften Furun-
keln reicht man oft mit Arn. aus, dem man dann gern eine
kleine Gabe Sulph. nachfolgen lässt, um die Wiederkehr zu ver-
hüten. Die Grossen, oft mehrere Oeffnungen Werfen-
den verlangen gewöhnlich entweder Hep., Lyc, oder Nitr. ac,
die Brennenden Ars., die Dunkel blaurothen Lach., die
Scharlachrothen Ap. inel., oder Beil., u. s. w. Jede äussere
Behandlung mit arzneilichen Salben und Pflastern ist dabei
nicht nur völlig unnütz, sondern dient nur dazu, die äusse-
ren Rennzeichen für die Wahl der Mittel, wie so eben bei-
spielsweise angegeben ist, zu verdunkeln. Bei solchem Ver-
fahren ist der Verlauf jedesmal schnell und gefahrlos,
und nicht zu befürchten, dass diese, wenn auch sonst nicht
lebensgefährliche, aber doch äusserst lästige Beschwerde, sich
lange Zeit fortschleppt. — Wir wollen hierbei nur mit einem
Worte fragen, wer rationeller verfährt, die Allopathie
oder die Homöopathie?14)
5. Die Unterschiede bei den Schmerzen in den Seiten,
in der Brust und in anderen Theilen müssen genau
erforscht werden.
Dieser Aphorism legt ein deutliches Zeugniss dafür ab, dass
14) Ob wohl die, neuerdings in Berlin erfundene Bekleidung der Füsse
der Schaafe mit Gummischuhen, dieselben vor der bösartigen Klauen-
seuche schützen wird? An Heilung der bereits davon Angesteckten wird
dabei wohl nicht zu denken sein, wie es dem Homöopathen (in diesem
Jahre mit Ars.) so leicht gelungen ist.
VI. Buch. Aphorism 5. 357
schon Hippokrates die Notwendigkeit des Spezialisiren s
der Schmerzen und Empfindungen vollkommen einsah. Einige
Kommentatoren wollen dies bloss auf die Zeit der Exacerba-
tion beziehen; Andere verstehen darunter im Allgemeinen
diejenigen Schmerzen, welche entzündlicher, krampfhafter,
rheumatischer, oder dergleichen Art sind; noch Andere un-
terscheiden mehr nach den Stellen, wo sie vorkommen und
wohin sie sich verbreiten. 15) Von allen solchen Beschränkungen
ist im Aphorism selbst Nichts zu lesen, welcher überhaupt von
Unterschieden im Allgemeinen spricht, ohne die Einen
oder die Andern auszuschliessen, und es scheint sich daher von
Selbst zu verstehen, dass Keine der Art ausgeschlossen sein
soll. Ein derartiges Verallgemeinern aber, nach oft unver-
ständlichen Bezeichnungen, wie die oben Angedeuteten, oder
Uebersehen der äusseren Bedingungen für Verschlimme-
rung oder Besserung, würde sicher nicht in dem Maasse
haben einreissen können, wie es bis zur heutigen Stunde üblich
ist, wenn man das Spezielle und Bestimmte in dieser Be-
ziehung zur richtigen Wahl der Arznei zu verwenden gewusst
hätte.16) Aus diesem Grunde vorzüglich scheint man das un-
bebaute und daher unfruchtbare Feld der Erfahrung
verlassen und sich einem Andern zugewendet zu haben, wo das
15) „So wenig der Anatom" — sagt der gelehrte Virchow, — „ohne
andere Untersuchungsmittel, als die seine Disziplin bietet, im Stande wäre,
die verschiedenen Sinnesorgane als die spezifischen Sitze der sinnlichen
Einwirkungen zu demonstriren, so wenig vermag der pathologische Anatom
eine grosse Reihe krankhafter Einwirkungen zu lokalisiren, wenn sie auch
durchaus lokal sind. Die Lokalisation der Krankheit ist nur zum Theil
auf anatomischem Wege zu ergründen. Die Nervenpathologie ist der ana-
tomischen Untersuchung am wenigsten zugänglich."
16) Wenn der Arzt auch genau nachgeforscht und von dem Patienten
erfahren hat, ob der Schmerz drückend, fressend, klopfend, kneipend, reis-
send, schneidend, stechend, spannend, zuckend, oder wie sonst noch em-
pfunden wird: so kann er doch vermittelst seines Contraria Contrariis keine
Anwendung davon machen, weil es von allen diesen, so wie von sämmtlichen
Schmerz-Empfindungen kein wahres und eigentliches Contrarium giebt.
358 VI- Buch. Aphorism 5.
Individuelle beinahe ganz ausgeschlossen ist, wo man
jeden Baum kurzweg einen Baum, jedes Kraut ein Kraut
und jeden Stein einen Stein nennt, ohne sich im Mindesten
um die Unterschiede zu bekümmern, welche Jedes von allen
den vielen Vorkommenden kennzeichnen und individualisiren. So
gewiss aber jede Baum- und jede Kraut-Gattung von der
Andern verschieden ist, eben so gewiss ist dies auch der
Fall mit den Krankheiten der Menschen, und so wie unter
derselben Gattung verschiedene Arten und Spielarten vor-
kommen, so, und wohl noch häufiger, kommen auch unter den-
selben Krankheits-Gattungen ebenfalls eine grosse Menge
von Unterarten vor, die selbst bei gleichförmig scheinen-
den Epidemien kein Generalisiren gestatten. Diese Wichtigkeit
und Unerlässlichkeit des Individualisirens bei der homöo-
pathischen Heilmethode hat sich immer mehr herausge-
stellt, je mehr man durch Prüfung der Arzneien am Gesun-
den und durch Anwendung Derselben beim Kranken zur
Ueberzeugung gelangte, dass es nicht zwei Arzneien giebl,
deren Wirkung in allen Hinsichten ganz gleichförmig,
und dass die unendliche Mannigfaltigkeit der Krankheits-
zeichen mindestens eben so gross ist, als die Zahl der ermit-
telten Arznei-Symptome.17) Die Verwerthung dieser
Ergebnisse der Erfahrung zum Heile der leidenden Mensch-
heit ist daher immer mehr die Hauptaufgabe der Homöopathie
geworden. Sie geht dabei gewissermaassen systematisch zu
Werke, um nach allen Bichtungen hin ihre Symptome vollstän-
dig festzustellen und nirgends eine Lücke offen zu lassen, worin
17) Was soll man also dazu sagen, wenn ein genauer Beobachter, wie
Hufeland (Kleine mediz. Schriften II, S. 83) aus eigener (?) Erfahrung ver-
sichert: „Die Hauptkraft dieses Mittels (der Nux voraica) ist die narko-
tische; es nimmt eben so schnell Schmerzen und Krämpfe weg, als Opium
und die besten anderen Narkotika, und besonders bei Krämpfen des Darm-
kanals scheint es dieselben noch zu übertreffen."
VI. Buch. Aphorism 5. 359
sich ein Zweifel verbergen könnte. Zu dem Ende erforscht sie
zuvörderst bei jedem Einzelnen Derselben mit möglichster Ge-
nauigkeit das Organ oder den Körpertheil, dann die Art
der daran wahrzunehmenden Schmerzen oder Empfindun-
gen, mit Einschluss der äusseren Erscheinungen, darauf die
Zeit, die Lage, das Verhalten und sämmtliche Umstände,
welche auf V e r s c h 1 i m m e r u n g oder B e s s e r u n g dieses Symp-
toms irgend Einfluss haben. Sind nun alle die verschiedenen
Symptome, welche die Gesammtheit des vollständigen Krank-
heitsbildes ausmachen, in solcher Weise erforscht und scharf
individualisirt, so folgt die Wahl des Heilmittels eben so
durch Vergleichung jeder einzelnen Besonderheit mit den Ergeb-
nissen der Arzneipräfungen, woraus sich dann ergiebt,
welches Heilmittel das Passendste und Hülfreichste sein muss.18)
18) „Bei jedem neuen Kranken" — sagt Hufeland in seinen kleinen
mediz. Schriften II, S. 147 — „ist das Examen die Hauptsache, -wobei
ich mich gern etwas lange verweile, ■ — weil ich weiss, dass nichts wich-
tiger aber auch nichts schwerer ist, als in diesem Theile der praktischen
Kunst eine Fertigkeit zu erhalten. — Wer das Fragen in der Medizin ver-
steht, der wird klug." — — Für den Homöopathen ist dieses Examen
doppelt wichtig, weil er solches nach den Erfordernissen der therapeutischen
Mittelwahl unmittelbar anstellen kann.
In der Anmerkung zum § 119. des Organons lesen wir: — „Wer die
so sonderbar verschiedenen Wirkungen jeder einzelnen Substanz von denen
jeder Anderen auf das menschliche Befinden genau kennt und zu würdigen
versteht, der sieht auch leicht ein, dass es unter ihnen, in arzneilicher
Hinsicht, durchaus keine gleichbedeutenden Mittel, keine Surrogate geben
kann. Bloss wer die verschiedenen Arzneien nach ihren reinen, positiven
Wirkungen nicht kennt, kann so thö'richt sein, uns weissmachen zu wollen,
eins könne statt des andern dienen und eben so gut, als jenes, in gleicher
Krankheit helfen." — Daraus folgt unmittelbar, was daselbst im § 264
steht: — „Der wahre Heilkünstler muss die vollkräftigsten, echtesten
Arzneien in seiner Hand haben, wenn er sich auf ihre Heilkraft will ver-
lassen können; er muss sie selbst nach ihrer Echtheit kennen." — Und
im § 265.: — „Es ist Gewissenssache für ihn, in jedem Falle un-
trüglich überzeugt zu sein, dass der Kranke jederzeit die rechte Arznei
einnehme." — Aus diesen ernsten Aussprüchen des Stifters der Homöo-
pathie lassen sich mehrere eben so ernste Folgerungen ziehen, sowohl in
Beziehung auf die Freiheit der Wissenschaft, als in der des Gewissens der
Aerzte.
360 VI- Buch. Aphorism 5.
Mit gleicher Sorgfalt und Umsicht hat man früher nie-
mals bei der Behandlung eines Kranken verfahren, und man darf
mit Entschiedenheit behaupten, dass der hier in Rede stehende
hippokratische Aphorism niemals in solcher Wichtig-
keit erkannt und mit solcher Vollständigkeit befolgt ist,
wie eben bei der Homöopathie.19) Man muss freilich zugeben,
dass dieser Weg lang und mühsam ist; aber man wird auch
dafür nicht in Abrede stellen und durch keine Thatsache be-
weisen können, dass es einen Kürzeren und Bequemeren
giebt, der eben so sicher zum Ziele führt. Was gilt aber der
grössere Aufwand von Zeit und Mühe, wenn es sich um Gesund-
heit und Leben eines Menschen handelt? — Indessen wird auch
dieser Weg, der dem Anfänger unabsehbar lang erscheint,
durch fortschreitend genauere Bekanntschaft mit dem Genius
der einzelnen Arzneien und durch die allmählig erlangte Uebung,
das Wichtige von dem Unerheblichen zu trennen, unbe-
schadet der Sicherheit, immer mehr und bedeutender abge-
kürzt, und der routinirte Homöopath erlangt allmälig
darin eine Leichtigkeit und Fertigkeit, die er anfangs für
unmöglich halten musste. Selten oder nie wird aber der Kennt-
nissreichste und Geüb testebei allen vorkommenden Krank-
heiten mit seinem auch noch so treuen Gedächtnisse allein
ausreichen, sondern er wird öfterer oder seltener in den Fall
kommen, wo er, um sicher zu gehen, sich genöthigt sehen wird,
19) Nach 25 Jahren gilt heute überall noch, was' Jahr (A. H. Zeitung
X, 50) von Belgien sagte: — „Was der Homöopathie hier noch viel Scha-
den droht, das sind die schlechten Aerzte, die, ohne gehörige Kenntniss
irgend einer Methode, von der allopathischen Pfuscherei zur Homöopathi-
schen übergegangen sind; die bald Blutegel setzen, hald Aconit reichen,
ohne zu wissen, warum; die sich nie die Mühe nehmen, ein Krank-
heitsbild aufzuzeichnen, und Mittel verordnen, ohne je einen Blick in die
reine Arzneimittellehre gethan zu haben, und die endlich in der Grösse
der Gabe suchen, was sich nur in der richtigen Wahl der Mittel finden
VI. Buch. Aphorism 6. 361
zu den Arzneiprüfungen selbst seine Zuflucht zu nehmen
und sich darin Raths zu erholen.20)
Bei alten Leuten ist die Heilung der Nieren- und
Blasenübel schwierig.
Dem Umstände, dass diese Erfahrung sich von jeher und
zu allen Zeiten bestätigt hat, mag wohl die Hauptursache beizu-
messen sein, dass die allopathische Literatur eben über
diesen Gegenstand so ungemein reich vertreten ist, und dass
wir dessenungeachtet in Bezug auf die Heilung dieser Krank-
heiten noch ziemlich auf demselben Flecke stehen, worauf un-
sere Vorfahren standen. Hippokrates sagt (otk^pcov xo 7t(jcotov.
VI, 84), dass er nach dem fünfzigsten Lebensjahre nie-
mals eine Heilung dieser Krankheit gesehen habe, und es
scheint, dass dies auch heute noch der Fall ist, wenn man unter
Heilung nicht bloss die vorübergehende Beseitigung der
20) Was hier nur in den allgemeinsten Umrissen gesagt werden konnte,
findet sich etwas ausführlicher, aher bei Weitem noch nicht erschöpfend
dargestellt in einem Aufsatze des Herausgebers, welcher zuerst in franzö-
sischer Sprache in dem November-Hefte von 1859 des in Brüssel erschei-
nenden „Homoeopathe beige" unter der Rubrik: ,, Quelques considerations
sur le valeur caracteristique des symptomes" erschien, und worin der alte
theologisch-scholastische Vers: „Quis? quid? Ubi? quibus ausiliis? cur?
quomodo? quando?'' zum Anhaltspunkte genommen wurde. Der gelehrte
Redakteur der Allgem. Hom. Zeitung hat diesen Aufsatz in deutscher
Sprache in No. 10 bis 13 des 60. Bandes dieser Zeitschrift aufgenommen,
so wie Solches auch andere englische und italienische Journale, und selbst
der Verfasser des Guide du medecin (F. Perrussel) gethan haben. Wir
dürfen daher annehmen, dass er dem Wesen der homöopathischen Heillehre
entspricht. — Der obige Spruch muss schon die Aufmerksamkeit Hahne-
manns erregt haben und ihm bekannt gewesen sein, weil er in einem Schrei-
ben an Hufeland (s. dessen Journal, Bd. VI, Heft 2, Jahrg. 1801) über
die Kraft kleiner Gaben sagt: „Die Frage ist aber immer noch zu weit,
und bloss durch das Ubi, quomodo, quando , quibus ausiliis wird sie be-
stimmter und beantwortbarer."
362 VI. Buch. Aphorism 6.
augenblicklich drohenden Beschwerden, sondern auch die dauer-
hafte Verhinderung der Wiederkehr versteht. Nicht ganz
so trost- und hoffnungslos sieht es bei der Homöopathie aus,
obwohl ein vorgerücktes Alter selbst wegen der vermin-
derten Energie der natürlichen Reaktion der Lebenskraft
dabei ein bedeutendes Hinderniss abgiebt, welches am Meisten
bei Personen vorkommt, die entweder eine sitzende Lebens-
weiseführen, oder sich früher geschlechtlichen Ausschwei-
fungen hingegeben haben. Eine Hauptschwierigkeit in der Be-
handlung solcher. Kranken liegt in der fast allzu grossen Zahl
der hier zur Wahl sich darbietenden Arzneien, welche sich nicht
auf die Vorzüglichsten (Acon., Ap. mel., Arn., Ars., Beil., Calc,
Camph., Canth., Dulc, Ferr., Hell., Hep., Hyosc, Lyc, Merc,
N. vom., Op., Ph. ac, Puls., Sassap., Still., Sil., Sulph., Thuj.,
Valer. und Veratr.) beschränken lässt, sondern oft noch die An-
wendung einiger Andern erfordert, so wie ausserdem noch in
dem Umstände, dass selten dabei eine hinreichende Anzahl von
Nebenbeschwerden zu ermitteln ist, um die Wahl des Pas-
sendsten zu sichern. Daher ist und bleibt für die Homöopathie
die Heilung solcher Leiden, besonders bei alten Leuten, die
meistens dabei wenig Geduld und Ausdauer besitzen, sicherlich
immer eine der schwierigsten Aufgaben.
Wir mögen diese Glosse nicht schliessen, ohne mit einem
Worte auf die nicht selten erheblichen Gefahren aufmerk-
sam zu machen, denen sich Derjenige aussetzt, welcher entwe-
der freiwillig oder durch Umstände gezwungen den Harn zu
lange aufhält, und nicht schnell genug den Drang dazu be-
friedigt. Wenn man auf die regelmässige Stuhlausleerung
ein grösseres Gewicht legt, als sie eigentlich wohl verdient, so
ist es doppelt unerklärbar, wie man so häufig der rechtzeitigen
Harnentleerung, die meistens viel wichtiger ist, wenig oder
gar keine Aufmerksamkeit schenkt. Und doch ist es sicher,
dass eine Stuhlverstopfung, selbst von mehren Tagen, in den
VI. Buch. Aphorism 7. 363
meisten Fällen bei Weitem nicht so gefährlich ist, als eine Harn-
verhalt u n g von nur wenigen Stunden , oder wie eine U n b e -
friedigung eines heftigen Harndrangs für eine noch kürzere
Zeit. So wie der erfahrene Arzt jederzeit auf diesen Gegen-
stand ein grosses Gewicht legen wird, so würde auch eine
zweckmässige Belehrung und Warnung hierüber für Laien in
den diätetischen Lebensregeln für Gesunde und Kranke eine vor-
zügliche Stelle verdienen.21)
Die Schmerzen im Unter leibe sind gelinder, wenn sie
im Oberbauche, als wenn sie im Unterbauche ihren
Sitz haben.
Abermals sehen wir uns veranlasst, hier von den übrigen
Uebersetzungen abzuweichen, können aber für unsere Ansicht
nur Dasjenige anführen, was Foesius (Oecon. Hipp, ad voc.
{.lerscoQov und (istswqcc, pag. 410) zu diesen Ausdrücken anführt,
ohne jedoch dabei ein besonderes Gewicht auf die, ebenfalls an
dieser Stelle angezogene Meinung des Galenus zu legen, die sich
mit den andern Stellen nicht recht zusammenreimen lässt. Am
Meisten wird aber der Sinn des Aphorisms selbst, wie wir ihn
gegeben, für uns sprechen, indem in der That die heftigsten
Schmerzen im Unterleibe überhaupt um und unter der
Nabel gegend ihren Sitz zu haben pflegen. Uebrigens scheint
dieser Lehrsatz von so unerheblicher Wichtigkeit, dass es kaum
der Mühe verlohnt, sich weitläufig darüber auszulassen, indem
er nicht den mindesten Anhalt für die Praxis gewährt, und die
grössere oder geringere Heftigkeit der Schmerzen wohl schwer-
lich jemals hinreichend sein dürfte, für sich allein über die an-
gegriffenen Organe des Unterleibes eine zuverlässigere Aufklärung
zu geben, als manche andere Zeichen , die weniger Zweifel zu-
21) Non mictum retine. Schol. Salernit. Cap. I.
364 VL Buch- Aphorism 8.
lassen. Ueberdem ist hier nicht von verschiedenen Graden von
Gefährlichkeit, die von Anderen mit hineingezogen werden, die
Rede, und selbst wenn Dies gewissermaassen ein Hintergedanken
unseres Hippokrates gewesen sein sollte, so würde wenigstens
der Aphorism II, 35 mit unserer Ansicht durchaus im Einklänge
stehen.
Bei Wassersüchtigen kommen die am Körper aufge-
brochenen Geschwüre nicht leicht zur Heilung.
Diese vollkommen erfahrungsmässige Erscheinung ist eine
unmittelbare Folge der sehr herabgesunkenen Lebensthä-
tigkeit des Hautorgans, womit auch die Wassersucht in der
unmittelbarsten Verbindung steht. Demzufolge verbietet in sol-
chen Krankheiten in der augenfälligsten Weise die Natur selbst
alle Skarrifikationen und sonstigen mechanischen Aus-
leerungen des daselbst angesammelten Wassers, weil dadurch
ganz nutzlos dem ersten Uebel ein Zweites hinzugefügt wird.
So bald durch die richtige Arznei die innere Krankheit ge-
hoben und die Haut zu ihrer natürlichen Funktion wieder
befähigt ist, verschwindet das Oedem von selbst. Dagegen wird
es jedesmal von Neuem erzeugt , wenn es bloss durch solche
äusserliche Manipulationen momentan entfernt wurde.
Für solche Geschwüre bei Wassersüchtigen stehen
der Homöopathie einige Mittel zu Gebote, welche, nach den be-
gleitenden Zeichen richtig angewendet, von ungemeiner und oft
wirklich überraschender Wirkung sind. Die Vorzüglicbsten darun-
ter dürften Folgende sein: Ars., Graph., Hell., Lyc, Merc, Rhus,
Scill. und Sulph. Unter diesen hat sich bei Oedem der Unter-
schenkel, mit stetem profusen Auslaufen von Wasser aus
geschwürigen Stellen^ die aber keinen Eiter bilden
wollen, Keins so häufig und so heilkräftig bewährt, als unsere
Rhus Toxicodendron in den kleinsten Gaben, welches pölychres-
VI. Buch. Aphorism 9. 365
tische Heilmittel oft in wenigen Tagen, mit grosser Abnahme
aller übrigen krankhalten Erscheinungen und mit deutlich wie-
derkehrender Thätigkeit der Haut, den Ausfluss be-
seitigt und den ganzen Zustand derartig gestaltet, dass nun
Lyc. die Heilung ganz, oder mindestens grösstenteils vollenden
kann. Wir erwähnen Dies hier noch besonders, weil bisher von
dieser Anwendung der genannten beiden Arzneien für solche
böse Fälle noch Wenig verlautet hat, wollen uns aber hiermit
ausdrücklich vor der Annahme verwahren, als wenn diese Mittel
in allen Fällen der Art angezeigt wären.
Flach ausgebreitete Pusteln jucken nicht sehr heftig.
Obgleich sich in den Schriften des Hippokrates (emSy^mv
xo tvqütov. VI, 2) eine Stelle findet, woraus man schliessen darf,
dass dieser Lehrsatz nicht eben wieder als ein „Phantasie-
stückchen" anzusehen ist: so giebt uns doch Galenus in sei-
nem Kommentar hierzu Aufschluss darüber , wie der Altvater
einen Einzelfall generalisirt hat, weil er mit der herr-
schenden Anschauungsweise der damaligen Zeit in trefflicher
Uebereinstimmung stand. Dieser belehrt uns nämlich, dass
die spitz erhabenen Pusteln grössere Hitze einschliessen, als die
flach Ausgebreiteten, welche überdem die Wärme leichter aus-
strömen lassen, und aus diesem Grunde weniger jucken!22) Ob
die hipp okrati sehen Aerzte unserer Zeit diesen Lehrsatz,
sammt des Galenus Erklärung , beifällig unterschreiben werden,
bezweifeln wir.
22) Was ist natürlicher, als dass der Kranke denkt: wenn die Allo-
pathie die Weisheit auswendig und die Thorheit inwendig hatte, es werde
mit der Homöopathie vielleicht umgekehrt sein.
Dr. Mises, Schutzm. f. d. Cholera S. 111.
366 VI. Buch. Aphorism 10, 11.
10. Wenn einem an heftigen Kopfschmerzen Leidenden
. Eiter, Wasser oder Blut aus der Nase, aus dem Munde,
oder aus den Ohren läuft, so werden die Schmerzen
dadurch gehoben.
Hier ist offenbar derjenige, oft wahrhaft fürchterliche Schmerz
gemeint, der von einem A bscesse oder Geschwüre in irgend
einem Theile des Kopfes herrührt, und nach dessen Aufbruch
und Ab flu ss seines Inhalts, wie bei jedem andern Geschwüre,
heseitigt wird. Solche Zufalle, welche die Homöopathie mit
ziemlicher Sicherheit aus der Art und dem Verhalten der Schmer-
zen zu erkennen im Stande ist, sind stets gefährlich, wenn sie
nicht ihren Sitz an einer Stelle haben, welche dem Abflüsse
günstig ist. Glücklicher Weise erfolgt dieser Letztere meistens
aus dem Ohre, weniger häufig aus der Nase, und am Selten-
sten aus dem Munde, und die Heilung findet dann gewöhnlich
keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Selten aber wird eine
stets vorhergehende Entzündung zeitig genug erkannt, um die
Bildung eines solchen Geschwürs noch verhindern zu können.
11. Es ist gut, wenn sich bei Melancholischen, oder an
Nierenbeschwerden Leidenden ein After- Aderfluss ein-
stellt.
Eine Besserung tritt unter solchen Umständen allerdings
sehr bald und gewöhnlich in beträchtlichem Maasse ein ; aber
eine wahre und dauerhafte Heilung darf schwerlich davon
erwartet werden. Am Wenigsten wird Dies der Fall sein bei
Nierenschmerzen, worauf die After-Blutungen selten einen
grossen und anhaltenden Einfluss haben, und die oft mit andern
Kreuz- und Rückenschmerzen verwechselt werden, die dann
freilich eher dadurch Linderung erfahren.
VI. Buch. Aphorisml2. 367
12. Wenn bei Heilung langwieriger Blutungen der After-
Aclerknoten nicht wenigstens Einer davon am Fliessen
erhalten wird, so ist Wassersucht oder Auszehrung
zu befürchten. 23)
Wir müssen aufrichtig gestehen, dass unser Verstand nicht
weit genug reicht, um zu begreifen, wie es in der Willkühr des
Arztes liegen kann, die fliessenden goldenen Adern bis
auf Eine oder Andere zum Versiegen zu bringen. Wir sind
vielmehr der Meinung, dass ein solches Kunststück zu den
Zeiten des Hippokrates eben so wenig mit einiger Zuverlässig-
keit ausführbar gewesen ist , wie zu der Unsrigen. Auch unter
den, heutiges Tages bei der Allopathie am Meisten zur Anwen-
dung kommenden Mitteln (Eisen, Galläpfel, Eichenrinde, Schaaf-
garbe, Kino, Ratanhia, Schwefel, Alaun, Zink, Blei, Terpentin u. a.),
finden wir Keins, das eine solche Annahme rechtfertigen könnte.
Wenn daher, wie die Erfahrung Solches bestätigt, eine blosse
Unterdrückung eines vorhandenen, zumal chronischen
Afteraderflusses zu den gefährlichen, später sich fast jedes-
mal rächenden Experienten gehört, und ein theilweiser
Abfluss unausführbar ist: so können wir nicht einsehen,
wie von diesem Aphorism bei der Allopathie eine nützliche
Anwendung gemacht werden kann.
Bei der Homöopathie verhält sich die Sache etwas anders.
Hier gilt ein solcher Blutfluss nur für ein einzelnes Symp-
tom in dem Krankheitsbilde des damit Behafteten, welches kei-
neswegs für sich allein behandelt und beseitigt werden kann und
darf, sondern nur einen beachtenswerthen Bestandtheil der
Gesammtzeichen ausmacht, die Alle der zu reichenden Arznei
23) Dies steht scheinbar im Widerspruch mit einer Stelle in dem, dem
Hippokrates zugeschriebenen Buche: 7t£QL alfiOQQOiScDV, worin es heisst :
„Du darfst, aber keinen Hämorrhoidalknoten ungebrannt lassen, sondern Du
musst Alle brennen,"
3ßg VI. Buch. Aphorism 13.
entsprechen müssen. Daher ist dann auch die Wahl nicht bloss
auf einige, diesem Zustande vorzüglich entsprechende Arz-
neien (Amin, carb., Caps., Ferr., Kali, Phosph.; Ph. ac, Puls.,
Sabin., Sep., oder Sulph,) beschränkt, sondern es treten noch
mindestens doppelt so viele Andere hinzu, die den Nebenbe-
schwerden mehr entsprechen und daher den Vorzug verdie-
nen können. Wenn aber in Gemässheit dieser Letzteren das
genau und vollständig homöopathisch angemessene Mittel
angewendet wird, dann sind weder die im vorstehenden Apho-
rism angedrohten, noch andere böse Folgen zu befürchten,
und der Leidende wird ohne alle Gefahr für Gesundheit und
Leben von dem fraglichen, mindestens lästigen, wenn auch an
sich nicht gefährlichen Uebel befreit werden dürfen, ohne dass
dabei der Blutabgang theilweise erhalten wird.
Unserem Ermessen nach besteht ein unendlicher Unter-
schied zwischen dem Kuriren eines einzelnen Symptoms
und zwischen dem Kuriren der Gesammtheit aller vorhan-
denen Symptome zu einem Krankheitsbilde vereinigt, und wenn
man Einem von den Beiden den Namen: symptomatisches
Kuriren! beilegen will, so kann es nicht zweifelhaft sein, dass
diese verhöhnende Bezeichnung nur dein Ersten gebührt.
13. Wenn Jemand von Schluchzen geplagt wird, so wird
er davon befreit, so bald sich Niessen einstellt.
Ueber die heilsame Wirkung des Niessens haben wir
bereits Einiges in den Aphorismen V, 35 und 49 gelesen und
glossirt. Nach dem Gegenwärtigen beseitigt es, wie auch die
Erfahrung lehrt, das Schluchzen, aber sicher nicht in allen
Fällen. Die Semiotik stellt nämlich verschiedene Arten von
Schluchzen auf, wovon die gewöhnlich Vorkommenden unbe-
denklich, Andere aber gefährlich, und noch Andere gar
VI. Buch. Aphorism 14. 369
tödtlich sind. Bei dem zur zweiten Kategorie Gehörenden und
bei einigen Entzündungs-, gastrischen, Faul- und Wechsel-
Fiebern sich Einstellenden wird das Niessen, wenn man es
auch künstlich zu erregen im Stande ist, wenig Hülfe bringen,
noch auch die Gefahr beseitigen. Aber noch weniger wird
dieser Erfolg zu erzielen sein bei gefährlichen Verwundungen,
besonders am Kopfe, bei bösartigem Erbrechen, bei Ver-
giftungen, nach starken Sä fteverlu sten , bei eingeklemmten
Brüchen u. dergl. mehr. Es wird daher keinem, weder allo-
pathischen noch homöopathischen Arzte auch nur einen Augen-
blick einfallen, unter solchen Umständen zu einem Mittel zu
greifen, welches im günstigsten Falle nur ein einzelnes Symp-
tom beschwichtigen kann, die Krankheit selbst aber völlig un-
berührt lässt , und überdem möglicher Weise die Sache noch
verschlimmern kann. So weiss man ja aus der Geschichte der
Pest, dass bei einigen solchen Epidemieen das Niessen den
nahen Tod anzeigte, und dass sich unser bekanntes: Gott hei f!
eben daher schreiben soll. Uebrigens giebt es eine solche Menge
von Haus- und Volks-Mitteln gegen das gewöhnliche, un-
gefährliche Schluchzen, dass dieser Beitrag dazu von geringer
Erheblichkeit ist.
14. Wenn bei einem Wassersüchtigen das Wasser aus den
Adern in den Bauch zusammenfliesst , so wird die
Krankheit gehoben.
Dieser Aphorism scheint nicht recht deutlich, und ist daher
verschieden aufgefasst und erläutert. Die meisten Kommentato-
ren sind der Ansicht, dass die freiwillige Abführung des Was-
sers durch die ersten Wege gemeint sei, was dann freilich eine
Beseitigung der Krankheit zur unmittelbaren Folge haben würde.
Dabei soll dann natürlich bloss von der Bauchwassersucht
die Bede sein, nicht aber von der Hautwassersucht. Bei
24
37() VI. Buch. Aphorism 15.
Andern hingegen soll hier bloss die Hautwassersucht ge-
meint sein, die sich dadurch löset, dass sich das Wasser in der
Bauchhöhle ansammelt und dafür die übrigen Theile ver-
lässt. Diese letztere Ansicht scheint uns am Meisten unterstützt
zu werden durch einige andere Stellen in den Schriften des
Hippokrates, namentlich in : tzeqI %qi6icov und ncoaKal nQoyvcoahg
III. Aus diesem Grunde glauben wir uns der letzteren Meinung
anschliessen zu dürfen, ohne indessen gegen die Erstere Wider-
spruch erheben zu wollen. Wir überlassen heutiges Tages solche
Krankheiten niemals mehr der Natur und dem Zufalle, der öfte-
rer zum bösen, als zum guten Ausgange führt.24)
15. Wenn zu einem anhaltenden Durchfalle ein freiwilli-
ges Erbrechen hinzutritt, so wird Jenes dadurch ge-
hoben.
Ungeachtet der Bestätigung, welche wir an mehreren Stellen
der hippokratischen Schriften, so wie im Kommentar des Galenus
und im Celsus (II, 8) zu diesem Lehrsatze finden, so ist er
doch nur theil weise wahr und in der Erfahrung begründet.
Wenn der Durchfall nämlich in einer Magenverderbniss,
oder in einer Schwäche des Darm k anal s seinen Grund hat,
so geschieht es nicht selten, dass durch Hinzutritt eines frei-
willigen oder auch künstlichen Erbrechens die Krankheit ge-
hoben wird, indem dadurch wieder mehr Ton und Thä tigkeit
in die Verdauungs-Organe gebracht wird. Dagegen giebt
es aber auch viele, -besonders chronische Durchfälle, welche
durch Hinzutritt von Erbrechen in hohem Grade verschlim-
24) Nie, nie war es uns möglieh, jene freiwilligen Bestrebungen des
Organisms durch ein künstliches Mittel zu erzwingen (schon in der Sache
liegt der Widerspruch), nie war es auch des Schöpfers Wille, dass wir es
thun sollten. — Bloss die reine Chirurgie folgte bisher zum Tbeile diesem
weisen Winke. Hahncmann. Heilk. d. Erfahr., S. 5,
VI. Buch. Aphorism 15. 371
niert werden, indem im Gegentheile dadurch ein weiteres Um-
sichgreifen der Unterleib s-Rrank hei t angezeigt wird, welches
dann oft zu bedeutend ist, um durch Erbrechen beseitigt und in
seinen Fortschritten gehemmt werden zu können. In diesen
letzten Fällen ist deshalb das Erbrechen jederzeit ein sehr
böses Zeichen und es ist dann die höchste Zeit, von denje-
nigen Mitteln (Ant. crud., Ant. tart., Ap. mell., Arg., Ars., Asar.,
Bor., Cham., Cupr., Ipec, Merc, Phosph., Seneg., Sulph., Sulpb.
ac, oder Veratr.), die diesem Zustande am Vollständigsten ent-
sprechen, die schleimigste Anwendung zu machen, je nachdem
nicht nur die Eigenthümlichkeit der Ausleerungen nach Oben
und nach Unten, sondern auch die begleitenden Beschwer-
den Dieses oder Jenes homöopathisch am Vollständigsten an-
zeigen. Denn in beiderlei Beziehungen kommen dabei grosse
Verschiedenheiten vor, welche die genaueste Beachtung verdienen,
und wobei ins Besondere die Renntniss sowohl der Beschaffen-
heit, als auch der Aufeinanderfolge der ausgeleerten
Stoffe25) gewöhnlich am Meisten zu Seiner richtigen Mittelwahl
beitragen können. Die Homöopathie, welche auch hier, wie
überall , wo es sich um die Kenntniss ihrer Arzneien handelt,
das Spezielle und Charakteristische ins Auge fasst, besitzt
in dieser Beziehung einen äusserst werthvollen Schatz der be-
währtesten Erfahrungen, welche der Allopathie in dieser Weise
gänzlich mangeln, und wird daher nicht leicht in Verlegenheit
und noch weniger in Versuchung kommen, auf gut Glück
25) Die Aufeinanderfolge der verschiedenen, besonders durch Er-
brechen ausgeleerten Stoffe gehört zu Denen, worüber noch weitere Beob-
achtungen zu machen sind. Wir kennen das Erbrechen von Speisen und
Getränken, so wie Solches von Galle, Schleim, Wasser u. dergl. Aber
wenn erst das Eine eintritt, und gleich darauf das Andere folgt, so ist
diese Reihefolge fast immer charakteristisch und bei der Mittelwahl wohl
zu beachten; und wir müssen mit Bedauern gestehen, dass uns dabei un-
sere R. A.-M.-Lehre noch oft im Stiche lässt.
24*
372 VI- Buch- Aphorism 16, 17.
Dieses oder Jenes zu probiren, um es zum Schaden des
Kranken bald wieder mit einem Andern zu vertauschen.
16. Es ist' böse, wenn sieb bei einem vom Seitenstiche,
oder von einer Lungenentzündung Befallenen Durch-
fall einstellt.
Ein in der Erfahrung häufig sich bestätigender Lehrsatz,
dessen Erklärung wir aber gerne Dem überlassen, der Alles meint
erklären zu müssen und zu können. Nur Das dürfen wir kurz
beifügen, dass unter solchen Nebenerscheinungen die
Krankheit leicht eben so einen gefährlichen nervösen Charak-
ter annimmt, wie nach Aderlässen oder sonstigen Säfleverlusten,
welche Schwächung zur Folge haben.
17. Es ist gut, wenn Jemand, der an Augenentzündung
leidet, Durchfall bekömmt.
Dieser , aus den koi'schen Vorhersehungen (II , 133) ent-
nommene und von Celsns (II, 8) wiederholte Aphorism kann
sich nur auf einzelne wenige Beobachtungen stützen, wo ledig-
lich eine vorübergehende Besserung des Augenleidens,
schwerlich aber eine dauerhafte und gründliche Heilung
Desselben davon die Folge gewesen, wenn das Uebel selbst seiner
Natur nach nicht bald vorübergehend war. Auch die Behaup-
tung einiger neueren Aerzle über die Ophthalmia neonato-
rum, welche ohne gleichzeitige Abführmittel neben den
Augeu-Salben und Wässern nicht zu heilen sei, wird, we-
nigstens in unserer Praxis, durch Tausende von Fällen
widerlegt. Der fremdartige Beiz im Darmkanal, welchen
der Durchfall bedingt, kann und wird wohl einigermaassen
beschwichtigend auf die Heftigkeit der Entzündung wirken:
VI. Buch. Aphorfem 17. 373
aber sobald Jener aufhört, muss Diese uuthwendiger Weise wie-
der ihr Haupt erheben, weil das Naturgesetz der Aehnlich-
keit nicht zutrifft, und daher das Eine das Andere nicht aus-
löschen kann. Daher darf höchstens nur in einigen akuten
Fällen ein günstiger Erfolg davon erwartet werden, wo sowohl
die Entzündung, als der Durchfall, eine beschränkte Dauer haben.
Bei Chronischen, wie wohl die Meisten sind, wird aber das
Uebel dadurch sicher niemals gründlich geheilt, und wir
sehen täglich, wie namentlich viele Kinder mit psorischer
Grundlage, ohne Anwendung der homöopathisch richtig ausge-
wählten Mittel, monatelang an beiden Besch wer den gleich-
zeitig leiden, und die am Ende nicht selten eine Höhe errei-
chen, die entweder mit dem Verluste eines oder beider Augen,
oder mit einem lebensgefährlichen TJnterleibsleid en endigen,
um nun weiter in eine andere Form der ungeheilt gebliebenen
proteusartigen chronischen Krankheit überzugehen. Nach
einem ewigen und unwandelbaren Na turgesetze, welches
Hahneinann entdeckt und seitdem aller Orten in Milliarden
von Krankheiten der verschiedensten Art seine ausnahmslose
Bestätigung gefunden hat, kann nur eine ähnliche natür-
liche oder künstliche Krankheit eine jede andere be-
reits Vorhandene heilkräftig aufheben;26) aber Unähnliche
können das nicht, und wenn man bei solchen Vorgängen auch
Anfangs die besten Hoffnungen hegen zu dürfen glaubte, so er-
wies sich doch hinterher jedesmal, dass man sich getäuscht
26) Eine spezielle Therapie zu vollenden für irgend ein Krank-
heitsgenuss ist so unmöglich, wie alle Menschen aller Zeiten zu beschrei-
ben; weil die Bedingungen der Erkrankungen sich mit der Zeit ändern.
Dessenungeachtet muss eine jede Therapie, welche den Namen einer ratio-
nellen verdienen soll, auch für alle zukünftigen, noch nicht be-
kannten Fälle gerüstet dastehen, was nur eine naturgesetzlich be-
gründete allgemeine Pathologie und Therapie, wie die Homöopathie sie be-
sitzt, zu ermöglichen vermag.
Dr. v. Grauvogl, d. hom. Aehnl.-Gesetz § 72,
374 VI- Buch- Aphorism 18.
hatte.27) — Eine solche, weit reichende, vielfach verkannte, keck
geleugnete, aber doch unumstössliche Wahrheit kann nicht
oft genug wiederholt werden.28)
18. Es ist tödtlich, wenn die Harnblase, das Gehirn, das
Herz, 29) das Zwerchfell, einer der dünnen Därme, der
Magen , oder die Leber stark gequetscht oder durch-
schnitten sind.
In den koi'schen Vorhersehungen (III) werden zu diesen
tödtlichen Verletzungen auch noch hinzugezählt: die des
Rückenmarks und der grossen Blutgefässe, und nach
den Vorhersehungen (II, 19) diese Letztem dann am Meisten,
wenn sie die Hals- und Schenkel-Arterien betreffen. Zu-
gleich wird aber an der letzten Stelle hinzugefügt, dass diese
27) Parti culares autem et proprias analogias non prudentis est inqui-
rere. — Non omnia agunt in omnia, sed certa in certa soluin, quae ana-
loga dicuntur. Fracastorius de Contag. I, 8.
28) „Erfindungen von solcher Wichtigkeit1' — sagt W. Menzel Lit.
Bl. May 1830 — ,, sollten in unseren aufgeklärten Zeiten nicht mehr dem
Falle ausgesetzt sein, durch den Egoismus einiger alten medizinischen Chor-
führer der Nation gleichsam aus den Händen gespielt zu werden."
Merkwürdig ist, dass selbst in der „Kinesith erapie" des Schweden
P. H. Ling, einer medizinischen Gymnastik, Operationen vorkommen, welche
deutlich dem Simile der Homöopathie entsprechen. So räth er z. B. gegen
Schwindel eine wirbelartige Bewegung des Kopfes, gegen Kopfkon-
gestionen einen Druck auf die Jugularvenen, gegen heisse Hände und
Füsse das Reiben dieser Theile, gegen Geschwulst dieser Letztern Liga-
turen oberhalb der Geschwulst, gegen Hämoptoe Perkussion der Brust
u. s. w.
„Werft Vorurtheile zur Thüre hinaus," — sagte unser gekrönter Phi-
losoph, Friedrich der Grosse — „sie kommen wieder zum Fenster hinein."
29) Die Meinung vieler Philosophen und Aerzte des Alterthurns, dass
das Herz der Sitz der Lebenskraft und der Seele sei, hat sich bis heute
im Sprachgebrauch erhalten, wonach nicht nur gute und böse Leidenschaf-
ten damit in Verbindung genannt werden, sondern auch Uebel der nächsten
Umgebung, welche mit dem Herzen Nichts gemein haben.
VI. Buch. Aphorism 10, 20. 375
Alle nicht eben absolut tödtlich, aber doch äusserst gefährlich
sind, — eine Beschränkung, welche durch die Erfahrung be-
stätigt wird. Das davatädeg des Hippokrates wird übrigens in
dessen Schriften und besonders auch in den Aphorismen oft für :
äusserst gefährlich, oder meistens tödtlich gebraucht;
aber wir halten uns nicht für befugt, uns willkührlich so weit
von dem Urtexte zu entfernen.
19. Wenn ein Knochen, eine Knorpel, eine Sehne, die
dünne Haut der Wange, oder die Vorhaut durch-
schnitten ist, so ersetzt sich weder die Substanz, noch
wachsen die Stellen wieder zusammen.
Mehrere Gelehrte halten diesen Aphorism für eingeschoben
und nicht hippokratisch, weil der Inhalt, wenigstens zum Theile,
der gewöhnlichsten Erfahrung widerspricht. Wir finden uns nicht
veranlasst, uns hierüber an einem doktrinären Streite zu betheili-
gen , der uns allzu weit von unserm praktischen Zwecke ab-
führen würde.
20. Wenn sich unnatürlicher Weise Blut in die Bauchhöhle
ergossen hat, so muss Dieses unfehlbar in Eiter über-
gehen.
In dem Zeitalter des Hippokrates scheint man noch kaum
eine Ahndung davon gehabt zu haben, dass man auf künstlichem
Wege, nämlich vermittelst innerer Arzneien, das in innere
Höhlungen des Körpers ergossene Blut durch Auflösung
und Aufsaugung wieder fortschaffen, und so einem Uebergange
in Eiterung vorbeugen könne. Selbst bis zu den neueren Zeiten
hinab lässt die hierauf gerichtete äusserliche Behandlung
von Verletzungen sehr viel zu wünschen übrig, indem, wenn
wir nicht irren, Thilenius der Einzige aus der alten Schule
376 VI- Buch, Aphorism 20.
ist, der sieb zu diesem Behufe bloss und allein der unv er misch-
ten Arnica mit dem glänzendsten Erfolge bediente, während
alle Andern durch Beimischung von Kampfer, Salmiak,
Mittelsalzen und dergleichen die Kräfte Derselben schwächten und
mithin nur theilweisen Erfolg erzielen konnten. Erst bei der
näheren Erkenntniss und durch Erfahrungen bei der Behandlung
des sogenannten Morbus maculosus Werlhofii scheinen sieb
die Ansichten darüber etwas geläutert zu haben, indem man ein-
sehen lernte, dass allerdings eine Besorbtion eines extrava-
sirten blutähnlichen Stoffs möglich sei. Hier erst sieht
man die, wohl nur durch Zufall entdeckte, kräftige Wirkung der
Schwefelsäure, aber in der beliebten Art auf alle Säuren,
besonders die Mineral säuren, ausgedehnt, und daneben und
gleichzeitig, um angeblich allen Indikationen zu genügen,
noch mancherlei andere arzneikräftige Substanzen zusetzen, die
dabei gar nicht an ihrem Platze sind. 30) Ausserdem können die
Allopathen und, wir müssen es leider! gestehen, auch viele
Homöopathen sich noch bis zur heutigen Stunde nicht von
dem Vorurtheile frei machen, dass äussere Verletzungen
auch durch äussere Mittel behandelt werden müssen , als
wenn nicht auch hier, wie überall und ohne irgend eine Aus-
nahme, die Thätigkeit der Lebenskraft allein die Heilung
bewirken könne und müsse, und als wenn der innerliche
Gebrauch der Arznei nicht unmittelbarer auf Jene einwirkte,
als der Aeusserliehe, der in vielen Fällen auch noch den Nach-
theil bringt, die äusseren Kennzeichen von den eintreten-
30) Das heisse ich eine Handvoll verschiedentlich gerundeter Kugeln
mit verbundenen Augen auf einem ungekannten Billard mit vieleckigen
Banden hinwerfen und im Voraus bestimmen wollen, welchen Effekt sie zu-
sammen thun, welche Richtung jede erhalten und welchen Stand sie end-
lich einnehmen müssen nach den vielfachen Abprallungen und unvorher-
sehbaren Gtegenstö'ssen unter einander! Und doch bleibt die Bestimmbarkeit
der Resultate aller mechanischen Potenzen unendlich leichter, als die der
Dynamischen. Hahnemann's kl. Sehr. I, S. 19.
VI, Buch. Aphorism 20. 377
den Veränderungen und dem Fortgange der Heilung zu ver-
dunkeln.
Den immer fortschreitenden Beobachtungen und Erfahrun-
gen der Homöopathen war es vorbehalten, auch in diese Geheim-
nisse der Natur mehr Licht31) hineinzubringen, und es ist
ihr bereits gelungen , für die meisten vorkommenden Fälle die
Kriterien festzustellen, welche dieser oder jener Arznei am
Besten entsprechen, und dabei die Zahl dieser Letzteren so an-
sehnlich zu vermehren, dass man damit so ziemlich überall aus-
reicht, wo noch Hülfe möglich ist. Ausser den beiden, bereits
von der Allopathie gekannten und gebrauchton Mitteln (Arn. und
Sulph. ac), die freilich auch von uns an die Spitze gestellt werden,
besitzen wir noch als nicht selten angezeigt: Bry., Bursa past.,
Cham., Com, Dulc, Hep., Hyper., Lach., N. vom., Petr. , Puls.,
Rhus, Ruta., See. com., und Sulph.; denen noch für besondere
nicht häufig vorkommende Fälle: Beil., Chin., Cic. vir., Euphras.,
Ferr., Jod., Laur., Par. quadr., Phosph. und Plumb., vielleicht
auch noch einige Andere zugezählt werden müssen. Bei der
darunter zu treffenden Auswahl versteht es sich von selbst, dass
dabei, wie überall, den Vorschriften der Homöopathie gemäss zu
verfahren ist, und dass auch hier alle zu ermittelnde Zeichen zu
einem Gesammt- Krankheitsbilde vereinigt und berücksich-
tigt werden müssen. Dahin gehören zunächst die veranlas-
sende Ursache, der Körpertheil, das äussere Aussehen
der verletzten Stelle, die Art der Empfindungen und Schmer-
zen, und die Verschlimmerung oder Besserung dieser
Letzten nach Zeit, Lage und Umständen, dann aber endlich
31) „Je mehr man sich anstrengt" — sagt Dr. Wolf in seinen hom.
Erfahrungen II, 1 — „das von ihr (der Homöopathie) angezündete Licht
zu verlöschen, desto heller beleuchtet es die umgebende Finsterniss." —
Und in der That: „Je tiefer und schwärzer die Finsterniss, um desto grel-
ler erscheint ein helles Licht , welches dann blöde Augen nicht vertragen,
und die deshalb nur gar zu häufig ganz verschlossen werden". (Bacon.)
378 VL Buch- Aphorism 20.
noch Alles, was von Nebenbeschwerden jeder Art aufzufin-
den ist. Wird in solcher Weise mit Umsicht und Sorgfalt ver-
fahren, so sind die Erfolge nicht bloss vollkommen befriedigend,
sondern oft alle Erwartungen übertreffend, 32) namentlich dann,
wenn die genau passende. Arznei in Gaben33) gereicht wird,
32) Eine der merkwürdigsten Thatsachen ist die, welche uns Prof.
Bonelli von Turin aus seiner eigenen Erfahrung mittheilt. Er stach näm-
lich ein Tni er mit einem Giftzahn einer Klapperschlange, welche 15 his 16
Jahre ausgetrocknet und allen Einflüssen von Staub und Witterung aus-
gesetzt, und vor dieser Zeit über 30 Jahre lang in Weingeist aufbewahrt
gewesen war. Zu seiner eigenen und seiner Schüler grössten Verwunderung
war das Thier nach einer Stunde todt.
33) Bei der Benennung der Verdünnungs-Stufen darf man nicht ver-
gessen, dass die nördlichen Völker Europa's für die höheren Zahlen in
ihrem Sprachgebrauche von Dem der Südlicheren (Franzosen, Italiener,
Spanier) wesentlich abweichen. Bei uns nämlich steigen, über die Million
hinaus, die ferneren Billion, Trillion u. s. w. mit der sechsten Stelle der
Ziffer, so dass die Billion mit der 13., die Trillion mit der 19., die Quadril-
lion mit der 25. Stelle beginnt. Bei den Letzteren aber treten diese Be-
zeichnungen nach der Million schon nach je 3 weiteren Zifferstellen ein,
so dass schon mit der 10. die Billion, mit der 13. die Trillion u. s. w.
anfängt. (S. Kries, Lehrb. der r. Math. S. 15. — Fraucoeur, cours compl.
de Math. I, Pag. 8). Um daher allen Irrungen vorzubeugen, ist es rath-
sam, jederzeit die Zahl der Verdünnungen, nebst Beifügung, ob nach der
Dezimal- oder Centesimal -Sk ala, mit bestimmten Worten anzugeben,
und nicht schlechthin von Billion, Trillion u. s. w. zu reden.
Um die Verdünnungen der Homöopathen lächerlich zu machen, hat
ein gewisser Dr. Joh. Gottl. Schimko zu Teschen folgende Berechnung an-
gestellt: — Um einen ganzen Tropfen einer Arznei-Tinktur zu verdün-
nen, werden erfordert für die
3. 65 V2 Pfund Weingeist;
6. 655,000 Zentner, oder 5,500 kubische Klafter;
9. Y12 Kubik-Meile oder ein See von 16 □Meilen und einer Tiefe
von 20 Klaftern;
12. 83,300 Kubik-Meilen, oder ein See, wie das ganze atlantische Meer
bis zum Aequator.
15. 83,300 Millionen Kubik-Meilen oder 33 Erdkugeln;
18. 33 Millionen Erdkugeln, oder 24 Sonnenkörper;
21. 24 Millionen Sonnen, oder die halbe Milchstrasse;
24. 100 Mal die ganze bekannte Schöpfung;
27. 100 Millionen Schöpfungsräume,
30. 24 Quadrilliouen Sonnenkörper , oder :!:•! Quintillionen Erdkugeln,
VI. Buch. Aphorism 20. 379
welche eben hinreichen, die Reaktion der Lebenskraft zu
erwecken, ohne ihre Energie auf die Beseitigung der Arznei-
krankheit verwenden zu müssen. 34)
oder 200 Billionenmal alle Sonnen des Firmaments, oder 100 Billio-
nenmal mehr, als alle Weltkörper der Schöpfung fassen können.
Und wie viel Weingeist braucht in der Wirklichkeit der Homöopath zur
Darstellung seiner 30. Verdünnung? — Nicht mehr als 3,000 Tropfen! —
— Und wer hat sich am Ende lächerlich gemacht?
34) Wenn der gemeine Verstand des Laien sich an die Kleinheit
unserer Arzneigaben stösst: so kann man Das hingehen lassen. Nicht
aber, wenn der Arzt, dessen ganzes Wissen lediglich auf Versuche und
Erfahrungen begründet ist, Solches thut, ohne einmal Diese zu befragen.
Hat er denn ganz vergessen, wie so manche Erscheinungen bei anstecken-
den Krankheiten dafür Belege darbieten? Wie viel Masern- Stoff mochte
wohl z. B. in dem Briefe enthalten sein, den eine gesunde Dame im Haag,
— wie Th. ä Thuessink in seiner Abhandlung über die Masern S. 101 ver-
sichert, — in dem Zimmer ihrer masernkranken Kinder an ihren Sohn in
Kassel schrieb, wohin er mit der Post versandt wurde und Diesen, so wie
darauf noch Andere ansteckte, während in Kassel übrigens Niemand daran
litt? — Aehnlicher Beispiele von unerklärlicher Verbreitung ansteckender
Miasmen giebt es eine unzählige Menge, und wenn Jemand im Kreise ge-
sitteter Menschen die Unterhaltung auf derartige Merkwürdigkeiten lenkt,
so wird kaum Einer ausser Stande sein, seinen Beitrag dazu zu liefern.
„Zwei Dinge" ■ — sagt Hippokrates (imö^fiiav zb TtQoövov I, 2) —
„muss der Arzt bei Krankheiten sorgfältig beachten: entweder zu helfen
oder mindestens nicht zu schaden". — Das Letzte kann bloss von kleinen
Gaben erwartet werden.
Warum bedient sich die physiologische Schule nur zur Impfung un-
wägbarer Quantitäten, um die Bewegungen des Blatternstoffs in seiner Ver-
bindung mit dem Organismus zu sistiren, und nicht auch solcher unwäg-
baren Quantitäten ziir Heilung der übrigen Erkrankungen? Weil sie auch
Darin kein Gesetz der Natur zu erblicken vermag, also nur eine zufällige
Empirie. Die Empirie begreift sie, das Gesetz ist ihr unverständlich.
,,Ein Minimum eine.s sehr energischen Erregers" — sagt Virchow, —
kann sehr dauernde und grosse Wirkungen haben, indem sich die ursprüng-
liche katalytische Bewegung immer weiter propagirt. Dies ist eine der
Thatsachen, welche die Möglichkeit der sogenannten homöopathischen Wir-
kungen anschaulich macht."
„Die Hinneigung zu starken, massiven Gaben" — sagt Kümmel (A. H.
Z. XXI, S. 251) — „hat zum Theil ihren Grund in der Ansicht der Spe-
zifiker und Generalisirer, die durch die Stärke der Arznei ersetzen wollen,
was ihre ungenaue Wahl verschuldet ; zum Theil entspringt sie aber auch
aus der Herrschaft der materiellen Ansicht überhaupt."
380 VI. Buch. Aphorisrn 21.
21. Wenn sich bei einem Wahnsinnigen Krampfadern oder
After-Blutungen einstellen, so wird der Wahnsinn ge-
hohen.
Hahnemann sagt in der Anmerkung zum § 276. des Organons: —
„Das in neueren Zeiten von einigen, wenigen Homöopathikern den grösse-
ren Gaben ertheilte Lob beruht darauf, dass sie theils niedrige Potenzirun-
gen der zu reichenden Arznei wählten, wie etwa ich selbst vor 20 Jah-
ren in Ermangelung besseren Wissens gab, theils dass die Arz-
neien nicht völlig homöopathisch gewählt waren." — Hahnemann hat nicht
nur in seinen letzten Lebensjahren an seinen hohen Potenzirungen und
feinsten Gaben immer entschiedener festgehalten (wie zahlreiche Briefe bis
kurz vor seinem Tode bezeugen), sondern sich auch einer neuen Art von
Potenzirung bedient, wodurch er unseren gegenwärtigen Hochpotenzen nahe
kam. Sein Verfahren wird in der nächsten, hoffentlich bald erscheinenden,
sechsten Auflage des Organons mitgetheilt werden, da wir selbst durch
Ehrenwort an die Geheimhaltung dieser uns bekannten Prozedur bis dahin
gebunden sind.
Wahrhaft interessant ist die Mittheilung des gelehrten Herausgebers
der „Pr. Medizinal-Zeitung", Geh. Med.-Raths Dr. E. Müller (V. Jahrgang
1862, No. 29): „Ueber Identität der Mauke mit der Vaccine", worü-
ber gegenwärtig bei der Academie de Medecine zu Paris verhandelt wird,
und die schon früher von einigen deutschen Gelehrten zur Sprache gebracht
sein soll. Sie ist es aber für uns Homöopathen um desto mehr, da wir
wissen, dass 1) schon vor mehr als 40 Jahren durch Hahnemann in der
Thuja occidentalis das spezifische Mittel gegen Fe ig war zen, die sich bei
vernachlässigter Mauke der Pferde regelmässig einstellen, entdeckt, und
unter den Zeichen dieses Mittels (Sympt. 262) ebenfalls Ausschläge, wie
„Kindsblattern", beobachtet wurden; dass 2) dieses Heilmittel (Thuj.)
seit 30 Jahren (1832) in zahlreichen Fällen gegen die wahre Mauke von
Homöopathen angewendet und bewährt gefunden ist; dass 3) wir selbst
vor 13 Jahren (1849) die Heil- und Schutzkraft der Thuja gegen die ech-
ten Menschenp.ocken gefunden und (Allg. hom. Zeitung, Band 37,
S. 21) veröffentlicht haben, und dass 4) vor 2 Jahren (1860) der erfah-
rene Dr. C. W. Wolf in Berlin im 2.-5. Hefte seiner „hom. Erfahrungen"
diese Gegenstände umständlich erörtert und die in Rede stehende Identität
aufs Bündigste nachgewiesen hat. Wenn diese Thatsachen auch der Pariser
Academie unbekannt geblieben sein sollten : so lässt sich Solches doch von
deutscher Gründlichkeit nicht voraussetzen und wollen wir abwarten, ob
es, wie einiges Andere, geflissentlich ignorirt wird.
In Beziehung auf die Befruchtung des Fischlaichs, haben Dumas
und Prevost durch Versuche nachgewiesen, dass Dieselbe am Erfolgreich-
sten ist, wenn die männliche Samenfeuchtigkeit vorher verdünnt war. Im
konzentrirten Zustande zeigte sie sich fast ganz unwirksam. — Eben so fand
VI. Buch. Aphorism 21. 381
Wir begnügen uns damit, in der Kürze abzuführen , dass
die Richtigkeit dieses Aphorisms sicli in einzelnen Fällen der
jüngeren Zeit ebenfalls bewährt hat, wie durch Krankheitsge-
schichten nachgewiesen ist, obwohl solche Vorgänge überall nur
sehr vereinzelt dastphen, und eben deshalb als besonders merk-
würdig der Aufzeichnung werth gehalten wurden. Die gelehr-
ten Untersuchungen über den Zusammenhang des Gehirns mit
den sogenannten Hämorrhoiden und mit den Krampfadern
wollen wir daher den pathologischen Theoretikern über-
lassen und hier ganz übergehen. Dagegen glauben wir mit weni-
gen Worten anführen zu müssen, dass hier wieder ein Beweis
vorliegt, wie innig Körper und Geist im kranken und im
gesunden Zustande mit einander in Verbindung stehen,
wie das Leiden des Einen das des Andern zu beschwich-
tigen vermag, und wie daher von einer wirklichen Heilung
keine Rede sein kann, wo eben Nichts als eine Veränderung
der Form stattgefunden hat und das eine Uebel an die Stelle
des Andern getreten ist. 35)
Arnold, als er die Versuche von Spallanzani wiederholte, dass diese Feuch-
tigkeit noch in der dritten Centesimal- Verdünnung, welche nur ein Million-
tel davon enthielt, ihre befruchtende Kraft nicht verloren habe.
„Rademacher auf Hahnemann gepropft", — sagt Dr. Heneke in Riga,
(A. H. Z. 51. Bd., S. 118) — „alle Kranke durch grosse und oft wieder-
holte Gaben Urtinkturen, Esseuzen, Mineralien u. s. w. aus allopathischen
Apotheken bezogen, zu kuriren, ist nicht Homöopathie".
C'est par une grossiere erreur d'analogie qu'on a toujours conclu de
la masse des aliments k la masse des remedes, car leur but est essentiel-
lement distinct; ceux-lä doivent presenter de la matiere pour reconstituer
le corps, a ceus-ci on ne demande rien de leur matiere, mais bien la force
qu'elle recele. Dr. Rapou.
35) Wir wollen keineswegs den Einfluss des Leiblichen auf das Gei-
stige leugnen. Aber eben so auffallend, ja noch grösser ist die psychische
Macht des Geistes über das Leibliche. Sie kann Krankheiten erregen und
heilen. Ja sie kann tödten und lebendig machen.
Hufeland's Vorw. zu Kant's Macht d. Gem.
Was ein eigenthümliches Leben besitzt, ist unmittelbar oder mittelbar
dem Einflüsse der Geisterwelt ausgesetzt. Es äussert entweder selber will-
kührliche Handlungen, oder ist abhängig von Organismen, die sich aus
382 VI- Buch. Aphorism 21.
Von weit grösserer Wichtigkeit für den homöopathischen
Arzt bei der Behandlung solcher Wahnsinnigen ist der Umstand,
dass es unter den Heilmitteln für Geistesverwirrungen
Mehrere giebt, welche ebenfalls unter ihre Zeichen die Krampf-
adern und die hämorrhoi'dalischen Au sleerungen zählen.
Zu Jenen gehören bekanntlich vorzugsweise: Arn., Ars., Fluor,
ac, Lach., Lyc, Sulph. und Zinc. ; zu Diesen: Anac, Ant. crud.,
Arn., Ars., Beil., Caust., Cupr., Hyosc. , Ignat., Lach., Lyc, N.
vom., Phosph., Sep., Sulph. und Veratr. Wenn daher der Patient
vor seiner Geistes- oder Gemüths-Krankheit an Einem von
beiden Uebeln gelitten hat, was nun aufgehört, oder was gar
durch böse Kunst vertrieben ist: so gewinnt dadurch dieses
anamnestische Zeichen die grösste Wichtigkeit in dem Ge-
sammt- Krankheitsbilde und deutet gleich von Vorne herein auf
die oben mitgetheilte Reihe von Arzneien, die dabei vor Andern
sich zur Wahl darbieten. Solcher vorhergegangenen, aber
entweder freiwillig verschwundenen, oder künstlich (symp-
tomatisch) beseitigten Beschwerden giebt es aber, ausser den
beiden Angeführten, noch viele Andere der verschiedensten
Art, die sämmtlich eben so die grösste Aufmerksamkeit verdie-
nen, wenn man richtig homöopathisch das Heilverfahren einleiten
will, und es versteht sich dabei von selbst, dass es beim Wie-
dererscheinen derselben ein strafwürdiger Unsinn sein
würde, abermals in symptomatischer Weise auf eine Sepa-
einem inneren Prinzip zur Thätigkeit oder Ruhe bestimmen. Ohne diese
Verbindung des Lebens mit der Geisterwelt würden wir gar keinen Begriff
vom Leben haben, weil "es nur vermöge dieser Verbindung Körper giebt,
die zufälligen und also ungleichförmigen Einwirkungen ausgesetzt sind.
Treviranus, Biologie III, S. 551.
Bei der homöopathischen Behandlung wirkt der Arzt durch ein gleich-
sam psychisches Element zunächst auf die psychischen Kräfte des Leibes,
und so durch diese auf die gröbere Leiblichkeit selber, während die ge-
wöhnliche Heilart den zunächst in unserer Gewalt stehenden, natürlichen
Weg einschlägt, und durch das gröbere Leibliche auf die Lebenskraft zu-
rückwirkt, Dr. v. Schubert, Gesch. der Seele.
VI. Buch. Apliorism 22, 23. 383
rat-Beseitigung dieser Beschwerden hinzuwirken.36) Weit
häufiger, als hei den Genannten, kommen solche Geistesstö-
rungen in Folge unterdrückter oder verschmierter Haut-
ausschläge vor, und das eben Gesagte findet dabei um so
mehr seine volle Anwendung, als hier, wie die Erfahrung lehrt,
die Gefahr vor solchem Unglück nur noch weit grösser ist.
22. Schmerzen von Verletzungen am Rücken, welche sich
bis zum Ellnbogen erstrecken, werden durch Aderlass
gehoben.
Schon von Galenus an finden wir abweichende Lesearten
und Interpretationen dieses Aphorisms, und wir haben geglaubt,
den Versuch machen zu dürfen, jene divergirenden Meinungen
in unserer Uebersetzung einigermaassen zu vermitteln und mit
einander in Einklang zu bringen. Uebrigens steht dieser Lehr-
satz so isolirt und unbestimmt da , dass er nicht füglich eine
praktische Anwendung gestattet, und dass Einige überdem der
Meinung sind , er wäre unecht und eingeschoben. Wir lassen
dies dahin gestellt sein, bemerken indessen, dass die Anwendung-
tüchtiger Aderlässe zu den Zeiten des Hippokrates bei
Quetschungen und Verletzungen verschiedener Art sehr
üblich war und auch heute zum Theile noch ist, wir aber keine
Veranlassung finden, diesem Vorbilde zu folgen.
23. Wenn Aengstlichkeit und Traurigkeit geraume Zeit
fortwähren, so zeigt dies Melancholie an.
36) Mutatio morbi unius in alium speciei vel similis vel diversae
subindicare facile poterit naturam proxknae causae.
Bagliv. Op. II, 9,
384 VI- Buch- Aphorisra 24, 25.
Obschon Celsus (II, 7) diese beiden Gemüths - Symptome
noch mit der Schlaflosigkeit vervollständigt, so lässt sich
doch schwerlich behaupten, dass diese irgend hinreichende An-
zeigen für die Melancholie abgeben können. Für uns Ho-
möopathen ist Dies um so handgreiflicher, als wir wissen, dass
es nur wenige Arzneien giebt, in deren Erst -Wirkungen wir
nicht alle drei erwähnten Symptome mehr oder weniger deutlich
ausgesprochen finden, dass Diese mithin, wie auch die Erfahrung
lehrt, bei gar vielen Krankheiten der verschiedensten Art vor-
kommen, und dass Sie mithin nur selten zu den Charakteristi-
schen gezählt werden können.
24. Wenn irgend ein dünner Darm durchschnitten ist, so
wächst er nicht wieder zusammen.
Vergleiche den Aphorism VI. 18. — Uebrigens soll er nach
Galenus unecht sein.
25. Es ist böse, wenn ein äusserer Rothlauf sich nach
Innen kehrt; gut aber, wenn er von Innen wieder
nach Aussen heraustritt.
Von jeher hat man die Gefahren des freiwillig zurück-
getretenen, oder künstlich nach Innen getriebenen
Rothlaufs aus zahlreichen, traurigen Erfahrungen erkannt, und
man sollte daher glauben , dass es keinem gewissenhaften Arzte
einfallen könnte, zu solchen gefährlichen Wagestücken die
Hand zu bieten. Und dennoch finden wir nicht bloss bei ge-
wöhnlichen Kurirern, sondern selbst bei Aerzten, die Ruf und
Autorität geniessen. wie z. B. Dupuytren, Kluge und Lawrence,
die Anwendung des kalten Wassers und der kalten Um-
VI. Buch. Aphorism 25. 385
schlage angerat hen. 3r) Wenn aber dergleichen Wider-
sprüche38) in der Behandlung solcher oft vorkommenden Krank-
heiten uns in Erstaunen setzen müssen, wie kann man da ver-
kennen, dass die bisherige Heilkunst aller festen Grundlagen
entbehrt, und vor wie nach eine reine ars conjecturalis
geblieben ist, bei welcher Leben und Gesundheit für unter-
geordnete Nebensachen gelten gegenüber den sogenannten
wissenschaftlichen Versuchen auf Leben und Tod.39)
So hart dieser Ausspruch auch lauten mag, so ist er doch nicht
nur durch die erwähnte Behandlung des Rothlaufs, sondern
durch viele andere Kuren vollkommen begründet, und findet
zahlreiche Belege fast auf jeder Seite der allopathischen
Sammelwerke über die Behandlunssweisen der verschiedenen
37) Was nach der einen Theorie Wahrheit ist und angeblich erwiesen
wird, das leugnet die andere und widerlegt es; ein Heilverfahren, das die
eine für nützlich erklärt, nennt die andere geradezu schädlich und verwirft
es; ja es fehlt nicht an Beispielen, dass die Aerzte Kurmethoden und ein-
zelne Mittel mörderisch nannten, deren Heilsamkeit sie wenige Jahre vor-
her nicht genug preisen konnten.
Hecker, Theorien etc. der Aerzte, S. 5.
38) II y a six ans, l'Academie de medecine couronnait M. Bochard
pour avoir etabli par la statistique que le sejour au bord de la mer et la
navigation etaient prejudiciables aux phthisiques. Tout recemment lAca-
demie remerciait M. P. Garnier d'avoir demontre le contraire, toujours par
la puissance du chiffre.
Dr. Gallavardin, exper. p. 47.
II arrive souvent que, dans la meme salle, devant le meme auditoire,
ä quelques heures de distance, Forganicisme, le vitalisme, et l'electisme lui-
meme, se trouvent representes avec conscience et talent.
Dr. Combes, Bev. med. Fevr. 1833.
39) ,,So lange noch" — sagt Dr. A. Winkler, zur Theorie etc. 1861
— „die verschiedensten , oft einander direkt widersprechenden Meinungen
über ein und dasselbe Mittel existiren und die Wirkungen der Arzneien
überhaupt nicht auf allgemeine Gesetze zurückgeführt sind, so lange wird
der Faden fehlen, der den Arzt leiten kann bei der Wahl und Beurtheilung
eines Arzneistoffes, und, statt sicher gehen zu können, wird er sich viel-
mehr wiederholten Versuchen — freilich oft zum grossen Nachtheile
der Kranken — hingeben müssen.
25
ggß VI. Buch. Apborism 25.
Krankheiten, durch berühmte und unberühmte Aerzte der altern
und neueren Zeit.40)
Solcher argen Verstösse gegen Vernunft und Erfahrung
macht sich wahrlich die viel geschmähte Homöopathie nicht
schuldig, und am Wenigsten bei Hautübeln, wie der Rothlauf
und ähnliche Andere, die damit verwandt sind. Sie weiss,
wie nutzlos und oft gefährlich jede äussere Behandlung der-
artiger Hautaffektionen ist, die ausserdem nicht voreilig beseitigt
oder auch nur in ihrer äusseren Gestaltung verändert werden
dürfen, um nicht zu früh eines Symptoms verlustig zu werden,
welches für die Mittelwahl von der grössten Erheblichkeit ist.
Sie besitzt ausserdem eine grosse Anzahl von Arzneien, nicht
nur für den Roth lauf überhaupt, sondern auch für alle die
mancherlei Formen und Eigenheiten, worunter er oft erscheint.
Was dann noch zur Sicherung der jedesmaligen Wahl dabei
mangelt, das ergänzen die Empfindungen und begleitenden
Nebenbeschwer de n, und nachdem dies Alles gehörig erwo-
gen und in der zu reichenden Arznei treu sich wiederspiegelnd
gefunden wurde, darf eben sowohl die möglichst schnelle Besei-
tigung des ganzen Leidens mit seinem Anhange, als die völlige
Sicherstellung vor einem gefährlichen Zurücktritt des äus-
sern Uebels auf die inneren Theile erwartet werden.
Aber selbst in dem unglücklichen Falle, wo der Rothlauf
freiwillig zurückgetreten ist, stehen der Homöopathie noch
reichliche Mittel zu Gebote, um der drohenden Lebensgefahr zu
begegnen und Jenen wieder hervorzurufen. Sie hat dann unter
den, den früheren. Rothlauf charaklerisirenden und dessen
40) „Wenn mich nicht alles täuscht'', — schrieb Fichte am Schlüsse
des vorigen Jahrhunderts, — „ist jetzt der Zeitpunkt der hereinbrechenden
Morgenröthe, und der volle Tag wird zu seiner Zeit folgen."
Gestattet man eine Entdeckungsmedizin und erlaubt man den Gebrauch
der Verdünnungen, so ist jedes Verbot des Selbstdispensirens ein Wider-
spruch. Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 67.
VI. Buch. Aphorism 26. 387
Nebenbeschwerdeii entsprechenden Eigentümlichkeiten nur das-
jenige Mittel auszuwählen, was sich überhaupt für den Zurück-
tritt solcher Hautleiden und für die dabei neu aufgetrete-
nen Beschwerden eignet, und welches sich in den meisten Fällen
bei Acon., Amin, carb., Ars., Beil., Bry. , Calc, Dulc, Graph.,
Hep., Ipec, Lyc, Merc., Phosph., Ph. ac, Puls., Rhus, Sulph.,
oder Thuj. ziemlich leicht finden lässt. Bei der Anwendung des
hierunter richtig homöopathisch ausgewählten Heilmittels erscheint,
mit schneller Beseitigung der zuletzt entstandenen Beschwerden,
der Rothlauf bald wieder auf derselben Stelle, die er früher
einnahm , und die Krankheit eilt dann ungestört und gefahrlos
mit beschleunigten Schritten der Heilung entgegen. Unter keinen
Umständen ist es dabei nöthig, ja selbst nicht einmal unschäd-
lich, äussere Mittel zu Hülfe zu nehmen, um durch Reizung
der Haut das Wiedererscheinen des Rothlaufs oder irgend
eines sonstigen Hautausschlags zu befördern, weil man dabei
Gefahr läuft, zu früh eine theilweise heilkräftige Reaktion daselbst
hervorzurufen, welche der Absicht entgegen nur zu einem neuen
und hemmenden Hindernisse dienen, mindestens aber das
Hautübel selbst in seiner Form und seinem äusseren Aussehen
so verändern würde, dass daraus nur Unsicherheit für die übrige
Behandlung entstehen könnte.
26. Wenn Jemandem im hitzigen Fieber Zittern überkömmt,
so wird Dies durch Irrereden gehoben.
Der im Vorstehenden ausgedrückte Sinn dieses Aphorisms,
welcher auch dem Galenus und Celsus (II, 8) entspricht, ist von
Andern, selbst von Grimm und Pittschaft so verstanden, als
wenn die Delirien durch das Zittern gehoben würden. Wir
haben auch hier nicht die Anmaassung, bei diesen sich wider-
sprechenden Ansichten den Schiedsrichter spielen zu wollen ,
25*
388 VI. Buch. Aphorism 27.
sondern überlassen Jedem seine Meinung um so lieber, als wir
den ganzen Lebrsalz für uns wenigstens als ganz unerheblich
betrachten. Nur wollen wir hiebei noch kurz anführen, dass es
verschiedene Arzneimittel giebt, denen bei hitzigen Fiebern
sowohl die Delirien, als das Zittern zukommt, und nennen
davon, als die Vorzüglichsten, nur Folgende: Acon., Ap. mel.,
Ars., Beil., Bry., Calc, Chin., Hyosc, Ignat., Natr. mur., Op.,
Plat., Puls., Rhus., Sabad., Samb., Stram., Sulph. und Veratr.
Wir haben also keine Ursache, bei solchen, oft gefährlichen
Zufällen den müssigen Zuschauer abzugeben und die Natur
ohne zweckmässige Leitung und Unterstützung ihren unsiche-
ren Weg verfolgen zu lassen.
27. Wenn Jemand an innerer Vereiterung oder an Wasser-
sucht leidet, und dabei durch Brennen oder Aufschnei-
den der Eiter oder das Wasser auf einmal gänzlich
ausgeleert wird, so stirbt er jeden Falles.
Die Erfahrung hat in vielen Fällen die Richtigkeit dieses
Lehrsatzes bestätigt, und man darf daher wohl einige Verwun-
derung darüber aussprechen, dass manche sogenannte hippo-
kratische Aerzte diese Warnung ihres Altmeisters so wenig
befolgen. Wenn eine innere Vereiterung von einiger Bedeu-
tung vorhanden ist, so muss allerdings dem Eiter ein Abfluss
nach Aussen verschafft werden. Aber damit ist die Krankheit
keineswegs gehoben, wovon diese Eiterbildung nur ein Symp-
tom ist, und die Entleerung des Eiters bringt ausserdem für
sich schon, wie jeder Säfteverlust, einen Zustand von Schwäche
hervor, der das weitere Umsichgreifen der eigentlichen Ge-
sam mtkrankheit nur befördern muss. Eben so wenig ist
die mechanische Ausleerung des Wassers bei Wasser-
süchtigen eine wirkliche Heilung der Wassersucht, sondern
nur ein sehr zweideutiges Palliativ-Mittel zur augenblick-
VI. Buch. Aphorism 27. 389
liehen, aber meistens nur kurz dauernden Erleichterung des Pa-
tienten, dem in der Regel ebenfalls eine grosse Schwäche nach-
folgt. Die Homöopathie greift daher nur selten und nur im
äussersten Nothfalle zu solchen Operationen, und hütet sich
dabei wohl vor jedem Uebermaasse, indem sie nicht nur die
oben angedeutete Gefahr vollständig würdigt, sondern überdem
noch die Ueberzeugung hat, dass nur durch den Gebrauch der
genau homöopathisch passenden Arzneien die Krankheit wahr-
haft zu heilen ist. Aus demselben Grunde verwirft sie auch
sämmtliche sonstige arzneiliche Palliativ-Mittel, womit be-
sonders bei der Wassersucht so viel Unheil angerichtet wird,
indem solche nur bezwecken, den Urinabgang rein symp-
tomatisch und , was noch schlimmer ist , in der E r s t - W i r-
kung zu vermehren, während das Wesen der Krankheit selbst
unberührt bleibt. Zu diesen, von der Allopathie häufig an-
gewendeten Pal liativ -Mitte In, welche nur in der Erst-Wir-
kung den Harnabfluss befördern, in der folgenden und
dauernden Nach- Wirkung aber vermindern, gehören zufolge
unserer Prüfungen am Gesunden, sowohl bei der Bauchwasser-
sucht (Ascites), als bei der Haut Wassersucht (Anasarca)
folgende Arzneien: Ant. crud., Bar., Beil., Chel., Coloc, Guaj.,
Junip., Kali, Merc, Natr. mur., Ph. ac., Sabin., Samb. (ScilL),
Seneg. und Sulph. ; während Andere, wie Coleb., Dig„ Hell, und
Veratr. solches mehr in der Nach-Wirkung befördern. Da-
gegen kennt und braucht die Allopathie unsere Heroen in dieser
Art Krankheit fast gar nicht, und scheint selbst vor der An-
wendung von Ap. mel., Ars., Bry., Chin., Dulc, Led., Lyc,
Phosph., Puls., Rhus, Sep. und Stront. eine Art von Scheu zu ha-
ben, weil sie, vorzüglich in den üblichen starken Gaben, zu
Anfange den Harnabgang vermindern und nur in der
dauernden Nach-Wirkung ihre grossen Heilkräfte entfalten.
Einen noch grösseren Werth für die Heilung der Wassersucht
gewinnen sie aber noch dadurch, dass sie grösstenteils zu im-
390 VL Buch- Aphorism 28, 29.
seren Polychresten gehören, und vermöge ihrer ausgedehnten
und mannichfaltigen Kräfte vor den meisten Andern auch zahl-
reichen, mit der Wasser sucht verbundenen Krankheiten
homöopathisch entsprechen und so in vielen Fällen eine voll-
ständige und dauerhafte Heilung bewirken.
28. Verschnittene leiden weder an Podagra, noch an Kahl-
köpfigkeit.
Schon Galenus, in seinem Kommentar zu diesem Aphorism,
macht die Bemerkung, dass Dies vielleicht zur Zeit des Hippo-
krates mit dem Podagra der Fall gewesen sein möge, dass
es aber in der Seinigen nicht mehr zutreffe, und vermuthet den
Grund davon darin, dass die Verschni ttenen sich allzu sehr
der Trägheit und Völlerei hingegeben hätten.41) Auch der
bekannte Theophrastus Paracelsus machte in Bezug auf die
Kahlköpfigkeit eine Ausnahme von der obigen Begel, indem
er, schon in der Kindheit von einem Schweine entmannt,
mit einer ansehnlichen Glatze bescheert war. Uebrigens sind
heutiges Tages die Verschnittenen oder auf sonstige Weise
Entmannten, und eben so das wahre Podagra so selten
geworden, dass für unser Zeitalter keine genügende Erfahrungen
vorliegen dürften , um die Richtigkeit dieses , an sich unerheb-
lichen Lehrsatzes bejahen oder verneinen zu können.
29. Frauen werden vom Podagra nicht eher befallen , als
nachdem die monatliche Reinigung bei Ihnen aufge-
hört hat.
41) Brown erzählt uns dagegen in der Vorrede zu seinem Systeme,
dass er beide Male, wo er am Podagra gelitten habe, einige Zeit vorher
zu einer ungewöhnlich mageren Diät übergegangen, und das zweite Mal
nach Ablauf eines ganzen Jahrs erst dann davon völlig befreit wäre, als
er gegen den Rath der Aerzte seine frühere, nahrhafte Lebensweise wieder
befolgt habe.
VI. Buch. Aphorism 30, 31. 391
30. Jünglinge bekommen das Podagra nicht vor der Aus-
übung des Beischlafs.
Wir finden keine Veranlassung zu Glossen zu diesen Apho-
rismen.
31. Augenschmerzen werden durch Wein, Bäder, Bähun-
gen, Aderlass, oder durch Abführung beseitigt.
Von einigen Kommentatoren wird die Autorschaft des Hippo-
krates zu diesem Aphorism bestritten, obwohl Celsus (VI, 6)
ihn ausdrücklich Diesem zuschreibt. Auch ist ausserdem der,
von Jenen für ihre Zweifel angeführte Grund aus der Allge-
meinheit und der Abwesenheit aller speziellen Indika-
tion nicht stichhaltig, weil dieser Mangel fast überall in diesen
Aphorismen zu beklagen ist. Fragen wir aber: ob es in dieser
letzten Beziehung in unseren pathologischen und therapeu-
tischen Lehrbüchern besser aussieht? so kann die Antwort
nur wie ein entschiedenes: Nein! lauten. Das Höchste, was
wir darin von speziellen Indikationen finden, besteht ledig-
lich darin, dass die verschiedenen Augenkrankheiten in ein-
zelne Kategorien gebracht werden, wie z. B. die Katarrha-
lische, die Gastrische, die Idiopathische, die Impeti-
ginöse, die Skrofulöse u. s. w., und dass für Jede dieser
Arten eine lange Liste von Mitteln angegeben wird, die unter
sich nicht näher charakterisirt sind und daher Eins nach dem
Andern versucht werden dürfen.42) Dadurch aber ist der in-
42) Eine statt Vieler dienende Probe davon hat der Verfasser in einem
früher erschienenen Buche mitgetheilt , welches unter dem Titel: „Die
Homöopathie, ein Lesebuch für das gebildete, nichtärztliche Publikum"
1834 in Münster bei Coppenrath erschienen ist. In diesem Buche findet
sich (aus Ploucquet init. Biblioth.) von Seite 3 bis Seite 5 eine Keihe von
nicht weniger als 86 , zum Theile zusammengesetzter Mittel gegen den
schwarzen Staar, welche Girtanner (Ausf. Darst. des Brownischen Sy-
stems II, 597) mit folgenden Worten begleitet: — ,,Der Laie, welcher die-
ses lange Verzeichniss von Heilmitteln liest, mag wohl bei sich selbst den-
ken: Nun, Gott sei Dank! mit dem Blindwerden hat's keine Gefahr! Die
392 VL Buch' Aphorism 31.
dividuellen Ansicht des Arztes, um nicht zu sagen: dessen
Willkühr, ein weit grösserer Spielraum gelassen, als dem
Altvater der Medizin, weil seit dessen Zeitalter die Zahl der
Augenmittel sich bis in's Unendliche vermehrt hat, ohne in
gleichem Schritte auch die Anzeigen für Jedes derselben ge-
nauer festzustellen. Bei dieser therapeutischen Unsicher-
heit, wo es sich um die Wahl eines gewiss heilenden Mittels
handelt, können wir daher keinem Allopathen das Recht zu-
gestehen, diesen hippokratischen Lehrsatz zu tadeln, oder
gar für unecht und untergeschoben zu erklären , weil in seiner
Doktrin nirgends etwas Besseres und Bestimmteres dargeboten
wird. Ein solcher Tadel würde hingegen dem Homöopathen
weit eher anstehen, da er durch sorgfältige Prüfung der Heil-
mittel am Gesunden auch in der Behandlung dieser Art von
menschlichen Beschwerden auf festem Boden steht und im
Stande ist, nach Maassgabe der vorhandenen Zeichen für jeden
individuellen Fall diejenige Arznei zu wählen, welche demselben
am Vollständigsten entspricht und daher am Sichersten Hülfe
bringen muss. Hierbei ist dann natürlich jede Vermuthung,
jede aprioristische Meinung, jede Willkühr und jedes
Lieblingsmittel43) von Vorne herein ausgeschlossen, und
nur in den Tb at Sachen und in den deutlich wahrnehmbaren
Symptomen nach allen Richtungen hin liegt die Norm der
Entscheidung, wie eine von der Natur selbst gebotene Not-
wendigkeit, deren Verkennung und Nichtachtung sich minde-
stens durch Erfolglosigkeit, oft aber auch durch erhebliche Zu-
nahme des Uebels rächt.44)
Aerzte sind im Besitze eines ganzen Magazins von Hülfsmitteln gegen diese
Krankheit. — Es ist Alles blosse Tau sehn ng! Wir Aerzte wissen
insgesammt, dass der schwarze Staar eine unheilbare Krankheit ist."
43) Warum etwas geschieht, kann man durch die Vernunft zu ergrün-
den suchen; aber dass es geschieht, lernt man nur durch Geschichte und
Erfahrung. Plutarchs Tischreden V, 7.
44) „Von den unzähligen Mitteln", — sagt Ramadge, die Schwindsucht
VI. Buch. Aphorism 32. 393
32. Stammelnde werden von langwierigen Durchfällen be-
sonders heftig angegriffen.
Wie Galenus diesen Lehrsatz aus der, den Stammelnden45)
eigenthümlichen feuchten Konstitution, so erklären ihn die
Neueren aus dem Einflüsse des Nervus vagus, der bei seiner
grossen Verbreitung gar manches Gute und Böse, womit man
sonst nicht recht zu bleiben weiss, sich aufhängen lassen muss.46)
Wir möchten indessen vor Allem wünschen, dass die Thatsache
selbst erst ganz ausser Zweifel gesetzt wäre, was, wie es
scheint, bis jetzt noch nicht in genügender Weise geschehen ist.
Dann aber tritt in erster Linie die Notwendigkeit ein, vorab
die fragliche Beschwerde zu beseitigen, und erst, nachdem
Dies vollbracht ist, wird man keine Einwendungen mehr dagegen
erheben können, wenn man nun auch dem Zusammenhange
des Stammeins mit dem chronischen Durchfalle nach-
spürt. Eine solche Beihe folge in den Verhandlungen über
irgend einen Gegenstand der gesammten Erfahrungswissenschaften
scheint so dem Wesen der Sache angemessen zu sein, dass wir
nicht begreifen, wie man sich dabei bewogen finden kann, die
heilbar, S. 74 — „die man schon angewendet hat, und noch anwendet,
werde ich nur einige anführen, deren Nutzen probehaltig ist, und weder
von den Launen der Mode abhängt (denn auch die Medizin hat ihre Mo-
den), noch auf blosser Einbildung beruht. Unsere Dispensatoria sind voll
von dergleichen Mitteln, und unsere Praxis ist doch so unglücklich."
45) Die Fehler des Stotterns und Stammeins unterscheidet Dr.
Klencke dadurch, dass Jener ausschliesslich im Sprechen, nicht aber, wie
Dieser, beim Singen und Deklamiren vorkommt.
46) „Hüte Dich" — schrieb der edle König Friedrich Wilhelm III.
am 1. Dezember 1827 in seinem „letzten Willen" an „Seinen lieben Fritz"
— „jedoch vor der so allgemein um sich greifenden Neuerungssucht , hüte
Dich vor unpraktischen Theorien, deren so unzählige jetzt im Umschwünge
sind, hüte Dich aber zugleich vor einer fast eben so schädlichen, zu weit
getriebenen Vorliebe für das Alte 5 denn nur dann, wenn Du diese beiden
Klippen zu vermeiden verstehst, nur dann sind wahrhaft nützliche Verbes-
serungen gerathen."
394 VI- Buch. Aphorism 32.
Untersuchung zunächst von Hinten, das heisst: von der Seite
der Theorie anzufangen, die doch nur eine, oft noch zweifel-
hafte Folge der Erfahrung sein kann.47) Um z. B. vermit-
telst des Stahls aus einem Steine in der allbekannten Weise
Funken zu locken, muss man erst Beide in der erforderlichen
Beschaffenheit besitzen und nach der Regel behandeln;
erst hinterher darf man dann mit aller Müsse eine gelehrte Un-
tersuchung darüber anstellen, wie es zugeht, dass durch den
einfachen Reibeschlag eine Hitze erzeugt wird, welche gross
genug ist, um die vom Stahle abgerissenen Theilchen plötzlich
zum Glühen und Schmelzen zu bringen. Dass dieses Letztere
in der That dabei geschieht, lehrt der klare Augenschein,
wenn man die Funken auf einem Bogen weissen Papiers sam-
melt, und die schwarzen Körnchen mit einer guten Lupe be-
trachtet. Die Untersuchung über den Hergang der Sache
wird aber zu einem grossen Aufwände von Gelehrsamkeit
und dabei zu vielen Unbegreiflichkeiten Veranlassung geben,
da man weiss, dass beim Eisen der Schmelzpunk t noch weit
über der Weissglühhitze, also noch über 90° Wedgw. oder
5673 ° R. steht. Man wird sich daher genöthigt sehen, zu wun-
derbaren Naturkräften, zu Elektrizität, Galvanismus,
47) Der sichere Weg ist ein volles Jahrhundert vor Francis Bacon
schon von Leonardo da Vinci vorgeschlagen und mit wenigen Worten be-
zeichnet worden: cominciare dall' esperienza e per rnezzo di questo sco-
prirne la ragione. Humboldt, Kosmos III, 10.
„Die Erfahrung Anderer" — sagt Börne — „kann wohl dienen, un-
sere Eigene zu ordnen und in Kegeln zu bringen, aher sie macht uns eben
so wenig klüger, als wir satt werden von dem , was unser Nachbar ge-
gessen hat." — Wer merkt nicht die bittere Ironie, die in dieser Phrase
liegt?
Ce qui distingue le medecin de l'empirique, c'est que ee dernier traite
les malades sans se rendre compte de ce qu'il fait, tandis que le premier
n'agit point sans im motif, sans consulter les indications qui coimnandent
l'intervention de l'art. — Aussi quiconque par presomption ou par igno-
rance s'ecarte de la medecine des indications, tomhe-t-il daus une routine
aveugle comme les numeristes, ou dans le seepticisme le plus complet,
coinme les expectants, Journal d. 1. soc gall. 1850, T. 1, p. 242.
VI. Buch. Aphorism 33. 395
Magnetismus oder gar noch zu andern nur vermulheten und
späterer Entdeckung vorbehaltenen Imponderabilien seine
Zuflucht zu nehmen, Diese mit dem Prozesse in eine problema-
tische Verbindung zu setzen, und dabei die Zuhörer zum Stau-
nen bringen, sowohl über die tiefe Gelehrsamkeit, als über
die einfache Thatsache, die Jeder kennt, die wir täglich
vor Augen haben, und die Niemand in der blossen Theorie für
möglich halten würde.48)
33. Diejenigen, welche mit saurem Aufstossen behaftet
sind, werden nicht leicht vom Seitenstichfieber befallen.
48) II ne faut pas juger ce qui est possible et ce qui ne Test pas,
selon ce qui est croyable ou incroyable h notre sens; c'est une grande
faute en la quelle la plupart des liommes tombent, de faire difficulte de
croire d'autrui ce qu'eux ne sauraient ni ne vondraient faire.
Montagne.
Zu den merkwürdigsten Erscheinungen in der Natur muss man ohne
Zweifel den mineralischen Magnet rechnen. Wenn es schon als etwas
Unbegreifliches erscheint, dass ein kleiner Funken, mit brennbaren Dingen
in Berührung gebracht und nicht künstlich wieder ausgelöscht, das verzeh-
rende Feuer unaufhaltsam so weit verbreitet, als Dieses noch Verbrennliches
vorfindet: so waltet hier der eigenthümliche Umstand vor, dass diese Dinge
dadurch selbst aufgelöst und in ihre Grundbestandteile zersetzt werden,
was man -Verbrennen nennt. Beim Magnet verhält sich Dies ganz anders.
Vermittelst eines einzigen magnetisch armirten Stahlstabes lassen sich un-
zählige Andere armiren, ohne dass weder der Erste von seiner Kraft etwas
verliert, noch auch an Ihm oder an allen Uebrigen eine nachweissbare,
chemische oder mechanische Stoff-Veränderung stattfindet. Hier sehen wir
also eine unendliche Vermehrung desselben imponderablen Wesens, welches
aus sich Selbst fortgepflanzt und auf andere Körper dauerhaft übertragen
wird, ohne diese Letzteren zu beschädigen oder zu zerstören , wie es mit
dem Feuer der Fall ist. Angesichts einer solchen, allbekannten Thatsache
erscheint es nun doch mindestens als eine ungerechtfertigte Vermessenheit,
a priori zu behaupten, dass es sonst nichts Aehnliches dieser Art in der
Natur geben könne, und dass die Erweckung von gewissen Kräften durch
Reiben oder Schütteln, wie wir es thun, kurzweg als ein Unsinn zu be-
zeichnen sei.
Frustanea est ratio, ubi natura loquitur. Quarin.
396 VI- Buch. Aphorism 34.
Dieser Lehrsatz gehört ebenfalls zu Denen, worüber sich
nicht viel sagen lässt, weil er sich nur auf vereinzelte Beobach-
tungen stützt, und ein unmittelbarer Zusammenhang schwerlich
genügend nachzuweisen sein dürfte. Merkwürdig ist es aber
dabei doch, dass das saure Aufstossen, welches sonst den
meisten Arzneien zukommt, gerade bei demjenigen Mittel
gänzlich fehlt, welches bei der wahren Pleuritis fast jedes-
mal zuerst angezeigt ist, nämlich bei Acon. , das unter seinen
Zeichen nur wenig leeres, oder höchstens etwas fauliges, niemals
aber saures, dagegen am Meisten versagendes Aufstossen,
mit vergeblicher Neigung dazu aufzuweisen hat. Um so
heftiger tritt aber gewöhnlich dieses Aufstossen, und beson-
ders das Saure, dann ein, wenn durch das genannte Mittel
(Acon.) die Entzündung gehoben ist, und der Rest de,r Krank-
heit (durch Bry., Kali, oder Phosph.) beseitigt werden muss,
welche alle Drei diesem Symptome in ganz vorzüglichem Grade
entsprechen. Diese Bemerkung kann daher zu einem Beispiele
dienen, wie die heute beobachteten pathologischen Erschei-
nungen bei Prüfung der Arzneien am Gesunden im Einklänge
stehen mit den schon vor zweitausend Jahren gesammelten Er-
fahrungen des scharfsinnigsten Beobachters seiner Zeit. Wenn
man solchen Symptomen-Verbindungen, wie wir gerne
zugeben, auch eben keine Beweiskraft für die innere Wahr-
heit der Homöopathie, die auf einer viel solideren Basis gegrün-
det ist, zugestehen will: so verdienen sie als eine merkwürdige
Bestätigung einer kurzen Erwähnung für unsere theoreti-
sirenden Widersacher.49)
34. Bei Kahlköpfigen entstehen keine grossen Krampf-
49) Veritatera laborare nimis saepe ajunt, exstingui nuuquam.
Liv. XXII, 39.
VI. Buch. Aphorism 34. 397
ädern. Wenn aber solche Leute Dergleichen bekom-
men, so wachsen ihnen die Kopfhaare wieder. 50)
Von Galenus an bis zum heutigen Tage ist die Richtigkeit
dieses Aphorisms in Zweifel gezogen, und mehrere neuere Kom-
mentatoren haben nach dem Vorbilde des Erstgenannten, gleich-
sam als Vermittler, annehmen zu müssen geglaubt, dass hier
mehr von dem Ausfallen der Haare, als von einer schon
vollendeten und unheilbaren Kahlköpfigkeit die Rede sei.
Ohne gerade diesen Ansichten entgegen treten zu wollen, sehen
wir uns veranlasst, darauf hinzuweisen, dass eben des Nachsatzes
wegen der Lehrsatz auf einer Erfahrung beruhen muss, indem
vom Hippokrates nicht anzunehmen ist, dass er etwas als That-
sache angeben sollte, was er nicht in der Wirklichkeit beobachtet
hätte. So wenig Gewicht wir auf seine blossen Erklärungen
legen können, so sehr schätzen und würdigen wir seine Wahr-
haftigkeit und seinen beobachtenden Scharfsinn, wenn er
nichts, als seine reinen Erfahrungen mittheilt.51)
Für uns Homöopathen gewinnt dieser Aphorism noch ein
besonderes Interesse, wenn wir erwägen, dass beiderlei Be-
schwerden sich nicht nur unter den Symptomen zahlreicher
Mittel vorfinden, sondern dass bei Einigen von ihnen (Ambr.,
Graph., Lyc, Natr. mur., Sil., Sulph. und Zinc), sowohl die Eine
wie die Andere in vorzüglichem Grade hervortritt. Erwägen
wir dabei ferner, dass erfahrungsmässig zweierlei unter sich ver-
50) Zufolge Aristoteles (Problem 31) sollen Blindgeborene niemals
Kahlköpfig werden.
Defluvium eorum (pilorum) in muliere rarum, in spadonibus non visum,
nee in ullo ante Veneris usum. Plinius XI, 47.
51) In nullo mendacio magis est j^ericulum, quam in medico.
Plinius hist. nat. XXIX, 1.
Der Ausspruch des Plinius (XI, 104): „Varices in cruribus viro tan-
tum; mulieri raro", ist gewiss glicht richtig.
398 VI- Buch- Aphorism 35, 36.
schiedene, wenn auch aus derselben Wurzel entsprossene Krank-
heitserscheinungen gleichzeitig und dauernd nicht neben
einander besteben können, sondern die Schwächere, wenn auch
nur zeitweise, suspendirt wird: so dürfte sich darin mindestens
ein vernünftiger Grund finden lassen, um dem Altvater der Me-
dizin auch hier seine Wahrhaftigkeit zu vindiziren, und dessen
Lehrsatz von der Unglaubwürdigkeit freizusprechen. Ob
es aber in der Macht des Arztes steht, zur Heilung einer vollen-
deten Kahlköpfig keit willkührlich Krampfadern zu erregen,
um dadurch seinen Zweck zu erreichen? Das ist eine andere
Frage, welche man aus Mangel an bisherigen Erfahrungen weit
eher verneinen, als bejahen darf, und worüber die Entscheidung
einer späteren Zeit vorbehalten bleiben muss.
35. Es ist böse, wenn sich bei Wassersüchtigen Husten
einstellt.
Dieses ungünstige Zeichen entsteht meistens dadurch, dass
die Wassersucht nun auch schon die Brust ergriffen hat,
was allerdings und selbstverständlich die Gefahr steigert. Wenn
in diesem Falle durch schleunige Anwendung des homöopathisch
angezeigten Mittels, welches zunächst unter Amm. carb. , Ap.
mel., Ars., Coleb., Hell, und Nitr. ac. auszuwählen sein dürfte,
nicht bald eine vortheilhafte Veränderung des Gesammtzustandes
erreicht wird , so ist der Kranke meistens rettungslos verloren.
36. Den Harnzwang hebt (auch) der Aderlass ; nur müs-
sen die inneren Adern geöffnet werden.
Das Zusatzwörteben „auch" hält Galenus für nolbwendig.
um diesen Aphorism richtig zu vorsieben, weil er nur für voll-
blütige Personen gelle. Nach Foesiu^ (Oecon. Hipp. pag. 657.
VI. Buch. Aphorism 37. 399
ad (pksßsg ai Ußco) soll unter „inneren Adern" die vena Po-
plitea gemeint sein. Andere neuere Kommentatoren sind der
Ansicht, dass hier von einer Dysurie die Rede sei, welche mit
einer Entzündung der Nieren, der Blase oder des Mast-
darms in Verbindung stehe. Aus allen diesen divergirenden
Meinungen geht nur so viel hervor, dass der Lehrsatz nicht
bestimmt und deutlich ist. Für uns ist er aber ausserdem un-
erheblich, weil wir selbst bei Entzündungen niemals einen Tropfen
Bluts vergiessen und solches durch etwas viel Besseres zu er-
setzen wissen.
37. Es ist gut, wenn bei einem von der Bräune Befalle-
nen eine äussere Geschwulst am Halse entsteht; denn
das Uebel zieht sich dann nach Aussen.
Zufolge Valesius und Foesius (Oecon. Hipp. p. 363) ver-
steht Hippokrates unter Bräune (xwccyn)]) jede Art von inne-
rem Halsleiden, womit Schwierigkeit des Athems ver-
bunden ist. Es gehören dazu also nicht nur die einfache An-
gina, sondern auch die A. gangraenosa52), die A. mem-
branacea und die A. parotidea; nur die A. pectoris muss
davon ausgeschlossen werden. Unter diesen drei Arten von
Angina sind die zwei Erstgenannten die Gefährlichsten, und
52; Ob die neuerdings, angeblieh aus Amerika herüber gekommene,
mörderische Halskrankheit, welche man mit dem Namen A. diphtheritica
bezeichnet hat, zu dieser gehört, wissen wir nicht, weil sie bisher in un-
serem Bereiche noch nicht vorgekommen ist, und die Nachrichten darüber
noch unvollständig vorliegen. Nach dem Wenigen zu urtheilen, was uns
darüber mitgetheilt wurde, dürfte dabei in der Höhe der Krankheit zunächst
an Phosph. gedacht werden können , und zwar wegen der apathischen,
schlummersüchtigen Xebenbeschwerden, und besonders wegen der rothen,
sammetartigen Flecken, welche unter dem weissen, eiweissartigen Ueberzuge
sieh zeigen, sobald man Diesen ablöst. Im ersten Stadium soll Ap. mellif.
schnelle Hülfe gebracht haben.
400 VI- Buch- Aphorism 37.
scheinen auch vom Hippokrates vorzugsweise gemeint zu sein,
weil bei der A. parotidea die äussere Geschwulst von Vorne
herein schon vorhanden ist.
Die Angina gangraenosa deutet fast immer auf ein tief
im Körper liegendes Miasma von grosser Bösartigkeit, sehr
oft auch von Quecksilber-Missbrauch entstanden, welches
sich aus der Beschaffenheit der Geschwüre entnehmen lässt.
Dennoch gelangt man fast immer durch richtige homöopathische
Anwendung von Ars., Chin, oder Nitr. ac. zu seinem ersten
Zwecke, die dringendste Gefahr zu beseitigen und die Ge-
schwüre in gutartige umzuwandeln. Dann aber bleibt es noch
nöthig, um Rückfälle zu verhüten, eine Nachkur anzuordnen,
die wegen der allgemeinen Dyskrasie nach den jedesmal vor-
handenen Symptomen eingerichtet werden muss. Bei dieser
Angina kommt fast nie eine merkliche äussere Geschwulst
vor, und wenn sie entsteht, so wird die Sache dadurch um Nichts
gebessert.
Von weit grösserer Wichtigkeit, weil viel häufiger vor-
kommend und schneller tödtend, ist die Angina membranacea,
die meistens nur Kinder bis zum 10. oder 12. Jahre befällt,
aber oft gleichsam epidemisch53) herrscht, und dann bei der
bisherigen sorgfältigsten allopathischen Behandlung immer
noch zahlreiche Opfer fordert.54) Ob Hippokrates diese, heuti-
ges Tages unter dem Namen Croup allgemein bekannte Krank-
53) „Dass der Croup" — sagt Kopp in seinen Beobachtungen, S. o
— „oft ansteckend für Kinder sei, welche sich in der Nähe, in der Atmo-
sphäre eines solchen Kranken befinden , bewiesen mir doch viele Beobach-
tungen. Ein mir bekanntes (obgleich ich nicht Arzt dabei gewesen) auf-
fallendes Beispiel dürfte in dieser Hinsicht denkwürdig sein, wo einem Be-
amten auf dem Lande binnen 14 Tagen fünf Kinder vom Croup ergriffen,
und auch alle ein Opfer der Krankheit wurden.
54) Die Vossische Zeitung vom 5. April 1854 erzählte aus Berlin,
dass daselbst einem Musikus (Flötist), Namens Hummel, in wenigen Tagen
fünf Kinder an der häutigen Bräune gestorben waren.
VI. Buch. Aphorism 37. 401
heil schon gekannt und unter seiner Angina mit einbegriffen hat,
ist zweifelhaft. Die nähere Kenntniss und Beschreibung Dersel-
ben ist nicht älter, als seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts,
und erst im Jahre 1811 erschienen, in Folge einer Preis -
Ausschreibung von Napoleon, mehrere Abhandlungen, wo-
von die des Dr. Albert in Bremen und Dr. Jurine in Genf
sich in den Preis theilten, und seitdem die Behandlung etwas
vollständiger geregelt wurde.55) Das eigentliche Wesen dieser
Krankheit ist dadurch mit vollständiger Sicherheit und Klarheit
festgestellt und von allen Aerzten gekannt; nicht so aber die
äusserlichen Kennzeichen, welche den eigentlichen wah-
ren Croup-Husten von allen sonstigen katarrhalischen Husten-
arten schon beim Beginne unterscheiden lässt. Diese bestehen
hauptsächlich und unabänderlich in Folgendem: — 1) Der Ton
55) In No. 16 der „Preussischen Medizinal-Zeitung" für 1861 lesen
wir (S. 126): — »Die Zahl der in Magdeburg bis zum März d. J. aus-
geführten Tracheotomien bei Croup beträgt nach Dr. Foek (deutsche Kli-
nik) zusammen 43, von denen 18 mit Genesung, 25 mit dem Tode endeten.
Es wurden dort also 41,8 pCt. geheilt, während nach Trousseau's Bericht
die Heilungen in Paris nur 27 pCt. betrugen." — Soll Dies etwa die Tra-
cheotomie empfehlen? — Da muss man sich doch freuen, dass die Homöo-
pathie, zeitig genug gerufen, jedesmal dieses remedium aneeps überflüs-
sig macht.
In der neuesten „Preuss. Mediz. Zeitung" von 1862, No. 1, Seite 5
lesen wir mit Entsetzen „zur Tracheotomie von Dr. Märten zu Hoerde:
,,Da der Croup in hiesiger Gegend ziemlich häufig und so gefährlich auf-
tritt, dass seine Diagnose fast gleich einem Todesurtheile gilt, be-
schloss ich in geeigneten Fällen zur Tracheotomie meine Zuflucht zu neh-
men". — Das ist doch ein sehr offenherziges Bekenntniss! In unseren
Händen verhält sich die Sache doch ungemein viel günstiger.
In dem Sitzungsberichte der medizinischen Sektion vom 14. Jan. 1862
zu Bonn (S. 35) lesen wir: — ,,Der Vortragende (Herr Prof. Busch) stellt,
an diesen Fall (von Croup) anknüpfend, den Vorschlag zur Diskussion, ob
nicht in jedem Falle von Croup, in welchem Brechmittel und die sonstige
gewöhnliche Behandlung nicht bald helfen, die Tracheotomie sofort zu
machen sei, analog der Herniotomie bei eingeklemmtem Bruche? — Als
Resultat der Diskussion ergab sich, dass man im Allgemeinen der Ansicht
des Herrn Prof. Busch beistimmte."
26
402 VI- Buch. Aphorism 37.
ist heiser, wie das Bellen eines heiseren Hundes, oder wie
das, noch tonlose Krähen eines jungen Hahns; 2) der Husten
selbst ist stets trocken und ohne alles Schleimgeräusch im
Halse, und 3), was das Allerkennzeichnends-te ist, ohne
Nachschlag und nur aus einem Tone bestehend, also ohne
den zweiten, nach dem Zurücksinken des Kehlkopfs entstehenden
Nachton. Sobald dieser Nachschlag wiederkehrt, und der
Husten feucht und locker wird, hat Dieser wieder einen un-
gefährlichen katarrhalischen Charakter erlangt, und die eigent-
liche Croup-Gefahr ist dann vorüber. Diese Merkmale sind
so unverkennbar, dass es der Dekoration des Doktorhuts (der
überdem bei uns mit Recht von den späteren Staatsprüfun-
gen nicht entbindet),56) keineswegs bedarf, um diese Bräune
sammt ihrem Husten von den Uebrigen zu unterscheiden.57)
56) Im College of Physicians in Edinburgh wurde — zufolge der ö'ffent-
- liehen Blätter, — im Juni 1862 darüber berathen, ob ärztliche Diplom e
an Frauen, welche die erforderliche Prüfung bestanden, gegeben werden
sollten. Die Frage wurde mit 18 gegen 16 Stimmen verneint.
Wenn auch die Verkauf lichkeit der medizinischen Doktor-
diplome, die noch vor nicht langer Zeit in den öffentlichen Blättern un-
erquickliche Kundgebungen und Rügen veranlassten, für's Erste wenigstens
beseitigt ist: so besteht doch immer noch die hergebrachte Sitte, dass der
Promovendus und die Opponenten ihre Rollen vorher gehörig memoriren,
probiren und repetiren, um damit vor den Zuhörern ein gelehrtes Schau-
spiel aufzuführen. Wir dürfen hoffen, dass auch dieses Ueberbleibsel aus
den Zeiten der Scheingelehrsamkeit nächstens einer verständigeren Ein-
richtung weichen wird. Bis dahin aber darf es nur mit Dank anerkannt
werden, dass die Fürsorge der Regierung den zum Lehrer (Doktor) Ge-
stempelten vorerst noch als unreifen Schüler betrachtet und strengen
Prüfungen unterzieht, ehe ihm das jus vitae necisque übertragen wird.
Der Erklärer der Hogarth'schen P. XLIII, (nach Lichtenberg's Tode)
bemerkt bei Anführung des langen Titels der Selbstbiographie des Sir John
Taylor unter „Drittes": „dass Dr. Taylor auf mehreren Universitäten um-
her promovirt hat, oder promovirt ist, eine Maassregel, die in so fern nach-
geahmt zu werden verdient, als die medizinische Doktorwürde, die man auf
einer Universität erworben hat, für den Doktor, der auswärts praktiziren
will, in uusern misstrauischen Zeiten (1801) kein Präservativ gegen das
beschwerliche Repetitionsexamen vor dem Sanitäts-Collegio ist."
57) Der Superintendent J. TT. Münch zu Clötze im Fürstenthum Liine-
VI. Buch. Aphorism 37. 403
Was die homöopathische Behandlung der wahren
Angina membranacea anbelangt, so gehört sie ohne Zweifel
zu Denjenigen, wovon man nach ihren Erfolgen mit Recht sagen
kann, dass sie Nichts zu wünschen übrig lässt, wenn in Gemäss-
heit des ersten Aphorisms nicht nur „der Arzt das Erforder-
liche leistet", sondern auch „der Kranke und seine Angehö-
rigen das Ihrige zur Erreichung des Zweckes beitragen." In
Bezug auf den Arzt ist es aber erforderlich, die Arznei in so
hochpotenzirten Gaben zu reichen, dass die Heilwirkung
so schnell wie möglich eintritt, und nicht eher eine Folgende
zu geben, als bis die Besserung einen Stillstand macht. Die
bürg war auch kein Arzt, hatte weder promovirt noch Medizin studirt, und
doch hat man ihn nicht gehindert, die lebensgefährlichsten Krankheiten zu
behandeln und darüber mehrere Werke zu schreiben.
Dr. Elwerts Nachrichten I, S. 439.
Nicht bloss in der gelehrten, sondern selbst in der Beamten-Welt macht
sich seit einigen Jahren eine sogenannte Wissenschaftlichkeit geltend,
die, näher bei Lichte besehen, nur in einer oberflächlich memorirten Viel-
wisser ei besteht, welche fast noch schneller wieder vergessen wird, als
sie „eingepaukt" wurde, und ausserdem völlig werthlos ist. Was hilft es
z. B. dem Maler, wenn er die Erfinder und Verbesserer der Pinsel zu
nennen, oder von Rhyparographen, Acheiropoieten und Tetricen zu sprechen
weiss, übrigens aber kein Talent zum Malen besitzt? Was nutzt es dem
Arzte, wenn er die Erfinder und Verbesserer aller der vielen Messer,
Scheeren und Zangen, womit todte und lebendige Menschen tranchirt wer-
den, namentlich herzuzählen, aber nicht sie zu handhaben versteht? Was
schadet es dem Beamten, wenn er die Zahl und Namen der sich täglich
vermehrenden Planetoiden nicht fertig im Gedächtnisse hat, oder nicht weiss,
was Niemand weiss, woraus die Kometen nebst ihren Schwänzen bestehen?
— Und doch hören wir heutiges Tages nicht nur, dass in der That diese
und ähnliche Fragen den Examinanden vorgelegt werden, sondern gar, dass
Diese nicht selten „durchfallen", wenn sie Jene nicht befriedigend beant-
worten. Derartiges kann doch der Wissenschaft in keiner Weise nützen,
wohl aber nur gar zu leicht zu Chikanen und ähnlichen Unwürdigkeiten
benutzt werden.
Dem Vernehmen nach soll es bei den promotorischen Schauspielen
nicht so gar selten vorkommen, dass, in Ermangelung eines Soufleur- Ka-
stens, die beiden Parteien ihre Rollen schriftlich auf die Bühne mitbringen
und Solche mehr oder weniger verstohlen ablesen, um des mühsamen und
unsicheren Memorirens überhoben zu sein.
26*
404 yi- Bueh- Aphorism 37.
Angehörigen hingegen müssen ihrerseits dafür sorgen, dass
die Hülfe sogleich bei der Hand sei, weil fast mit jeder
Minute Verzug die Gefahr steigt, und die Krankheit schwie-
riger und weniger sicher zur Heilung zu bringen ist. Es ist
daher rathsam, die Mittel, die anfangs immer Dieselben,
und beim Aufbewahren keinem Verderben unterworfen sind,
stets vorräthig zu haben, und zwar um so mehr, da das Uebel
meistens Abends spät oder mitten in der Nacht aufzutreten
pflegt, wo dann Zögerung und Zeitverlust unvermeidlich sind.
Dabei ist noch zu bemerken , dass die Arzneien in den ange-
messensten, Ideinsten Gaben niemals Schaden bringen können,
wenn etwa die Anfänge des wahren Croup's nicht vorhanden
gewesen wären.
Diese Arzneien, welche bereits Hahnemann lehrte, sind
jedem wahren Homöopathen bekannt, und wir vermeiden es nur,
sie hier namhaft zu machen, weil wir nicht wenige Erfah-
rungen darüber gemacht haben, dass sie unrichtig oder in
tiefereren Verdünnungen angewendet, wie sie jetzt bei Vie-
len an der Tagesordnung sind, nicht die sichere Heilung
bringen, wie die Hochpotenzen, und weil wir nicht dazu bei-
tragen wollen, in einem so gefährlichen Zeitpunkte das Leben
der Kinder auf's Spiel zu setzen. Nur so viel wollen wir noch
hinzufügen, dass bei rechtzeitiger und richtiger Anwendung
jener bekannten Mittel, alle die andern sonst noch Gepriesenen:
Ant. tart., Ap. mel, Brom., Bry., Cham., Cupr., Dros., Jod.,
Ipec, Lach., Phosph., Samb. und Seneg., dem Beginne der
Krankheit durchaus nicht entsprechen, nur in vernachlässig-
ten Fällen zuweilen angezeigt sein können, und dann nur vom
herbeigerufenen Arzte nach Maassgabe der Zeichen angewendet
werden dürfen.
VI. Buch. Aphorism 38. 405
38. Es ist besser, Diejenigen, welche mit einem verborge-
nen Krebse behaftet sind, gar nicht zu behandeln.
Die Behandelten sterben früher, als die Nicht-Behan-
delten, welche länger am Leben bleiben.
Wenn man, wie wir glauben, annehmen darf, dass Hippo-
krates unter einem verborgenen Krebse einen noch nicht
aufgebrochenen Scirrhus, z. B. in der weiblichen Brust,
und unter der Behandlung die Operation (Schneiden oder
Brennen) verstanden hat: so müssen die hipp okrati sehen
Aerzte zugeben, dass gegen diesen hippokratischen, durch
zahlreiche traurige Erfahrungen bestätigten Lehrsatz überall
die gröbsten Verstösse gemacht werden. Es giebt wenige Be-
schwerden, wobei wir in Bezug auf ihre „rationelle" Behandlung
so vielen und entschiedenen Widersprüchen begegnen, als
eben bei Dieser, und wenn Rust versichert, von der Operation
des Brust-Scirrhus in keinem einzigen Falle radikale
Hülfe gesehen zu haben, so behauptet Chelius, dass die Exstir-
pation Desselben das einzige Mittel sei.58) Bei solchen ent-
gegengesetzten Behauptungen zweier Männer, die mit Recht zu
den ersten Autoritäten gezählt werden, würde es überflüssig
sein, noch weitere Zeugnisse für oder wider diesen Lehrsatz des
Altvaters der Medizin anzuführen, und zwar um so mehr, da
Jeder in seiner Umgebung Beispiele über den Erfolg in Menge
erlebt haben muss. Die vorherrschende Meinung ist von jeher
die Bust'sche gewesen, weshalb man auch diesem Uebel den
sehr bezeichnenden Namen: Noli me längere! beigelegt hat.
58) Dieser Gewalt-Eingriff in den Menschenleib wird fortan vor der
Kritik der Vernunft zu einem Verbrechen. Denn, mit Ausnahme einseiti-
ger Chirurgen, müssen alle erfahrene Aerzte über die absolute Verderblich-
keit und Tö'dtlichkeit dieser Operation übereinstimmen, da ausser ihr Nichts
sicherer und leidensvoller der allgemeinen Krebszerstörung verfallen macht.
Dr. Wolf, hom. Erfahr. V. 324.
406 VI- B"ch» Aphorism 38.
Und doch sehen wir heutiges Tages die bei Weitem grössere
Mehrzahl, besonders der jüngeren Aerzte, sich entschieden
auf die Seite des Chelius stellen, und frischweg Messer
und Glüheisen kunstgerecht handhaben, anscheinend gänzlich
unbekümmert um die unausbleiblichen, beklagenswerthen Folgen.59)
Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass die Homöopathie
dem vorstehenden Aphorism in allen Theilen unbedingt beitritt;
aber es muss dabei zu gleicher Zeit zugestanden werden, dass
die wirkliche Heilung des Brustkrebses, besonders des
schon Aufgebrochenen, zu den schwierigsten Aufgaben ge-
hört und nicht immer gelingt. Wenn sie auch in bei Weitem
den meisten Fällen im Stande ist, die scirrhösen Verhär-
tungen durch die, nach den vorhandenen Zeichen richtig aus-
gewählten Mittel, wozu vorzüglich: Ap. mel., Beil., Bry., Carb.
an., Cham., Gem., Con., Graph., Puls., Bhus, Sabin., Sil. oder
Sulph. gehören, so wie auch in einigen Andern den bereits offe-
nen Krebs durch: Ap. mel., Ars., Beil., Gem., Con., Creos., Hep.,
Lach., Phosph., Ph. ac, Bhus, Sil., Sulph. oder Thuj. zur Hei-
lung zu bringen: so erfordert die Behandlung doch die grösste
Sorgfalt und Umsicht des Arztes und die strengste Folgsamkeit
59) Celsus sagt (V, 28 bei Carcinoma): „Quid am usi sunt medica-
mentis adurentibus; quidam ferro adusserunt; quidam scalpello exciderunt.
Neque ulla unquam medicina profecit; sed adusta, protinus concitata sunt,
et increverunt , donec occiderunt; excisa, etiam post inductam cicatricem,
tarnen reverterunt et causam mortis attulerunt".
Le domaine des connaissances anatomiques et physiologiques a pu
s'agrandir; le scalpel a la main, on a su determiner les desordres orga-
niques appreciables des mäladies, l'art du diagnostic acquiert de jour en jour
une plus grande certitude; toutes les sciences, l'histoire naturelle, la phy-
sique, la mecanique et memo les mathematiques , ont apporte leur contin-
gent a la medecine. Le medecin sait presque tout, en fait de science hu-
maine, il n'y a que dans son art, dans l'art de guerir, que ses vastes con-
naissances lui fönt defaut; en sorte qu'on peut repeter de nos jours ces
paroles de l'illustre van Helmont: la medecine n'avance pas, eile
tourne sur son axe.
L. de Parseval, Allop. et Hom. pr. 111.
VI. Buch. Aphorism 38. 407
des Patienten. Auch darf man ja nicht glauben, dass mit den
eben angeführten Arzneien die ganze Reihe der für solche
Fälle anwendbaren Mittel abgeschlossen wäre, indem hier, wie
überall, der Genius des Heilmittels in allen Beziehungen
dem Genius der Gesammtkrankheit, wie er sich durch
seine charakteristischen Symptome zu erkennen giebt, genau ent-
sprechen muss. So haben wir z. B. selbst in dem Zeiträume
vom 28. Dezember 1855 bis zum 7. Februar 1856, also in
sechs Wochen, hier bei einer 36 Jahre alten Frau (der Schwä-
gerin eines vielbeschäftigten allopathischen Arztes und der
Schwester einer am Brustkrebs allopathisch behandelten und
daran eines jammervollen Todes Verstorbenen, wo anfänglich die
Zeichen genau dieselben waren), mit drei Gaben Sep. 20Ö und
einer Zwischengabe Puls. 200 (wegen Erbrechens) einen bereits
weit gediehenen Brustscirrhus so vollständig und dauerhaft
geheilt, dass sie sich bis zum heutigen Tage der besten Gesund-
heit erfreut; während von den obigen Mitteln Keins angezeigt war.
Darin eben liegt in bei Weitem den meisten unglücklich
abgelaufenen homöopathischen Kuren der Grund des Misslin-
gens, dass namentlich die angehenden Homöopathen sich
allzu sklavisch an die bekannt gewordenen Heilerfolge
gewisser Mittel gegen gewisse Krankheitsformen gebunden halten,
anstatt den deutlichen Vorschriften der Homöopathie gemäss sich
lediglich an die Ergebnisse der Arzneiprüfungen am Gesun-
den zu halten. 60) Selbst von geübteren und erfahrenen Homöo-
60) Der Zwiespalt unter den Aerzten , welcher in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts über die Fieberrinde ausgebrochen war und mit der
grössten Erbitterung geführt wurde, wäre unmöglich gewesen, wenn man
gleich bei Entdeckung und Einführung dieses Mittels ihre eigentümlichen
Kräfte gehörig geprüft und demzufolge die Kriterien kennen gelernt hätte,
wo es passend und hülfreich sein muss, und wo nicht. So lange man ge-
nerelle Namen für verschiedenartige Erkrankungen gelten lässt, sind solche
Verirrungen durchaus unvermeidlich, und es ist nur zu bedauern, dass Ihnen
so zahlreiche Opfer fallen müssen. Beispiele davon liefern auch heutiges
408 VI- Buch. Aphorism 38.
pathen haben wir oft schriftliche und mündliche Fragen entge-
gen nehmen müssen: welche Mittel bei dieser oder jener
nominellen Krankheit anzuwenden wären? Solche Fragen
sind in der That kaum und nur unter vielen Vorbehalten und
Bedingungen zu beantworten, und verrathen dabei jedesmal,
dass der Fragesteller, wie man zu sagen pflegt, Glocken hat
läuten hören, ohne zu wissen wo?61) Wer als wirklicher, reiner
Homöopath überall seine volle Schuldigkeit thun will, der muss
sich zu allererst bemühen, sich von solchen, die Wissenschaft
beschränkenden Ansichten los zu machen, und stets fest im
Auge zu behalten, dass niemals die äussere Form der Krank-
heit für sich allein, und noch viel weniger deren Namen62) das
Heilmittel anzeigen, sondern dass nur Dasjenige das homöopa-
thisch Passende sein kann, Was den wesentlichsten Zeichen
entspricht und keine Gegenanzeigen unter seinen Symptomen
darbietet.63) Wenn Dies nach allen Richtungen hin vollständig
zutrifft, dann ist es völlig gleichgültig, ob das Mittel schon
früher in ähnlichen Fällen seine Heilkraft erwiesen hat,
oder nicht. Es muss helfen, wenn überhaupt noch Hülfe mög-
lich ist, und Solche nicht allzu spät verlangt wird; denn das
Gesetz, worauf die Wahl Desselben beruht, steht fest und
Tages in grosser Menge die Namen: Nervenfieber, Cholera, Ruhr und viele
Andere, über welche die Literatur gewöhnlich am Allerreichhaltigsten ver-
treten ist.
61) Viele jetzt (als Muster?) in den homöopathischen Zeitschriften
mitgetheilte Heilungen erinnern unwillkührlich an Diejenigen, welche in den
von Stapf herausgegebenen kleinen Schriften Hahnemanns aus der ersten
Kindheit der Homöopathie 'vorkommen, aber keineswegs zur Nachahmung
empfohlen sind.
62) Man wird heute noch eben so beim Lesen hypergelehrter medizi-
nischer Schriften veranlasst, wie vor 200 Jahren Friederich Hoffmann
(Mat. rat. syct. I, 16) beim Lesen der Galenischen Werke auszurufen:
„Nominaiis medicina, pure scholastica et phantasiae tantum filia !"
63) Distinguer beaucoup, c'cst savoir beaucoup.
Buflfon.
VI. Buch. Aphorisin 39. 409
unwandelbar, wie die Natur selbst, und es wird niemals,
auch nur durch eine einzige Thatsache, ein gültiger Beweis ge-
führt werden können, dass dieses Naturgesetz irgend eine
Ausnahme zulässt. 64)
39. Sowohl durch Ueberfüllung , als durch Ausleerung
werden Konvulsionen veranlasst-, eben so auch das
Schluchzen.
Man hat diesen Aphorism mit dem Aphorism II, 22 in Ver-
bindung gebracht, um darin einen neuen Beleg für das: Con-
traria Contrariis! zu finden. Wir müssen gestehen, dass
uns dieser Beweis doch gar zu weit hergeholt und, wie man
sagt, bei den Haaren herbeigezogen ist, und dass wir, genau be-
trachtet, eigentlich gar keine unmittelbare Verbindung zwischen
diesen beiden Lehrsätzen zu erkennen vermögen. Wenn in dem
früheren Aphorism (II, 22) gesagt ist, was sich eigentlich von
Selbst versteht, dass eben so, wie nach Frass und Völlerei,
oder bei Ueberfüllung der Säfte eine Ausleerung des Ueber-
flüssigen, oder nach Aushungern, oder bei Säftemangel ein
Ersatz des Fehlenden nöthig ist: so wird in dem Gegenwärti-
gen nur gelehrt, dass Konvulsionen und Schluchzen so-
wohl von dem Einen, als von dem Andern veranlasst werden
können, ohne dabei der Heilung zu erwähnen. Hippokrates
giebt uns hier nur eine einfache, aber wahre und naturgetreue
Beobachtung, nach Welcher ganz entgegengesetzte Ursachen
dieselben, oder doch mindestens sehr ähnliche Krankheits-
Erscheinungen erregen können, was wir gern annehmen und
64) Non est fingendixm nee exeogitandum , sed inveniendum, quid na-
tura faeiat, vel ferat. Bacon.
Superest ergo, ut medicinarn colamus, non figmentis impositam, sed usu
prolatatam, neque nos incauto seetae studio tantillum dimoveri a veritate,
medicamve dignitatem vulgi arbitriis subjici patiarnur.
Pitcairne.
410 VI. Buch. Aphorism 39.
täglich bestätigt finden. Dagegen sagt er wenigstens hier kein
Wort davon, dass die Heilung durch das Entgegengesetzte,
also die Krämpfe und das Schluchzen von Völlerei durch
Hunger, oder die von Verhungern Entstandenen durch Ue -
berfüllung mit Speisen und Getränken geschehen müsse, —
eine Behauptung, der auch wohl schwerlich Jemand beipflichten
würde. Wenn man aber die Sache so nehmen will, dass z. B.
das Schluchzen von Unmässigkeit entstanden am sicher-
sten durch ein Brechmittel zu beseitigen wäre, so würde man
sich in seiner Erwartung sehr getäuscht finden, wenn man dazu
die Ipecacuanha anwenden wollte, welche dem Schluchzen nicht
entspricht, und daher diese Beschwerde unberührt lässt, wogegen
durch Anwendung des Cycl., der N. vom., der Ignat., der Puls.,
oder einer andern nach den Symptomen passend gewählten Arz-
nei, auch ohne Erbrechen, das Eine mit dem Andern bald
zu beseitigen wäre. Diese bisher, so viel bekannt, noch von
keiner Thatsache widersprochene Erfahrung über die Kräfte der
Ipec. erscheint doppelt merkwürdig, einmal, weil sie vielen Kräm-
pfen tonischer und klonischer Art, sowohl in innern, als
in äusseren Theilen, entspricht, und andermal, weil das Schluch-
zen mit Becht zu den Krämpfen gerechnet wird. Man sieht
also aus diesem Beispiele, wie wenig man sich auf ein einzi-
ges Symptom, und wie noch weniger auf ein generalisiren-
des Vermuthen verlassen kann, selbst da, wo aphoristische
Wahrscheinlichkeiten dafür zu sprechen scheinen.65)
In ähnlicher Weise würde dem Verhungerten, oder durch
Säfteverlust Erschöpften eine plötzliche reichliche Mahl-
zeit nicht sonderlich gut bekommen. Da muss im Gegentheile
65) Jeder Arzt, der nach so allgemeinem Charakteren kurirt, er affek-
tire auch noch so anmaassend den Namen eines Homöopathen, ist und bleibt
in der That ein generalisirender Allopath, da ohne die speziellste Indivi-
dualisirung keine Homöopathie denkbar ist.
Hahnemann, Organ. Einl. S. 6.
VI. Buch. Aphorism 40. 411
mit geringen Quantitäten von schwacher Fleischbrühe und
etwas Wein angefangen, und erst allmählich öfterer, aber jedes-
mal nur wenig nahrhaftere und konsistentere Speise gereicht
werden. Wer in solchen Fällen das Contraria Contrariis
in seiner ganzen Ausdehnung in Anwendung bringen wollte, der
würde ganz sicher das Ziel verfehlen, wie es dabei fast immer
verfehlt wird.66) — Uebrigens verweisen wir hier noch auf die
Glosse zu dem Aph. II, 22, worin das Weitere hierher Gehörige
bereits gesagt ist.
40. Wenn Jemand in dem Hypochondrium Schmerzen
empfindet, ohne gleichzeitige Entzündung, so werden
Jene durch ein hinzugetretenes Fieber gehoben.
Obwohl Celsus (II, 8) den Sinn dieses Lehrsatzes getreu
wiederholt, und dabei gar Veranlassung nimmt, mit Verwunde-
rung zugestehen zu müssen, dass auch das Fieber heilsam und
hülfreich sein könne: so wird man doch eine solche Beseiti-
gung von Schmerzen durch eine andere Krankheit von ver-
schiedener Art schwerlich für eine wahre Heilung gelten lassen
dürfen. Wir haben schon einige Male in diesen Glossen Gele-
genheit gehabt, zu bemerken, dass der Mensch niemals gleich-
zeitig an zweien, unter sich verschiedenen Affektionen
krank sein könne, sondern dass alsdann gewöhnlich die Schwä-
chere zeitweise suspendirt wird, bis die Stärkere ihr Ende
erreicht hat, um dann wieder ihre frühere Stelle einzunehmen.
Diesem Erfahrungssatze gemäss würde die im Aphorism ausge-
sprochene Beseitigung der Schmerzen keineswegs eine wahre
66) Ich wiederhole hier noch einmal die Regel, dass, je schwächer ein
Kranker ist, desto kleiner müssen die Portionen der Nahrungsmittel sein,
die man ihm auf einmal reicht, desto öfterer aber müssen sie wiederholt
werden. Dr. L. Vogel diät. Lexikon.
412 VI. Buch. Aphorism 41, 42.
Heilung, sondern nur eine temporäre Verdrängung, und
die Wiederkehr mit Zuverlässigkeit zu erwarten sein. Man kann
also in keiner Beziehung diesem Lehrsatze eine besondere Wich-
tigkeit beilegen.
4 1 . Wenn ein Eitergeschwür im Körper sich äusserlich
nicht zu erkennen giebt, so liegt die Ursache in der
Dicke des Eiters, oder in der Tiefe der Stelle, wo es
seinen Sitz hat.
Die Unverständlichkeit, welche einige Kommenlatoren in
diesem Aphorism haben finden wollen, scheint uns leicht dadurch
aufgelöst, dass wir die „Dicke der Stelle" mit der deutliche-
ren, aber hier übrigens gleichbedeutenden „Tiefe der Stelle"
wiedergeben. Sonst giebt dieser reine Erfahrungssatz zu keiner
besondern Glosse Anlass.
42. Es ist böse, wenn bei Gelbsüchtigen die Leber hart
wird.
Bekanntlich ist die Verhärtung der Leber, die sehr
häufig mit Gelbsucht verbunden ist, besonders die Scirrhöse,
eine gefährliche und schwer zur Heilung zu bringende Krankheil.
Hier tritt nämlich( wieder der Umstand ein, dass nicht etwa der
Mangel an Heilmitteln, sondern vielmehr der Ueberfluss
daran, welcher die Wahl erschwert, die meisten Schwierigkeiten
darbietet. Ohne irgend die Zahl derselben als abgeschlossen
betrachten zu dürfen, haben sich dabei schon die Folgenden
thatsächlich bewährt: Arn., Ars., Aur., Beil., Brom., ßry., Calc,
Cann., Carb. an., Garb. veg., Chin., Gon., Ferr., Graph., Jod.,
Kali, Laur., Lyc, Magn.,'Magn. mur., Mezer., Merc, N. vom.,
Sep., Sil., Sulph. und Tar., denen nach der Wahrscheinlichkeit
noch hinzugezählt werden müssen: Amin., Cham., Clem., Fluor.
VI. Bucli. Äphorism 42. 413
ac, Phosph., Plumb., Puls, und Vit., obwohl darüber, so viel uns
bekannt, noch keine Erfahrungen vorliegen. Es ist leicht be-
greiflich, dass hei dieser grossen Anzahl der verschiedenartigsten
Arzneien die Krankheit, deren hervorragendes Symptom die Le-
berverhärtung mit der Gelbsucht ist, eben so in ihren
anamnestischen und begleitenden Zeichen, als in dein
Verhalten dieser Letzteren nach Zeit, Lage und Umständen,
in gleichem Maasse die grössten Verschiedenheiten darbietet, von
deren genauer Uebereinstimmung mit dem Charakter der gewähl-
ten Arznei einzig und allein die heilkräftige Wirkung derselben
abhängig ist. 6r) Daher ist hier die Entwerfung eines individu-
ellen Krankheitsbildes eine Aufgabe, deren genügende Lösung
einen beträchtlichen Aufwand von Zeit und Kenntnissen ver-
langt, und welche nur Dem gelingt, der mit den Eigenthümlich-
keiten sämmtlicher dabei in Konkurrenz tretenden Heilmittel
im Voraus genau bekannt und dadurch befähigt ist, seine Nach-
forschungen und Fragen zweckmässig einzurichten. Darin eben
liegt der leicht begreifliche Grund , dass es , wie auch früher
schon bemerkt wurde, viel leichter ist, nach einem genügen-
67) Das Zutrauen der Patienten zu ihren allopathischen Aerzten würde
einen ungemeinen Stoss erleiden, wenn sie die encyclopädischen Werke
kennten und läsen, worin die verschiedenen Behandlungsweisen gleichnamiger
Krankheiten auch nur summarisch aufgezählt sind. Wer sich darüber eini-
germaassen unterrichten will, dem kann man das, in 3 Theilen (l8i>y — 1840
in Berlin bei Dunker erschienene) „Medizinisch-chirurgiach-therapeutische
Wörterbuch des Prof. Dr. Barez" empfehlen, worin er die vollständigste
Befriedigung seiner Wissbegierde finden wird. „Je mehr Mittel gegen eine
Krankheit" — sagt Schönlein — „desto unsicherer die Behandlung, und
auch die Erfahrung hat diesen Grundsatz bestätigt, denn mit den Mitteln hat
sich die Mortalität beim Typhus vermehrt," — Im grellsten Widerspruche
hiermit stehen die homöopathischen Werke ähnlichen Inhalts, worin zwar
ebenfalls für denselben Krankheits-Namen verschiedene Mittel angegeben
sind, Jedes derselben aber mit den Bedingungen und Anzeigen für seine
Anwendbarkeit so scharf bezeichnet ist, dass für jeden individuellen und
gehörig charakterisirten Fall sämmtliche erfahrene Homöopathen eine und
dieselbe Arznei verordnen werden und müssen.
414 VI. Buch. Aphorism 42.
den Krankheitsbilde das passendste Mittel auszuwählen, als
ein solches Bild in seinen charakteristischen Zügen und
von allem Unerheblichen entkleidet, klar und bestimmt auf-
zustellen.68)
68) Als erläuterndes Beispiel für die Mittelwahl möge, unter Zu-
grundelegung eines von uns schon früher besprochenen, alten theologischen
versus memorialis , die Behandlung eines oft vorkommenden Zahnwehs die-
nen, wie Solche von einem homöopathischen Arzte geschieht: — (Quis?)
Anna, ein junges Mädchen von einigen 20 Jahren (Quid?) klagt über hef-
tiges Zahnweh (Ubi?) in einem hohlen obern Backenzahne linker Seite,
woran sie schon ein Paar Monate leidet. In dieser Allgemeinheit ist auch
nicht im Entferntesten das heilende Mittel zu errathen, indem mehr als die
Hälfte aller geprüften Arzneien darauf passen kann. Bei weiterem Nach-
forschen (Quibus auxiliis?) über die Nebenzeichen an der leidenden Person
bemerken wir: ein ängstliches, blödes und weinerliches Gemüth; leichtes
Magenverderben, besonders mit Fettem; Neigung zu Schleimdurchfällen;
ängstliches Herzklopfen Abends im Hause; spätes Einschlafen ; abendliches
Frösteln, besonders im Rücken, bei Kopfhitze und Kälte der Extremitäten.
So wichtig und gewissermaassen unentbehrlich auch diese Zeichen sind: so
fehlen doch noch die Hauptsächlichsten , welche in dem erwähnten Verse
durch die Worte: Cur? Quomodo? Quando? angedeutet sind. Das Cur?
nämlich betrifft die oft sehr wichtige veranlassende Ursache oder Anamnese,
welche sich in diesem Falle als eine Erkältung mit nassen Füssen ergab,
wonach sogleich die eben vorhandene Periode unterdrückt wurde und seit-
dem nicht wieder erschien. Das Quomodo? aber gilt der Beschaffenheit
des Schmerzes, der sich hier als ein zuckend-reissender, zuweilen klopfen-
der und stechender Schmerz in dem erwähnten hohlen Zahne fühlen lässt,
welcher sich dabei die Backe herauf bis in das Auge, die Schläfe und das
Ohr derselben Seite erstreckt. Alles Vorhergehende übertrifft nun aber an
Wichtigkeit das schliessliche Quando?, welches die Verschlimmerungen und
Besserungen nach Zeit, Lage und Umständen enthalten muss, um eine
sichere, zweifellose Mittelwahl zu treffen. Wenn nun nämlich, wie in die-
sem Falle, die Abendzeit bis Mitternacht die Leidenvollste ist, wenn die
Schmerzen im ruhigen Sitzen in der warmen Stube, beim Warmwerden im
Bette und namentlich auch beim Liegen auf der schmei-zlosen (nicht der
schmerzhaften) Seite, und beim Genüsse von jedem Heissen oder sehr War-
mem sich verschlimmern, dagegen früh Morgens und Vormittags, beim Gehen
in der freien, kühlen Luft und von kaltem Wasser im Munde gehalten be-
deutend sich vermindern oder ganz aufhören: so weiss jeder Homöopath,
dass hier die Pulsatilla, und kein Anderes, das richtige Heilmittel ist, wel-
ches in der kleinsten Gabe nicht nur mit Gewissheit das ganze Leiden
sainmt den Nebenbeschwerden bald gänzlich beseitigt, sondern auch, bei
gehöriger Diät während einiger nächstfolgenden Tage, dauerhafte Heilung
VI. Buch. Aphorism 42. ' 415
Wir können in dieser Glosse die leider! allzu nahe Veran-
lassung nicht übergehen, um mit einem Worte eines Hindernisses zu
gedenken, welches dem Homöopathen heutiges Tages die Be-
handlung und Heilung aller solcher Geschwulst- und Ver-
här tu ngs -Krankheiten so ungemein erschwert und oft unmög-
lich macht. Es ist Dies der Missbrauch, welcher in der
neueren Zeit bei allen Leiden dieser Art, sie mögen seit), welche
sie wollen, und gleichviel, ob Haut, Muskeln, Drüsen oder
Knochen davon ergriffen sind, mit dem Jod und dessen Prä-
paraten getrieben wird.69) Diese ungemein kräftige und tief
eingreifende Arznei ist seit einigen Jahren dermaassen in Gebrauch
gekommen und gleichsam zur Mode geworden, dass man getrost
eine Wette darauf eingehen kann, dass von zwanzig an solchen
üebeln Behandelten mindestens Neunzehn reichlich damit be-
dacht gewesen sind. Das Schlimmste dabei besteht aber haupt-
sächlich darin, dass die Wirkung des Jod so ungemein inten-
siv und hartnäckig ist, und dass es daher so äusserst schwer
fällt, Antidote zu finden, welche den angerichteten Schaden
wieder gut zu machen vermögen.70) Wir haben in solchen
bringt. — Dies ist der Weg, der, unter dein Beistande und der Leitung
einer genügenden Vertrautheit mit der homöopathischen Therapie, bei jeder
Art von körperlichen oder geistigen Beschwerden mit Zuverlässigkeit zur
richtigen Arznei- Wahl führt, ohne den Arzt in das finstere Gebiet der
Vermuthungen und Hypothesen zu verlocken, wo die spärlichen Lichtpunkte
sich am Ende nur als trügerische Irrlichter ausweisen. Ein solches Ver-
fahren, wie das Unsrige, kann und soll durchaus auf keine tiefsinnige und
staunenswerthe Wisssenschaftlichkeit Anspruch machen; aber man
wird leicht einsehen , dass ein reiches , nur durch zahlreiche Erfahrung en
zu erwerbendes Wissen dazu erforderlich ist, um unter mehr als hundert
Mitteln für den Einzelfall von Zahnweh das einzig Hülfreichste aufzufinden,
und dass eben deshalb die Allopathie so selten heilt.
69) Der (noch immer fortdauernde) Unfug mit der Jodine veranlasste
den geistreichen Dr. Mises zu der satyrischen Schrift: „Beweis, dass der
Mond aus Jodine besteht."
70) Dass bei Drüsen-Anschwellungen und Wucherungen das Jod nur
antipathisch, mithin keineswegs (homöopathisch) heilend wirkt, bemerkt
4i(3 VI. Buch. Aphorism 45.
Fällen, neben Hep. und Ars., den meisten Erfolg gesehen von
den höchsten Potenzen desselben Mittels, in wieder-
holten, aber kleinsten Gaben, in Wasser aufgelöst, darge-
reicht, wobei dann uothwendig ist, bei jedem Einnehmen die
Auilösungs-Flasche einige Male stark zu schütteln, und so die
Dynamisation um Etwas zu erhüben, weil sonst erfahrungs-
mässig der längere Fortgebrauch nicbt gut vertragen wird.71)
43. Wenn Leute, die an der Milz leiden, von Durchfall
befallen werden und Dieser lange anhält, so erfolgt
Wassersucht oder Magenruhr, und darauf der Tod.
Dieser, aus den koischen Vorhersehungen (III) entlehnte
schon M. Müller (A. H. Zeitung X, 74) : — „indem wir bei Anwendung
desselben in grossen Gaben nie von vergrösserten, stets von schwindenden
Drüsenkörpern lesen, und auch homöopathische Prüfung des Jod an Ge-
sunden meines Wissens nie Vergrösserung derselben als Symptom hervor-
gebracht hat.'1
71) Wenn irgend eine Erfahrung im Stande ist, nicht so sehr die ein-
dringlichere, als vielmehr, die au sgedehntere Wirksamkeit der lioch-
potenzirten Arzneien nachzuweisen: so ist Dies insbesondere die an-
tidotarische Kraft, welche Solche gegen die Nachtheile eines früheren
Missbrauchs derselben Arznei erlangt haben. In solchen Fällen verur-
sacht die wiederholte Anwendung desselben Mittels in den tiefsten Ver-
dünnungen jedesmal eine deutliche Verschlimmerung, ohne nachfolgende
Besserung; wogegen Solches in Hochpotenz, wenn auch nicht immer.
(vielleicht weil niemals eine Arznei allein gegeben wirdj , doch meisten,
theils eine erfreulichere und umfangreichere Besserung bringt, als die mei-
sten sonstigen Antidote, welche nur die in ihrem Bereiche liegenden Be-
schwerden zu treffen und zu tilgen vermögen, darüber hinaus aber ohne
Wirkung bleiben.
I consider one of the most important items in Statistik tables, as I
remeraber that siuce I have learned to give the doses higher and higher,
the duration of acute cases has been shortened.
C. Hering, Am. hom. Rev. 1860. P. 516.
Wenn man im Leberthrane die Wirkung vorzüglich und oft aus-
schliesslich dem Jod-Gehalte zuschreibt, so sprechen dagegen ganz ent-
schieden die Versuche, welche Popkeu mit gebratenem Speck, und Bauer
mit gewöhnlichem Oele bei Scrophulosis anstellte.
■ VI. Buch. Aphorism 44. 417
und von Celsus (II, 8) bestätigte Lehrsatz steht keineswegs mit
dem Aphorism 48 dieses Buchs in Widerspruch, wie man beim
ersten Anblicke vermuthen könnte. Der sehr erhebliche Unter-
schied zwischen Beiden liegt Darin, dass in diesem Letzten von
einer kurzdauernden und, wenn auch nur palliativ lindern-
den Diarrhöe, wie die ursprüngliche Stelle in den koischen
Vorhersehungen lautet, hier aber von einer Langwierigen die
Rede ist, welche, wie jeder anhaltende Durchfall, auf eine
chronische Krankheit des Darmkanals schliessen lässt.
Bei solchen, allerdings gefährlichen Umständen wird zunächst
unter Anac, Asa foel., Bry., Chin., Dulc, Ignat., Puls., Rhus
oder Sulph. ac das richtige Mittel zu suchen sein. Dagegen
versagen in solchen Fällen die bisher bei der Allopathie ge-
bräuchlichen, sogenannten stopfenden Mittel, und namentlich
der Mohnsaft, fast jedesmal alle wahre Heilwirkung, und tra-
gen nur zu Verschlimmerung des Uebels bei.72)
44. Wenn sich mit der Harnstrenge eine Darmgicht ver-
bindet: so sterben die Kranken .innerhalb sieben Ta-
gen, es sei denn, dass sich in Folge eines hinzuge-
tretenen Fiebers ein reichlicher Harnfluss einstellte.
Wir wollen den, zu diesem Aphorism von Galenus ausge-
sprochenen Zweifel, ob Hippokrates jemals einen solchen Kran-
ken, nebst dem im Nachsatze angeführten günstigen Erfolge vor
Augen gehabt habe, auf sich beruhen lassen. Die Erkrankung
selbst am Ileus73) ist an und für sich schwer genug und dürfte
72) Es dürfte vielleicht manchem Leser unbekannt sein, dass der be-
kannte J. Swift (in der Vorrede zu seinem „Mährchen von der Tonne")
den Spleen der Engländer von der splendida bilis des Horaz ableitet.
73) Vor Celsus wurden alle Leibschmerzen mit dem Namen Ileus be-
zeichnet. Dieser zuerst unterschied die Schmerzen in den intestinis crassis
unter der Benennung colicos, von denen in den intestinis tenuibus, die er
iliacos nannte,
27
413 VI. Buch. Aphorism 44.
in den meisten Fällen zum unabwendbaren Tode führen, wenn
es nicht gelingt, den Krampf in den Eingeweiden, der hier die
Ursache ist, zu lösen.74) Bisher haben sich: Ars., Beil., Cham.,
Cocc, Coloc, Lyc, Nitr. ac, N. vom., Plat., Bhus, Sil., Sulph.,
Thuj., Veratr. und Zinc. in dieser, glücklicher Weise nicht sehr
häufigen Krankheit bereits bewährt, wenn sie dabei nach richtiger
homöopathischer Wahl angewendet wurden. Es werden aber ohne
Zweifel in der Folge auch noch Andere dazu aufgefunden werden.
Der freundliche Leser wird es uns hoffentlich verzeihen,
wenn wir bei dieser Gelegenheit einmal von uns selbst und
von unserem unvergesslichen Lehrer und Freunde H ahnemann
reden. — Es war gegen Ende März 1833 , als wir selbst von
dieser Krankheit (Ileus) befallen wurden; der Sitz des un-
gemein schmerzhaften Leidens in der rechten Unterbauchs-
seite; die Dauer vierzehn Tage. Vier homöopathische Aerzte,
wovon allein noch unser verehrter Freund, der M. B. Dr. Aegidi,
damals Leibarzt der Prinzessin Friederich in Düsseldorf, noch
lebt und die Wahrheit bezeugen kann, hatten die Freundschaft,
zu unserer Bettung herbeizueilen und miteinander Bath zu pflegen ;
aber vergeblich. Erst mitten in der letzten, vierzehnten Nacht
voll unsäglicher Qualen, hatten wir das Glück, selbst das rechte,
bisher noch niemals für dieses Uebel gebrauchte Mittel auf-
zufinden. Dieses Mittel war die Thuja, worauf uns besonders
der Umstand aufmerksam machte, dass nur die unbedeckten
Theile des Körpers, und zwar stark schwitzten, die Be-
deckten aber trocken und heiss waren, — ein Symptom,
was nur allein der -Thuja angehört und selbst von unserm
C. W. Wolf übersehen ist. Ein Streukügelchen " Thuj. 30
brachte schon nach fünf Minuten Linderung der Schmerzen,
74) „On l'a dejä vu" — sagt Tardieu S. 675 — „le volvulus est le
plus souvent au dessus des ressources de l'art." - Und Valleix III, 46:
— C'est une de Celles, oü la m^decine est presque completement impuis
sante."
VI. Buch. Äphorfsm 44. 419
nach zehn Minuten eine reichliche Oeffnung, und gleich dar-
auf einen erquickenden Schlaf, woraus wir am andern Morgen
wie neu geboren erwachten. Eben Hessen wir uns ein tüchtiges
Frühstück trefflich schmecken, als unsere vier Freunde voll
Freude und voll Verwunderung in die Stube traten, und noch
mehr staunten, als wir ihnen das hülfreiche Mittel namhaft mach-
ten. In den nächsten Tagen theilten wir unserm verehrten
Hahnemann den ganzen Hergang mit, erhielten aber erst am
28. April 1833 dessen Antwort, weil er selbst (in Folge von
Aerger) vom 3. bis zum 24. April an einem gefährlichen Er-
stickungs-Katarrhen gelitten hatte und dem Tode nahe
gewesen war. In diesem (vor uns liegenden, 6 Seiten langen)
Antworts-Schreiben stehen folgende, wie durch eine Divination
eingegebenen Worte: „Soll ich nun noch einen nachgängigen
Rath für die Herstellung der Thätigkeit Ihrer Gedärme
geben, so würde ich Sie. auf Conium und Lycopodium auf-
merksam machen, und auf tägliche Spaziergänge in freier Luft.
Schön, dass Sie der so vielnützigen Thuja Gerechtigkeit durch
Ihr Reispiel haben wiederfahren lassen." — Und wie wunderbar
stimmte dieser Rath, der bereits wörtlich befolgt war, ehe
er zu unserer Kunde gelangte , mit der Wirklichkeit überein !
Wir hatten nämlich zwei Tage nach Absendung unseres Schrei-
bens an Hahnemann, auf Veranlassung der geänderten Symp-
tome, das Conium, und eben so am Abende vor dem Em-
pfange von dessen Antwort das Lycopodium, ausser diesen
beiden Mitteln aber durchaus gar keine andere Arznei genom-
men, und auch später gar Keiner mehr bedurft , weil damit
jede Spur des Ileus verschwunden war und bis zur heutigen
Stunde nichts davon wiedergekehrt ist. Eine solche Thatsache
beweist, wie uns scheint, noch etwas mehr, als die genaueste
Kenntniss von dem Verlaufe einer nicht eben sehr häufigen
Krankheit und von der individuellen Kraft einzelner Arzneien;
sie lässt vielmehr die Vermuthung einer besonderen Inspira-
27*
420 VI- Bucl1- Aphorism 45.
tion75) gerechtfertigt erscheinen, und zwar einer Solchen, ver-
möge welcher der scharfsinnige Stifter der Homöopathie veran-
lasst wurde, Stoffe wie Gold76), Kochsalz, Sepia77), Kiesel-
erde, Bärlappsamen u. A. nicht nur als wahre; Arzneien
zu erkennen, sondern auch durch seine unübertroffenen Prüfun-
gen als die Wirksamsten und Unentbehrlichsten darzustellen.
Wir glauben nicht, dass die lange Geschichte der Medizin auch
nur eine einzige Thatsache aufzuweisen hat, welche an Merk-
würdigkeit Dieser an die Seite zu stellen ist, oder an Wunder-
barkeit Solche übertreffen könnte.78)
45. Bei Geschwüren, welche ein Jahr und darüber be-
standen haben, müssen nothwendig die Knochen sich
abblättern und tiefe Narben entstehen.
Es ist offenbar, dass dieser Aphorism in allzu allgemeinen
Ausdrücken abgefasst ist, und dass die angegebenen Erscheinun-
gen sich in der Regel nur bei solchen Geschwüren zeigen,
welche entweder gleich beim Beginne in der Knochenhaut
entstanden sind, oder später Diese und dann auch die Knochen
selbst ergriffen haben. Solche Geschwüre sind, besonders wenn
75) Nemo unquain vir magnus fuit sine afflatu aliquo divino.
Cicero.
76) Obwohl das Gold das am wenigsten auflösbare Metall ist, und
daher heutiges Tages als Arznei als ein völlig unwirksamer und daher in
konsequenter Weise obsolet gewordener Stoff erachtet wird: so schrieben
ihm doch die Alten sehr Bedeutende Heilkräfte zu. (Vergl. L. Lemnius de
occult. nat. miraculis. III, 6.)
77) Nach Lucian (Versteigerung der Philosophen) scheint es, dass die
Alten der Sepia giftige Eigenschaften beilegten, indem Diogenes seinem
Käufer damit seinen Kath ertheilte, wenn er des Lebens überdrüssig wäre.
— Diogenes soll sich in der That selbst damit vergiftet haben.
78) Prof. Dr. Fletscher (t 1812) sagte in seinen Vorlesungen über
Hahnemanns Organon: in einer Zeile dieses Buchs findet sich mehr wahre
Gelehrsamkeit, als in zwanzig Seiten der besten medizinischen Werke,
VI. Buch Aphoiism 46. 421
sie alt und mit unpassenden äusseren Pflastern und Salben
behandelt sind, oft schwer und kaum anders, als durch inner-
liche Mittel zu heilen, worunter namentlich Asa foet., Merc,
Ph. ac. und Sil., je nach den Empfindungen und Umständen,
am Oeftersten zur Wahl kommen. Der Eiter ist dabei jedesmal
schlecht, jauchig und sehr übelriechend, und ehe Dieser
in einen Gesunden umgewandelt ist, kann und darf von einer,
jedenfalls nur oberflächlichen Heilung keine Rede sein. Diese
Art von Knochengeschwüren kommt vorzugsweise häufig
(vielleicht ausschliesslich) bei sogenannten skrofulösen (pso-
rischen) Personen, oder nach Quecksilber-Missbrauch vor,
und gelangen oft erst dann zur homöopathischen Behandlung,
wenn bei der gewöhnlichen (äusserlichen) chirurgischen Behand-
lung das Uebel den höchsten Grad erreicht und die Zerstörung
bereits einen grossen Umfang gewonnen hat. Nichts erschwert
dann aber die gründliche Heilung mehr, als ein vorgängiger Miss-
brauch von Jod., Plumb. oder Zinc. , die schwerlich jemals
angezeigt sind, stets die nachtheiligsten Folgen haben und den-
noch so überaus häufig an der Tagesordnung sind.
46. Diejenigen , welche vor dem Alter der Mannbarkeit
durch Engbrüstigkeit oder Husten buckelig werden,
sterben bald.
Wenn man bei diesem Lehrsatze nicht ein besonderes Ge-
wicht auf die angegebene Ursache des Buckeligwerdens
legt, so scheint er, wie viele Beispiele von bejahrten Buckeligen
nachweisen, der Erfahrung nicht zu entsprechen.79) Wenn aber,
79) Es ist eine bekannte Thatsache, dass in einigen Familien mehrere
Generationen hindurch gewisse geistige Mängel oder körperliche Difforma-
tionen erblich wiederkehren. Das Sonderbarste dabei ist aber wohl Dies,
dass nicht selten solche Gebrechen nicht unmittelbar von Eltern auf Kin-
der vererbt werden, sondern dass sie oft erst eine um die andere Genera-
422 VI- Buch. Aphorism 46.
wie hier ausdrücklieh hervorgehoben ist, die Kyphosis in Folge
von asthmatischen Beschwerden, oder eines langwierigen
Hustens entsteht, so liegt der Keim der das Leben gefährden-
den Krankheit schon vorher in der Brust, und der Buckel ist
nur ein dazu gehöriges, kaum wesentliches Symptom, obwohl
es allerdings von der Grösse derselben Zeugniss ablegt. 80) In
allen solchen Fällen können mithin auch die orthopädischen
Anstallen keine günstigen Erfolge erzielen, wenn es ihnen nicht
vor Allem gelingt, das ursprüngliche Brustleiden gründlich
zu heilen. Hierauf aber, so wie auf Beseitigung aller sonstigen
Beschwerden, die dabei stets die Natur der chronischen Krank-
heiten haben, ist vorzüglich die Homöopathie bei der Behandlung
der Verwachsenen bedacht, und sie hat tausendfältige Beispiele
aufzuweisen, wo der Zweck vollständig erreicht wurde, besonders
dann, wenn die Patienten noch jung und im vollen Wachsthume
begriffen sind. Zu diesem Zwecke ist sie aber im Besitze von
einer ziemlich grossen Anzahl von Heilmitteln, worunter sich
jedesmal Einige finden, welche dem Gesammtzustande des
Kranken und seiner sonstigen Individualität genügend ent-
sprechen. Wir nennen, als hierher gehörend, nur Folgende:
Acon., Ant. crud., Asa foet., Aur., Bar., Beil., Bry., Calc, Caust.,
Cic. vir., Clem., Coloc, Dulc, Hep., Ipec, Lach., Lyc, Merc,
tion erscheinen, während die dazwischen Geborenen gänzlich davon befreit
bleiben. Da es uns bisher an einer befriedigenden Lösung dieses physio-
logischen Räthsels fehlt, so dürfte es vor vielen Andern geeignet sein, zu
einer wissenschaftlichen Preisfrage zu dienen. Ohne Zweifel würde, bei
den divergirenden Anschauungen unserer Zeit, in den Beantwortungen Man-
cherlei vorkommen, was unseren Nachkommen zur Belehrung und — zur
Ergötzlichkeit gereichen könnte.
80) Wir belächeln und bespötteln die verkrüppelten Füsschen der
chinesischen Frauen, und preisen die Insekten-Taille unserer Schönen als
hübsch und niedlich, ohne zu bedenken, dass vermittelst der Schnürbrust
weit edlere und wichtigere innere Organe verkrüppelt werden, als bloss ein
äusseres, allenfalls für Jene entbehrliches Glied, wovon weder Leben noch
Gesundheit abhängt.
VI. Buch. Aphorism 47. 423
Mezer., Phospb., Ph. ac, Plumb., Puls., Rhus, Ruta, Sabin.,
Sep., Sil., Staph., Sulpb. und Tbuj., ohne jetloch damit die ganze
Reihe für abgeschlossen zu halten. Natürlich kann davon nicht
das erste Reste auf's Gerathewo hl gegeben und dann der Er-
folg nur einige wenige Tage abgewartet werden, um bei ge-
täuschter Erwartung sogleich nach Willkühr ein Anderes
darzureichen. Es ist in diesen Glossen schon oft gesagt und
muss noch öfter wiederholt werden, damit es gehörig Eingang
findet, dass nur das, nach allen Richtungen hin genau homöo-
pathisch passende Mittel hülfreich sein kann, dass aber, wenn
ein Solches genau gewählt, in der angemessensten (kleinsten
hochpotenzirten) Gabe gereicht und ihm die erforderliche
Zeit vergönnt wird, ungestört seine Wirkung zu entfalten, oft
alle Erwartungen übertroffen werden. So haben wir selbst vor
vier Jahren die Heilung einer Kyphosis mit Athembeschwer-
den bei einem achtjährigen Mädchen von schwächlicher Konsti-
tution und wachsartiger Rlässe des Gesichts von einer ein-
zigen Gabe Sil. 2ÖÖ erfolgen sehen, die so vollständig war,
dass das damals wirklich elende Kind jetzt ganz gerade und
blühend geworden ist, ohne alle weitere Arznei. Freilich sind
solche, wahrhaft überraschende Erfolge äusserst selten, die gänz-
liche Herstellung oft schwierig, und bei völlig ausgewachsenen
Personen meistens unmöglich.81)
47. Bei Denen, welchen ein Aderlass oder eine Abführung
dienlich ist, muss man beiderlei Ausleerungen im Früh-
jahre vornehmen.
Wir wollen nicht untersuchen, ob dieser Aphorism, der
theilweise in dem Aph. VII, 53 wiederholt ist, von den meisten
81) „Personen von gedrungener, kleiner, verwachsener Statur mit Höcker
oder hoher Brust, speicheln sehr leicht nach genommenem Merkur. Ich habe
dies „oft wahrzunehmen gehabt." — Kopp. Beobachtungen. S. 119.
424 VI- Buch- Aphorißm 47.
Aerzten der letzten Jahrhunderte durch Unwissenheit oder
mit Absicht missverstanden ist, weil, zum grossen Theile
wenigstens, die alten sogenannten prophylaktischen Früh-
lingskuren vermittelst Aderlässen und Abführungen der
Gesunden hierauf begründet und zur wirklichen Mode geworden
waren.82) Glücklicher Weise hat dieser Unsinn, der manche
Gesundheit zerrüttet und manches Leben gekostet hat, zu un-
serer Zeit aufgehört, obwohl der Aderlass und die Abführungen
noch immer bestehen, aber nur da noch zur Anwendung kommen,
wo Plethora oder Saburral-Anhäufung vorhanden sind oder
vermuthet werden. Nur die Anwendung dieser, im Wesentlichen
nur schwächenden Veranstaltungen als prophylaktische Kuren,
die überdem niemals den beabsichtigten Zweck dauerhaft erfüllen
können, ist verlassen, und dafür sind nun desto mehr die Brun-
nen- und Bade-Kuren, die allerdings viel kostbarer sind,
d. h. viel mehr Geld kosten, in Aufnahme gekommen.83)
Die Homöopathie will bekanntlich weder von dem Einen
noch von dem Andern etwas wissen, und glaubt dazu ihre guten
Gründe zu haben. Von den Aderlässen und von den Abführun-
82) Ilis ducibus Medicina suas jactantior arte.«
Edidicit: longo peregrina Ciconia rostro
Prima salutiferoa herbarum in viscera succos
Indidit: Hippopotamus junco sibi primus acuto
Incidit nimio salientem sanguine venam;
Abstergensque cibi fastidia gramine, vires
Extudit herbarum Canis, et medicaminis usum.
Vanieri, praed« rustie. L. III.
83) Pline se mocque entre autres choses, de quoy, quand ils sont au
bout de leur latin, ils ont invente eette belle desfaiete, de renvoyer les
malades qu'ils ont agitez et tourmantez , pour neant, de leurs drogues et
regimes, les uns au secours des voeux et miracles, los autres aux eaux
chaudes. Montaigne.
In Dr. J. D. Gohl's Compend. Prax. Clin, (zuerst von C. M. Blazer
fälschlich als seine eigene Arbeit, wie auch noch heute wohl geschieht,
herausgegeben), lesen wir schon aus dem Beginne des vorigen Jahrhun-
derts (I, 1, § 21.), was ebenfalls noch heute gilt: — n^ie mineralischen
Brunnen-Kuren, damit sich die Plethorici alle Jahr des Früh-Jahrs und
VI. Buch. Aphorism 47. 425
gen ist in diesen Glossen schon einige Male die Rede gewesen.
Was die Brunnen-Kuren in medizinischer Hinsicht betrifft,
so ist ebenfalls darüber schon das Notwendigste (Apn. H, 37)
gesagt worden, so dass wir hier lediglich darauf hinweisen dür-
fen. Wir wollen daher in Beziehung auf die Letzteren nur noch
anführen, dass wir mit Ueberzeugung einem Kranken nur das-
jenige Mineralwasser würden anrathen können, dessen eigeu-
thü milche, nicht bloss nominelle Kräfte84) wir durch hin-
reichende Prüfungen am Gesunden erforscht hätten, was kaum
von einigen Wenigen zu behaupten ist,85) dass wir aber einen
Sommers zu soulagiren suchen, sind nur curae palliativae: ja sie sind de-
nenjenigen, die denen vorgeschriebenen Diät-Regeln kein Gehör geben, viel-
mehr eine Ursach zum krank werden. Und wenn sie auch noch so gut
nach der -vorgeschriebenen Diät gelebet haben: so giebt der nach absol-
virter Kur restaurirte appetit vielmehr Anlass, demselben stärker nachzu-
hängen und desto vollblütiger zu werden. Was hat man denn mit der
Wasser-Kur profitiret?"
84) Wenn ('eine Kraft) der Anziehung den fallenden Körper niederzieht,
so muss es eine ("Kraft) sein, welche den Blitzstrahl an der Wetterleiter
niederzieht, eine Andere, welche die Elektrizität leitet, eine Andere, welche
uns die Strahlen des Lichts bringt, eine Andere, welche den Kompas nach
dem Pole hinwendet, eine Andere, durch welche der Dampfwagen fortrollt,
eine Andere, durch welche die Pflanzen wachsen, eine Andere, welche die
Metalle zusammenhält, und endlich so viele Kräfte, dass sie sich in allen
Richtungen durchkreuzen. J. W. Schmitz, Andeut. S. 44.
85) Les etudes hydrologiques tendent ä se relever; — sagt Tar-
dieu in seinem rapport ä I'Academie 1860 — au Heu de ces pcrits san«
valeur, dont le nombre ne compensait pas la sterilite, et qui
encombraient la Science, on peut citer avec honneur des ouvrages recents
qui attestent de serieux efforts et dont quelques-uns sont de veritables Ser-
vices rendus. — Wir stehen demnach erst auf der Schwelle einer wahren
Balneographie, und man würde zur Zeit noch mit Depaul ("rapport sur les
prix 1855) sagen müssen: Si l'on demandait ä beaucoup de medecins sur
quelles donnees ils se fondent pour preferer certains etablissements ä, cer-
tains autres, pour choisir dans chacun d'eux une source, ä 1'exclusion de
sa voisine, qui a souvent la plus grande analogie de temperature et de
composition chimique, ils seraient certainement embarrasses pour repondre
d'une maniere satisfaisante, et. au lieu de resultats precis, deduits des faits
rigoureusement observes, on les verrait forces de s'en tenir ä des opini-
ons vagues trop souvent fondees sur les eroyanees p opnlaires.
426 * VI- Buch. Aphorism 48.
viel sichereren und für den Kranken weit bequemeren und wohl-
feileren Weg gehen, wenn wir, statt der Mischung der arznei-
lichen Stoffe, wie sie in jenen Wässern enthalten sind, jeden
Einzelnen davon, dessen Kräfte wir genau kennen, rein und un-
vermischt nach den vorhandenen Anzeigen zur Anwendung
bringen. Wir sind nämlich weit entfernt, die grosse Heilkraft
der Mineralwässer überhaupt zu leugnen, aber theils ist ihre
Wirkung, eben weil die Kriterien dazu fehlen, unsicher,86)
und theils besitzen wir die wirksamen Stoffe, wenigstens
der Hauptsache nach, in unseren Arzneien und dazu den
Schlüssel für die Anwendung einer Jeden. Dies wird genügen
zur Beleuchtung und zur Rechtfertigung des uns so häufig ge-
machten und von Unwissenden nachgesprochenen Vorwurfs,
als verachteten wir blindlings oder aus blossem Vorurtheile
die sämmtlichen Brunnen und Bäder, die doch ohne Zweifel
von der Vorsehung zum Wohle der leidenden Menschheit er-
schaffen sind. Für den erfahrenen Homöopathen aber ist kaum
die Erinnerung nöthig, wie unsicher der Erfolg wird, wenn ver-
schiedene Kräfte gleichzeitig wirken, während es gänzlich ausser
aller Berechnung liegt , Welche von diesen die Oberhand be-
hält, und schon aus diesem einfachen Grunde jede Mischung
von zweien oder mehreren Arzneien untereinander durchaus un-
statthaft ist.87)
48. Es ist gut, wenn bei Denen, welche an der Milz lei-
den, sich ein Durchfall einstellt,
86) „Unter den schweren Erfahrungen in der Medizin" — sagt Dr.
Herz, die künstl. Mineralwässer, S. 153 — „sind die Erfahrungen über die
Wirkungen der Bäder und Brunnen die schwersten und deshalb oft die
unzuverlässigsten."
87) L'unite, c'est la loi des lois. Arr^at.
VI. Buch. Aphorism 49. 427
Wir verweisen zu diesem Aphorism auf die Glosse zu dem
Aphorism VI, 43.
49. Anfälle von Podagra erreichen, nach beseitigter Ent-
zündung, innerhalb vierzig Tagen ihr Ende.
Die Aerzte unserer Zeit werden wenig Gelegenheit haben,
in ihrer eigenen Praxis in Bezug auf diesen Aphorism That-
sachen und Erfahrungen zu sammeln, weil diese Krankheit in
ihrer wahren Gestalt heutiges Tages sehr selten geworden ist.
Eiu Paar davon behandelte Fälle haben uns darüber belehrt, dass
die homöopathische Heilung derselben bei Weitem leichter und
schneller vor sich geht, als es nach den zahlreichen altern ärzt-
lichen Abhandlungen der Allopathie hat gelingen wollen. Unsere
Patienten waren theils durch Arn. und Sabin., Einer durch
Gau st., in wenigen Tagen von ihren Schmerzen gänzlich befreit,
und Sulph. verhinderte die Wiederkehr, die auch bei Zweien
davon noch Lebenden seit vier und sechs Jahren nicht erfolgt
ist. Aber, wie gesagt, die Krankheit steht allzu vereinzelt da,
um grosse Erfahrungen darüber sammeln zu können, und wir
haben keine Gelegenheit gehabt, die übrigen den Podagra-Symp-
tomen entsprechenden Mittel, vorzüglich: Acon., Ambr., Amin.,
Ars., Asa foet, Bry., Carb. veg., Gon., Graph., Guaj., Led., N.
vom., Ph. ac, Sep., Sil., Tar.; Thuj. und Veratr. zur Anwen-
dung zu bringen. Was also Hippokrates von der vierzigtägigen
Dauer des noch im vorigen Jahrhunderte so gefürchteten
Zipperleins sagt, wird wohl nur diejenigen Fälle betreffen,
wo die Krankheit sich selbst überlassen, und weder durch rich-
tige Mittel abgekürzt, noch durch Unrichtige über diesen
Termin hinaus verlängert wurde.
428 VI- Buch. Aphorism 50, 51.
50. Nach einem tiefen Einschnitte in das Gehirn erfolgt
nothwendiger Weise Fieber und Gall-Erbrechen.
Solche Verletzungen des Gehirns, welche bereits im Apho-
rism VI, 18 zu den tödtlichen Verwundungen gerechnet wur-
den und es auch in der Regel sind, erregen oft noch kurz vor
dem Tode die angeführten Erscheinungen, die indessen in dem
Verlaufe keine besondere Aenderung bringen. Die Rettung solcher
Verwundeten ist äusserst selten und wohl eben so wenig der
ärztlichen Behandlung zuzuschreiben, als Diese vermögend ist,
den unvermeidlichen Tod abzuwenden, der oft so schnell ein-
tritt, dass zu den angeführten Folgen keine Zeit übrig bleibt.
51. Wenn Gesunde plötzlich Kopfschmerzen bekommen,
die Sprache verlieren und schnarchen , so sterben sie
innerhalb sieben Tagen , es sei denn , dass sie von
einem Fieber befallen würden.
Dass in diesem Aphorism mit wenigen, aber unverkennba-
ren Zügen gezeichnete Bild des Schlagflusses ist wahrschein-
lich dem zweiten Buche der hippokratischen Schrift tcsqI vov6m>
entnommen, worin besonders in der 21. Krankengeschichte der
offenstehende Mund, die Bewustlosigkeit und der unbe-
wusste Harnabgang Dasselbe noch vervollständigen, und eben-
falls die Wahrscheinlichkeit des Todes bis längstens zum sieben-
ten Tage angegeben ist. Ausser dieser Krankheitsgeschichte
finden wir in demselben Buche noch ein Paar Andere , die dem
drohenden oder schon eingetretenen Schlagflusse entsprechen.
Aber in Keiner von diesen Allen ist von den. damals so belieb-
ten Aderlässen, sondern überall von heissen Bädern die
Rede. Dies steht offenbar im entschiedensten Widerspruche
mit der Verfahrungsweise unserer heutigen hippokratischen Aerzte,
VI. Buch. Aphorism 51. 429
bei denen Aderlässe88) und Begiessungen mit kaltem Was-
ser, oder gar Umschläge von Eis, zu Anfange die gewöhn-
liche Behandlung ausmachen. Wir haben nicht die Anmaassung
bei diesem Zwiespalt der Ansichten ein Urtheil auszuspre-
chen, sondern begnügen uns damit, die Thatsache zu konstatiren
und anzuführen , dass die Homöopathie weder von dem Einen,
noch von dem Andern Gebrauch macht. Die vorzüglichsten
Mittel , welche wir dabei zur Anwendung bringen , bestehen in
der Regel zu Anfange aus Acon., (bei hartem und schnellem
Pulse,) Op., (bei vollem und langsamem Pulse,) oder Lach., (bei
schwachem, aber beschleunigtem Pulse). Dann aber kommen
ausser Diesen nach Maassgabe der anamnestischen und be-
gleitenden Zeichen noch viele Andere zur Wahl, worunter
Beil., Camph., Cocc, Coff., Hyosc, Ipec, Lyc, Puls., Sep., Sil.,
Stram. und Thuj. die am Oeftersten Angezeigten sein dürften. Doch
wird der erfahrene Homöopath auch hier, wie bei allen übrigen
Krankheiten, sich an keine Lieblings mittel binden, sondern
jedesmal die Arznei so wählen, wie sie den am Meisten charak-
teristischen Symptomen am Meisten und Vollständigsten in ihren
Wirkungen entspricht.
Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unterlassen, in der
Kürze einer solchen Heilung Erwähnung zu thun, die den U eber-
tritt eines bejahrten Allopathen zur Homöopathie beschleu-
nigte. Im Jahre 1831 brachten die beiden DD. Fuisting und
Lutterbeck, wovon der Letzte früher Leibarzt des so berühmt
gewordenen Fürsten Blücher, beide aber schon seit einigen Jah-
88) „Aus klinischen Thatsachen erhellt" — sagt Copemann in seiner
Behandlung von Schlagflüssen — „dass Blutentziehung im Allgemeinen ein
so unwirksames Mittel bei Schlagflüssen ist, dass sie kaum den Namen
eines Mittels verdient, dass die Behandlung ohne Blutverlust die erfolg-
reichste war, dass die Sterblichkeit stieg im Verhältniss zu der öfteren Blut-
entziehung: je grösser der Blutverlust, desto grösser die Sterb-
lichkei t."
430 VI- Bucl)- Aphorism 51.
ren verstorben, an jedem Samstage die Abendstunden bei uns
zu, um über Homöopathie zu; sprechen. An einem solchen
Abende war es, wo unsere heute noch lebende, zwar sehr be-
jahrte, aber sonst sich völlig wohlbefmdende Köchin von einem
Seh lag anfalle betroffen wurde. Wir eilten alle Drei schnell
zu ihr, wo die alten Allopathen schleunigst eine Ader öffnen
wollten, was wir verhinderten und statt dessen eine kleine Gabe
des hier durchaus angezeigten Acon. gaben. Nach wenigen Mi-
nuten hatte die Bewusstlose ihre Besinnung wieder erlangt, aber
nun zeigte sich eine Lähmung der ganzen linken Seite des
Körpers. Unserer Versicherung, dass diese Lähmung bei der
Unterlassung des Aderlasses in kurzer Zeit gehoben sein würde,
wollte der erst halbüberzeugte Dr. L. keinen rechten Glauben
schenken. Inmittelst wurde die Gelähmte in ihr Bett getragen
und erhielt etwa eine Stunde später eine kleine Gabe Cocc.
Bereits um 7 Uhr des andern Morgens stellte sich Dr. L. wie-
der ein, um den Erfolg zu sehen, und, nachdem er die Schelle
gezogen, öffnete ihm zu seiner grössten Verwunderung die,
gestern Abend vom Schlagfluss mit halbseitiger Läh-
mung Betroffene in eigner Person die Thür, und versicherte,
dass in der Nacht die Lähmung ganz verschwunden sei, und
dass sie sich wieder so wohl fühle, wie jemals früher. — Dr.
L. ward in Folge dessen gründlich bekehrt, und blieb ein eifri-
ger und treuer Homöopath bis zu seinem Ende.89)
89) Am Ende des 4. Abschnitts der hipp. Schrift „von den Land-
seuchen" II. Buchs lesen wir: „Die Bewohner von Arnos , sowohl männ-
lichen als weiblichen Geschlechts, welche beständig Hülsenfrüchte ge-
nossen hatten, wurden an den Füssen gelähmt, und blieben es auch ihr
ganzes Leben hindurch. Diejenigen aber, welche sich der Erven als Speise
bedienten, litten an Schmerzen in den Knien." — Ob sieb diese Beobach-
tung auch heute bestätigt? — Merkwürdiger Weise wiederholt sich diese
Beobachtung das. VI. Buch 4, 11.
Beim Araber Ebn Baithar lesen wir vom Erbsenstroh, dass das
Schlafen darauf die Menschen lähmt und ihnen namentlich die Fähigkeit zu
gehen nimmt, und zwar so, dass sie später nicht wieder gesund werden.
VI. Buch. Aphorism 52. 431
Eine Hauptaufgabe für den homöopathischen Arzt ist die
prophylaktische Behandlung derjenigen Personen, deren so-
genannter ap oplektischer Habitus einen derartigen Anfall
befürchten lässt, oder die schon schwächere Anfälle davon erlitten
haben. Wir können hier natürlich auf diese Behandlung selbst
nicht näher eingehen, wollen aber doch mit wenigen Worten
dazu bemerken, dass neben den, genau homöopathisch gewähl-
ten Arzneien, hier durchaus auch noch die Diät und Lebens-
weise zweckmässig geregelt werden muss, ohne Welche die
besten und passendsten Mittel nicht im Stande sind, vor der
drohenden Gefahr zu sichern. Insbesondere sind dabei Massig-
keit in allen Genüssen und hinreichende tägliche Bewegung
im Freien so durchaus unentbehrlich, dass ohne Befolgung dieser
ersten diätetischen Lebensregeln der Zweck schwerlich erreicht
werden kann. Am Gefährlichsten und Nachtheiligsten sind aber
für solche Personen die, bloss palliativ wirkenden Aderlässe
und.Abführungen, welche eher im Stande sind, eine apoplek-
tische Disposition zu befördern, als eine Vorhandene zu beseitigen.
52. Mau muss auch auf das Durchscheinen des Augapfels
im Schlafe Acht geben. Denn wenn zwischen den
zusammengeneigten Augenlidern etwas vom Weissen
sichtbar ist, und dies weder von einem Durchfalle,
noch von einem Abführungsmittel herrührt : so ist Die-
ses ein sehr böses und tödtliches Zeichen.
In der Weise, wie Celsus (II, 8) diesen Aphorism wieder-
giebt, scheint er von der Ansicht ausgegangen zu sein; dass er
eine Fortsetzung des Vorhergehenden wäre. Dagegen spricht
aber sowohl die hippokratische Schrift 7t(toyva>6Ti%ov (III) als
noch mehr die verschiedenartige Eigentümlichkeit der Mittel
selbst, bei denen wir dieses, allerdings oft sehr bedenkliche
Symptom antreffen. Diese sind nämlich, in so fern Solches bis
432 VI- Buch. Aphorism 52.
jetzt beobachtet wurde, Folgende: Ant. tart., Arn., Beil., Bry.,
Caps., Coloc, Ferr., Hell., Ignat., Ipec, Law., Op.; Ph. ac.,
Samb., Strära., Sulph., Thuj., Veratr. und Zinc, und von Diesen
entsprechen eigentlich nur Beil., Ipec, Op., Stram. und Thuj.
dem Schlag flu ss. Der erfahrene Arzt weiss überdem, was
die genannten Mittel auch schon andeuten, dass dieses Symptom
auch noch bei Andern, als den erwähnten Krankheiten vorkommt
und unbedenklich ist, wie z. B. beim Wurmleiden der Kinder,
bei manchen hysterischen Anfällen, und dergleichen mehr,
ja dass es selbst Personen giebt, welche gesund sind und doch
mit sogenannten halboffenen Augen schlafen. Der geübte
Homöopath wird also diesem Symptome kein allzu grosses Ge-
wicht beilegen und Andere dagegen in den Hintergrund stellen,
die in vielen Fällen weit erheblicher sind und zur spezielleren
Charakteristik dienen. Wenn auch die Gefährlichkeit eines sol-
chen Symptoms, welches sich meistens nur aus der Verbindung
mit Andern beurtheilen lässt, in prognostischer Beziehung
für den Arzt keineswegs unwichtig ist, so gebührt doch in the-
rapeutischer Beziehung denjenigen Andern der Vorzug, welche
ihn in den Stand setzen, der obersten Pflicht des Arztes, näm-
lich den Erkrankten zu heilen, Genüge zu thun. Obgleich mit
Jenem vielleicht mehr Ehre einzulegen ist, so kann mit Diesem
doch weit eher das ärztliche Gewissen beruhigt werden.90)
Indessen ist die Erkennlniss der grösseren oder geringeren Er-
heblichkeit irgend eines einzelnen Symptoms nur dem Geübten
möglich, und der Anfänger wird jedenfalls wohl thun, ein
solches in dieser Hinsicht nur im Mindesten Zweifelhafte nicht
ausser Acht zu lassen, wenn er für die Wahl de= Mittels sein
Krankheitsbild in Erwägung nimmt.
yOj Ad utilitateui vitae omnia consilia faetaque nostra dirigenda sunt.
Tacitus.
VI. Buch Aphorism 5:'.. 433
5U. Die mit Lachen verbundenen Delirien sind weniger
gefährlich, als die von Ernsthaftigkeit Begleiteten.
Durch die wörtliche Uebernahme dieses Lehrsatzes, wie wir
sie beim Celsus (III, 18) linden, ist er um Nichts richtiger und
der Erfahrung entsprechender geworden. Abgesehen von dem
bekannten risus sardonius, der kaum hierher gehört, ereig-
nen sich bei Mehreren der gefährlichsten Krankheiten Delirien
und Geistesstörungen mit Lachen, welche auf Ap. mel.,
Beil., Cupr., Hyosc, Stram. oder Veratr. hindeuten, und eben
in diesem Symptome eine wichtige Anzeige für das Eine oder
Andere der genannten Mittel enthalten. Wir glauben daher, dass
Hippokrates in diesem Aphorism mehr die mit Lachen ver-
bundenen hysterischen Krämpfe vor Augen gehabt hat, welche
je nach den begleitenden Symptomen in Alum., Amm., Ant. tart.,
Ap. mel., Arn., Aur., Beil., Calc, Cann., Carb. an., Cocc, Com,
Croc, Cupr., Hyosc, Ignat., Lyc, Natr., Natr. mur., N. mosch.,
Phosph., Plat., See. corn., Selen., Sil., Stram., Sulph., Valer.,
Veratr., Zinc. oder einigen andern , seltener passenden Arzneien
ihr Heilmittel finden, übrigens nicht gefährlich sind.
Vielleicht dürfte es Manchem nicht unlieb sein hier zu er-
fahren, dass die erste Aufklärung über den risus sardonius
durch Hermolaus Barbarus (f 1493) in seinen castigationes Pii-
nianae 1492, und nach ihm durch Ruellius (f 1537) in seinem 1529,
(nicht, wie Sprengel sagt, 1546) zu Strasburg erschienenen
Kommentare zum Dioscorides (fol. 146 D.) gegeben ist, später
aber (1560) durch Mattioli (f 1577J wiederholt wurde und die-
sem Letzten, als dem Bekanntesten, deshalb gemeinlich, wie auch
sonst wohl geschieht, das Verdienst zugeschrieben wird. Dios-
corides erwähnt nämlich (II, 194) einer Pflanze: ßatQÜiiov %vow-
SeCTEQov, TiXelarov ev 2uQ§ovlu ysvopEvov, welche Einige für den
434 ^ *• I5uch- Aphorism 54.
Ranunculus lanuginosus, oderR. Philonotis halten.'11) Davon heisst
es nun: dass sie in Sardinien wachse, Sarcloa genaunL werde,
und dass nach dem Genüsse Derselben das Gesicht des Menschen,
besonders um den Mund, derartig sich verziehe, dass sie
gleichsam lachend sterben. Uebrigens erwähnt schon
Homer dieses Lachens (Odyss. XX, 362 j, und der Äusdruk selbst
gehört mithin der entferntesten Vorzeit an. — Auch von Colchi-
cum autumnale hat man in neuerer Zeit eine Art von risus sar-
donius beobachtet.
54. In akuten Krankheiten mit Fieber ist ein seufzendes
Athmen ein böses Zeichen.
Auch dieser Aphorism kann keineswegs als richtig, oder
vielmehr als allgemein gültig anerkannt werden, indem der seuf-
zende Athem nicht selten bei Kranken wahrgenommen wird,
bei denen zur Zeit wenigstens von Lebensgefahr gar keine Rede
ist. Dem Homöopathen wird Dieses sogleich einleuchten, wenn
er die verschiedenen Arzneien betrachtet, welche diese Abnor-
mität des Alhmens unter ihren Symptomen aufzuweisen haben,
und von ihrer Charakteristik auf die Krankheiten schliesst, denen
sie entsprechen. 92) Dahin gehören nämlich : Acon., Ant. crutl.,
91) Nach Andern, und vielleicht mit mehr Wahrscheinlichkeit, soll es
der Ean. illyricus sein, welcher beim Dioscorides: Silivov ciyQLOV, beim
Plinius (24, 17): Gelatopbyllis, beim Apulejus: herba scelerata, und bei
mehreren Kräutlern: Ean, sardonius, Apium sardonium, Sardonia herba, Sar-
doa und Sardoa herba genannt wird.
92) Es ist, so viel wir wissen, noch niemals hervorgehoben, dass die
Rademacher'sche Schule dadurch ungemein erleichtert wird und daher so
schnell in Aufnahme gekommen ist, Jass ihre ganze Materia medica sich
auf kaum üü Mittel beschränkt, während die Homöopathische 222 (nach
Noack und Trinksj bis 237 Mittel (nach Jahr) zählt, ungerechnet die noch
etwa 20 Neueren, weiche später geprüft sind. Dieses Missverhältnisa isi
und erscheint in der Wirklichkeit aber noch weit grösser, wenn man sich
VI. Buch. Aphorism 54. 435
Arg., Ars., Beil., ßry., Calad., Caps., Cham., Chin., Cina., Cocc,
Cupr., Euphorb., Graph., IgnaL, Ipec, Kali, Lach., Laur,, Merc,
Mur. ac, IN. vom., Op., Puls., Ran. scei., Scill., See. corn.,
Seleu., Sil. und Stram. Wenn auch Mehrere davon bei sehr
gefahrlichen Krankheiten zur Anwendung kommen, so ist das
doch hei Weitem nicht mit Allen der Fall, und es würde vor-
eilig sein, daraus auf eine ungünstige Prognose zu schliessen.
Ueberhaupt aber ist. dieses Symptom gewöhnlich von so unter-
geordnetem Range, dass der erfahrene Homöopath ihm nur
selten eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken nöthig fin-
den wird.
Wir glauben bei dieser Gelegenheil darauf aufmerksam
machen zu dürfen, wie sehr eine vollständige Mittelke nntniss
in Beziehung auf ihre, am Gesunden erregten Symptome den
Homöopathen in den Stand setzt, über den wahren Werth solcher
einzelnen Erscheinungen und Zeichen am Kranken ein Urtheil
zu fassen. 93) Einige von Diesen sind allerdings sowohl für die
Prognose, als für die Mittel wähl, von der grössten Wichtig-
keit; bei Andern, und wohl bei den Meisten ist dies weniger
von dem einzelnen Symptome selbst, als von der Verbindung
abhängig, worin sie mit den Uebrigen vorkommen.94) Die
überzeugt, wie unter Rademacher's „Universalniitteln" und „Organheil-
mitteln" es sich jedesmal nur um sehr wenige Arzneien handelt, wogegen
fast Alle der Letzteren sich auf fast alle Organe beziehen, so dass die
richtige Wahl in konkreten Fällen eben durch diese übergrosse Menge oft
grosse Schwierigkeiten darbietet. Dies mag allerdings einen wesentlichen
Grund abgeben für das leichtere oder schwierigere Uebergehen von einer
Schule zur Andern , wenn man auch die Unhaltbarkeit der Einen und die
Insuffiziens der Andern vollständig erkannt hat.
93) Je mehr der Arzt mit den spezifischen Wirkungen und Eigenthüm-
lichkeiten der Heilmittel vertraut ist - und das wird er nur durch lange
und vielseitige Erfahrung (und durch Prüfung an dem Gesuuden), — desto
glücklicher wird er heilen.
94) Es ist bekannt, dass viele Arzneien Wechselwirkungen her-
vorbringen, das heisst Solche: welche das Gegentheii von Andern sind, und
28*
436 VL Buch. Aphörism 54.
Homöopathie erfreut sich daher in dieser Beziehung einer weit
grösseren Sicherheit, als die Allopathie, die durch ihre genera-
lisirende Tendenz auch mehr das Allgemeine berücksichtigt und
der Anzeigen entbehren muss, die aus der Gesammtheit der
Zeichen entnommen sind. 95) Jeder vorurteilsfreie Arzt muss
dessenungeachtet zu den Erst-Wirkungen gerechnet werden müssen, obwohl
selten oder nie Beide für den Heilzweck einen gleichen Werth haben.
Welche von ihnen aber die Brauchbarste ist, kann nur die Erfahrung leh-
ren, obwohl auch der sonstige Genius jeder Arznei von Vorne herein
meistentheils schon einen gültigen Schluss darüber zulässt. Man hat sich
aber wohl zu hüten, für solche eigentliche Wechselwirkungen diejenigen,
freilich nur s cheinbaren Widersprüche zuhalten, wie sie nicht selten
vorkommen und den Anfänger leicht irre machen können. Von diesen
Letztern mögen ein Paar Beispiele dies erläutern: — Man weiss von der
N. vom., dass ihre Beschwerden beim Gehen in der freien, kühlen Luft
sich verschlimmern, und dass dessenungeachtet derjenige Erkältungs-Schnupfen,
wogegen sie sehr oft angezeigt ist, im Freien zu fiiessen aufhört, beim
Eintritt in die warme Stube aber sogleich als Fliess-Schnupfen sich wieder
gestaltet. Wenn man aber bedenkt, dass stockende Absonderung dem Ge-
nius der Brechnuss entspricht: so wird man leicht einsehen, dass hier die
warme Stubenluft durch Lösung des Schleims eine Art von Besserung,
nicht von Verschlimmerung bedingt. — Eben so weiss man von der Bryo-
nia alba, dass Verstopfung und abendliche Verschlimmerung zu ihrer Charak-
teristik gehören, und dennoch giebt es einen, bloss in den Morgenstunden
eintretenden schmerzhaften Durchfall, welcher sehr oft in der Bry. sein
sicheres Heilmittel findet. Hier ist aber der Durchfall in der Frühe das
Gegentheil von der Obstruktion mit abendlicher Erhöhung, mithin nicht so-
sehr als Wechselwirkung, sondern vielmehr als lösender Gegensatz zu be-
trachten.
95) In Dr. A. Winkler's Theorie der physiologischen Arzueiwirkuiigen
(Berlin 1861) lesen wir: „Dass auch die Fortsehritte auf pathologischem
und physiologischem Felde in sofern von praktischem Nutzen sind, als sie
dazu dienen können, zur. Verhütung von Krankheiten oder zum Zwecke
diätetischer Behandlung bestimmte Regeln abzugeben, ist klar; aber für
die eigentliche Heilkmist ist dadurch wenig gewonnen , da die Erkennung
einer Krankheit selbstredend ganz verschieden ist von der Kunst , dieselbe
zu heilen, und hier dasselbe Verhältniss besteht, wie zwischen Wissen und
Können überhaupt. Deshalb verzichtet denn auch die neuere Medizin , die
sich die physiologische oder rationelle nennt, mit einzelnen Ausnahmen
ganz auf die direkte Hebung der Krankheiten durch Arzneien, und erwar-
tet die Heilung lediglich von der Selbsthülfe der Natur, in den Arzneien
VI. Buch. Aphorisin 54. 437
es daher vollkommen gerechtfertigt finden, wenn wir ein so
überwiegendes Gewicht auf die eigenth ümlichen Wirkun-
gen96) der Arzneien legen, die unveränderlich sind, und die
Kenntniss derselben weit höher schätzen, als alle pathologi-
schen und therapeutischen Theorien,97) die fast mit
jedem zweiten oder dritten Lustrum einer Andern weichen müs-
sen, und die in der heute herrschenden physiologischen
theils überflüssige, theils schädliche Dinge und höchstens nur Palliativmit-
tel erblickend."
96) Primum in corpore sano medela tentanda est, sine peregrina ulla
miscela; odoreque et sapore ejus exploratis exigua illius dosis ingerenda
et ad omnes, quae inde coutingunt affectiones, qui pulsus , qui calor, quae
respiratio, quaenam exeretiones, attendendum. Inde ad ductum phaenome-
norum, in sano obviorum, transeas ad experimenta in corpore aegroto.
Haller, Pharm, helv. praefatio.
So sehr man sich in der neueren Zeit bemüht hat , den Genius der
Arzneien in seinen Hauptzügen darzustellen : so hat man dabei doch fast
gänzlich etwas sehr Wesentliches übersehen, was zur Erfüllung des Aehn-
lichkeits-Gesetzes bei der Mittelwahl von erheblicher Wichtigkeit ist. Wir
meinen damit nicht allein die Wechselwirkungen (Organ, g IIb),
welche bei einigen Arzneien (z. B. bei Bry.) andauernd, bei Andern (z. B.
Acon., Ignat., Puls.) in abgesonderten, mit den Haupt-Erstwirkungen alter-
nirenden Anfällen vorkommen, sondern auch noch die isolirten Anfälle,
wo die Beschwerden gruppenweise in abgesonderten Paroxismen auftreten
(wie z. B. bei Cham., Cupr., Caust., Cocc, Sil. u. A.), nach deren Ablaufe
der Kranke für den Augenblick über Nichts weiter zu klagen hat. Solche
Anfälle wiederholen sich dann öfter oder seltener, zuweilen mehrmals bin-
nen Tag und Nacht, zuweilen auch nur periodisch zu bestimmten Tages-
zeiten, oder nach Verlauf mehrer Tage oder Wochen, bieten aber stets die
besondere Erscheinung dar, dass während der Zwischenzeit keine namhafte
Krankheits-Symptome vorhanden sind , die bei andern remittirenden oder
intermittirenden Krankheiten niemals ganz fehlen.
97) „In Deutschland" — sagt Dr. Rüssel in Brit. jouru. of. Hom.
Oct. 1851) — „scheint man es für nöthig zu halten, die Uhr erst zu zer-
legen, um zu sehen, ob sie auch gehen wird."
Es ist bekannt, dass der berühmte Stahl in den letzten Jahren seiner
Praxis für alle Krankheiten und Beschwerden nichts Anders verschrieb, als
einige Grane Meersalz. Eben so war einer der berühmtesten und glück-
lichsten Aerzte, die jemals in Münster gelebt haben, am Ende seiner lan-
gen Laufbahn dahin gekommen, seinen Kranken nur noch Brodpillen
zu verordnen.
438 VI Bllch- Aphorism 54.
Schule,98) wie wir täglich erfahren, wohl zur Erkenntniss, aber
keineswegs zur Heilung der Krankheiten, im Vergleiche zu dem
zuletzt abgelaufenen Jahrhunderte, irgend welche erhebliche Fort-
schritte gemacht haben. ") Zur Rechtfertigung dieses, vermessen
scheinenden Ausspruchs bedarf es nur der einfachen Hinweisung
auf die Cholera,100) die Nervenfieber, die Ruhren, die
Bräune u. s. w. , und auf die dabei erzielten Erfolge, wobei
wir stets wieder die alten widersprechenden Ansichten, die
stete Verschiedenheit der Behandlung, und nirgends erfreu-
lichere Resultate oder grössere Sicherheit sehen.1)
98) Broussais stiftete eine Schule, die er ebenfalls eine Physiologische
nannte, aber von der Heutigen gar verschieden war. Nur darin stimmen
Beide überein, dass sie auf die spezifischen Wirkungen der Arzneien keinen
Werth legen und ihre Gegner Ontologisten oder dergleichen nennen.
Die ältesten Spuren von Physiognomik und Phrenologie finden wir im
Plinius (hist. nat. XI, c, 114, No. 275) in einem Fragmente aus Trajus
Pompejus. Die Zeichen sind hier von der Stirn, von den Augenbrauen,
von den Augen und von den Ohren entnommen.
Schönlein ist der Eepräsentant der naturhistorischen Behandlung der
Pathologie und Nosologie; Hahnemann, der Begründer der naturhistorischen
Behandlung der Arzneimittellehre. Beide stiften die uaturhistorische Schub1
und stellen würdig die Arziieikunst in die Eeihe der Naturwissenschaften,
wohin sie von Anfang an gehört. So kommt Alles, was kommen muss.
zu rechter Zeit; wenn es von den Zeitgenossen nur immer richtig begrif-
fen und treu und thätig gepflegt würde, dann kann es auch an einer natur-
gesetzlichen Therapie nicht fehlen.
Dr. Fieliz, A. H. Z. XX, S. 153.
99) Der alten Therapie hat die Wissenschaft allen Boden unter den
Füssen geraubt. Goldschmid.
100) Der Graf von Bonneval hat in seiner, auf grosse Zahlen au^
vielen Ländern gebauten Statistik der asiatischen Cholera das Re-
sultat gewonnen, dass bei der allopathischen Behandlung im Durch-
schnitt 5l72 Prozent, bei der homöopathischen 8% Prozent von den
daran Erkrankten gestorben waren. — Auf demselben Wege hat Derselbe
in Bezug auf Pneumonien gefunden, dass von deu davon Befallenen,
und ohne Aderlass oder Blutigel Behandelten 15 Prozent, mit solchen
Blutentziehungen 30 Prozent, homöopathisch Behandelten aber nur 5
Prozent gestorben waren.
I | .,On a preconise" — sagt der gelehrte Professor Grissolle 1. 743
— „contre lc Cholera presque tous Ies agents dont Ia therapeatique dh-
VI. Buch. Apborism 55. 439
55. Die Anfälle von Podagra erscheinen meistens im
Frühjahre und im Herbste.
pose." — Und in der Comp, de med. prat. II, 273 heist es bei Gelegen-
heit dieser Krankheit: „La voix publique nous a taxe d'ignorance, pnisque
nons ne pouvions triompher du mal qui decimait la population. N'enest-il
pas de meme ä chnque fois qu'une epidemie vient s'appesentir sur de nom-
breuses populations? Sommes-nous plus habiles a guerir le typhus, la peste,
la fievre jaune, la scarlatine, la rougeole, qu' k guerir le Cholera? — Non
assurement!" —
, sodann muss man zwischen pathologischem und therapeutischem
Wissen und Könuen wohl unterscheiden und darf Demjenigen, der in der
Pathologie bewandert ist, seiner blossen palhologischen Kenntnisse wegen
noch keine Stimmberecntigung in der Therapie zuschreiben.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 48.
Was ist denn die sogenannte physiologische Schule, vorzüglich in the-
rapeutischer Hinsicht, anders, als was auf religiösem Gebiete der Atheis-
mus? Sie kann, wie Letzterer, blenden und verblenden, und in ihrem
Scheinglauze selbst gescheidte Leute eine Zeit lang gefangen halten; eine
Zukunft hat sie ebenso wenig, wie Dieser, da sie nur eine Negation ist.
Dr. Battmann (A. H. Z., Bd. 50, S. 39).
Zu keiner Zeit waren die Behandlungsweisen einzelner Krankheiten
so verschiedenartig, als heutiges Tages, zu keiner Zeit die Therapie im
Allgemeinen so grundsatzlos. unsicher und schwankend als jetzt.
Dr. Bonorden, Pr, Med. Z. 1862, S. 44.
On l'a eonstante, les medecins no s ographes, anatomistes, expec-
tants, ne s'occupant nullement de traiter les malades, en sont venu ä
etudier, chacun ä des points de vue differents, les phenomenes du corps
humain, comme ils etudieraient les phenomenes geologiques ou astrono-
miques, avec curiosite et indifference. — Ce ne sont plus des medecins,
mais des naturalistes, des membres de l'Academie des curieux de
la nature, qui commettent ici le sophisme de prendre l'object de la me-
decine pour le but meme de cette science. — Quant au Systeme de Brous-
sais, il a eu nn singulier avantage, cclui de faciliter les etudes des ana-
tomistes. en leur donnant l'occasion de faire im tres grand nombre
d'autopsies, — Les statisticiens qui ont paru se montrer un instant plus
soucieux de la vie des hommes, ont abouti, en definitive, aux memes resul-
tats que leurs devanciers. Et, comme nous l'avons dit plus haut, la me*
thode numerique, par ses mecomptes poussant au scepticisme, a prepare le
regne de l'ecole expectante.
Dr. Gallavardin, exper. p. 49.
Das bekannte, vielfach bewährte Sprüchwort: les extremes se touchent!
darf man mit Fug und Recht auf die heutige praktische Medizin anwenden.
Wenn der Eine „Anker" von Leberthran und grosse ,. Flaschenzüge" von
440 ^" Buch. Aphorism 55,
Wir haben früher (in der Glosse zum Aph. VI, 28) bereits
erwähnt, dass das wahre Podagra eine Krankheit ist, die heu-
Zittmann in Thätigkeit setzt, um irgend ein Leiden zu bemeistern: so wen-
det der Andere dazu Stoffe an, welche, wie die beliebten Alkalo'iden , nur
zu Viertel oder Zehntel Granen oder zu noch Weniger vertragen werden
und als heftige Gifte durch den geringsten Missgriff das Leben gefährden'
Aber nicht die Gefährlichkeit dieser Letztern allein ist es, was bei ihrer
Anwendung gerechtes Bedenken erregen sollte, sondern wohl noch mehr
die Unsicherheit ihrer Wirkung, wobei mit unbegreiflichem Leichtsinn von
der durchaus mehr als problematischen Behauptung ausgegangen wird, dass
diese Alkaloi'de die sämmtlichen und unveränderten Kräfte der Urstoffe in
konzentrirter Gestalt enthalten. — Wir haben schon vor einem Paar Jah-
ren die Aufmerksamkeit unserer Collegen in dieser Beziehung auf das
Strychnin gelenkt, und wollen hier nur mit wenigen Worten die damaligen
Bedenken wiederholen. — Dieses Alkalo'id (Strychnin) ist bekanntlich so-
wohl in der Nux vomica als in der Ignatia amara enthalten , wird aus
Beiden dargestellt und ist von beiden Präparaten in allen chemischen Be-
ziehungen vollkommen identisch. Demgemäss sollen dann auch folgerich-
tig Beide durchaus gleiche Arznei-Kräfte besitzen. Aber die wahre und
eigenthümliche arzneiliche Wirkung dieser beiden Stoffe im rohen Zustande
ist bekanntlich so durchgreifend verschieden , dass bei der Anwendung nie
und nirgends der Eine statt des Andern mit Erfolg gegeben werden kann ;
während von jedem der beiden Strychnin-Präparate noch die genauen Ver-
suche am lebenden Organismus fehlen, und man nicht weiss, ob das Eine
so wie das Andere, oder ob Beide gieichmässig , und dann natürlich auch
von jenen Beiden verschieden wirken. Daraus folgt mindestens so viel,
dass entweder das Strychnin nicht die ganze spezifische Arzneikraft der
N. vom. und der Ignat. enthalten, mithin auch nicht als Surrogat für Diese
angewendet werden kann, oder dass die heutige Chemie, ebenso wenig wie
H. Davy vor 50 Jahren (als. er die Blätter der Belladonna und des brau-
nen Kohls zerlegte), zu entdecken vermag, was in den arzneilichen Stoffen
die besondere und verschiedene Wirkung hervorbringt. Die Erste von
diesen beiden Alternativen ergiebt sich im Grunde schon aus den verschie-
denen Präparaten, die man aus China, Opium u. A. dargestellt hat; die
Zweite aber verdient ohne Zweifel eine sorgfältige und umsichtige Prüfung.
— Uebrigens ist noch erVähnenswerth, dass es trotz aller Mühe noch nicht
gelungen ist, von manchen heftigen Giftpflanzen, wie z. B. von dem Wasser-
schierling (Cicuta virosa L.) das Alkalo'id darzustellen, obwohl Diese zu
den Allergiftägsten unseres Vaterlandes gehört und man sich sogar vermes-
sen hat, die Pflanze selbst für unschädlich zu erklären , sobald man das
gelbe , bloss im Wurzelstocke vorfiudliche Harz entfernt.
Im Beginne unseres Jahrhunderts schreibt Professor Bichat (Anat. gen
T. VI, p. 18): — „Ce n'est point unc seien ce pour un esprit metliodique :
c'est un assemblage informe d'idees inexaetes, de moyens illusoires, de for-
VI. Buch. Äphorism 55. 441
tiges Tages zu den Seltensten gehört. Die öftere Wiederkehr
dieses Krankheit s- Namens lässt uns aber fast vermuthen, dass
dessen Bedeutung weiter und auf alle Gelenk- und Glieder-
Schmerzen der untern Extremitäten ausgedehnt werden
muss. Wenn dem wirklich so wäre, so würde dieser Aphorism
dadurch an seiner Richtigkeit Nichts verlieren. Es läge aber
hier wieder ein Beleg dafür vor, wie vielerlei, unter sich ganz
verschiedene Beschwerden unter einem Namen zusammen-
gefasst werden, und wie wenig es dabei möglich ist, das Heil-
verfahren nach einer allgemein gültigen Schablone einzurichten.
Mit vollem Rechte hat daher Hahnemann gegen solchen Namen-
Unfug geeifert, welcher noch immer in vollem Flore steht und
nur darin sich von dem der Vorzeit unterscheidet, dass man
jetzt zu den alten Namen noch Neue fabrizirt, bei deren
mules aussi bizarrement concues que fastidieusement assamblees. — On
dit que la pratique de la medecine est rebutante ; je dis plus, eile n'est
pas, sous certain rapport, celle d'un homme raisonnable , quand on puise
les principes dans la plupart de nos matieres medicales." — Und dass
heutiges Tages die Sache noch auf demselben Flecke steht, versichert neuer-
dings Professor Forgat (Des obstacles etc.) mit den Worten : „Le jugement
severe inflige par Bichat fut toujours et est encore une verite."
La medecine actuelle est deviee de ses voies naturelles; eile a perdu
de vue son but, son noble but: celui de soulager ou de guerir. La the-
rapeutique est rejetee sur le dernier plan. Sans therapeutique, cependant,
le medeein n'est plus qu'un inutile naturaliste passant sa vie a reconnaitre,
a classer et dessiner les maladies de l'homme. C'est la therapeutique qui
eleve et ennoblit notre art; par eile seule , il a un but, et j'ajoute que.
par eile seule, cet art peut devenir une science.
A. de Latour, Union med.
Broussais et Brown ont fait reculer la therapeutique de la plupart des
maladies de plus d'un siecle.
Dr. Debreyne, essai anal, et synth.
Experimenter, c'est ce que ces messieurs ne veulent pas faire. Con-
damner sans entendre, sans examen, ä la bonne heure! Mais que le pre-
mier venu, dans un Journal de medecine quelconque, preconise un medica-
ment nouveau, aussitot chacun de l'essayer, de l'adopter. Peut - on ima-
giner inconsequence plus grande?
l'Homoeopathe beige. V, 3, 34.
442 VI- Buch. Aphorism 56.
Aussprache man Gefahr läuft, sich die Zunge zu verstauchen,
ohne dass sie selbst auch nur den mindesten praktischen Nutzen
gewährten. 2)
56. Bei schwarzgallichten Krankheiten sind in diesen Jah-
reszeiten die Versetzungen gefährlich, indem sie auf
Schlagfluss , Konvulsionen , Geistesverwirrung oder
Blindheit hindeuten.
Die der schwarzen Galle, die oft nur vorausgesetzt
wurde, zugeschriebenen Krankheiten spielten zu den Zeiten des
Hippokrates eine überaus grosse Rolle, und es gehörten dazu
auch die Angegebenen. Hier soll, wie es scheint, nur hervor-
gehoben werden, dass solche Versetzungen auf andere Theile
und Organe in den, im vorhergehenden Aphorism [ig tdds) ge-
nannten Jahreszeiten, Frühling und Herbst, am (Häufigsten
und) Gefährlichsten seien. Wenn wir auch zugeben wollen, dass
zuweilen derartige Krankheiten in den genannten Perioden mit
grösserer Heftigkeit auftreten, so können wir uns doch schwer-
lich mit der etwas allzu materialistischen Ansicht von sol-
chen Metastasen einverstanden erklären, noch viel weniger
aber auf eine solche zweifelhafte Voraussetzung einen Kurplan
bauen.
2) Gegen Krankheiten, deren Sitz in dem Innersten des Körpers und
in der Mischung der Säfte selbst ist , geben wir ganz dreist Arzneien,
welche uns die angemessensten scheinen, und wissen ihre Wirkungen mit
einer fast mathematischen Genauigkeit auszurechnen und vorherzusagen
aber im Podagra, dessen Sitz, Fortgang und Ausgang wir vor Augen
haben weigern wir uns, etwas anders zu thun, als dass wir den Fuss mit
Flanell umwickeln lassen, den Kranken zur Geduld ermahnen, und weite
Schuhe verordnen.
Dr. Stevensohn, über das Podagra.
VI. Buch. Aphorism 57, 68. 443
57. Der Schlagfluss aber tritt meistens in dem Alter vom
vierzigsten bis zum sechzigsten Lebensjahre ein.
Dieser Aphorism schliesst sich dem Vorhergehenden an,
was nicht nur durch das Wörtchen „aber" (8 s) angedeutet,
sondern auch ausdrücklich von Galenus behauptet wird. Hier
wäre also die Rede von einem, durch die schwarze Galle
herbeigeführten Schlag flu sse, den man zu unseren Zeiten der
„überwiegenden Venosität, den Stagnationen im Pfortader-
System, den Saburralversessenheiten im Darmkanale",
und Dergleichen zuschreibt. Wir wollen Dem nicht widerspre-
chen, und auf solche, meistens bloss vermulhete Ursachen nicht
näher eingehen. Das Wenige, was sich über die homöopathische
Behandlung des Schlagflusses hier überhaupt sagen lässt,
findet sich bereits in der Glosse zu dem Aphorism II, 42. Die-
sem glauben wir hier noch beifügen zu müssen, dass für den
hier gemeinten Blutschlag, ausser den dort genannten Mitteln,
noch besonders: Ant. crud., Ant. tart., Ars., Aur., Beil., Calc,
Coff., Ferr., Hyosc, Ipec, N. vom., Ph. ac, Puls., Rhus, Sarah.,
Sep., Stram., Thuj. und Veratr. sich zur Wahl stellen.
58. Wenn das Netz austritt, muss es nothw endig in faule
Eiterung übergehen.
Bei der Kürze und Undeutlichkeit dieses Aphorims, der
deshalb manchem Kommentator einige Schwierigkeit gemacht hat,
scheint es doch keinem Zweifel zu unterliegen, dass Hippokrates
hier einen hervorgetretenen und dabei eingeklemmten
Netzbruch (Epiplocele) gemeint hat, der bekanntlich meistens
vermittelst der Taxis schwieriger zurückzubringen ist, als der
Darmbruch. Eben so ist es bekannt und durch die Erfah-
rung bestätigt, dass der ausgetretene Theil des Netzes sehr
444 VI- Bl*ch. Apliorism 58.
bald in Eiterung übergeht, und schneller, als dies gewöhnlich
beim Netzdarmbruch (Enleroepiplocele) geschieht.
Anstatt aller Angaben über die heutige allopathische Be-
handlung der Brüche überhaupt wollen wir nur kurz erwähnen,
was der berühmte und viel erfahrene Dietzenbach (in der
med. Zeit. v. d. Verein für Heilkunde in Preussen 1833, No. 2)
darüber sagt: — „Die tiefen anatomischen Untersuchungen der
Bruchgegenden berühmter Anatomen neuerer Zeit haben für den
glücklichen Erfolg der Operation eingeklemmter Brüche wenig
Nutzen gestiftet, ja man möchte sagen — geschadet." — Und
später daselbst: „Ich glaube mit Recht behaupten zu können,
dass wir in der neueren Zeit in operativer Hinsicht bei den
Brüchen durch unser übermässiges Streben nach Gründlichkeit
sehr weit wieder zurückgekommen sind. Wir Deutschen haben
überhaupt einen eigenen Stolz auf unsere Gelehrsamkeit; in
praktischen Dingen vermögen wir aber sehr wenig dadurch,
wo es auf klare Anschauung, gesunden Menschenverstand, scharfe
Sinne und den geschickten Gebrauch unserer Gliedmaassen an-
kommt. Scarpa, die Hesselbache, Seiler, Langenbeck
und Andere haben zwar ihre grossen Verdienste in anatomischer
Beziehung, aber keines ihrer Werke kann sich, was die Praxis
anlangt, mit dem von Richter messen, und wie wenige Wund-
ärzte haben Samuel Gottlieb Richter's Schreibart erreicht!
Vielen dünkt diese edle Einfalt zu geringe; sie glauben der
Wissenschaft durch allerlei künstliche Systeme und eben solche
Schnörkel und Zierrathen in der Sprache einen Gefallen zu thun,
und wähnen, das sei, Gelehrsamkeit, weil der Beschränkte da-
durch geblendet wird."3) — Wir dürfen uns glückwünschen, dass
kein Homöopath eine solche Sprache geführt hat.
3) Der in der Geschichte der Medizin berühmte Araber Arrasi (Ehazes)
erblindete im Alter, und verweigerte die Operation einem geschickten Au-
genarzte, weil dieser ihm die Zahl der Häute im Auge nicht richtig ange-
ben konnte.
VI. Buch. Aphorism 58. 445
Die Homöopathie heilt alle Arten von Brüchen, wie jede
andere Krankheit, durch vorschriftsrnässige innere Anwendung
der, hei jedem Falle durch die Gesammtheit der Symptome an-
gezeigten Mittel, wohei nur in den wenigsten Fällen eine manu-
elle Beihülfe der Taxis erforderlich, und gewöhnlich eine richtige
Körperlage genügend ist. Sie hat für die verschiedenen Arten
derselben eine grosse Auswahl von Arzneien , worunter nicht
leicht eine Solche vermisst wird, welche den dabei vorkommen-
den wesentlichen Zeichen hinreichend entspräche. Die haupt-
sächlichsten Bruchmitte] sind: Acon., Alum., Asar., Aur., Beil.,
Bry., Calc, Caps., Cham., Cocc, Coloc, Guaj., Lach., Lyc, Magn.,
Nitr. ac, N. vom., Op., Phosph., Plumb., Puls., Bhus, Sep., Sil.,
Staph., Sulph., Sulph. ac, Thuj., Veratr. und Zinc. ; wovon für
die eingeklemmten Brüche am Häutigsten die Wahl schwankt
zwischen: Acon., Alum., Aur., Beil., Calc, Caps., Cham., Coloc,
Lach., Lyc, Nitr. ac, N. vom., Op., Plumb., Sil., Sulph., Sulph.
ac. oder Veratr, Die Entscheidung für das Eine oder das An-
dere von diesen Mitteln ist abhängig von der Bruchstelle
selbst, aber noch weit mehr von den dabei wahrzunehmenden
Empfindungen und von dem äusseren Aussehen derselben,
so wie noch ganz besonders von den begleitenden Sympto-
men, weil der Bruch kein für sich ganz allein dastehendes Lo-
kall eiden ist, oder es doch mindestens nicht lange bleibt,
sondern jedesmal und oft sehr heftig den übrigen Organismus
in Mitleidenschaft zieht, deren Natur und therapeutische
Anzeigen sich bald deutlich genug erkennen lassen. Dass wir
dabei, wenn wir rechtzeitig herbeigerufen werden, von der Ope-
ration Nichts wissen wollen, versteht sich von selbst, und wenn
das Uehel bereits eine solche Höhe erreicht hat, dass Brand
oder Eiterung eingetreten ist, so dürfen wir nur unter den
gemessensten Vorbehalten dazu unsere Einwilligung geben. Wo-
fern aber schon eine allopathische Behandlung vorhergegangen
ist, so ist doppelte Vorsicht nöthig und, wo immer möglich,
446 V1- Buc!,: Aphorism 59, 60.
unsere Beiheiligung ganz abzulehnen. Dieser letztere Ralh ist
am Nothwendigsten den jungen Homöopathen zu geben, deren
Ruf noch nicht fest genug begründet steht, um den Vorwürfen
Trotz bieten zu können, wenn etwa der zu befürchtende und in
einem solchen Stadium oft unvermeidliche Tod des Patienten,
wie man schwerlich ermangeln wird, ihm und der Homöopathie
zugeschrieben wird.
59. Wenn bei einem, an langwierigem Hüftweh-Leidenden
der Kopf des Schenkelbeins aus der Pfanne heraus
und wieder hinein tritt, so sammelt sich dort die Ge-
lenk-Feuchtigkeit an.
60. Wenn bei einem, an langwierigem Hüftweh-Leidenden
der Kopf des Schenkelbeins völlig aus der Pfanne
herausgetreten ist, so schwindet der Schenkel, und er
wird damit lahm, wenn er nicht gebrannt wird.
Das, in diesem letzten Aphorism von Hippokrates zur Hei-
lung der Coxalgie als einziges Mittel angerathene Glüh eisen
ist noch heutiges Tages bei den Aerzten, wenn auch nicht das
Alpha, so doch in der Regel das Omega. Langenbeck,
Rust, Chelius, Brandts, Jörg, Volpi und viele andere un-
serer allopathischen Koryphäen kommen immer wieder auf diese
hippokratische Kur zurück, nachdem vorher mancherlei an-
dere Dinge vergeblich versucht waren. Man würde dabei den
Mangel an dein juc und e allenfalls übersehen können, wenn der
Erfolg nur tuto wäre. Aber dem ist leider! nicht so, und von
den vielen, durch das Hüftweh in der allopathischen Kur lahm
Gewordenen wird man nur Wenige finden, die unter andern
Schmerzmitteln nicht auch schon die Annehmlichkeiten des Glüh-
cisens geschmeckt hätten. Es lässt sich deshalb nicht in Ab-
rede stellen, dass diese sehr häufig vorkommende Beschwerde,
VI. Buch. Aphorism 60. 447
wie so manche Andere, zu Denjenigen gehört, wobei die allopa-
thische Heilmethode sehr Vieles zu wünschen übrig lässt.
So schwierig und unsicher die Heilung der Coxalgie auch
für den Homöopathen ist, wenn das Uebei lange gedauert, „alies
Mögliche", auch das Glüheisen bereits angewendet, und nun
die Verwachsung des Hüftgelenks bereits ausgebildet ist,
so leicht und sicher ist die homöopathische Heilung derselben,
wenn sie erst neu entstanden und noch in keiner Weise, weder
innerlich noch äusserlich, behandelt war. In solchen Fällen bieten
sich allerdings gar viele Mittel zur Wahl dar, und es können
nach den Umständen alie Folgende angezeigt sein : Äcon., Ambr.,
Ap. mel., Arg., Arn., Ars., Asa foet., Aur., Beil., Bry., Calc,
Canth., Caust., Cham., Coloc., Creos., Dig., Dros., Graph., Hep.,
Led., Lyc, Merc, Mezer., N. vom., Oleand., Petr., Phosph., Puls.,
Rhus, Ruta., Sabin., Sep., Sil., Staph., Sulph., Thuj. und Zinc.
Aber die Art der Schmerzen und das Verhalten derselben
nach Zeit, Lage und Umständen befördern sehr die Wahl.
Dabei tritt noch zu Anfange der sehr erleichternde Umstand
hinzu, dass bei der oft. vorkommenden Verkürzung des Beins
zunächst an Ambr., Coloc, Mezer., Oleand., Phosph. und Sep.,
und bei Verlängerung desselben an Coloc, Creos.. Rhus und
Sulph. gedacht werden darf, wenn sonst die begleitenden Symp-
tome keine Gegenindikation enthalten. Jedenfalls muss aber,
wie sich von selbst versteht, die Gesammtheit der Zeichen,
wie überall, den Ausschlag geben.
Wir haben oben gesagt, dass die Heilung veralteter und
schon behandelter C oxalgien schwierig und unsicher sei, müs-
sen aber doch hier beifügen, dass sie darum eben nicht immer
unmöglich und zuweilen schnell genug zu bewirken ist. In
unserem Journale finden sich Mehrere dergleichen, wovon wir
nur die Folgende möglichst kurz anführen wollen, weil sie eini-
ges Aufsehen erregte: — Anna, die dreijährige Tochter des
Postmeisters Jansen zu Appelhülsen, war schon seit sechs Wochen
448 YI- Kuc1'- Aphorism «0
damit behaftet, als wir am 3. November 1839 auf der Durch-
reise diesen Ort berührten und von den bekümmerten Eltern
um Hülfe gebeten wurden. Wir fanden das linke Hüftgelenk
ungeheuer angeschwollen, hart und schmerzhaft, mit
dicken blauen Adern durchzogen, das Bein um beinahe drei
Zoll verlängert, ausserdem beständigen hektischen Husten,
fortwährenden, besonders nächtlichen Durchfall, Abmage-
rung zum Gerippe u. s. vv. — ein Bild des grössten Jammers.
Nachdem allerlei äussere und innere Mittel (gleichzeitig) unter
steter Verschlimmerung versucht waren, sollte nun das Glüh-
eisen angewendet werden, obwohl die Aerzte selbst bezweifelt
hatten , ob das schwächliche Kind diese Operation überstehen
würde. Das war also ein exquisiter Fall, wie er sich als Probe-
stück für die verhöhnte junge Wissenschaft eignete. Von der
Behandlung wollen wir nur erwähnen, dass des Gesammtzustan-
des wegen am 3. Nov. mit Sulph. ~60~ angefangen wurde, dem
zweimal Acon., einmal Bhus, dann zweimal Coloc. mit über-
raschendem Erfolge, dann wieder zweimal Sulph. und eine
Zwischengabe Merc, diese alle in der Dosis von W folgten, und
bis zum 20. Dezember, also in nicht völlig sieben Wochen,
das Kind völlig geheilt, entlassen wurde. Wir haben es
später als blühendes Mädchen und ganz frei auch von der leise-
sten Anmahnung des frühern Leidens oft wiedergesehen.
Für Jeden, auch nur halbwege mit der Homöopathie Ver-
trauten ist es überflüssig zu erwähnen , dass auch bei diesem,
anscheinend äusseren Leiden, alle äusseren Mittel von uns durch-
aus verworfen werden.
YII. Buch.
1. Es ist schlimm., wenn in hitzigen Krankheiten die
äusseren Theile kalt werden.
Eine bekannte, ungünstige Erscheinung, die auch, wiewohl
seltener, bei chronischen, in Anfällen sich verschlimmernden
Krankheiten vorkommt, und die sehr häufig mit dem Gefühle
von grosser Hitze und Brennen in inneren Theilen ver-
bunden ist. Es ist Dies ein Symptom , wonach allerdings für
sich allein kein Mittel zu wählen, was aber übrigens von gros-
ser Wichtigkeit und nicht zu übersehen ist. Man darf dabei
sein Augenmerk nicht auf die gewöhnlich sogenannten Extre-
mitäten, das heisst : bloss auf Hände und F ü s s e beschränken,
sondern muss es vielmehr auch auf andere hervortretende äus-
sere Theile, z. B. auf die Ohren, die Nase, das Kinn etc.,
selbst auf die Zunge und auf die Augäpfel richten. Die
Arzneien, welche diesem Symptome am Gewöhnlichsten, freilich
nicht ausschliesslich entsprechen, sind: Acon., Ant. tart. , Ap.
rael., Arn., Ars., Beil., Calc, Camph., Carb. veg., Cham., Cic. vir.,
Cina., Dig., Dros., Hyosc, Ignat., Jod., Ipec, Kali, Mezer., Mosch.,
Nitr. ac, N. vom., Ph. ac, Pkt., Bhus, Sulph. und Veratr. Man
sieht daraus, dass das erwähnte bedenkliche Zeichen bei sehr
450 vn- Buch. Aphorism 2.
verschiedenartigen Krankheiten eintreten kann. Aber man wird
bei richtiger Anwendung desjenigen Mittels, welches genau ho-
möopathisch angezeigt ist, ebenfalls finden, dass darum nicht
immer alle Hülfe zu spät kommt.
2. Es ist schlimm, wenn auf einem kranken Knochen
das Fleisch bläulich wird.
Nicht nur bei schlecht behandelten Knochenbrüche n,
oder bei Solchen an Personen, die dabei übjygens ungesund sind,
sondern auch bei sonstigen bösartigen Knochengeschwüren
kommt diese, mit Brand drohende bläuliche Farbe der Haut
und des Fleisches vor. Es ist dann die höchste Zeit, von
den hierfür angezeigten Mitteln (besonders: Ars., Asa foet., Aur.,
Con., Hep., Lach., Merc, Sil. oder Veratr.) schleunigst Gebrauch
zu machen, nachdem darunter mit Umsicht Dasjenige ausgewählt
ist, was durch die begleitenden Zeichen seine homöopathische Anzeige
erhält. Dann aber gelingt es jedesmal, entweder die noch nicht
ausgebildete Gangrän zu verhindern , oder, wenn der Brand
schon vorhanden ist, den brandigen Theil abzustossen und
dem weiteren Umsichgreifen Desselben vorzubeugen. Wir könn-
ten, wenn der Raum es gestattete, aus unserem Journale mehrere
Fälle namhaft anführen, wo aus dieser Ursache die Amputa-
tion eines Gliedes bereits beschlossen war, und wo dennoch
Dieses gerettet und erhalten wurde. Die dadurch mehrmals ge-
lungene Herstellung des Ernährers einer Familie, die sonst der
grössten Armuth und der fremden Mildthätigkeit anheim gefallen
wäre, ist wahrlich eine mehr als hinreichende Belohnung für alle
Mühe und allen Fleiss, ohne welche Niemand die zu solchen Er-
folgen nölhige Mittelkenntniss erlangen kann.
Mit der oben bezeichneten bläulichen Färbung der Haut
und des Fleisches darf nicht diejenige Ungefährliche ver-
VII. Buch. Aphorism 3. 451
wechselt werden, welche nach Stoss oder Quetschung von
einigem Belange einige Tage anhält, aber nach den Umständen
meistens durch Arn., sonst auch durch Beil., Com, Lach., Puls,
oder Sulph. äc. sehr bald beseitigt wird. Eine sonstige Bläue
der Haut an leidenden Theilen giebt häufig eine gute Anzeige
für die vielnützige Lachesis. 4)
3. Es ist schlimm, wenn sich nach Erbrechen Schluchzen
und Köthe der Augen einstellen.
Soviel uns bekannt ist, besitzen wir zur Zeit nur ein Mittel,
zu dessen Zeichen das Schluchzen nach dem Erbrechen ge-
hört, nämlich den Wissmuth. Das Schluchzen von Lach,
nach dem Fieber ist gleichzeitig von Erbrechen begleitet,
und dem Schluchzen nach dem Fieber von Ars. fehlt das
Erbrechen, welches nur beim Froste und bei der Hitze, nicht
aber beim Schweisse oder nach dem Fieber vorzukommen pflegt.
Bei Beil., Bry. und Ruta erscheint ebenfalls Schluchzen und
Erbrechen, aber nicht nachher, sondern gleichzeitig, und
bei Cupr. folgt das Erbrechen erst nach dem Schluchzen.
Alle diese Verschiedenheiten gehören wesentlich zur Charakteri-
stik jener einzelnen Arzneien, und wenn auch nach dem Wort-
laute (iitl) die obige Uebersetzung dieses Aphorisms gerechtfer-
tigt erscheint: so darf man doch nicht vergessen, dass diese
Präposition ausserdem noch eine Menge verschiedener Bedeu-
tungen hat, die man, ohne einen gar zu grossen Fehler zu be-
gehen, mit vor, bei oder wegen wiedergeben könnte. Dann
4) Das Vipernfleisch nahm schon im Alterthum einen bedeutenden
Rang in der Materia medica ein. Aber erst die genauen Prüfungen des
Klapperschlangen- und Viperngiftes auf den gesunden menschlichen Körper
haben uns die Eigenthümlichkeiten seiner umfangreichen Wirkungen gelehrt
und dadurch befähigt, dasselbe erfolgreich anzuwenden.
29*
452 vn* Buch- Aphorism 3.
aber gewinnt der ganze Lehrsatz ein durchaus anderes Ansehen,
und es kommt zu den Genannten noch eine grosse Menge an-
derer Arzneien hinzu, bei denen das Schluchzen in Verbin-
dung mit Erbrechen allerdings ein gefährliches Zeichen ab-
giebt. Aus diesen wenigen Bemerkungen wird man leicht ab-
nehmen, wie wesentlich nothwendig es für den Homöopathen
ist, seine Ausdrücke jedesmal so zu wählen, dass sie nicht
dem mindesten Zweifel Raum lassen, und dass eben erst die
scharfe und deutliche Fassung eines Symptoms ihm die
Eigenschaft verleiht, ein brauchbares Material für die Auswahl
eines Arzneimittels zu liefern.5) Dieses Erforderniss ist daher
5) Zu den -wichtigsten Anzeigen des einen oder des andern Arznei-
mittels aus den Verschlimmerungen oder Besserungen nach Lage und Um-
ständen muss man nothwendig auch Diejenigen rechnen, welche beim Lie-
gen des Kranken beobachtet werden. Hierher gehört aber nicht allein das
Liegen an und für sich, im Gegensatze zum Aufrichten, Sitzen, Gehen,
Stehen u. s. w. , noch auch das Liegen im Bette, entweder sitzend, hoch
mit dem Kopfe, oder horizontal, oder das Liegen auf dem Bauche, auf dem
Bücken, auf der rechten oder linken Seite, sondern auch noch ganz insbe-
sondere das Liegen auf der schmerzhaften, oder auf der unschmerz-
haften Seite, welches sehr oft, sowohl bei innern Leiden in Kopf, Brust
und Unterleib, als auch bei Aeusseren an Rumpf und Gliedern, die schliess-
liche Entscheidung für das passendste und hülfreichste Mittel sichert.
Diese Unterscheidung, ein ausschliessliches Eigenthum der Homöopathie,
welche die Allopathie weder physiologisch zu erklären, noch therapeuthisch
zu verwerthen versteht, ist von solcher Erheblichkeit, dass man kaum be-
greift, wie sie oft von angehenden Homöopathen ignorirt und nur gar zu
häufig in ihren Heilungsgeschichten vermisst wird, während Auskultation
und Perkussion heute niemals mehr fehlen. Wenn es aucli noch manche
Mittel giebt, wobei der in Rede stehende Unterschied noch nicht ganz zwei-
fellos konstatirt ist: so giebt es Deren doch schon eine grosse Anzahl, wo-
von man es mit Sicherheit weiss und täglich durch die (Erfahrung b
sehen kann. Diese Arzneien, deren Symptome jederzeit durch Liegen auf
der schmerzhaften Seite erhöht werden, sind etwa Folgende: Acon.,
Agar., Amm. c, Ars., Bar., Calad., Cina, Cycl., Dros., Graph., Guaj.,
II ep., Jod., Lach., Laur., Lyc, Magn,, ttagn, mar., Uaschw, Nitr., Nitr.
ac, N. mosch. , N. vom., Pa*., ivtr., Phosph., Ph. ac, Bheum., Kot«.,
Sabud., Selen., Sil., Spong., Staph. und Thuj. Diejenigen hingegen, boi <l«iicn
Erhöhung der Beschwerden im Liegen auf der nnBchmer ahaften Seite
VII. Buch. Aphorism 3. 453
von der grössten Wichtigkeit, und wenn uns in der Reinen Arz-
neimittel-Lehre der Mangel daran oft in Zweifel lässt, ob eine
Arznei in allen Beziehungen passend ist, oder nicht: so liegt
offenbar die Schuld nur darin, dass man Dieses früher nicht in
dem Maasse und Umfange eingesehen hat, wie wir es jetzt thun.
Aber selbst heutiges Tages müssen wir eine ganz ähnliche Man-
gelhaftigkeit bei den neueren Prüfungen beklagen, und am
Meisten bei Denen, die unter dem Namen von Symptomen-
Fragmenten oder Beiträgen von noch neuen, ungeprüften
Mitteln hier und dort auftauchen, aber, weil sie unbrauchbar
sind, ebenso schnell wieder vergessen werden. Unser „thera-
peutisches Taschenbuch" (Münster, Coppenrath 1846)
konnte nur zum Theil die Lücken ausfüllen, denen man in der
Praxis überall begegnet, und die Vervollständigung und
scharfe Abgrenzung jedes wesentlichen Symptoms, wozu
die blosse Handarbeit der Repertorien durchaus nicht ausreicht,
muss eine Hauptaufgabe für unsere Nachkommen sein, denen es
an dem dazu nöthigen Materiale nicht so mangeln wird, wie uns.
Mit der Röthe der Augen nach (oder von) Erbrechen
hat es ganz dieselbe Bewandniss, wie mit dem Schluchzen,
und wenn man auch bei dieser Erscheinung zunächst auf Ap.
mel., Arn., Asar., Bry., Chin., Lyc, N. vom., Puls., Sep., Sil.
oder Veratr. hingewiesen wird, so ist das Alles doch gar zu
unbestimmt, um mit Sicherheit darauf einen Schluss , oder eine
Arzneiwahl zu begründen.
regelmässig statt findet, sind Folgende: Ambr,, Arn., Bry., Calc., Cann.,
Canst., Cham., Chin., Coloc, Fluor, ac., Ignat., Kali, Mgs., M. austr.,
Puls., Ehus, See. com., Sep., Stann. und Viol. tric. — Es ist sehr zu
wünschen, dass diese beiden Beihen durch sorgfältige und wiederholte Beo-
bachtungen erweitert, und dass namentlich bei den Arzneien, welche reich
sind an Wechselwirkungen, die Hauptsächlichsten und Nutzbarsten ermit-
telt werden.
454 vn- Buch- Aphorism 4.
4. Es ist schlimm, wenn auf Schweiss Frostschaiider folgt.
In diesen) Aphorism haben wir wieder dieselbe Unbe-
stimmtheit zu beklagen, wie in dem Vorigen. Nur von sehr
wenigen Arzneien wissen wir bis jetzt, dass Frostschauder
nach dem anfänglichen blossen Schweisse folgt, nämlich nur
von Carb. veg., Hep. und N. vom.; denn dass hier nicht von
dem Froste nach Erhitzung mit Schweiss die Rede sein kann,
versteht sich wohl von selbst. Dagegen haben wir ein Paar
Mittel mehr, wo diese beiden Zeichen, Schweiss und darauf
Frostschauder, miteinander abwechseln und in solcher
Weise mehrmals aufeinander folgen, nämlich: Ars., Chin., Mezer.,
N. vom. und Spig. Wenn aber der Schweiss vor dem nach-
folgenden Froste, oder im Wechsel damit, gleichzeitig, wie
gewöhnlich von mehr oder weniger Hitze begleitet ist: so wird
die Reihe der darauf passenden Mittel von ansehnlicher Länge,
und wir finden dieses Doppel- Symptom in vorzüglichem
Grade bei: Acon., Amm. mur., Ant. tart., Beil., ßry., Calc, Canth.,
Caps., Caust., Chain., Chin., Cina., Gem., Cocc, Creos., Dros.,
Graph., Hell., Hep., Ignat., Ipec, Kali, Lach., Lyc, Merc, Mosch.,
Natr. mur., Nitr. ac, N. vom., Op., Phosph., Puls., Rheum,
Rhus, Sabad., Samb., Selen., Sep., Spig., Slram., Sulph., Veratr.
und Vit.; ohne Diejenigen namhaft zu machen, die ausserdem
noch Andeutungen dazu geben, und daher wenigstens von der
Wahl nicht ganz ausgeschlossen werden dürfen, — Hier haben
wir also wieder einen neuen Beleg, sowohl zu der oben bereits
erwähnten Notwendigkeit der scharfen und unzweideu-
tigen Fassung der Symptome, als auch zu der grossen Menge
der positiven Erfahrungen, welche die Homöopathie in der
kurzen Zeit ihres Bestehens bereits zu Tage gefördert hat und
als werthvolles Material zu ihren Heilungen benutzt.
VII. Buch. Aphorism 5. 455
5. Es ist gut, wenn sich zum Wahnsinn Durchfall, Was-
sersucht oder Starrsucht gesellt.
Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass Hippokrates in diesem
Aphorism von den Metastasen bei Gemüths- und Geistes-
Krankheiten redet, und dass die Erfahrung ihm eine Besserung
dabei nachgewiesen hat, sobald sich die angeführten körperlichen
Beschwerden einstellten. Solche Ereignisse kommen auch jetzt
noch nicht eben selten vor, aber eben so auch das Umge-
kehrte, wo nämlich auf diese oder andere Körp erb escb wer-
den eine Geistes- Krank heil eintritt und damit Jene auf-
hört. Indessen hat diese Erfahrung über solche Metastasen
von Geist auf Körper, oder von Körper auf Geist, für die Heil-
praxis einen sehr untergeordneten, man möchte sagen, gar keinen
Werth, und zwar aus zweifachen Gründen. Erstens nämlich
wird Niemand darin eine wahre Heilung erkennen können,
wenn nur die Form einer Krankheit gewechselt wird, und
zweitens wird der Arzt schwerlich im Stande sein, wenigstens
nicht ohne anderweitige Gefahr, willkührlich solche Metas-
tasen hervorzubringen, und wenn Solches ihm gelänge und er
nachher die künstlich erzeugte Krankheit wieder beseitigen müssle,
so würde in den meisten Fällen die ungeh eilte frühere
Krankheit wieder zum Vorschein kommen. Unter solchen
Umständen ist es einleuchtend, dass dieser Aphorism wohl in
physiologischer und pathologischer Beziehung als ein,
unbestreitbar die innige Verbindung zwischen Geist und Kör-
per beweisender Lehrsatz einigen Werth haben, hei dem Homöo-
pathen aber in Beziehung auf seine Behandlung solcher Kranken
keine Anwendung finden kann, indem er die Mittel in der Hand
hat, um unmittelbar darauf einwirken zu können, und es ihm
daher an jeder Veranlassung fehlt, zur Erreichung seines Zwecks
neue Krankheiten zu schaffen , wenn er auch dazu im Stande
wäre.
456 VI1' Buch- Aphorism 6.
6. Es ist schlimm, wenn sich bei einer langwierigen
Krankheit Abneigung gegen alle Nahrungsmittel und
un vermischte Stuhlausleerungen einstellen.
Unter unvermischten (ax^rog) Stuhlausleerungen versteht
Hippokrates Solche, die aus einem homogenen Stoffe, wie
Schleim, Blut, Galle u. s. w. bestehen, ohne dass sie na-
türlichen Koth in ihrer Mischung enthalten. Solche innormale
Ausleerungen deuten allerdings auf bedeutende Erkrankungen der
Verdauungsorgane und der damit in nächster Verbindung stehenden
Theile. Aber die Höhe der Gefahr richtet sich dabei zunächst
nach der Verschiedenheit der ausgeleerten Stoffe, und dann
eben so sehr nach den begleitenden Symptomen. Solange
also dem Erfordernisse der vollständigen Bezeichnung dieser Mo-
mente bei der Angabe der Beschwerde nicht entsprochen ist,
kann weder in Bezug auf die Prognose ein Urtheil gefasst,
noch in Bezug auf das Heilmittel eine Wahl getroffen werden.
Auf Veranlassung dieser, so wie Mehrerer der vorhergehen-
den Glossen , möge es uns erlaubt sein , im Vorbeigehen ein
kurzes Wort über die Mangelhaftigkeit der medizinischen
Terminologie und über die Nothwendigkeit einer du rchgrei-
fenden Be form Derselben hier anzuknüpfen. Wenn man sich
auch nur ganz oberflächlich darin umsieht, so begegnet man auf
der einen Seite einem Ueberflusse von Namen, die dasselbe
bedeuten oder mindestens bedeuten sollen, und auf der Andern
Benennungen und Ausdrücke, unter denen gar Vieles und
ganz Verschiedenes verstanden wird und verstanden werden soll.
Derselbe Fehler bestand in ganz gleicher Art in der Botanik,
und erst seitdem der unsterbliche Linne (f 1778), neben einer
systematischen Klassifikation der Gewächse, eine feste
Terminologie für alle Theile und Formen aufgestellt hatte,
konnte sie in dem Zeiträume von kaum einem halben Jahrhun-
derte mehr als zehnmal so grosse Fortschritte machen, als
VII. Buch. Aphorism 6. 457
in den mehr als zwanzig vorhergehenden Jahrhunderten, welche
seit dem Zeitalter des Theophrastus (f 286 Jahre vor Christi
Gehurt) gemacht waren. Diese bekannten Thatsachen überheben
uns vollkommen aller weitläufigen Ausführung und Nachweisung
über die dringende Notwendigkeit einer feststehenden und von
der ganzen gelehrten Welt angenommenen und befolgten medi-
zinischen Terminologie.6) Wie Diese auszuführen und dem
Zwecke gemäss am Besten zu behandeln wäre , ist weder hier
der Ort zu besprechen, noch auch unserem Standpunkte ange-
messen, darüber unseren Rath aufzudringen. Nur so viel dürfen
wir wohl wagen zu behaupten, dass jeder A usdruck so muss
beschaffen sein, dass er jedesmal etwas Unabän derliches und
Unzweifelhaftes bezeichnet, und dass vermittelst einer diagno-
sisartigen Verbindung solcher Ausdrücke, wie bei der
Botanik, der unterscheidende Charakter so scharf und be-
stimmt muss ausgedrückt sein, dass keine. Verwechselung mög-
lich bleibt. Aus diesem Grunde kann die Sache auch nicht mit
blossen Krankheitsnamen abgemacht sein, sondern es ist
dabei auch noch nöthig, nachdem Diese gehörig klassifizirt und
geordnet sind, für jede Gattung, jede Art und jede Spielart
eine spezielle Diagnose beizufügen, welche die individuellen
Merkmale derselben enthält und deutlich ausspricht. — Eine
solche, wenn auch vorerst nur theilweise vollständige und be-
friedigende Arbeit, würde ohne allen Zweifel sich des ungetheil-
testen Beifalls der ganzen medizinischen Welt zu erfreuen haben,
6) Bereits gegen das Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrech-
nung bemühte sich Archigenes eine Terminologie für die verschiedenen
Arten der Schmerzen aufzustellen. Leider hat dieser Versuch keine Folgen
gehabt, und es ist zu beklagen, dass er gleich von Vorne herein auf Irr-
wege gerieth, indem aus dem Schmerze der Sitz der Krankheit gefolgert
werden sollte.
Die Notwendigkeit genauer Terminologien spricht sich selbst in ein-
zelnen Zweigen der Naturgeschichte aus, und die Entomologen haben noch
kürzlich die „Terminologia entomologica" von J. Müller in Brunn mit
Freuden begrüsst.
458 vn- Buch- Aphorism 7.
und dürfte kaum anders, als aus dem Schoosse der Homöo-
pathie, die darin schon so bedeutend vorgearbeitet hat, ihre
Verwirklichung erwarten dürfen.7)
7. Es ist schlimm, wenn in Folge von Uebermaass im
Weingenusse sich Starrfrost und Irrereden einstellen.
Hier kann nur, wie auch Foesius (Oecon. Hipp, ad vocem
■jtolvnoöLri pag. 522) bemerkt, von einem Weinrausche die
Rede sein, weil bekanntlich der Branntwein8) zu den Zeiten
des Hippokrates noch völlig unbekannt war, indem dieser erst
gegen das Ende des 13. Jahrhunderts (wahrscheinlich durch die
Araber) erfunden und verbreitet wurde und eben so wenig das
Bier damals im Gebrauche war.9) Obwohl aber damals, wie
es noch heute in den südlichen Ländern Sitte ist, der Wein
gewöhnlich mit Wasser vermischt (nach Hesiodus, auf 3
Theile Wein 1 Theil Wasser, nach Anakreon, auf 1 Theil
7) Wir erlauben uns, in dieser Beziehung auf die sehwachen Versuche
hinzuweisen, die wir in unserem „Hom. Hausarzte in kurzen thera-
peutischen Diagnosen" (l. Heft Münster bei Fr. Regensberg 1853)
und in der „Hom. Behandlung des Keuchhustens" (Münster bei
Coppenrath 1860) gewagt haben, den Anhängern unserer Heilmethode vor-
zulegen.
8) Im Rhazes finden wir die erste Spur vom Arrak (vina falsa ex
cuccaro, melle et rico). Zweifelhaft ist es, ob der „Wein aus Reis" bei
Aristoteles (bist. an. 8), Strabo (Lib. 15) und Aelian (hist. an. 13) dahin
gehört.
Wenn auch schon zu Alexanders des Grossen Zeiten Arrak (eigent-
lich AI Rak) getrunken wurde: so war doch im Jahre 1333 die Fabrika-
tion des Branntweins- in Europa noch ein Geheimniss der Chemiker.
9) Den Unterschied zwischen Bier- und Weinrausch selbst im
Schlafe bezeichnet Lemnius (de occultis naturae miraculis II, 19) mit fol-
genden wenigen, aber sehr charakteristischen Worten : ,,Ex cerevisia: capite
in cervices devoluto, hiantique ore dormiunt. Ex vino autem: facie men-
toque in pectus inclinato." — Dieses deutet für den ersten Fall auf Rhus,
für den Zweiten auf N. vom.
VII. Buch. Aphorism 7. 459
Wein 2 Theile Wasser), getrunken wurde: so gab es doch, wie
heute, ebenfalls Personen, die ihn unvermischt und dabei in
solchem Uebermaasse genossen, dass davon dieselben Folgen
entstanden, wie wir sie heutiges Tages so oft zu beklagen haben.
Indessen scheinen in diesem Aphorism zwei ganz verschiedene
Wirkungen der Trunkenheit angedeutet zusein, nämlich ein-
mal der einfache, aber bedeutendere Rausch von einmaligem
Uebermaasse, und andermal die eigentliche Säuferkrank-
heit, welche wir gewöhnlich mit dem Namen Delirium tre-
mens bezeichnen. 10)
Im ersten Falle liegt der Betrunkene oft ganz besin-
nungslos und über und über kalt da, wie eine Leiche, und
dies ist der Zustand, wo zur Rettung desselben das reichliche
Begi essen mit sehr kaltem Wasser zu Anfange allen andern
Mitteln vorzuziehen ist. Wenn dies aber keine genügende und
andauernde Hülfe bringt, und besonders dann, wenn dabei das
Gesicht roth und die Augen starr werden, so muss Mohn-
saft, zuweilen auch Äcon. und Beil., zur Anwendung gezogen
werden. Die oft beim Erwachen aus dem Rausch schlafe noch
vorhandenen Beschwerden sind meistens von der Art , dass sie
am Besten durch N. vom. oder Carb. veg. beseitigt werden
können.
10) Selten oder nie erscheint das Delirium tremens bei blossen Bier-
trinkern; bei blossen Branntweintrinkern findet es sich nur in eini-
gen mehr oder minder ausgesprochenen Andeutungen; aber in seiner voll-
sten Ausbildung und mit allen seinen charakteristischen Symptomen befällt es
solche Personen, die Bier und Branntwein in gleichem Uebermaasse
trinken.
In Schweden bedient man sich eines etwas barbarischen, aber übrigens
wahrhaft homöopathischen Mittels gegen die Trunksucht. Solche Subjekte
werden nämlich eingesperrt und erhalten keinerlei Speisen oder Getränke,
welche nicht mit Branntwein versetzt sind. Nach Verlauf von vier oder
fünf Tagen schon verlassen sie ihr Gefängniss vollständig geheilt, indem
der mindeste Branntwein-Geruch sie anwidert und Ekel erregt.
460 VIL Buch- Aphorism 7.
Weit schlimmer ist es, wenn sich in Folge habitueller Be-
friedigung der eigentlichen Trunksucht der Säuferwahnsinn
(delirium tremens) eingestellt hat. Hier hat das Uebel nicht nur
die Natur einer chronischen (Arznei-) Krankheit angenommen,
sondern setzt auch der Heilung ein schwer zu beseitigendes
Hinderniss in dem steten Bedürfnisse des Trinkens entge-
gen, welches allein im Stande ist, die Qualen des Trunksüchti-
gen vorübergehend zu beschwichtigen und daher unwiderstehlich
dazu antreibt. Gegen diese Krankheit hat man zahlreiche Mittel
empfohlen und auch wohl mit einigem Erfolge zur Anwendung
gebracht; aber die Wiederkehr des täglich unabweisslich sich
einstellenden Bedürfnisses dauerhaft zu beseitigen, hat bisher
nicht recht gelingen wollen. Wir freuen uns daher, hier eine
diätetische Erfahrung mittheilen zu können, wonach wir diesen
Zweck am Vollständigsien haben erreichen sehen, nämlich die
schon in der Glosse zu Aph. V, 64 erwähnte Milchkur. Es
versteht sich von selbst, dass zuvörderst die krankhaften Erschei-
nungen, welche das delirium tremens begleiten, arzneilich
beseitigt werden müssen, was am Gewöhnlichsten und meistens
in nicht langer Zeit durch Op., N. vom., Beil., Hyosc. oder Stram.,
in selteneren Fällen auch noch durch Anac, Aur. oder Thuj.
zu bewirken ist. Dann aber wird sich der Kranke, welcher nun
wenigstens dahin gelangt sein wird, den ganzen Umfang des,
von seiner unseligen Leidenschaft abhängigen Unglücks zu über-
sehen, unverweigerlich der strengsten Mil chdiät gern unter-
ziehen, und zwar, wo möglich, in der Ausdehnung, dass alle
flüssigen Nahrungsmittel, welche er von Früh bis Abends zu
sich nimmt, lediglich aus Milch bestehen. Bei solcher diäte-
tischen Lebensweise gelangt er schon in wenigen Wochen dahin,
dass ihn jede Art von geistigen Getränken förmlich anwidert,
und dass er, wenn dazu genöthigt, nur mit der grössten Ueber-
windung und mit sichtlichem Ekel ein Glas davon herunterwürgt.
Nur dann erst darf man sagen, dass der Trunksüchtige voll-
VII. Buch. Aphorism 8. 461
ständig und dauerhaft von seiner leidigen Krankheit geheilt ist.
— Wir verweisen übrigens auf die schon erwähnte Glosse zum
Aph.V, 64.
Wenn eine Eitergeschwulst nach Innen aufbricht, so
entsteht davon Entkräftung, Erbrechen und Ohnmacht.
Einige Kommentatoren sind der Meinung gewesen, dass
wegen des angegebenen Erbrechens in diesem Lehrspruche
nur von einem Geschwüre im Magen die Rede sein könne.
Dass diese Meinung aber aus dem angegebenen Grunde nicht
haltbar ist, hat die Erfahrung in vielen Fällen nachgewiesen, in-
dem selbst beim Aufbrechen einer Vomica in der Lunge ähn-
liche Nebenbeschwerden und namentlich auch das Erbrechen
einzutreten pflegen, ohne dass der Eiter sich in den Magen er-
giesst. Es ist dies eine noch nicht befriedigend aufgeklärte Er-
scheinung, die aber darum nicht minder ihre volle Richtigkeit
hat. Glücklicher Weise hat man jetzt durch die Lehre von der
Auskultation11) und Perkussion12) sichere Wege gefun-
den, um dergleichen Irrthümer zu vermeiden. Aber zur Heilung
solcher Krankheiten tragen sie nur wenig bei, und die Homöo-
pathie lässt sich dadurch nicht von ihrer Behandlungsweise ab-
wendig machen, welche unabänderlich auf die Gesammtheit
der wahrzunehmenden Zeichen gerichtet bleibt. Wenn wir
11) Ob wohl Dr. Erhard vermittelst seines Tympanoskops (der
hundertfach vergrößerten Trommelhöhle) im lebenden Organismus, wie
man zu sagen pflegt, das „G-ras wachsen hören" kann?
12) In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Dr. Auerbrügger in Wien
schon die Perkussion des Brustkastens erfunden, welche später durch Cor-
visart kultivirt wurde.
Die erste Andeutung von der Auerbrüggischen, durch Laennee vervoll-
ständigten Perkussion der Brust geben bereits die „koi'schen Vorher-
sehuhgen" No. 409, so wie eine weitere im DU. Buche „von den Krank-
heiten", in der vollständigen Sammlung der hippokratischen Schriften.
462 vn- Buch' Aphorism 9.
daher auch gerne zugehen wollen, dass durch diese neueren
Veranstaltungen zur sicherern Erkenntniss des Sitzes und der
Beschaffenheit irgend eines inneren Hebels ein grosser Fort-
schritt gemacht wurde: so dürfen wir Diesen doch nicht allzu
hoch anschlagen und nicht verkennen , dass dadurch für die
eigentliche Heilung Desselben, oder, worauf es am Ende doch
lediglich ankommt, für die richtige Wahl der hülfreichsten Arz-
nei Wenig oder Nichts gewonnen ist. Die jüngeren Aerzte
haben deshalb eben keine grosse Ursache, ihre Kenntnisse so
hoch über die der alten, erfahrenen Praktiker zu stellen, und
am Wenigsten Solche, welche über dem Studium des physio-
logischen Theils ihrer medizinischen Wissenschaft Dasjenige
versäumt haben, was die genaue Kenntniss der Arzneimittel-
lehre betrifft und ohne Zweifel für eine erfolgreiche Praxis von
weit grösserer Erheblichkeit gewesen wäre. l3) Für die neueren
Stoffwechsel-Pathologen14) sind solche Untersuchungen
vollends ganz unnütz.
9. Es ist schlimm, wenn sich nach einer Verblutung De-
lirien und Konvulsionen einstellen.
Dieser Aphorism ist in der Hauptsache eine Wiederholung
des Aphorisms V, 3, worauf wir deshalb verweisen. Da wir in-
dessen im Aveiteren Fortgange dieser Schrift es für angemessen
(und für Einige auch wohl belehrend) erachtet haben, gelegent-
lich die Mittel namhaft zu machen, deren sich die Homöopathie
13) Seit 1830 bildete sich allmählig aus der pathologisch-anatomischen
Medizin die Physiologische heraus.
14) Nach Beseitigung der Hunioral- und der Solidar-Pathologie ist in
der neueren Zeit eine Stoffwechsel-Pathologie aufgestanden, der zufolge die
Krankheit nur in einer Störung der Stoffmischung, sowohl der festen, als
der flüssigen Theile, seinen Grund haben soll.
VII. Buch. Aphorism 10. 463
in solchen Fällen mit entschiedenem Erfolge zu bedienen pflegt :
so möge das auch hier in aller Kürze geschehen. Die Delirien,
welche in Folge starker Blutverluste eintreten, sind meistens
von der Art, dass sie auf Arn., Ars., Beil., Ignat., Lach., Lyc,
Phosph., Ph. ac, Scill., Sep., Sulph. oder Veratr. passen; die
Konvulsionen aber auf Ars., Beil., Calc, Cina, Con,, Ignat.,
Lyc, N. vom., Puls., Sulph. oder Veratr. Die Wahl unter diesen
Mitteln, welche zunächst nur die Anamnese angegeben hat,
muss, wie sich von selbst versteht, nach dem unabänder-
lichen Fundamental-Prinzipe der Homöopathie getroffen
werden, und es können dann auch noch einige Fälle vorkommen,
wo andere Arzneien den Vorzug verdienen, die genauer, als Eins
der Genannten, der Gesammtheit der Krankheit entsprechen.
Dennoch werden solche Ausnahmen zu den Seltenheiten gehö-
ren, so dass eine Aufzählung dieser Letztern eben so unnöthig
erscheint, als sie für den Anfänger die Entscheidung in der Wahl
nur erschweren würde.
10. Es ist schlimm, wenn sich bei der Darmgicht Erbre-
chen, Schluchzen, Konvulsionen oder Delirien einstellen.
Dem, was wir in der Glosse zu dem Aphorism VI, 44 über
den Ileus und über die dagegen bis jetzt sich hülfreich erwie-
senen Mittel bereits gesagt haben, finden wir hier Nichts beizu-
fügen. Die im Vorstehenden angeführten Symptome zeigen deut-
lich an, dass die Krankheit ihren höchsten Gipfel erreicht hat,
und das mithin die Heilung dieses an sich schon so gefährlichen
Uebels, wenn es bereits in dieses Stadium übergegangen ist,
kaum noch zu hoffen, niemals aber mehr zu versprechen ist.
464 VII. Buch. Aphorism 11.
11. Es ist schlimm, wenn eine Brustfellentzündung in eine
Lungenentzündung übergeht.
Einige Kommentatoren haben die Vermuthung ausgesprochen,
dass Hippokrates, wegen seiner nicht ausreichenden anatomi-
schen Kenntnisse schwerlich im Stande gewesen sein könnte,
die beiden genannten Entzündungen gehörig und mit derjenigen
Sicherheit von einander zu unterscheiden, wie wir es jetzt kön-
nen. Und doch scheint der vorstehende Aphorism hinreichend
das Gegentheil zu beweisen, indem er (in den koischen Vorher-
sehungen III, 11) schon den Uebergang der Brustfellentzün-
dung in Lungenentzündung angeführt, und hier die Letz-
tere als die Gefährlichere bezeichnet hat. Viel leichter dürfte
damals eine Verwechselung mit dem sogenannten falschen
(rheumatischen) Seitenstiche gewesen sein, wobei oft auch
das Fieber in grosser Heftigkeit auftreten kann. Wenn wir
dabei noch bedenken, dass die Brustfellentzündung sich
gewöhnlich in Beziehung auf ihre Nebensymptome in weit enge-
ren Grenzen bewegt, als die wahre Lungenentzündung, und
daher auch für Jene die Zahl der zur Wahl kommenden Arzneien
weit geringer ist, als für die Letztere: so wird man doch zu-
geben müssen, dass Hippokrates im Allgemeinen die Unterschiede
wohl gekannt hat. 15)
Bei der Brustfellentzündung (Pleuritis), die man auch
wohl den hitzigen Seitenstich nennt, treten kaum andere,
als die nachfolgenden wenigen Arzneien in Konkurrenz: Acori.,
Arn., Bry., Kali, Phosph., Seih1, und Sulph. Dagegen hat man
hei der wirklichen 'Lungenentzündung eine sorgfältige Wahl
zu treffen unter den folgenden Mitteln: Acon., Ant. tart., Beil.,
15) Die Geschichte der ersten Dogmatikev hat aus eine seltsame
Prognose von einem Mnesistheus aus Athen aufbewahrt, wonach nämlich
hei Brustentzündungen Diejenigen genesen, welche im Anfange Verlangen
nach Zwiebeln haben, wogegen Diejenigen sterben, welche Feigen verlangen.
Plutarch qunest. nat.)
VII. Buch. Aphorism 11. 465
Bry., Cann., Canth., Chin., Hyosc, Lach., Lyc, Merc, Phosph.,
Puls., Rhus, Sabad., Scill., Seneg., Sep., Stram. und Sulph. Bei
dem falschen Seitenstiche handelt es sich meistens um
Acon., Arn., Bry., Chin., Lach., N. vom., Puls., Sabad. oder Sulph.
Alle diese (und noch einige andere seltener vorkommende) Mittel
haben durch ihre Prüfungen am Gesunden Symptome ergeben,
welche den genannten Entzündungen in Aehnlichkeit entsprechen,
obwohl Jedes davon seine besonderen Eigentümlichkeiten be-
sitzt, so wie sie auch in ihrer richtigen homöopathischen Anwen-
dung am Krankenbette jedesmal, oft in unglaublich kurzer Zeit,
und ohne alle Beihülfe des antiphlogistischen Apparats,
die vollständigste Heilung bewirkten. 16) Solche glänzende und
überraschende Heilerfolge sind bei einigen Gelegenheiten die
Hauptveranlassung gewesen, dass sie das Erstaunen der allo-
pathischen Aerzte erregt und Diese bewogen haben , sich dem
ernstlichen Studium der Homöopathie zu widmen. — Verba do-
cent, exempla trahunt!
16) Ich habe mich bereits bei der Therapie der croupösen Pneumonie
auf die Seite der wenigen Kinderärzte gestellt, welche sich entschie-
den gegen die schablonenhafte Verordnung von Blutentziehungen ausspre-
chen. Noch entschiedener muss ich bei der katarrhalischen
Pneumonie die Anwendung der Blutentziehungen überhaupt
verwerfen. Der Vortheil, den die Blutentziehung bringt, ist weder erheb-
lich, noch dauernd, die Nachtheile aber sind hier ungleich grösser und nach-
haltiger, als bei der croupösen Pneumonie. Gerade Das, was wir im Ver-
laufe der Bronchopneumonie am Meisten zu fürchten haben , den Kräfte-
verfall, das Sinken der Energie der Athmungsmuskeln, Anhäfung der
Bronchialsekrete, Athmungsinsuffizienz und Kohleiisäurenarkose, gerade Das
rufen wir durch die Blutentziehung hervor, oder befördern doch jedenfalls
seinen Eintritt. Bei einer Affektion, deren Dauer wir nicht, wie bei einer
croupösen Pneumonie nach Tagen berechnen können, sondern die sich viel-
leicht durch Wochen, ja durch Monate hinzieht, ist die Erhaltung der
Kräfte und einer energischen Athmungsthätigkeit die dringendste Indikation,
und erst in zweiter Reihe die Berücksichtigung des entzündlichen Prozesses
in der Lunge. Dr. H. Ziemssen , Pleur. und Pneum.
30
466 VU. Buch. Aphorism 12.
12. Es ist schlimm, wenn eine Lungenentzündung in eine
Gehirnentzündung übergeht.
So wie heutiges Tages Lungenentzündungen, nament-
lich Solche, die mit reichlichen Aderlässen behandelt werden,
sehr leicht einen nervösen Charakter annehmen, oder in wirk-
liche, oft bösartige Nervenfieber übergehen: so hat es in
früherer Zeit, wie die Geschichte der Arzneikunde nachweist,
förmliche Epidemien gegeben, wo jene Krankheit fast regel-
mässig mit Gehirnentzündung verbunden war und damit
endete. Auch heute kommt das Letztere, aber mehr sporadisch
und selten vor, und die uns bekannt gewordenen Fälle beweg-
ten sich in Bezug auf die Gesammtheit der Symptome innerhalb
der Zeichen-Grenzen von Acon., Beil., Bry., Cann., Canth., Hyosc,
Lach., Merc, N. vom., Phosph., Puls., Bhus, Stram. oder Sulph.
Diese Mittel aber, mit Ausschluss von Canth. und mit Hinzutritt
von Arn., sind merkwürdiger Weise ebenfalls dieselben Mittel,
welche bei solchen Ueb ergangen in nervöse Fieber zuerst
in Betracht kommen. Man wird hieraus zwei, nicht unerheb-
liche Schlüsse für die Praxis ziehen können, nämlich: dass
erstens der Beginn und der Verlauf einer Krankheit, eben
so wie eine Anamnese,17) bei der Mittelwahl eine notwen-
dige Berücksichtigung verdienten, und dass zweitens die, den
Arzneien inwohnende Kraft, sohald sie (durch Potenzirung)
gehörig entwickelt ist, einen Wirkungsumfang besitzt, der
sich weit üher die pathologischen Formen, aber niemals
über den wahren Charakter jedes einzelnen Mittels hinaus
17) „Mitunter"— -erinnert Gross (A. H. Z XXII, S. 215) „hängt bei
der Wahl eines homöopathischen Arzneimittels so viel von der Kenntniss
des Moments ab, wodurch die Krankheit veranlasst wurde, dass man ohne
dieselbe nicht sicher zum Zwecke kommt." — Und doch hat es Homöo-
pathen gegeben, und es giebt Deren noch, welche die anamnestischen Zei-
chen unbeachtet lassen, und am Meisten Solche, welche Hahnemann als die
Hauptquellen der chronischen Krankheiten gelehrt hat.
VII. Buch. Aphorism 12. 467
erstreckt.18) Dagegen hat man sich wohl zu hüten, solche
Schlüsse über die Gebühr auszudehnen und blindlings in Anwen-
dung zu bringen. Denn meistens wird durch die einmal gege-
bene, homöopathisch richtig gewählte Arznei der Charakter der
Krankheit in kurzer Zeit dergestalt umgeändert, dass nun ein
anderes Mittel angezeigt wird. Daher die häufige Erfahrung,
dass der leichtsinnige und unverständige Fort gebrauch der-
selben Arznei oft mehr schadet, als nützt, und dass selbst die
unmittelbare Aufeinanderfolge zweier Mittel, die unter sich
sehr ähnlich sind, oft keine befriedigende Wirkung thut. Dieser,
alten und aufmerksamen Praktikern sehr wohl bekannte Erfah-
rungssatz ist eben so merkwürdig für die Th eorie, als beachtens-
werth für die Praxis.19) — Wie deutlich Hahnematm Dies
18) Nach Mayerhofer's mikroskopischen Messungen der Metallstäub -
eben in den homöopathischen Verreibungen beträgt ihr Durchmesser Vi 200
bis V2000 einer Linie, so dass der kubische Inhalt eines Metallkügelchens
wenigstens 64 Mal kleiner ist, als der eines Menschenblutkügelchens , und
dass daher die höchst fein vertheilten Metallkörnchen frei und ungehindert
alle Gebilde durchdringen. Da man nun annimmt, dass das Blut in 20
bis 30 Sekunden (?) seinen Kreislauf im Körper vollendet, so kommen also
in dieser kurzen Zeit die fein vertheilten Körnchen mit allen Nervenenden
in Berührung, daher die rasche und kräftige Wirkung, weil nach den besten
Beobachtern die Arzneiwirkung vorwiegend mehr von den Nervenenden als
von den Nervencentren ausgeht. — Freilich wird diese Ansicht, obwohl
sie denen eines Albert, Panizza, Schultz, Coindet u. A. entspricht, nicht
jeden Homöopathen befriedigen, und am Wenigsten Den, der Gelegenheit
gehabt hat, die Wirkungen der höchsten Potenzen zu beobachten.
19) Dem bisherigen Brauche gemäss wird die Wirkungsdauer einer
jeden Medizin in der Kegel nach der Analogie der Verdauung berechnet.
Man lässt also gewöhnlich alle 2 Stunden eine Dosis desselben Gemisches
einnehmen und damit steigen, wenn die Wirkung nachzulassen scheint.
Diese Sitte beruht auf der irrigen Ansicht, dass die Arznei gleich einem
Nahrungsmittel verdaut werden müsse. So wenig aber die Mühle, welche
das Korn zermalmt und das Mehl von der Hülse trennt, die geistige Kraft
des Biers oder Branntweins daraus zu entwickeln vermag, eben so wenig
kann der Magen die arzneilichen Bestandtheile von den Unarzneilichen
scheiden. Jedes Organ im menschlichen Körper hat seine naturgemässe
Bestimmung; was Dieser zuwider läuft, kann das Organ als Solches nicht
verrichten.
30*
468 VII. Buch. Aphorism 12.
schon bei Zeiten eingesehen hat, was sonst wohl manchem Ho-
möopathen noch heute unbekannt ist, erhellt aus einer Stelle
eines (eben vor uns liegenden) Facsimile Desselben, worin er
die Eigenwirkungen von N. vom., Ignat., "Cham,, Puls, und Chin.
bei einem zur Berathung vorgelegten Krankheitsfalle miteinander
vergleicht und folgender Maassen scbliesst: — - „Da nun diese
Mittel einander sehr respondiren (China ausgenommen) und Eins
die Fehler und Nachtheile des Andern wegnimmt (wenn man
nur nicht Ignat. auf Nux, oder Nux auf Ignat. unmittelbar
folgen lässt, die sich nicht wohl hintereinander schicken,
weil sie sich allzu ähnelnde Arzneien sind): so können
Sie selbst ermessen, welche Reihenfolge Sie unter Ignat., Puls.,
Nux und Cham, wählen können , wenn nicht das Erste , oder
Eins der Andern allein schon hinreichend ist. China hat wenig
oder nichts für sich, und ist also nicht zu wählen. Zu Cham,
muss mehr Nachtdurst sein, als jetzt da war, und mehr Aerger-
lichkeit u.- s. w." — Hätte Hahnemann damals schon die Hoch-
potenzen gekannt, so würde er die obige Kau tele über die
Reihenfolge der Arzneien noch weiter ausgedehnt und noch
schärfer präzisirt, die Wiederholungen aber für gänzlich un-
statthaft erklärt haben,20) wie mehrere seiner erfahrungsreich-
sten Nachfolger, namentlich Stapf und Gross gethan haben, und
zwar aus dem Grunde, weil durch die höhere Potenzirung
der Wirkungskreis der Mittel immer mehr erweitert21)
20) Viele jüngere Homöopathen scheinen nicht zu wissen oder ver-
gessen zu haben, dass hei mehreren Arzneien die Erst- und Nach-Wirkun-
gen zu wiederholten Malen miteinander abwechseln, mithin, so lange dies
geschieht, die Wirkung einer Gabe nicht vollendet ist. Schon in der ersten
Kindheit der Homöopathie hatte Hahnemann dies erkannt, und bereits in
seinen „Fragmentis" vom Jahre 1805 heisst es in der ersten Anmerkung zu
Aconitum Nap. : „Per totum operationis hujus plantae curriculum vires
urimi ordinis et subsequae secundi ordinis paroxysmis brevibus rcpetutit,
bis, ter, quater, antequam effectus totus exspiret."
21) Wenn der Eine a priori, d. h. ungeprüft, leugnet, und der An-
VH. Buch. Aphorism 12. 469
mithin die Heilung durch eine geringere Zahl Derselben und
in kürzerer Zeit erreicht wird, und die zweite oder weitere
Gabe nichts für sie Heilbares m#ir vorDndet. 2a)
dere a posteriori, d. h. nach Versuchen, behauptet, dass der Umfang
der Arzneikräfte durch Reiben und Schütteln erweitert wird: so steht dem
Letztern eine alte Erfahrung zur Seite , welche Hahnemann bereits im
Jahre 1826 mittheilte. Wir lesen nämlich in einer Anmerkung des Vor-
worts zum Lebensbaume (R. A.-M.-L. V. Band, S. 123, 2. Aufl.) folgende
denkwürdigen und keine Deutelei zulassenden Worte, welche wir hier un-
verkürzt wiedergeben, weil heutiges Tages viele, vielleicht die meisten Ho-
möopathen die Original- Quellen unseres Wissens nicht besitzen oder ver-
schmähen. Sie lauten: — ,,Die Entdeckung, dass die rohen Arznei-
substanzen (trockene und flüssige) durch Reiben oder Schütteln mit unarz-
neilichen Dingen ihre Arzneikraft immer mehr e ntfalten und in desto
grösserem Umfange, je weiter, länger und mit je mehr Stärke dieses
Reiben oder Schütteln mit unarzneilichen Substanzen fortgesetzt wird, so
dass aller materielle Stoff derselben sich nach und nach in lauter arz-
neilichen Geist aufzulösen und zu verwandeln scheint — ; diese, vor
mir unerhörte Entdeckung ist von unaussprechlichem Werthe und
so unleugbar, dass die Zweifler, welche aus Unkenntniss der unerschöpf-
lichen Natur in den homöopathischen Verdünnungen nichts als mechanische
Zertheilung und Verkleinerung bis zum Nichts (also Vernichtung ihrer
Arzneikraft) vermuthen, verstummen müssen, sobald sie die Erf ah rung
fragen." — Wer Augen hat zu sehen, wird sich leicht daraus überzeugen,
dass hier nicht die (materielle) Heftigkeit, sondern vielmehr der um-
fangreichere Kreis der Arzneiwirkungen durch das fortgesetzte s. g.
Verdünnen, und der Vorzug der 60. (Centesimal-) Verdünnung in dieser
Beziehung vor den Niederen gemeint ist. Dies wird überdem auf der fol-
genden Seite (124) nach „unzähligen genauen Versuchen" von den
übrigen „hohen Arznei-Verdünnungen" ausdrücklich bestätigt. Wenn man
auch die Wahrheit dieser Versicherung des „redlichen Forschers" bezweifelt,
warum stellt man dann nicht wenigstens vergleichende Versuche darüber
an , wie hundert Andere gethan haben, deren treue Versicherungen man
ebenso wenig gelten lässt?
22) Wir wissen recht gut, dass Einiges von dem, in der vorstehenden
Glosse Gesagten zur Zeit noch von vielen Homöopathen bezweifelt und
sogar geleugnet wird. Allein das hat uns nicht verhindern können, unsere,
auf langjähriger Erfahrung und tausendfältigen Thatsachen begründete Ueber-
zeugung unverhohlen auszusprechen. Wir beanspruchen indessen weder
hier, noch anderswo, einen blossen Glauben, sondern wünschen nur im In-
teresse der Wahrheit und der Wissenschaft die besondere Aufmerksamkeit
unserer Kollegen darauf hinzulenken, und sie zu Versuchen zu
470 VIL Buch. Apkorism 13.
13. Es ist schlimm, wenn mit heftiger Fieberhitze sich
klonische und tonische Krämpfe einstellen.
Obwohl unsere Erfahrungen noch nicht zahlreich genug sind, um dar-
auf eine sichere Regel zu begründen: so glauben wir doch die Aufmerk-
samkeit auf eine Beobachtung lenken zu dürfen, welche bisher noch keine
Beachtung gefunden hat, obwohl sie dem unwandelbaren Grundprinzip aller
und jeder wahren Heilung (Similia Similibus!) entspricht. Bei denjenigen
Krankheiten nämlich, welche, wie Pocken, Masern, Scharlach etc., in der
Eegel nur einmal den Menschen zu befallen pflegen, hat es uns mehrfach
geschienen, dass jede Wiederholung der streng homöopathisch angezeig-
ten Arznei, zumal in den höchsten Dynamisationen, nur zum Nachtheil,
mindestens zur Verzögerung der Genesung dient, während bei anderen
Krankheiten solche Wiederholungen in der Regel um so nöthiger sind, je
öfterer sie einzutreten pflegen. In jenen Fällen thut eine einzige kleinste
Gabe der richtig gewählten Arznei, wenn man sie ruhig auswirken lässt,
nicht nur Alles, was man überhaupt dabei von Arznei erwarten darf, son-
dern wir haben auch nicht selten erfahren, dass unter diesen Umständen
dieselbe Arznei, nach Jahr und Tag, auch bei scheinbar grösster Ange-
messenheit gegen andere Krankheiten angewendet, den Erwartungen nur
theilweise entspricht, und zwar vorzugsweise dann, wenn der früheren Gabe
Zeit gegönnt war, ihre Wirkung vollständig zu beendigen. Vielleicht grün-
det sich hierauf auch die Warnung des vielerfahrenen Dr. Wolf: die feinste
Gabe Thuja gegen das Pocken-Miasma nicht zu wiederholen, sondern ruhig
auswirken zu lassen, es möge dauern, so lange es wolle.
Fast alle Homöopathen von langjähriger Erfahrung und scharfer Beo-
bachtung, — und nur Diese allein können ein vollgültiges Urtheil abgeben,
— sind darüber einstimmig, dass, namentlich in chronischen Krankheiten,
die einmal in Thätigkeit gesetzte richtige Arznei ungestört ihre Wirkung
vollenden muss, wenn man damit den ganzen Erfolg erlangen will. Einige
noch Unerfahrene haben diese Krankheiten mit perennirenden Unkräutern
(wie Tussilago, Aegopodium, Humulus etc.) vergleichen wollen, welche da-
durch am Sichersten ausgerottet werden, dass man sie stets und wieder-
holt ihres Blattorgans beraubt und also unausgesetzt äusserlich behandelt.
Das ist aber durchaus irrig, indem die chronischen Krankheiten zu ihrem
Bestehen nicht nur der äusseren Erscheinungen keineswegs bedürfen, son-
dern im Gegentheile im Innern ihre Wurzeln um so weiter ausbreiten, je-
mehr die äusseren (vikarirenden) Zeichen zerstört oder zurückgetrieben
werden. Jener Vergleich ist also durchaus unpassend und kann niemals
zu einer Hinweisung auf eine vernünftige und zweckmässige Behandlung
dienen. Es folgt Dies aus der dynamischen Natur und Beschaffenheit jeder
wahren Krankheit, die niemals rein lokal, sondern jederzeit von der im-
materiellen Lebenskraft, also vom lebendigen Gesammt- Organismus ab-
VII. Buch. Aphorism 14. 471
Einige Kommentatoren haben das Wort xavpaötv, anstatt
mit Fieberhitze, mit Wunden übersetzt, wozu wir den Grund
nicht absehen können. Uebrigens ist der Lehrsatz für viele,
wenn auch nicht für alle Fälle in der Erfahrung begründet. Dies
wird dem Kenner sogleich einleuchten, wenn er die Arzneien
miteinander vergleicht, welche hier am Gewöhnlichsten zur An-
wendung kommen. Diese sind nämlich für klonische Krämpfe
zunächst: Ars., Beil., Bry., Calc, Camph., Carb. veg., Cham.,
Cic. vir., Dulc, Hyosc, Ignat., Ipec, Kali, Lyc, Merc, Natr.
mur., Op., Phosph., Ph. ac, Rhus, Sep., Sil, Stann., Stram.,
Sulph. und Veratr. Bei tonischen Krämpfen hingegen sind es
vorzüglich: Beil., Calc, Camph., Cham., Cic, Cocc, Hyosc, Ignat.,
Ipec, Kali, Lyc, Merc, Mosch., Natr. mur., N. vom., Op., Pete,
Phosph., Rhus, Sep., Sil., Stram., Sulph. und Veratr. Unter
Diesen dürften die Gefährlichsten Diejenigen sein, welche mit ihren
begleitenden Beschwerden auf Ars., Beil., Camph., Carb. veg.,
Hyosc, Op., Sep., Stram. und Veratr. passen.
14. Es ist schlimm, wenn nach einem Schlage auf den
Kopf Betäubung und Irrereden folgt.
Die Hauptmittel nach Schlag, Stoss oder heftiger Er-
schütterung, besonders auch des Kopfs, sind bekanntlich,
ausser Arn., auch noch Cic. vir., Com, Hep., Lach., Puls., Rhus
und Sulph. ac. Ist nun die Folge davon vorzüglich Betäubung,
so wird die Wahl sich meistens auf Arn., Cic. vir., Com, Puls.
hängig ist, und nur durch die, im Verhältniss mit der Abnahme der Erst-
Wirkung stets an Energie zunehmende Reaktion der Lebenskraft, mithin
am Meisten gegen das Ende der Wirkungsdauer der Arznei, ausgetilgt wer-
den kann. Weit passender, als Jener, würde der Vergleich mit solchen
Obstfrüchten sein, welche lange vor der Zeitigung vom Baume geschüttelt
werden, und weder wohlschmeckend, noch der Gesundheit zuträglich sind.
472 VIL Buch- Aphorism 15, 16.
und Rhus beschränken. Stellt sich aber Irrereden ein, was
gewöhnlich erst später und nach der Betäubung geschieht, so
treten ausserdem noch Beil., Hyosc, Op., Stram. und Veratr. zu
der Wahl, obwohl dabei die zuerst Genannten auch nicht ausser
Acht gelassen werden dürfen , und namentlich auch hier die
Arn. jedesmal eine besondere Berücksichtigung verdient. Es
versteht sich dabei von selbst, dass bei Brüchen oder Zer-
splitterungen der Schädelknochen die nöthige chirurgische
Hülfe sogleich in Anwendung gebracht werden muss. 23)
15* Es ist schlimm, wenn auf Blutspucken Eiterauswurf
sich einstellt.
16. Auf Eiterauswurf folgt dann Schwindsucht und Durch-
fall, und darauf der Tod, wenn der Auswurf stockt
Mit wenigen, aber kräftigen und wahren Zügen zeichnet in
den vorstehenden beiden Aphorismen (15 und 16) Hippokrates
den Anfang, den Verlauf und den Ausgang einer der ge-
wöhnlichsten Arten von Lungenschwindsucht, wie sie da-
23) II est ä regretter que ceux qui out experimente les medicaments
sur eux-memes ne fussent pas inities dans l'etude de la Phrenologie; car
ils auraient indique avec plus d'exactitude et moins de vague les souffran-
ces qu'ils eprouverent dans les diverses regions de la tete, et en indiquant
les noms des organes correspondants. C'est une lacune qui est vivement
sentie lorsqu'on se trouve en presence des alienations mentales et des
autres maladies du moral et de l'intelligence. J'ai la convictiou qu'un jonr
l'homoeopathie y pourra suppleer par ses recherehes ulterieures, et qu'ainsi
on parviendra ä simplifier singulierement le traitement de cette classe nom-
breuse de maladies.
Dr. L. Malaise, clin. hom. (1837) pag. 22.
Diese wichtige Bemerkung unseres (1850 an der Schwindsucht ver-
storbenen) Freundes , die später auch noch von einigen Anderen gemacht
ist, hat leider! auch bei den neueren Prüfungen, welche sämmtliche Frü-
here so unendlich übertreffen sollten, noch nirgends die verdiente Beach-
tung gefunden.
VII. Buch. Aphorism 16. 473
mals vorkam und auch heute noch oft sich gestaltet. Den An-
fang macht gewöhnlich ein mehr oder weniger starkes Blut-
speien, und hierbei finden wir, dass die allopathischen
Aerzte, obwohl in der Anwendung aller anderen Mittel von
überaus verschiedener Meinung, in Einem Punkte ziemlich einig
sind, nämlich in dem sofortigen Aderlasse.24) Und gerade
hierin sind sämmtliche homöopathischen Aerzte mit der-
selben Einstimmigkeit einer ganz entgegengesetztenAnsicht
und nehmen sich selbst die Freiheit, auf's Entschiedenste und
Ernstlichste dagegen zu warnen, der Bluthusten möge nun
(nach Hufeland) entzündlich, krampfhaft, gastrisch oder
passiv sein.25)
Der Raum gestattet nicht, an dieser Stelle spezieller auf
die Mittel einzugehen , welche dabei zur Anwendung kommen
können, weil es deren eine grosse Menge giebt, wovon Jedes
seine eigenthümliche Indikation verlangt.26) Wir können daher
24) Der Meinungszwiespalt der alten Aerzte über den Aderlass dreht
sich nicht allein um den Nutzen oder Schaden Desselben überhaupt, son-
dern auch um die Frage, ob man (wie die Griechen) an der schmerzenden,
oder (wie die Methodiker und Araber) an einer davon entfernten Stelle
Blut lassen solle? — Wir wissen nicht gewiss, ob man sich heutiges Tages
darüber geeinigt hat.
25) Zu den Ursachen der Phthisis pulmonalis rechneten die älteren
Aerzte des vorigen Jahrhunderts ganz besonders: perversa curatio morbo-
rum praegressorum, praesertim nimiarum haemorrhagiarum , inprimis hae-
moptyseos per adstringentia.
26) Wir müssen es abwarten, ob das neuerdings eingeführte, übrigens
ungeprüfte und in seiner charakteristischen Wirkung noch gänzlich unbekannte
Anacahuita-Holz länger seine Herrschaft behaupten wird, als das Is-
ländische Moos, der Wasserfenchel, die Liebersehen Kräuter
u. dergl. mehr, die alle eine Zeitlang in der Mode gewesen und noch heute
kaum vergessen sind, wenn es sich um Experimente handelt. — Das Ana-
cahuita-Holz ist kaum bekannt und noch gar nicht geprüft, und doch ver-
kauft man bereits Anacahuita-Bonbons und dergleichen Chokolade
gegen alle Arten von Schwindsucht. — Nicht lange nachher, wo Vor-
stehendes geschrieben war, ist die Entscheidung bereits vollständig einge-
treten, und mancher Apotheker hat Ursache sich zu beklagen, dass er vor-
eilig sein Geld dafür weggeworfen hat.
474 vn- Buch- Aphorism 16.
nur eine Auswahl darunter treffen, nach Maassgabe ihrer öfteren
Angemessenheit, und anführen, dass in den meisten Fällen die
Wahl schwankt zwischen: Acon., Amm. carb., Arn., Ars., Bell,,
Bry., Chin., Ferr., Hyosc, Ipec, Nitr. ac, Phosph., Puls., Rhus,
Sabin., See corn., Sulph. oder Sulph. ac. Bei allen diesen Mit-
teln müssen, neben der Beschaffenheit und Konsistenz
des ausgeworfenen Bluts, die begleitenden Symptome,
die anamnestischen Zeichen und die Bedingungen des
Schlimmer- oder Besser-Werdens den Ausschlag geben, wie
bei allen homöopathischen Kuren. Wir bedauern bei dieser Ge-
legenheit, dass das wirksamste blutstillende Vegetabil, näm-
lich das gemeine Thlaspi Bursa pastorisL. noch nicht ge-
nügend geprüft ist, um es jedesmal am rechten Orte anwenden
zu können.
Wenn der Bluthusten nur vorübergehend beseitigt und
nicht im wahren Sinne des Worts von Grund aus geheilt ist,
so folgt meistens eine Vereiterung der Lungen und Eiter-
auswurf. Wie häufig diese Folge eintritt, ergiebt sich aus
dem Umstände, dass die medizinischen Schriftsteller schwerlich
über einen andern Theil der Arzneikunde eine grössere Zahl von
Büchern und Brochuren zu Tage gefördert haben, als eben über
Diesen. Wenn man aber dabei weiss, dass dessenungeachtet die
meisten an dieser Krankheit Leidenden rettungslos dem Tode
entgegen gehen: so muss man die Erfolglosigkeit aller dieser
gutgemeinten Bemühungen beklagen, und dafür sorgen, dass dem
Uebel schon vor dem Eintritte in dieses gefährliche Stadium ein
In No. 2 (S. 13) der „Preussisehen Medizinal-Zeitung" von 1861 be-
merkt schon die Redaktion in einer Anmerkung' zu einer „Analyse des
Anacahuäta-Holzes" : — „Die vielgerühmte Wirksamkeit dieses Mittels bei
Brustkrankheiten hat sich weder durch unsere, noch, soviel uns bekannt
geworden, durch anderweitige Versuche bestätigt." — Als merkwürdig er-
scheint dabei in der Asche der grosse Gehalt (88,50 pCt.) von kohlen-
saurer K alkerde, (wenn dies kein Druckfehler ist?).
VII. Buch. Apborism 16. 475
wirksames Halt geboten werde. Auch für die Homöopathie ist
unter diesen Umständen oft nicht viel mehr zu erreichen, und
am Wenigsten dann, wenn die Kur mit Aderlässen27) begon-
nen und mit tiefeingreifenden allopathischen Gemischen fort-
gesetzt wurde. Bei Patienten dieser Art lässt sich niemals ohne
Vorbehalt eine günstige Prognose stellen, wenn auch die
Gefahr noch nicht so drohend scheint. Diejenigen Arzneien,
welche sich in diesem Stadium am Hülfreichsten erwiesen haben,
wenn sie genau homöopathisch gewählt waren, sind: Ars., Brom.,
Bry., Calc, Carb. veg., Chin., Con.; Dros., Ferr., Hep., Kali,
Led., Lyc, Natr., Nitr. ac, Phosph., Ph. ac, Plumb., Puls., Bhus,
Samb., Sep., Sil., Staun, und Sulph. Aber, wie gesagt, der Er-
folg ist und bleibt unsicher, und wird Solches noch mehr, wenn
auch die Passendsten von Ihnen in grossen Gaben gereicht
werden, oder wenn oft damit gewechselt, oder wenn endlich die
Nach -Wir kung nicht gehörig abgewartet wird. Wenn irgend-
wo, so ist hier jedes Ueber hetzen und Uebereilen28) mit
unausbleiblichem Nachtheil verbunden. Dass bei der jedes-
maligen Wahl der Mittel, ausser der grösseren oder geringeren
Quantität, so wie der Tageszeit der leichteren oder schwie-
rigeren Lösung des Auswurfs, auch noch ins Besondere die
27) Erasistratus war der Erste, welcher sich, etwa hundert Jahre nach
Hippokrates, gegen das Uebermaass des Aderlasses und der Abführungen
erhob. Leider verleitete auch ihn die Sucht nach gelehrten Erklärungen,
die Lehre von dem error loci aufzubringen, die bis auf die jetzige Zeit so
viele Irrung und Verwirrung verschuldet hat. Auch an diesem Beispiele
sieht man, wohin die Vernunft in empirischen Wissenschaften führt, wenn
sie sich nicht mehr von sinnlicher Erkenntniss, sondern von selbstgeschaf-
fenen Spekulationen leiten lässt. „Zwei Jahrtausende" — sagt Hecker —
„haben neben so vielen andern Irrthümern, die von der Vernunft erdich-
teten Schärfen der Säfte als ausgemachte Wahrheiten gegolten , so wenig
sich auch jemals nur ein Schein von Erfahrung zum Beweise ihres Daseins
aufstellen Hess."
28) In medicina multa scire oportet et pauca agere.
Bagliv.
476 VIL Buch- Aphorism 16.
Beschaffenheit desselhen nach Aussehen, Geschmack
und Geruch, Hauptmomente abgeben, versteht sich von selbst.
Aber auch sämmtliche Nebenbeschwerden und Zeichen verdienen
die grösste Berücksichtigung, die hier um so nöthiger ist, als
in keinem Falle ein schneller Wechsel in den Arzneien zu-
lässig ist. Wie reichhaltig aber zu diesem Allen das Material
in der R. A.-M.- Lehre vorhanden ist, das lehrt ein Blick in
Dieselbe.
Wenn nun gar, wie im Aphorism 16 angeführt wird, Ab-
zehrung und Durchfall sich damit verbinden und also die
Krankheit in ein noch weiteres Stadium vorgerückt ist: so wird
die Rettung und die Prognose immer zweifelhafter, obwohl
auch nun noch immer nicht ganz unmöglich und hoffnungslos.
Man muss dann aber bei der Mittelwahl vorzugsweise auf diese
Ausleerungen und auf die damit in Verbindung stehenden
Beschwerden Rücksicht nehmen, und zunächst: Ars., Bry., Carb.
veg., Chin., Ferr., Hep., Nitr. ac, Phosph., Ph. ac, Puls, und
Sulph. in Erwägung nehmen. Die Abzehrung selbst, als eine
unmittelbare Folge der Krankheit, bietet selten etwas Charakte-
ristisches, und verdient daher weniger Berücksichtigung. Eine
um desto Grössere aber verlangt der, meistens damit verbundene
und oft sehr Symptomenreiche Schweiss, wovon die Eigen-
thümlichkeiten insbesondere von Ars., Bry., Calc, Carb. veg.,
Chin., Ferr., Phosph., Ph. ac, Samb., Sep., Sil., Stann. und
Sulph. mit möglichster Schärfe aufgefasst werden müssen. So
ist es, um in dieser Beziehung nur Ein Beispiel anzuführen, von
erheblicher Wichtigkeit, zu wissen, ob der Schweiss gleich zu
Anfange des Schlafs eintritt, aber sich bald während dessel-
ben verliert (Ars.), oder ob er während der ganzen Dauer
des Schlafs ununterbrochen fortwährt und erst mit dem Er-
wachen aufhört (Phosph.), oder ob der Schweiss bloss
im wachenden Zustande vorhanden ist und beim Einschlafen
sofort in trockne Hitze übergeht (Saudi.). Durch Auffindung
i
VII. Buch. Aphorism 16. 477
und Berücksichtigung solcher und vieler ähnlicher charakte-
ristischen Symptome, wovon die Allopathie auch nicht die
entfernteste Ahnung hat, ist es uns nicht selten gelungen,
Schwindsüchtige zu retten, bei Denen bereits alle Hoffnung
auf Genesung aufgegeben war; aber nur durch Anwendung und
ruhiges Aus wirken lassen der kleinsten Gaben von den höch-
sten Potenzirungen, deren Erst-Wirkung fast Null, und
deren Heilwirkungs-Umfang von einer Ausdehnung ist, dass
sie oft überrascht und alle Erwartung übersteigt. Von niedri-
geren Dilutionen haben wir ähnliche Erfolge in solchen verzwei-
felten Fällen niemals gesehen.
Nachdem wir schon einmal (in der Glosse zum Aphorism
VI, 44) von uns selbst geredet haben, dürfen wir es kaum wa-
gen, Solches hier noch einmal zu thun. Aber man wird es
hoffentlich damit entschuldigen, dass wir dadurch zugleich dem
erstenHomöopathen in Westfalen, nämlich unserm längst
verstorbenen, unvergesslichen Freunde Dr. Weihe in Herford
eine kurze dankbare Erinnerung widmen. Dieser nämlich
war es, der uns selbst im Jahre 1828, als wir die Homöopathie
noch kaum dem Namen nach kannten, und nachdem die beiden
hiesigen bewährtesten Aerzte (DD. Busch und Tourtual sen.) uns
an der eiterigen Lungenschwindsucht mit äusserst pro-
fusem Auswurfe verloren gegeben hatten, durch eine Gabe
Puls. 30, der er vier Wochen später eine Gabe Sulpb. 30 fol-
gen liess, das Leben rettete. Mehr war zur Herstellung nicht
nöthig, wie unsere gegenwärtige Rüstigkeit beweist, obwohl die
Krankheit über neun Monate gedauert hatte und wir uns bereits
ausser Stande fühlten, auch nur hundert Schritte ohne Auszu-
ruhen zu gehen.29)
29) Zu den angenehmsten Erinnerungen aus unserer ärztlichen Lauf-
bahn gehört die der reichbegabten und vielgefeierten Dichterin Annette v.
Droste-Hülshof. Sie war unsere allererste Patientin im Winter li
478 vn- Bucb- Aphorism 17.
17. Es ist schlimm, wenn bei Entzündung- der Leber sich
Schluchzen einstellt.
Bereits im Aphorism V, 58 ist des Schlucbzens bei
Leber enlzün düng gedacht, und in unserer Glosse dazu Eini-
ges über den Werth solcher Nebenbeschwerden gesagt. Wir
glauben uns daher bei diesem Aphorism lediglich auf Jene be-
ziehen zu können, indem hier nur der Frühere dadurch vervoll-
ständigt wird, dass diese Erscheinimg, wie sie es in der Wirk-
lichkeit thut, ein gefährliches Symptom darbietet. Nur über die,
in der jüngeren Zeit in auffallender Weise beim Studium der
Medizin vernachlässigte Zeichenlehre (Semiolik) möge es uns
gestattet sein, im Vorbeigehen ein kurzes Wort beizufügen. Es
ist nämlich bekannt, dass diese Doktrin mit der fortgeschrittenen
Ausbildung der physiologischen und anatomischen Dok-
trinen ungemein an Achtung verloren hat, so dass es nicht wenige
Aerzte giebt, welche niemals eine Vorlesung darüber gehört
haben, selbst kein Handbuch darüber besitzen, und sich über-
haupt nicht weiter darum bekümmern, als in so fern die mannich-
faltigen Erscheinungen am Kranken durch die letztgenannten
Wissenschaften handgreiflich erklärt werden.30) Darin mag
indem sie von ihrem bisherigen und unserem früheren Arzte, dem M. R.
Dr. B. , der in ihrem schwindsuchtartigen Zustande keine Hülfe mehr zu
schaffen wusste, an uns verwiesen wurde, nachdem wir unsere eigene Her-
stellung entschieden der Homöopathie zuschrieben. Nach langer, vergeb-
licher Ablehnung bedurfte es zweier vollen Tage des angestrengtesten Stu-
diums, um das passendste Mittel (N. vom.) aufzufinden ; aber dafür war
auch der Erfolg so überraschend günstig, dass sie seitdem der Homöopathie
unverbrüchlich treu blieb, bis sie im Jahre 1S47 auf ihrer Villa bei Con-
stanz am Bodensee von einer, uns nicht näher bekannt gewordenen Krank-
heit ergriffen, unter fremden Händen starb.
30) Die Semiotik der alten und neuern Aerzte betrifft fast nur die
Prognose; wogegen die der Homöopathen zunächst für die Therapie und
für die richtige Wahl der Mittel bestimmt ist, deren Wirkungen dann die
hauptsächliche und meistens sichere Prognose liefern.
VII. Buch. Aphorism 17. 479
zum grossen Theile der Grund zu suchen sein, dass viele Aerzte
mit höhnischer Ueberhehung und mitleidiger Verachtung
auf alles Dasjenige herabsehen, was schlichtweg den Namen von
Symptom trägt, und am Meisten auf Solches, was sie nicht
e r k 1 ä r en , oder vielmehr, was sie nicht begreifen können. 31)
Kein erfahrener Arzt wird aber in Abrede stellen, dass es
solcher, wenigstens zur Zeit noch unerklärlicher Erscheinungen
und Verbindungen Viele giebt, und dass Manche von Diesen wenig-
stens für die Prognose von der grössten Erheblichkeit sind,
wenn er sie auch als Allopath für seine Therapie nicht zu ver-
werthen weiss. 32) Man kann daher in dieser Versäumniss wahrlich
keinen Fortschritt in der Arzneiwissenschaft, wie sie
jetzt gelehrt wird, erblicken, sondern muss es aufs Lebhafteste
bedauern, dass die jungen Hippokratiker gerade in diesem
Punkte so überaus weit von dem Vorbilde ihres gefeierten
Meisters abweichen, dessen Schriften überall für die Wichtig-
keit und Unentbehrhchkeit der Symptomen-K enntniss das
entschiedenste Zeugniss ablegen. Am Wenigsten aber steht es
diesen jungen Aerzten zu, mit verletzender Geringschätzung
von der Homöopathie zu reden, wovon sie gar Nichts verstehen,
wohl aus dem Grunde, weil da zu oft ihre gelehrten Erklä-
rungsversuche scheitern, und ihr grobmaterialistischer
31) Seitdem wir gesehen haben, wie man „mit dem Dampfe fährt,
mit dem Blitze spricht und mit der Sonne malt", was man vor
50 Jahren für Wahnsinn erklärt haben würde: seitdem haben wir nicht
mehr das Becht, irgend eine Erfahrung kurzweg abzuleugnen, sondern nur
noch die Befugniss, den Beweis durch das Experiment zu fordern.
Zu unseren Zeiten haben wir häufigere Ausnahmen, als früher, von
dem, bisher fast als Axiom geltenden Ausspruche des weisen Ben Akiba
gesehen: „Nil novi sub sole".
32) Denn wunderbar ist es allerdings, wie viele, mit dem g-elehrigsten
Verstände, mit dem besten Gedächtnisse, geschickt zu prüfen und zu ur-
theilen, doch erst nach dreissigj ähriger Arbeit und Mühe, spät in ihrem
Alter erkannten, wie lichtvoll und wie wahr Das ist, was sie im Anfange
für unglaublich hielten, wie ganz Anders als Das, was sie anfangs glaubten.
Plato's Briefe von Schlosser, S. 95,
480 Vn« Buch. Aphorism 17.
Verstand sich gegen unleugbare Erfahrungen sträubt.33)
Sie thäten wahrlich viel klüger, sich an den hippokrali sehen
Erklärungsversuchen, die oft abenteuerlich genug lauten,
zu spiegeln, und zu bedenken, dass unsere Nachkommen schon
nach einem Jahrhundert nicht minder über die jetzigen gelehrten
Phrasen die Achsel zucken werden, wie wir es heute über die
Früheren thun, während thatsächliche Erfahrungen und richtig
beobachtete Symptome für immer ihren ungeschmälerten Werth
behalten. Wenn wir mithin der Sache den wohlverdienten Na-
men geben wollen , so müssen wir sagen , dass es mehr als
Ueberhebung, dass es geradezu Unverstand ist, nur allein
Dasjenige für wahr zu halten, was wir mit unserem beschränk-
ten Verstände begreifen und nachweisen können, während rings
um uns her in der Natur eine so unermessliche Fülle von Un-
be greiflichem und Unerklärlichem sich überall und täg-
lich vor unsern Augen entfaltet. 34) Wie in unsern Tagen die
Wunder der Photographie und des elektrischen Tele-
graph s das Erstaunen eines Physikers erregen würden, wenn er,
vor fünfzig Jahren gestorben, heute wieder auflebte: so wird
vielleicht nach weiteren fünfzig Jahren der Arzt nicht begreifen,
wie seine Vorgänger so lange Zeit hindurch der hellleuchtenden
Wahrheit ihre Augen haben verschliessen können.35)
33) Eine voi-nehm thuende Zweifelsucht, welche Thatsaehen verwirft",
ohne sie ergründen zu wollen, ist in einzelnen Fällen oft noch verderblicher
als unkritische Leichtgläubigkeit.
Humboldt, Kosmos I, S. 140.
34) Iniquum est, qu°d aeeidit, non credere, si, cur id fuit, reperire
nequeamus. Cicero.
35) Le vrai n'est pas toujours vraisemblable. Montaigne.
Das Nichtsehen- und Nichtprüfen-W ollen ist der rationalistische Starr-
krampf unserer Zeit.
Eschenmayers Brief an Dr. J. Kerner.
„Der Schaafskopf" — sagt Don Quicliote von seinem Schildknappen
(V, 13) — „glaubt nur was er sieht, und bedenkt nicht, dass das Gesicht
der allertrügliehdte Sinn ist."
VII. Ruch. Aphorism 18. 481
18. Es ist schlimm, wenn nach Schlaflosigkeit Konvulsio-
nen oder Delirien entstehen.
Die Schlaflosigkeit, welche kaum jemals als alleinige
Ursache der Konvulsionen oder der Delirien angesehen
werden kann, sondern an und für sich ehen so wie Diese zu
dem Gesammtkrankheitshilde gehört, muss nebst den Einen und
den Andern dem jedesmaligen Heilmittel angepasst werden, ohne
welches dieses dem A ehnlichkeitsgesetze nicht entsprechen,
mithin auch keine Heilung bewirken würde. Wofern man also
die Arzneien in Erwägung zieht , welche hier konkurriren , so
wird man, wiewohl mit gebührender Rücksicht auf sonstige, hier
nicht erwähnte Zeichen, auf die grössere oder geringere Gefähr-
lichkeit der hier angedeuteten Krankheiten schliessen dürfen.
Diese Arzneien sind aber für die Konvulsionen mit oder
nach Schlaflosigkeit vorzüglich Folgende: Alum., Beil., Bry.,
Calc, Carb. an., Carb. veg., Cupr., Hep., Hyosc, Jgnat., Ipec,
Kali, Merc, Mosch., N. vom., Phosph., Ph. ac, Puls., Rheum,
Rhus, Selen., Sep., Sil., Stront. und Thuj. Diejenigen aber,
welche auf Delirien hindeuten und mehr oder weniger auch
für die Schlaflosigkeit angemessen sein können, sind: Aur.,
Beil., Bry., Calc, Chin,, Coloc, Dig., Dulc, Hyosc, Ignat., Lyc,
Natr., N. vom., Op., Phosph., Ph. ac, Plat., Puls., Rhus, Sabad.,
Pour etudier et pratiquer convenablement la medecine, il faut y mettre
de l'importance, et pour y mettre une importance veritable, il faut y croire.
Cabanis, certit. de la medecine.
II est etonnant que certains esprits rejettent sous un point de vue les
verites qu'ils reconnaissent sous un autre; ils ne nient pas l'influence elec-
trique ou magnetique; ils avouent que les miasmes qui tuent sont divises
au point qu' aucune analyse ne peut soupconner leur nature; ils admettent
que des millions d'hommes s'infectent successivement du miasme, inanaly-
sable, impalpable, parti d'un seul, sans qu'on puisse donner ä la valeur
miasmatique du dernier un dividende moindre que celui qu'il a recu, et l'on
nie le dynamisme medicamenteux!
Dr. Varlez, rep. p. 17.
31
432 VII. Buch. Aphorism 18.
Selen., Spong., Stram., Sulph. und Veratr. Jeder in unserer
Wissenschaft gehörig eingeweihte Arzt und Kenner der speziellen
Arzneiwirkungen wird daraus leicht entnehmen, wie verschieden
die Natur der Krankheiten und die Gefährlichkeit derselben
sein kann, wofür diese Mittel angezeigt sein können. Darin
nämlich unterscheidet sich wesentlich unsere Semiotik von
der des Hippokrates, dass bei uns ein einzelnes Symptom,
und vorzüglich ein Solches, welches nicht vollständig mit Angabe
der Verschlimmerung oder Besserung nach Zeit, Lage und Um-
ständen, und durch die Nebenbeschwerden scharf individualisirt
ist, niemals weder zur Prognose, noch zur Therapie hin-
reicht, und dass daher unser sogenanntes symptomatisches
Kuriren ganz verschieden ist von Demjenigen, was die Hippo-
kratiker darunter verstehen und viele Allopathen veranlasst,
für jede Beschwerde ein anderes Mittel ihrem Gemische
zuzusetzen. 36)
36) Marcus Herz sagt (Hufel. Journ. II, 34) : „Immer sind unsere Vor-
schriften zusammengesetzt, fast nie einfach und rein, folglich auch nicht
die Erfahrungen in Rücksicht auf die Wirkungen ihrer einzelnen, darin
enthaltenen Stoffe."
Herophilus (300 J. v. Chr. Geb.) nahm die Ursachen jeder krankhaf-
ten Erscheinung als etwas Zusammengesetztes an, und hielt es daher für
nöthig, ihnen ebenso zusammengesetzte, spezifische Mittel entgegenzustellen.
Von dieser Zeit her stammen die überladenen, unsinnigen Arzneimischungen.
Das bisherige Verschreiben aus den Apotheken mit dem augenblick-
lichen Hinwerfen eines Rezepts passte ganz zu der bisherigen fabrik- und
maschinenmässigen Behandlung. Gar Mancher fing schon manches Rezept
zu schreiben an, ehe er noch wusste, oder wenigstens ehe er noch klar
war, was er geben wollte.
Prof. Hoppe, die Dispensirfreiheit. S. 92.
Der alte Meckel in Halle pflegte zu sagen: Wenn er einmal einen
rechten Spass haben wollte, so läse er die Rezepte in den Apotheken, und
dies erwecke ihm mehr Heiterkeit, als Lustspiele und Anekdotensamm-
lungen. Dr. F, A. Ott.
Es giebt nicht wenige homöopathische Aerzte, welche ungeachtet ihrer
Befugniss zum Selbstdispensiren es vorziehen, ihre Mittel aus den hom.
Apotheken zu verschreiben. Wenn auch nicht von Allen, so dürfte doch
VII. Buch. Äphorism 19, 20. 483
19. Auf Entblössung eines Knochens folgt Rose.
20. Es ist schlimm, wenn auf eine Rose Fäulniss oder
Vereiterung folgt.
Der in den vorhergehenden Aphorismen regelmässig vor-
kommende Zusatz von (kuköv) „böse" oder „schlimm" fehlt
in vielen Ausgaben bei den Aphorismen 19 bis 23. Beim Gale-
nus findet er sich aber im Aphor. 20 und 2 1 , und wir haben
daher geglaubt, dieser Autorität folgen zu müssen. Der Äpho-
rism 20 ist übrigens offenbar nur eine Fortsetzung des Vor-
hergehenden.
Die Richtigkeit dieser beiden Aphorismen wird überall durch
die Erfahrung bestätigt, sowohl da, wo solche Knocjienent-
blössungen durch äussere Verletzung veranlasst, als wo sie
durch innere Ursachen entstanden sind. „Wie oft" — ruft
ein Kommentator bei dieser Gelegenheit aus — ■ „werden Wun-
den dieser Art durch reizende, komplizirte Salben, Balsame
und Tinkturen erst zu einem bösartigen Geschwüre umgewan-
delt, während sie bei einfachem, schlichtem Verbände und anti-
phlogistischem Verfahren geheilt worden wären." 3r) Gegenüber
von Vielen derselben gelten, was Hahnemann (Organon , Anmerkung zu
§ 67.) davon sagt: „sie möchten sich die Mühe ersparen, homöopathische
Aerzte zu sein und gleichwohl dergleichen scheinen wollen."
Si on ne renonce a ce luxe dangereux introduit par f ignorance et les
superstitions ; si l'on tient toujours au melange d'une base medicamenteuse,
d*un adjuvant ou auxiliaire, d'un ou plusieurs correctifs, melange dont on
a fait un art que je ne dois pas craindre de präsenter comme illusoire et
dangereux, la science restera dans l'etat ou eile est.
Fourcroy, de l'art de conn. & I, p. 446.
L'execution de cette ordonnance (du medecin) depend d'un aultre ofri-
eier (le pharmacien), ä la foy et mercy du quel nous abandonnons encore
un coup nostre vie. Montaigne.
37) Alle frischen Wunden und deren Umgebung bleiben frei von Ent-
zündung, wenn du für möglichst baldige Eiterung sorgst, und den Abfluss
des Eiters durch Stockung in der Wundmündung nicht unterdrückst.
Hippokrat. über die Geschwüre.
31*
484 VII. Buch. Aphorism 20.
solchen Beschuldigungen eines Allopathen wider seine eigenen
Zunftgenossen wollen wir nur daran erinneren, was wir mit un-
seren einfachen Mitteln bei solchen, auch die Knochen mit
verletzenden Unfällen, (vorzüglich mit Arn,, Ph. ac, Puls.,
Symph. oder Ruta) auszurichten vermögen. 38) Viel schlimmer
ist es aber, wenn durch innere Ursachen der Knochen
entblösst und in Eiterung geratben ist Solchen Fällen liegt
jedesmal ein chronisches Siechthum zum Grunde, worauf
mithin das Hauptaugenmerk gerichtet werden muss. Die meisten
Siechthum e dieser Art bewegen sich innerhalb der Wirkungs-
sphäre von Ars., Asaf., Aur„ Calc, Chin., Com, Hep., Lach.,
Lyc, Merc, Mezer., Nitr. ac, Ph. ac, Puls., Ruta, Sabin., Sep.,
Sil., Staph. oder Sulph., unter denen man gewöhnlich eine ho-
möopathische Wahl treffen kann. Aenssere Behandlungen aber
schaden hier in der Regel noch mehr, als bei den Ersten,
welche trotzdem oft geheilt werden , was bei Diesen wohl nie-
mals zu hoffen ist, so lange die innere Krankheit fortbesteht. 39)
Selbst die Amputation des leidenden Gliedes, welche seit der
Entdeckung des Chloroforms in erschreckender Weise zuge-
nommen hat? bringt unter solchen Umständen keine, oder höch-
stens nur vorübergehende, man möchte sagen: täuschende
Besserung. Dagegen werden viele Homöopathen mit uns mehre
Fälle aufzuweisen haben, wo die Amputation bereits ange-
ordnet war, der Unglückliche aber aus Furcht davor, in
38) Die Mittel, welche die Alten gegen Beinbrüche anwendeten,
waren vorzüglich: Symphytum officinale (welches noch heute von uns vor-
zugsweise gebraucht wird), Valeriana officinalis , Crocus sativus, Epipactis
ovata, Arum maculatum, Ficus Carica und Ulmus campestris.
39) Qu'il me soit permis de dire, combien la pathologie est encore
arrieree, puisqu'elle en est ä considerer generalement, coinme maladie,
l'alteration anatomique des organes, qui n'est autre chose que le Symptome
materiel de la maladie. Magnanj l'hom. p. 34.
VII. Buch. Aphorism 21. 485
der Verzweiflung zur Homöopathie seine Zuflucht nahm und
in Folge dessen das hedrohte Glied unversehrt behielt.40)
21. Es ist schlimm, wenn auf ein heftiges Klopfen in den
Geschwüren eine Verblutung entsteht.
Bei Weitem nicht immer zeigt starkes Klopfen und Pul-
siren in den Geschwüren eine drohende Verblutung an, son-
dern dieses Zeichen geht auch fast jedesmal bei allzu starker
Entzündung der Ei terbildung voraus, welche eben dadurch
verzögert und am Besten durch Ars., Hep., Lach., Merc. oder
Sil., je nach den übrigen Umständen, befördert werden kann.
Das starke Bluten, selbst unbedeutender Wunden, findet in
der Begel ziemlich leichte Beseitigung durch Arn., Carb. veg.,
Lach., Phosph. , Thlaspi Bursa *p. oder Sulph. ac. Aber die
freiwilligen Blutungen, so wie der von Hey also benannte
Blutschwamm (Fungus haematodes), wobei das Blut oft
bis zur äussersten Erschöpfung, ja bis zum Tode selbst unauf-
haltsam ausfliesst, bilden eine eigenthümliche, höchst gefährliche
Krankheit, welche wohl nie ohne Phosph. geheilt werden kann,
mit Hülfe dieses wahren Polychrests aber, zuweilen, wenn es
besonders angezeigt ist, mit Zwischengaben von Ars., Carb. an.,
Sil. oder einigen andern Mitteln, in mehreren Fällen in der That
glücklich geheilt worden ist.
Bei solchen segensreichen Kräften der Arzneien , und na-
mentlich auch des Phosphors, wovon wir" so eben ein, durch
40) Zu den Zeiten des Plinius scheint (zufolge XXIV, 25 und XXXV,
51) der Asphalt hei Knochenhrüehen noch nicht in Gebrauch gewesen zu
sein, wie jetzt im Orient allgemein.
In Schmucker's vermischten Schriften (I, S. 78 ff.) kann man die Ge-
schichte eines Soldaten lesen, dem man einstimmig den Arm zu amputiren
beschlossen hatte, welcher aber aus dem Krankenhause entfloh und von
einem andern Wundarzte ohne Ablösung geheilt wurde.
486 VII. Buch. Aphorism 2 t.
wiederholte Erfahrung bestätigtes Beispiel gesehen haben, kann
die mehr als oberflächliche Behandlung dieses, für die
Therapie unentbehrlichen und wichtigsten Theüs der Medizin,
wie sie heutiges Tages von den Koryphäen der Wissenschaft
verarbeitet und vorgetragen wird, nur das grösste Bedauern
und zugleich die tiefste Indignation erwecken. Von Vielen
wollen wir nur Eine der neuesten Thatsachen anführen, welche
eben den Phosphor betrifft. In dein „Sitzungsberichte der
niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde" vorn
7. Dezeinher 1859, Seile 4 ff. lesen wir einen Vortrag von dein
Geheimen Medizinalrathe Professor Mayer zu Bonn41) über
Phosphor Verbrennungen, worin er zuvörderst gegen die
neuesten Lehren von Buchheini, Clarus und Werber (die sich
wohl selbst vertheidigen werden), nur die lokale Wirkung
dieses Stoffs als Beizmittel gelten lässt und eine bloss Che-
mische nennt, welche er mit jedem andern Causticum gemein
habe.42) Die eigentliche Wirkung sei aber eine ganz Entge-
gengesetzte, von der Wissenschaft bisher gar nicht einmal
Vermuthete und jetzt erst von ihm Entdeckte (daher bis
jetzt überall ganz verkehrt Angewendete43). Der Körper, natür-
lich vom Phosphor saturirt, werde nämlich eiskalt und
starr, und der Tod erfolge, nicht, wie man bisher angenom-
men, durch Verbrennung, sondern nur durch Erfrierung.
41) „Wer so öffentlich lehrt" — sagt Humboldt in dem 64. der von
L. Assing profanirten Briefen — „muss sich auch die Oeffentlichkeit der
Vertheidigung Andersdenkender gefallen lassen".
42) „Wo Leben ist" — sagt Kopp (Beobachtungen S. 126) — „wirkt
der Chemismus anders , als in unseren Laboratorien." — Und fügt in der
Anmerkung hinzu:
„Encheiresin naturae nennts die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiss nicht wie."
Mephistopheles im Faust.
43) La matiere medioale est encore une collection de conclusions trom-
peuses, d'annonces döcevantes, plutöt qu'une vcritable science.
Barbier, Traite de Mat. med. I, pag. 184.
VII. Buch. Aphorism 21. 487
Nachdem dieser gelehrte Mann nun in sarkastischer Weise meh-
rere Krankheiten aufgezählt hat, welche „die Runde durch alle
Büchsen der Apotheken gemacht haben" und wogegen auch der
Phosph. vergeblich versucht war, fährt er folgender Maassen
fort: „Die Homöopathie selbst verschmähte den Phosph.
nicht, und reicht ein Atom A cid um phosphoricum" (als
wenn das gleich mit Phosph. wäre), „freilich etwas inkonse-
quent, bei den Folgen unglücklicher Liebe und Eifersucht,
weil er — heftiges, wildes Tanzen errege!" — Wir halten
es für unseren Beruf und für unsere Pflicht, den hochweisen
Herrn Professor aufzufordern, in irgend einem homöopathi-
schen Werke nachzuweisen, dass die Phosphorsäure bei der
Prüfung am Gesunden jemals Tanzen und Springen, ja
auch nur Lachen, Singen oder ähnliche Zeichen von Ueb er-
lustig keit in der Erst- Wirkung hervorgerufen hat, wogegen
sich der gerade entgegengesetzte stillverdriessliche, gleich-
gültige, schweigsame und traurige Gemüthszustand
in allen Symptomen so entschieden ausspricht. Bis dahin, dass
dieser Nachweis geführt ist, sind wir unbestreitbar in unserem
Rechte, wenn wir die angeführte Behauptung für eine literarische
Fälschung und eine grobe Unwahrheit erklären, die sich
schwerlich durch ein unwürdiges Haschen nach Witz ent-
schuldigen lässt.44)
Diese öffentlich konstatirte Thatsache möge überdem zum
Beispiele dienen, wie man heutiges Tages die so äusserst wich-
tige Pharmakodynamik behandelt, wie man in vergifteten
Hunden, Katzen und Kaninchen sucht, was dem kranken
44) Wer eine Lüge berichtet, merkt selten die schwere Last, die er
übernimmt. Er muss nämlich, um eine Lüge zu behaupten, zwanzig an-
dere erfinden. Swift's Aphorismen.
Man kennt die Antwort des Diogenes auf die Frage: welches das ge-
fährlichste Thier sei? worauf er erwiderte: unter den wilden Thieren der
Verleumder, unter den Zahmen der Schmeichler.
4gg VII. Buch. Aphorism 22.
Menschen Hülfe bringen soll, und dabei jede Gelegenheil mit
den Haaren herbeizieht, um die redlichen, aber meistens miss-
verstandenen oder gar gefälschten Versuche Anderer mit
gallbitterer Satire zu übergiessen. Das Gelindeste, was man
diesen vorlauten Unwissenden zurufen könnte, wäre wohl das
bekannte : Si tacuisses ! Aber abrathen muss man, wenigstens zur
Zeit noch , von allem und jedem Versuche , Solche zu belehren,
zu widerlegen und zurecht zu weisen.45)
22. Auf langwierigen Schmerz in den zum Unterleibe ge-
hörenden Th eilen folgt Vereiterung.
Fast alle neueren Uebersetzer dieses Aphorisms sagen hier
„im Unterleibe", wogegen die Aelteren das keqI mit „par-
tium circa ventrem" wiedergeben. Wir haben nicht die
Anmaassung, als Schiedsrichter aufzutreten und dem Einen vor
dem Andern den Vorzug einzuräumen, sondern haben lieber ge-
sucht, durch die Wahl des obigen Ausdrucks eine Vermittelung
der verschiedenen Meinungen herbeizuführen. — Uebrigens dürfte
die Richtigkeit dieses Aphorisms manche Ausnahmen erleiden,
je nachdem der Schmerz beschaffen ist, und in welchen Verbin-
dungen er vorkommt. Ueberhaupt ist das Wort: Schmerz so
ungemein vieldeutig und unbestimmt, dass es beinahe wie das
45) Es giebt ein Volk, das immer hören sollte,
Und immer lehrt;
Das ist das Volk, das man nie hören wollte,
Und immer hört. Hagedorn.
Incoherent assemblage d'opinions elles-memes incoherentes, eile (la
matiere medicale) est peut-etre de toutes les sciences physiologiqucs celle
oü se peignent le mieux les travers de l'esprit humain; que dis-je, ce n'est
point une science pour un esprit methodique, c'est un ensemble informe
d'idees inexactes, d'observations souvent pueriles, de formules aussi bizar-
rement concues que fastidieusemevit assemblees.
Bichat, Anat. gen. I, pag. 46.
VII. Buch. Äphorism 23. 489
noch vieldeutigere növoq der Griechen, worüber Foesius (Oecon.
Hipp. 532) die vollständigste Auskunft giebt, manchen Homöo-
pathen oft zur Verzweiflung bringt, besonders in schriftlichen
Berichten, wo jede genauere Individ ualisirung fehlt und wo
man zur Hülfe aufgerufen wird gegen einen Feind, von dem
man Nichts weiter erfährt, als dass es eben ein böser Feind ist.
23. Auf unvermischte Stuhlgänge folgt die Ruhr.
In Betreff derun vermischten Stuhlgänge beziehen wir
uns aut die Glosse zum Äphorism VII, 6. Dass unter övasvTEQL'r)
des Hippokrates nicht gerade immer Dasjenige verstanden wird,
was wir mit dem Namen Ruhr46) bezeichnen, haben wir bereits
früher angemerkt, und findet sich ausführlicher beim Foesius
(Oecon. Hipp. p. 171 seqq.) nachgewiesen. Es ist daher un-
möglich zu errathen, was Dieser mit diesem Lehrspruche eigent-
lich habe sagen, wollen. — Das ist der Fluch der blossen Na-
m e n , dass sie über Gegenstände ein mangelhaftes Licht verbrei-
ten, welches nicht hinreicht, sie selbst gehörig zu beleuchten,
geschweige denn, den nöthigen Anhalt für eine ärztliche Behand-
lung darzubieten.47) Dieser, auch heute noch herrschende Na-
men-Unfug ist dadurch um Nichts gebessert, dass man statt
der alten Einfachen nun häufig Zusammengesetzte an-
wendet, wodurch höchstens das Genus, niemals aber die Spe-
cies, und noch weniger die Varietät kennbar bezeichnet wird.
46) Wenn man die Namen der Flüsse Ehein und Rhur von dem grie-
chischen Worte qeco, qslv ableitet, so könnte man dieses mit noch grösse-
rem Rechte bei dem Worte Ruhr ebenfalls thun , würde dann aber sprach-
richtiger Rhur schreiben müssen.
47) On apprend ordinairement les langues, pour exprimer nettement
ce qu'on sait; mais il semble , que les medecins u'appreunent leur Jargon,
que pour embrouiller ce qu'ils ne savent pas.
Fontenelle.
490 vn- Buch Aphorism 23.
Es verhält sich damit geradeso , als wenn man Jemandem einen
Baum beschreiben will: Wurzel, Stamm, Zweige und Blät-
ter hat jeder; ebenso Rinde, Bast und Holzfasern mit ihren
verschiedenen Saftgängen. Dies Alles breit und lang und selbst
gelehrt dargestellt genügt nicht einmal auf eine Familie zu
schliessen, was erst durch genaue Beschreibung von Blatt und
Frucht möglich ist. Hat man aber nun auch endlich das Ge-
nus gefunden, so fehlt noch das Weitere, was durch die beson-
dere Beschaffenheit, Form oder Stellung der Blätter,
der Blut hen und der Frucht u. s. w. die verschiedenen Species
von einander unterscheidet, um mit Sicherheit zu erkennen, ob
z. B. von den zahlreichen (etwa 140) Quercus-Arten, Q. pedun-
culata, Q. Robur, Q. austriaca, Q. Cerris, Q. Suber, Q. Phellos,
oder irgend eine Andere gemeint sei. Ueber alles Dieses giebt
nur die scharfe Diagnose, niemals der blosse Namen, genü-
genden und sicheren Aufschluss, und eben so kann nur mit Hülfe
einer solchen Diagnose eine Krankheit derartig beschrieben
werden, dass man sie vollständig zu erkennen und eine Mittel-
wahl dafür zu treffen im Stande ist.48)
48) Ausser dem Namen-Unfug für die Krankheiten, giebt es in
der Medizin noch einen Andern für die gefährlichen Arzneien, wodurch
der Patient in Unwissenheit erhalten werden soll, wenn davon beklagens-
werthe Folgen sich einstellen. — „Ces accidents" — heisst es im Dict. de
mat. med. von Merat und de Lens, T. IV, p. 579 — „qu'on voit se renou-
veler assez frequemment, mais qui ne sont pas toujours dus aux medeeins,
ont laisse sur leur compte une grande terreur dans le public, qui craiut
toujours, quand on les lui prescrit, quelque meprise et l'empoisonnement
ä la suite; ce qui exige souvent de les donner sous des formes ou des
noms qui en derobent la connaissance aux malades."
Wie sehr übrigens selbst die Koryphäen der Wissenschaft sieh nicht
allein in der Diagnose gröblich irren, sondern auch gar Jahre lang diesen
Irrthum als Grundlage ihrer falschen Behandlung festhalten können, davon
haben wir noch unlängst ein beklagenswerthes Beispiel erlebt, welches eben
so lange die innige Theilnahme eines ganzen bedeutenden Landes in der
schmerzlichsten Spannung erhalten hat.
VII. Buch. Aphorism 24. 491
24. Auf eiue Verletzung des Knochens, welche his zu
dessen Höhle durchgedrungen ist, folgt Irrereden.
Die Kommentatoren sind wohl mit Recht sämmtlich darüber
im Einversländniss, dass in diesem Lehrsatze nur die Verletzung
der Kopfknochen gemeint sei, wobei dann, neben der noch
gewöhnlicheren Betäubung, auch diese Erscheinung eine gewöhn-
liche Folge ist. In sehr vielen Fällen sind dabei Knochen-
splitter in das Gehirn eingedrungen, welche, oft mit Beihülfe
der Trepanation, vor allen Dingen zu entfernen sind, ehe
und bevor von der Anwendung der homöopathischen Mittel Er-
folg zu erwarten ist.49) Wir linden es nölhig, dieses hier be-
sonders zu erwähnen, weil es Personen giebt, die — wir wissen
nicht, ob aus Bosheit, oder aus Unwissenheit — die Behaup-
tung kolportiren, dass die Homöopathen niemals chirurgische
Hülfe anwendeten und sich dem Wahnsinn hingäben, selbst Kno-
chenbrüche ohne Zurechtstellung und Befestigung derselben,
so wie Verletzungen ohne Entfernung der eingedrungenen
fremden Körper , durch den blossen Gebrauch der homöopathi-
schen Pulver heilen zu können. Bei solchen widersinnigen Be-
hauptungen weiss man oft nicht recht, ob man mehr über solche
Unverschämtheiten, oder über die Verstandlosigkeit
erstaunen muss. 50) Am Meisten scheint diese Mystifikation
unter den Laien in der Arzneikunde verbreitet zu sein, und es
kommen in dieser Beziehung mitunter Dinge vor, die man nicht
für wahr halten sollte.51) So liegt z. ß. eben jetzt vor uns
49) Die heutigen Erfindungen chirurgischer Werkzeuge und Maschinen
alier Art erinnern unwillkührlich an die mechanischen Spielwerke der
Alexandrinischen Schule, welche geraume Zeit als Parade-Pferde geritten
wurden, und heute dazu dienen, die Köpfe der jungen Aerzte mit unnützem
C4erümpel zu überfüllen.
50) Nihil est tarn absurdum, quod non Philosophorum (et medicorumt
aliquis affirmaverit. Cicero.
51) Wahrhaft ergötzlich ist in Kraus's etym. med. Lexikon, die dem
492 vn- Buch. Aphorism 24.
ein Brief von einer Dame von 58 Jahren , welche seit drittehalb
Jahren an einer komplizirten, mit unsäglicher, während der allo-
pathischen Behandlung arg gesteigerten, Gern üthsk rankheit
mit Angst leidend, seit vier Monaten hei unserer Behandlung in
ihrer Besserung die erfreulichsten Fortschritte gemacht hatte.
Diese schreibt nun unterm 5. Juni wörtlich Folgendes : — „Wie
Ihnen bekannt ist, haben die Meinigen kein Zutrauen zur Ho-
möopathie, und schreiben die Heilung, welche erfolgt, der vorge-
schriebenen Diät zu. Ich fand nun mehrmals, dass die Quan-
tität in meiner Flasche nicht auskam. Anfangs glaubte ich, ich
hätte wegen meiner Verwirrung mich verzählt, einigen Verdacht
schöpfte ich jedoch sogleich, und aus Vorsicht versteckte ich die
Flasche. Dessenungeachtet hatte sich, o bschon ich beim Zählen
der Löffel die grösste Vorsicht beobachtet hatte, die Quantität
so vermehrt, dass ich, nachdem ich bereits 6 Löffel davon ge-
nommen, noch 6 vorräthig hatte. Ich überzeugte mich nun,
dass vor Mitternacht, wo ich jetzt sehr fest schlafe, und ich
über Nacht die Flasche vor meinem Bette stehen hatte, dieselbe
ausgegossen und durch Wasser ersetzt worden war. Es wird,
da ich dies den Meinigen gesagt, zwar desavouirt, ich bin aber,
ich möchte sagen jetzt moralisch davon überzeugt, da ich beim
Mischen des vierten Pulvers zwei Flaschen mit derselben Anzahl
Löffeln gefüllt habe ; so oft ich aus derjenigen nahm, worin das
Pulver war, goss ich einen Löffel aus der Andern, ich verschluss
Worte: „Theriaca" angehängte Bemerkung zu lesen: — ,, Wie nämlich noch
jetzt unsere Bauern dem, Hunde, der sie gebissen, die Haare ausraufen, um
sich damit zu heilen, so bereitete man zu Galenus' Zeiten und noch mehr
im früheren Mittelalter in einer Art von Shakespear'schen Hexenkessel aus
Theilen von allerhand beissenden Bestien ein vermeintliches Gegengift gegen
den Biss und andere Verletzungen von ähulichen Bestien, ganz als wenn
man in Hahnemauns sog. Homöopathie zur Schule gegangen wäre". — In
welchem Werke Hahnemanns möchte etwa Derartiges zu finden sein'? Aber:
Calumniare audacter, semper aliquid haeret! — Oder hätte vielleicht ein
loser Spottvogel dein gelehrten Burschen einen Bären aufgebunden?
VII. Buch. Aphorism "25, 26. 493
die Flasche, und nun kam es genau aus. Schon durch den
starken Verdruss, den man mir dadurch machte, musste mein
Zustand sich wieder verschlimmern u. s. w.u — - Wir enthalten
uns aller Anmerkungen zu dieser wahrhaft ruchlosen Ge-
schichte, und sind in der That froh darüber, den verächt-
lichen Urheber nicht zu kennen.52)
25. Es ist tödtlich, wenn auf ein genommenes Abführmit-
tel Konvulsionen entstehen.
Dieser Aphorism ist eine Wiederholung dessen, was bereits
im Aphorim V, 4 gesagt wurde, und die wahrscheinliche Ursache
davon , nämlich die Natur der damaligen gewöhnlichen Abführ-
mittel, findet sich in der Glosse zu dem Aphorism V, 1, worauf
mithin hier lediglich hingewiesen wird.
26. Es ist schlimm, wenn zu den heftigen Schmerzen in
den zum Unterleibe gehörenden Theilen Kälte der
äusseren Theile hinzukommt.
Dieser Lehrsatz entspricht theils dem Aphorism VII, 1,
theils dem Aphorism IV, 48, und giebt mit Hinblick auf die
daran geknüpften Glossen zu weiteren Bemerkungen um so we-
52) Irrthum ist ein Fürwahr halten Dessen, was nicht wahr ist;
die Lüge ein Für wahrau sgeb en Dessen, was nicht wahr ist, und wenn
Dieses sich s,uf das Thun eines Andern bezieht, so ist Das eine Verleum-
dung.
Aus dem Mittelalter ist ein Sprüchlein zu uns herübergekommen, wel-
ches besser, als alles Andere, die niederträchtige Bosheit neben der gemein-
sten Feigheit bezeichnet. Es lautet: Si ungis, pungit; si pungis, ungit! —
Wo man es nicht vermeiden kann, mit derartigen Subjekten in Berührung
zu kommen, die nach Umständen küssen oder beissen , da mag man be-
ständig auf seiner Hut sein.
494 VIL Buch- Aphorism 27.
niger Anlass, als die Art dieser Schmerzen gar nicht näher be-
zeichnet ist. Auch in Bezug auf unsere, von der Gewöhnlichen
etwas abweichende Uebersetzung müssen wir uns auf Das beru-
fen, was wir in der Glosse zum Aphorism VII, 22 darüber ge-
sagt haben.
27. Wenn sich bei einer Schwangeren Stuhlzwang ein-
stellt, so verursacht dies eine Fehlgeburt.
Dieser Aphorism fehlt in einigen Ausgaben und Uebersetzun-
gen; wir haben ihn aber an dieser Stelle belassen, weil er bei
den meisten Autoren vorkommt, und sich auch beim Galenus
findet. Uebrigens wird jeder erfahrene Arzt mit uns darüber
einverstanden sein, dass er zu Denjenigen gehört, deren Urheber-
schaft wir kaum dem Altvater der Arzneikunde zuschreihen dür-
fen, weil der Te nesmus der Schwangeren nicht minder zu den
Symptomen einer sonstigen, oft bösartigen Krankheit gehört, als
der Abortus, niemals aber für sich seihst eine feste und selbststän-
dige Krankheit ist. Wenn die Spannung im Unlerleibe, welche
etymologisch dem Ausdrucke TEivia^og zum Grunde liegt, eben
so sehr auf den Uterus wirken muss. als auf den Darm kanal,
so geschieht dies gleichzeitig, aber keineswegs ist das Eine vom
Andern abhängig, oder gar eine Folge davon. Daher kann man
auch nicht geradezu behaupten, dass dieser Lehrsatz mit dem
Aphorism V, 34 im Widerspruche steht, obwohl hier eben der
Durchfall als Ursache der Fehlgeburt angegeben wird. —
Die unter solchen Umständen zur Wahl sich darbietenden Mittel
dürften die Folgenden sein: Beil., Calc, Cocc, Com, Ipec, Lyc.
Merc, N. vom., Bhus, Sep. und Sulph., unter welchen es nicht
schwel- fallen kann, das homöopathisch Angezeigte zu Gilden,
weil sie Alle nach ihren charakteristischen Eigenschaften dem
Homöopathen genau genug bekannt sein müssen.
VII. Buch. Aphorism 28, 29. 495
28. Wenn ein Knochen, eine Knorpel, oder eine Seime
durchschnitte n ist, so ersetzt sich weder die Substanz
noch wachsen die Stellen wieder zusammen.
Dieser Aphorism ist gleichlautend mit dem Aphorism VI,
19, nur dass hier die Verletzung der Wange und der Vorhaut
ausgelassen ist.53)
29. Wenii zu einer Bleichwassersucht ein starker Durch-
fall hinzutritt, so wird dadurch die Krankheit gehoben.
Unter lcVKocplsy(.iarl,a verstand, auch nach dem Zeugniss
des Foesius (Oecon. Hipp. p. 382), Hippokrates die Hautwas-
sersucht (avaad(i%a) mit bleicher, a ufgedunsener Haut,
deren Ursache man früher in einem Uebermaasse von Schleim-
absonderung unter der Haut suchte; worüber man, wenn man
Lust dazu verspürt, die betreffenden Stellen nach der obigen
Anweisung nachlesen kann. Was die Heilung dieser Krankheit
anbelangt, so ist es unbestreitbar, dass die neuere Zeit darin
höher steht, als die Alte, welche, ausser der Diät und Lebens-
weise, vorzüglich auf den freiwilligen oder künstlich herbeige-
führten Hinzutritt eines starken Durchfalls ihre Hoffnung
bauen musste, der, wenn er sich wirklich einstellte, wie auch
jetzt noch, oft unerwartete Genesung brachte, zuweilen aber auch
den Tod beschleunigte.54) Indessen haben die Homöopathen,
welche nicht selten noch in Anspruch genommen werden, wenn
das Uebel bereits die höchste Stufe erreicht hat, am Meisten
53) Ueber die Regeneration zerstörter Körpertheile haben die Versuche
der Neuern bedeutendere Thatsachen gefunden, und namentlich haben dar-
über die Werke von Arnernann, Sömmering, Reil u. m. A. Vieles mitge-
theilt, was zur Berichtigung dieses Aphorisms dienen kann.
54) Von der Bleichsucht behaupteten die Alten: Autumnus raalum hoc
facit incipere, hiems illud alit, ver ad ultirnam vehementiara ducit, aestas
autem interficit.
496 vn- Buch- Aphorism 29.
den Missbrauch der Digitalis purpurea zu beklagen, die
dabei heutiges Tages last überall und regelmässig in den über-
mässigsten Dosen angewendet wird, und zu denjenigen Mit-
teln gehört, welche vor vielen Andern die Reaktion der Le-
benskraft lähmen und so die Wirksamkeit anderer Arzneien un-
möglich machen. Im höchsten Grade ist dies der Fall, wo diese
heftige Arzneisubstanz, wie doch ebenfalls am Gewöhnlichsten ge-
schieht, antipa thi seh, nämlich da angewendet wird, wo der
Puls schnell geht. „Der wahre Homöopath wird" — wie
Hahnemann in dem Vorworte zur Digitalis in seinem Werke über
die chronischen Krankheiten III. Band, Seite 230 der zweiten
Ausgabe sagt, — „nie Schaden damit stiften und sie immer zum
Heile des Kranken anwenden; er wird sie nie, wie die alte
Schule gewöhnlich thut, z. B. bei schnellem Pulse für indizirl
halten; weil sie in ihrer Erst- Wirkung den Puls ungemein ver-
langsamert, und daher in der Nach-Wirkung desto grössere
Schnelligkeit desselben, in der Gegen- Wirkung der Lebenskraft,
herbeiführt." Wenn es selbst Homöopathen gegeben hat und
noch giebt, welche Dem widersprechen, so liegt unzweifelhaft
eine Täuschung zum Grunde, welche sich leicht dadurch er-
klären lässt, dass während der Einwirkung dieses Arzneistoffs
von jeder geringen Bewegung der Puls sogleich, aber nur
für kurze Zeit, beschleunigt, und dabei dann hart und
voll wird. Aus diesen Gründen haben wir bereits vor 28 Jah-
ren (in unserem „Repertorium der antipsorischen Arzneien"
(2. Auflage) Seile XXXV,) jüngere Aerzte gewarnt, keine zu
grosse Hoffnung auf .Genesung zu machen, wo dieses heroische
Arzneimittel früher in allopathischen Gaben gemissbraucht war.
Die Hauptmittel, welche wir bei der genannten Krankheits-
form anwenden, die aber, wie sich von selbst versteht, jedesmal
den begleitenden Symptomen entsprechend ausgewählt werden
müssen, sind etwa Folgende: Ant. crud., Ap. mel., Ars., Beil.,
Bry., Chin., Coleb., Dig., Dulc, Ferr., Hell., Kali, Led., Lyc,
VII. Buch. Aphorlsm 30. 497
Merc, Phosph., Puls., Rhus, Sabin., Samb., Sassap., Scill. und
Sulph. ■ — Wir wollen noch dabei bemerken, was nicht allgemein
bekannt zu sein scheint, dass bei derjenigen Wassersucht der
untern Extremitäten, wobei das Wasser freiwillig stets in
Menge abfliesst, ohne zu versiegen, so dass der Fuss beständig
wie im Wasser steht, Rhus Toxi codendron von keinem an-
dern Mittel übertroffen wird, und nur höchst selten durch irgend
ein Anderes ersetzt werden kann.
30. Wenn die durchfalligen Ausleerungen schaumig sind,
so fliesst Schleim aus dem Kopfe ab.
Dieser Aphorism scheint den Kommentatoren ungemein viel
Kopfbrechens gemacht zu haben, und ist von Mehreren dersel-
ben, um kurz von der Sache abzukommen, als eine schola-
stische Spitzfindigkeit bezeichnet worden, welche eine
nähere Erörterung nicht verdiente. Selbst Galenus scheint nichl
recht zu wissen, was er daraus machen soll. Einige glaubten
einen Ausweg darin zu finden, dass sie aus den Schriften des
Hippokrates nachwiesen, dass dieser das Gehirn als eine grosse
Drüse angesehen habe, dazu bestimmt, um den Schleim abzu-
sondern. Bei solcher Verschiedenheit und Unsicherheit der Mei-
nungen darf es uns wohl erlaubt sein, ebenfalls eine Ansicht
vorzubringen, welche vielleicht nicht schlechter oder besser ist,
als die Andere , aber doch auch Etwas für sich haben dürfte.
Wir vermuthen nämlich, dass Hippokrates unter dein Ausflüsse
des Schleims aus dem Kopfe vorzüglich einen Fliessschnupfen
gemeint haben könne, weil dieser nicht selten mit schaumigen
Durchfällen verbunden ist. Wir erinnern zum Belege dessen
nur an folgende Arzneien, von denen wir die schaumigen Durch-
fälle kennen: Calc, Canth., Cham., Chin., Coloc, Jod., Lach.,
Magn., Merc, Op., Rhus, Ruta, Sulph. und Sulph. ac, denen
32
498 vn- Buch- Aphorism 31, 32.
aber ebenfalls das Symptom des Fliessschnupfens , zum Theile
selbst in ausgezeichnetem Grade, angehört. Wir wünschen übri-
gens, dass diese unsere Ansicht lediglich als ein Einfall von uns
angesehen werden möge, ohne darauf irgend ein anderes Gewicht
zu legen, als das der allerdings merkwürdigen Uebereinstimmung
mit unserer R. A.-Mittellehre , wovon wir bereits mehrere Bei-
spiele ■ gesehen haben. 55)
31. Bei Fieberkranken zeigt der, gröblichem Mehle ähn-
liche Bodensatz im Harn Langwierigkeit der Krank-
heit an.
32. Wenn hingegen der Bodensatz im Harne gallicht ist,
nachdem dieser zu Anfange dünn gewesen , so zeigt
er eine hitzige Krankheit an.
Diese beiden Aphorismen können nicht füglich von einan-
der getrennt werden, weil der Eine den Gegensatz zum Andern
bildet. Beide haben auch gleichmässig ihre räthselhafte und
dunkle Seile. Der Erste (31.) spricht von mehlartigem Bo-
densatze, welcher, so weit bis jetzt unsere Erfahrungen rei-
chen, nur folgenden Mitteln zukommt: Ant. tart., Calc, Chili.,
Graph., Merc, Natr. mur., Phosph., Ph. ac. und Sulph. Diese ent-
sprechen allerdings Alle den chronischen Krankheiten, mit
alleiniger Ausnahme der China, und demnach wäre der hippo-
kratische Ausspruch in so weit richtig. Aber es will uns doch
scheinen, als ob hier unter dem Ausdrucke : „wie gröbliches
Mehl" auch die griesartigen und sandigen Bodensätze von
weisslicher Farbe verstanden werden dürften, und dann ge-
winnt die Sache ein anderes Ansehen. Bei dieser Annahme
würden dann nämlich zu der Wahl noch mehrere andere Arzneien
55) Der Beobachter soll die Natur nicht anders erklären, als durch
die Natur selbst. Zimmermann III, 2, 106.
VII. Buch. Aphorism 33. 499
hinzutreten , welche für langwierige (chronische ) Krankheiten
nicht passen, und dabei Hülfe zu bringen keine hinlängliche
Kraft und Dauerhaftigkeit besitzen.
Bei dem zweiten Aphorism (32.) stösst man auf eine zwie-
fache Schwierigkeit. Einmal nämlich ist es nicht recht klar,
was Hippokrates unter „gallichtem" Bodensatze versteht, der
weder unter unsern Symptomen, noch unter den allopathischen
u r in oskopi sehen Benennungen vorkommt. Bei der sehr aus-
gedehnten Bolle, welche bei unserem Altvater der Heilkunde
der Galle zugetheilt ist, lässt sich wohl voraussetzen, dass man-
cherlei Arten von nicht festem Bodensatze, wie Schleim,
Fasern, Wolken u. dgl. dazu gerechnet sein könnten. Dann
aber ist es um so räthselhafter, was Hippokrates eigentlich damit
gemeint hat, indem jede genauere Bezeichnung fehlt und eben
deshalb die Zahl der Krankheiten, wobei sie vorkommen, in
gleichem Verhältnisse mit der Vielartigkeit des Harnsatzes steigt.
— Anderntheils ist es nicht ganz ausgemacht, dass unter ccvco&sv
der Beginn der Krankheit zu verstehen sei , indem dies auch,
und vielleicht noch sprachrichtiger heissen kann, dass oberhalb
des Bodensatzes der Harn dünn sei. Wir mögen uns daher
damit trösten , dass diese beiden Aphorismen an und für sich
für uns von keiner grossen Erheblichkeit sind.
33. Wo der Harnabgang mit Unterbrechungen erfolgt, da
findet sich eine bedeutende Unordnung im Körper vor.
Wir sehen uns bei diesem Aphorism abermals veranlasst,
von der gewöhnlichen Uebersetzung abzuweichen, indem wir das
hier gebrauchte Beiwort : dteörjxota nicht , wie sämmtliche An-
deren, auf den Urin selbst und auf seine Qualität, sondern, wie
es uns scheint, auch der Etymologie des Ausdrucks angemesse-
ner, auf den Abgang desselben beziehen. Wenn wir dabei mit
32*
500 VI1« Buch. Aphorism 34, 35.
so wichtigen Autoritäten in Widerspruch gerathen, so haben wir
doch andere, minder zweifelhafte Stellen in den Schriften des
Hippokrates für uns, die man nach Belieben in dem Foesins
nachschlagen kann, und die ganz unserer Ansicht entsprechen.
Ausserdem führen wir noch den besonderen Umstand an, dass
wir mit dem „ungleichen, veränderlichen Urine" keinen
recht klaren Begriff verbinden können. Die Mittel, welche bei
unterbrochenem oder oft zeitweise stockendem Harnab-
gänge sich zur Wahl darbieten, sind eigentlich Folgende: Ap.,
Bov., Caps., Carb. an., Caust., Clem., Com, Dulc, Kali, Led., Op.,
Ph. ac, Puls., Sulph., Thuj. und Zinc. Diese repräsentiren für
sich schon eine ansehnliche Menge von Krankheiten und Beschwer-
den, wovon Mehrere zu den Bösartigen gehören, so dass allein
hierdurch schon der Schlusssatz des Aphorisms gerechtfertigt
erscheint. Wenn man aber, wie es wohl zulässig sein dürfte,
alle übrigen Mittel hinzuzählt, welche bei Störungen des nor-
malen Harnabganges überhaupt noch ihre Anwendung finden :
so ist Dieses in noch weit höherem Grade der Fall, wenn der
Harn in Farbe, Konsistenz, Geruch, Bodensatz etc.
zu verschiedenen Tageszeiten sich verändert, wie man es be-
sonders bei typhisch wiederkehrenden Krankheiten in ihren ver-
schiedenen Perioden oft wahrnimmt, ohne darum einen Schluss
auf erhebliche Unordnungen im Körper zu begründen.
34. Schaumblasen auf dein Harne zeigen eine Krankheit
der Nieren an, und zwar eine Langwierige.
35. Wenn sich aber oben auf dem Harne eine zusammen-
hängende Fetthaut bildet, so zeigt dies ebenfalls eine
Krankheit der Nieren an, aber eine Hitzige.
Unsere Prüfungen und Beobachtungen haben uns belehrt,
dass der schaumige Harn zu den Zeichen der folgenden
VII. Buch. Aphorism 36. 501
Mittel gehört: Aur., Chin., Kali, Lach., Laur., Lyc, Seneg. und
Spong. ; die Fetthaut auf demselben aber zu Folgenden: Calc,
Chin., Coloc, Hep., Jod., Par., Petr., Phosph., Puls, und Sulph.
Von allen diesen Mitteln, mit Ausnahme von Aur., Coloc., Laur.,
Seneg. und Spong. wissen wir ebenfalls mit Bestimmtheit, dass
sie mehr oder weniger auch auf die Nieren wirken, dass es
aber noch viele Andere giebt, welche diese Kraft besitzen, ohne
dass dabei die obenstehenden Zeichen am Urin vorkommen, oder
mindestens noch nicht beobachtet sind. Es scheint daher, dass
die beiden vorstehenden Aphorismen (34 und 35) nur die Beob-
achtungen einiger wenigen Fälle wiedergeben, und daher eben
kein besonderes Gewicht haben. Auch liegen bei uns Erfahrun-
gen vor, wo sowohl beim schaumigen, als bei dem mit einer
Fetthaut belegten Urin von Nierenleiden keine Spur auf-
zufinden war.
36. "Wo aber neben den vorstehenden Zeichen einer
Nierenkrankheit Schmerzen in den Kückenmuskeln
entstehen, da ist Eitergeschwulst zu erwarten, und
zwar eine Aeusserliche , wenn Jene in den äusseren
Theilen, eine Innerliche hingegen, wenn sie in den
innern Theilen empfunden werden.
Wir begreifen nicht, wie einige Kommentatoren die Semio-
tik dieses Lehrsatzes etwas verworren nennen und gar die Psoii-
tis damit verwechseln konnten. Es kommt allerdings nicht
allzu häufig vor, dass eine Nie ren-Entz ü ndung in äusser-
liche Abscesse übergeht. Aber sie kommt doch vor, und
wir tragen kein Bedenken hinzuzufügen, dass sie häufiger vor-
kommt, als man gewöhnlich glaubt, und dass manche Geschwüre
in der Lendengegend eben daher ihren Ursprung haben.
Solche äusserliche Geschwüre, die in der Nierengegend
ihren Sitz haben, gehören oft zu den hartnäckigsten, und man
5Q2 vn- Buch. Aphorism 36.
erreicht seinen Zweck erst dann, wenn die anzuwendenden Mittel
den, oft vernachlässigten Symptomen des vorhandenen Nieren-
leidens gehörig angepasst sind. Wenn daher irgendwo, so
stellt sich gerade auch hier die Noth wendigkeit recht augenfällig
heraus, den Symptomen Rechnung zu tragen, und das Krank-
heitsbild in der Gesammtheit seiner wesentlichen und charak-
teristischen Zeichen sorgfältig und vollständig zu erforschen, um
jedesmal die Arznei genau homöopathisch auswählen zu können.
Mehrere Erfahrungen haben uns belehrt, dass alle sonstigen, bei
verschiedenartigen Geschwüren in der Regel so heilsamen Mittel,
wenn ihnen nicht gleichzeitig die spezielle Wirkungsfähigkeit auf
die Nieren angehört, bei dieser Art von Eiterungen völlig un-
wirksam bleiben, wogegen Andere, welche diesem letzten Erfor-
dernisse entsprechen, übrigens bei Geschwüren seltener zur An-
wendung kommen, die erfreulichsten Erfolge haben. Am hülf-
reichsten und am Oeftersten angezeigt haben wir für solche Fälle
die folgenden Miltel gefunden: Ars., Canth., Chin., Hep., Lyc,
Puls, und Sil. ; und wir bemerken noch ausdrücklich dabei, dass
eben die Canth aris, wenn sie nur den Symptomen gemäss
richtig gewählt und in hinreichend kleiner Dosis gereicht
wird, unter diesen Arzneien einen ganz vorzüglichen Rang ein-
nimmt, obwohl von fast sämmtlichen allopathischen Notabilitäten
(Boyer, P. Frank, Andral, Neumann, Vogel und Anderen) dagegen
gewarnt wird, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil die Gaben
zu gross waren.
Bei der inneren Vereiterung der Nieren, namentlich
wenn Solche schon lange gedauert hat, und Diese, wie gewöhn-
lich, desorg anisirt sind, lässt sich in der Regel nicht viel mehr
ausrichten. Canth., Lyc. und Puls, thun dann noch das Meiste,
je nachdem die begleitenden Zeichen mehr für das Eine, oder
für das Andere sprechen. Die Ergiessung des Eiters in die
Bauchhöhle hat meistens den unvermeidlichen Tod zur Folge,
und es handelt sich daher hauptsächlich darum, eine eingetre-
VII. Buch. Aphorism 37. 503
tene Entzündung der Nieren, die aus den Symptomen leicht
zu erkennen ist, so schnell, als möglich zu beseitigen. Auch
hier steht wieder die Cantharis an der Spitze der Heilmittel,
obwohl zuweilen auch Acon., Beil., Camph., Cann., Hep., Merc,
Nrtr. ac, Puls., Seil!., Sulph. oder Thuj. zur Wahl kommen
können. Immer gehören aber solche Fälle zu Denen , wo das :
Principiis ohsta! nicht dringend genug empfohlen werden
kann.
37. Blutbrechen ohne Fieber ist ungefährlich; schlimm
aber, wenn es von Fieber begleitet ist. Mit kühlen-
den und zusammenziehenden Mitteln muss es geheilt
werd en.
Das Blutbrechen erscheint zuweilen, und dann meistens
ohne Fieber, hei unterdrückten natürlichen Blutauslee-
rungen, wie z. B. bei unterdrückter Menstruation, oder
bei stockenden sogenannten Hämorrhoi'dalflüssen. Dabei
ist dann natürlich von keiner augenblicklichen Gefahr die Bede,
und man würde sogar, wie Einige thun, das Wort 6mtiqqiov mit
gesund übersetzen können, was indessen von einer palliativen
Besserung, wie sie hier davon nur zu erwarten, wenigstens nach
unseren Begriffen, nicht behauptet werden kann. In solchen
Fällen ist es vielmehr nöthig, vermittelst der für dergleichen Zu-
stände geeigneten Mittel, nach Maassgabe der sonstigen Symp-
tome, diese Abnormitäten aus dem Grunde zu heilen, und
mit Herstellung der Begelmässigkeit in den natürlichen Funktio-
nen für die Folge gefährlicheren Komplikationen vorzubeugen.
Das Blutbrechen, sowohl mit als ohne Fieber, finden
wir unter den Zeichen vieler Mittel, wovon die Hauptsächlichsten
und am Oeftersten zur Anwendung Kommenden Folgende sind:
Acon., Arn,, Beil., Canth., Carb. vegv Chin., Ferr., Hyosc,
Ipec, N. vom., Phosph., Plumb., Puls., Sabin., Sep., Stann.,
Sulph., Sulph. ac. und Veratr. Bei solchen Fällen ist es nöthig,
504 VII. Buch. Aphorism 38.
zuvörderst auf die Farbe und Konsistenz des Bluts zu
achten, wobei für dunkles oder schwärzliches Blut zunächst
auf Acon., Canth., Chin., N. vom., Puls., Sep. und Sulph. ac. ;
bei hellem Blute auf Arn., Beil.. Carb. veg., Ferr., Hyosc,
Ipec, Phosph., Plumb., Sabin, und Sulph. Bedacht genommen
werden muss. Wenn dabei das Blut sofort gerinnt oder
schon in Stücken ausgeleert wird, so kommen besonders Arn.,
Bell, Canth., Chin., Ferr., Hyosc, Ipec, N. vom., Puls., Sabin,
und Sulph. zur engeren Wahl. Nur ausnahmsweise kommt bei
der Haematemesis eine seltenere Beschaffenheit des
Bluts vor, z. B. das Bläuliche (Kali), das Bräunliche (Bry.,
Carb. veg., Bhus), das Schaumige (Ars., Led., Phosph., Sil.),
das Scharfe, B eissende (Kali, Nitr., Sil.), das Zähe (Croc,
Cupr.); oder es folgt das Blut erst nach vorgängigem Erbre-
chen von Schleim oder Galle (Veratr.). Natürlich muss dann
dies Alles um so mehr bei der Mittelwahl in Betracht gezogen
werden, als solche Symptome vorzugsweise zu den Absonder-
lichen und Charakteristischen gehören. In allen Fällen
solcher Art wird man nicht leicht wegen der Entscheidung für
die eine oder andere Arznei in Verlegenheit gerathen, wenn man
ausser den obigen Andeutungen noch die begleitenden Symp-
tome zur näheren Individualisirung benutzt, wie Solches
die Homöopathie lehrt. Man bedarf dann niemals der so oft
gemissbrauchten zusammenziehenden Mittel, die oft gefähr-
lich sind, und wogegen selbst der erfahrungsreiche Hufeland
(in seinem Enchiridium inedicum) eine ernstliche Warnung
ausspricht, wie auch -längst nicht alle hippokratischen Aerzte auf
die Worte ihres Grossmeisters schwören, die in Bezug auf die
Behandlung diesem Aphorism angehängt sind.
38. Flüssigkeiten, welche sich in die Brusthöhle ergiessen,
gehen innerhalb zwanzig Tagen in Vereiterung- über.
VII. Buch. Aphorism 38. 505
Wenn man diesen Aphorism vergleicht mit dem Aphorism
VI, 20, so miiss sogleich die Aehnlichkeit auffallen, welche zwi-
schen Beiden besteht. Freilich ist dort von Blut, hier von
Flüssigkeiten (kcixuqqoi, destillationes), welche aus dem Kopfe
in die Brust herbeigeführt werden, die Rede; aber der Erfolg
bleibt derselbe, wie überhaupt von jedem fremden Körper, der
nicht ausgeschieden werden kann. Wir begreifen daher nicht,
wie man hier ,, herpetische, syphilitische, skabiöse und
arthritische Verwerfungen" unter solchen Flüssigkeiten
verstehen kann, ohne darum in Abrede stellen zu wollen, dass
sie in der That Lungen suchten hervorbringen können. Und
dennoch müssen wir dem Kommentator, der diese Behauptung
aufgestellt hat, dafür Dank wissen, dass er ganz in unserem
Sinne mit der Phrase schliesst: „Merkwürdig ist es, dass in un-
serer Zeit schlecht geheilte Krätze so oft Phthisis pu-
rulenta pulmonum hervorbringt."56) Wir hätten dabei nur
noch Das gewünscht, dass er zu gleicher Zeit die verschiedenen
„schlechten Heilungen" der Krätze namhaft aufgeführt und
dabei nachgewiesen hätte, dass die wahre Kratz -Krankheit,
die wir Psora nennen, eben so wenig durch äusserliche
Tödtung des Acarus scabiei, als die Phthiriasis durch
blosse Reinigung von dem ekelhaften Ungeziefer gründ-
lich geheilt werden könne.57) — Wollte man uns einen Vor-
wurf darüber machen, dass wir diese Gelegenheit, um uns darü-
ber auszusprechen, hier gleichsam bei den Haaren herbeigezogen
hätten: so möge zu unserer Entschuldigung dienen, dass wir
dafür keine andere passende Gelegenheit fanden, und dass eben
die angeführte Parallele zwischen den beiden genannten Krank-
56) Das Sulphur hat die wunderbare Art an sich, dass es interne ge-
geben, stark heraustreibe; externe aber gebraucht, die Krätze wieder hin-
ein treibe. Gohlii compendium VI, 8, 8.
57) Nach Dr. Hebra sollen Maurer, Schornsteinfeger und Seifensieder
nie an der Krätze leiden.
506 VIL Bucll> Aphorism 39, 40, 41.
heiten bei Allen vermisst wird, welche unsere Behandlung
vertheidist haben.
39. Wenn Jemand flüssiges Blut oder Solches in Klümp-
chen harnt, oder nur tropfenweise den Harn ausleeren
kann, mit gleichzeitigen Schmerzen im Mittelfleische,
im Unterleibe und in den Schaamtheilen, so zeigt dies
an, dass die zur Blase gehörenden Theile leiden.
Dieser Aphorism ist fast wörtlich gleichlautend mit dem
Aphorism IV, 80, und giebt zu keiner Glosse Anlass.
40. Wenn plötzlich die Zunge, oder irgend ein anderer
Theil des Körpers gelähmt wird, so ist dies eine Wir-
kung der schwarzen Galle.
Bereits im Aphorism VI, 56 ist der Schlagfluss, der
offenbar auch in diesem Aphorism angedeutet ist, der schwar-
zen Galle zugeschrieben. Wir beziehen uns daher hier ledig-
lich auf die dort angeknüpfte Glosse. Was die Behandlung
eines solchen Unfalls betrifft, so können wir, so weit Solches
die Homöopathie angeht, der Glosse zum Aphorism VI, 51 eben-
falls hier nichts Erhebliches hinzufügen.
41. Es ist nicht gut, wenn in Folge allzu starker Abfüh-
rungen sich bei alten Leuten Schluchzen einstellt.
Auch in Bezug auf diesen Aphorism können wir nur aul
die Glosse zum Aphorism V, 4 hinweisen. In dem Gegenwär-
tigen wird nur etwas bestimmter eine, nicht selten durch über-
VII. Buch. Aphorism 42. 507
massige Abführungen bei bejahrten Personen verursachte Gefahr
hervorgehoben, indem jüngere Leute dabei mehr den Krämpfen
und Konvulsionen ausgesetzt sind.
42. Ein Fieber, welches nicht aus der Galle entstanden
ist, wird dadurch gehoben, dass der Kopf anhaltend
mit vielem warmen Wasser übergössen wird.
Wenn man die Erläuterungen der verschiedenen Kommen
tatoren zu diesem Aphorism durchliest, so überzeugt man sich
bald, dass sie nicht recht wissen, welche Fieber hier gemeint
sind. Die Einen vermutheil Nervenfieber, aber ohne Blut-
drang zum Kopfe, ohne Entzündung (Synocha) und ohne
sogenannte asthenische Zeichen (Synochus). Die Anderen
sehen nur eine rationelle Anwendung des erhitz ten Wassers
bei katarrhalischen und rheumatischen Fiebern, indem
sie vorgeben, dass vermittelst desselben am Kopfe angebracht
ein allgemeiner Seh weiss hervorgerufen werde, was wir uns
zu bezweifeln erlauben.58) Wir werden uns indessen keines-
wegs auf eine eingehende Beleuchtung oder Widerlegung dieser
divergirenden Ansichten einlassen, sondern gleich von Vorne
herein gestehen, dass unserer Meinung nach hier allerdings von
58) Wie entfernt Hahnemann im Jahre 1790 noch von der richtigen
Erkenntniss der Erst- und Nach- Wirkung , und wie auch er damals noch
der Sucht zu Erklären nach materiellen Ansichten geneigt war, zeigt eine
Anmerkung auf Seite 640 seiner Uehersetzung von Cullen's Abhandlung
über die Materia medica, wo von dem Trinken kalten Wassers zur Beför-
derung des Schweisses die Eede ist. ,, Sollte etwa" — sagt er an diesem
Orte, — „diese Wirkungsart eine Aehnlichkeit mit der physischen Erschei-
nung haben, wo ein an dem einen Ende kalter, an dem Andern aber erhitz-
ter metallischer Stab an dem kalten Ende geschwind heiss wird, wenn man
das erhitzte Ende in kaltes Wasser taucht? Die freie Hitzmaterie, von der
kältenden Kraft des Wassers vom Innern des Körpers vertrieben, entweicht
nach der Oberfläche und erregt da Ausdünstung."
508 VIL Buch. Aphorism 42.
einem wahren entzündlichen Fieber, und zwar von einem
Solchen die Rede sein muss, woran vorzüglich der Kopf be-
theiligt ist.59) In solchen hitzigen Entzündungsfiebern
muss nämlich in Gemässheit unseres naturgemässen Grundprin-
zips die äusserlich angebrachte Hitze als ein wahres homöo-
pathisches Heilmittel angesehen werden.60) Es ist uns zwar
nicht unbekannt, wie heutiges Tages z. B. bei Gehirn-Ent-
zündungen von fast allen ärztlichen Koryphäen, mit Aus-
nahme Hufeland's, die äussere Applikation von kalten
Umschlägen, kalten Begiessungen, Eis-Blasen, Schmuk-
ker sehen Fomenta tionen u. dergl. aufs Dringendste anem-
pfohlen werden. Aber wir wissen ebenfalls, dass, ausser Ber-
tram, besonders der erfahrungsreiche Romberg den warmen
Bähungen dabei den entschiedensten Vorzug einräumt.61)
Auch selbst in der allopathischen Praxis werden in Gemässheit
zahlreicher Erfahrungen bei entzündeten Eitergeschwülsten
heisse Umschläge und Kataplasmen, bei Hals- und
Rehlkopfs-Entzündungen heisse nasse Tücher oder
Schwämme u. dergl. mehr mit dem entschiedensten Erfolge
angewendet*. Am Besten verstehen dies gleichermaassen aus
eigener und wiederholter Erfahrung diejenigen Personen, die am
Häufigsten Verbrennungen ausgesetzt sind, wie Köchinnen,
59) Bei Hydrocephalus dienen Blutigel gewiss viel öfter zum Tödten
als zum Helfen. — Aderlässe sind es, die durch Schreck entstandene Epi-
lepsien unheilbar machen. Neumann, Beitr. z. N. u. H. 2. Bd.
60) Auch Celsus räth (III, 18) bei Phrenitis nicht zu kalten Ueber-
giessungen, sondern vielmehr zu warmen Bähungen des Kopfs.
Dass Hippokrates beim hitzigen Seitenstich zuerst heisse Umschläge
anwendete und diesen den Vorzug von dem, übrigens nicht sparsam ange-
wendeten Aderlass zuerkannte, können wir in dessen Schriften: 7tSQL Sicdr/jg
lesen. Solche Umschläge wurden gewöhnlich durch Blasen oder Schläuche,
die mit heissem Wasser angefüllt waren, angebracht.
61) Les donnees que nous avons sur cette maladie (Hydrocephale
aigue) sont si peu positives, que les auteurs modernes ont renoncd a parier
du traitement. Valleix T. IV, p. 441.
VII. Buch. Aphorism 43. 509
Lackirer und Andere, die sich wohl hüten, auf die verbrannte
Stelle kühlende Dinge anzubringen, weil sie wissen, dass diese
bei Verbrennungen von einiger Belrächtlichkeit nur schaden und
die Schmerzen erhöhen, wogegen Erhitzung am Feuer oder
heisse Flüssigkeit, besonders Weingeist, baldige Linderung
und schnelle Heilung bewirkt.6*2) Man sieht daraus, wie nahe
Hippokrates durch seine Betrachtungen über die heilsame Wir-
kung des warmen Wassers bei entzündlichen Fiebern,
wenn sie nicht gallichter oder gastrischer Natur waren, der na~
turgemässen Grundregel der homöopathischen Heilwissen-
schaft gekommen war, und wir verweisen, um nicht das bereits
darüber Gesagte zu wiederholen, auf die Glosse zum Aphorism
II, 22, worin von dem Contraria Contrariis Einiges be-
sprochen ist.
43. Keine Frau ist mit beiden Händen rechts.
Foesius hat in seiner Oecon. Hipp. (pag. 42) dein Ausdrucke
diupiSSI-iog eine sehr ausführliche und gelehrte Abhandlung ge-
widmet, welche keinen Zweifel darüber lässt, dass Hippokrates
hier nur habe sagen wollen, dass eine Frau nicht eben so, wie
manche Männer, die linke Hand statt der Rechten gebrau-
chen könne. Uns will es aber auch noch scheinen, als wenn
die Uebersetzungen und Kommentare etwas zu wenig Gewicht
auf das Wort yiyvhai gelegt hätten, und dass vielleicht Hippo-
krates gleichzeitig damit habe ausdrücken wollen, dass keine
Frau von der Geburt an mit der Eigenthümlichkeit des, bei
62) Sehr heiehrend und beherzigenswerte sind hierbei die Aussprüche
und Thatsachen, welche Hahnemann (Organ. S. 70 und f.) aus Fernelius,
Hunter, Sydenham, Bell, Kentish, Heister, Kühn, Anderson, v. Hilden
darüber anführt, und welche sämmtlich ihrer vielfältigen Erfahrung zufolge
bei den verschiedenartigsten Verbrennungen der Wärme den entschieden-
sten Vorzug vor der Kälte einräumen.
510 VII. Buch. Aphorism 44.
Männern nicht so seltenen Linksseins begabt wäre. Wir
wollen indessen Dies nur als eine durchaus unerhebliche An-
sicht anführen, die an und für sich nicht den mindesten prak-
tischen Werth haben kann, für uns aber einige Bestätigung darin
findet, dass wir freilich oft genug linkische Frauen und
Mädchen, darunter aber, so viel wir uns erinnern, niemals
eine Links che angetroffen haben.63)
44. Diejenigen , Avelche wegen einer Eitergeschwulst ge-
brannt oder geschnitten werden, kommen mit dem
Leben davon, wenn reiner und weisslicher Eiter ab-
fliesst. Sie sterben aber, wenn der Eiter mit Blut
gemischt, kotkartig und übelriechend ist.
Wir wollen uns nicht damit aufhalten, zu untersuchen, was
wohl mehrere Uebersetzer, selbst die vorsichtigen Grimm-Lilien-
hain, bewogen hat, im Widerspruche mit Galenus, sich hier auf
ein Lungengeschwür zu beschränken.64) Der in diesem
Aphorism angeregte Gegenstand ist an und für sich von allzu
grosser Wichtigkeit, um einer im Grunde unnützen Wortklauberei
Raum zu gestatten. Es handelt sich nämlich in diesem Lehr-
satze um den guten und den schlechten Eiter, und um
die Folgen, welche von Beiden zu erwarten sind. Jeder Arzt
weiss zwar, dass ein weisslicher, nicht allzu dünner, mil-
der und geruchloser Eiter auf eine gute Beschaffenheit der
Säfte und auf eine tüchtige Lebenskraft, hingegen der jauchichte,
mit Blut gemischte, missfarbige und übelriechende Eiter
auf eine allgemeine Dyskrasie hindeutet.65) Wenn es aber gilt,
63) — vires dextera parte majores, quibusdam aequas utraque, aliqui-
bus laeva manu praecipuas : nee id unquam in feminis.
Plinius VII, 17.
64) Nur im Vorbeigehen wollen wir erwähnen, dass wir nicht begrei-
fen, wie man ein Lungengeschwür brennen oder schneiden kann.
65) Dass der schlechte sowohl, als der gutartige Eiter eine organisch
VII. Buch. Aphorism 44, 511
diese Letzlere zu verbessern, und eben dadurch den schlechten
in gutartigen Eiter umzuwandeln: so scheint es mit der
Wissenschaft so ziemlich zu Ende zu sein. Man sucht sich
allerdings mit Kauterien und Glüh eisen zu helfen, und er-
zählt sich einander Wunderdinge von Dem, was die Alten ehe-
dem damit ausgeführt haben ; aber es muss doch Jedem einleuch-
ten, dass eine solche dyskratische Beschaffenheit des
Patienten weder durch das Glüh eisen, noch durch das Mes-
ser, noch auch durch Salben und Schmieralien66) gebes-
sert werden kann. In dieser Beziehung finden wir Homöopathen
nicht nur eine grosse Mangelhaftigkeit in der allopathischen Be-
handlung aller hierher gehörigen menschlichen Leiden, sondern
müssen noch von Unwissenden den Vorwurf entgegennehmen,
dass wir uns viel zu wenig um die Geschwüre selbst beküm-
mern und alle sogenannten heilende äussere Mittel gering-
schätzen, woran man von Jugend auf gewohnt war, und wovon
man angeblich die glänzendsten Erfolge gesehen hat.67) Dessen-
ungeachtet wird sich dadurch kein gewissenhafter und seiner
Sache kundiger Homöopath bewegen lassen, seiner besseren Ein-
sicht entgegen zu handeln und eigenhändig die Kennzeichen
abgesonderte Materie, und dass der Letzte der beste Balsam für alle Ge-
schwüre ist, hat, so viel uns bekannt, Niemand vollständiger nachgewiesen,
als S. J. Brügmann in seiner Diss. de Puogenia. Gron. 1785.
Der Geruch des verbrannten Eiters ist ganz derselbe, den alle ver-
brannte thierische Theile, Haare, Nägel, Schleim u. dergl. von sich geben.
(Vergl. Dr. Salmuth, Diss. de diagn. puris und die Versuche der beiden
Brüder K. und E. Darwin.)
66) Wenn die Homöopathen jede Salbe, als solche, verwerfen, und
zur Bedeckung von Geschwüren oder eiternden Wundflächen Talglappen
verordnen, so geschieht dies aus dem doppelten Grunde, einmal, um nach
Langenbeck's Rath die äussere Luft abzuhalten, andermal, weil Nichts ge-
wisser die Eiterbildung befördert und unterhält, als das Fett.
67) Wenn es schon schwer ist, eine alte Gewohnheit abzulegen, d. h.
Dasjenige zu vergessen, was man gelernt hat: so ist es gewiss eine noch
schwierigere Aufgabe, sich etwas dafür anzueignen, was bisher unmöglich
schien. Honigberger, Eeise-Erl. S. 17.
512 V*1- Buch. Aphorism 44.
zu zerstören oder zu verdunkeln, welche bei der richtigen
Mittelwahl von unersetzlicher Wichtigkeit sind, oder gar pallia-
tive Scheinerfolge, wenn er dazu im Stande ist, herbeizuführen,
denen früher oder später, aber unausbleiblich, die bösesten Re-
sultate nachfolgen müssen.
Die Homöopathie hat, in richtiger Erkenntniss der uner-
messlichen Wichtigkeit dieses Gegenstandes, einen grossen Fleiss
darauf verwendet, um auch aus der Beschaffenheit der
Eiterbeulen und des Eiters selbst einen Theil der Zeichen
zu ermitteln, wonach die verschiedenen Arzneien für die ver-
schiedenen Arten von Dyskrasien zu erkennen sind, und die
Ergebnisse der deshalb angestellten Arzneiprüfungen am Gesun-
den, bestätigt durch die Erfolge am Kranken, haben sich bereits
zu einem Schatze angesammelt, wovon die Allopathie keine
Ahnung hat. Die ungemein grosse Masse des in dieser Beziehung
bei uns aufgespeicherten und behufs der richtigen Anwendung
genau gesonderten Wissens erlaubt uns nicht, hier spezieller
darauf einzugehen. Aber wir nehmen keinen Anstand, jeden
wissbegierigen und vorurteilsfreien Allopathen dringend aufzu-
fordern, unsere Schätze nur einmal eines unbefangenen Blicks
zu würdigen, und, um darüber zum richtigen Verständniss zu
gelangen, sich von dem, durch einen guten Homöopathen damit
erzielten Erfolge zu unterrichten. Wir sind überzeugt , däss
Jener dadurch am Leichtesten bewogen werden kann, die Wahr-
heit zu erkennen und einen grossen Theil seiner bisherigen
Vorurtheile fahren zu lassen. 68)
Was den hippokratischen Lehrsatz selbst anbelangt, so steht
68) „Was gebricht der Wunde?" — fragt Paraeelsus, und antwortet
richtig: — „Nichts, als allein das Fleisch, das muss von Innen heraus-
wachsen und nit von Aussen herein; darum so ist die Arznei der Wunde
allein ein Defensiv , dass die Natur von aussen an keine Zufäll hab und
ungehindert bleib in ihrer Wirkung." — In der Tliat aus einem Pfunde
Salbe lässt sich noch nicht ein Gran gesunden Fleisches darstellen.
VII. Buch. Aphorism 45. 513
er ohne Zweifel in der unerschütterlichsten Wahrheit da.69) So
lange der Eiter der Geschwüre, sie mögen sich nun äusser-
lich oder innerlich befinden, schlecht ist, so lange besteht
auch die Dyskrasie, und ohne Heilung derselben durch Arznei,
sie möge sein, welche sie wolle, ist jede sonstige Besserung
eines solchen Symptoms von einer im Körper bestehenden Krank-
heit nur als eine Vorübergehende und keineswegs Dau-
ernde und Gründliche anzusehen. Wenn dabei auch nicht
immer unmittelbar das Leben gefährdet erscheint, und oft An-
fangs nur etwa ein Glied oder ein Organ verloren geht: so
ist doch der Verlauf des jederzeit chronischen Siechthums
damit noch lange nicht an seinem Ziele, sondern, so lange Dieses
nicht völlig ausgetilgt und mit der Wurzel ausgerottet ist, wird
es immerdar und in immer gefährlicherer Gestalt sein Haupt er-
heben und sein Werk der Zerstörung auf's Neue beginnen, bis
der Tod endlich den Leidenden von seinen Qualen erlöst. Die
Aufgabe, solche und andere chronische Siech thume wahr-
haft und gründlich zu heilen, war Diejenige, worauf der eben so
unermüdliche als gewissenhafte Stifter der homöopathischen
Schule seine letzten Kräfte verwendete, und bei seinen
Schülern kann Jeder die Ueberzeugung finden , dass ihm Dies
theils schon gelungen, theils er den WTeg gezeigt hat, auf wel-
chem noch viel mehr zu erwarten ist.
45. Wenn Kranke wegen einer Lebervereiterung gebrannt
(oder geschnitten) werden , und reiner , weisslicher
69) „Abscesse, in denen der Eiter noch der Reife bedarf, muss man
verschlossen, die Entgegengesetzten aber offen erhalten und austrocknen"
— heisst es in dem smdrjfiimv to hnrov II, 23. Wie reimt sich damit
das sofortige Aufschneiden, wie es jetzt täglich geübt wird? — Dahin ge-
hört auch wohl, was daselbst III, 7 erwähnt wird? — „Eiterung lässt kei-
nen Rückfall zu; denn diese bis zur Reife gekochte (gutartige) Eiterung
vertritt die Stelle einer Krisis und einer metastatischen -Ausscheidung zu-
gleich."
33
514 vn- Bueh- Aphorism 46.
Eiter abfliesst, so kommen sie mit dem Leben davon;
denn bei Diesen ist der Eiter in einem Balge einge-
schlossen. Wenn er aber wie Oelsatz abfliesst, so
sterben sie.
Dieser Aphorism schliesst sich unmittelbar dem Vorher-
gehenden an, enthält aber das Eigentümliche , dass im ersten
günstigen Falle die Vereiterung nicht die eigentliche Substanz
der Leber ergriffen haben, sondern durch eine sie einhüllende
Haut davon abgeschieden sein soll. Es würde aus dieser Erklä-
rung, die wir übrigens den gelehrten Physiologen zur Beur-
theilung anheim geben, die Schlussfolge zu ziehen sein, dass
jede Vereiterung in der Leber Substanz selbst unheilbar
wäre und immer einen tödtlichen Ausgang nehmen müsse, dem
wir doch nicht so unbedingt beipflichten möchten. So gefähr-
lich nämlich dieses Uebel auch jederzeit sein mag, so gewährt
doch die richtige Anwendung von Beil., Bry., Lach., N. vom.,
Puls., Buta, Sep. oder Sil. noch immer einige Hoffnung, und
hat in einigen Fällen wirklich noch Genesung herbeigeführt. —
Wir wollen hier nur noch mit einem Worte bemerken, dass wil-
den Ausdruck Oelsatz dem der Oelhefe, wie sonst a^ÖQy't]
überall übersetzt wird, vorgezogen haben, weil die Hefe eigent-
lich ein Produkt der Gährung ist, welche aber beim Nieder-
schlage des Bodensatzes aus dem frisch gepresslen Oele
nicht Statt findet.70)
46. Bei Augenschmerzen lasse man unverdünnten Wein
trinken, die Augen fleissig mit warmem Wasser bähen,
und dann eine Ader öffnen.
70) Olivae coustant nucleo, oleo, carne, aniurca.
Plinius XV, 3.
VII. Buch. Aphorism 46. 515
Dieser Aphorism, welcher mit dem Aphorism VI, 31 in der
nächsten Verwandtschaft steht, wird unerklärlicher Weise schon
von Galenus für unecht gehalten, was bei dem Letzten der Fall
nicht ist. Noch sonderbarer ist der Grund, den er dafür an-
giebt, dass nämlich für nur ein Uebel drei Mittel angegeben
wären; obwohl in dem angezogenen Aphorism (VI, 31) deren
fünf namhaft gemacht sind, ohne Dies besonders zu rügen.
Wir glauben daher zu diesem Ableugnen der Echtheit, dem
Manche der Neuern beistimmen, einen anderen Grund vermuthen
zu dürfen, nämlich den des gar zu auffallenden Verstosses
gegen das geheiligte und unantastbare Contraria Con-
trariis, welches sich mit diesem Lehrsatze durchaus nicht
reimen lässt. ri) Der unvermischte Wein muss bei Leuten,
die, wie die Alten, gewohnt sind, nur den mit Wasser Versetz-
ten zu trinken, in der Art einer erhitzenden Arznei wirken,
wie man Solches bei Berauschten sieht, bei denen namentlich dadurch
das Gesicht und die Augen eine entzündete Röthe er-
halten. Dasselbe gilt von dem erhitzten Wasser, um die
Augen damit zu bähen, welches ebenfalls wahrlich als kein
Contrarium angesehen werden kann. Natürlich haben die
warmen Fussbäder, die heutiges Tages noch von Vielen an-
gewendet werden, einen ganz andern Zweck und eine andere
Wirkung. Daher haben auch wohl fast alle Augenärzte, und
namentlich die Koryphäen derselben (de Leuw, Jüngken, Gräfe,
Dzondi, Rust, v. Walther, Schön, Fischer u. v. A.) sich ent-
schieden für die Anwendung des kalten Wassers und gegen
die des Warmen ausgesprochen. Und dennoch muss der Aus-
71) Salom. Abrah. Bleekrode weiset in seiner, zu Groningen vertei-
digten Inauguraldissertation nach, dass sich bereits im Talmud unverkenn-
bare Spuren der Homöopathie vorfinden.
Irren an sich ist verzeihlich ; aber der Irrthum gestaltet sich zum Ver-
brechen, sobald er mit Bewusstsein weiter getragen wird.
Conf. Cardanus contrad. med. II, tr. 5. c. 8.
33*
516 VII. Buch. Aphorism 47.
spruch des Hippokrates, dessen Echtheit weder durch das Idiom,
noch durch sonst einen haltbaren Grund zu bezweifeln ist, auf
thatsächlichen Erfahrungen beruhen, worüber wir Homöopa-
then uns durchaus nicht wundern. Vielmehr entspricht die
hippokratische Verfahr ungsweise bei Augenleiden, mit Aus-
schluss des Aderlasses , den wir durch etwas weit Besseres
zu ersetzen wissen, ganz und gar dem Grundprinzip unserer
Heillehre, wie wir Solches noch kurz vorher in der Glosse zum
Aphorism VII, 42 nachzuweisen gesucht haben.72)
47. Wenn einen Wassersüchtigen Husten befällt, so ist
er hoffnungslos.
Im Wesentlichen, wenn auch mit etwas andern Worten,
ist dieser gleichbedeutend mit dem Aphorism VI, 35, auf dessen
Glosse hiermit verwiesen wird.
72) „Erbrechen wird gestillt" — steht in des Hippokrates II. Buche
5 Abschnitte, von den Landseuchen, — „wenn man warmes Wasser trinkt
und es durch Erbrechen wieder entleert." — Ist dies Contrarium oder Si-
mile? — Ebendaselbst, am Ende des 6. Abschnitts lesen wir: „Gegen
Kopfschmerzen in Folge eines Rausches gebe man ein Glas guten reinen
Weins."
Si nocturna tibi noceat potatio vini,
Hoc matutina rebibas et erit medicina.
Schol. Salernitana. Cap. XV.
„Die Indikation: Contraria contrariis opponenda," — sagt Sprengel
(Gesch. d. Med. I, S. 411), — „war bei Weitem nicht eine so allgemeine
Kur-Regel in der hippokratischen Medizin, als man wohl hin und wieder
hat behaupten wollen. Sie war und blieb jedesmal der Hauptregel: folge
der Natur, untergeordnet."
Es ist merkwürdig, dass ein Vesicans auf den Heerd des üebels
(Phlegmone erysypelatoides) selbst gelegt, an dieser Stelle weder eine grös-
sere Entzündung,, noch Brand hervorruft, sondern die Krankheit vielmehr
in ihrem Fortschreiten hindert.
Dr. Haindorf, Beiträge. S. 45'J.
VII. Buch. Aphorism 48. 517
48. Harnzwang und schwieriges Harnlassen werden durch
Genuss un vermischten Weins und durch Aderlass ge-
hohen. Es müssen aber die inneren Adern geöffnet
werden.
Im Aphorism VI, 36 ist schon bei der hier in Rede stehen-
den Harnbeschwerde der Aderlass, nebst dem Orte, wo
Dieser geschehen müsse, als Heilmittel angegeben. Wenn hier
schon die Kommentatoren mit ihren Erklärungen in einige Ver-
legenheit geriethen, wie Solches in der dazu gehörigen Glosse
angemerkt ist: so ist Dies bei dem hier vorliegenden Aphorism
in noch höherem Grade der Fall , weil da zwei , nach den bis-
herigen Anschauungen sich geradezu entgegenstehende
Mittel zur Erreichung desselben Zwecks und für dasselbe Uebel
angegeben sind. Die griechischen Weine sind nämlich, wie
bekannt, ungemein erhitzend und die Entzündung beför-
dernd, weshalb sie in der Regel nur mit Wasser gemischt ge-
trunken wurden. Dagegen steht der Aderlass heute, wie da-
mals, unter den antiphlogistischen Mitteln überall an der
Spitze. Wir begegnen also auch hier wieder einem Erfahrungs-
satze des Altmeisters, welcher in dem einen Punkte dem Con-
traria Contrariis geradezu widerspricht, und hingegen das
Similia Similibus bestätigt.73) Freilich ist Dies wobl den
wenigsten Kommentatoren aufgefallen, und wenn Dies auch ge-
73) Der älteste Gegner des Galenischen : Contraria Contrariis! dürfte
wohl Cardanus sein, welcher in der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte, und
in seinen Contr. med. II, 8 dagegen eiferte. Es versteht sich von selbst,
dass er hiermit und mit vielen andern scheinbaren Paradoxen bei den da-
maligen echten hippokratischen Aerzten grossen Anstoss erregte und sich
mancherlei Verfolgungen zuzog.
„Ganz falsch und verkehrt" — sagt Stahl in Hummelii comment. de
Arthrit. p. 40 — „sei die in der Arzneikunst angenommene Regel, man
müsse durch gegenseitige Mittel (Contraria Contrariis) kuriren; er sei im
Gegentheil überzeugt, dass durch ein, ähnliches Leiden erzeugendes Mittel
(Similia Similibus) die Krankheiten weichen und geheilt werden."
51g VII. Buch. Aphorism 49.
schehen wäre, so würden sie sich doch gehütet haben, damit
ans Licht zu treten und Folgerungen daraus abzuleiten. Wenn
aber solche Bestätigungen des Heilprinzips der Homöo-
pathie, wie sie in noch vielen andern Schriften des Hippokra-
tes und anderer alten Aerzte vorkommen, überall gebührend
hervorgehoben wären, wie sie es als thatsächliche Ergebnisse
der reinen Erfahrung verdienten, so würde das berühmte
Contraria Contrariis schon längst sehr viel von seinem unver-
dienten Ansehen eingebüsst haben.74)
49. Es ist gut, wenn sich bei einem , an Halsentzündung
Leidenden eine äusserliche Geschwulst und Röthe an
der Brust einstellt, indem sich dann das Uebel nach
Aussen wendet.
In der Glosse zum Aphorism VI, 37, welcher mit diesem
fast wörtlich übereinstimmt, haben wir Einiges über die ver-
schiedenen Arten von Bräune, und insbesondere über die
häutige Bräune gesagt. Da es uns aber im Verlaufe dieser
Schrift an einer passenden Gelegenheit dafür mangelt, so wollen
wir von unserer Befugniss als ungebundener Glossator Gebrauch
machen, und hier mit wenigen Worten andeuten, wie die Homöo-
pathie Halsentzündungen behandelt und den Symptomen
74) Le silence scientifique n'est qu'un vol deguise.
Dr. Inibert-Gourbeyre.
„Eigentlich liegt" — sagt der scharfsinnige Göschel in s. Sehr. : Kegel
und seine Zeit, S. 31 — ,,immer das energisch heilende Prinzip in dem
gesunden Organismus, welcher durch Reaktion den kranken, leidenden
Organismus überwindet, contraria contrariis." — Was werden die
Galenisten dazu sagen?
Eins der ältesten und unzweideutigsten Zeugnisse für unser Grund-
prinzip enthält: Acta sanctoruni. Antw. 1G5S, Jan. p. 101)2, wo wir lesen:
Sanitis non jam contraria contrariis, ut mortales medici solent, sed
similia similium usu eurantibus.
VII. Buch. Aphorism 49. 519
gemäss ihre Mittel wählt. Dieser bekanntlich sehr oft vorkom-
menden Beschwerde sind viele , sonst rüstige Personen unter-
worfen, und sie erreicht, sich selbst überlassen , oder unrichtig
behandelt, nicht selten eine bedeutende, ja selbst lebensgefähr-
liche Höhe. Aber eben so giebt es auch dagegen eine ansehn-
liche Anzahl von Heilmitteln, von denen Jedes seine besonderen
Zeichen hat und richtig angewendet in kurzer Zeit, oft innerhalb
zwölf Stunden, das ganze Uebel beseitigt. Die gewöhnlichsten
Arzneien, welche sich hier zur Wahl darbieten, dürften Folgende
sein: Acon., Alum., Amin, mur., Ap. mel., Bar., Beil., Brom.,
Bry., Caps., Cham., Chin., Cocc, Coli, Dulc, Hep., Ignat., Lach.,
Mang., Merc, Nitr. ac, N. vom., Phosph., Puls., Bhus, Sulph.,
und Veratr. Es würde viel zu weit führen, das Charakteristische
aller dieser Mittel zu besprechen, und wir beschränken uns da-
her auf eine einzige Verschiedenheit, welche hierbei zu
beachten und wenigstens als wichtige Indication der Allopathie
gänzlich unbekannt ist, nämlich: auf das Verhältniss der Schmer-
zen zum Schlingen. In dieser Beziehung giebt es nun gegen-
über den meisten Uebrigen Einige, wobei überhaupt das Schlin-
gen die Schmerzen lindert, wie Solches namentlich in den
Fällen geschieht, welche sich für Alum., Caps., Ignat., Lach.,
Mang., N. vom., Puls. , aber auch noch in weniger konstanten
Fällen für einige Andere eignen. Erheblicher und feiner ist der
Unterschied, welcher sich ausserdem bei den verschiedenen
Arten von Schlingen herausstellt. So ist z. B. das vorwal-
tend schmerzhafte Schlingen, wenn es Leer- oder bloss
Speichel-Sc hlingen ist, eine Anzeige für Bar., Beil., Bry.,
Cocc, Hep., Lach., Merc, N. vom., Puls., Bhus und Sulph.;
dagegen das schmerzhafte Schlingen von Nahrungsmit-
teln für Alum., Amm. mur., Ap. mel., Bar., Beil., Brom., Bry.,
Cham., Cocc, Coff., Hep., Lach., Merc, Nitr. ac, N. vom.,
Phosph., Bhus und Sulph. Unter diesen Letztgenannten passt
das schmerzhafte Schlingen von festen Speisen vor-
520 vn- Bucn- -Aphorisni 50.
züglich für Cham., Hep., Lach., Merc. und Sulph. ; und das von
flüssigen Speisen und Getränken für Beil., Brom., Ignat.,
Merc. und Phosph. Wenn dabei hingegen das Schlingen von
Flüssigkeiten bessert, so deutet dieses Symptom auf Alum.,
Nitr. ac, oder N. vom., und wenn Solches besonders von war-
me n Flüssigkeiten der Fall ist, so stehen Alum. und N.
vom. vor Allen an der Spitze. Nahe verwandt mit dem Schlin-
gen ist das Sprechen, und wenn Dies die Halsschmerzen ver-
mehrt, so weiset es zunächst auf Acon., Alum., Bar., Bry.,
Dulc, Ignat., Mang., Merc, Phosph., Rhus uud Sulph., und
wenn Solches in seltenen Fällen Besserung bringt, so zeigt
dies fast ausschliesslich auf Hep»75)
Alle diese Anzeigen betreffen, wie man sieht, nur ein ein-
ziges Symptom, welches natürlich für sich allein zur richti-
gen Wahl des homöopathischen Heilmittels nicht hinreichen kann,
und die nöthige Vervollständigung des Gesammt-Krankheitsbildes
und die endliche Entschliessung erfordern die sämmtlichen übri-
gen, damit verbundenen Symptome, welche aus den Empfin-
dungen, aus der Verschlimmerung oder Besserung nach
Zeit, Lage und Umständen, und schliesslich noch aus den
begleitenden Beschwerden geschöpft werden müssen. — Wenn
man mit diesen, nur kurz skizzirten Andeutungen die bisherige
allopathische Behandlung der Halsschmerzen vergleicht,
so wird man bald, nicht nur den grossen Unterschied zwi-
schen Beiden, sondern auch die Wichtigkeit und Unent-
behrlichkeit der so vielfach verspotteten Symptome
erkennen.
50. Diejenigen , denen das Gehirn von einer plötzlichen
Entzündung ergriffen wird, sterben innerhalb dreier
75) Wer erklärt uns die, seit über hundert Jahren bewährte präser-
vative Heilkraft des schwarzen oder (nach Schönlein) indigoblauen Flore t-
bändchens gegen Halsweh? — Das heutige St. Domingo- Band ist wohl
nichts Anderes.
Vn. Buch. Aphorism 50. 521
Tage. Wenn sie diese Frist überleben, so werden
sie wieder gesund.
Wenn auch nicht schon der gelehrte Foesius (Oecon. Hip-
pocr. p. 603 sqq.) die ausgedehnten Bedeutungen des Wortes:
ßqxxKelog so bündig nachgewiesen hätte: so würden wir doch
Bedenken tragen, mit den meisten Uebersetzern hier das Wort:
„Brandig werden" zu gebrauchen, weil dann wohl niemals
von einer Bettung oder Herstellung mehr die Bede sein kann.
Die wirkliche Bedeutung dieses Wortes in dem gegenwärtigen
Zusammenhange entspricht weit mehr dem von Plinius ge-
brauchten, und von älteren Uebersetzern dieses Aphorisms adop-
tirten Worte: „sideratio", womit Jener insbesondere den
Einfluss der Gestirne (und der Witterung), vorzüglich aber
den der Sonne bezeichnet. Wir sind deshalb geneigt, dem
Hippokrates hier einen ähnlichen Sinn unterzulegen, und haben
aus diesem Grunde für unsere Uebersetzung den obigen Ausdruck
gewählt, welcher die Einwirkung eines derartigen Einflusses nicht
ausschliesst und zugleich die Möglichkeit einer Heilung zulässt.
Obwohl wir in dieser, wie in mehreren andern Stellen, wo wir
uns erlaubt haben, eine eigene Meinung zu haben, der Unsrigen
keineswegs einen apodiktischen Werth beilegen: so wollen wir
doch diese Veranlassung benutzen, um ein Wort über den so-
genannten Sonnenstich beizufügen, und zu erwähnen, dass in
der Begel bei der dadurch verursachten Entz und ung des Ge-
hirns eine einzige Gabe, am Besten hochpotenzirter Bell,
hinreichend ist, das ganze, oft sehr gefährlich auftretende Uebel,
so lange es noch neu entstanden ist, in längstens einem Paar
Stunden völlig zu beseitigen. Solche Patienten schlafen nach
einer solchen Gabe sofort ein und erwachen ohne Beschwerde,
selteu noch mit einigen Kopfschmerzen, die ohne weitere Arznei
bald von selbst vergehen. Selten und nur dann, wenn sich diese
Hülfe verspätet, ist am folgenden Tage noch eine Gabe N. vom.
522 ViI- Buch. Aphorism 51.
nöthig. Noch seltener, — uns selbst nur ein Mal — kommt
der Fall vor, wo nach der ersten Gabe Bell, die Symptome
sich dergestalt ändern, dass nun Hyosc. angezeigt ist, wonach
dann aber noch eine Gabe Bell, folgen muss. — Die Hautent-
zündungen vom Sonnenbrande im Gesichte und auf den
Händen weichen am Ersten dem Camph. , und zwar nicht
bloss der äusserlichen Anwendung desselben in der Form von
Spiritus vini camphoratus, sondern mindestens eben so gut
den bloss innerlichen Gaben und in höheren Potenzi-
rungen, als man ihn bisher anzuwenden pflegt.76)
51. Das Niessen geht vom Kopfe aus, und entsteht ent-
weder durch Erwärmung des Gehirns, oder indem der
leere Raum darin Feuchtigkeit aufnimmt. Die dadurch
erzeugte Luftmasse platzt alsdann mit Gewalt heraus,
Das davon entstehende Geräusch hängt davon ab,
dass diese Luft durch eine enge Oeffnung hindurch-
fährt.
Diesen Aphorism wollen einige Kommentatoren eines Hippo-
krates nicht für würdig anerkennen und halten ihn für ein ein-
geschmuggeltes, fremdes Hirnge spinn st. Abgesehen davon,
dass weder Celsus noch Galenus einen ähnlichen Zweifel äus-
sern, und selbst in dem nqoyvwGtizov (XIII, 11) unseres Autors
eine hierher gehörige Stelle vorkommt, so müssen wir ausser-
dem gestehen, dass wir Jenen auch aus dem Grunde nicht bei-
76) Wir haben lange Anstand genommen, von diesem äusserst flüch-
tigen und schnell wirkenden Mittel höhere Potenzirungen in Anwendung
zu bringen. Der ungemein grosse Umfang der Wirksamkeit dieser Arznei,
der sich dadurch zu erkennen giebt, dass sie mehr, als irgend eine Andere,
mit vielseitigen antidotarischen Kräften begabt ist, hat uns aber in
den letzten Jahren bewogen, dieselbe in höheren Dynamisationen zu
geben, und die Erfolge sind derartig ausgefallen, dass wir nun erst in vol-
lem Maasse die Angemessenheit derselben und ihr bedeutendes Heilvermö-
gen, namentlich bei schnell entstandenen Uebeln, durch die Erfolge kennen
gelernt haben.
VII. Buch. Aphorism 51. 523
stimmen können, weil in den Schriften des Hippokrates die Bei-
spiele nicht so gar selten sind, wo er natürliche Vorgänge
und Erscheinungen wissenschaftlich, d. h. künstlich
erklären rr) will, und ähnlichen Unsinn vorhringt, der frei-
lich nur unsere Heiterkeit erregen kann.78) Ein ähnliches
Missgeschick haben aber zu allen Zeiten und alle Diejenigen
erfahren, welche sich damit befassten, Vorgänge in der leben-
digen Natur auf mechanische oder chemische Weise zu
erklären. r9) Auch unsere Zeit ist mit solchen gelehrt klingen-
den Erklärungen reichlich gesegnet, und bei der, meistens ma-
terialistischen Richtung, die man dabei einschlägt, wird es
sicher nicht fehlen, dass die Nachwelt über Manche von ihnen
ein ähnliches Urtheil fällen wird, wie wir es in Beziehung
auf den vorliegenden Aphorism zu thun gezwungen sind. 80)
77) Dass der Magnet das Eisen anzieht , begreifen wir jetzt eben so
wenig, als dies der Fall war, ehe diese Entdeckung gemacht worden, wo
man ungläubig über eine solche Behauptung gelacht haben würde.
Homöopathie und Leben, S. 3.
78) Noch im Jahre 1828, bei der Versammlung der deutschen Natur-
forscher und Aerzte in Berlin, suchte Dr. Plagge (aus Steinfurt) zu be-
weisen: dass wir nicht vermittelst des Lichtes sähen, welches von Aussen
in uns kommt, sondern durch Das, welches unsere Augen hinaus auf die
Gegenstände werfen. — Dieser gelehrte Mann ist, wenn wir nicht sehr
irren, später irgendwo als Professor angestellt.
79) Verwünschen möchte man den akademischen Unterricht, verwün-
schen jede Bemühung, das Leben und seine Geschäfte aus chemischen
Prinzipien erklären zu wollen, wenn man sieht, wie schrecklich die Folgen
der Sylvius'schen Methode waren.
C. Spreugel, Gesch. d. Med. IV, 412.
Der lebende, (für die Elektrizität) leitungsfähige, erregbare
Nerv steht dem todten Nerven gegenüber, und zwar bilden Beide weit
beträchtlichere, schroffere Gegensätze, als z. B. der lebende, d. h. der im
Körper normal ernährte und der ausgeschnittene, todte Knochen.
O. Funke, Lehrb. d. Physiol. I, S. 546.
Les phenomenes morbifiques se reduisent tous en derniere analyse ä
des alterations diverses des forces vitales, et l'action des remedes doit
evidemment se reduire aussi ä ramener les alterations de ces forces ä
l'ordre naturel. Bichat, anat. gener. p. 10.
80) Wie das helle Tageslicht die Farben der lebenden Thier- und
524 VI1- Buch. Aphorism 52.
Dies sind in der That die wahren, ephemeren opinionum c om-
ni enta, welche der nächste Tag in ihrer Blosse zeigt und ver-
nichtet; während die äusserlich wahrnehmbaren Erscheinungen,
die wir Symptome nennen, zuverlässig und haltbar bleiben, so
lange die Welt steht. 81) „Der nach den verborgenen Verhält-
nissen im Innern des Organismus forschende Arzt" — sagt der
bekannte Rau — „kann täglich irren; der Homöopathiker aber,
wenn er mit gehöriger Sorgfalt die gesammte Symptomen-Gruppe
auffasst, hat einen sicheren Wegweiser; und ist es ihm gelun-
gen, die ganze Symptomen-Gruppe zu entfernen, so hat er sicher-
lich auch die innere, verborgene Krankheits-Ursache gehoben.82)
52. Diejenigen, welche an Schmerzen in der Lebergegend
leiden, werden davon befreit, sobald sich ein Fieber
dazu gesellt.
Pflanzen-Körper erhöht: so bleicht es Solche an den Abgestorbenen
ab. Der berühmte Besitzer der Linne'schen Sammlungen, J. E. Smith,
tadelt aus diesem Grunde mit Recht in seiner Reisebeschreibung (I, S. 23)
die Naturalien- Aufstellung zu Leyden, und spricht damit eine Rüge aus,
die auch wohl noch anderwärts an ihrem Orte wäre.
81) Alle Philosophie der Menschen kann nur die Morgenröthe zeich-
nen; die Sonne muss geahndet werden. Diejenigen Philosophen, welche
die Sonne selber mahlen wollen, haben sicher nur eine Theatersonne gege-
ben; — und Viele haben, weil sie dies billig verachteten, und hinter der
Morgenröthe nichts ahndeten, sich begnügt, uns zu rathen, lieber gar nichts
mehr sehen zu wollen. Und das thue, wer mag, nur handle er alsdann
nicht, als wenn er etwas sähe.
Schlosser, Anm. zu Plato's Briefen, S. 191.
82) Ich bin längst zu der Ueberzeugung gekommen , dass von allen
geheilten Kranken der grösste Theil zwar unter Beistand des Arztes, aber
nur der bei Weitem kleinste Theil durch seinen Beistand allein geneset.
Hufeland, Journ. d. pr. BT. LXIX.
Ewig scheidet eine zu weite Kluft das Todte von dem Lebendigen,
und das Schauen von dem Einen auf das Andere macht die dazwischen
herrschende undurchdringliche Finsterniss unmöglich. Das Leben giebt nur
Antwort, wenn es vom Leben befragt wird.
Dr. C. W. Wolf, hom. Erfahr. II, S. 321.
VII. Buch. Aphorism 52. 525
In Beziehung auf diesen Aphorism müssen wir auf die
Glosse zum Aphorism VI, 40 verweisen, welcher im Wesent-
lichen dasselbe besagt. Wir glauben aber ausserdem bei dieser
Gelegenheit noch auf Dasjenige aufmerksam machen zu müssen,
was Hahnemann in seinem Organon (5. Auflage) in den §§ 43.
bis 50. über die Heilung83) der einen Krankheit durch
eine Andere anführt. Der Stifter der Homöopathie hat diesem
Gegenstande mit Recht eine sehr eingehende Untersuchung und
Betrachtung gewidmet, deren Resultat indessen im Wesentlichen
darauf hinausläuft, dass allerdings solche Heilungen in einigen
Fällen ihre vollkommene Richtigkeit haben, dass aber fast immer
das Heilmittel schlimmer ist, als die getilgte Krankheit,
mithin auch da, wo sie künstlich zu bewerkstelligen wäre, in
keiner Weise zur Nachahmung empfohlen werden kann.84) Ob
83) „Ich sage Heilung", — sagt Hahnemann in der Vorrede zur
China — „und verstehe darunter eine nicht von Nachwehen getrübte Ge-
nesung. Oder haben die gewöhnlichen Praktiker einen andern, mir unbe-
kannten Begriff von Heilung?"
84) Es scheint hier erwähnen swerth, was Celsus (III, 4) über die Be-
handlung der Fieber vom Asclepiades sagt, dass dieser nämlich zu Anfange
derselben sich des Fiebers selbst als Heilmittels bedient habe. Daher dann
auch die strengste Diät, um dem Heilbestreben der Natur alle Hindernisse
zu entfernen.
Krankheiten der Menschen und Thiere heilt die Kunst durch den Weg
des überwiegenden Mehreren, oder durch das Plus, z. E. gallige Schärfe
und faule Infarkte durch noch schärfere Purganzen, doch von einer entge-
gengesetzten Art; also heile man die Hunde gleich im Anfange (nach dem
Biss von einem Wasserscheuen) mit Merkurialpillen, damit der Speichel-
fluss gleich erfolge, da das Thier noch Kräfte hat, so wie der gebissene
Mensch zeitig durch die Speichelkur das empfangene Gift ausleeren muss.
J. S. Halle, Gifthistorie, S. 98.
Kannst du die Gesundheit durch mehrere Methoden herstellen, so wähle
die am wenigsten Beschwerliche. Es kommt nämlich einem Ehrenmanne
und einem Kunstverständigen zu, nach dem trügerischen Beifalle des Laien
nicht zu haschen. Hippokrat. v. d. Gelenken.
Unter den, von jedem denkenden Geiste billiger Weise verlangten, für
die Sache selbst freilich minder erheblichen Aufklärungen über das Wesen
und den Hergang der Krankheits-Heilungen im Allgemeinen, scheint uns
526 vn- Buch- Aphorism 52.
die von Dr. Wolf hierzu gerechneten Kuhpocken dahin gehören,
muss die Zeit lehren. 85)
überhaupt allzu wenig Gewicht gelegt zu sein auf ein Naturgesetz, welches
wir hei manchen Lebensverrichtungen, am Deutlichsten aber bei den
Imponderabilien ausgesprochen finden. Wir meinen das Gesetz der
Abstossung des Gleichartigen, und der Anziehung des Ungleich-
artigen oder Entgegengesetzten, wie wir Solches beim Magnet und
bei der Elektrizität längst erkannt haben. Nicht nur die Kriterien für
die Wahl der Mittel, sondern auch die Kautelen bei der Anwendung und
Wiederholung derselben lassen sich auf eine völlig ungezwungene und ver-
ständliche Weise daraus ableiten. — Es kann hier der Ort nicht sein, von
diesem unzweifelhaften Naturgesetze ausfühi-licher zu reden, und die An-
wendbarkeit desselben für die lebende, sowohl thierische als vegetabilische
Natur nachzuweisen. Wenn wir uns daher darauf beschränken müssen,
nur im Vorbeigehen dasselbe anzudeuten, so können wir doch nicht umhin,
in Erwägung zu geben, wie. im Ganzen alle Erscheinungen der Krankheiten
und deren homöopathische Heilung darauf zurückgeführt und dadurch er-
klärt werden können. Eine ausführliche Abhandlung hierüber würde sicher
manche Bedenken lösen, welche im Widerspruche mit den herrschenden
materialistischen Ansichten einer richtigeren und naturgemässeren Anschau-
ung von dem immateriellen Hergange in der lebendigen Natur noch so
häufig im Wege stehen. Denn die einfache gesunde Vernunft muss begrei-
fen, dass, wenn das Ungleichartige sich sucht, miteinander verbindet und
kräftigt, das Gleichartige sich bekämpft und gegenseitig vernichtet.
„Wenn ich nicht sehr irre" — sagt Sydenham in seiner Abhandlung
von den hitzigen Krankheiten — ,,so lehrt uns die Vernunft, dass eine
Krankheit nichts anders ist, als ein Bestreben der Natur, die kranke Materie
zum Besten des Körpers mit aller Macht zu entfernen."
85) Die, dem englischen Arzte Dr. Jenner zugeschriebene Erfindung
der Schutzblattern war (nach der Sanskritschrift des Dhavatari) nicht
nur den alten Indiern bekannt, sondern auch ein deutscher Nicht-Arzt, der
Amtmann Jobst Böse kannte und beschrieb bereits im Jahre 1769 diese
Kraft der Kuh-Pocken. (S. C. G. Steinbeck, der deutsche Patriot 1802
im Jan.-Hefte.)
Lorsqu'une piquiire aussi peu profonde qu'elle soit , a porte le virus
variolique ou le virus vaccin sous l'epiderme d'un individu, les lavages
immediats, l'application instantanee de ventouses, la cauterisation elle-meme,
pratiquee des que le virus a touche les partics Vivantes, n'empechent pas
le developpement de la variole ou de la Vaccine.
Landouzi, Essais, p. 52.
VIT. Buch. Aphorism 53, 54. 527
53. Denen eine Blutentziehung zuträglich ist, muss man
im Frühjahre zur Ader lassen.
Dieser Lehrspruch fällt zum Theile mit dem Aporism VI,
47 zusammen, auf dessen Glosse wir uns daher beziehen.
54. Wenn sich zwischen dem Zwerchfelle und dem Unter-
leibe Schleiin abgelagert hat, welcher Schmerzen ver-
ursacht, weil er nach keiner Seite hin einen Ausweg
findet, so werden Diese gehoben, wenn sich der Schleiin
durch die Adern in die Blase ergiesst.
Was Hippokrates in diesem Aphorism habe sagen wollen,
kann nicht zweifelhaft sein; aber eben so wenig dürfte sich der
pathologische Hergang streng anatomisch nachweisen
lassen. Auch in den übrigen Schriften unseres Autors findet
sich, soviel wir wissen, allerdings keine Stelle, worauf sich dieser
Lehrsatz begründen liesse. Dessenungeachtet sehen wir keinen
zureichenden Grund, diesen Aphorism mit einigen Kommentato-
ren für unecht und eingeschoben zu erklären, und zwar um so
weniger, als Galenus ihn ebenfalls hier anführt und zu erklären
versucht. Aber gieht es denn ausserdem in der lebenden
Natur nicht Vorgänge genug, welche wir anatomisch-phy-
siologisch nicht genügend erklären können?86) Schon die
86) Gesetze anderer, geheimnissvollerer Art walten in den höchsten
Lebenskreisen der organischen Welt , in denen des vielfach begabten, sprach-
erzeugenden Menschengeschlechts. Ein physisches Naturgemälde be-
zeichnet die Grenze, wo die Sphäre der Intelligenz beginnt und der
ferne Blick sich senkt in eine andere Welt. Es bezeichnet die Grenze
und überschreitet sie nicht. Humboldt, Kosmos I, S. 386.
Merkwürdig und unerklärlich ist die Bemerkung von Sömmering (Diss.
de basi encephali p. 17), dass verhältnissmässig diejenigen Thiere, welche
das grösste Gehirn besitzen, die feinsten und dünnsten Nerven haben, und
umgekehrt.
528 VIL Buch. Aphorism 55.
Entleerung des Wassers in der Bauchwassersucht durch
den Urin vermittelst der diuretischen Mittel bietet uns hier eine
unverkennbare Analogie dar. Wir wollen dazu nur noch ein
Experiment anführen, welches Jeder wiederholen und seinen
physiologischen Scharfsinn daran versuchen kann: —
Wenn man einen frischen, rohen Sp argeiste ngel zerquetscht
und mit dem Safte die Finger befeuchtet, oder nur kurze Zeit
damit reiht: so nimmt schon nach wenigen Minuten
der Urin, den man dann lässt, den bekannten spezifi-
schen üblen Geruch an, wie er von dem Genüsse des ge-
kochten Spargels entsteht, wie er aber für sich weder an dem
rohen noch an dem gekochten Spargel bemerkt wird. Hier sind
zwei Räthsel auf einmal zu lösen, nämlich: einmal die Ent-
stehung des ganz eigenthümlichen, erst spater ausgebildeten Ge-
ruchs, und andermal der Erfolg, ohne etwas davon in den
Magen und Darmkanal gebracht zu haben. 87)
55. Wenn eine mit Wasser angefüllte Leber nach der
Seite des Netzes hin aufspringt, so füllt sich die Bauch-
höhle mit diesem Wasser, und der Kranke stirbt.
In einigen Kommentaren zu diesem Aphorism spricht sich
derselbe Unwillen aus, wie zu dem Vorigen, während in den
meisten Andern, nach dem Vorbilde des Galenus, die Meinung
geltend gemacht wird, dass hier von Hydatiden in der Leber
87) Tantum ergo abest, ut explicatio phaenomenorum per causas phy-
sicas hornines a Deo et Providentia abducat, ut potius philosophi illi, qui
in iisdem eruendis oceupati fuerint, nulluni exitum rei reperirent, nisi
postrerao ad Deum.et providentiam refugerent.
Baco, de augm. scient. III, c, 4.
Die mit dem anatomischen Messer blossgelegten Nerven der Sinnes-
organe zeigen in ihrem Bau und Wesen keine wesentlichen Verschieden-
heiten, und doch, wie gross und gänzlich anderer An ist der Abstand zwi-
schen Gesicht und Geruch, zwischen Geschmack und Gehör?
VII. Buch. Aphorism 56. 529
die Rede sei. Wir lassen es dahin gestellt sein, wer von Diesen
das Rechte getroffen hat, indem die Sache seihst für uns weder
einen wissenschaftlichen, noch auch einen praktischen Werth hat.
Nur wollen wir im Vorbeigehen noch bemerken, dass die grie-
chischen Aerzte unter vöang sowohl die Wasserblase, als
den Blasenwurm verstanden.
56. Aengstlichkeit, Gähnen und Schauder werden beseitigt
durch Genuss des mit gleichen Theilen Wassers ge-
mischten Weins.
Nach Vergleichung mit einigen Parallelstellen in den Schriften
des Hippokrates (vorzüglich: smörj^cöv to Ttgatov VI, 45, jzsqI
vovßcov II, XXXVIII, 6, Ttegi xGiv ivrbg Tta&div V, 14), scheint
die Verum thung einigermaassen gerechtfertigt, dass der Altmeister
mit diesem Lehrsalze hauptsächlich die Beschwerden derHypo-
chondristen und Hysterischen, und eine Beschwichti-
gung der Anfälle, wie Solche oft vorkommen, vor Augen ge-
habt hat.88) Eine Bestätigung dieser Ansicht dürfte sich auch
daraus ergeben, dass alle bisher bekannten Mittel, gegen welche
der Wein antidotarische Kraft besitzt (Acon., Agar., Beil.,
Com, Graph., Lach., Mezer., N. vom., Op., Phosph., Ph. ac. und
Sulph. ac), mit einziger Ausnahme des noch wenig angewende-
ten Agar., sämmtlich und theilweise selbst in ausgezeichnetem
Grade den hysterischenuud hypochondrischen Beschwer-
den entsprechen und dagegen häufig mit dem entschiedensten
88) „Milch ist Wein für Kinder" — sagt Hufeland, Makrobiotik I, 9.
— „Wein ist Milch für Alte." — Doch dürfte dieser Ausspruch manche
Einschränkung erleiden.
Für Hypoehondristen stellten unsere Vorfahren häufige Transpiration
und flüssige Nahrungsmittel über alle Medikamente, wie auch Sanctorius
(Aphor. 102) sagt: Hypochondriaci, si frequenter balneis eorum corpora
reddantur perspirabilia et victu humido utuutur, sani fiunt.
530 vn- Bucb- Aphorism 57, 58.
Erfolge angewendet werden. Es versteht sich übrigens wohl
von Selbst, dass von einer wahren und dauerhaften Heilung
dieser Krankheit durch Wein keine Rede sein kann. Daher
darf auch das Wort kvsiv nicht in seinem strengsten Sinne ge-
nommen und nicht mit „heilen", sondern höchstens nur mit
„beseitigen" übersetzt werden, welches die Wiederkehr nicht
ausschliesst. Die gründliche und da uer hafte wirkliche Hei-
lung der hierunter begriffenen, mannichfaltigen Krankheiten ge-
hört nicht nur zu den schwierigsten Aufgaben, sondern
die damit behafteten Patienten sind überdem die Unangenehm-
sten und Lästigsten, und stellen die Geduld ihres Arztes oft
auf die allerhärtesten Proben durch ihre unaufhörlichen Klagen
und Fragen. Angehende, junge Homöopathen mögen sich diesen
Wink zu Nutze machen!
57. Wenn sich in der Harnröhre eine Eitergeschwulst ge-
bildet hat, so verschwinden die Schmerzen, so bald
jene aufbricht und eitert.
Ganz gleichlautend mit dem Aphorism IV, 82, worauf wir
deshalb, wie auch auf die dortige Glosse, verweisen.
58. Diejenigen, welche durch irgend einen Zufall eine
heftige Gehirnerschütterung erlitten haben, verlieren
nothwendiger Weise sogleich die Sprache.
In der Schrift: yuainul itqoyväGug (III, 370), woraus dieser
Aphorism entlehnt zu sein scheint, wird noch hinzugefügt, dass
solche Personen ebenfalls das Gehör und das Gesicht verlie-
ren, und grösstentheils sterben. Ausserdem wird in den Apho-
rismen VII, 14 und 24 als Folge einer derartigen Kopfver-
letzung noch Betäubung und Irrereden angegeben. Daraus
VII. Buch. Aphorism 59. 531
scheint deutlich hervorzugehen, dass in diesem Aphorism nicht
von einem apoplektischen Anfalle, sondern, wie auch die
Worte lauten, von einer äusseren Kopfverletzung die Rede
ist. Auch der, von einigen Kommentatoren angeführte Unterschied
zwischen der Lingua und der Loquela, wovon bloss die
Erstere dadurch verloren gehen soll, so wie die damit in Ueber-
einstimmung stehende Angabe Anderer, dass ein derartig Ver-
letzter ein Soloecophanes werde, der nur in Soloecismen
rede, scheinen hier nicht am rechten Orte, obwohl sehr gelehrt
zu sein. Mit Uebergehung aller dieser, im Grunde nutzlosen
Meinungen, Ansichten und Erklärungen, wollen wir nur mit we-
nigen Worten vom praktischen Standpunkte aus erwähnen, dass
zum Heilungsversuche, wenn Solcher noch innerhalb der Grenzen
der Möglichkeit liegt, zuerst und vor allem Andern Arn., nur
bei sehr starker Entzündung im Wechsel mit Acon., später aber
fast nur Bell, und Hyosc. sich zur Wahl darbieten. Wenn durch
richtige homöopathische Anwendung dieser Mittel, — natürlich
ohne die in der Glosse zum Aphorism VII, 14 am Schlüsse
erwähnten chirurgischen Beihülfen zu versäumen, — kein gün-
stiger Erfolg erzielt werden kann, so dürfen wir uns mit der be-
ruhigenden Ueberzeugung trösten, dass in der That keine Rettung
mehr möglich war.
In mehreren Ausgaben wird an dieser Stelle der Aphorism
IV, 35 wiederholt, aber ohne fortlaufende Nummer.
59. Vollsaftige Leute muss man fasten lassen; denn der
Hunger trocknet die Körper aus.
Es lässt sich allerdings mit Händen greifen, dass Leute,
welche allzu aufgedunsen und mit einem Uebermaasse von Säften
begabt sind, abmagern müssen, wenn man sie, wie man sagt
34*
532 VI1- Buch. Aphorism 59.
auf schmale und magere Kost setzt und tüchtig hungern lässt.89)
Aber es bleibt immer noch sehr die Frage, ob ein solches
Verfahren rationel und zuträglich ist, weil fast immer die Dis-
position zum Uebermaasse, sowohl der Vollsaft igkeit, als
der Ma gerkeit, in einem chronischen Siechthume seinen Grund
hat, und Dieses in solcher gleichsam mechanischen Weise un-
möglich ohne Gefahr und dauerhaft zu verbessern ist. Wenn
man die wassersüchtigen Anschwellungen verschiedener
Art, die nicht hierher gehören, ausser Betracht lässt, so giebt
es doch körperliche Zustände und Beschaffenheiten , wofür sich
nach Anleitung unserer Arzneiprüfungen verschiedene Mittel ganz
besonders eignen. Diese übergrosse Vollsaftigkeit ist ja
in der That eben so gut ein Krankheits-Symptom, wie jede
sonstige Abweichung vom normalen Zustande , und verdient in
manchen Fällen bei der Mittelwahl weit mehr Berücksichtigung,
als ihm häutig zu Theil wird. Der umsichtige Arzt wird daher
bei vorkommender Vollsaftigkeit, wenn mehrere Mittel mit
einander um den Vorrang streiten, Dasjenige wählen, welches
auch in dieser Beziehung dem homöopathischen Prinzipe ent-
spricht. Er wird daher insbesondere dann , wenn diese Voll-
saftigkeit von irgend einiger Erheblichkeit ist, und dadurch den
Rang eines charakteristischen Krankheits- Symptoms erlangt
hat, sich zunächst unter folgenden Mitteln umsehen: Acon., Amm.,
Amm. mur., Ant. crud., Ap. mel., Arn., Aur., Beil., Brom., ßry.,
Calc, Caps., Carb. veg., Caust., Coloc, Croc, Cupr., Ferr.,
Graph., Hyosc, Kali, Lyc, Phosph., Rhus, Sassap., Selen., Seneg.,
Sep., Sil., Slronl., Sulph., Thuj. und Valer., denen dieses Zeichen
besonders entspricht. Er wird darunter nicht selten das Eine
oder das Andere finden, welches auch den sonstigen noch vor-
89) Es giebt kein Mittel, — sagt Unzer — das den Schmeerbauch
mit mehr Ehre vertreibt, als die Algebra, wenn man sie nur des Nachts,
aber gründlich studirt, und dabei am Tage Holz fället.
VII. Buch. Aphorism 59. 533
handenen Symptomen angemessen ist, und dann weit sicherer
einen erwünschten Erfolg erwarten dürfen, als wenn er rein
symptoma ti s c h dem Kranken seine uothdürftige Nahrung ent-
zieht, und eine einzelne Beschwerde durch eine grausame
Verfahr ungsweise zu beseitigen sucht, während das wichtigere
innere Siechthum, wovon die Voll s afti g keit nur eine
Folge, und bei Weitem nicht immer der schlimmste Bestand-
theil ist, ganz unberührt bleibt. Diese Art von symptomati-
schem Kuriren ist wahrlich nie und nimmer die Unsrige,
und wir müssen uns wiederholt dagegen verwahren, dass etwas
Derartiges nicht fälschlich der Homöopathie angedichtet wird,
deren Verfahren, wie an vielen Stellen aufs Bündigste nachge-
wiesen ist, damit auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit hat.90)
Bei dieser nicht wiederkehrenden Gelegenheit drängt es uns,
noch mit einem Worte zu wiederholen, dass wir sämmtlich ent-
schiedene Feinde der sogenannten, noch heutiges Tages zur Qual
der Kranken so häufig verordneten Hungerkuren sind. Wir
sprechen hier natürlich nicht von einer vorübergehenden Ent-
haltsamkeit, welche oft im Stande isl, ein vorgängiges
Uebermaass wieder gut zu machen. Wir meinen hier viel-
mehr diejenige eigentliche, längere Zeit fortgesetzte Hunger-
kur, wie sie bei langwierigen, tief eingewurzelten, vorher mit
den verschiedenartigsten Medikamenten behandelten Uebeln von
einigen Aerzten verordnet, und dabei häutig noch durch Ab-
führungen, Bluten (Ziehungen, Seh wei ssmittel u. dergl.
mehr verschärft und angreifender gemacht wird. Es liegt auf
der Hand, dass dabei die allgemeine Schwäche von Tage zu
Tage zunehmen, und in demselben fortschreitenden Verhältnisse
die Lebenskraft immer mehr von ihrer Energie einbüssen
muss. Wenn wir nun die festbegründete Ueberzeugung haben,
dass allein von der Reaktion der Lebenskraft jede wahre
90) Abstille, si methodum nescis.
534 VII. Buch. Aphorism60.
Heilung ausgehen muss : 91) so ist es durchaus folgerichtig, dass
wir diese Kraft erhalten und wo möglich stärken müssen,
niemals aber schwächen dürfen, und dass daher jede natur-
widrige Entziehung der Nahrungsmittel, so lange das
Bedürfniss dazu vorhanden ist, so wie überhaupt jede Veran-
staltung, womit eine solche Schwächung beabsichtigt wird,
dem Kranken nur zum positiven Nachtheil gereichen und die
Herstellung mindestens verzögern muss. Freilich wollen
wir dem Kranken keine Speisen oder Getränke aufdringen, wenn
er dazu kein Verlangen, oder gar einen Widerwillen da-
gegen verspürt; aber Dies hat seinen guten Grund darin, dass
in solchen Fällen Diese dem Kranken überhaupt nicht zuträglich
sind, wie wir schon früher bemerkt haben, und eben so im
AphorismVII, 65 sehen werden. Aber der, meistens chronisch
Kranke, dessen Verdauungsorgane ungeschwächt sind und des-
sen Appetit nicht gelitten hat, darf und muss das Bedürfniss
vollständig befriedigen, und lediglich Dasjenige vermeiden, was
durch arzneiliche Kräfte die Wirksamkeit der gereich-
ten Arznei beeinträchtigen, stören, oder gar vernichten
würde. In dieser Hinsicht spricht sich aber die Natur jedesmal
so bestimmt und deutlich aus, dass ein Missverständniss unmög-
lich, und dass eine Verhaltungsmaassregel, welche dem Ausspruche
und den Gesetzen der Natur widerspricht, nichts Anderes, als
eine schwere Versündigung gegen die Natur ist. 92)
60. Wenn der ganze Körper abwechselnd bald kalt bald
warm wird, und eben so die Farbe wechselt, so deu-
tet Dies eine langwierige Krankheit an.
91) Toute guerison, par voie directe, est le fait du principe vital
excite par une puissance essentiellemeut contraire ä l'action de ce principe,
puissance consequemment toujours analogue au mal ou symptoraes du mal,
quand eile n'est pas le mal lui-meme.
Dr. Gastier, Journ. No. 10, p. 258.
92) Alle Heilungen erfolgen durch die Natur kraft, als Folge der Re -
aktion. Joudert, parabox. 4, 224.
VII. Buch. Aphorism 61, 62, 63. 535
Gleichlautend mit dem Aphorism IV, 40.
61. Ein reichlicher, sowohl warmer, als kalter, beständig
abfliessender Schweiss zeigt an , dass der Körper an
Ueberfluss von Feuchtigkeit leidet. Diese muss daher
abgeführt werden, und zwar bei kräftigen Leuten nach
Dieser Aphorism, den Galenus für unecht und eingeschoben
hält, steht seinem Inhalte nach in naher Verbindung mit den
Aphorismen IV, 41, 42 und 56, welche sich gegenseitig zur
Erläuterung und Vervollständigung dienen. Die Gründe aber,
welche Galenus für seine Meinung angiebt, und aus dem ihm
zweifelhaften Schlusssatze entnommen sind, laufen auf schola-
stische Spitzfindigkeiten93) hinaus, wobei man nicht selten
unwillkürlich an die hier o kies is che Bedeutung des Wortes
6ioltt6Ti%6q (nämlich: Dummkopf!) erinnert wird. — Uebrigens
beziehen wir uns auf die dort angehängten Glossen.
62. Anhaltende Fieber, die sich jedesmal mit dem dritten
Tage verstärken, sind die Gefährlicheren;, wenn sie
aber irgendwie anssetzen, so hören sie auf, gefährlich
zu sein.
Vergleiche den gleichlautenden Aphorism IV, 43.
63. Diejenigen, welche an langwierigen Fiebern leiden,
bekommen Geschwülste und Schmerzen an den Ge-
lenken.
93) J. C. Smith vergleicht (in seiner Reisebeschreibung I, S. 270)
die Verwendung grosser Talente auf Grübeleien und Spitzfindigkeiten mit
der Verwendung von englischen Banknoten zu häuslichen Bedürfnissen,
wozu gewöhnliches Papier die nämlichen Dienste leisten würde.
ggg VII. Buch. Aphorism 64, 65.
Vergleiche eben so den Aphorism IV, 44.
64. Diejenigen, welche in Folge langwieriger Fieber Ge-
schwülste oder Schmerzen an den Gelenken bekommen
haben, nehmen allzu reichliche Nahrung zu sich.
Desgleichen gleichlautend mit dem Aphorism IV, 45.
Solche wörtliche Wiederholungen von früher schon vorge-
kommenen Lehrsätzen, wie wir Dies schon einige Male, und hier
gar mit drei aufeinander folgenden Aphorismen gesehen haben,
lassen sich kaum anders, als durch Nachlässigkeit der Abschrei-
ber erklären. Wir halten es indessen für nöthig, die Reihenfolge
der Nummern beizubehalten , wie Galenus sie überliefert hat,
um in den Citaten keine Zweifel oder Verwechselungen zu ver-
anlassen.
65. Wer einem Fiebernden die Nahrung der Gesunden
reicht, der bedenke, dass Solche den Genesenden
stärkt, den Kranken aber noch kranker macht.
Dieser Aphorism gehört ohne Zweifel zu den wahrsten und
wichtigsten Lehrsätzen der ganzen Sammlung, und entspricht
eben so sehr den Gesetzen der Natur, als Denen jeder ver-
nünftigen Heilwi ss en schaft. Bereits in der Glosse zum
Aphorism VII, 59 haben wir diesen Gegenstand zu berühren
Gelegenheit gehabt, aber nur von der einen Seite, welche der
Gegenwärtigen entgegen gesetzt ist, nämlich von der Seite des
Fastens und Hungerns, auch da, wo Solches mindestens
von der Natur nicht angezeigt ist. Hier handelt es sich von
der tadelnswerthen Sitte, die man nicht nur bei Angehörigen
und Krankenpflegern, sondern selbst zuweilen bei unwissen-
den Aerzten antrifft, dem Kranken gegen Neigung und Be-
VII. Buch. Aphorism 65. 537
dürfniss Nahrungsmittel aufzunöthigen, und zu dem Endo
oft allerlei Leckereien in Vorschlag zu bringen. Bei solcher
nicht minder naturwidrigen Verkehrtheit darf man nicht über-
sehen, dass nur da der Appetit darnieder liegt, oder Abnei-
gung vor Speisen vorhanden ist, wo ebenfalls die Verdau-
ungsorgane von der Krankheit angegriffen und ausser Stande
sind, den ihnen obliegenden Assimilations-Prozess, oder,
wie es jetzt heisst, den Stoffwechsel gehörig durchzuführen.
Es ist leicht begreiflich, dass unter solchen Umständen die auf-
gedrungenen Nahrungsmittel dem Körper nicht zu Gute
kommen können, und dass vielmehr die bereits vorhandene
Krankheit selbst dadurch einen unerwünschten Zuwachs erhal-
ten muss, wenn diese Verdauungsorgane in solcher Weise noch
kranker gemacht werden, als sie es vorher vielleicht in minder
erheblichem Grade waren. Am Allernachtheiligsten muss es aber
sein, wenn, eben um die natürlich verminderte Esslnst durch
palliative Reizmittel zu heben, Speisen und Getränke dar-
geboten werden, welche durch ihre Bestandteile, wie so häufig,
arzneiliche Kräfte enthalten, die fast nie für die Krankheit
angemessen sind, und, wenn sie es einmal ausnahmsweise sein
möchten, jedesmal in zu grosser und unpassender Gabe nicht
minder schädlich sind. Es ist und bleibt daher immer und ohne
Ausnahme wahr, dass jede nicht vom Kranken selbst gefor-
derte Nahrung, sie möge sein, weiche sie wolle, nur zum
Nachtheile desselben gereichen muss, die Krankheit möge
nun ein Fieber oder sonst jede Andere sein. In allen hierher
gehörigen Fällen spricht sich die Natur selbst so deutlich und
bestimmt aus , dass jeder Missgriff unmöglich ist , wenn man
nur diesem Ausspruche die nöthige Aufmerksamkeit zuwendet,
und sich nicht der sträflichen Anmaassung hingiebt, anstatt des
Ministers den Magister der Natur spielen zu wollen.94)
94) Van Swieten vergleicht den Arzt, der ein oder das andere Nah-
rungsmittel für gesund erklärt, ohne dabei den Zustand des Kranken in
538 VII. Buch. Aphorism 65.
Es würde unnütz sein, diesen Gegenstand weiter auszufüh-
ren, der von allen verständigen und erfahrenen Aerzten einstim-
mig in der erwähnten Art betrachtet und befolgt wird. Die Ho-
möopathie unterscheidet sich in dieser Beziehung nur darin von
der Allopathie, dass beiderlei Ansichten von der Schädlich-
keit unverlangter Genüsse zwar dieselben sind, die der
Einzelnen aber oft sehr von einander abweichen. Wir ver-
bieten nämlich ausserdem noch, auch wenn sie verlangt werden,
allen und jeden Beigebrauch arzneilicher Dinge, wogegen die
Allopathen nicht nur verschiedene Arzneigemische in ver-
schiedenen Formen abwechselnd (alle ein bis zwei Stunden) neh-
men lassen, sondern dabei auch noch andere arzneiliche Ge-
tränke, Theeäufgüsse u. dergl. verordnen, wovon, mirabile
dictu! in einem und demselben Organismus das Eine Dies,
das Andere Jenes bewirken soll, als hätte man es mit eben so
vielen, unabhängig von einander darin marodirenden Frei-
schärlern zu thun. Wir sehen bekannter Weise jede Krank-
heit als eine Einheit an, die gleichzeitig keine andersartige
Zweite oder Dritte neben sich aufkommen lässt, und wählen
vermöge unserer genauen Bekanntschaft mit der eigenthümlichen
Wirkungsart unserer Mittel für den konkreten Fall Dasjenige,
was der Gesammtheit der miteinander in untrennbarer
Verbindung stehenden Beschwerden am Meisten in Aehnlich-
keit entspricht, und wir würden daher feindselig gegen unsere
eigene Macht handeln, wenn wir noch andere isolirte Mächte
ihre Thätigkeit ungezügelt entfalten liessen, die höchstens nur
in einer oder anderer Beschwerde eine zweifelhafte Hülfe leisten
Erwägung zu ziehen, mit einem Schiffer, der den Wind für gut erklärt,
ohne dabei zu berücksichtigen, nach welchem Hafen das Schiff segeln soll.
Leider ist es von jeher das Loos unserer Kunst (der Arzneikunst) ge-
wesen, fast am spätesten unter allen Fächern des menschlichen Wissens
von den wohlthätigen Strahlen der Aufklärung erhellt zu werden.
C. Sprengel, Gesch. d. Med. II, 659.
VII. Buch. Aphorism 66. 539
könnten, in allen Uebrigen und zwar den Wesentlichsten hinge-
gen der richtigen Heilpotenz nur Hindernisse in den Weg legen
müssten. Darum die Einfachheit in unsern Verordnun-
gen,95) und die Notwendigkeit, jegliche Störung in der Wir-
kung der gereichten Arznei nach Möglichkeit zu vermeiden, so-
wohl in Bezug auf die aufgenöthigten Genüsse, als in dem auf
sonst irgendwie arzneilich einwirkenden Dinge. Hierin liegt dann
auch ebenso die alleinige Begründung unserer Diät, deren
Werth selbst von unsern allopathischen Gegnern nicht bloss
anerkannt, sondern theilweise sogar in dem Maasse über-
schätzt wird, dass Viele von Ihnen, — wir lassen es dahin-
gestellt, ob aus Unwissenheit, oder aus Bosheit? — ledig-
lich in der genauen Befolgung derselben, die sie ja eben so
gut vorschreiben können, das Gelingen unserer auffallen-
den Heilungen finden wollen, welche sie nicht mehr abzu-
leugnen wagen dürfen. 96)
66. Man muss die Ausleerungen aus der Harnblase unter-
suchen, in wie fern sie Denen des Gesunden gleichen.
Je weniger sie nämlich mit Diesen übereinstimmen,
desto stärker, je ähnlicher sie hingegen ihnen sind,
desto gelinder ist die Krankheit.
Galenus hält diesen Aphorism sowohl wegen seiner Form,
als wegen seiner Ausdrücke für eingeschoben, obwohl er gleich-
sam im allgemeinen Zusammenhange darstellt , was darüber in
mehreren Aphorismen des IV. und VII. Buchs vereinzelt vor-
kommt. Eben so entspricht er allerdings dem mehrmals aus-
gesprochenen Grundsatze des Hippokrates, dass die Symptome
einer Krankheit eine um so grössere Heftigkeit derselben
95) Simplex veri sigillum. Boerhave.
96) Wenn der Mensch vor sich seihst erröthen muss, ist's oft ärger,
als vor fremden Zeugen! Aher es wirkt dann auch hesser!
Griesselich Skizzen, S. 32.
540 vn- Buch Aphorism 66.
anzeigen, je mehr sie von den Natürlichen und Normalen
abweichen. Wir können indessen weder der Richtigkeit dieser
allgemeinen Ansicht, noch auch insbesondere der dieses Lehr-
satzes in Betreff des Harns unbedingt beistimmen. Nicht nur
die meisten wahren chronischen Krankheiten, sondern auch
viele Akute, die theilweise zu den Bösartigsten gehören, er-
mangeln solcher Zeichen in ihren Harnausleerungen, und
es würde daher zu Irrlhum führen, wenn man diesen Maassstab
dabei überall gelten lassen wollte. Im Gegentheile wird uns
hier abermals eine wiederholte Gelegenheit geboten, darauf hin-
zuweisen, wie ein einzelnes Symptom für sich allein keinen
erheblichen Werth hat, und wie nur die Gesammtheit
derselben uns in den Stand setzen kann, sowohl über die Grösse
und Gefährlichkeit einer Krankheit, als über die angemes-
senste therapeutische Behandlung derselben ein gründliches
Urlheil zu fällen. Die Homöopathie prognostizirt und kurirt
allerdings nach Symptomen, aber keineswegs in der beschränk-
ten Weise , wie Hippokrates und seine blinden Nachbeter nach
solchen einzeln Abgerissenen und Unvollständigen.97)
Wir benutzen überdem die Meisten derselben hauptsächlich für
unsere Therapie, die eben hierin ihre einzige feste, von der
Allopathie nicht gekannte Grundlage findet. Auch sind des-
halb die Abweichungen von der natürlichen und normalen
Beschaffenheit, wie Solche durch verschiedene Krankheiten er-
zeugt werden, in unserer R. A.-Lehre viel genauer ermittelt und
für die Therapie nutzbarer gemacht, als in irgend einer andern
älteren oder neueren Schrift. 98) Nur in Betreff einiger, zuwei-
97) Wer ohne Rücksicht auf Nebenerscheinungen gegen eine Krank-
heit ein Mittel wählt, das nur ein oder etliche Hauptsymptome deckt, der
wird selten etwas Erhebliches ausrichten, und wenn eine solche Kur voll-
ständig gelingt, so geschieht es durch blinden Zufall.
Dr. G. W. Gross, A. H. Z. XXII, S. 212.
98) Baco von Verulain (de augment. scient. IV, beklagt und tadel.
VII. Buch. Aphorism 67. 541
len im Harn enthaltenen Stoffe, namentlich des Zuckers und
des Eiweisses, fehlen uns noch ergiebige Prüfungs- und Er-
fahrungs-Resultate, deren nachtragliche Ermittelung daher den
jetzt lebenden Homöopathen noch besonders dringend empfohlen
werden darf. Bei so vielem Vortrefflichen und nahezu Vollen-
deten haben wir keine Ursache, die wenigen noch bestehenden
Mängel zu verschweigen, und dürfen mit Zuverlässigkeit erwar-
ten, dass auf unserem bewährten und bereits mit so glänzendem
Erfolge betretenen Wege der Forschung und der Erfahrung das
noch Fehlende bald ergänzt sein wird.99)
67. Und wenn in den Darmausleerungen, die man einige
Zeit unbewegt hat stehen lassen, sich auf dem Boden
ein Niederschlag wie Gedärm-Schabsel ablagert: so ist
die Krankheit gelinde, wenn dessen wenig, hingegen
schwer, wenn dessen viel vorhanden ist. Diesen Kran-
ken ist eine Abführung nach Unten dienlich. Wofern
man ihnen aber kräftigen Gerstenabsud reicht, bevor
diese Abführung Statt gefunden, so schadet dieser um
desto mehr, je reichlicher er ihnen gegeben würde.
Beim ersten Anblicke tritt in diesem Aphorism die diäte-
tische Vorschrift, welche mit der in den Aphorismen II, 10
und VII, 65 Gegebenen übereinstimmt, am Meisten vor die Au-
gen. Hippokrates versteht nämlich unter QÖcpr^ia, nach Foesius
(Oecon. Hipp. pag. 556), einen dicken und nahrhaften Gersten-
absud in beliebiger Menge, im Gegensalze zu dem wässerigen
und wenig nährenden Gerstenwasser in sehr geringer Menge,
schon, dass man zwar in der Medizin ganz gute Grundsätze über die all-
gemeinen Anzeigen der Krankheiten und deren Kur habe, dass aber die
Heilung derselben durch Anzeigen der einzelnen Mittel noch sehr wenig
ausgebildet sei.
99) Multum adhuc restat operis , multumque restabit, nee ulli nato
post mille saecula praecludatur occasio aliquid adjiciendi.
Seneca, nat. quaest.
542 vn- Buch- Aphorism 67.
welches zur magersten Diät (victus exquisite tenuis), wie Jener
zur einfach Mageren (victus tenuis) gehörte. Man kann damit
die Glosse zum Aphorism I, 4 vergleichen.
Für uns Homöopathen ist indessen die Frage wichtiger,
wie Hippokrates bei solchen bedenklichen Durchfällen, ganz
im Widerspruche mit dem ihm beigemessenen Grundprin-
zipe: Contraria Contrariis, vor allem Andern die Abfüh-
rungsmittel anempfiehlt, und sie gleichsam als unerlässliche
Bedingung der Herstellung in erster Linie hervorhebt? Die
Antwort auf diese Frage kann einfach nur die sein, dass die
überwiegende Erfahrung den Nutzen und die Notwendigkeit
derselben dargethan hat, und dass der Altvater der Heilkunde
lediglich durch Diese bewogen worden ist, eine Verfahrungsweise
vorzuschreiben, welche scheinbar seinem sonstigen, angeblich
durchgreifenden Heilgrundsatze schnurstracks entgegen
steht. Wer aber hier nicht einen neuen und treffenden Beleg
zu der Bichtigkeit unseres: Similia Similibus sieht, der
muss absichtlich seine Augen dagegen verschliessen , wie jener
Commentator dieses Aphorisms, der mit Mühe eine kaum dafür
passende Krankheitsart (gastromalacia infantum 10°) aufgefunden
hat, wofür die hippokratische Methode nicht angezeigt sein soll.1)
Im Allgemeinen wenden wir solche Abführmittel überall da an,
wo ein wirklicher Durchfall vorhanden ist, — freilich nicht
ohne Auswahl das erste Beste, oder gar mehrere Derselben durch-
einander gemischt , wie es bei der Allopathie eine so beliebte
Mode ist , sondern nur gerade Dasjenige , welches durch die
begleitenden Symptome nach den Gesetzen der Aehnlichkeit
100) Bekanntlich hat neuerdings Dr. A. Vogel (in seinem Lehrbuche
über Kinderkrankheiten) nachzuweisen versucht, dass die Magenerwei-
chung, die unlängst eine grosse Rolle spielte, keine Krankheit, sondern
nur ein Leichenphänomen sei.
1) Nam si venter Üuit, aut sistomachus non continet, ubi febris de-
crevit, liberalster oportet aquam tepidam potui dare et vomere cogere.
Celsus III. 4.
VII. Buch. Aphorism68. 543
das am Meisten Angezeigte ist, — jederzeit und ohne
Ausnahme zur Anwendung bringen. Wie wenig in solchen
Fällen die sogenannten stopfenden Mittel nützen, hat die Er-
fahrung sattsam bestätigt und von jeher die erfahrensten Aerzte
der alten Schule, gegen ihren gefeierten Wahlspruch : Contraria
Contrariis! bewogen, Arzneien zu verordnen (Ipec. , Rheuin.,
Magnes., Calomel, Ol. Ricini, Hyosc, Cupr., Samb., Arn., Chin.,
Ferr., Jalap., N. mosch., Coffea u. A. in.), deren sie sich gleich-
massig zum Abführen bedienen, wenn ihre Patienten an Ver-
stopfung leiden, mithin deren abführende Kräfte kennen.
Von dieser Seite betrachtet glauben wir dem vorliegenden, be-
reits vor zweitausend Jahren aus der Erfahrung geschöpften,
durch die Beobachtungen zahlreicher Aerzte bestätigten, von
keiner entgegengesetzten Theorie überwältigten, und zuerst
durch die Homöopathie auf ein naturgemässes Prinzip
zurückgeführten Lehrsatze mit dem vollsten Rechte ein gros-
ses Gewicht beilegen zu dürfen. — Aber solche Thatsachen
scheint man todtschweigen zu wollen.2)
68. Wenn rohe Stuhlausleerungen abgehen, so rührt Dies
von der schwarzen Galle her. Ist die Menge gross,
so ist auch die Krankheit bedeutend; ist sie geringer,
so ist auch Diese gelinder.
Im Aphorism I, 22 sagt Hippokrates, dass solche rohe und
ungekochte Ausleerungen eine Gegenanzeige für Abfüh-
rungen darböten. Hier ist aber bloss in prognostischer
Hinsicht von der Heftigkeit und Gefährlichkeit der Krank-
heit die Rede, die sich nach der Quantität des Ausgeleerten
2) Durch Schweigen fiel Amykla! — Ein altes Sprichwort der Griechen
welches jetzt Todtschweigen bedeutet.
Plutarch im Leben des Lucullus.
544 VI1- Buch. Aphorism 69, 70.
richte. Dass dabei die Grundursache in der schwarzen Galle
zu suchen sei, ist eine Annahme, die der Begriffsweise der
damaligen Zeit angemessen ist, obwohl auch in der That die
Leber nebst der Galle an solchen Störungen oft sehr stark
betheiligt ist. — Wir verweisen im Uebrigen auf die Glosse zum
Aphorism I, 22.
69. Bei nicht aussetzenden Fiebern ist jeder graue, blu-
tige, gallichte und übelriechende Hustenauswurf böse-,
gut hingegen, wenn er gehörig ausgeleert wird. Eben-
so verhält es sich mit der Stuhl- und Harn - Aus-
leerung. Wenn aber auf diesen Wegen nicht Das-
jenige abgeführt wird , sondern zurückbleibt , was ab-
gehen sollte, so ist Dies schlimm.
Dieser Lehrsatz ist grösstentheils eine Wiederholung des
Aphorisms IV, 47, und wir verweisen daher auf die dort bei-
gefügte Glosse. Der Schlusssatz steht gewissermaassen im Ein-
klänge mit dem Aphorism II, 12, und ist dort das Betreffende
zu finden.
70. Wenn man Stoffe ausleeren will, so muss man sie
zuvor leichtflüssig machen ; und beabsichtigt man, sie
nach Oben leichter abscheiden zu lassen, so muss man
die Stuhlausleerungen hemmen; wenn aber nach Unten,
diese Letzteren verdünnen.
Wir befürchten, dass irgend ein scharfer Bezensent uns
wegen der Uebersetzüng des Wortes öaifxara mit Stoffe schwere
und allerdings nicht ungegründete Vorwürfe machen wird. In-
dessen glauben wir zu unserer Entschuldigung anführen zu dür-
fen, dass der Sinn des Aphorisms wohl nicht verfehlt ist, und
dass das Flüssigmachen sich im Ganzen mehr auf das Ab-
zuführende, als auf den ganzen Körper (acöfia) bezie-
hen muss. •
VII. Buch. Aphorisin 70. 545
Uebrigens klingt der Lehrsatz selbst äusserst verständig,
und' es wäre nur zu wünschen, dass man die Mittel kennte, ver-
mittelst welcher man nach Erforderniss oder Belieben jederzeit
die beabsichtigten Erfolge erlangen könnte. Daran aber mangelt
es gar zu häufig, und sehr oft bringen die gewöhnlichen Medi-
kationen gerade das Gegentheil von Dem zu Wege, was sie be-
wirken sollten. Der lebende Organismus ist nichts weniger,
als ein künstlich zusammengesetzter, lebloser Automat, den
man etwa wie eine Taschenuhr nach Bedürfniss auseinander
nehmen, putzen und einölen kann.3) Eben so wenig ge-
langen die Arzneien jederzeit richtig an ihre Bestimmung,4)
wie ein gut adressirter Brief, und am Allerwenigsten ist Dies
vernünftiger Weise zu erwarten, wenn mehrere Mittel durch-
einander gemischt sind und in dem „Hexentranke" die Ei-
genschaften der Einzelnen sich gegenseitig verändert haben.5)
3) Les vrais ressorts de notre orginasation ne sont pas ces muscles,
ces veines, ces arteres, que l'on decrit avec tant d'exactitude et de soins.
II reside des forces interieures dans les Corps organises, qui ne suivent
pas du tout les lois de la mecanique grossiere que nous avons imaginees
et ä la quelle nous voudrions tout reduire. Buffon.
Namque sui semper Natura sirnillima, textu
Simpliciore quidem sed non diversa secuto,
Plantarum vitam pecudumque virumque tuetur.
Vanieri praed. rust. VI.
4) ,,En associant une foule de substances, dit M. Forget (Principes
de therap. gen. et spec. 1860, p. 279), le praticien espere qu'une d'entre
elles au moins atteindra le but: c'est ce que j'appelle familierement une
decharge a mitraille, dont quelques eclats pourront — par hasard —
frapper l'ennemi. — Et s'ils frappent le malade?"
Dr. Gallavardin, exper., p. 35.
5) „Wie die Lebenskraft" — sagt Hahnemann in der Anmerkung zum
§ 12. des Organons — ,,den Organism zu den krankhaften Aeusserungen
bringt, d. i. wie sie Krankheit schafft, von diesem Wie kann der Heil-
künstler keinen Nutzen ziehen, und deshalb wird es ihm ewig verborgen
bleiben; nur was ihm von der Krankheit zu wissen nöthig und völlig hin-
reichend zum Heilbehufe war, legte der Herr des Lebens vor seine Sinne."
— In demselben Geiste würde man hierauf fortfahren können: — Wie die
Arzneikraft in den verschiedenen Stoffen, welche Solche enthalten, heschaf-
35
548 vn Buch- Aphorism 71, 72.
Unter solchen Umständen ist es leicht hegreiflich, dass der Allo-
path eine überaus schwere Aufgabe zu lösen hat, wenn er den
vorstehenden Lehrsatz zur praktischen Ausführung bringen soll.6)
— Uebrigens vergleiche man die kurze Glosse zu dem Aphorism
II, 9, der im Wesentlichen damit übereinstimmt.
Jedes Uebermaass in Betreff des Schlafes, mithin so-
wohl die Schlafsucht, ab die Schlaflosigkeit, sind böse.
Völlig gleichlautend mit dem Aphorism II, 3.
72. Es ist tödtlich, wenn bei einem nicht aussetzenden
Fieber die äussern Theile eines Kranken kalt sind,
während er innerlich eine brennende Hitze mit hefti-
gem Durste empfindet.
fen ist, dieses Wie ist dem Arzte zu wissen unnütz, und wird als etwas
Immaterielles der Physik und Chemie ewig verborgen bleiben; nur Was
ihm davon zum Heilbehufe zu wissen nöthig und hinreichend ist, Das lässt
ihn der Herr des Lebens erkennen, wenn er jene Stoffe in ihren Wirkun-
gen auf den lebenden Organismus prüft.
Haud leve obstaculum penitiori virium in medicamentis cognitioni ob-
jieit, quod rarissiine simplicia, sed utplurimum composita, nee haec sola,
sed aliorum usu interpolata usuipentur. Fr. Hoffmann.
De tout cet amas, ayant faict une niixtion de breuvage, n'est-ce pas
quelque reverie d'esperer que ces vertus s'aillent divisant et triant de cette
confusion et meslange pour courir ä charges si diverses? Je craindrais
infiuiment, qu'elles perdissent ou echangeassent leurs etiquettes, et troublas-
sent leurs quartier*. Et qui j)ourrait imnginer qu'en cette confusion liquide,
ces facultez ne se corrompeiit, confondeut et alternent l'une l'autre?
Montaigne.
6) In Bezug auf die zusammengesetzten Mittel lese man, was Plinius
(XXIX, 8) über den Theriak und das Mit hrida tische Antidot sagt.
„Lorsqu'il nous est si difficile" — sagt Professor Dr. Rostan —
„d'appreeier l'effet d'une seule substance, ou d'une seule circonstance sur
l'organisme, comraent pouvez-vous penser agir avec certitude, lorsque vous
en prescrivez un grand nombre et surtout si vous les employez simul-
taaiiment."
VII. Buch. Aphorism 73, 74, 75. 547
Ebenfalls im Wesentlichen dem Aphorism IV, 48 gleich-
lautend, bis auf eine unbedeutende Versetzung. — Zur Ergän-
zung Dessen, was wir in der dortigen Glosse angeführt haben,
wollen wir hier noch mit wenigen Worten nachtragen, dass unter
den angegebenen Umständen zunächst folgende Mittel zur
Wahl kommen: Acon., Ars., Puls., Rhus, Sulph. und Veratr.,
dass aber auch noch mehrere andere Arzneien, und darunter na-
mentlich: Beil., Bry., Calc, Cham., Sep. und Sil., dabei nicht
selten auch noch eine homöopathische Anwendung finden und
den begleitenden Symptomen entsprechen. Jedenfalls aber ist
die Sache nicht in dem Maasse hoffnungslos, dass wir den Zu-
stand mit dem Worte ftavccGipov bezeichnen dürfen.
73. Es ist ein Zeichen des nahen Todes, wenn bei einem
nicht aussetzenden Fieber die Lippe, die Nase, das
Auge, oder die Augenbraue sich verziehen, oder wenn
der schon erschöpfte Kranke nicht mehr sieht, oder
nicht mehr hört, oder wenn der Eine oder der Andere
von diesen Zufällen sich einstellt.
Fast wörtlich gleichlautend mit dem Aphorism IV, 49.
74. Auf Leukophlegmatie folgt Wassersucht.
Man vergleiche hierzu den Aphorism VII, 29, nebst der
daran gehängten Glosse.
75. Auf Durchfall, Euhr,
Zu vergleichen die Glosse zum Aphorism VII, 23.
548 vn Buch. Aphorism 76.
76. Auf Kuhr, Magenruhr.
Hierzu der Aphorism VI, 43 nebst seiner Glosse. — Der
angebliche Uebergang einer Krankheit in eine Andere ist ein
Gegenstand , dem wir hier einige Worte zu widmen für ange-
messen erachten. Was dafür gewöhnlich ausgegeben wird, ist
kaum jemals etwas Anderes, als eine veränderte, meistens schlim-
mere Form des ursprünglichen Uebels, oft mit Arzneikrank-
heit komplizirt und dadurch nur unkenntlicher und schwieriger
gemacht. Die meisten Krankheiten durchlaufen nämlich in ihrem
natürlichen Fortgange mehrere Stadien, welche sich ziemlich
regelmässig zu folgen pflegen, wenn sie nicht durch Arznei ab-
geschnitten, gehemmt oder verschoben werden. Selbst die so-
genannten Nach krankheiten können nicht füglich davon aus-
geschlossen werden, sofern es nichl Beschwerden betrifft, welche
entweder durch zu heftige oder unpassende Medikation ver-
ursacht sind, oder in dem Erwecken eines, bis dahin schlum-
mernden (latenten) chronischen Siechthums ihren Grund
haben. Wenn man diese verschiedenen Formen neue Krank-
heiten nennt, worin die Frühere übergegangen, oder die neuer-
dings hinzugetreten sind: so ist Dies sicher ein Irrthum, weil
der Mensch gleichzeitig nur in einer Weise krank sein kann,
und alle Symptome, die dabei auftreten, nur zu einer und der-
selben Gesammt-Kr a nkheit gehören. Dies schliesst indessen
die Noth wendigkeit nicht aus, nach den wechselnden Zei-
chen und Symptomen ebenfalls die Arznei zu wechseln,
sobald sich ergiebt, dass die früher Gegebene nicht mehr an-
gemessen erscheint und daher keine weitere Hülfe leisten kann.
Diejenigen Ultras unter den Homöopathen, welche die Behaup-
tung aufgestellt haben, dass jede Krankheit, besonders eine
Akute, in einer und derselben genau homöopathisch pas-
senden Arznei jedesmal ihr vollständiges Heilmittel
VII. Buch. Aphorism 76. 549
finde, sind daher eben so sehr im Irrthume , als Diejenigen,
welche bei jeder Veränderung in den Symptomen sogleich
eine neue Krankheit wittern. Die meisten Arzneistoffe, die
auf ihre eigentümlichen Wirkungen ausgeprüft sind, enthalten
in ihren Symptomen-Reihen das Material für sehr Viele der
verschiedenartigsten Krankheiten, so dass man beim ersten An-
blicke geneigt sein möchte, zu glauben, man könnte damit fast
alle Beschwerden heilen. In der That kann auch jede Arznei
für sehr Viele derselben das richtige Heilmittel abgeben,
aber nur in solchen Fällen, wo das C h a r a k t eri sti s ch enebstihrer
individuellen Gesammt -Wirkungsart gleichzeitig genau dem
des Patienten entspricht. Dieses Charakteristische in bei-
den Beziehungen aufzusuchen und mit einander in Einklang zu
bringen, ist also die Hauptaufgabe des homöopathischen
Arztes, und er wird sehr häufig die Erfahrung machen, dass
während der Behandlung einer Krankheit eben hierin durch die
Kraft der schon angewendeten Mittel eine Aenderung
bewirkt wird, welche auf eine Aenderung in der Arznei hin-
deutet. r) Die Krankheit selbst braucht dabei an und für sich
nicht wesentlich eine Andere geworden, oder aus dem allge-
meinen Bereiche des früheren Mittels entfernt zu sein; aber
dieses Mittel kann nun nicht länger gute Wirkung thun, weil
die Bedingungen der Aehnlich keit, wovon diese Wirksam-
7) Durch sämmtliche Beschreibungen der Pest-Seuche, welche von
Zeitgenossen entworfen und bis zu uns gelangt sind, und die übrigens nicht
mindere Verschiedenheiten darbieten , als heutiges Tages die damit nahe
verwandten Typhus-Seuchen, ziehen sich, wie die rothen Fäden in den
englischen Kabeltauen, folgende drei konstante Zeichen hindurch, nämlich:
1) das überaus schnelle und bedeutende Sinken der Kräfte, 2) der
rapide Verlauf, und 3) das heftige Brennen in dabei vorkommen-
den, furunkelartigen Geschwüren. Diese Zeichen genügen aber dem
Homöopathen, um die Wahl des passendsten Heilmittels auf eine geringe
Zahl von Arzneien beschränken zu können, itnter denen der Ars., und zwar
der erforderlichen schleunigen Wirkung wegen in Hochpotenzen , in der
obersten Linie stehen dürfte.
550 VIL Buch- Aphorism 77.
keit abhängt, nicht mehr in dem erforderlichen Maasse bestehen.
Aber eben so wenig ist die jetzige Krankheit eine Nene oder
neu Hinzugetretene, und eben aus diesem Grunde muss
bei der neuen Mittelwahl das alte Uebel nicht minder inner-
halb des Wirkungskreises eines Solchen liegen, als in dem
des Früheren, nur mit dem Unterschiede , dass die veränderte
Charakteristik der Zeichen nun ebenfalls Demselben genau
angepasst werden muss. — Wir hoffen, dass wir uns hier nicht
gar zu undeutlich ausgedrückt haben, dürfen aber die volle Ver-
ständigung nur von Dem erwarten, der bereits mit der Homöo-
pathie einigermaassen vertraut ist.
77. Auf Beinfrass folgt Abstossung von Knochenstücken.
Unter 6(pdaeXog verstanden die alten Griechen eben sowohl
den Beinfrass an den Knochen, als den kalten Brand
an den weichen Theilen. Wir sehen daher nicht ein, warum
wir hier mit den meisten Uebersetzern den Ausdruck Brand
annehmen sollten, da nicht selten der kalte Brand keine Ab-
schulferung oder Abstossung von Knochenlheilen zur Folge hat.
Mit Recht klagt an dieser Stelle ein (allopathischer) Kom-
mentator seine eigenen Kunstgenossen darüber an, dass der
Knochenfrass so häufig von ihnen ganz unrichtig behandelt
würde. „Diese glückliche Absonderung (der brandigen Knochen-
theile)" — sagt er — „würde weit öfterer Statt haben, wenn
diese Geschwüre nicht gar so oft mit balsamischen, reizen-
den Salben und Einspritzungen behandelt würden u. s. w.
Dabei muss die Radikalkur der besonderen Dyskrasie das
Ihrige thun." — Eben diese Letztere, die Heilung der Dys-
krasie, ist nach unserer Ansicht die Haupt-, keineswegs eine
Neben-Sache, und unter den dabei gebräuchlichen Salben
sind ohne allen Zweifel die, heutiges Tages so ungemein häufig
VII. Buch. Aphorism 78. 551
gemissbrauchten Jod-Präparate von Allen die Verderblichsten,
wie uns zahlreiche Erfahrungen gelehrt haben. Was durch rich-
tige homöopathische Anwendung von Ars., Asa f., Aur., Calc,
Con., Hep., Lach., Lyc, Merc, Mezer., Nitr. ac, Ph. ac, Puls.,
Sep., Sil., Staph. und Sulph. bei dieser Art von schweren mensch-
lichen Leiden erreicht, und wie dadurch so manches, zur Am-
putation bereits verurtheilte Glied erhalten werden kann,
darüber hat die Homöopathie schon längst eine bedeutende Menge
der glänzendsten Thatsachen nachzuweisen.
'8. Auf Blutspeien folgt Auszehrung und Eiterauswurf.
(Auf Auszehrung, Abfluss aus dem Kopfe; auf den Ab-
fluss, Durchfall-, auf den Durchfall Stockung des
Auswurfs und in Folge dessen der Tod.)
(Auf Blutspeien folgt Eiterauswurf und Durchfall, und dann
der Tod, sobald der Auswurf stockt.)
In Bezug auf diese drei Lehrsätze herrscht bei den ver-
schiedenen Herausgebern einige Unordnung. Wir folgen deshalb
hier, wie auch sonst durchgängig der Almelo?een'schen Ausgabe
(Amsterdam 1685) und fügen, nach diesem Vorbilde, die beiden
Letzten, welche sich beim Galen nicht finden und vennuthlich
eingeschoben sind, ohne Nummern und in Klammern bei.
Uebrigens stimmt der Inhalt mit dem der Aphorismen V,
12, 14 und VII, 15, 16 überein. — Man würde den „Abfluss
aus dem Kopfe" für Fliessschnupfen halten können, wenn nicht
hier, wie auch im Aphorism VII, 38, von dem Abfluss des
Schleims in die Brust die Rede zu sein schiene, der daselbst
Eiterungen hervorbringen soll.
£52 vn- Buch. Aphorism 79.
79. Man muss auch die Beschaffenheit des ans der Harn-
blase, ans dem Darmkanale, aus der Haut, oder sonst
aus dem Körper Abgesonderten beobachten, in wie-
fern Dies von dem Natürlichen abweicht. Ist diese
Abweichung unbedeutend, so ist auch die Krankheit
von geringem Belange; ist sie hingegen erheblich, so
ist es auch Diese, und wird um so gefährlicher, je
bedeutender diese Abweichungen sind.
Dieser Aphorism, den Mehrere für eingeschoben halten,
spricht sich deutlicher über Dasjenige aus, was bereits am Schlüsse
des Aphorisms I, 12 angedeutet war. Wenn solche Abnormi-
täten in den Absonderungen für die Allopathen eigentlich nur
in Bezug auf diePrognosis von einigem Werthe sein können:
so sind sie es ausserdem für die Homöopathen in therapeu-
tischer Hinsicht in noch weit höherem Grade, indem diese
Symptome zugleich bestimmte Anzeigen für die angemessene
Arznei enthalten. Eine weitere Ausführung dieses Thema's würde
nur eine Wiederholung des bereits Gesagten sein.
Vin. Buch.'
1* Selten erfolgt noch Genesung bei Denen, welche nach
dem vierzigsten Lebensjahre in Tobsucht verfallen;
denn Diejenigen laufen weniger Gefahr, deren Natur
und Alter der Krankheit mehr angemessen ist.
Dieser Lehrsatz steht in unmittelbarer Uebereinstimmung
mit den Aphorismen II, 34 und 39, und in Bezug auf Beschwer-
den alter Leute überhaupt ebenfalls mit den Aphorismen II, 40
und VI, 6. Auch ist es vielfältig durch die Erfahrung bestätigt,
däss phrenitische Zufälle verschiedener Art, die erst im höhe-
ren Alter entstanden sind; bei allopathischer Behandlung vor-
8) Die in diesem Buche enthaltenen Aphorismen werden so ziemlich
von allen Schriftstellern für unecht gehalten, und sind von Galenus und
mehreren Andern ganz weggelassen. Wenn indessen Einige Ursache ge-
funden haben , sie beizubehalten , so kommt für uns noch der Umstand
hinzu, dass wir dabei in unseren Glossen noch Mancherlei zur Sprache
bringen können, wozu wir diese Aphorismen eigentlich nur als eine günstige
Veranlassung benutzen, der wir uns auch hier nicht gern berauben
möchten.
Gerade darin unterscheiden sich die untergeschobenen Schriften von
den echten, dass in Jenen gesuchte, oft pomphafte Ausdrücke, bisweilen
poetische Solöcismen vorkommen, die man vergebens in den echten hippo-
kratischen Schriften suchen wird.
Sprengel, Gesch. d. Med. I, 371.
554 VIII. Buch. Aphorism 1.
zngsweise gefährlich und schwer zur Heilung zu bringen sind.
Indessen ist es eben so wahr und durch nicht wenige glückliche
Erfolge hesläligt, dass hei umsichtiger homöopathischer Behand-
lung fast immer das gewünschte Ziel erreicht, wird, wenn die
Cerehralfieber gleich von Vorne herein mit den passenden
Milleln hekilmpft werden. Am Sichersten ist dieser Erfolg zu
erwarten, wenn Solches durch ein Nervenfieber veranlasst
wird, in deren glücklicher Behandlung die Homöopathie schon
in der ersten Zeit ihres Entstehens sich eine rühmliche
Auszeichnung erworben hat, die ihr auch in der Folgezeit
ungeschmälert verblieben ist. 9) Die hierüber in den Kranken-
listen veröffentlichten Thatsachen bezeugen Dies auf die schla-
gendste Weise und liefern die Nachweise, dass überhaupt alle
die verschiedenen, so sehr befürchteten Krankheiten, welche mit
dem Namen Nervenfieber bezeichnet werden, zu Denjenigen
gehören, die die Homöopathie vorzugsweise mit der grössten
Sicherheit heilt.10) Was die Behandlung derselben betrifft, so
wird sie dadurch vorzüglich erleichtert, dass verhällnissmässig
nur wenige Mittel, nämlich selten Andere, als: Ars., Beil., Bry.,
Kali, Mur. ac, Op., Phosph., Ph. ac, Bhus, Sulph. und Tar.,
dabei konkurriren. und dass fast jedesmal die Symptome,
welche die Wahl entscheiden müssen, so bestimmt und deut-
lich hervortreten, dass ein Fehlgriff kaum möglich ist. Daher
kommt es denn auch, dass ein angehender Homöopath
schwerlich eine bessere Gelegenheit linden kann, seinen Buf als
9) Schon in den Jahren 1813 und 1814 erregte es bei der damaligen
russischen Eegierung in' Dresden viel Aufsehen, dass von 183 am bösar-
tigen Typhus darniederliegenden Kranken unserm Hahnemann auch nicht
ein Einziger starb, — ein glänzender Erfolg der jungen Kunst, welcher
aber von den medizinischen Behörden in Vergessenheit gebracht wurde.
Die Homöopathie (des Verf.) S. 99.
10) A notre avis, rien ne milüe autant en faveur d'uno doctrine, rien
n'est plus propre ä demontrer sa prceminence sur les doctrines adverses,
que le nombre imposant des resultats heureux obtenus durant le cours
d'uno epidemie. Dr. Sollier, Rev. hom. I, 1, p. 30.
VIII. Buch. Aphorism 2, 3. 555
Solcher zu begründen, als eine Nervenfiebcr-Epidcmie.
Mit andern Krankheiten, welche mit plireni tischen Erschei-
nungen auftreten, gtht es freilich nicht immer so leicht und
sicher; aber bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Homöo-
pathie können wir doch die Seltenheit der Genesung durchaus
nicht einräumen, sondern müssen vielmehr, seihst bei älteren
Patienten, das Gegentheil behaupten.
2. Es ist gut, wenn Kranke absichtlich, (d. li. irgend
einer Ursache wegen) weinen; schlimm aber, wenn
sie Solches unwillkürlich thun.
Dieser Aphorism ist dem Sinne, wenn auch nicht strenge
dem Worte nach, ganz übereinstimmend mit dem Aphorism IV, 52.
3. Es ist schlimm, wenn bei viertägigen Wechselfiebern
sich Nasenbluten einstellt.
Dieser Lehrsatz scheint auf wiederholten Erfahrungen zu
beruhen, und zunächst aus den xcolkcu TtQoyvooöeig II, 37, 38
und III, 433 entnommen zu sein, findet aber auch in imdrifiiäv
to TtQÖirov, in tcsqI xqigicov und im Tc^oQQtjTi.xov zum Theile
durch Thatsachen bestätigte Belege. Man hat geglaubt, die An-
wesenheit und Gefährlichkeit dieser Erscheinung auf diejenigen
Fälle beschränken zu müssen, wo bedeutende Leber- oder
Milz -Beschwerden vorhanden sind, wie sie nach Miss brauch
der China leider! so oft vorzukommen pflegen. Allein das
Nasenbluten bei Fiebern ist am Oeftersten eine Folge von
starkem Blutdrange zum Kopfe, und allen denjenigen Mitteln
angehörig, welche dieses Symptom unter ihren Erst -Wirkungen
aufzuweisen haben. Wenn mithin diese Erscheinung auftritt,
556 Vin- Buch- Aphorism 3.
so ist vorzugsweise hierauf, dann aber auch noch insbesondere
darauf Acht zu geben, in welcher Fieber-Epoche (Frost,
Hitze oder Schweiss) Solches sich zeigt. Da finden wir denn
in unsern Arzneiprüfungen folgende Zeichen und Ergebnisse des
Blutdrangs zum Kopfe, welche sich beim Froste vorzüg-
lich unter: Acon., Arn., Ars., Beil., Bry., Calc, Cham., Chin.,
Dig., Ferr., Hyosc, Ipec, Lyc, Merc, Nitr., Bhus, Sabad., Stram.,
Sulph. und Veratr. ; während der Hitze unter: Acon., Beil., Bry.,
Carb. veg., Cham., Chin., Ignat., Lach., Lyc, N. vom., Op., Bhus,
Scill, Sep., Sil., Stram., Sulph. und Veratr.; und während des
Schweisses nur unter: Bry., Caust., Com, N. vom., Op., Tar.
und Thuj. am Deutlichsten ausgesprochen. Alle diese Mittel
haben auch in der That, und Mehrere darunter in ausgezeich-
netem Grade, Nasenbluten unter ihren Symptomen. Allein
Dieses ist für die homöopathische Aehnlichkeit noch nicht hin-
reichend, sondern es muss auch die Beschaffenheit des
Blutes in Betracht gezogen werden, namentlich: ob solches hell-
roth und wässerig (Arn., Ars., Beil., Calc, Carb. veg., Hyosc,
Ipec, Merc, Bhus, Sabad., Sulph.) oder dunkel (Bry., Caust.,
Cham., Ignat., Lach., Lyc, N. vom., Sep., Stram., Sulph.) oder
leicht gerinnbar und klumpig ist (Bell, Calc, Caust., Cham.,
Chin., Ferr., Hyosc, Ignat., Ipec, Bhus, Stram.), oder ob es
sonst noch etwa besondere Eigenschaften zeigt, die hier unmög-
lich weiter ausgeführt werden können. Wenn diese Eigentüm-
lichkeiten des Na senblutens in Bezug auf die Fieber-Epoche
und auf die Beschaffenheit des Blutes selbst ermittelt und
festgestellt worden sind, so ist man erst im Besitze eines ein-
zigen Symptoms, welches, wenn es auch noch so deutlich
und bestimmt individualisirt ist, vielleicht wohl dem sympto-
matischen Kuriren, in der vulgären Bedeutung des Wortes,
genügt, den Homöopathen aber bei Weitem noch nicht gehörig
in den Stand setzt, mit Sicherheit eine streng homöopathische
Wahl der passendsten Arznei zu treffen. Wir haben Dies bereits
VIII. Buch. Aphorism 3. 557
im Verlaufe dieses Werks in mehreren Glossen auseinander ge-
setzt; aber, wenn uns Dies auch von der Pflicht entbindet, uns
hierüber nochmals ausführlich darauf einzulassen: so halten wir
es doch für dienlich, eine arg verkannte und gefälschte
Wahrheit hei jeder schicklichen Gelegenheit zu wiederholen.11)
Nur dadurch darf man hoffen, endlich dahin zu gelangen, um
bei dem Einen die Unwissenheit zu belehren, und bei dem
Andern den Einflüsterungen der Böswilligkeit einen Damm
vorzuschieben. 12)
11) Wahrheit ist die echte Cassandra, über der das Schicksal waltet,
niemals eher Glauben zu finden, als bis es zu spät ist.
Asmodeus.
Ist denn die Wahrheit ein so schwer verdauliches Gericht, dass man
immer ein bitteres stomachocale hinzusetzen muss?
Eummel, A. H. Z. V, S. 176.
In ipsis cathedris non solum veritas non attenditur, sed plerumque
avxog Ecpa docetur in respectum sectatoris cujusdam, quem erroris reum
profiteri nolunt. Kircher, Subterr. I, 3, c 3.
12) Plus une decouverte est grande, extraordinaire, inattendue, plus
eile doit trouver les esprits disposes ä se revolter contre eile.
S. cmte des Guidi, lettre aux med. franc.
La plupart des grandes decouvertes ont commence par paraitre absur-
des; et l'homme de genie ne fera jamais den, s'il a peur des plaisanteries ;
elles sont sans force si on les dedaigne, et prennent toujours plus d'ascen-
dant quand on les redoute.
Mad. de Stael, de TAllem.
Von einem Homöopathen darf und muss zunächst alles Dasjenige ge-
fordert werden, was von einem Allopathen gefordert wird, und wozu die
Universitäten alle zureichende Mittel darbieten. Neben diesem Allen muss
er aber noch sehr Vieles wissen, was nicht nur nirgends gelehrt, sondern
gar auf einigen Kathedern verspottet und verhöhnt wird, was er in der
homöopathischen Literatur nur mit angestrengtem Fleisse und unter Zwei-
feln und Widersprüchen, die Halbheit und Unwissenheit eingeschwärzt ha-
ben, aufzufinden vermag, und worüber die Gesetze (z. B. das vom 20. Juni
1843, § 8.) so lange jeden Versuch mit einer lebenslänglichen Strafe ver-
pönt haben, bis er durch eine neue Prüfung seine Qualifikation in dem
nirgends Gelehrten nachgewiesen hat. ,,Wenn aber" — sagt Plato in sei-
nem Briefe an die Freunde des Dion — „Jemand bei Alledem einen wah-
533 V1IL Buch. Aphovism 4.
4. Es ist gefährlich, wenn an den entscheidenden Tagen
heftige und schnell sich wiederholende Schweisse ein-
treten, so wie Solche, welche kalt und in grosser
Menge, wie Tropfen, aus der Stirn hervorquellen;
denn Schweisse dieser Art können nothwendig nur
durch Gewalt, mit Ueberanstrenguüg und mit dauern-
dam Nachdrucke herausgetrieben werden.
Der im Eingange dieses Aphorisms bezeichnete Schweiss
scheint sich auf den sogenannten Tod essch weiss zu beziehen,
welcher da, wo er sich einmal eingestellt hat, schwerlich noch
Hoffnung auf Rettung zulässt. Wir finden, so viel uns bekannt,
an keiner anderen Stelle der hippokratischen Schriften etwas
Näheres darüber angegeben, und können daher unsere Ansicht
nur als eine individuelle Vermuthung hinstellen. Uebrigens ist
nach Foesius (Oecon. Hipp. p. 612) xa%v oft gleichbedeutend
mit TtvKvcög, worauf sich unsere Uebersetzung gründet.
Die folgende Phrase spricht von dem kalten Slirn seh weisse,
und scheint aus den y.m%a\ Tcqoyvtössig (III, 91, IV, 38 und
39) entnommen zu sein, obwohl sie dem Sinne nach auch noch
an anderen Stellen vorkommt. Dieses in der Semiotik und
auch uns sehr wohl bekannte Symptom ist allerdings gewöhn-
lich ein sehr böses Zeichen, welches aber darum bei Weitem
nicht immer zu den Hoffnungslosen gehört. Am Häufigsten wird
ren Beruf dafür in sich verspürt, und wenn der Gott in seinem Herzen
ihn zu ihren hohen Lehren geschaffen hat: dann freut er sich des mühsa-
men Weges, tritt ihn muthig an, und entschliesst sich, ihm sein ganzes
Leben, das ihm sonst zur Last würde, zu widmen. Dann strengt er jede
Kraft seiner Seele an und reisst seinen Führer mit sich fort, bis er ent-
weder mit ihm an dem erwünschten Ziele anlangt, oder selbst die Stärke
erworben hat, mit eigenem Geiste allein die glorreiche Bahn zu vollführen."
— Dies erklärt das stetige und unaufhaltsame Fortschreiten der Homöo-
pathie bei allen Hindernissen, denen sie begegnet, und welches, auch ohne
Beförderung von Oben, noch weit grösser sein würde, wenn der nirgends
bezweifelte Wahlspruch von der Freiheit der Wissenschaft überall
und in gebührender Ausdehnung zur Wahrheit geworden wäre.
VIII. Buch. Aphorism 4. 553
es beobachtet bei denjenigen Krankheiten, welche in das Bereich
der Carb. veg., Cina, Dros., Ipec, Slaph., und Veratr. fallen,
wovon die des Ersten und des Letzten die meiste Gefahr
darbieten. Das Erste (Carb. veg.) bringt oft noch Rettung, wenn
die Lebenskraft bereits am Verlöschen und gänzlicher Co l-
lapsus eingetreten ist. Das Letzte (Veratr.) ist in verschiede-
nen bösartigen gastrischen Krankheiten, und selbst in der
sporadischen und asiatischen Cholera durch kein anderes
Mittel zu ersetzen, wenn dieser kalte Stirn seh weiss sich
einstellt und dabei die Anfälle durch jedes Trinken eines
Schlucks Wasser aufs Neue erregt und verschlimmert
werden; wo unter solchen Umständen Trinken bessert, da
ist hingegen Cupr. oder Ipec. angezeigt und von Veratr. Nichts
zu erwarten. Solche geringfügig scheinende Zeichen13)
sind von einer um desto grösseren Wichtigkeit, je rapider
der Verlauf einer Krankheit und je mehr die vielleicht noch eben
13) Wie überaus wichtig ein unbedeutend scheinender, sogar als zwei-
felhaft bezeichneter Zusatz zu einem Original-Symptome sein kann, dafür
wollen wir unter mehren Hunderten nur Eins als Beispiel anführen. Im
V. Bande der R. A.-M.-L. (2. Auflage) Seite 128 lautet das 59. Symptom
des Lebensbaums also : „Beim Ausschnauben ein pressender Schmerz im
hohlen Zahne (seitwärts)". Dieses eingeklammerte , also zur Zeit noch
weiterer Bestätigung bedürfende Wörtchen ,, seitwärts" ist entweder (wie
bei Jahr) ganz ausgelassen , oder (wie bei Noack und Trinks) ohne Er-
klärung abgeschrieben, wahrscheinlich weil man es nicht zu deuten wusste.
Selbst unserm scharfblickenden Wolf scheint es entgangen zu sein. Aller-
dings muss man gestehen, dass das Symptom mit diesem Anhängsel nicht
deutlich genug sich ausspricht, weil sich das „seitwärts" sowohl auf den
Schmerz, als auf die Höhlung im Zahne beziehen kann. Daher hat erst
die nachfolgende Praxis Licht darin bringen können, indem sie uns gelehrt
hat, dass sich das „seitwärts" auf den hohlen Zahn bezieht und das Hohl-
werden der Zähne von der Seite (nicht in der Krone) andeutet, — ein sehr
wichtiges und brauchbares Symptom, welches fast nur bei solchen chroni-
schen Krankheiten vorkommt, wogegen sich die Thuja als das vorzüglichste
und unentbehrlichste Heilmittel ausgewiesen hat. — Solcher wahrhaften
Goldkörner liegen noch Viele in den „zu puriüzirenden" Hahnemannschen
Arzneiprüfungen, die man aber unbeachtet unter den Kehricht wirft und
damit kurzweg ausfegt.
580 vm- Buch- Aphorism 5, 6.
mögliche Rettung des Patienten von einem schnellen und dabei
richtigen Entschlüsse abhängt. Die Homöopathie hat ihnen
daher mit vollem Rechte eine besondere Aufmerksamkeit zuge-
wendet und ist unaufhörlich bemüht, ihre therapeutischen
Kenntnisse besonders in dieser, von der Allopathie durchaus ver-
nachlässigten Richtung immer mehr zu erweitern. Dagegen hat
die hippokr atische Erklärung des fraglichen Symptoms,
wie sie uns im Nachsätze vorgetragen wird, für uns und für
die Praxis eben so wenig Werth, als die gelehrten Erklärun-
gen der neuesten physiologischen Schule, welche die
Therapie als eine unerhebliche Nebensache zu betrachten
scheint. 14)
5. Es ist schlimm, wenn sich nach einer langwierigen
Krankheit Durchfall einstellt.
Jeder Durchfall ist ein Zeichen von einer Störung in
den Verdauungs-Organen oder im Da rmk anale, und daher
begreiflicher Weise dann am Redenklichsten, wenn er bei einer
chronischen Krankheit sich einstellt, oder darauf folgt. Der
Verlauf vieler Seh wind suchten kann hier als Reispiel dienen.
Was die Arzneien nicht heilen, das heilt das Messer;
was das Messer nicht heilt, das heilt das Feuer; was
aber auch das Feuer nicht heilt, das muss für unheil-
bar angesehen werden.
14) Nicht so gar selten vermisst man bei den Alten in ihren Lehr-
sprüchen ebenso die gediegene Wahrheit, als bei ihren Dichtern in der
Zeichnung in ihren Gleichnissen die Würde des Edlen und Anständigen. Kein
Aesthetiker unserer Zeit würde es billigen, wenn Jemand mit dem Homer
(II. XI, 558 seqq.) den tapferen Ajax mit einem phlegmatischen Esel,
oder (Od. XX, 25, 28) den klugen Odysseus mit einer am Feuer braten-
den Blutwurst vergleichen wollte.
VIII. Buch. Aphorism 6. 561
Schwerlich hat irgend ein Anderer von sämmtlichen Apho-
rismen sich einer Celebrität zu erfreuen, wie eben Dieser.
Man hört ihn nicht bloss von (unwissenden) Aerzten und
Chirurgen, sondern selbst von Laien für einen Lehrsatz aus-
geben, dem die Würde eines unwidersprechlichen Axioms
gebühre. 15) Diese auffallende Verbreitung und Ueberschätzung
ist in der That um so unerklärlicher, als er eineslheils seinem
Inhalte nach durchaus unwahr und falsch ist, und andern-
theils nach überwiegenden kritischen Gründen gar nicht den
besonnenen Hippokrates zum Autor haben kann. Er gehört
nämlich zu den, allgemein für unecht erklärten, auch von
Galenus nicht aufgeführten Schriften des berühmten Altvaters
der Arzneikunst. Die wahrscheinlichste Meinung über die Ent-
stehung desselben dürfte Die sein, dass er von irgend einem
waghalsigen Chirurgen eingeschoben ist, um damit seine
Gewaltskuren zu beschönigen und seinen mörderischen
Veranstaltungen eine, in der Farbe der Wissenschaftlichkeit
schillernde Folie unterzulegen.
Es ist wohl ganz überflüssig hervorzuheben, dass hier nur
von äusserlichen, chirurgischen Hebeln die Rede sein kann,
und daher das Wort: Krankheit, dessen sich einige Ueber-
setzer bedienen, völlig unpassend erscheint, und auch im Texte
vermieden ist. Man darf es ein wahres Glück nennen, dass die
rohe Behandlung des Schneidens und Brennens sich auf die
15) Larrey, unter Napoleon I. erster Wundarzt der französischen Armee,
hat diesea Aphorism in solcher Ausdehnung befolgt, dass er, alle vorher-
gehenden Versuche mit Arznei und Messer überspringend, sogleich das Feuer
in Anwendung brachte, und zwar in der Gestalt der kleinen (chinesischen)
oder der grossen (ägyptischen) Moxa, oder in der des Glüheisens.
Die Moxa, deren Ursprung und Missbrauch wir in China und Japan
finden, wird dort zubereitet aus den Blättern und zarten Stengelspitzen der
Artemisia vulgaris L., welche gut getrocknet, zerstossen und mit den Hän-
den einige Zeit zerrieben eine Art von Wolle geben, die langsam verbrennt.
Die alten Aegypter bedienten sich dazu der noch jetzt bei uns gebräuch-
lichen Baumwolle, HippokraLes und seine Schüler der Leinwand.
36
552 VI1L Buch- APhorism 6.
inneren Tlieile nicht anwenden lässt, und noch weniger auf die-
jenigen Krankheiten, welche, wie die Fieber, sich nicht auf
bestimmte Theile oder Organe beschränken. Von dieser Seite
betrachtet betrifft der Aphorism nur einen, vielleicht den klein-
sten Tbeil der menschlichen Leiden, die solchen barbarischen
Attentaten ausgesetzt sind.
Obwohl die meisten gebildeten und kenntnissreichen Aerzte
jeder Schule mit der obenstehenden Ansicht einverstanden sind:'6)
so lässt sich doch nicht leugnen, dass bis zum heutigen Tage
noch immer mit dem Messer und mit dem Glüh eisen viel
Unfug getrieben wird. Dieser Unfug ist in der neuesten Zeit
wahrlich nicht seltener geworden, seitdem die, an sich glückliche
Entdeckung gemacht ist, dass man vermittelst des Chloroforms
den Unglücklichen, welcher sich unvermeidlich einer derartigen
schmerzhaften Operation unterwerfen muss, betäuben und ge-
fühllos machen kann. Wir wollen hier nicht von den Un-
glücksfällen reden, welche die anfängliche, oft unvorsichtige
Anwendung dieses so äusserst eindringlich wirkenden Mittels
zuweilen zur Folge gehabt hat. Wir wollen Diese vielmehr damit
gerne entschuldigen, dass derartige beklagenswerthe Erfolge bei
den meisten neuen Erfindungen solcher Art vorzukommen pfle-
gen, dass sie sich später immer seltener ereignen, und höchstens
nur auf den Missbrauch, nicht auf die Sache selbst ge-
schoben werden können. Der Hauptunfug, den wir meinen,
btsteht vielmehr darin, dass eben durch diese Sicherung gegen
Schmerz die Operationen viel von ihrem Abschreckenden
verloren haben, und dass daher sowohl der Patient, als der Arzt,
um so leichter sich bewogen finden, eine Solche vorzunehmen,
welche entweder unnöthig oder zwecklos ist, und fast eben so
oft das Opfer eines Gliedes kostet, das bei richtiger Behandlung
zu erhalten gewesen wäre.
IG) Dites combien je deplore cette Chirurgie sans principes, qui croit
que l'art autorise tout ce que l'anatomie permet.
Paroles de Dupuytren sur soa lit de mort.
VIII. Buch. Aphorism6. 563
Wenn der vieierfahrene Rust (Aufsätze und Abhandlungen
I, S. 284 — 288) versichert, sowohl bei Cancer raamraae,
als bei C. uteri, niemals von einer Operation eine radikale
Heilung gesehen zu haben, so entspricht Dies vollständig den
tausendfältigen Erfahrungen, welche darüber vorliegen, und die
so Mancher vergeblich zu leugnen versucht. Aber wenn Der-
gleichen auch zuweilen zu gelingen scheinen, indem etwas für
wahren scirrhus ausgegeben wird, was nur eine ungefährliche
Drüsen-Anschwellung oder Verhärtung ist: so ist eine
solche Ausrede doch da nicht anzubringen, wo eines Knochen-
leidens wegen Arme oder Beine amputirt und die Patienten
zu lebenslänglichen Krüppeln gemacht werden. Denn auch über
Caries und Necrosis hat sich Rust (a. a. 0.) in einer Weise
ausgesprochen, die alle Beherzigung verdient, und wenn er auch
hierbei wieder die Unsicherheit des Messers und Glüheisens
hervorhebt, so sagt er abermals nur wieder Das, was jeder Er-
fahrene selbst oft genug erlebt hat. Kein vernünftiger und men-
schenfreundlicher Mann kann daher in Abrede stellen, dass die
Bestrebungen der Homöopathie, diese barbarischen Attentate auf
den menschlichen Körper, die überdem ihren Zweck so mangel-
haft erfüllen , möglichst einzuschränken , äusserst verdienstlich
sind.17) Wie man mit Jenen im Grunde nichts Anderes beab-
sichtigen kann, als einem immer weiter um sich greifenden Uebel
Schranken zu setzen, und durch Bildung eines gutartigen
Eiters die Heilung zu befördern: so sucht die Homöopathie
dies durch die Anwendung genau gekannter und sorgfältig aus-
gewählter innerer Arzneien zu erreichen, welche zur Los-
trennung und Abstossung des Verdorbenen vom Gesunden
dienen, und gleichzeitig durch gründliche Heilung der jedes-
17) Die Chirurgie, welche Glieder abnimmt, ist ohne Zweifel eine
Kunst; aber die Chirurgie, welche heilt, ist eine Wissenschaft.
AI. Dumas.
5ß4 vm- Buen- Aphorism 7, 8.
mal zum Grunde liegenden Dyskrasie die schlechte Eiterung
in eine Gutartige umwandeln. Wenn wir auch dieses Ziel noch
nicht so vollständig, wie wir es wünschen, bereits für alle Fälle
erreichen konnten: so ist doch schon sehr viel und höchst Er-
freuliches in dieser Beziehung geleistet, und wir dürfen hoffen,
dass wir, auf dem eingeschlagenen Wege beharrlich fortschrei-
tend, in nicht gar zu langer Zeit zum Zwecke gelangen und da-
durch vollständig berechtigt werden, alle und jede durch ein
inneres Siechthum veranlasste, Operation solcher Art,
gänzlich und unbedingt zu verwerfen.18)
7. Die Lungenschwindsucht befällt am Meisten Personen
im Alter von achtzehn bis zu fünfunddreissig Jahren.
Wörtlich gleichlautend mit dem Aphorism V, 9.
Wo eine natürliche Anlage zur Lungensucht vorhan-
den ist, da sind alle Zufälle heftig, Manche sogar
tödtlich. Ein Gleiches ist der Fall, wenn Jemand in
einer gewissen Jahreszeit erkrankt, indem Diese in
Gemeinschaft mit der Krankheit wirksam ist , wie der
Sommer bei einem hitzigen Fieber, und der Winter
bei der Wassersucht. Denn die Natur behauptet bei
Weitem die Oberhand. I9) Am Meisten ist indessen
bei Milzbeschwerden zu befürchten.
18) Operationen sind immer als ein Beleg für die Unvollkommenheit
der ärztlichen Kunst zu betrachten. Hunter.
L'experience, en effet, a demontre invinciblement que l'application de
la main au corps de l'homme ne peut constituer une science, et que, sans
la medecine, la Chirurgie, reduite ä ses procedes manuels, n'offre au savant
que l'espece d'interet, qui s'attache aux arts mecaniques.
Broussais, exam. I.
19) In nullo quidem morbo plus fortuna sibi vindicare quam ars, ars
quam natura potest: utpote cum repugnante natura nihil medicina proficiat.
Celsus de re med. III. 1.
VIII. Buch. Aphorism 9. 5ß5
Ueber die verschiedenen Gegenstände, welche in diesem
Aphorism zusammen geworfen sind, ist bereits, und zwar nament-
lich bei den Aphorismen II, 34, III, 3 und VIII, 1 , das Erfor-
derliche gesagt, und haben auch dabei die Kommentatoren keinen
besondern Anstand gefunden. Nur der Schlusssatz, welcher von
der Milz handelt, scheint Manchem einige Schwierigkeiten ver-
ursacht zu haben, was wir jedoch kaum begreifen, da insbeson-
dere der Aphorism VI, 43, so wie Celsus (II, 8) sich in einer
Weise darüber aussprechen, wie sie ganz dem vorliegenden Lehr-
satze angemessen erscheint. — Uebrigens ist die Zusammen-
stellung derartig, dass man geneigt sein muss, schon aus diesem
Grunde allein die Autorschaft des Hippokrates zu bezweifeln.
9. Eine schwarze und blutige Zunge ist nicht so sehr
schlimm, so lange noch Einige der nachfolgenden
Zeichen fehlen: denn Jene deutet dann nur auf eine
gelindere Krankheit hin.
Wenn man weiss und bedenkt, dass die vorstehende, aller-
dings oft sehr bedenkliche Erscheinung an der Zunge bei den-
jenigen verschiedenen Krankheiten vorkommen kann, welche auf
Acon., Ars., Beil., Bry., Chin., Cocc, Colch., Cupr., Dig., Lach.,
Merc, Mur. ac, Nitr. ac, N. vom., Op., Phosph., Plumb., Rhus,
Sabad., See. corn., Spong., Sulph. und Veratr. hinweisen: so
begreift man leicht, dass dieses Symptom für sich allein und
unter allen Umständen noch gerade keine übergrosse Lebens-
gefahr andeutet. Mehr aber, als um eben nur Dies zu sagen,
dürfte schwerlich in der Absicht des Verfassers gelegen haben.
Vielmehr scheint es, dass dieser Aphorism gleichsam zur Ein-
leitung für die Nachstehenden dienen sollte, und dass der zu-
nächst Folgende diese Absicht nur noch bestimmte]- ausspricht,
560 VIII. Buch. Aphorism 10, 11.
indem er auch in der Fassung als eine Fortsetzung des Vorher-
gehenden angesehen werden kann.
10. Man mnss daher hei hitzigen Fiebern die Zeichen
beobachten, woraus sich abnehmen lässt, ob der Kranke
sterben, oder ob er mit dem Leben davon kommen
wird.
Die nachfolgenden Zeichen des nahe bevorstehenden Todes,
welche durchschnittlich aus dem TZQoyvcoöTinov und aus den
ncoMctl TtQoyveößeig geschöpft sind, geben kaum Veranlassung
zu Anmerkungen. Wir lassen sie daher fast ohne Unterbrechung
hier folgen, und behalten uns nur vor, am Schlüsse derselben
eine Glosse beizufügen , wie Solche der letzte (18.) Aphorism
erfordert. Uebrigens ist es hinlänglich bekannt, dass unsere
Semiotik ausser den hiernach Angeführten, noch eine grosse
Anzahl anderer Zeichen enthält, wovon indessen die Meisten eben
nur eine hohe Gefahr andeuten, aber dennoch in einigen Fällen
trügen und alle Prognostik zu Schanden machen.20) Die Ge-
schichte der Medizin hat uns in dieser Beziehung viele, wahrhaft
wunderbar scheinende Vorfälle aufbewahrt.21)
11. Es ist tödtlich, wenn der rechte Hode kalt und krampf-
haft heraufgezogen ist.
20) Daher kann man dem kürzlich in Wien verstorbenen Komiker
Nestroy nicht alle Berechtigung absprechen, wenn er aus Furcht, lebendig
begraben zu werden, in seinem Testamente sagt: „Unsere Gepflogenheiten
gewähren in dieser höchst wichtigen Sache nur eine sehr mangelhafte Sicher-
heit. Die Todtenbeschau heisst so viel, wie gar nichts, und die medizinische
Wissenschaft ist leider noch in einem Stadium, dass die Doktoren, selbst
wenn sie Einen umgebracht haben, nicht einmal gewiss wissen, ob er
todt ist."
21) Et cum innumerabilia »int mortis Signa, salutis securitatisque nulla
sunt. Plinius VII, 52.
VIII. Buch. Aphorism 12, 13, 14, 15. 567
12. Es zeigt deutlich an, dass der Tod nahe ist, wenn
die Nägel schwarz, und die Finge]- und Zehen, kalt,
zusammengeschrumpft oder erschlafft sind.
13. Es ist tödtlich, wenn die Lippen bleifarbig, oder herab-
hängend, oder nach Aussen umgestülpt und kalt sind.32)
14. Es ist tödtlich, wenn die Ohren kalt, durchscheinend
und eingeschrumpft sind.
Wir vermuthen, dass hier ein Schreibfehler sich fortgepflanzt
hat, weil der Text überall gleichlautend ist. Es ist nämlich zu
bemerken, dass eben die abgestorbenen Theile aufhören,
röthlich durchzuscheinen, wie es Ohren und geschlos-
sene Finger, die man gegen das Licht hält, am lebenden,
nicht aber am abgestorbenen Körper thun. Vielleicht dürfte
hier bloss das Wörtchen: „nicht!" ausgelassen sein. — In
den Aphorismen 12 und 14 schien uns der Ausdruck: „zusam-
men- und ein-geschrumpft" dem von „zusammengezogen" vor-
zuziehen zu sein.
15. Der Zustand des Kranken ist hoffnungslos, wenn er
an Schwindel mit Gesichtsverdunklung leidet, licht-
scheu ist, und in tiefem Schlummer mit brennender
Hitze darnieder liegt.
Man begreift nicht recht, wie unter diesen Umständen zu-
gleich mit der Gesichtsverdunkelung noch Lichtscheu
22) Das sogenannte hipp okratische Gesicht beschreibt Hippo-
krates (7tQoyva>6zixbv 8) folgendermaassen: „Die Nase ist spitz, die Augen
liegen tief im Kopfe, die Schläfen sind eingefallen, die Ohren kalt und
zusammengezogen, die Ohrläppchen vorgebogen, die Haut auf der Stirn
hart, gespannt und trocken, und die Farbe des ganzen Gesichts bleich oder
schwarz, und grau oder bleifarbig."
558 VIII. Buch. Aphorism 16, 17, 18.
bestehen kann. — Streicht man aber dieses Symptom, so hat
man in den Uebrigen ein ziemlich treffendes Bild eines vom
Schlage Getroffenen, und eine Hindeutimg auf Mohnsaft, wenn
überhaupt noch irgend eine Arznei den Leidenden zu retten
vermag. — Verlangen nach Licht ist eine nicht seltene Er-
scheinung bei Sterbenden.
16. Der ist bereits am Sterben, welcher, von furchtloser
Käserei ergriffen, nicht mehr sieht, nicht mehr hört,
und nichts mehr zu vernehmen im Stande ist.23)
17. Bei Denen, die dem Tode sehr nahe sind, treten diese
Zeichen am Deutlichsten hervor , und dabei hebt sich
lind schwillt der Unterleib.
18. Der Zeitpunkt des Todes ist da, wenn die Lebens-
wärme über dem Nabel in den Raum oberhalb des
Zwerchfells hinaufsteigt, und daselbst alle Feuchtigkeit
aufgezehrt wird. Sobald die Lunge und das Herz,
durch Anhäufung der Wärme in diesen absterbenden
Th eilen, ihre Feuchtigkeit verloren haben: so ver-
flüchtigt sich allmählich auch der Geist der Lebens-
wärme, welcher das Ganze zu einem Ganzen verbin-
det. Die Seele verlässt alsdann die körperliche Hülle
theils durch die Haut, theils durch die Luftöffnungen
im Kopfe, wo der Sitz des Lebens sein soll, und
überlässt das kalte, todte Körpergebilde, nebst Galle,
Blut, Schleim und Fleisch der Verwesung.
Es wird wohl Niemand erwarten , dass wir den vorstehen-
den Aphorism, der so wenig mit unserer gegenwärtigen Ansicht
23) Die Wichtigkeit der Organe für das Leben des Gesammt-Organis-
mus richtet sich nach der Entstehung und Ausbildung jedes derselben.
Unter allen Organen ist das Gehirn dasjenige, welches am Frühesten ge-
bildet wird, und hierauf folgt das Herz nebst den grösseren Blutgefässen.
VIII. Buch. Aphorism 18. 569
vom Sterben übereinstimmt, einer näheren Betrachtung unter-
ziehen. Indessen darf nicht unbemerkt bleiben, dass schon die
Alten die Herrschaft einer gewissen immateriellen Kraft
über den sichtbaren materiellen Theil des Menschen voll-
ständig erkannt haben, wie Solches auch aus dem Schlüsse die-
ses Aphorisms deutlich hervorgeht.24)
Die Geschichte der Medizin lehrt, dass die ersten Theorien,
welche von den Philosophen in dieser Beziehung aufgestellt
wurden, sich fast nur auf Anthropologie und Physiologie
beschränken. Die Störungen der Gesundheit wurden dabei ent-
weder willkührlich angenommenen Wesen, wie den Dämonen
des Pythagoras, oder einer unerklärbaren Disharmonie,
wie von Alkmäon, oder dem gegenseitigen Verhalten der
Elemente, wie von Empedokles, oder dem Calidum in-
natum der Herakliten u. s. w. zugeschrieben. Wenn auch,
wie wir im Verlaufe dieser Aphorismen gesehen haben, Hippo-
krates selbst nicht frei war von solchen unfruchtbaren und
dabei unerwiesenen Annahmen, und fast Alles auf Blut, Schleim,
schwarze oder ^elbe Galle bezog: so leitete ihn doch eine
24) Aus verschiedenen Stellen in den Schriften des Galenus geht un-
verkennbar hervor, dass er unter dem Ausdrucke Natur eben Dasjenige
versteht, was wir mit dem Ausdrucke Lebenskraft bezeichnen. So sagt
er (Com V, in Epid. VI): dass die Natur der oberste Erhalter der Ge-
sundheit; (daselbst): dass sie eine Kraft sei, die in uns wohnt, und mit
oder ohne unsern Willen den Körper beherrscht; (contra Julian): dass sie
von der Zeugung an dasThier bilde, entwickele,' ernähre und des-
sen körperliche Thätigkeiten vermittele, und dass endlich die Natur,
welche den Körper gestaltet, auch die gest ort e Gesundheit dessel-
ben wieder herstelle. Andere Stellen stehen damit, so wie mit dem so
oft missverstandenen Ausspruche Ilahnemanns im Einklänge, wenn er (z. B
in Com. V, in Epid. VI) namentlich leugnet, dass die Natur (Lebens-
kraft) zum Behufe der Heilung noch besonders mit Verstand und Wil-
len begabt sei. und (Com. in Aphor. 1) die Kunst oft weit zweck-
mässiger zu Werke gehe, als Jene.
Teste Plinio, ignota sunt per quae vivimus . sed si quid ipse judicare
valeo, ignotiora sunt per quae aegrotamus. Baglivi.
570 vm- Buch- Aphorism 18.
vernünftige Betrachtung der Hergänge in der Natur auf eine
immaterielle Kraft, die er svoQficöv nannte.25) Daraus, so
wie aus dem Platonischen Systeme bildeten die Dogmatiker
eine Kraft, die sie nvtv^a nannten, und die durch Erasistra-
tus dahin erweitert wurde, dass dieser zweierlei nveiifiag an-
nehmen zu müssen glaubte, nämlich: ein n. t,mi%6v (Leben s-
kraft) und ein n. tyv%iK6v (Geisteskraft), welche sich in der
Herrschaft über den materiellen Körper theilten.26)
.25) Die wahre Ursache der Krankheit ist überall und durchaus im-
materiell. „Es ist unmöglich", sagt Hippokrates, ,,die Krankheiten zu
erkennen, wenn sie nicht in dem Untheilbaren des Ursprungs erkannt
werden, aus dem sie sich verbreiten.'' Die Materie vermag nichts und ist
an sich nichts, als die letzte Spur und das Caput mortuum des Geistes.
Materie und Ursache schliessen sich streng einander aus.
Prof. Windischmann, S. 88.
26) „Der Sand hat einen Grad von Flüssigkeit; die Gestalt seiner
Körner bildet Zwischenräume, welche durch Wasser ausgefüllt werden kön-
nen; die Zwischenräume der Wassertheilchen füllt die Luft, die der Luft
der Aether, und die des Aethers eine noch flüssigere Substanz aus, die
noch keine bestimmte Benennung hat. Es ist schwer zu bestimmen, wo
diese Theilbarkeit aufhört; aber sicher giebt es eine Art der innersten
Materie." Mesmer (1800).
Im Gegensatze zu der materialistischen Anschauung, nach welcher die
Naturforscher selbst die Erscheinungen des Lebens auf mechanische
und chemische Gesetze zurückzuführen streben, hat sich in der neueren
Zeit eine Andere vernehmen lassen, welche bei unzweifelhaften chemischen
Prozessen die Thätigkeit einer gewissen Art von Lebenskraft behauptet
und nachzuweisen sucht. Dahin gehört ins Besondere der Gährungspilz
(Hormiscium), worüber unlängst Hofmann, Bail und Schröder tiefsinnige
Untersuchungen angestellt, aber noch manche erhebliche Zweifel ungelöst
gelassen haben. Namentlich bleibt dabei die der Weingährung folgende
Essig gährung völlig unerklärt. Nur so viel scheint dadurch bis zur
Evidenz erwiesen zu sein, dass die Sporen jedes einzelnen Pilzes nicht auch
überall Pflanzengebilde derselben Art wieder erzeugen, sondern dass diese
nach dem Standorte, wo sie zum Keimen und Aufgehen gelangen, gar sehr
verschiedene Gestalten annehmen. Wir selbst haben dies schon vor niem-
als 40 Jahren durch Versuche mit den Sporen des Aecidium Berberidis
Pers., um die Ursache der bekannten Schädlichkeit des Berberitzen-Strauchs
in der Nachbarschaft der Getreidefelder aufzufinden, nachgewiesen. Jene
Sporen erzeugten nämlich auf Getreide-Halmen die Uredo linearis Pers . und
VIII. Buch. Aphorism 18. 571
In älteren und jüngeren Zeiten sind häufig Stimmen aufge-
taucht, welche sich gegen den Ausdruck „Lebenskraft" er-
unsere ausführliche Mittheilung darüber findet sich in den „Möglin'schen
Annalen der Landwirtschaft", wenn wir nicht irren , in dem Jahrgange
1818 oder 1819. Deshalb ist auch eine solche generatio quasi aequivoca
nicht, wie behauptet wird, bloss den Schimmelpilzen eigentümlich, sondern
erfolgt auch von Andern, die man auf noch lebenden Pflanzengebilden an-
trifft. Vielleicht dürfte diese Beobachtung auch dazu dienen, über die Na-
tur und Entstehung der Kartoffelkrankheit (Peronospora infestans)
einiges Licht zu verbreiten. Merkwürdig ist es jedenfalls, dass der Beginn
dieser Krankheit stets mit der Reife vieler solcher Pilze zusammentrifft.
Manches hierher Gehörige ist auch in der neuesten Zeit zur Sprache ge-
kommen, besonders in Bezug auf die Entwickelung der Algen zu andern
und höheren Cryptogamen , und es ist bekannt, dass die Haarlemer Ge-
sellschaft der Wissenschaften unlängst als Preisaufgabe eine darauf bezüg-
liche Frage gestellt hat. Eben so hat man jetzt auch durch Versuche am
Rheine konstatirt, dass durch das Oi'dium Tookeri der Weinstöcke die
Peronospora infestans der Kartoffeln, und umgekehrt, hervorgebracht wer-
den könne. Dergleichen sorgfältige Beobachtungen bringen allerdings neue
Räthsel zu lösen, aber auch Thatsachen , die auf Erfahrung beruhen, und
wcbei die weitere Forschung etwas Positiveres zum Gegenstande hat, als
des berühmten Virchow's (ges. Abh. S. 18) angebliches Dogma von den
„Flügeln der Engel."
Die alten Dogmatiker, Plato an der Spitze, bauten sich, indem sie
ihre vier Elemente, nämlich das pyramidalische Feuer, die zwölfeckige Luft,
das zwanzigeckige Wasser und die kubische Erde nach ihren Ecken zusam-
menfügten, entweder selbst einen thierischeii Körper, oder auch aus einem
Theile ihrer selbst die thierische Seele. So hat ihnen zufolge jede mensch-
liche Seele einen vernünftigen, göttlichen, und einen unvernünftigen, körper-
lichen Bestandtheil. Dieser letztere materielle, unvernünftige, thierische
Theil der Seele ist wieder zwiefach, und hat theils im Herzen, tlieils im
Magen, seinen Sitz; die vernünftige, göttliche Seele aber herrscht vom
Kopfe aus. Danach konnte (und kann auch noch heute) jeder sich wählen,
ob er sich mehr zu dem Materiellen oder zu dem Göttlichen rech-
nen wollte.
Wenn das physiologische Räthsel noch nicht gelöst ist: „Woher es
nämlich kommt, dass der Schmerz da gefühlt wird, wo der schmerzer-
regende Eindruck einwirkte, und nicht zunächst in den Centralorganen,
dem Gehirn und dem Rückenmarke" : so dürfen wir wohl beiläufig anführen,
dass die katholische Kirch enl ehre der empfindenden Seele die Form und
den Umfang des ganzen menschlichen Körpers beilegt, jene also in allen
Theilen desselben die Fähigkeit besitzt, Schmerzen zu empfinden. (Vergl.
Corp. jur canon. eap. unic. [I, 1] in Clement. — Concil. Lateran. V, sub
572 VIII. Buch. Aphorism 18.
klärten und dafür Andere in Vorschlag brachten, die aber alle nach
und nach als unpassend beseitigt wurden. Dahin gehört beson-
ders die Irritabilität und Sensibilität (Reizbarkeit und
Empfindlichkeit), welche aber nicht die wirkende Kraft selbst,
sondern nur ihre Aeusserungen andeutet. Dasselbe gilt von der
Incitabilität (Reizfähigkeit), welche die beiden Vorstehenden
zusammenfassen sollte, aber eben so wenig dem Regriffe einer
wahren Lebenskraft entspricht, welche nicht bloss f dynamisch)
die Empfänglichkeit für Reize überhaupt begründet, sondern
auch (anti-chemisch) die Mischungsverhältnisse im Körper
gegen Zersetzungen schützt. Wollte man das Leben bloss als
ein Produkt der Materie und ihrer besondern Mischung
ansehen, wie heutiges Tages von einigen Materialisten ge-
schieht: so widerspricht dies allen bekannten Gesetzen dei-
che mie, welche nur erst dann in Wirksamkeit treten,
wenn jene höher stehende Lebenskraft den Körper verlas-
sen hat.2r)
Leone Papa X, sess. 8, und neuerdings: Epist. Pii Papae IX, ad Card, de
Geissei, Archiep. Col., dat. die 15. Junii 1857.) — Dass die Erklärung
der nicht selten vorkommenden Thatsache, wonach Amputirte an nicht mehr
vorhandenen Gliedern, und zwar an hestimmten Stellen derselben, sehr oft
noch empfindliche Schmerzen erleiden, unsern Physiologen keine Schwie-
rigkeit macht, ist bekannt genug, erklärt aber im Grunde Nichts, besonders
wenn man es mit dem Obigen in Verbindung bringt.
Was unter Kraft verstanden wird, das weiss wohl so ziemlich Jeder-
mann. Wenn Jemand es nicht wissen sollte, so müssen wir Diesen auf
die Definition verweisen, welche in der gelehrten „allgemeinen deutschen
Universitätszeitschrift" (Jahrgang 1861, S. 178) mit folgenden Worten zu
lesen ist: „Die Kraft ist die abgeschlossene I nnenbeharru ng der thie-
rischen incl. menschlichen losgetrennten Einzelformen oder ihre rotirende
Innenexpansion und der damit gegebene Widerstund gegen die Aus sen-
beharrung." — Wenn Einer darnach so klug bleibt, wie vorher, so ist
das nicht unsere Schuld.
27) Die Materialisten wurden unlängst in Frankreich von den
Neo-Vitalisten, die sich auf die Schule des h. Thomas von Aquin
stützen, mit dem Namen: Cadaveristen belegt.
Die Mythen von imponderablen Stoffen und von eigenen Lebenskräf-
ten in jeglichem Organismus verwickeln und trüben die Ansicht derNatur. (?)
Humboldt, Kosmos I, S. Ü7.
Vni. Buch. Aphorism 18. 573
„Einen stärkeren Beweis," — sagt Hufeland in seinen klei-
nen medizinischen Schriften II, S. H49 — „dass das Wort
Lebenskraft philosophisch richtig und brauchbar ist, kann es
wohl nicht geben, als den, dass Kant, der Vater der verbesser-
ten kritischen Philosophie, es in Schutz nimmt und ge-
braucht. Er sagt noch ganz neuerlich (ßerl. Monatsschrift 1796)
bei Gelegenheit des Ausspruchs Chrysipps: Gott habe dem
Schweine statt des Salzes eine Seele gegeben, auf dass es
nicht faule, folgendes: „„Der Philosoph scheint hier einen
Wahrsagerblick in die physiologischen Systeme unserer
Zeiten geworfen zu haben, nur dass man jetzt, statt des Worts
Seele, das Wort Lebenskraft zu brauchen beliebt hat, woran
man auch Recht thut, weil von einer Wirkung gar
wohl auf eine Kraft, die sie hervorbringt, aber nicht
auf eine besonders zu dieser Wirkung geeignete
Substanz geschlossen werden kann.""28)
Du schiltst Denjenigen einen Thoren, der im Besitze der Kenntniss
der 21. Buchstaben glaubt, dadurch auch im Besitze der tausendfältigen
Vei'bindungen derselben zu Worten, also des Inhalts eines geistreichen
Buchs zu sein. Aber thörichter noch sind Jene, die aus den Ergebnissen
der chemischen Analysen auf die höchst mannigfaltigen chemischen Prozesse,
ja mehr noch, auf die von diesen ganz verschiedenen Organischen zu
schliessen sich erdreisten.
Dr. Stens, d. Ther. uns. Zeit, S. SO.
•28) Man darf sich mit Recht darüber wundern, dass bei den verschie-
denen Meinungen und Ansichten über das Wesen der Seele und der Lebens-
kraft und über ihre Unterschiede, die verschiedenen Erscheinungen an leben-
den Personen, Thieren und Pflanzen, welche darüber offenbar den meisten
Aufschluss geben können, noch so wenig Beachtung gefunden haben. Der
Schlaf, sowohl der natürliche als der krankhafte, mit seinen begleitenden
Erscheinungen, die Träume, die mannichfaltigen Geistesstörungen und ihr
Verhalten zum Körper, selbst die somnambulen Zustände nebst Dem, was
damit verwandt ist, bieten uns zahlreiche Momente dar, welche, von einem
philosophischen Kopfe gehörig bearbeitet und mit den sonstigen Zuständen
verglichen, hierüber die zuverlässigsten und wichtigsten Belehrungen liefern
müssten. Jedenfalls würde eine hierüber angestellte wissenschaftliche Unter-
suchung mindestens eben so viel Werth haben, als die materiel - pbysiolo-
574 VI]tI- Bucl1- Aphorism 18.
Wenn wir uns demnach für vollkommen berechtigt halten
dürfen, das Wort und den Begriff einer Lebenskraft beizube-
halten: so dürfen wir auch weiter folgern, dass der körper-
liche Tod dann wirklich eingetreten ist, sobald diese Kraft
erloschen, und nun für die chemische Zersetzung, die
wir Verwesung nennen, kein Hinderniss mehr vorhanden isl.2:))
Aus diesem Grunde hat auch Hufeland (in derselben Schrift J,
325 ff.) seine Untersuchungen über die gewissen und Ungewissen
Zeichen des Todes eben aus diesem chemischen Verhal-
ten des Körpers geschöpft und nachgewiesen: dass alle bisher
angenommene Todeszeichen , deren er zehn aufzählt , ungewiss
und trügerisch sind, und dass nur „der Anfang der wirk-
lichen allgemeinen Fäulniss" das einzige gewisse Kenn-
zeichen des Todes ist.30)
gischen und chemischen Versuche, welche heutiges Tages so sehr in Auf-
nahme gekommen sind und die in der That schon so erhebliche Resultate
zu Tage gefördert haben.
Seminatur corpus animale, surget corpus spiritale. — Sed non prius
quod spiritale- est, sed quod animale. 1. Cor. 15 , 44.
29) Hufeland hat (Makrobiotik 1, 7) den Unterschied zwischen Leben
und Verbrennung sehr wohl erkannt, indem er sagt: ,,also (hat es) die
allergrösste Analogie mit der Flamme, nur dass diese ein bloss chemischer,
das Leben aber ein chemisch-animalischer Prozess, eine chemisch -ani-
malische Flamme ist." — Leider! ein V ergleich und eine Erklärung, die
im Grunde Nichts sagt und Nichts erklärt, wenngleich eine richtige Er-
kenntniss im Hintergrunde liegt.
30) Wenn man statt der, von der katholischen Kirche verworfeneu
Lehre von der Trichotomie, das Dogma der Dichotomie und der Anwesen-
heit der Seele in allen Theilen (forma corporis) des lebenden Körpers an-
nimmt: so gewinnt dadurch die Ansicht von dem Zustande der unsterb-
lichen Seele nach dem Tode einige nicht unwichtige Anhaltspunkte. Ins-
besondere gehört dahin, dass die Perzeptions- Fähigkeit der Sinn - Organe,
auch wenn diese selbst abgestorben sind, in der Seele noch fortbesteht,
wahrscheinlich in verfeinertem Grade, und wohl noch vervollständigt durch
Solche, wie wir sie an andern lebenden Wesen wahrnehmen oder vermu-
then. Weil dann aber diese Fähigkeiten durch keine irdischen Bedürfnisse
(Nahrung, Kleidung, Wohnung etc.) gestört, durch keine materiellen Um-
stände (Ort, Schlaf, Kälte, Hitze, Finsterniss etc.) gehindert, und dun.li
VIII. Buch. Aphorism 18. 575
Werfen wir von hier aus einen Rückblick auf die gewöhn-
lichsten Ursachen des Todes, nämlich auf die Krankheiten
und auf die zur Heilung derselben von der Vorsehung erschaf-
fenen Arzneien: so scheinen wir eben so zu folgenden
Schlüssen berechtigt zu sein:
1) Dass jede Krankheit nur in der Lebenskraft zu
suchen, mithin nicht materieller, sondern dynamischer
Natur ist;
2) Dass die materiellen, dabei vorkommenden (chemi-
keine Leidenschaften (Habsucht, Neid, Hass, Sorge etc.) beeinträchtigt wer-
den können: so ergiebt sich daraus von selbst ein geistig -seliges Leben,
welches von unserem Irdischen in allen wesentlichen Theilen sich unter-
scheidet und dabei von unzerstörbarer Dauer ist. — Wenn wir Gläubigen
für uns und für unsere vorausgegangenen Lieben solchergestalt die Zukunft
ausmalen und darin einen besonderen Antrieb finden, unsere kurze Lebens-
spanne auf dieser Erde nur als eine Vorbereitung auf das Jenseits zu be-
trachten: so können wir die Materialisten nur bemitleiden, die mit ihrem
negativen Vernichtungsglauben, — der mindestens auch Nichts mehr als
eine blosse, unerw eissbare Vermuthung ist, — sich jedes hoffnungsvollen
Blicks in die Zukunft frevelhaft selbst berauben. Es ist dagegen in der
That eine wahrhaft beseligende Aussicht für den glaubensvollen Menschen,
wenn er sich in solcher Weise sein Dasein nach dem Tode seines irdischen
Leibes vorstellt, wo ihn Nichts mehr hindert, die tiefsten Tiefen der Erde
und des Meeres durchforschen, Planeten und Gestirne besuchen, jeden
Augenblick mit Verstorbenen und Hinterbliebenen in Verbindung treten,
und die ganze grosse, materielle und immaterielle Schöpfung bis zu ihren
verborgensten Theilen zur klarsten Anschauung bringen zu können. — Wie
der Schlaf das Bild des leiblichen Todes ist, so der Traum
das Bild des geistigen Lebens.
Die Produkte der Zersetzung animalischer Körper, nebst ihrem Fäul-
niss-Geruch kann wohl für kurze Zeit der von dem Apotheker Labarrague
(in Paris) entdeckte Chlor-Kalk fortschaffen, aber den Verwesungsprozess
gänzlich verhindern kann er nicht.
Kürzlich hat ein französischer Arzt, Dr. Plouviez, eine sinnreiche Me-
thode erfunden, um den Scheintod vom wirklichen Tode zu unterscheiden.
Er sticht nämlich eine lange, feine, spitzige Nadel bis ins Herz, und er-
kennt dann an der vorhandenen oder mangelnden Oscillation derselben, ob
das Herz noch schlägt, oder nicht. Wenn man diese Prozedur bei allen
wirklich oder scheinbar Abgestorbenen anwendet , so kann man allerdings
versichert sein, Niemanden lebendig zu begraben.
576 vni- Buch- Aphorism 18.
sehen) Veränderungen ganz in derselben Weise, wie die Ver-
wesung im Tode, in der verminderten oder beschränkten Herr-
schaft der Lebenskraft über die Materie ihren einzig wahren
Grund haben, mithin nur als ein Produkt der dynamischen
Krankheit angesehen werden darf;
3) Dass endlich die Arzneimittel, die auf den lebenden
Organismus Wirkung thun, ebenfalls nur vermöge einer ihnen
inwohnenden dynamischen Kraft dazu befähigt werden, welche
mit ihren sonstigen, rein materiellen Eigenschaften, wie sie uns
die Physik und die Chemie kennen lehren, durchaus nicht ver-
wechselt oder identifizirt werden darf.
Es kann hier der Ort nicht sein, in eine nähere Erörterung
über diese drei, wie uns scheint, äusserst wichtigen und, wenn
sie wahr sind, folgereichen Schlüsse einzugehen. Wir begnügen
uns daher mit der blossen Aufstellung derselben, und empfehlen
ihre weitere wissenschaftliche ß e g r ü n d u n g oder Widerlegung
denjenigen unbefangenen und vorurtheilsfreien Forschern, welche
dazu die erforderliche Befähigung besitzen.31)
Zum Schlüsse dieser Glossen möge es uns noch erlaubt
sein. Einiges aus den Schlusssätzen des gelehrten Prof. Dr. Hecker
(die Heilkunst auf ihren Wegen zur Gewissheit S. 266 ff.) hier
anzuhängen, welches, aus einer Schrift unseres ersten Gegners
entnommen, von Niemandem als Parteilichkeit gedeutet werden
kann: —
1) „Der höchste Standpunkt, den die Heilkunde neh-
men kann, ist und bleibt auf ewig die Erfahrung.
Wer nach der Unsitte unserer Tage, mit Spott und Verach-
tung auf eine Heilkunde herabsieht, die sich auf Erfahrung
stützt; wer uns seine einseitigen, sinnlichen oder übersinn-
31) Was durch Beobachtung und Experiment erlangt ist, führt, auf
Analogien und Induktion gegründet , zur Erkeuntniss empirischer Gesetze.
Humboldt. Kosmos I, S. 67.
VHI. Buch. Aphorism 18. 577
liehen Vorstellungsarleu, als die einzig Richtigen aufdringt;
— wer die Autorität dieses oder jenes Systems als ein
Idol aufstellt, dem die ganze ärztliche Welt ausschliesslich hul-
digen soll; wer die Kunst nach den Vernunftbegriffen einer
alten oder neuen Schule ausgeübt haben will: — Der kennt
unser wahres Bedürlniss nicht; er reisst nieder, ohne wieder
aufzubauen; er entrückt den Arzt aus dem Wirkungs-
kreise, in welchem er als Künstler wirken soll; er raubt ihm
eine Hauptquelle seiner Kenntnisse und seiner Bildung:
er steht auf dem höchsten Standpunkte der Unvernunft."32)
2) „Die Heilkunde steht noch nicht auf der Stufe, wird sie
vielleicht niemals erreichen , dass sie sich aller Unvollkommen-
heilen einer empirischen Wissenschaft entledigen und auf
ein einfaches, allgemein gültiges, wissenschaftliches
Prinzip zurückgebracht werden könnte. Das liegt in ihrer
Natur, und darüber zu klagen und bei aller Gelegenheit den
32) In No. 36 der Preuss. Mediz. -Zeitung vorn Jahre 1862, S. 282 ff.
lesen wir in einem Artikel über „Entzündung und antiphlogistische Be-
handlung" von dem Ober-Stabs-Arzte Dr. Strunz folgende beherzigungs-
werthen Worte: — „Leider sind die Fortschritte, deren sich die medizi-
nische Wissenschaft in unsern Tagen namentlich in der Erkennung der
Krankheiten rühmt, für die therapeutischen Zwecke ohne Nutzen geblieben,
und der praktische Arzt, dessen eigentlicher Beruf es doch ist, kranke
Menschen gesund zu machen, sucht vergebens in den neuesten Lehrbüchern
mit den vielversprechenden Titeln nach neuen Hülfsmitteln, welche seinem
Heilgeschäfte förderlich sein können. Kann man es da dem Publikum ver-
denken, wenn es bei der Unsicherheit und Hülfslosigkeit , die überall dem
ärztlichen Handeln begegnen, sich Quacksalbern und Marktschreiern zu-
wendet, und von Apfel- Wein und Malz-Extrakt Heilung seiner Leiden er-
wartet, gegen welche ärztliche Hülfe Jahre lang vergebens in Anspruch
genommen worden war! Wer will den Arzt tadeln, der nach langem Irren
auf dunkelem Pfade die rettende Hand ergreift, welche ihn aus dem Laby-
rinthe der Zweifel und Widersprüche auf den richtigen Weg sicher zu füh-
ren verheisst?" — — Ehre dem Manne, der solche freimüthige Worte
spricht; aber nicht minder Ehre unserer obersten Behörde, welche Solchen
in ihrem amtlichen Organe eine Stelle vergönnt und dadurch eine höhere
Bedeutung verleiht!
37
578 VIIL Buch- Aphorism 18.
wahren Werlh der Kunst herabzusetzen, wäre eben so unver-
ständig, als die Mathematik zu verachten , weil sie keinen vier-
eckigen Zirkel hat!" — — (Wir glauben bekanntlich dieses
Prinzip gefunden zu haben.)
3) „Der Mangel eines einfachen, allgemein gültigen
Prinzips in der Heilkunde, darf aber nicht zu jener Vielsei-
tigkeit verführen, die jetzt bei einer gewissen Partei überhand
nimmt und die uns bald nachtheiliger werden könnte, als die
beschränkteste Einseitigkeit. 33)
33) Die Geschichte der Arzneikunde ist reich an hervorragenden Män-
nern, aber vielleicht noch reicher an merkwürdigen Schicksalen derselben.
Galenus musste vor seinen aufsätzigen Collegen aus Eom flüchten, galt
aber bald nachher und über 14 Jahrhunderte lang als die höchste Autorität
in der Medizin; Paracelsus verbrannte öffentlich des Vorigen Werke,
wurde 1541 in Salzburg von seinen Gegnern ermordet, und heute sammelt
man Goldkörner aus seinen damals verhöhnten Schriften; Boerhave ver-
dunkelte im Anfange des vorigen Jahrhunderts sämmtliche Aerzte, sein
Name wurde in allen Welttheilen gefeiert, und gegenwärtig zuckt jeder
junge Arzt über ihn mitleidig die Achseln. Will man aber heute von be-
rühmten Heilkünstlern unserer Zeit reden: so darf man den Drechsler
Baumscheidt zu Endenich bei Bonn, und den Schuster Lampe zu Gos-
lar unweit Göttingen nicht vergessen. Und doch verlieren diese und ähn-
liche Notabilitäten ihren Glanz gegenüber dem ehemaligen Metzger Priess-
nitz zu Gräfenberg und dem Bierbrauer Hoff in Berlin, indem diese bei-
den Sterne erster Grösse am medizinischen Firmamente bloss durch Wasser
oder Bier bewirken, was die, auf dem Gipfel der Wissenschaft stehenden
akademischen Professoren nicht zu erreichen vermögen, und haben deshalb
bereits an vielen Orten eine zahlreiche Nachfolgerschaft herangezogen. Zu
diesen, uns Aerzte allerdings etwas demülhigenden Thatsaehen der aller-
neuesten Zeit hat keine Epoche der Geschichte etwas Aehnliches aufzu-
weisen. Sie charakterisiren deutlicher, als alles Andere, den wahren heu-
tigen Standpunkt der Arzneikunde, und liefern dabei den unwiderleglichen
Beweis, dass der neuerdings eingeschlagene Weg zur Vervollkommnung
der Wissenschaft keineswegs zum Ziele führen kann. Daraus folgt dann
weiter von selbst, dass es im wohlverstandenen Interesse, sowohl der Aerzte,
als der leidenden Menschheit liegt, weiter zu forschen und Besseres auf-
zusuchen, als Dasjenige, was dermalen von den Kathedern herab gelehrt
wird, und dass zu diesem Zwecke die Wissenschaft von jeder hindernden
Fessel befreit bleiben muss, die sie unlösbar mit dem Bisherigen verknüpft.
Ob und in wie fern die, auf ein unwandelbares Naturgesetz begründete
F'ortschritts-Lehre Hahnemanus dazu beitragen wird, Das muss und
VIII. Buch. Aphorism 18. 579
4) „Immer unterhalte man in der Heilkunde einen ver-
nünftigen Skepticismus; — also nicht jene Zvveifelsucht,
die aus Einseitigkeit, aus vorgefassten Meinungen, aus
Anhänglichkeit an ein liehgewonnenes System, aus unbieg-
samem Stolz auf den Alleinbesitz von Wahrheit, hervor-
geht; sondern jenes, weit schwerer zu erwerbende, bescheidene
Misstrauen in den Werth unserer Einsichten."34)
5) „Der Wahn errungener Vollk ommenheit war von
jeher die Pest der Heilkunde. Wir dürfen uns nie verhehlen,
dass wir unendlich viele Dinge nicht wissen! — ■ Wir haben
noch keine Physiologie! Wir wissen nicht, was Krank-
wird unfehlbar die Zeit lehren, sobald sie sich vollständig entwickelt hat
und überall selbstständig ins Leben getreten ist.
34) In den letzten Jahren ist der rein wissenschaftliche Kampf gegen
die Homöopathie grösstenteils aufgegeben und an dessen Statt ein Anderer
getreten, der gegen die junge Kunst und gegen deren Ausbildung fremde
und theilweise nicht eben allzu ehrenhafte Freischärler zu Hülfe gerufen
hat. Wir finden darüber die Erklärung in der „Reponse ä l'Aead. roy. de
Med. par le Dr. Varlez 1850" gegen den Prof. Lombard zu Lüttich, S. 3,
wo Einer der Kollegen des Letzteren fragt:
„Pourquoi M. Lombard est il donc aujourdhui,
D'uue aussi noble cause un aussi faible appui?"
Varlez entgegnet darauf: „Pourquoi? Messieurs, je vais vous le dire; c'est
parceque la science dont il s'est constitue le champion ne possede aucun
principe fondamental ; c'est parceque ses maximes sont dispersees sans
coordination possible; qu'elles errent dans l'espace empreintes du douto qui
effraie la raison et desespere la foi; c'est enfin parceque l'arsenal allopa-
thique ne renferme pas d'armes assez bien trempees pour faire une breche
au coeur de notre doctrine, si hien rlefendue par la verite et l'immuabilite
de ses principes."
„Nach psychologischen Gesetzen" - sagt ein tiefdenkender Staatsmann
unserer Zeit — „so wie nach den seitherigen politischen Erfahrungen, muss
erst die Periode der Rekriminationen ablaufen, und erst wenn dieser Sturm
ausgetobt hat, wird das Stadium solcher Verhandlungen anbrechen, in wel-
chem von Verständigung die Rede sein kann.'' — Dies gilt auch für das
Gebiet der Wissenschaft nicht minder, als für Das der Staatswirthschaft.
In unserer Angelegenheit scheint sich der, nun bereits ein halbes Jahrhun-
dert dauernde Kampf kaum erst seinem Ende zu nahen, und die gegen-
seitigen Verständigungen liegen noch in ferner Aussicht.
37*
580 V1IL Buch- Aphorism 18.
heit ist, nicht wie die Heilmittel wirken, nicht wie die
Krankheiten geheilt werden ! — Wollen wir von dem Allen
künftig mehr, als die bisherige mangelhafte historische Ansicht
gewährt, erfahren: so müssen wir alle die Wege verlas-
sen, die man gegenwärtig zur angeblichen Vervoll-
kommnung der Heilkunde bahnt. Mit neuen Worten
und Phrasen, mit übersinnlichen Vernunftbegriffen,
mit chemischen und dynamischen Hypothesen, mit Dia-
lektik und Disputirkunst, mit Rednerkünsten und —
Schimpfworten hat man seit zweitausend Jahren so viele
unglückliche Versuche gemacht, dass sich die Neuesten, Wieder-
holten schon mit ihrem Anfange als misslingend ankündigen
mussten. Entweder der Weg allein, den Hippokrates, Syden-
ham, Fr. Hoffmann (und Hahnemann) gingen, führt in der Heil-
kunst zur Vollkommenheit und Gewissheit; — oder wir müssen
auf ewig auf einen Weg zu diesem grossen Ziele Verzicht
leisten ! "
„Vor Allem hüte man sich, die Mängel und Lücken
unseres Wissens mit neuer Terminologie auszufüllen! Wozu
neue Worte, wo es an neuen Begriffen fehlt? Sie täuschen
den Unkundigen, erschweren das Erlernen der Wissen-
schaften und halten ihre Fortschritte auf. Die Sprach-
verwirrung in der Heilkunde ist auf das Höchste gestie-
gen; die Zeit, die der angehende Arzt dem Erlernen dersel-
ben widmet, muss er grossentheils auf die Zauberformeln
der verschiedenen Theorien und Systeme wenden, und wir
sind wirklich dahin gekommen, dass nicht zwei Aerzte über
einen Gegenstand ihres Wissens sprechen können, ohne sich erst
über Worte und Begriffe zu verständigen. Das ist die grosse
Quelle endloser Streitigkeiten in der literarischen Welt, die den
Wissenschaften ihren Untergang bereiten. 35)
35) Une des plaies de notre science est sans eontredit la coufusion
VIII. Buch. Aphorism 18. 581
6) „Wir streiten über die Vorzuge der chemischen und
dynamischen Ansicht des lebenden Organismus. Man
vergesse nicht, dass beide Ansichten nichts Mehr und nichts
Weniger sind, als eine Not hhülfe unseres Verstandes, un-
serer mangelhaften Kenntnisse des Lebens. So lange diese
Kenntnisse mangelhaft sind, so lange wir nur Erscheinungen
wahrnehmen, über ihren letzten Grund aber nur speku-
liren können, bleibt jede Theorie, sie heisse chemisch oder
dynamisch, ein Spiel der Phantasie, ein Luftgebäude der
Spekulation, das jeder neu auftretende spekulative Kopf ver-
ändert oder umstürzt, und das der Strom der Zeit verschlingt,
wie er schon eine lange Reihe von medizinischen Theorien und
Systemen verschlungen hat. Den Gesetzen des organi-
schen Lebens nachzuforchen: Dahin muss das ganze
Bestreben unserer Aerzte, mit vereinigter Kraft, ge-
richtet sein!"
In konsequenter Weise knüpfen wir hieran die gewichtigen
und sehr beherzigungswerlhen Worte Hufeland's, welche er am
Ende seiner ruhmvollen Laufbahn (1831 in s. Br. ,,die Homöo-
pathie", S. 5 und 6) ausspricht: „Die Medizin ist eine Erfah-
rungswissenschaft, die Praxis ein fortdauerndes Expe-
riment mit der Menschheit angestellt. Und das Expe-
riment ist noch nicht geschlossen. Haben wir es den
Brouwnianern erlaubt und erlauben es noch den Contra-
stimulisten, das Opium und andere heroische Mittel in un-
geheuer grossen Gaben anzuwenden, — warum sollen die
Homöopathen nicht die Eiiaubniss haben, sie in ungeheuer
kleinen Dosen anzuwenden?"36)
qui regne dans le langage medical et, par suite, le defaut d'accord sur la
valeur qu'il convient d'attribuer aux termes en usage.
Prof. Dr. Forget.
36) Sie (die Homöopathie) musste in jedem Falle gründlicher wider-
legt und schneller gestürzt, oder gründlicher gewürdigt und verbreitet
werden. Wolfg. Menzel, Lit. Bl. May. 1830.
gg2 VIII. Buch. Aphorism 18.
„Freiheit des Denkens, Freiheit der Wissenschaft
— Das ist unser höchstes Palladium, und muss es bleiben,
wenn wir weiter kommen sollen. Keine Art von Despotie,
keineAlleinberr schaft, kein Druck des Glaubenszwangs!
— Selbst die Regierung darf in wissenschaftliche Gegen-
stände nicht eingreifen, weder hemmend, noch eine
Meinung ausschliesslich begünstigend; denn Beides hat,
wie die Erfahrung lehrt, der Wahrheit Schaden gelhan." 3r)
„Die Wissenschaft ist frei", — sagt Derselbe weiter
S. 40 — „und kein Staat hat das Recht, in das Reich des
Wissens und des Geistes einzugreifen.38) Die Homöopathie
37) Im Jahre 1566 wurde durch Parlamentsbeschluss. veranlasst durch
die (galenische) med. Fakultät in Paris, sämmtlichen Aerzten hei schwerer
Strafe jede Anwendung des Antimons verhoten. Ehen so musste sich
seit 1580 in Heidelberg jeder Arzt hei der Promotion verpflichten, niemals
Antimon zu verschreiben. Diese Verbote wurden in Paris erst 1650,
und in Heidelberg 16f)5 wieder aufgehoben.
Wo die Erfahrung uns die Heilkraft homöopathisch wirkender Arz-
neien kennen gelehrt hatte, deren Wirkungsart man sich nicht erklären
konnte, da half man sich damit, sie für specifisch zu erklären, und mit
diesem eigentlich nichts sagenden Worte ward das Nachdenken darüber
eingeschläfert. Man hat aber längst schon die homogenen Reizmittel, die
spezifischen (homöopathischen), als höchst schädliche Einflüsse verboten.
Rau, hom. Heilverf. S. 101.
38) Das von den Homöopathen beanspruchte Recht des Selbstbe-
reitens und Selb stdispensirens der von ihnen Selbst erfundenen,
an sich Selbst geprüften und auf ihre eigen thümliche, von der bis-
herigen ganz abweichende Weise zubereiteten Arzneien muss Jedem
als eine logische Folge dieses Axioms erscheinen, und ist um so Weniger
zu bestreiten, als bisher, so viel bekannt, in der ganzen Welt keine ein-
zige gesetzliche Lan-des-Pharmakopöe dafür die maassgebenden
Vorschriften enthält, mithin auch kein einziger Apotheker darauf gesetz-
lich verpflichtet werden kann. Dahingegen steht es ganz anders mit
der bürgerlichen Pflicht des Arztes, sowohl des Homöopathen, als des
Allopathen, und wenn Jener, wie Dieser, die vollständigste Sicherheit hat,
dass seine Vorschriften treu und gewissenhaft ausgeführt werden: so kann
ihm darüber weder ein gesetzlicher, noch ein moralischer Zwang aufgelegt
werden. Recht und Pflicht sind so wesentlich von einander unterschie-
den, dass dabei schwerlich jemals eine Verwechselung Statt finden kann,
VIII. Bach. Aphorism 18. 583
als Wissenschaft, und selbst als Lehre darf also keine
Beschränkung erleiden; das Wahre oder Falsche in der-
selben niuss lediglich der wissenschaftlichen Diskussion,
der Erfahrung und der Zeit überlassen bleiben, welche ja
schon über so viele Erscheinungen der Art richtig und gerecht
entschieden hat und auch hier entscheiden wird".39)
indem Jenes zum Schutze eines unbestrittenen Eigenthums dient,
während Diese hingegen eine Verpflichtung auflegt, die oft an-
not big, stets aber für den Arzt belästigend ist, mithin seiner Mora-
lität und seinem Ermessen anheim gestellt werden darf.
39) L'histoire du passe nöus trace fort nettement notre regle de con-
duite. Pour propager l'heresie medicale du I9me siecle, nous devons nous
adresser ä l'opinion publique qui est le grand roi de notre epoque.
Dr. Gallavardin, exper. p. 6.
Wenn die genialen Maler der Düsseldorfer Schule ihre Meisterstücke
wie „die trauernden Juden", den „Burghof, ,,Hagar in der Wüste" u. A.,
mit selbstbereiteten und nicht mit käuflichen Fabrik-Farben
gemalt hätten, wie Solches Eubens und viele seiner Zeitgenossen gethan:
so würden Jene nicht in dem Maasse verblichen sein , wie wir es seit der
kurzen Zeit ihres Bestehens beklagen, sondern das frische, lebendige Kolo-
rit behalten haben, welches wir noch heute an den 250 Jahre alten Ge-
mälden der letztgenannten Meister bewundern. Aber Jene können sich
weder durch Zwang, noch durch fremde Privilegien darüber entschuldigen.
Inhalt.
Anm. Die fette Zahl zeigt das Buch, die Magere den Aphorism,
der Buchstabe V. das Vorwort an.
Aph. Glos.
Abführen, s. Ausleerung, Erbrechen, Durchfall.
— im Allgemeinen schädlich — 1,22
— Anzeigen zum 4,20 —
— für Gesunde schädlich 2,36 —
— für Gesunde schwierig 2,37 —
— bei hitzigen Krankheiten zu vermeiden . . 1,24 —
— schlimmer als Hartleibigkeit — 1,22
— bis zur Ohnmacht 1,23 —
— der Schwangeren 4,1 —
5,29 —
— gegen Schweisse 7,61 —
— bei zögerndem Stuhle — 5,34
— nach Unten, wo solches dienlich .... 7,67 —
— worauf Schluchzen folgt 7,41 —
Abführmittel d. Allopathen wirken homöopath. — 7,67
— bei Durchfällen 7,67 7,67
— im Frühjahre zu geben 6,47 —
— oft sehr gefährlich — 1,23
— 6,2
— heilen Durchfall — 6,3
— der Homöopathen nicht gefährlich .... — 4,1
• — ■ von den Homöopathen verworfen .... — 1,22
— warum von den Homöopathen verworfen . . — 4,2
— für Schwangere gefährlich ■ — 4,1
— tödtlich, wenn Konvulsionen folgen . . . 7,25 —
Abzuführende Stoffe flüssig zu machen . . 7,70 —
— — müssen freiwillig entleert werden . . . 4,2 —
Abgang von Fleischstückchen in d. Kuhr tödtlich 4,26 —
— verdorbener, ist ein Produkt der Krankheit . — 1,22
Inhalt, 585
Aph. Glos.
Das Abgelebte siegt nicht über das Jugendliebe — 2,13
Abhärtungen des Körpers — s 5,25
Abmagerung des Körpers 2,7 —
Abiturienten — V.
Abneigung gegen einzelne Nahrungsmittel . . — 1,17
— - — 2,38
Abschwächende Mittel zu widerrathen ... — 1,3
Absonderungen und ihre Mittel — 4,47
Das Abstossungs- und Auziehungs-Gesetz . . — 7,52
Das Ab s u r de st e schon von Philosophen behauptet — 7,24
Abwarten der Arzneiwirkung sehr verschieden — 1,20
Abzehrung nach Blutspeien 7,78 —
— bleibende, der Rekonvaleszenten böse . . . 2,31 —
— schnelle, ist böse 2,28 —
— und Durchfall — 7,16
Acarus scabiei, Tödtung desselben .... — 7,38
Acrothymium des Celsus vielleicht Feigwarze — 3,21
Aderflusses, des goldenen, Heilung . . . . — 6,12
— — th eilweise Unterdrückung — 6,12
Aderlass im Allgemeinen 1,2 —
. — 2,40
— gegen Augenschmerzen ....... 7,46 —
— ■ zu bestrafen . — 2,42
— entleert auch das gesunde Blut — 4,2
— macht einige Epilepsien unheilbar .... — 7,42
— bringt Fehlgeburt bei Schwangeren . . . 5,31 —
— nur im Frühjahre vorzunehmen 6,47
7,50 —
■ — oft sehr gefährlich . — 1,23
— wo besonders gefährlich — 2,42
— gegen Harnzwang 6;36 —
7,48 —
— gegen Kopfweh 5,68 5,68
— Meinungs-Zwiespalt darüber — 7,16
— Missbrauch desselben — 5,9
— bis zur Ohnmacht — 1,23
— bei Pneumonien — 7,11
— wo nicht rathsam — 5,8
— gegen Rückenverletzung . 6,22 —
— bei Schlagfluss . — 2,42
— — öfterer schädlich, als nützlich .... — 6,51
Statistik in Frankreich — 5,8
— vor dessen Uebermaass schon in den ältesten
Zeiten gewarnt — 7, 1 6
— Ursprung desselben — 1,23
536 Inhalt-
Aph. Glos.
Aderlass bei Verletzungen überhaupt ... — 6,22
— befördert die Vollblütigkeit — 5,68
— Wahl der Adern dabei — 5,68
— Zwiespalt darüber bei den Alten .... — 5,8
— 7,16
— Männeben . — 1,2
Aecidium Berberidis und Uredo linearis ... — 8,18
Aebn lieh und Gleich sind wesentlich verschieden — 2,46
Nur Aehnliches kann Aehnliches heilen . . — 6,17
Aengstlichkeit durch Wein zu heben . . . 7,56 —
A eu ss er e Arzneien v. der Homöopathie verworfen — 5,22
— Uebel nur durch innere Mittel zu heilen . . — 5,67
After-Blutungen heilen Melancholie . . . 6,11 —
— — beilen Nierenbeschwerden 6, 1 1 —
— — heilen Wahnsinn 6,21 —
— — dürfen nicht ganz unterdrückt werden . 6,12 —
Knoten zu brennen — 6,12
Akute Krankheiten im Allgemeinen .... — 2,28
— — verlangen die kleinsten Gaben .... — 2,51
— und chronische Krankheiten — 2,7
— 2,8
— 2,12
Albuminurie — 4,81
Die Alcaloi'den — 6,54
Der Alkoran der Gelehrten — V.
Alte Personen erkranken seltener, als Junge . 2,39 —
— — , Krankheiten derselben 3,31 —
Alter u. Jugend haben oft verschiedene Ansichten — 7,17
— der Jetzt- und der Vor-Zeit — 5,9
Im Alter Diirchfall, in der Jugend Hartleibigkeit 2,20 —
— weniger Energie der Lebenskraft .... — 6,6
— Hartleibigkeit, in der Jugend Durchfall . . 2,20 —
Alters-Perioden der Alten — 1,13
— — des Pythagoras — 1,13
Amputationen durch Chloroform begünstigt — 7,20
— von Gliedern — 8,6
— — eine Kunst, Heilung eine Wissenschaft . — 8,6
— — meistens nutzlos — 7,20
Anacahuita-Prüfungen — 7,16
— wird bald vergessen sein — 7,16
Die Anamnese für die Mittelwahl wichtig . . — 7,12
— für chronische Krankheiten — 5,55
Anamnestische Zeichen — 2,5
Anatomie, die pathologische, ist unsicher . . — 5,46
Anatomische Pathologie, Nutzen derselben — 1,15
Inhalt.
Anfüll ung heilt Ausleerung
Angemessene Krankheiten sind w eniger gef ähriieh
Angina diphtheritica
— gangraenosa
— membranacea
— — soll ansteckend sein
Angriffe auf die Homöopathie
Ansteckungen im Allgemeinen
— von Masern
Anstrengung verursacht Ermüdung u. Schmerzen
Anstrengungs-Schmerzen weichen nicht d. Ruhe
Für Antidote gilt auch das Similia Similibus .
Antidote gegen Veratrum album
— universelle, kann es nicht gehen . . . .
— ihre Wirkungsart
Antipathische Mittel verlängern die Krankheit
Antiphlogistisches Verf. hei Alten bedenklich
Anwendung der Arzneikunst
Anzeigen aus dem blossen Liegen
— vom Nützlichen und Schädlichen
Anzeigende (kritische) Tage . .
— Zeichen, allgemeine und besondere
— — , ohne die Mittel nutzen Nichts
Apotheker, Notwendigkeit derselben
— Entbehrlichkeit derselben ....
Appetitlosigkeit, langwierige, ist böse
Appetitreizende Mittel zu vermeiden
Arbeiten bei Hungern unzulässig .
Aristotelische Dreiheit
Arrak, die ersten Spuren davon
Arterien, Verletzung der grossen, ist tödtlich
Arznei im Allgemeinen ....
— gegen äussere Uebel
— äusserliche, gegen äussere Beschwerden
— — sämmtlich unnütz ....
— — verdunkeln die Zeichen
— allopathische
— ihre wahre Analyse
— Begriffe derselben
— die Eine stört die Andere
— — vernichtet die Andere . . .
— einfache, die vorzüglichste
— mit einem Feuerfunken verglichen
— heftige gegen heftige Krankheiten
587
Aph.
Glos.
2,22
—
2,34
—
—
6,37
—
6,37
—
6,37
—
6,37
—
4,17
—
5,1
—
6,20
—
2,48
—
2,48
—
5,1
—
5,1
—
5,1
—
5,1
—
2.24
—
2,40
1,1
—
—
7,3
—
2,17
2,24
—
—
7,66
—
2,19
—
1,1
—
1,1
7,6
—
—
1,1
2,16
—
—
1,20
—
7,7
_
6,18
—
1,1
—
6,20
—
6,20
—
6,20
—
6,20
—
1,1
—
V.
—
1,4
—
1,4
—
2,37
—
2,14
—
7,70
—
2,37
1,6 —
588
Inhalt.
Aph.
Arznei heilt nur innerhalb ihres Wirkungskreises —
— heilt nicht unmittelbar —
— hippokratische —
— homöopathische . —
— kann niemals indifferent sein —
— für tonische und klonische Krämpfe ... — -
— bei und nach den Krisen zu vermeiden . . 1,20
— kunstgerecht angefertigt —
— wirkt zunächst auf die Lebenskraft ... —
— verdirbt den Magen —
— ist kein Nahrungsmittel —
— ist stets eine an sich schädliche Substanz . . —
— oft schädlicher, als die Krankheit .... —
— ein unbedingt schädlicher Stoff —
— alle zwei oder drei Stunden zu nehmen . . —
— tödtet den verordnenden Arzt —
— was diese nicht heilt, das heilt das Messer . 8,6
— für die Verdauung —
— widerwärtige —
— von gleicher "Wirkung mit einer Andern giebt
es nicht —
— darf in ihrer Wirkung nicht gestört werden . —
— zusammengemischte —
Ankündigungen in den Zeitungen . . —
Bereitung Hahnemanns, die älteste ... —
Bücher für das Volk —
Debit ausserhalb der Apotheken .... —
Dispensirung —
Entdeckungen von den Wilden ... —
Graben, heftige —
— — herauf- oder herabsteigende —
— — hinreichende —
— — die höchsten —
— — homöopathische, —
— — kleine wirken anders, als grosse ... —
— — um so kleiner, je akuter die Krankheit . —
— — um so kleiner, je schwächer der Kranke —
— — die kleinsten haben oft grosse Wirkungen —
— — , Unterschied zwischen allopath. u. homöop. —
— — übergrosse, deren Ursache . — ■
— — Vortiieil der Kleinen —
Gebrauch, täglicher, ist gefährlich ... —
Glos.
5^70
2,52
1,6
1,1
2,37
7,13
2,12
1,20
2,12
1,4
4,69
2,37
1,1
2,12
1,6
2,37
1,20
4,69
1,5
2,38
6,5
1,20
2,12
3,30
2,13
3,30
3,30
1,1
2,25
1,3
2,13
2,51
2,51
1,3
2,27
2,51
6,39
6,20
1,6
6,20
1,3
1,5
Inhalt. 589
Aph. Glos.
Ar zn ei -Gebr au ch, tägl., ist unbedingt schädlich — 1,20
Gemische — 2,14
• • - 1,1
— — bereits im Alterthume gerügt . . . . — 2,32
— — das älteste — 2,14
— — deren Bestandtheile verfehlen ihren Zweck — 7,70
— — gleichen unbekannten Hexentränken . . — 7,70
— — gleichen einem Schusse mit Kartätschen . — 7,70
Kenntniss ist die Hauptsache beim Heilen — 1,1
— 2,19
— — unentbehrlich — 2,52
von Thieren gelernt — 6,47
Kraft ist dynamisch — 1,20
— — zeigt die Anwendung derselben an . . — 4,30
Krankheit aus fehlerhafter Diät .... — 1,5
— — als Nachkrankheit — 2,12
Kunst überhaupt 1,1 —
— — Rückschritte darin — 5,8
• • • — 1'12
— — mit der Wahrsagekunst zu vergleichen . — 1,24
— — , was sie ist und nicht ist — 1,6
Prüfungen am Gesunden — V.
— — der arabischen Aerzte — V.
— — dem Galenus zugeschrieben — 1,1
Verfälschung — 1,1
Verkauf — 3,30
Verstärkung — 1,6
Wahl der Allopathen und Homöopathen . — 1,1
Wechsel — 1,20
- 1,1
— — Anzeigen dazu — 2,52
— — vorher wohl zu überlegen — 2,52
Wiederholung im Allgemeinen .... — 1,20
— — , wo? und wo nicht? — 7,12
Wirkung im Allgemeinen ...... — 2,37
— — abzuwarten — 1,20
• • • - 7'12
— — durch Reiben und Schütteln erweitert . . — 7,12
— — , Werth jeder speziellen — 6,54
— — , verschiedene, auf Thiere — 1,1
Arzneiliche Hülfe nicht atifzuschieben ... — 4,43
Arzneiliches jeder Art zu vermeiden ... — 2,50
Der Arzt wirkt bloss im Lebenden .... — V.
— ist der Befehlshaber des Kranken .... — 1,1
— oft schlimmer als die Krankheit .... — 1,1
593 Inhalt.
Aph. Glos.
Der Arzt, der kranke, sucht für sich bei An-
dern Hülfe — 1,6
— darf Lügen . — 2,37
Des Arztes eigentlicher Beruf — 2,35
— erstes Erforderniss zum Heilen — 6,r>4
Des Asclepiades allgemeine Kuren .... — 3,30
Asphalt gegen Knochen brüche — 7,20
Athem, seufzender, ein böses Zeichen .... 6,54 — ■
Atembeschwerden im Fieber böse . . . 4,68 —
— — zeigen Krampf an . . . 4,68 —
Aufblähung des itindviehs — 5,4U
Aufklärung zögernd von jeher bei d. Arzneikunst — 7,65
Die Aufeinanderfolge der erbroch. Stoffe wichtig — 6,15
— sehr nahe verwandter Mittel — 7,1 2
Aufschrecken im Schlafe bei Fiebern böse . 4,67 —
Aufstossen, künstlich erregtes — 6,1
— saures bei Durchfall gut 6,1 —
— ■ — fehlt beim hom. Haupt- Antiphlogistikum . — 6,33
— — schützt vor Seitenstich 6,33 —
Augen-Entzündung u. deren Mittel verschieden 6,31 —
— halboffene, im Schlafe böse 6,52 —
— — oft unerheblich — 6,52
— — bei Durchfall ungefährlich 6,52 —
Röthe nach Erbrechen böse 7,3 —
Schmerzen zu behandeln 7,46 —
Auskultation, Nutzen derselben — 7,8
Ausleerungen im Allgemeinen 1,21 —
— im Anfange der Krankheit 1,*22 —
2,29 —
4,10 —
— anormale — 2,14
— Anzeigen dafür 1,2 —
— aufhörend bei eintretendem Durste .... 4,19 —
— flüssige, bei Schwächlingen — 6,2
— gallichte 2,15 —
— gefährliche 1,3 —
— des Gekochten . < 1,22 —
— in der Höhe der Krankheit zu vermeiden . 2,29 —
— von der Homöopathie verworfen — 1,22
— alle nachtheilige zu verhindern 4,2 —
— bei reichlicher Nahrung schnell erfolgend . . 2,18 —
— bis zur Ohnmacht 1,23 —
— prophylaktische — 2,37
— verursachen Schwäche — 1,2
— bei Schwäche mit Appetitverlust 2 8 —
Inhalt. 591
Aph. Glos.
Ausleerungen nach dem Sitze der Schmerzen 4,18 —
— heilen Ueberfülluug 2,22 —
— u. Ueberfüllungen bringen gleiche Beschwerden 6,39 —
— Uebermaass darin — 1,23
— des Ungekochten (Hohen) 1,22 —
— nur des Verdorbenen ist erspriesslich ... 4,3 —
— von verschiedener Beschaffenheit 1,23 —
— mit Vorsicht vorzunehmen 1,-5 —
Ausnahmen von der Kegel — 3,5
Ausreden der Aerzte — 2,19
Ausruhen hilft gegen Anstrengung .... 2,48 —
Aussetzen der Arznei bei chronischen Uebeln . — 1,20
Aussonderungen für die Prognose wichtig . 7,79 —
— für die Therapie wichtig — 7,79
Auswahl, zu strenge, der Genüsse nicht rathsam — 2,50
Auswurf nach Geschmack u.Geruch zu beurtheilen — 5,11
— stinkender nicht absolut tödtlich . . . . — 5,11
— — beim Verbrennen tödtlich 5,11 —
— — — giebt eine unsichere Prognose ... — 5,11
Auszehrung von stockenden Afterblutungen . 6,12 —
Badekuren im Allgemeinen — 6,47
und Brunnen-Kuren — 2,37
— Bild einer Dreijährigen — 2,37
— unsicher — 6,47
Bäder, kalte — 5,25
— 1,1G
Bairisches Bier — 2,21
Ballspiel, eine nützliche Bewegung .... — 2,50
Banknoten und Talente unwürdig verwendet . — 7,61
Barbarismus einiger Aerzte — 8,ü
Im Bauche erzeugt Bluterguss Eiter .... 6,20 —
Bauchflüsse bessern, wenn sie sich verändern 2,14 —
Bauchschmerzen im Ober- und Unterbauche . 6,7 —
Baumscheidt in Endenich — 8,18
Begleitende Beschwerden von gröster Wichtigkeit — 3,5
Beinbrüche, Mittel der Alten dagegen ... — 7,20
Belladonna und brauner Kohl — 6,54
Beobachtung fühlt zur Erkenntniss .... — 8,18
Beruf, der oberste, des Arztes — 5,39
Berufen, oder Beschreien — 1,3
Besinnung, völlige, ein gutes Zeichen . . . 2,33 —
Besserung, einer unverhofften, nicht zu trauen 2,27 —
Besserungs-Ursachen wohl zu beachten . . — 3,5
Betäubung hebt die Schmerzen 5,25 —
— kann keine Schmerzen heilen — 5,25
592 Inhalt.
Aph. Glos.
Bei Betrunkenen ist Verlust der Sprache böse 5,5 —
— nützt rother Kohl — 5,5
Das Bett ein Krankheitsnest — 2,3
Beurtheilung schwierig 1,1 —
Billard-Kugeln — 8,20
Blähungsbeschwerden fehlen bei der Gelbsucht 5,72 —
Blase, m der, Geschwüre 4,75 —
— Schmerzen — 4,81
Blasenleiden, Zeichen dafür 7,39 —
Blasen-Stein 4,79 —
— homöopathische Heilung desselben . . . . — 4,79
Blasen-Uebel bei Alten schwer zu heilen . . 6,6 —
Blasen-Verschwärung 4,8! —
Blattern, Kuhpocken und Mauke dasselbe . . — 6,20
B lau wer den d. Fleisches bei Knochengeschwüren 7,2 —
Bleiche Farben zu erzielen — 5,42
Bleichwassersucht vom Durchfall gehoben . 7,29 —
Blendwerk, gelehrtes — 6,58
Blindgeborene werden nicht kahlköpfig . — 6,34
Die Blüthe der Medizin — 4,30
Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle . . — 2,22
— schäumendes, kommt aus der Lunge . . . 5,13 —
— in den Brüsten und Geistesverwirrung.. . . 5,40 —
Blutabgang in der Schwangerschaft böse 5,60 —
— nach Oben ist böse 4,25 —
— (schwarzer; nach Unten ist gut 4,25 —
Blutauflösende Mittel . — 6,20
Blutauswurf vor der Regel ist böse ... . . 5,32 —
— durch die Eegel gehoben 5,32 —
— und darauf oft Schwindsucht — ■ 5,32
Blutbeschaffenheit und Farbe desselben . . — 7,37
— ■ muss den Mitteln entsprechen — - 5,13
— beim Nasenbluten — 8,3
Blutbrechen mit und ohne Fieber .... 7,37 —
— bessert, aber heilt nicht — 7,37
— Cautelen bei der Behandlung desselben . . — 7,37
Blut drang zum Kopfe bei den Fieberstadien . — 8,3
Blutegel, deren erste Anwendung — 4,2
Blutfluss, den monatlichen, zu stillen . . . 5,50 —
— untilgbarer, nach Schröpfköpfen ...... — 1,2
Blutgierige und blutscheue Aerzte .... — 5,31
Blutharnen bei Krankheiten — 4,78
— beim Rindvieh — 4,78
— Zeichen davon 4,78 —
Bluthusten nach Hier — 2,21
Inhalt. 593
Aph. Glos.
Bluthusten, und darauf Eiterauswurf . . . — 7,16
Blut i gel bei Hydrocephalus oft tödtlich ... — 7,42
Blutreinigung — 4,2
Blutschwainin — 7,21
Blutspeien, und darauf Abzehrung .... 7,78 —
— Folgen davon 7,15 —
7,16 —
Blutumlauf im Körper — 7,12
Blutungen, dynamische Heilungen davon . . — 5,23
— freiwillige — 7,21
— bei Nervenfieber gefährlich — 4,60
Blutverlust zeigt oft China an — 4,27
Boerhaave's Gesundheitsregel — 5,18
— Schicksale — 8,18
Botanik und Arznei Wissenschaft — 1,1
Botenläufer ei, ärztliche — 1,20
Bräune, verschiedene Arten davon .... — 6,37
— mit äusserer Halsgeschwulst ist gut . . . 6,37 —
— die häutige, bei Kindern — 3,1
Brand in Folge kalten Wassers — 5,20
Branntwein den Alten unbekannt .... — 7,7
Brechmittel, Anzeigen dafür 4,17 —
— oft sehr gefährlich — 1,23
— von der Homöopathie verworfen .... — 1,22
— bei Schwindsüchtigen zu vermeiden . . . 4,8 —
— im Winter schädlich 4,12 —
Brennen und Schneiden bessert den Eiter nicht — 7,44
— vom Beginne an — 8,6
Brot von der französischen Fakultät verboten — 1,4
Brown und sein Podagra — 6,28
Brüche, Dieffenbach darüber — 6,58
— Heilung der Eingeklemmten — 6,58
— homöopathische Heilung derselben .... — 6,58
— Operation derselben — 6,58
Brunnen-Kuren — 6,47
— deren Folgen — 2,37
Brüste, Zeichen von wieder Anfüllen derselben 5,53 —
— Zeichen von Schwinden derselben .... 5,53 —
— Schwinden, ein Vorzeichen einer Fehlgeburt . 5,37 —
— straffe der Schwangeren 5,52 —
Brust, in der, werden Flüssigkeiten zu Eiter . 7,38 —
Brustfell-Eiterung — 5,15
Entzündung, Mittel dagegen — 7,11
Brustkrebs zu heilen noch unsicher .... — 5,15
— 6,38
38
594
Brustkrebs -Operationen
Buckelige Jünglinge sterben früh
— speicheln leicht und stark nach Merkur . .
Bündnisse der Dummen gegen das Genie .
Calcarea carb. verschlimmert durch Kalttrinken
Calidum innatum der Herakliden .......
Camphora bei der Cholera
— in höheren Potenzirungen wirksam . .
Catalyse, Erwartungen davon
Causa morbi
Causticum gebessert durch Kalttrinken .
Cavour's Tod
Celebrität einer Unwahrheit
Cessante causa, cessat effectus, ist falsch
Chamomilla, die Unsrige von der Französischen
verschieden .
Chemie im Allgemeinen
— — ■ ist noch keine Wissenschaft
— findet keine wahren Arzneikräfte .
— führt zu irrigen Schlüssen . .
— kann in der Arznei nicht mitsprechen .
— eine blosse Experimenten-Sammlung
— ihre Gesetze treten erst im Tode in Wirkung
— die organische, ist unzuverlässig .
— steht unter der Lebenskraft
— führt das Scepter in allen Naturwissenschaften
— gehört nicht zur eigentlichen Arzneikenntniss
— wirkt verschieden im Leben u. im Laboratorium
Chemische Prozesse sind niemals Organische
— Mittelstufen oder Spaltungsreihen
— — verschieden von den Organischen
Dynamische Wirkungen
China-Fieber . «
— Hahnemann's erster Versuch damit
— führte zur Entdeckung der Homöopathie
— ihre Heil- und Unheil-Kraft .
— gegen Herbst- und Sumpf-Fieber
— ihr homöopathischer Missbrauch .
— ihre langsame Verbreitung
— aus Peru eingeführt
Siechthum
— Ursprung des bot. Namens Cinchona
— Zeichen für die Anwendung derselbei
— Zerlegung derselben
Chinin um sulphuricum, dessen Unfehlbarkeit
Aph.
6,46
Glos.
<M8
6,46
5,65
4,16
8,18
4,46
7,50
1,3
5,24
4,16
5,9
8,6
5,24
4,19
1,1
4,49
2,51
2,51
2,51
,49
4,49
2,51
V.
4,49
4,49
7,21
1,14
4,49
8,18
2,38
4,30
2,25
2,25
2,25
2,25
5,4
2,25
2,25
2,25
2,25
4,30
2,25
4,59
Inhalt. 595
Aph. Glos.
Chinesische Füsse und europäische Taillen . — 6,46
Chirurgische Beihülfe unentbehrlich .... — 7,24
— Fälschung — 86
— Geständnisse eines Koryphäen — 8,6
— Werkzeuge — 7,24
Chlor -Kalk hindert die Verwesung nicht . . — 8,18
Chloroform-Wirkung — 2,6
— — bei Operationen — 7,20
— 8,6
Cholera — 6,54
— die älteste Heilung derselben — 4,24
— sicca — 6,1
— ihr Wesen unbekannt, daher unheilbar . . — 4,46
Cholerine — 4,75
Chronische Krankheiten — 2,28
— und akute Krankheiten — 2,7
. . . — 2,8
f ■ • — 2,12
— 2,18
— Krankheiten wechseln ihre Form . . . .• — 6,17
— — zu heilen — 3,28
— — Natur derselben — 5,55
von selbst ungeheilt bis zum Tode . 2,39 —
Cito, tuto et jucunde curare ♦ — 2,27
Consultationen, ärztliche — 2,51
Contraria Contrariis im Allgemeinen . . . 2,22 —
— 1,20
' — 2,48
— — Beweise dafür — 6,39
— Durchführung dieses Grundsatzes . . . . — 5,21
— liegt eigentlich nur in der Reaktion ... — 7,48
— Erklärung desselben von Swift — 5,21
— — von Hippokrates durch Hunger .... — 2,22
— gegen dasselbe — 7,46
— 7,48
— 7,67
— dessen ältester Gegner (Cardanus) .... — 7,48
. — Nichtigkeit desselben — 5,21
— galt nie für eine ausnahmslose Regel ... — 7,46
— ist nicht stichhaltig — 2,48
— Swift's ironisches Urtheil darüber .... — 5,21
— Verstösse dagegen bei der Allopathie . . . — 7,67
— verwechselt mit: Sublata causa — 2,22
— Widerspruch dagegen beim Hippokrates . . — 7,46
Contrarium gegen Schmerzen giebt es nicht . — 5,21
38*
596 Iah»".
Aph. Glos.
Contrarium gegen Schmerzen giebt es nicht . — 6,5
— sehr oft unmöglich — 2,22
Corrigentia nützen nichts — 4,53
Coxalgie, Heilung derselben — 6,60
Croup, Heilung des wahren — 6,37
— Kennzeichen des wahren — 6,37
Csömör in Ungarn — 4,17
Cuprum gebessert durch Kalttrinken .... — 4,16
Die Dämonen des Pythagoras — 8,18
Därmen, Verletzung der dünnen, tödtlich . . 6,18 —
Darmgicht (Ileus) mit bösen Nebenbeschwerden 7,15 —
— mit Harnstrenge tödtlich 6,44 —
— Heilung derselben — 6,44
Die Dampf kraft als Unsinn verurtheilt ... — 5,38
Decoctum Zittmanni . — 6,54
Definiren ist schwierig — 1,16
Delirien, gefährliche 6,53 —
— nicht gefährliche 6,53 —
— nach Schlaflosigkeit böse 7,18 —
— nach Verblutung böse 7,9 —
Delirium tremens 7,7 — -
Denken wirkt (materiell ,) a\if das Gehirn . . — V.
— ist die Blüthe des Gehirns — V.
Diabetes mellitus — 4,81
Diät im Allgemeinen — 1,1
— nicht zu ängstlich zu nehmen — 2,50
— der Allopathie äusserst willkürlich .... — 2,38
— der Alten — 1,4
— für verschiedene Alter 1,13 —
— die beste .- . — 2,5
— der Gesunden 1,5 —
— in der Höhe der Krankheit 1,8 —
1,9 -
1,10 —
1,11 —
— der Homöopathen — 1,4
.....' — 7,59
— — in ihrer Begründung — 1,1
— 7,65
— heilt für sich allein nicht — 1,1
— bei hitzigen Krankheiten 1,7 —
— magere 1,4 —
1,5 -
— allzu strenge nachtheilig 1,4 —
1,5 —
Inhalt. 597
Aph. Glos.
Diät, Unterschied zwischen allo-u. homöopathischer — 1,4
Diagnosen der Krankheiten — 7,23
— — spezielle für Gattung, Art und Spielart . — 7,6
Digitalis purp, gegen Herzklopfen .... — 2,41
— gegen Wassersucht -. — 7,29
Die Disharmonie des Alkmäon — 8,18
Dispensir-Verbot — 1,1
Disputation ohne Gewinn für die Wahrheit . — V.
Divinations- Gabe grosser Männer .... — 6,44
Doctor- Promotionen — 6,37
Das Dogma der Dichotomie — 8,18
Don Quixote von Sydenham empfohlen ... — 5,38
Dos es praescriptae der Pharmakopoen .... — 2,13
Dreifache Anima der Aristoteliker .... — 1,20
v. Droste-Hülshof, Annette, eine Erinnerung — 7,16
Drüsengeschwülste bei Fiebern böse . . . 4,55 —
— bei Pest und Typhus — 4,55
Dummköpfe im Bunde gegen Genie . . . . — 5,55
Durchdringlichkeit verschiedener Stoffe . . — 8,18
Durchfall ist jederzeit böse — 8,5 '■
— 1,22
— bedenklicher, als Hartleibigkeit — 2,21
— ist Product einer Darmkrankheit .... — 4,2
— 1,22
— von den Homöopathen vermieden .... — 5,34
— ist eine Krankheit des Unterleibes .... — 5,34
— und Abzehrung — 7,16
— bei Augenentzündung vortheilhaft . . . . 6,17 —
— bei chronischer Augenentzündung unnütz . . — 6,17
— von Bairischem Bier . — 2,21
— gegen Bleichwassersucht hülfreich .... 7,29 —
— nach Blutverlust 4,27 —
— wie schmerzlose Cholerin e ...... — 4,73
— bei chronischem, Schaden stopfende Mittel . — 6,43
— mit Durst — 4,19
— durch Erbrechen gehoben 6,15 —
— verursacht leicht Fehlgeburt 5,34 —
— freiwilliger 1,2 —
— gallichter heilt Taubhörigkeit 4,28 —
— gefährlicher 4,21 —
— nach Hypochonder- Beschwerden .... 4,73 —
— von Käse — 2,21
— nach langwierigen Krankheiten böse . . . 8,5 ■ —
— bei Milzleiden vortheilhaft 6,48 —
bringt Magenruhr 6,43 —
598 Inhalt
Aph. Glos.
Durchfall bei Milzleiden bringt "Wassersucht . 6,43 —
— darauf wahre Ruhr 7,75 —
— schleimiger, fliesst aus dem Kopfe . . . . 7,30 —
— chronischer, bei Schwächlingen — 6,2
— der Schwangeren — 5,34
— bei Schwindsucht tödtlich 5,12 —
5,14 —
— bei Seitenstich böse 6,16 —
— — macht ihn nervös — 6,16
— bei Stammelnden besonders angreifend . . 6,32 —
Durchscheinen, röthliches, der lebenden Theile — 8,14
Durchgeschnittene Theile, welche nicht heilen 6,19 —
6,24 —
Durst, als charakteristisches Zeichen . . . . — 1,16
— bei Fiebern sehr verschieden — 1,16
— krankhafter, zu löschen . . . . ■. . . — 1,16
— nächtlicher, bei akuten Fiebern — 5,27
— bei nächtlichem, ist Einschlafen gut . . . 5,27 —
Dynamische Natur der Krankheiten , . . . — 1,20
Dynamismus Hahnemann's — 1,20
— und Chemismus — 8,18
Dyskrasien zu heilen ist die Hauptsache . . — 7,77
— verschlechtern den Eiter — 7,44
Ebbe- und Fluthzeit in Bezug auf Gebärende . -- 5,55
Egoismus medizinischer Chorführer .... — 6,17
Eigentümlichkeit der Krankheiten ... 1,12 —
Eikopathische Mittel — 5,7
Einfaches dem Zusammengesetzten vorzuziehen — 2,14
Nur einfache Vorschriften liefern reine Erfah-
rungen — 7,18
Einfachheit der homöopathischen Arzneien . . — 7,65
Einheit ist das Gesetz der Gesetze .... — 6,47
Eis für die Brust schädlich 5,24 —
Eiter, guter und schlechter 7,44 —
— 5,15
— guter ist die beste Salbe — 7,44
— wie Oelsatz bei Leberleiden böse .... 7,45 —
— schlechten, in guten umzuwandeln . . . . — 5,15
. . . - 5,67
— schützt gegen Entzündung — 7,20
— weisslicher, bei Leberleiden gut 7,45 —
Eiter- Auswurf , Mittel dagegen — 7,16
— -Beulen nicht vor der Reife zu öffnen . . — 7,44
— -Beschaffenheit giebt wichtige Symptome — 7,44
— -Bildung, während der, erhöhte Schmerzen 2,47 —
Inhalt. 599
Aph. Glos.
E it e r - B i 1 d u n g , durch die Homöopathie befördert — 2,47
— -Entleerung wirkt wie Säfteverlust ... - 6,27
plötzliche ist tödtlich 6,27 —
— -Geschwulst, Brennen derselben .... — 7,44
— — nach Innen aufbrechend ist böse . . . 7,8 —
— — bei Nierenleiden 7,36 —
— -Verbesserung durch innere Mittel ... — 7,44
Ekliptik, Eintheilung derselben ..... — 2,22
Elektrische Telegraphe — 7,17
Die Elemente des Empedokles — 8,18
— die vier berühmten — 2,22
— die ersten wahrer Forschung — 2,20
Elixir proprietatis — 1,13
Emmeniagogische Mittel — 5,28
Empiriker, die alten — 2,22
Empiriker und Aerzte — 6,32
Empfindungen in ihrer Eigenthümlichkeit . . — 6,5
Das Enormon des Hippokrates -■- 8,18
Entdeckungsmedizin verlangt das Selbstdis-
pensiren — 6,25
Entgegengesetztes heilt 2,22 —
Enthaltsamkeit, übermässige, schadet . . . 2,4 —
Entsalzen der Speisen — 2,38
Entscheidung hitziger Krankheiten .... 2,23 —
— der Kinder - Krankheiten 3,28 —
— ; Nothwendigkeit einer schnellen — 1,1
Entwickelung der Arzneikraft — 2,13
Entzündung hindert die Eiterbildung ... — 5,67
— 7,21
— dagegen giebt es kein Contrarium .... — 2,22
Erbliche Mängel und Difformitäten .... — 6,46
Erbrechen im Allgemeinen — ■ 1,21
— freiwilliges 1,2 —
— 1,22
— hebt Durchfall 6,15 —
— bei Durchfall oft sehr böse — 6,15
— das Erbrochene dabei zu beachten .... — 6,15
— die Folge der erbrochenen Stoffe zu beachten — 6,15
— gallichtes, nach Gehirnentzündung .... 6,50 —
— der Schwangeren durch Fussgeschwulst ver-
hindert — 5,61
Erfahrung muss allein entscheiden .... — 2,22
— entscheidet über die Gaben -Grösse .... — 2,37
— fremde, sättigt nicht . . — 6,32
— allein giebt Sicherheit — 1,14
600 Inhalt-
Aph. Glos.
Erfahrung allein giebt Sicherheit — 6,32
— widersprechende — 2,34
Erfahrungswissenschaften zuerst, und dann
erst die Ursachen — 6,32
— rationelle, giebt es nicht — 5,63
Erfindungen finden oft spät Anerkennung . — 1,1
— die grössten scheinen anfangs die Unsinnigsten — 8,1
— je grösser, desto mehr Widerspruch . — 8,3
Erfordernisse für die homöopathische Prognose — 2,19
Erfrorene wieder zu beleben — 5,19
Erhängte mit Schaum vor dem Munde . . . 2,43 —
Erhöhung der Krankheits - Symptome .... — 2,13
Erkennen einer Krankheit und sie heilen sind
verschieden — 1,1
Erklärungen, worin sie eigentlich bestehen . — 1,14
— und Ergrübelungen sind stets unsicher . . — 5,56
— gefährliche — 1,15
— missglückte — 7,51
— physiologische u. hippokratische gleich wichtig — 8,4
— unmögliche der natürlichen Erscheinungen . — 7,54
Erklärungs-Phrasen, gelehrte — 2,28
Sucht — 1,14
— -Versuche über Naturerscheinungen . . . — 3,3
Erröthen vor sich selbst — 7,65
Erscheinungen, kritische — 1,2
Erstickungsanfälle, plötzliche, tödtlich . . 4,34 —
Erst-Wirkungen der Arzneien — 1,20
— 2,13
— von den Aerzten nicht beachtet — 2,27
— verbürgen die Besserung — 1,20
— von Cullen erkannt — 2,27
— von Hippokrates geahnt — 2,27
— nicht unnöthig zu verlängern — 1,20
Ertrunkene mit Schaum vor dem Munde . . 2,43 —
E rwachung (latenter) chronischer Krankheiten — 7,76
Erweichung auszuleerender Stoffe .... 2,9 —
Erzeugung ohne Zeuger — 5,59
Essen von Trinken zu unterscheiden . . . . — 1,16
Essgierde, unnatürliche — 1,4
Die expektative Schule der Neuzeit .... — 6,54
Expcktatives Verfahren — 2,52
Les extremes se touchent — 6,54
Extremitäten, was dazu gerechnet wird . . — 7,1
Fabrikanten und Aerzte . — 3,30
Fallsucht, Heilung im Allgemeinen .... — 5,7
Inhalt. 601
Aph. Glos.
Fallsucht von unterdrückten Ausschlägen . . — 2,45
— frisches Blut dagegen schon den Kömern bekannt — 2,45
— heilbar und unheilbar 5,7 —
— durch Hausmittel geheilt — 5,7
— der im Neu -Monde geborenen Kinder . . — 5,7
— durch Homöopathie geheilt — 2,45
— durch Kopffleisch erneuert — 2,45
— durch schwarzseidenes Tuch zu beschwichtigen — 2,45
— kein Spezifikum dagegen — 5,7
— durch äussere Umstände geheilt 2,45 —
Falschmünzer, ein literarischer — 7,21
Farbe der Schwangeren ... .... — 5,42
Farben erkennen — V.
Fassung, unzweideutige, der Symptome ... — 7,3
Fasten im Allgemeinen — 2,4
— nicht gestattet — 2,50
— erlaubt keine Arbeit — 2,16
— für Vollsaftige zuträglich 7,59 —
Fehlgeburt bei Abmagerung der Schwangeren 5,55 —
— von Aderlass 5,31 —
— von Durchfall 5,34 —
— von Fieber 5,55 —
- — bei mageren Frauen 5,44 —
— Mittel dagegen — 5,37
— im zweiten und dritten Monate 5,45 —
— nach Schwinden der Brüste 5,37 —
— nach Schwinden einer Brust — 5,38
— von Stuhlzwang 7,27 —
Feigen, Verlangen nach, ein böses Zeichen . — 7,11
Feigwarzen — 3,26
Feilbieten von Arzneien in Krämerladen . . — 3,20
Feste Speisen für die Verdauung die besten . — 2,11
Fette Leute sterben oft plötzlich 2,44 —
— müssen nach Unten abgeführt werden . . . 4,7 —
Fettleibigkeit als Krankheits - Symptom . . — 7,59
Feuer heilt, was das Messer nicht heilt . . . 8,6 —
— was dies nicht heilt, ist unheilbar .... 8,6 —
Feuerschlagen mittelst Stahl und Stein . . — 6,32
Fieber mit Brennen im Magen ist böse . . . 4,65 —
— am dritten Tage verstärkt, ist böse . . . 4,43 —
— — sind gefährlich 7,62 —
— eintägige sind ohne kritische Tage . . . . 4,63 —
— durch das Fieber selbst geheilt — 7,52
— nach Gehirnverletzung 6,50 —
— heilt Hypochonderschmerzen 6,40 —
602 Inhalt.
Aph. Glos.
Fi eb er -Heilungen oft schwierig ....... — 2,25
— hitzige von trockner Luft 3,7 —
— zum Krämpfe 2,26 —
— hebt Leberschmerzen 7,52 —
— namenlose, eintägige — 4,63
— nervöse," nach Lungenentzündung . .. . . — 7,12
— ihre Stadien wohl zu beachten ..... — 2,25
— um dieselbe Stunde wiederkehrend . . . . 4,30 —
— muss an unpaaren Tagen ausbleiben ... 4,61 -■ —
— die wahre Natur derselben unbekannt ... — 4,64
— grosse Verschiedenheit derselben — 4,31
— viertägige schwer zu heilen — 2,25
— dagegen giebt es kein wahres Contrarium . — 2,22
Fieberhitze mit Krämpfen ist böse .... 7,13 —
Fieb'erschweisse, gute und böse 4,36 —
Finsterniss, je tiefere, desto heller das Licht. — 6,20
Flecken, blaue, von Stoss oder Quetschung . — 7,2
Fleisch in den Wunden muss von Innen her-
auswachsen — 7,44
— zähes, mürbe zu kochen — 5,18
Fletscher über Hahnemann — 6,44
Fliessschnupfen zeigt eine schwache Gesund-
heit an 6,2 —
— und Stockschnupfen . . . — 6,9
— mit schaumigem Durchfalle — 7,30
Floretbändchen gegen Halsweh ..... — 7,49
Flüssige Nahrung erquickt am Meisten . . . 2,11 —
Flüssigkeiten für Fieberkranke am zuträglichsten 1,16 —
Folgegebrauch sehr ähnlicher Mittel . . ._ — 7,12
Folgsamkeit des Kranken 1,1 —
Form der Krankheit verändert — 7,76
— veränderte, ist keine Heilung — 6,21
Formulaire des mddicaments agreables ... — 2,52
Fortgebrauch derselben Mittel — 7,12
Fortschritte in der Heilkunst zu erwarten . . — 5,15
— — , die Neuen sehr dürftig — 8,18
Frage: wie wenig Arznei genügt? — 2, 1
— nicht: wie viel der Kranke verträgt? ... — 2,51
Frauen sind nur einfach rechts 7,43 —
Freiheit der Wissenschaft — V.
— 8,18
Frost, Ursprung desselben 5,09 —
— bei anhaltenden Fiebern tödtlich 4,46 —
— am sechsten Tage erschwert die Entscheidung 4,29 —
— und Schweiss im Wechsel — 7,4
Inhalt. 603
Aph. Glos.
An den Früchten zu erkennen — 4,32
Frühjahr, die heste Zeit zum Aderlassen . . 7,53 —
— für Aderlass und Abführen 6,47 —
— und Winter die gefährlichsten Jahreszeiten . — 3,10
— ist die gesundeste Jahreszeit 3,9 -—
— bringt verschiedene Krankheiten 3,20 —
-— ist für die Verdauung günstig 1,1 8 —
— bringt vermehrte innere Wärme 1,15 —
Früh zu Bett und früh wieder auf — 2,50
Frühlings -Kuren, prophylaktische . . . . — 6.17
Frucht, rechts männlich, links weiblich . . . 5,38 —
Fruchtbarkeits-Probe 5,59. — •
Fülle des Unterleibes, ein gutes Zeichen . . . 2,35
Fütterung, Einfluss einer kalten und warmen — 2,11
Furunkeln, deren allopathische Behandlung . — ■ 6,4
— deren homöopathische Behandlung .... — 6,4
— entstehen aus einer Dyskrasie ..... — 6,4
— Verschiedenheit derselben — 6,4
Fusskälte beseitigt durch Arrak -Punsch . . — 5,19
Gaben -Kleinheit — 6,20
Gähnen durch Wein gehoben 7,56 —
Gährungs -Pilze — 8, 18
Galen's Untergrade der Qualitäten — 2,22
— Schicksale — 8,18
— Verfolgung in Rom — ■ 4,1 7
Gall- und Blut -Abgang zeigen nahen Tod an . 4,23 —
— deren eigentliche Bestimmung — 4,4
Galle -Erbrechen und Durchfall tödtlich . . . 4,22
— gelbe zeigt Brechmittel an 4,9 —
— schwarze deutet auf Abführmittel .... 4,9 —
— Zweck derselben — 4,4
Gebärmutter-Eiterung 5,47 —
— Entzündung bei Schwangeren tödtlich . . . 5,43 —
— — homöopathisch zu behandeln — 5,43
Geburt vor oder nach Mitternacht, Zeichen davon — 5,55
Gefälligkeit der Aerzte — 1,5
Geheimmittel — 3,30
Gehirnentzündung 1,2 —
— ihre Behandlung mit Kälte und Wärme . . — 7,42
— Folgen einer plötzlichen 7,50 —
— nach Lungensucht böse 7,12 —
— Zwiespalt der Aerzte darüber — 7,42
Gehirnerschütterung, u. darauf Sprachverlust 7,58 —
Gehirnschlag, Zeichen davon 6,51 —
Gehirnverletzung, tödtlich 6,18 —
604 Inhalt.
Aph. Glos.
Gehirnverletzung mit Fieber u. Gallerbreclien 6,50 —
Geist und Körper, Verbindung zwischen Beiden — 6,21
— — gleichinässig auszubilden — 2,50
— Einfluss desselben auf den Körper .... — 6,21
— frühzeitige Ueberbildung — 2,50
Die Geisteskraft des Erasistratus — 8,18
Geistes-Krankbeit, als Folge von Hautübeln — 6,21
— gebeilt durch Körperkrankheit ..... — 6,21
— heilt Körperkrankheit . — 2,6
— bei Schmerzlosigkeit 2,6 —
Geistesverwirrung bei Blut in den Brüsten . 5,40 —
Gelbsucht verhindert Blähungsbeschwerden . . 5,72 —
— zum Fieber böse 4,62 —
— nach Gemütsbewegungen — 4,62
— deren kritischer Eintritt 4,64 —
— der Schwangeren — 4,62
Die Gelegenheit ist flüchtig 1,1 —
Gelehrsamkeit, Beispiele einer stupenden . . — 5,38
— pleonastische — 5,38
Gelenk- Schmerzen nach Fiebern ..... 4,44 —
4,45 —
7,03 —
Gemälde, verbleichende — 8,18
Generalisiren ist unstatthaft — 6,39
— kommt auch beim Hippokrates vor .... — 6,9
Der Genius der Arznei und der Krankheit . . — 6,38
Genüsse, Neigung zu verschiedenen .... — 2,38
— reizende, zu vermeiden — 1,1
— Uebelbekommen verschiedener — 2,38
— verlangte . meistens dem Kranken gut ... — 2,38
— Widerwillen gegen verschiedene — 2,38
Gersten- Absud, nahrhafter — - 7,67
— Wasser, weniger nahrhaft — 7,67
Gerstenkorn (am Auge) — 5,58
Geschlecht der Frucht nach der Gesichtsfarbe 5,42 —
— — - nach der Bauchlage 5,38 —
Geschmacks- Verbesserung der Arzneien . . — 2,o8
Geschwüre, brandige — 7,2
— böse, nicht äusserlich zu behandeln ... — 6,4
— Bluten derselben ist böse 7,21 —
— beruhen alle auf Dyskrasie — 2,47
— Brennen derselben — 7,44
— deuten auf innere Krankheit — 2,47
— mit dickem Eiter, äusserlich verborgen . . 6,41 —
— innerliche Behandlung derselben — 7,44
Inhalt. 605
Aph. Glos.
Geschwüre schützen vor Geistesstörung . . . 5,65 —
— schützen vor Krämpfen 5,65 —
— von Quecksilber, irrige Vermuthung darüber — 3,21
— schwammige , nicht zu ätzen — 6,4
— tiefhegende sind äusserlich nicht zu sehen . 6,41 —
— mit glänzendem Umfange böse 6,4 —
— Verhalten der alten 6,45 —
— der Wassersüchtigen schwer zu heilen . . . 6,8 —
— — Heilung derselben — 6,8
Geschwulst von ermattenden Fiebern .... 4,31 —
— der Gelenke nach Fieber 4,44 —
4,45 —
7,63 —
— harte, ist böse 5,67 —
— mangelnde, ist gefährlich 5,66 —
— von schmerzenden Stellen 4,32 —
— Folgen von verschwundener 5,65 —
— weiche, ist gut 5,67 —
Gesichts färbe zeigt das Geschlecht der Frucht an 5,42 —
Gesetze für Lebendiges und Todtes verschieden — 4,49
Gesunde nur werden von der Nahrung gestärkt 7,65 —
Gesundheit nicht mit Körperfülle zu verwechseln — 1,3
Gesundheits-Regel -- 2,38
Gewissensruhe des wahren hom. Arztes . . — 2,35
Gewohnheit von Geistes- und Körper - Arbeit . — 2,49
— erleichtert die Arbeit 2,49 —
— an Genüssen schützt gegen Belästigung . . 2,50 —
— mangelnde, von Genüssen abzurathen . . . 2,50 —
Gewohnheiten, alte, nicht leicht abzulegen . — 1,20
— 2,14
— 7,44
Gifte, Wirkungen derselben auf Thiere ... — 1,1
— nur durch die Quantität — 4,48
Nur Glauben, was man sieht — 7,17
Glauben führt zu Versuchen und Erfahrungen — 2,22
Gleichnisse, hinkende und lahme — 1,14
— der alten Dichter — 8,4
Glossator V.
Glüheisen, Unfug damit — 8,6
Gold als unwirksam erachtet — 6,44
Grobe und Flegel, Unterschied dazwischen . . — 5,56
Ein Grundsatz der Homöopathie — 2,46
Gummi- Schuhe für Seh aale gegen Klauenseuche — 6,4
Haareausfallen bei Schwindsucht tödtlich . . 5,11 —
Hämorrhoiden, Begriff des Worts .... — 3,30
606 Inhalt.
Aph. Glos.
Hämorrhoiden, was alles dazu gerechnet wird — 3,30
H aemorrhoscopium — 1,2
Händefalten, Zeichen davon — 5,55
Hahnemann's Inspiration — 6,44
— irrthümlicher Erklärungsversuch ' — 7,42
— Verdienste — 5,55
— Wohnorte — 5,55
■ — letzte Worte . ' . . ■ — 5,55
Halsentzündung mit äusserer Geschwulst ist gut 7,49 —
— homöopathische Behandlung derselben ... — 7,49
HalsArerdrehung, plötzliche, ist tödtlich . . 4,35 —
Halsweh, Einfluss des Schlingens — 7,49
— Einfluss des Sprechens — 7,49
Harmonie in den Natur - Erscheinungen ... — 5,64
Harn nicht aufzuhalten 6,6 —
— Beschaffenheit desselben 7,66 —
— Zeichen von blassem, klarem 4,72 —
— Kautelen der Homöopathie bei blassem . . — 4,72
— nach blutigem folgt Vereiterung — 4,75
— mit Blut und Eiter, Zeichen davon . . . . 4,75 — ■
— mit Fetthaut, bei Nierenleiden 7,35 —
- — mit Fleischstückchen oder Fasern .... 4,76 —
— reichlicher dünner, ein gutes Zeichen ... 4,69 —
— schaumiger, bei Nierenleiden 7,34 —
— schwarzer — 4,72
— trüber, bei gastrischen Krankheiten .... — 4,70
— — bei Gehirnentzündung — 4,70
— Zeichen davon 4,70 —
— Veränderungen desselben — 7,33
— mit Wölkchen darin, Zeichen davon . . . 4,71 —
Harn-Bodensatz, galligter 7,32 —
■ — — kleienartiger 4,77 —
— — mehlartiger, bei chronischem Leiden . . 7,31 —
— — sandiger . : 4,79 —
— Geruch — 4,81
Harnabgänge, bösartige 4,47 —
— nächtliche . . ' 4,83 —
— tropfweise 4,80 —
— unterbrochene, als Krankheit« - Zeichen . . 7,33 —
Harnblase, Verletzung derselben tödtlich . . 6,18 —
Harndrang, unbefriedigter gefährlich .... — 6,6
Harnkrankheiten oft sykotiscker Natur . . — 4,75
Bei Harnleiden die kleinsten Gaben ... — 4,78
Harnröhre, in der, Eitergeschwulst . . . . 4,82 —
7,57 —
Inhalt. 607
Aph. Glos.
Harnröhre, Verengerung — 4,82
Harnstrenge mit Danngicht tödtlich . . . 6,44 —
— bei Gebärmutter-Entzündung 5,58 —
— bei Mastdarm-Entzündung 5,58 —
— bei Nieren-Entzündung 5,58 —
Harn-Symptome bei Entzündungen .... — 4,72
— das Aussetzen der Arznei anzeigend ... — 4,69
Harn-Zeichen bei drohender Metastase ... 4,74 —
Harnzwang durch Aderlass zu heben . . . 6,36 —
— durch Aderlass gehoben 7,48 —
— verschiedene Ursachen desselben .... — 6,36
— durch Wein gehoben 7,48 —
Hartleibigkeit der Weichleibigkeit vorzuziehen — 2,37
— ein Zeichen dauerhafter Gesundheit ... — 6,2
Hausmittel-Praxis — 3,30
Haut, bei schlaffer, Tod unter Schweiss . . . 5,71 —
— bei straffer, Tod ohne Schweiss . . . . . 5,71 —
Hautausschläge 2,15 —
Hefe und die medizinische Fakultät .... — 1,4
Heftige Angriffe schaden immer ...... — 2,51
Heilerfolge nicht zu überschätzen .... — 6,38
Heilkunst, Anfang einer naturgemässen ... — 1,6
— der Verbesserung fähig und bedürftig ... — 2,19
— ist eine Erfahrungswissenschaft — 8,18
Von Heilmethoden die Gelindeste zu wählen . — 7,52
Das Heilmittel oft schlimmer als dife Krankheit — 7,52
Heilmethode, negative . — 2,52
Heilung der Schmerzen von Anstrengung . . — 2,48
— bei, aber nicht durch Gebrauch von Arznei . — 7,51
— durch das Entgegengesetzte 2,22 —
— ist eine Folge der Nachwirkung .... — 1,20
— homöopathische ist stets gründlich . . . . — 4,61
— geschieht durch eine dem Lebensprinzip ent-
gegenstehende Kraft — 7,59
— einer Krankheit durch eine Andere ... — 7,52
— unbekannter Krankheiten — 2,45
— durch die Naturkraft — 7,59
— durch ein Plus — 7,52
— schnelle, bei akuten Krankheiten .... — 2,52
— späte, bei chronischen Krankheiten . . . — 2,52
— wahre, wie wir sie verstehen — 7,51
Heilwirkung, antipathische, täuscht .... — 2,27
Heiserkeit bei Greisen 2,4<) —
Heisse Umschläge mildern die Entzündung . . — 5,22
— — beim hitzigen Seitenstich — 7,42
608
Inhalt.
Aph, Glos.
H e i s s e s Wasser bei Lungenentzündung- .
— ■ — bei Starrkrampf ... . ,
Heisshunger, wahrer .......
Helfen, oder mindestens nicht zu schaden
Herabstimmung- der Gesundheit .
Heranwachsende Kinder, deren Krankheiten
Der Herbst fehlte den alten Germanen
Herbst-Krankheiten ,.
— — sind die bösesten .....
— — nach nassen Herbsten ....
— — nach trocknen Herbsten
— — von Temperaturwechsel
— — mit Verdauungsbeschwerden .
Herbst-Ruhr, deren homöopathische Heilung
Herbstzeit für Schwindsüchtige gefährlich
Herophil us, der Anatom
Das Herz bei den Alten der Sitz der Seele
Herzklopfen und Digitalis purpurea ,
Herz Verletzungen tödtlich ....
Der Hexenkessel von Kraus ....
Himmelsgegend, Einfluss derselben .
Himmelszeichen im Kalender . . .
Hinzutritt einer neuen Krankheit
Hippokrates, dessen Glaubwürdigkeit
— Gründer der dynamischen Schule
— auf der Spur der Hcftnöopathie .
— . dessen Verdienste anerkannt ...
Das hippokratiscke Gesicht . .
Hitze vor dem Froste . . . ...
— mit Schweiss vor dem Froste . . ... ,
— - durch eintretenden Frost gehoben .
— oder Kälte zeigt den Sitz der Krankheit
— äussere, bei Entzündungen ....
— — bei Verbrennungen ..... .
— : innere, bei äusserer Kälte tödtlich .
Hochpötenzen als 'Antidote zu gebrauchen:
— : in verzweifelten ■ Fällen . ......
— nicht unmittelbar zu wiederholen
• Vorzüge derselben . ... ■ . •
— besitzen, einen ausgedehnteren Wirkungskr
Hören statt LehreiT . . ,.:..'. . .
Hoff in Berlin . . ........ . :
Homöopathie bringt weder Geld noch Ehre
— ist so alt, wie die Welt . ...
1,3
3,26
3,22
3,9
3,13
3,14
3,4
1,18
3,10
6,18
3,3
4,58
4,39
4,48
7,72
Inhalt. 609
Aph. Glos.
Homöopathie in good Company — V.
— Entdeckung derselben 2,25
— nicht erfunden, sondern gefunden .... — 4,83
— Erlernung derselben — 8,3
— deren Fundamentalsätze veralten nicht . . — 5,56
— ist die Heilung , nicht das Resultat derselben — 4,83
— und Mystizismus — 4,83
— das Neue an derselben — 4,83
— Spuren derselben im Talmud — 7,46
— verurtheilt von einem Kriegsministerium . . — 1,16
— ihre Zukunft — 2,39
— ihre schnelle Zunahme in Paris — 4,17
Homöopathisch mit klein u. wenig verwechselt — ■ 2,50
Homöopathische Erst-Wirkung — 2,27
— Examen der Kranken — 6,5
— Mittel verkürzen die Krankheit — ■ 2,24
— Bousilleurs — 6,5
— Heilungen im Hippokrates — ■ 7,4<i
Honig wasser als Probe der Schwangerschaft . 5,41 —
Hormiscium — 8,18
Hüftweh und Glüheisen — 6,60
— homöopathische Heilung desselben .... — 6,60
— langwieriges . . • — ■ 6,59
— 6,60
— mit Verkürzung des Beins — 6,60
— mit Verlängerung des Beins — 6,60
Hülfe kommt oft zu spät — 4,43
Hülsenfrüchte, Schädlichkeit derselben . . — 6,51
Hufeland über die Lebenskraft — V.
'Humboldt in seinen Ansichten — V.
— Begründer der Nervenpathologie .... — V.
— dessen Rhodischer Genius — V.
Die Humoral -Pathologie ........ — 4,41
Der Hund und sein Geruchssinn — V.
Hundstage ungünstig für Ausleerungen ... 4,5 —
Hunger trocknet den Körper aus 7,59 —
— übermässiger — ■ 2,32
— durch Wein gemindert 2,21 —
Hungerkuren ...... — 1>4
_ — 2,4
— gegen chronische Beschwerden — 4,45
— der Homöopathen — 2,4
— schwächen die Lebenskraft ...... — 7,59
— von der Homöopathie verworfen .... — 7,59
Hungernlassen ist symptomatisches Kuriren . — 7,59
610 Inhalt.
Aph. Glos.
Husten, Kitzel-, bei Fieber ohne Durst . . . 4,54 —
— Keuch-- 4,47 —
— bei Wassersucht böse 6,55 —
— für Wassersüchtige tödtlich 7,47 —
Hustenauswurf, bösartiger 4,47 —
— übelriechender — 5,11
— verschiedenartiger — 4,47
Hydatiden der Leber — 7,55
Hypochondristen nützt der Wein .... — 7,56
— flüssige Nahrungsmittel für dieselben ... — 7,56
Hysterische Krämpfe — 6,53
Hysterischen nützt der Wein — - 7,56
Jagd, eine der nützlichsten Bewegungen ... — 2,50
Jahr, alte Eintheilung desselben — 3,1
Das Jahr 1860 in Bezug auf Krankheiten . — 3,5
Jahreszeit, deren Einfluss auf das Alter . . 3,3 —
— — auf verschiedenes 3,18 —
3,19 —
— — auf die Krankheiten 3,3 —
. 8,8 -
auf verschiedene Naturen 3,2 —
— Eintheilung derselben bei den Alten . . . 3,1 —
— Krankheiten in denselben 3,1 —
— Ungleichheit derselben — 3,1
Jatro- Materialismus — 4,54
Idiosynkrasien — 2,4
Ileus durch Thuja geheilt — 6,44
— von Colica verschieden — 6,44
Die Imponderabilien — V.
für blosse Mythen gehalten — 8,18
Die Incitabilität der Neueren — 8,18
Indikationen, Mangel an speziellen .... — 6,31
— aus den Symptomen zu entnehmen ... — 4,17
— nach den Tageszeiten . — 4,36
Individualismen — 1,2
— unerlässlich bei der Homöopathie .... — 6,5
•. — 6,38
Infusorien, als Verbreiter der Miasmen ... — 5,1
Ingredienz, jedes, im Eezepte soll für sich wirken — 2,22
Innere Arzneien genügen für äussere Uebel . — 5,67
Von Innen allein niuss die Heilung ausgehen . — V.
Instinkt nur bei lebenden Wesen — 7,38
Jodium, Antidote dagegen — 6,42
— bei Drüsen-Anschwellungen — 6,42
— Missbrauch desselben — 6,42
Inhalt.
Jodium, Nachtheile davon . . . .
Journal-Rezepte
Irrereden nach Knochenverletzung
— nach Weintrinken
Die Irritabilität der Neuern
Irrthum und Lüge, deren Unterschied
Irrthümer werden erst spät erkannt .
— gelehrter Professoren
Alter
— geflissentlich verbreiten ist Verbrechen
— zu zerstören ist ein Schritt zur Wahrheit
Jünglinge, deren Krankheiten . .
Jugend, in der, Durchfall, Hartleibigkeit im
— — Hartleibigkeit, Durchfall im Alter
Kälte, äussere, bei Blutungen
ist nur ein Nothbehelf . . .
— — bei Unterleibsschmerzen böse
— — bei innerer Hitze tödtlich . . .
— der äussern Theile bei Fiebern böse
— durch Begiessungen erzeugt Wärme
— für die Brust schädlich
— für Brustkranke vortheilhaft .
— deren nachtheilige Folgen . . .
— der Füsse durch Punsch zu heben
— Wirkung derselben auf Geschwüre
— von einigen Geschwüren verlangt
— mit Kälte zu behandeln . . .
— Missbrauch bei deren Anwendung
— bei frischer Rose, äusserlich .
— bei der Rose gefährlich
— und Wärme, wo solche dienlich sind
Kaffee -Wirkungen auf Menschen und Pferde
Kalte Füsse, Mittel dagegen . . .
Kaltgewordene Theile zu erwärmen
Kalttrinken, Folgen davon . . .
Kalte Umschläge bei Gehirnentzündung
Kaltwaschen des Kopfes ....
Kaltwasserkur
Kahlköpfige leiden nicht an Krampfadern
Kahlköpfigkeit geheilt durch Krampfadern
— kommt bei Blindgeborenen nicht vor . .
— bei Weibern selten, bei Verschnittenen nie
Kampf zwischen Lebenskraft und Krankheit
— fördert die Wissenschaft
611
Aph.
Glos.
—
7,77
—
3,30
7,24
—
7,7
—
3,29
2,20
2,20
5,23
7,26
7,72
7,1
5,21
5,24
5,17
5,20
5,23
5,19
6,34
6,34
6,34
6,34
2,13
V.
39 4
612 Inhalt.
Aph. Glos.
Karakteristisckes, Werth desselben ... — 4,16
Das Karakteristische ist stets die Hauptsache — 7,76
— grosser Werth desselben — 4,16
Die Kartoffelkrankheit — 8,18
Katalyse — 1,3
Katarrhal -Fieber — 2,40
Kategorien der Augenübel — 6,31
Katzenjammer — 5,5
Kautel en bei Niesswurz als Brechmittel . . . 4,13
• 4,14 —
4,15 —
4,15 —
Kennzeichen, generelle und spezielle ... — 6,5
Kesselstein zu lösen — 5,5
Keuchhusten — 4,47
Kinder-Heilungen, homöopathische .... — 1,1
Die Kinesitherapie enthält homöop. Regeln . ■ — 6,17
Klauenseuche der Schaafe — - 6,4
Kleemüdigkeit des Ackerbodens — 4,49
Wie Klein, nicht wie gross, ist die beste Gabe? — 2,13
Aus Kleinem erwächst Grosses — 2,51
Kleinheit der homöopathischen Gaben ... — 2,27
— ■ 6,20
Klugwerden durch Erfahrung — 2,22
Kly stire, Ursprung derselben — 1,23
Knaben liegen rechts, Mädchen links . . . . 5,48 —
Knochenbruch-Mittel der Alten — 7,20
Knochenfrass bewirkt Knochenabstossung . . 7,77 —
Knochengeschwüre, Heilung alter .... — 6,45
Knochenverletzung, Behandlung derselben . — 7,20
— und darauf Irrereden 7,24 —
König, der grosse, unserer Zeit — 8,18
Körperfülle ist nicht Gesundheit — 2,28
Kohl, rother, für Betrunkene — 5,5
— gegen Lungeneiterung ........ — 5,5
Kohlarten, nicht blähende — 4,11
Koloquinten- Wirkung — V.
Kompass, den Alten zugeschrieben .... — 1,1
Kommentiren — V.
Konditor-Arzneien — 3,20
Konvulsionen nach Abführungen .... 5,4 —
— nach Abführmitteln 7,25 —
— von Ausleerungen 6,39 —
— der Betrunkenen sind böse 5,5 —
— in Fiebern böse 4,66 —
Inhalt. ß!3
Aph. Glos.
Konvulsionen in Fiebern böse 4,67 —
— von Niesswurz tödtlicli 5,1 —
— nach. Schlaflosigkeit böse ....... 7,18
— von Ueberfüllung 6,39
— nach Verblutung böse 5,3
7,9 —
Kopf, Folgen von einem Schlage darauf . . . 7,14 —
Bähungen, heisse, heilen Fieber .... 7,42 —
Erkältung, Folgen davon — 5,18
Knochen -Verletzung — 7,24
Kopfschmerzen durch Ausflüsse gehoben . . 6,10 —
— von Geschwüren im Kopfe — 6,10
— - von Haar schneiden — 5,18
Kopfweh ist nur ein einzelnes Symptom . . — 5,68
Krämer- Arzneien — 3,30
Krämpfe sind meistens chronischer Natur . . — 4,57
— oft vor dem Fieber — 4,57
— zugleich mit dem Fieber 2,26 —
— werden durch Fieber gehoben 4,57 —
— der Hysterischen und Hypochondristen . . — 2,26
— klonische und tonische — 7,13
— nach Verwundung tödtlich ...... 5,2 —
— durch Wechselfieber geheilt 5,70 —
— von Würmern — 2,26
Krätze, Heilung derselben — 7,38
— ist nicht die ganze Krätzkrankheit .... — 7,38
— kömmt bei Maurern, Schornsteinfegern u. Sei-
fensiedern nicht vor — 7,38
— Milben-, — 2,39
— oft Ursache der Schwindsucht — - 7,38
Die Kraft der Arzneien ist nur eine Dynamische — 8,18
— — verschiedene Arten derselben .... — 1,20
— gelehrte Definition derselben — -8,18
— eine immaterielle, beherrscht das Lebendige . — 8,18
— Mannigfaltigkeit derselben — 6,47
Krampfadern fehlen bei Kahlköpfigen . . . 6,34 —
— ■ an den Beinen nur bei Männern, selten bei
Frauen — 6,34
— ■ heilen Wahnsinn 6,21 —
Krankheiten, ähnliche, heben sich auf ... — 5,70
— akute und chronische — 2,39
— Unterschied zwischen akuten und chronischen — 2,7
- 2,8
— nicht alle heilbar — 5,12
— alter Leute 2,39 —
614
Aph.
Krankheiten, Bestrebungen d. Natur, das Krank-
hafte zu entfernen —
— diagnostiziren und heilen —
— sind nur dynamisch —
— die Eine hebt die Andere auf —
— nur durch Krankheit zu heilen —
— im Entstehen leichter zu heilen —
— als eine Gesammtheit v. Sympt. zu betrachten —
— ganz gleiche, giebt es nicht —
— innere, behandeln wir dreist, äussere nicht —
— sind nicht materiell —
— sind ein Minus —
— unähnliche, suspendiren sich bloss .... —
— zweierlei, können nicht zugleich da sein . . —
Krankheitsbilder der Allopathen .... —
— Einfluss der Schulen darauf ...... —
— Erfordernisse zur Entwerfung derselben . . —
Krankheitsheilung ist Nachwirkung der Arznei —
— die Neuern dürfen oft nicht zum Muster dienen —
Krankheits-Namen, alte und neue ... —
— — Nachtheile derselben —
— — Wertlosigkeit derselben —
Krankheits-Produkte —
Krankheits-Ursachen sind stets immateriell . —
Krebs, daran Behandelte sterben früher . . . 6,38
— dessen homöopathische Behandlung .... —
— Brust- und Mutter- —
— Operationen, Widersprüche darüber ... —
von den Tüchtigsten verworfen .... —
— verborgener, nicht zu behandeln 6,38
Krisis im Allgemeinen —
— bei alten Leuten später eintretend .... —
— bei und nach derselben keine Arznei . . . 1,20
Kriterien für akute und chronische Leiden . —
Kritische Tage . . • 2,24
— die Lehre darüber —
Kuh-Pocken in Indien und Deutschland . . —
— — Impfung —
deren Folgen —
Die Kunst ist lang 1>1
Durch Kunst ist kein freiwilliges Heilbestreben
zu erzwingen —
7,52
1,1
8,18
7,52
5,1
1,1
4,71
6,5
6,55
8,18
5,49
5,70
2,26
6,40
5,70
4,30
2,25
6,42
1,20
6,38
6,55
6,38
2,19
1,2
8,18
6,38
5,15
6,38
6,38
1,2
2,40
3,28
4,36
4,61
7,52
6,20
2,21
6,14
Inhalt. 615
Aph. Glos.
Kuriren, symptomatisches — 2,22
— 2,32
. — 4,17
— nach beliebigem Wunsche der Patienten . . — 5,58
— Unterschied zwischen allo- u. homöopathischem — 4,17
Kyphosis in der Jugend meistens heilbar . . — 6,46
Lachen bei Nacht, und Weinen am Tage . . — 4,52
— die gesundeste Leibesbewegung — 4,52
Lähmung, halbseitige, nach Schlagfluss ... — ■ 6,51
— von Hülsenfrüchten und Erbsenstroh ... — 6,51
Länge der Jahre und Tage, jetzt und früher . — 5,9
Leugnen, was man nicht begreift, ist unrecht — 7,17
Laien als Aerzte — 6,37
Lampe in Goslar — 8,18
Das Leben ist kurz 1,1 —
— ein Produkt der Materie — 8,18
— aus chemischen Prinzipien zu erklären . . — 7,51
Lebender Organismus ist kein lebloser Automat — 7,70
— ist das feinste Reagens — V.
Lebendiges durch Todtes zu erklären ... — 7,51
— ist dem Einflüsse der Geisterwelt ausgesetzt . — 6,21
Die lebendige Natur gegenüber der todten . — V.
— — kann sich nur selbst fortpflanzen ... — 4,49
Des Lebens Vorgänge chemisch zu erklären . — 4,49
Der Lebenshauch (7tvsv[ia~) — 2,22
Die Lebenskraft, nicht die Arznei, heilt . . — 4,69
— in chemischen Prozessen vermuthet .... — 8,18
— des Erasistratus — 8,18
— der Leibnitzianer . — V.
— Herrschaft derselben — V.
— ist die gewaltigste Kraft in der Natur ... — V.
— 4,49
— ist immateriell, wie die Arzneikraft .... — 7,70
— vom Materialismus geleugnet — 4,49
— folgt nicht den Gesetzen der Mechanik . . — 7,70
— ist immateriell — 4,49
— an sich unerkennbar — 4,49
Lebens-Perioden der Alten — 1,13
Lebensthätigkeit als Eeaktion — 2,40
Lebens- Verlängerung — 1,13
Lebensweise, Einfluss derselben ..... 3,3 —
— allznstrenge , nicht rathsam — 2,50
Leb er -Eiterung unheilbar — 7,45
— -Härte, bei Gelbsucht böse 6,42 —
Schmerzen durch Fieber gehoben .... 7,52 —
616 Inhalt.
Aph. Glos.
Leb er -Verletzung tödtlich 6,18 —
— aus der, Wasserausfluss in den Bauch . . 7,55 —
Im Leberthrane wirkt nicht das Jod ... — 6,42
Die Lehrbücher der Pathologie und Therapie — 6,31
--•— 8,18
Lehrstühle über Homöopathie — 1,1
Leibesbeschaffenheit, gesunde 1,3 —
Leibschmerzen in Fiebern böse . . . . . 4,66 —
Leidende Theile, darauf wirft sich die Krankheit 4,33 —
Die Leistungen der Aerzte 1,1 —
Leitfaden, ein besserer, als der der Ariadne . — 1,1
Leser verschiedener Art — V
Leukophlegmatie hat Wassersucht zur Folge 7,74 —
Licht, Wirkung desselb. auf Todtes u. Lebendiges — 7,51
Lieblings-Mittel der Aerzte — 2,19
— 4,46
Liegen, zu langes, im Bette ist abzurathen . — 2,50
Lingua verschieden von Loquela — 7,58
Linkische, aber keine linkische Frauen ... — 7,43
Links che Frauen giebt es nicht 7,43 —
Durch Löwen entdeckte Kräfte der China . . — 2,25
Logiker u. Philosophen sind gefährliche Aerzte — 1,15
Lohn der Aerzte in China — 2,14
Die Lohnbedienten in Paris — 2,19
Lokal -Uebel nur scheinbar — 2,15
Lügen, Folgen derselben — 7,21
— die gefährlichsten, bei den Aerzten .... — 6,34
Luft, feuchte, kalte, erzeugt chronische Krankheiten 3,7 —
— in den Maremmen und pontinischen Sümpfen — 3,7
— trockne, heisse, erzeugt akute Krankheiten .3,7 —
— trockne reich an Sauerstoffgas — 3,7
Lungen -Blutungen von Erbrechen der Schwind-
süchtigen — 4,8
— -Eiterung — - 5,15
— -Entzündung nach Brustfellentzündung böse . 7,11 —
Mittel dagegen — 7,11
— -Geschwüre nach Seitenstich 5,15 —
— — Brennen oder Schneiden — 7,44
Schwindsucht in jüngeren Jahren .... 5,9 —
8,7 —
— -Sucht, natürliche Anlage dazu 8,8 —
— — von schlecht geheilter Krätze .... — 7,38
Maass für die Arzneigaben — 2,13
— — von der Erfahrung angegeben .... — 2,51
Machtsprüche, lächerliche — 3,3
Inhalt. 617
Aph. Glos.
Mädchen liegen links, Knaben rechts . . . 5,48 —
Magen-Brennen homöopathisch zu heilen . . — 4,65
— -Entzündung, akute — 4,65
— -Erweichung, ein Leichenphänomen . -. . — 7,67
Mittel zu wählen — 2,17
— — wirken homöopathisch — 2,22
— - Mund - Verengerung — 4,65
— - Ruhr , dabei sind Brechmittel schädlich . — 4,12
— — von Milzleiden 6,43 —
— — nach Ruhr 7,76 —
Verderb mit Fettem — 4,17
— - -Verletzung tödtlich 6,18 —
Magere Personen nach Oben auszuleeren 4,6 —
Magerkeit des Unterleibs ein böses Zeichen . 2,35 —
Magnet, Erscheinungen daran — 6,32
— 7,51
Mahlzeiten, Eintheilung derselben .... 1,17 —
— der Griechen — 1,17
Malz-Extrakt — 3,30
Malerei und Medizin — 3,30
Mangelndes zu ersetzen — 2,22
Mannbarkeit, Krankheiten nahe davor . . . 3,27 —
Mannesalter, Krankheiten desselben .... 3,30 —
Mannichfaltigkeit der Arzneikräfte ... — 6,5
— der Krankheits-Erscheinungen — 6,5
Die Materia medica steckt voller Irrthum . . . — 7,21
— 4,16
Materialismus, dessen Wesen — 4,49
Materialistische Ansichten über Metastasen . — 6,56
— — über den lebenden Menschen .... — 4,49
— Schule, Anfang derselben — V.
deren Irrthümer — 4,49
Materielles ist nur Produkt der Krankheit . — 8,18
— 1,20
Mattigkeit als Krankheitszeichen 2,5 —
Mauke der Pferde, Blattern und Kuhpocken . — 6,20
Medizinal-Polizei — 3,30
Medizinische Akademie — 2,11
— Volks-Literatur — 3,30
Meerluft bald für gut, bald für schlecht erklärt — 6,25
Meinungen für Jeden, aber nur eine Wahrheit
für Alle — 5,31
Melaena, der, homöopatische Heilung ... — 4,23
Melancholie durch Afterblutungen geheilt . . 6,11 — ■
— Anzeigen davon 6,23 —
618 Inhalt.
Aph. Glos.
Mentum prominulum, als Kennzeich, cl. Menschen — 1,1
Das Messer heilt, was Arzneien nicht heilen .8,6 —
— Was das nicht heilt, heilt das Feuer ... 8,6 —
— Unfug damit getrieben — 8,6
Metastasen vor dem Fieber — 4,51
— mit Fieber sind chronischer Natur .... — 4,51
— der Gemüthskrankheiten — 7,5
— vom Halse auf die Lunge ...... 5,10 —
— sind keine Heilungen — 7,5
— sind chronischer Natur — 4,74
-— bei Schwangeren — 5,53
— der schwarzgallichten Krankheiten . . . . 6,56
— verlängern die Krankheiten 4,51 —
— zu vermeiden — 5,10
Methode, expektative — 2,52
— negative — 2,52
Miasmen, Verbreitung derselben — 5,1
Milch in den Brüsten bei fehlender Kegel . . 5,39 —
— arzneilich zu machen — 5,64
- 4,1
— Nachtheile und Vortheile derselben .... 5,64 —
— ein gesundes Nahrungsmittel — 5,64
— gegen Schwindsucht — 5,64
— für die Quelle der Skrofeln gehalten . . . — 5,64
— schützt gegen Blattern — 5,64
— der Thiere — 5,64
— gegen Trunksucht — 5,64
— - - 7,7
— durch Umstände schädlich geworden ... — 5,64
._ Wein für Kinder, Wein Milch für Alte . . — 7,56
Diät gegen Trunksucht — 7,7
— .Fluss der Schwangeren 5,52 —
Milzleiden sind zu befürchten 8,8 —
— von Durchfall gebessert 6,48 —
— davon Wassersucht oder Magenruhr . . . 6,43 —
Milz su cht (Spleen) deren Ursprung nach Swift — 6,43
Mineralwässer, deren unsichere Heilkraft . . — 6,47
— von Töplitz — 5,25
Missbrauch der Digitalis purpurea .... — 7,29
Mittagsmahl-Zeiten der Griechen und Körner — 1,17
Mittel, Lieblings- — 6,31
— verzweifelte, heroische — 1,6
— zu viele erschweren die Wahl — 6,42
Anzeigen, Mangel daran — 5,39
Kenntniss durchaus nothwendig .... — 1,1
Inhalt. 619
Aph. Glos.
Mittel -Kenntniss von der grössten Wichtigkeit — 2,52
- 6,54
— -Wahl _ 1,1
der Allopathie — 6,31
der Homöopathie — 6,5
— 6,31
— — leichter, als das Krankheitsbild .... — 6,42
— — Mühseligkeit derselben — 6,5
— — die richtige, bleibt stets die Hauptsache . — 2,35
— — durch Uebung erleichtert — 6,5
Umständlichkeit derselben — 6,5
Mohnsaft schmerzstillend — 2,6
— bei Trunkenheit — 5,5
— Widersprüche darüber ........ — 5,5
Mond, Stand und Einfluss desselben .... — 1,2
Morbus maculosus Werlhofii — 6,20
— niger Hippocratis — 4,23
Moxa, die grosse und die kleine — 8,6
Mundklemmen nach Verletzungen .... — 5,2
Mutterkrebs — 5,54
— — unsichere Heilung -— 5,15
Muttermund, Härte desselben 5,54 —
— Verschlossenheit desselben . 5,54 —
— — bei Schwangeren 5,51 —
Mystifikation der Laien — 7,24
Die Nachgeburt abzutreiben 5,49 —
Nachgiebigkeit mancher Aerzte — 1,5
Nachkrankheiten von Arzneien — 2,12
— gehören zur ursprünglichen Krankheit ... — 7,76
— mit Kückfällen verwechselt — 2,12
Nachschlagen für d. Homöopathen unentbehrlich — 6,5
Die Nacht vor der Krise ist beschwerlich . . 2,13 —
Nachtheil einzelner Speisen oder Getränke . . — 2,17
— 2,38
Der Nachwelt steht das Urtheil zu ... . — V.
— bleibt noch Viel zu thun übrig — 7,66
Nachwirkung der Arzneien — 1,20
— 2,13
— ■ — dauerhafter, als die Erst- Wirkung ... — 2,27
Nahrhaftigkeit der verschiedenen Speisen . . — 1,4
Nahrung stärkt nur den Gesunden .... 7,65 —
— unbedingt gesunde giebt es nicht .... — 7,65
— im Winter und Frühjahre reichlicher . . . 1,15 —
— Folgen von allzu reichlicher 4,45 —
7,64 —
620 Inhalt.
Aph. Glos.
Nahrung, allzu reichliche, erzeugt Krankheiten 2,17 —
— reichliche schadet unreinen Körpern . . . 2,10 —
— schadet dem Kranken 7,65 —
— keine, vor und bei Verschlimmerung . . . 1,19 —
Nahrungsmittel und Arzneimittel — 1,4
— die einfachsten sind die besten — 2,37
— schlechte, sind schädlich 2,36 —
Namen der Krankheiten — 6,55
— ersetzen nicht die Diagnosen — 7,23
— nicht danach zu kuriren — 6,38
— monströse, pathologische — 2,19
— deren Unfug in der Arznei — ■ 7,23
— verschiedene für heftige Arzneien .... — 7,23
Narcotica bei Magen- und Unterleibs - Leiden . — 2,21
Nasenbluten im Allgemeinen — 1,2
— bei Fiebern böse 8,3 —
— bei verschiedenen Fieber - Epochen .... — 8,3
— ■ befördert die Genesung 4,74 —
- — bei unterdrückter Eegel zuträglich .... 5,33 —
— — heilt nicht — 5,33
— mit verschiedener Blutbeschaffenheit .... — 8,3
Die Natur behauptet die Oberhand 8,8 —
— des Galenus ist unsere Lebenskraft .... — 8,18
— heilt die Krankheiten — V.
— ist stets nur durch die Natur selbst zu erklären — 7,30
— wirkt stets langsam und gelinde — 2,51
— zeigt uns nur Wirkungen, nie Ursachen . . — 1,23
Naturerscheinungen stehen in Harmonie . . — 5,64
Naturforscher verhöhnen die Aerzte .... — ■ 2,35
Das physische Natur gern aide als Grenze der
Intelligenz — 7,54
Ein Naturgesetz ist die Basis der Homöopathie — 5,58
Auf Naturhülfe wartet die Homöopathie nicht -— 4,28
Alles Naturwidrige schadet. 2,4 —
Naturwissenschaft im Allgemeinen. ... — 1,1
— führt zu Gott — 7,54
Nebenbeschwerden der Fieber — 4,31
— sehr erwünscht für den Homöopathen ... — 2,5
— schützen vor Generalisiren — 5,58
— eine Hauptstütze der Mittelwahl — ■ 3,5
— 5,58
— Nutzen der symptomatischen — 4,70
— sorgfältig zu berücksichtigen — 7,66
Nebengebrauch arzneilicher Dinge .... — 2,38
Nebenmittel, arzneiliche, gefährlich .... — 1,5
Inhalt, 621
Aph. Glos.
Die Neo-Vitalisten — 8,18
Nerv, der lebende und der todte — 7,51
— der blossgelegte der Organe gleicht sich überall — 7,54
— feinere und gröbere — 7,54
Nervenfieber im Allgemeinen — 4,30
— für angebende Homöopatben — 8,1
— Heilung derselben — 4,53
— — durch Hahnemann 1813 und 1814 . . — 8,1
— mit der Pest nahe verwandt — 4,53
— mit phrenitischen Zufällen — 8,1
Die Nervenpathologie ist der Anatomie un-
zugänglich — 6,5
Nervus vagus , dessen Funktionen — 6,32
Netz, Eiterung des ausgetretenen 6,58 —
— und Netzdarmbruch . . . , .... — 6,58
Neuerungen werden nur langsam eingeführt . — 1,1
Neugeborene, Krankheiten derselben . . . 3,24 —
Neuralgien zu heilen — 4,30
Nichts Neues unter der Sonne — 7,17
Nicht sehen und Nichtprüfen wollen . . . . — 7,17
Nichtsthun der Aerzte — 1,1
— besser, als Verkehrtthun , — 4,59
Niederkunft, schwere, der Abgemagerten . . 5,55 — .
— der Fiebernden 5,55 —
Nieren, Verschwärung derselben 4,75 — ■
— und Kücken-Schmerzen oft verwecbselt . — 6,11
Nierenleiden durch Afterblutungen geheilt . 6,11 —
— bei alten Leuten schwer zu heilen .... 6,6 —
— mit Eitergeschwulst 7,36 —
— Gefährlichkeit derselben — 7,30
— aus dem Harn zu erkennen 7,34 —
7,35 —
Niessen, Erklärung des Vorgangs beim . . . 7,51 — -
— von verschiedenem Erfolge — 6,13
— für Gebärende hülfreich 5,35 —
— Ursprung des Grusses beim Niessen ... — 6,1."!
— bei hysterischen Kranken hülfreich .... 5,35 —
— bei der Pest ein böses Zeichen — 6,13
— Pulver zum — 5,35
— heilt Schluchzen 6,13 —
— - der Wunsch dabei ist sehr alt — 5,35
Niessw urz für Gesunde gefährlich 4,16 ■ —
— Gegenmittel für dieselbe — 5,1
— Kuren der Alten damit — 5,1
Auf den Nutzen Alles zu beziehen .... — 6,52
622 Inhalt.
Aph. Glos.
Nordwind, Krankheiten dabei 3,5 —
Obst gegen Aerger und deren Folgen ... — 2,38
Obstructionen und Purgirmittel — 2,9
Die Ochsen des Pythagoras — 1,1
Oeff entliche Lehren berechtigen zu öff entlicher
Vertheidigung — 7,21
0 ertliche Uebel durch Hitze od. Kälte angezeigt — 4,39
Ohnmacht bei der Eegel böse 5,56 —
— in Anfällen ein böses Zeichen 2,41
Onanie, deren nachtheilige Folgen .... — 6,6
Bei Onanisten häufig Schaamschweiss ... — 6,2
Operation des Krebses — 8,6
— beweist die Unvollkommenheit der Kunst . — 8,6
— jederzeit zu verwerfen — 8,6
Opium für Betrunkene — 5,5
— giebt das Bild der Trunkenheit — 5,5
— bei mangelnder Reaktion — 4,46
Organe, Wichtigkeit derselben für das Leben . — 8,16
— deren Bestimmung bei den Alten .... — 4,4
Organischer Lebensprozess — 2,13
Organon, Ursprung und Bedeutung des Wortes — 1,20
Orthopädische Anstalten — 6,46
Palliative nützen in der Erst- Wirkung ... — 2,27
— gefährlich — 2,6
— 5,53
— wo sie Werth haben — 2,27
— Mittel schädlich — 2,27
Paracelsus von einem Schweine entmannt . . — 6,28
— Schicksale — 8,18
Parallele zwischen Allo- und Homöo-Pathie . — 4,17
Pathologie u. Therapie stehen weit auseinander — 2,52
Periodische Verschlimmerung und Besserung . — 4,30
Perkussion, Nutzen derselben — 7,8
— bereits in d. Schriften des Hippokrates erwähnt — 7,8
Die Pest in Athen — 4,53
— deren charakteristische Zeichen — 7,76
Die Pflege der Angehörigen 1,1 —
Pflichten und Rechte der Wissenschaft ... — 2,35
Pharmacodynamik, die heutige — 7,21
Pharmacon, Bedeutung des Wortes .... — 1,4
Pharmcopoeen, homöopathische — 3,30
Philologie — V.
Der Philosophie in der Medizin nicht zu trauen — 5,64
— die wahre, muss die Sprache der Natur reden — 5,63
Philosophische Systeme — 1,1
Inhalt. 623
Aph. Glos.
Philosophische Systeme, Werth derselben . . — 5,63
Phosphorus, dessen neu entdeckte Wirkung . — 7,21
— nach Kalttrinken, erst besser, dann schlimmer — 4,10
— verwechselt mit Acidum phosph — 7,2 1
Photographie . . — 7,17
Phrenologie, deren älteste Spuren .... — 6,54
Phthiriasis, leider bei den Arzneiprüf ungen
nicht beachtet — 7,14
— . — 2,39
— Heilung derselben — 7,38
Die cpvöcc des Hippokrates — 2,22
Physiologie fehlt noch — 8,18
Physiologische Erklärungsversuche . . . . — 1,15
— Fortschritte der neueren Zeit — 2,19
— Schule — 6,54
— — gleicht dem Atheismus — 6,54
und deren Erfolge — 6,54
— — a. d. pathologisch-anatomischen entstanden — 7,8
Physiognomik, deren älteste Spuren ... — 6,54
Plethorische Körper — - 1,3
Pilz-Sporen — 8,18
Das Pissasphaltum des Plinius — 5,67
Das Pneuma der Dogmatiker — 8,18
Podagra der Alten — 6,55
— Anfälle im Frühjahre und Herbste .... 6,55 —
— bei Frauen erst nach Aufhören der Regel . 6,29 —
— bei Jünglingen erst nach Beischlaf .... 6,30 —
— heilt in vierzig Tagen 6,49 —
— daran leiden keine Verschnittene .... 6,28 —
— eine Folge von Völlerei — 6,28
— — von Brown geleugnet — 6,28
— in unserem Zeitalter selten — 6,49
Post hoc, ergo propter hoc — 5,31
Potenzirungen, Hahnemann's neueste ... — 6,20
Preisfrage über das Gewicht eines Fisches . — 3,3
Priesnitz in Gräfenberg — 8,18
Das Princip der Homöopath, dient z. Fortschritt — 1,1
Princip, ein wissenschaftliches, der Heilkunst
fehlte bisher — 8,! 8
Prognose im Allgemeinen — 1,1
— aus der Arzneiwirkung — 2,19
— aus dem Harne 7,66 —
7,69 —
— aus dem Husten- Auswurfe 7,69 —
— irrige, gegen einen Homöopathen .... — 1,1
624 Inhalt.
Aph. Glos.
Prognose aus dem Stuhlgänge 7,67 —
7,69 —
— unsicher in hitzigen Krankheiten . . . . 2,19 —
Prognostik oft trügerisch — 8,10
— und Indikation — 4,36
Prognostische Zeichen zu beachten . . . . 8,10 • —
Promotions- Schauspiele — 6,37
Prophylaxis gegen Schlagfluss — 6,51
— dabei gilt nur das Similia Similibus ... — 5,1
— eine universelle, kann es nicht geben ... — 5,1
Prozess, verborgener, des Baco — 2,1!»
Prüfung der Arzneien von Galenus .... — 1,1
— analytische und synthetische — 2,19
— an Gesunden für nutzlos erklärt .... — 1,1
— — für nothwendig erklärt — 6,54
— den Doktoren nicht zu erlassen — 6,37
— — für das Ausland ungültig : — 6,37
Psora, Zeichen der erwachten — 5,5;')
— der latenten — 5,55
Theorie, Angriffe darauf — 2,39
Psychische Einwirkung der Homöopathie . . — 6, '21
Den Puls hat Hippokrates nicht beachtet . . — 4,59
Pulvis sternutatorius — 5,35
Ein Pul sati IIa- Krankheitsbild — 4,17
Pulver, weisse, der Homöopathen — 4,35
Purgiren im Allgemeinen — 1,2
Pusteln, flache, jucken wenig 6,9 —
Das Pythagoreische Zahlen-System . . . . — 4,3(1
Die vier Qualitäten — 2,22
Quecksilber- Missbrauch bei der Bräune . . — 1,1
— 2,12
Rade m a c h e r auf Hahnem ann gepfropft ist nicht
Homöopathie — 6,28
— dessen Materia medica — 6>54
Räthsel, ein physiologisches — 5,40
— 8,18
Eäu ehern mit Gewürzen befördert die Eegel . 5,28 —
Rausch von Bier und Wein verschieden ... — 7,7
Reaktion ist nur im lebenden Körper ... — 4,46
— von Cullen erkannt — 4,69
— schwächere bei fetten Personen — 2,44
— bei mangelnder, Opium u. A — 4,46
— die älteste Spur ihrer Erkenntniss .... — 4,46
Reagens, das allerfeinste . . — V.
Rechte des Entdeckers — 2,25
Inhalt. 625
Aph. Glos.
Rechts sind von Natur alle Frauen .... 7-43
Reelle und rationelle Kenntnisse sind verschieden — 5,63
Regel, ausbleibende, zeigt Schwangerschaft an . 5,61 —
— — zu heilen — . 5;28
Beschwerden bei Krankheiten wichtig ... — 5,57
— bei zu schwacher, die meisten Besehwerden . — 5,56
— Krankheiten von zu starker 5,57 —
— Beschwerden vor, bei und nach derselben . — 5,57
— Zuckungen bei derselben böse 5,56 —
— Zeichen von der fehlerhaften 5,36 —
— von unterdrückter, Fehler der Gebärmutter . 5,57 —
— Veränderungen in Bezug auf dieselbe ... — 5,57
Regeln, allgemeine, gelten nicht — 5,64
— , falsche, nöthigen zu Ausnahmen — 5,21
Regeneration zerstörter Körpertheile .... — 7,28
Reis nicht (?) nahrhaft . " — 1,4
Zu Anfange der Reconvaleszenz ist geringe
Esslust gut 2,32 —
— — ist starke Esslust nicht von Dauer . . 2,32 —
Restauration gehört auch zur Kranken-Diät . — 1,4
Revulsive Mittel sind gefährlich ..... — 5,53
Recepte, ellenlange, des vorigen Jahrhunderts — 2,14
— Flüchtigkeit derselben — 7,18
— komplizirte — 7,18
Ursprung derselben — 7,18
— lesen, ein wahrer Spass — 7,18
— Mangel derselben, als Hinderniss .... — 2,12
Rheumatismus — 1,2
Rhus ToX gegen auslaufendes Wasser ... — 7,29
Riechen an die Arznei — 1,3
— — bei Zahnweh — 5,18
Rindvieh, Aufblähung desselben ..... — 5,49
Risus sardonius — 6,53
Rose von Blosslegung der Knochen .... 7,19 —
— nach der, Fäulniss oder Eiter böse . . . 7,20 —
— Ursache der, nach Schönlein's Ansicht . . — 5,23
Rothlauf, dessen homöopathische Behandlung — 6,25
— zurückgetretener, ist böse 6,25
— — , dessen homöopathische Behandlung . . — 6,25
Eine Ruchlosigkeit aus dem Leben .... — 7,24
Rückenmarks-Verletzung tödtlich — 6,18
Rücken -Verletzung durch Aderlass geheilt . . 6,22 —
Rückfälle von Krankheiten ....... 2,12
— bei chronischen Krankheiten 2,12
— bei der Homöopathie selten — 4,61
40
626 Inhalt.
Aph. Glos.
Der Euf der Gelehrten . * . . — 5,38
Ruhe kein Heilmittel für Folgen von Anstrengung — 2,48
— verschlimmert oft die Schmerzen von Anstreng. — 2,48
Ruhr, Orthographie des Wortes — 7,23
— des Hippokrates, nicht immer die Unsrige . — 6,3
— nach Durchfall 7,75 —
— von schwarzer Galle tödtlich 4,24 —
— nach unvermischten Stuhlgängen . . . . 7,23 —
— und darauf Magenruhr 7,76 —
— dahei Abscheu vor Speisen, ist böse . . . 6,3 —
— ■ dabei Fieber, ist böse 6,3 —
Säfteverlust, Folgen davon — 5,4
— befördert den nervösen Charakter .... — 5,9
— verursacht nervöse Zustände — 4,60
Säufer-Krankheit — 7,7
Salben, Nachtheile derselben — 6,45
Salernitanische Schule über Nahrung ... — 1,15
Salpeter-Säure, Antidot des Quecksilbers . . — 2,51
Ein Samenkorn darzustellen — 4,49
Scandala Medicorum — 2,45
Scepticismus, erlaubter — 8,18
Schaafschuhe gegen Klauenseuche .... — 6,4
Schaamschweiss deutet a. schwache Gesundheit — 6,2
— der Onanisten — 6,2
Schablonen, theoretische — 4,9
Schauder durch Wein gehoben 7,56 —
Schema für ein Kranken-Examen — 6,5
Scheue vor Wind und Wetter abzurathen . . — 2,50
Schlaf, Anzeigen davon 2,1 —
2,2 2,3
— im Frühjahre und Winter vermehrt . . . 1,15 —
— Heilsamkeit desselben — 2,3
— kurzer, sehr alt gewordener Leute .... — 2,3
— Uebermaass desselben 2,3 —
7,71 —
— , wahrer, nicht zu stören — 2,3
Schlaflosigkeit 2,3 —
— 7,71 -
Schlagfluss, Aderlass dabei — 6,51
— kein Aderlass dabei — 2,42
— 6,51
— eine Heilungsgeschichte desselben .... — 6,51
— im höheren Alter 6,57 —
— heisse Bäder dabei — 6,51
— homöopathische Behandlung desselben ... — 2,42
Inhalt. 627
Apli. Glos.
Scklagfluss, homöopath. Behandlung desselb. — 6,51
— von Blutstockungen . «. — 6,57
— von schwarzer Galle — 6,57
— schwer zu heilen 2,42 —
— äussere Kälte dabei — 6,51
■— prophylaktische Behandlung — 6,51
— von Saburra — 6,57
— tödtlich 6,51 —
— von Venosität — 6,57
Das Schlangengift — 7,2
Schlingen, Einfluss desselben auf Halsweh . — 7,49
Schluchzen, verschiedene Arten davon ... — 6,13
— nach Abführungen 5,4 —
— von Abführungen 6,39 —
— von Ausleerungen 6,39 —
— nach Erbrechen böse 7,3 —
— vor, bei und nach Erbrechen — - 7,3
— bei Leberentzündung 5,58 —
böse 7,17 —
— durch Messen gehoben 6,13 - —
— von Ueberfüllung 6,39 —
— nach Verblutung ist böse ....... 5,3 —
Schlundbeschwerden 2.15 —
Gegen Schmeerbauch Algebra nachts, am Tage
Holzfällen — 7,59
Schmerz, ein ganz zu vermeidendes Wort . — 7,22
— dagegen giebt es kein wahres Contrarium . — 2,22
Schmerzlosigkeit und Geisteskrankheit . . 2,6 —
— der Hautübel — 2,6
— bei Nervenfieber — 2,6
Schmerzstillende Mittel — 2,6
— 1,20
Schmetterlinge, ihre Verwandlungen wunderbar — 5 , 40
Schnee für die Brust schädlich 5,24 —
— bei Erfrorenen — 5,19
Schnupfen bei Greisen 2,40 —
Schönlein und Hahnemann — 6,54
Schöpfung ohne Schöpfer V.
^loXaaxiKog, doppelte Bedeutung des Wortes — 7,61
Scholastisches Schematisiren — 4,30
Schröpfen im Allgemeinen — 1,2
— gegen monatliche Regel 5,50 —
Schurkerei kömmt unfehlbar an den Tag . . V.
Schwäche bei schwacher Esslust 2,8 —
— bei starker Esslust 2,8 —
40*
628 Inhalt.
Aph. Glos.
Schwämme, giftige, unschädlich zu machen . — 2,38
Schwangere abzuführen ist bedenklich . . . 5,29 —
— hitzige Krankheiten für diese tödtlich . . . 5,30 —
nicht tödtlich — 5,30
Schwangerschafts-Probe durch Honigwasser 5,41 —
— Zeichen derselben unsicher — 5,61
Schwefel, das Göttliche (frsiojv) der Griechen . — 4,32
Schweigen in der "Wissenschaft, ein verlarvter
Diebstahl — 7,48
Schweiss im Allgemeinen — 1,2
— als Anzeige zum Abführen 7,61 —
— bei anhaltenden Fiebern ist böse . . . . 4,56 —
— mit Frost abwechselnd — 7,4
— nach dem Froste ist böse 7,4 —
— heftiger, bei Fiebern - . . 3,6 —
— beim Fieber giebt selten eine Prognose . . — 4,56
— der Geschlechtstheile . . — 6,2
— kalter, ist ein böses Zeichen 4,37 —
— — des Nackens — 4,37
der Stirn — 8,4
— — ist oft Todesschweiss ........ — 4,37
— der Onanisten — 4,38
— zu Anfange des Schlafs . . — 7,16
— während des Schlafs — 7,16
— im Schlafe, Anzeigen davon 4,41 —
— zeigt den Sitz der Krankheit an 4,38 —
— zeigt Ueberfluss von Feuchtigkeit an ... 7,61 —
— unausgesetzter, zeigt Krankheit an ... . 4,42 —
— Verschiedenheiten desselben — 7,16
— bloss im Wachen — 7,16
Schweiss e, wiederholte, heftige, sind böse . . 8,4 —
Schweissfieber ist nur ein Name — ■ 4,42
Schwindsucht, deren Anfang und Verlauf . — 7,16
— und Asthma bestehen nicht zusammen . . — 5,70
— im letzten Stadium — 5,12
Tuberkeln durch andere Krankheit verbind. — 5,70
Seekrankheit, eine Folge der Bewegung . . 4,14 —
Seele, Lebenskraft und Materie — 1,20
Die Seele, statt Salz, gegen Fäulniss .... — 8,18
— der alten Dogmatiker — 8,18
— Unsterblichkeit derselben — 8,18
— Zustand derselben nach dem Tode . . . . — 8,18
Sehen durch das Licht aus unsern Augen geworfen — 7,51
Seitenstich im Allgemeinen 1,12 —
— mit Durchfall ist böse 6,16 —
Inhalt. 629
Aph. Glos.
Seitenstichfieber ohne Auswurf 5,8 —
— Behandlung desselben — 5,8
— falsches, Mittel dagegen — 7,11
Selbstdispensirung der Homöopathen . . — 3,30
— ist Gewissenssache — 6,5
— von Einigen verschmäht .■ ■ — ■ 7,18
— deren Eecht oder Pflicht ............. — 8,18
Selbsthülfe unerlässlich für die Aerzte ... — 2,52
— der Natur — 6,54
Semiotik — 5,58
— der Alten bezieht sich auf die Prognose . . — 7,17
— deren Studium vernachlässigt — 7,17
— des Hippokrates — 7,18
— der Homöopathen — 7,18
— — bezieht sich auf die Therapie . . . . — 7,17
— und Semiologie — 2,35
Semmel- Kur — 1,16
Die Sensibilität der Nerven — 8,18
Die Sepia schon von den Alten als giftig gekannt — 6,44
Sideratio des Plinius — 7,50
Signaturen der Rezepte .......... — ■ 1,20
Similia Similibus — 1,20
— 2,22
— 2,48
— — Belege dafür — 7,46
— 7,48
— dessen pathogenetisches Element .... — 2,48
— 7,67
— führt zur Entdeckung neuer Heilmittel . . — 2,48
— als Naturgesetz — 2,48
— 6,17
Simplex veri sigillum — 7,65
— — von Boerhave selbst nicht befolgt ... — 2,14
Sinnesorgane Hegen ausser d. Bereich d. Anat. — 6,5
Der Sitz der Krankheit — 6,5
Sitzende Lebensweise, deren Nachtheil ... — 6,6
Skarrifikation gefährlich bei Wassersucht . — 6,8
Skrofeln nach Kuhpocken — 2,21
Soloecophanes — 7,58
Sommer, Krankheiten dieser Jahreszeit . . . 3,13 —
— im, nach Oben auszuleeren 4,4 —
4,6 -
— im, Verdauungsbeschwerden 1,18 —
Die Sonne lässt sich nicht mahlen — 7,51
Sonnenbrands, Heilung des Aeusseren ... — 7,50
630
Inhalt.
Aph.
Sonnenstich, Heilung desselben ..... — 7,50
Das Sostrum der Aerzte — 2,35
Spargel, ein Experiment damit. ..... — 7,54
Spazieren im Freien ......... — 2,50
Der Spazierstock des Vaters — 3,4
Speichelfluss 1,2
Speise-Darreichen, verschiedenes . . . . . 1,17 —
Speisebedürfniss nach dem Alter . . . ■•' . 1,14 —
Spekulation zu vermeiden ....... — 5,38
— ideale und Täuschung 2,13
Das Spezialisiren nicht zu beschränken . . — 6,5
— der Schmerzen nothwendig — 6,5
Specifisch und homöopathisch nicht zu verwechs. - — 2,22
Spezifische Mittel wirken als Similia . . . — 2,2 2
— verboten ............ — 8,18
Sprachverlust von Gehirnerschütterung . . 7,58 —
Sprechen, Einfluss desselben auf Halsweh . . — 7,49
Staar, schwarzer, Mittel dagegen — 6,31
Stadien der akuten Krankheiten — 2,24
— deren Aufeinanderfolge . . . . . . . . — 7,76
— verschiedene, verlangen verschiedene Mittel . — 7,76
Stärkende Arzneien gefährlich ...... — 2,5
Der stärkere Schmerz verdunkelt d. schwächeren 2,46 —
Stammeln von Stottern verschieden .... — 6,32
Standpunkt, der höchste, für die Heilkunst,
ist die Erfahrung . — 8,18
Starrfrost nach Wein ist böse 7,7 —
— Kettung dabei — 4,46
Starrkrampf in vier Tagen tödtlich .... 5,6 —
— heilbar — 5,6
Die Stelle der Schmerzen zu beachten ... 6,5 —
Stiche in das Herz, als Probe des Todes . . — 8,18
Störung, voreilige, der Arzneien ist schädlich 5,52 —
Stoffwechsel-Pathologie . — 7,8
Stopfende Mittel der Allopathie — 7,67
Strychnin v. d. Nux vomica u. d. Ignatia amara — 6,54
Stubensitzen nachth'eilig • • • ~ 2,50
Stuhlausleerung im Allgemeinen .... — 1,21
— bösartige 4,47 —
— chronische, unvermischte, böse 7,6 —
— harte, zögernde, bei kräftigen Leuten ... — 6,2
— rohe, von schwarzer Galle 7,68 —
— spärliche 4,83 —
— weiche, jungen Leuten zuträglich .... 2,53 —
Stuhlzwang bewirkt Fehlgeburt 7,27 —
Inhalt. 63!
Aph. Glos.
Alle zwei Stunden — 2,7
S üb lata causa, tollitur effectus — 2,22
Südliches Klima für Schwindsüchtige .... — 3,7
Südwind, Krankheiten dadurch veranlasst 3,5 —
Surrogate — 6,5
Sulphur bei mangelnder Reaktion — 4,46
Sycosis — 3,21
— des Celsus ist nicht die Uasrige — 3,21
Sykotische Krankheiten — 4,75
Symptome, abgerissene, nützen nichts ... — 7,66
— Unterschied zwischen d. Heilung Eines od. Aller — 6,12
— scharfe Begrenzung derselben — 7,3
— in ihrer Gesammtheit geben das wahre Bild — 2,25
— decken ist oft von "Wichtigkeit — 4,70
= — Unsicherheit eines Einzigen — 4,71
— erhöhete, in der Höhe der Krankheit ... 2,30 —
— in sogenannten Fragmenten — 7,3
— genau zu fassen — 7,3
— geringfügig scheinende, oft wichtig .... — 8,4
— bilden die Grundlage der Therapie . . . . — 7,66
— müssen sämmtlich genau passen — 5,64
— seltene, sind von besonderem Werthe ... — 4,54
— sind sicherer, als die Anamnese — 5,24
— unbestimmte, sind zu vermeiden — 7,3
— wechselnde, verlangen Wechsel der Arznei . — 7,76
— — sind aber deshalb keine neue Krankheit — 7,76
— dieselben sind oft von verschiedenem Werthe — 6,52
Symptomatisches Kuriren ■ . — 2,32
— 2,22
— 4,17
— 4,79
— 5,58
— 7,59
. - 8,3
— — der Hippokratiker und der Homöopathen — 7,18
Syphilis, irrige Vermuthung darüber .... — 3,21
Systeme haben stets gewechselt — 5,63
Tagebücher der Aerzte unerlässlich .... — 1,1
Tages -Anfang und -Ende bei den Alten . . — 3,5
Die Tageszeiten wohl zu beachten . . — 3,5
— Eintheilung derselben — 2,3
— von Hippokrates nicht beachtet — 4,36
— als Parallele der Jahreszeiten — 3,17
— derselben naturgemässe Eintheilung .... — 2,3
Talglappen (statt Salbe) für Geschwüre . . — 7,44
632
Inhalt.
Aph. Glos.
Tanzen oft nützlich ......... — 1,5
Taubhörigkeit heilt gallichte Durchfälle . . 4,28 —
— vergeht von Durchfall . 4,60 —
— vergeht von Nasenbluten 4,60 —
Temperatur, davon abhängige Krankheiten . 3,1 —
— Abnahme derselben in der Meerestiefe . . — 5,26
— wohl zu beachten .....'.... — 3,5
— Einfluss derselben auf die Medizin .... — 1,15
— Erhöhung derselben in der Tiefe der Erde . — 5,26
— deren Wirkungen 5,18 —
— in früheren Zeiten — 5,17
Terminologie, botanische — 7,6
— medizinische . — 7,6
— die neuere täuscht und hindert ..... — 8,18
Das Thalassomelon der Dioskorides ... — 5,41
Theorie und Erfahrung — 4,9
— — Neuerungssucht — 6,32
— muss der Erfahrung folgen — 6,32
— des Empedokles — 2,22
— des Hippokrates — 2,22
— und Praxis sehr verschieden ... . — 1,6
Theorien, medizinische — 6,54
Therapeutische Bestätigung eines pathologi-
schen Zeichens — 6,33
Therapie bietet den Hauptunterschied zwischen
Allopathie und Homöopathie .... — 1,1
— werthlose — 3,5
— eine spezielle, ist unmöglich — 6,17
— Unsicherheit der Heutigen — 6,54
Thiere, Versuche an denselben — 7,21
— fressen und saufen nur nach Bedürfniss . . — 2,4
Thierheilungen, homöopathische ..... — 1,1
— , nicht die der Menschen, sind erlaubt ... — 5,38
— nicht unter der Würde des Arztes .... — 4,78
Thier-Miasmen verschieden von menschlichen — 5,1
Thlaspi Bursa pastoris gegen Nasenbluten . . — 4,60
Thränen, Zeichen davon bei Fiebern . . . 4,52 —
Tinte, statt Arznei . — 1,1
Tobsucht nach vierzig Jahren unheilbar . . 8,1 —
Tod, Beschreibung desselben 8,18 —
— bei demselben tritt die Chemie ein ... . — 8,18
— plötzlicher, bei alten Leuten 2,44 —
— Unsicherheit der Zeichen — 8,10
— Zeichen des nahe bevorstehenden 8,11 —
8,12 —
Inhalt. 633
Aph. Glos.
Tod, Zeichen des nahe bevorstehenden . . 8,13 —
8,14 —
8,15 —
. . 8,16 —
8,17 —
Todesschweiss lässt keine Hoffnung mehr . — 8,4
Das Todte vom Lebendigen weit geschieden . 7,51
Die todte Natur verfällt den Gesetzen der Chemie — V.
Todtschweigen ...... — 7,67
Trachotomie — 6,37
Trinken, Symptome davon entnommen ... — 8,4
— heisses, thut kein Thier .'.-.. — 2, 1 1
Trommelsucht nach Leibweh 4,11 —
— des Rindviehs — 5,49
Tropfen- und Tinkturen Spender — ■ 2,3
Trunksüchtigen dient Milch-Diät ..... — 5,64
. . . • * — 7,7
Das Tympanoskop des Dr. Erhard .... — 7,8
Tummelplatz der Gelehrten. — 5,38
Uebereilung schädlich. ......... — 7,16
Uebereinstimmung zwischen Natur und Ho-
möopathie — 4,83
Ueberenthaltsamkeit schadet 2,4 —
Ueberflüssiges auszuscheiden — 2,22
Ueberfluss an Mitteln bringt Verlegenheit . . — 6,42
Von Ueberfüllung und Ausleerung gleiche Be-
schwerden 6,39 —
Gegen Ueberfüllung nutzt nicht jedes Brech-
mittel . — 6,39
Ueberfüllung ist gefährlich 1,3 —
— Krankheiten davon .•■•-• — 2,17
Uebergänge allmählich zu bewirken .... 2,51 —
— einer Krankheit in eine Andere — 7,12
— 7,76
Uebergang vom Leben zum Tode — 4,49
Ueb erheb ung junger, unerfahrener Aerzte . . — 7,17
Uebermaass ist oft zu beklagen ■ — 2,51
— in allen Dingen nachtheilig — 2,4
— ieder Art schadet 2,51 —
-- 2,4 -
— selbst des Guten schadet — 5,17
Uebersättigung schadet 2,4 —
Die Ueb er setzung und der Uebersetzer ... — V.
Uebung macht den Meister — 6,5
Die Uhr zerlegen, um zu sehen, ob sie gehen wird — 6,54
634 Inhalt.
Aph. Glos.
Umfang des homöopathischen Heilvermögens . — 2,45
Umschläge, heisse, befördern die Eiterung . . — 5,22
— arzneiliche oft bedenklich . — 5,22
Umstände, äussere, Einfluss derselben ... 1,1 —
— — sind von der grössten Wichtigkeit . . . — 3,5
Umständlichkeit der homöopathischen Be-
handlung — 6,5
Unähnliches kann nie heilen — 6,17
— heilt niemals dauerhaft — 5,70
Unerklärliches ist darum nicht zu leugnen . — 5,56
Unglaubliches nicht mit Unmöglichem zu ver-
wechseln — 6,32
Si nngis pungit, si pungis ungit — 7,24
Universelle Medizin ist Unsinn . . , . . — 5,1
— Schutzmittel sind ebenfalls Unsinn .... — 5,1
Unreine Körper nicht reichlich zu nähren . .2,10 —
Die Unsicherheit steigt mit der Zahl der Mittel — 6,42
Unsinnliches ist darum nicht unsinnig ... — 5,56
Unterdrücktes erscheint wieder — 5,70
Unterglieder-Lähmung von Hülsenfrüchten . — 6,51
Unterleibs -Schmerzen verursachen Eiterung . 7,22 —
— — von Schleim in demselben ..... 7,54 —
Unterscheiden, scharfes, ist viel Wissen . . — 6,38
Unterschied zwischen akuten und chronischen
Krankheiten — 2,39
— 2,28
— zwischen Arznei und Nahrungsmitteln , — 2,37
— zwischen natürlichen Dingen — 6,5
— zwischen Calcarea und Causticum .... — 1,4
— 4,16
— zwischen Essen und Trinken — 1,16
— zwischen der lebenden und todten Natur . . — 1,14
Unveränderlichkeit der Krankheit ist böse . 2,28 — ■
Unwahrscheinliches ist darum noch nicht
unwahr — 6,32
Unwissenheit führt auf Irrwege — 2,25
Die Ursache der Krankheit währt kürzer, als diese — 5,24
— der Entstehung der Krankheit ist nicht die
Nächste — 5,24
— damit ist die Krankheit keineswegs gehoben — 4,17
Das Urtheil der Nachwelt -- 7,17
— der Natur geht nicht unter — 4,49
Veränderungen, plötzliche, sind gefährlich. . 2,51 —
— in den Symptomen — 2,52
— — können keine Heilung sein — 6,21
Aph.
635
Glos.
Veratrum album, Eigentümlichkeit desselben . - - 4,16
— davon Verschlimmerung nach Kalttrinken . . — 4,16
— ein unschätzbares Poly ehrest — 4,16
Verbindung zwischen Arznei- und chronischer
Krankheit — 2, 1 2
— zwischen Geist und Körper — 6,21
Verblutung, Folgen davon — 5,3
— nach Klopfen im Geschwüre, böse . . . . 7,21 —
— nachher Delirien und Konvulsionen, böse . . 7,9 —
— Mittel dagegen . -. — 7,9
Verbote von Arzneien — 8,18
Verbrennungen behandelt mit Hitze ... — 7,42
Kälte . — 7,12
— und Leben sind sehr verschieden .... — "8,18
— Prozess derselben — 1,14
Verdaulichkeit harter und weieher Speisen . — 1,14
Verdauung durch Verbrennung erklärt . . . — 1,14
— ist keine Verbrennung — 1,14
— und Arzneiwirkung — 7,12
Verdünnungen, hohe und niedere .... — 2,13
— Bezeichnung Derselben — 6,20
Vereiterung der Flüssigkeiten in der Brust . 7,38 —
— bei chronischen Unterleibs-Schmerzen . . . 7,22 —
Verfolgungen der Hom. in Frankreich ... — 4,17
Verfügung, medizinische, eines Kriegs -Mini-
steriums — 1,16
Verhungerte nicht gleich reichlich zu nähren . — 6,39
Verkehrtthun — 1,7
Verleumder und Schmeichler, die bösesten Thiere — 7,21
Verleumdungen der Homöopathie .... — 7,24
Verlangen nach besondern Genüssen .... — 1,17
,.• — 2,38
Verlauf der akuten Krankheiten — 2,24
Verletzungen, tödtliche 6,18 —
— unheilbare 7,28 —
Vermuthungen sämmtlich auszuschliessen . . — 3,5
Vermuthungen täuschen — 6,39
— zu vermeiden — 5,38
Vernunft Schlüsse auf unerwiesene Prämissen — 5,38
Verschiedene Arznei Wirkungen auf Thiere . — 1,1
— Meinungen nur bei unklarer Sache .... — 3,5
Verschlimmerung, homöopathische .... — 2,27
— vor und bei derselben keine Nahrung . . . 1,19 —
— zu bestimmten Tagesstunden — 4,30
— nach den Umständen — 6,5
636 inhalt-
Aph. Glos.
Verschlimmerung, unerwartete, nicht zu fürchten 2,27 —
— deren Ursachen sind immer wichtig . . . . — 3,5
— nach der Zeit — 6,5
Verschnittene werden nicht kahlköpfig . . . 6,28 —
— bekommen kein Podagra 6,28 —
Verstand, damit reicht man allein nicht aus . — 5,56
— Ueberschätzung desselben . — 5,38
Versuche sind gefährlich 1,1 —
— am Gesunden — 1,1
von der Allopathie verurtheilt .... — 1,1
— verdienen allein Glauben — 5,26
— am Kranken — 1,1
von der Allopathie nicht zu vermeiden . — 6,25
— — - mit unbekannten Mitteln — 1,1
— — zu vermeiden — 5,58
— an Thieren ■ — 1,1
— wissenschaftliche — 6,25
Verwachsene, Behandlung derselben .... — 6,46
Verwechselung von Zeit und Umständen . . — 3,4
Verweichlichung, Nachtheil derselben ... — 1,5
Verwesung, das sicherste Zeichen des Todes . — 8,18
Viel Wissen, aber wenig thun — 7,16
Das zu Viel bewirkt stets Unheil — 2,51
Vielwisserei und Wissenschaftlichkeit ... — 6,37
Volks-Arzneibuch, das erste — 3,30
— Schädlichkeit derselben — 3,30
Vollsaftige Personen müssen fasten . . . . 7,59 —
Vollsaftigkeit ist nur ein einzelnes Symptom — 7,59
Vollständigkeit der Symptome — 6,5
Voranzeigen einer drohenden Krankheit . — 1,1
Vorbauungs-Kuren, schwächende — 2,37
Vorhersagung der Homöopathen — 2,19
— ist unsicher 2,19 —
Vortheile der homöopathischen Behandlung. . — 1,3
Vorurtheile vergeblich zur Thüre hinausgeworfen — 6,17
Wafone, die eingepflanzte . . — 2,22
— für* ^Brustkranke schädlich — 5,24
— innere, erhöht 9ie Fieber 1,14 —
- — nach kalten Begiessungen 5,21 —
-r- befördert die Eiterung — .5,22
— von einigen Geschwüren verlangt .... — 5,20
— der Kinder zehrt 1,14 —
— Missbrauch derselben — 5,17
— nachtheilige Folgen davon 5,16 —
— bei Phrenitis — 7,42
Inhalt. 637
Aph. Glop.
Wärme mit Wärme zu behandeln — -5,19
— Wirkungen derselben 5,22 —
Warme Getränke nachtheilig — 2,11
Wahnsinn durch Afterblutung gehoben ... 6,21 —
— Durchfall dabei ist gut 7,5 —
— durch Krampfadern gehoben 6,21 —
— Starrsucht dabei ist gut 7,5 —
Das Wahre ist nicht immer das Wahrscheinliche -— 7,17
— — nicht eher geglaubt, als bis es zu spät ist — 8,3
Wahrheit kann nicht vertilgt werden. ... — 6,33
Wahrheiten müssen oft wiederholt werden . . — 8,3
— sagen und Wahrsagen — 2,37
— schwer verdaulich — 8,3
— schwer zugänglich — 3,28
Das Was lehrt die Erfahrung, das Warum die
Vernunft — 6,31
Warnung vor Arzneien — 2,50
— • vor der Homöopathie — 4,17
Wasser im Sommer abzukühlen — 1,10
— reines, hat keine Arzneikraft — 5,25
— aushöhlend den härtesten Stein . . . . . — 2,52
— oder Gift bei den Homöopathen ..... — 2,27
— kaltes und heisses — 7,42
— — gegen Augenleiden — 7,46
— — Begiessen damit 5,25 —
für die Thätigkeit der Haut . . . . — 5,25
— — gehört der neueren Zeit an — 5,22
dessen Erst- und Nach- Wirkungen . . — 5,21
— das leichteste wird schneller heiss und kalt . 5,26 —
— Mineral-, ist Arznei — 5,25
— — deren Kenntniss unzuverlässig .... — 6,47
— Quell-, schwer zu verdauen — 5,26
kühlt sich schnell ab — 5,26
— Hegen-, erhitzt sich schneller — 5,26
— — leichter zu verdauen — 5,26
— warmes, bei Augenleiden 7,46 —
— — zum Erbrechen — 7,67
— -Entleerung, plötzliche, tödtlich .... 6,27 —
— — wirkt wie Säfteverlust — 6,27
— -Heilanstalt von Priesnitz '. — 2,11
— -Kur — 1,16
— — Gefährlichkeit derselben — 1,16
verursacht schnelles Altern — 1,16
Scheue, allopathische Behandlung ... — 4,35
— — homöopathische Behandlung — 4,35
638 Inhalt.
Aph. Glos.
Wasser-Scheue, Prophylaxis dagegen ... — 4,35
Ursache derselben — 3,1
— — Vorkommen derselben — 3,1
— - sucht von stockenden Afterblutungen , . 6,12 —
— — dabei gestörte Hautfunktion — 6,8
— — homöopathische Heilung derselben ... — 6,27
— — Husten dabei ist böse 6,35 —
— — von Milzleiden . . 6,43 —
— — trockene und feuchte — 4,11
— — nässende, der Unterschenkel — 6,8
— 7,29
dabei Wasserzusammenfluss 6;14 —
Trinken — 1,16
Wechsel von Kälte und Hitze in Krankheiten 4,40 —
7,60 —
— der Mittel, voreiliges, schadet 5,52 —
Wechselfieber, homöopathische Behandlung . — 2,25
— echte und unechte — 4,59
— entscheiden sich in sieben Umläufen . . . 4,59 —
— und Hungerkur — 2,25
— heilt Krämpfe 5,70 —
Heilungen der Alten — 2,25
oft schwierig — 2,25
— Schwierigkeiten bei ihrer Behandlung ... — 2,25
— sind unendlich verschieden — 2,25
— verkappte — 4,59
— viertägige, im Sommer kürzer 2,25 —
im Winter länger 2,25 —
Wechselnde Form der chronischen Krankheiten — 4,32
Wechselwirkungen mancher Arzneien ... — 6,54
Wechselwirkung zwischen Geist und Körper. — 7,5
Der Weg zur Kunst ist lang — 1,1
Wege, nicht auf halbem, stehen zu bleiben . . — 4,74
Dr. Weihe, Erinnerung an denselben .... — 7,16
Wein hebt Aengstlichkeit . 7,5G —
— erhitzende wirken antiphlogistisch .... — 7,48
— gegen Augenschmerzen 7,46 —
— rother, gegen Durchfall — 2,21
verursacht auch Durchfall — 2,21
— und darauf Frost und Irrereden ist böse . . 7,7 —
— hebt Gähnen 7,56 —
— gegen Harnzwang 7,48 —
— mildert den Hunger 2,21 —
— gegen Hypochondrie — 7,56
— gegen Hysterie . — 7,56
Inhalt. 639
Aph. Glos.
Wein ist kein unschuldiges Reizmittel .... — 2,21
— in der Rekonvalescenz — 2,21
— hebt Schauderfrost . . 7,56 —
— bei Straruonium sehr mildernd — 4,52
Weinrausch zu behandeln — 7,7
— — — 7,46
Weinstock und Kohl vertragen sich nicht . . — 5,5
Weinen der Hysterischen — 4,52
— am Tage und Lachen bei Nacht .... — 4,52
— unwillkürliches ist böse 8,2 —
— aus Ursache gut 8,2 —
Weisheit auswendig, innerlich Thorheit ... — 6,9
Wichtiges vom Unerheblichen zu trennen . . — 6,5
Wichtigkeit der Regel-Beschwerden .... — 5,57
Widerlegen oder Würdigen — 8,18
Widersacher der Homöopathie — 4,17
Widersprüche unter den Aerzten — 1,12
— 5,5
— unter berühmten Aerzten — 6,25
— in A. v. Haller's Physiologie — 5,51
Wiederholung derselben Arznei — 7,12
Willkür in der allop. Therapie — 4,35
Wind, dessen Einüuss unerklärlich — 3,5
— Einfluss des Süd- und Nord- Windes . . . 3,17 —
Winter (nebst Frühjahr) für uns gefährlich . . — 3,10
— - dessen Krankheiten 3,23 —
— nasser, dessen Krankheiten 3,12 —
— — für Schwangere, böse 3,12 —
— trockner, dessen Krankheiten 3,11 —
Im Winter Brechmittel schädlich 4,12 —
— nach Unten auszuleeren 4,4 —
— leichtere Verdauung . . . .• 1,18 —
— innere Wärme vermehrt 1,15 —
Die Wirkung grösser als die Ursache . . . — 2,13
Wirkungskreis, erweiterter, durch Potenziren — 7,12
Wissen und Können, pathologisches und thera-
peutisches — 6,54
Wissenschaft und Gesetz — 3,20
— ist das Gemälde der Wahrheit — 4,38
Wissenschaftliche Blendwerke — 5,38
— Versuche — 6,25
— Verzweiflung an Heilungen durch Arznei . . — 1,1
Wissenschaftlichkeit, falsche — 5,38
Witterung, Krankheiten, bei regnerischer . . 3,16 —
— ■ regelmässige bringt regelmässige Krankheiten 3,8 —
640 Inhalt.
Aph. Glos.
Witterung, unregelmässige bringt unregelmäs-
sige Krankheiten 3,8 —
— Einfmss derselben bei Gicht und Eheumat. . 3,8 —
— trockene, für die Gesundheit zuträglicher , . 3,15 —
— — — bewährt sich oft nicht — 3,15
Witzeleien über Homöopathie — 2,50
Wohlbefinden nach Essen, ein gutes Zeichen 2,33 —
— vollkommnes — 1,3
Wohlleibigkeit ist nicht Gesundheit. ... — 2,44
Worte verwirren Dinge, die man nicht weiss . — 7,23
Wuchs, ein hoher, belästigt im Alter .... 2,54 —
— ein schlanker, ziert die Jugend 2,54 —
Wunden, Rüge über die Behandlung derselben — 7,20
Wunderbares der letzten Zeit — 7,17
Zähnen, an den, Schleim, ein böses Zeichen . 4,53 —
— Hohlwerden derselben — 8,4
Zahnende Kinder, Krankheiten derselben . . 3,25 —
Zahnweh-Heilung, als Beispiel — 6,42
Zahnweh von Heissem oder Kaltem schlimmer — 5,18
— Heilung desselben durch Ausziehen . . . . — 5,18
Zeichen, geringfügige, oft sehr wichtig ... — 8,4
— ungewöhnliche, sind besonders wichtig ... — 4,54
— des nahen Todes — 4,49
— 4,50
— 7,73
Die Zeichenlehre — 2,35
Zeit und Umstände geben wichtige Zeichen . . — 4,30
— - Ei nth eilung, naturgemässe — 2,3
Zeugen eines Kampfes sind nicht parteilos — V.
Zeugung von Knaben oder Mädchen .... — 5,48
Zeugungsfähigkeit, mangelnde 5,63 —
Zittern in Fiebern durch Irrereden gehoben . 6,26 —
Zittmann'sches Dekokt — 6,4
Zu- und Abnehmen, langsames und schnelles — 2,7
Zusammengesetzte Arzneien — 6,20
— Warnung dagegen — 7,37
Zunge, schwarze und «blutige, Anzeigen davon. 8,9 —
— Lähmung derselben von schwarzer Galle 7,40 —
Der Zweck der Heilkunst nicht gefördert . — 8,18
Zweierlei Krankheiten zugleich unmöglich . . — 2,26
Zwiebeln, Verlangen nach, ein gutes Zeichen . 7,11
Zweifelsucht der neueren Therapeuten ... — ■ 1,1
— oft schlimmer als Leichtgläubigkeit .... — 7,17
Druck von A. Th. Engelhaiiit In Leipzig;.
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